Mittwoch, 8. Juni 2016
Bölls Imbißbudenblues
Geschrieben 2015


Bücher, die mich nicht verärgern, geraten mir seit vielen Jahren nur noch gelegentlich, und welche, die mich zum Lachen bringen können, so gut wie nie mehr in die allmählich abgearbeiteten, auch vom vielen Umblättern schon fast gichtigen Finger. Die rühmliche Ausnahme stellte jüngst ein früher, 1953 erschienener Böll-Roman dar, den ich, eben wegen der beschriebenen Ebbe, mal wieder aus meinem Bücherschrank zog. Das einzig nennenswerte Mißglückte an ihm ist der Titel, der der Kurzangebundenheit und dem Sarkasmus des Romanes ins Gesicht schlägt: Und sagte kein einziges Wort.

Der oft als „Eheroman“ bezeichnete Text wird im steten Wechsel aus dem Blickwinkel der NachkriegskölnerInnen Käte und Fred erzählt, die verheiratet sind und Kinder haben, gleichwohl weitgehend getrennt leben. Zuweilen treffen sie sich und vögeln sich, in Parks oder in Stunden-hotels. Fred hat ein kleines Monatsgehalt als Telefonist bei einer kirchlichen Behörde. Er reicht es überwiegend an die äußerst beengt wohnende Käte weiter; anonsten vertrinkt er es, spielt an Automaten, besucht Friedhöfe, steht zu seiner Melancholie. Aber er steht eben auch zu Käte. Zwischen den beiden herrscht mehr als Liebe; es ist Solidarität. Darüber beirren auch Streit und Kummer zwischen ihnen nicht. Es ist die Solidarität des armen, des ohnmächtigen, des verzweifelten und verlorenen, ja des überflüssigen Menschen. Der Autor selber aber bringt, außer dem furchtbar feierlichen Titel, kein überflüssiges Wort. Die vom Klappentexter ausnahmsweise zurecht vorhergesagte „Erschütterung“ des Lesers wird erträglich und unterstrichen durch den Galgenhumor der beiden Ich-ErzählerInnen. Das Schicksal der beiden und weiterer Randfiguren, die sich tapfer durch die großstädtischen Trümmerberge und die Wänste der scheinheiligen Kleriker schlagen, ruft Mitleid, aber keine Rührseligkeit hervor. Auch die Kinder werden ernst genommen. Und man fragt sich, womit sie nur dieses trübe Schicksal verdient haben, das sie bereits umstellt hat und das sie sehr wahrscheinlich über Jahrzehnte hinweg ersticken wird.

Während Käte die freundliche, durch nichts zu entmuti-gende junge Imbißbudenbetreiberin mit dem Engelshaar und dem idiotischen kleinen Bruder beobachtet, die ihr Kaffee und den Arbeitern des Straßenbahndepots heiße Würstchen serviert, sieht sie sie schon des nachts: einem Mann geöffnet, den sie liebe; einem Mann, „der das Leben und den Tod in sie hineinschicken würde, die Spuren dessen, was er Liebe nannte, in ihrem Gesicht hinterlas-send, bis es meinem gleichen würde: mager und gelblich gefärbt von der Bitternis dieses Lebens.“ Der einzige Grund, vor der Menschheit den Hut zu ziehen, wäre ihr Entschluß, ab sofort das Zeugen und Gebären von Nachwuchs einzustellen. Dieser Entschluß hätte sich vielleicht schon 1945 empfohlen. Einige Verhütungsmittel, die gleichwohl Spaß und Katzenjammer bis zum Ausster-ben unseres verfehlten Schlages ermöglicht hätten, waren ja, Gott sei Dank oder auch gegen ihn, bereits erfunden. Aber nein, es muß Nachwuchs produziert werden, damit die Hartz-IV-Bürokraten nicht ihre Arbeitsplätze verlieren, und die Offiziere unserer „Streitkräfte“ sowohl ihre Posten wie ihre Gesichter nicht.
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