Mittwoch, 8. Juni 2016
Denkzettel
Geschrieben 2015


Den mächtigen alten Kirschbaum, um den ich neulich noch ein ganzes Lied* rankte, mußten wir fällen, da ihm mutmaßlich vorschwebte, beim nächsten Sturm mal wieder meine Dachziegeln oder wenigstens meine Schirmmütze durch einen seiner mordsdicken Äste zu prüfen. Meine Dachrinne hatte er auf diese Weise bereits geknickt. Als er nun lang im Grase lag, zeigte sich in der Tat, sein Stamm war so gut wie hohl. In den modrigen Baumstumpf setzte ich Anfang April eine junge, kaum fußknöchelhohe Eiche. Sie ist angegangen. Nicht nur, daß sie gerade zur Hand war, sondern ich vermute auch stark, ich wollte, durch einen nächsten Kirschbaum, nicht dauernd an einen bestimmten badischen Politiker der Grünen erinnert werden.

Das soll um Gottes willen nicht heißen, meine Abscheu gegen seine Partei und seine Zunft überhaupt hätten Heribert Purreiters Tod begrüßt. In meiner entspre-chenden Arbeit von 2014 sparte ich den ihn betreffenden Mordfall aus, weil er mir zu gewöhnlich vorkam. Jetzt fiel er mir prompt wieder ein. Die Untat geschah im Oktober 2004. Und nachdem der Realschullehrer und grüne Vize-Bürgermeister der Gemeinde Waldbronn (im Schwarz-wälder Albtal, rund 12.000 vorwiegend gutbetuchte EinwohnerInnen) nach Rückkehr von einer Parteiver-sammlung in der Gaststätte Sonne gegen Mitternacht vor seinem Haus erschossen worden war, ermittelte die Karlsruher Staatsanwaltschaft** nicht etwa den Kampf zweier politischer Linien, vielmehr Rache und Drohung aus privaten Gründen als Motiv. Danach hatte der 49jährige Politiker, auch Kreistagsabgeordneter, in der letzten Zeit seines Lebens der abtrünnigen Frau eines gewalttätigen Ehemannes Zuspruch geleistet und Beistand zugesichert. Dieser andere, 50 Jahre alte Mann faßte den graubärtigen Helfer, der verheiratet war und drei Kinder hatte, weniger als lästigen Sozialpolitiker oder bloßen „Parteifreund“ seiner ihm durchgebrannten Gattin, vielmehr als deren Liebhaber, damit auch als seinen Nebenbuhler auf und stiftete einen Kumpel und dessen Sohn dazu an, Purreiter einen „Denkzettel“ zu verpassen. Der Sohn war offenbar Feuer und Flamme, zumal ihm 600 Euro als Prämie versprochen worden waren. Er maskierte sich, lauerte Purreiter auf dessen Hof auf und schoß ihn mit einem Revolver letztlich zweimal in den Oberkörper, nachdem er die Knie verfehlt hatte oder verfehlt haben wollte. Sein Opfer konnte sich zwar noch in den Hausflur schleppen, starb jedoch anderntags im Krankenhaus.

Der damals 16jährige Schütze kam später mit 7 ½ Jahren davon. Die beiden erwachsenen Beteiligten erhielten jeweils 10 Jahre. Der Getötete bekam an der Waldbronner Kurpromenade einen Kirschbaum, den die vier örtlichen Fraktionsvorsitzenden in seltener Eintracht eigenhändig pflanzten.

* Der ahnungsvolle Titel andacht (mp3, 2.861 KB) von meiner Platte Schneeschippen
** Presseerklärung vom 13. Januar 2005

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