Mittwoch, 8. Juni 2016
Leben ohne Leo
Geschrieben 2014


Bei Kriegsende hofft Emmy inständig, unter den heimkeh-renden abgerissenen Gestalten, die sie am Utrechter oder Amsterdamer Bahnhof trifft, befände sich auch ihr Leo, den die Gestapo vor drei Jahren mitten in der Nacht aus dem gemeinsamen behelfsmäßigen Bett geholt hat. Sie lebten damals versteckt. Doch das Unglück bleibt Emmy treu. Mithäftlinge Leos sagen ihr, es habe ihn noch wenige Wochen vor der Befreiung im KZ Flossenburg erwischt. Er sei tot. Das wird 1948 amtlich bestätigt. Wahrscheinlich starb Leo Steinweg mit 39. Man hatte den „Saujuden“ in eine Kohlen- oder Erzgrube gesteckt, während er vorher, in Auschwitz, immerhin als Mechaniker arbeiten „durfte“ – sein gelernter Beruf. Man hatte ihn vorm Gas verschont um der Benzinmotoren willen. Mit Hilfe eines mitleidigen und mutigen Aufsehers konnte er in dieser Zeit sogar Briefe mit Emmy wechseln. Wie es aussieht, war die Liebe zwischen diesen beiden eher schlichten Menschen selten groß.

Als Emmy, Verkäuferin in einem Münsteraner Kaufhaus, den drei Jahre jüngeren Leo im Mai 1924 bei einem Tanzfest traf, stand der 18- oder 19jährige am Beginn einer verheißungsvollen Laufbahn als Motorrad-Rennfahrer. Er fährt für DKW. Emmy erlebt viele Siege ihres Bräutigams mit. „Auf einer Rennmaschine zu sitzen und aus dem Motor das Letzte herauszuholen ist schon ein tolles Gefühl! Und wenn ich dann mit dem Siegerkranz die Ehrenrunde fahre, den lauten Beifall der Zuschauer höre und meinen Liebling sehe, der mir von der Tribüne aus eine Kusshand zuwirft, werde ich wieder im siebten Himmel sein“, seufzt Leo Jahre später im Utrechter Versteck. Gleichwohl scheint der von Kraft und Fortschritt Besessene, nach Emmys Schilderungen, nicht der übliche rücksichtslose Draufgänger gewesen zu sein. Sie rühmt seine Zärtlichkeit – und vertuscht auch die Angst nicht, die Leo als Ver-folgter und Verkrochener auszustehen hat. Sie natürlich auch. Über etliche Jahre hinweg sind die beiden von Schmähung, Hunger, Krankheit, Verrat und Tod bedroht. Erst mit 96 Jahren schreibt sich die Katholikin Emmy, die 1950 zu ihren Verwandten nach Münster zurückkehrte und noch einmal heiratete, Leid und Trauer von der Seele. Ihr Buch Leben mit Leo erscheint 2000 in einem örtlichen Verlag. Vier Jahre später folgen ein Dokumentarfilm (WDR) und ein Drehbuch für einen Kinofilm, beide von Christoph Busch.

1929 hatte das Liebespaar in Münster gemeinsam ein Zweiradgeschäft mit angeschlossener Werkstatt eröffnet, 1933 heirateten die beiden – dies im Bewußtsein, es sei kurz vor Toresschluß, hatten sie doch aus SS-Kunden-kreisen gehört, solcherart „Mischehen“ (nach den „Nürnberger Rassegesetzen“, mit Gruß von Globke) würden demnächst verboten. Dieselben Kreise legen dem bekannten und beliebten Rennfahrer im Sommer 1938 nahe, lieber zu verschwinden, weil Pogrome ins Haus stünden. Er taucht in den nahen Niederlanden unter, während seine Frau das längst gepeinigte Geschäft auflöst, wobei sie große Einbußen hinzunehmen hat. Im Mai 1939 folgt sie ihrem Mann. Doch schon ein Jahr darauf stehen auch die Faschisten im lieben Nachbarland, wodurch sich die Möglichkeit zerschlägt, mit Hilfe von unbekannten Gönnern nach Brasilien zu emigrieren. Damit beginnt das so qual- wie glückvolle Versteckspiel der beiden noch immer jungen Leute. Zwar ist Emmys Aufenthalt legal, aber sie hat ja alles zu vermeiden, was auf ihren jüdischen Gatten hinweist, mit dem sie auch noch das Bett und den zumeist gähnend leeren Eßtisch teilen will. Am Ende werden sie von einer im selben Haus wohnenden Lands-männin verraten. Dafür bezeugt Autorin Emmy wiederholt ihre grenzenlose Dankbarkeit für die Uneigennützigkeit und den Mut zahlreicher einheimischer Unterstützer-Innen.

Von politischen oder gar politökonomischen Bezügen ist Emmys Bericht weitgehend frei. Für diesen Umstand läßt sich die Tatsache, daß die deutschen Faschisten nach ihrem Einmarsch sofort alle Radios beschlagnahmten, kaum verantwortlich machen. Das Ehepaar Steinweg war schon immer unpolitisch gewesen. Das Schild an ihrer Münsteraner Ladentür Kauft nicht bei Juden hielten sie zunächst für eine Entgleisung, und noch in den Nieder-landen stellte sich ihnen Hitler als ein „Wahnsinniger“ dar, der bald wieder aus seinem Amt verjagt sein würde. Man könnte von einer umfassenden Gutgläubigkeit oder Einfalt der beiden sprechen. Von Ehestreitigkeiten oder auch nur Eheöden findet sich in Emmys Bericht kein Hauch einer Andeutung. Man muß dazu bedenken, sehr wahrscheinlich war die 21jährige Emmy in reichlich jungfräulichem Zustand in diese ihre einzige Liebschaft geschlittert. Nun aber entgeht ihre Schilderung des liebevollen Miteinanders und der Sorgen der Alltagsbewältigung, zumal im Verein mit der naturgemäß unbeholfenen Sprache und Dar-stellung, nur um Haaresbreite sowohl der Rührseligkeit wie der Belanglosigkeit. Doch diese Haaresbreite hält die Schilderung strikt ein. Und aus diesem Grund liest sie sich ergreifend, ja erschütternd. Sie vermittelt eine Ahnung davon, wie gut der Mensch leben könnte, wenn es keine Konkurrenz, keine Bosheit – und vor allem keine Politik gäbe.

Ein letztes Wunder ist Emmy Herzogs Unverwüstlichkeit. Schließlich war sie, etwas übertrieben gesagt, nach ihrem entbehrungsreichen Maulwurfsleben in den Niederlanden nur noch ein poröses Gerippe. Kam die unermeßliche Trauer über Leos Tod hinzu. „Überlebt ..?“ sagt sie 2008 in einem Gespräch mit den Westfälischen Nachrichten. „Ich habe Leo nicht wirklich überlebt. Ich bin damals mit ihm gestorben.“ Dennoch heiratet sie erneut: einen Kaufmann, mit dem sie ausgerechnet ein Geschäft für Tabakwaren eröffnet. Prompt kommt auch dieser Gatte (1973) vor ihr unter die Erde. Sie jedoch schreibt mit 96 ihr Buch und sechs Jahre darauf ein weiteres Buch. Sie stirbt 2009 in Münster mit 106 Jahren.

Dagegen erstaunt die Hartnäckigkeit eines gewissen Heinz Trettners, der drei Jahre vor Herzog mit knapp 99 Jahren nahebei in Mönchengladbach das Zeitliche segnete, schon weniger. Flieger Trettner hatte zunächst als Staffelkapitän der berüchtigten deutschen Legion Condor Verheerungen über das republikanische Spanien gebracht. Kaum zurück-gekehrt, plante er, Wikipedia zufolge, als Major und Stabs-chef von Generalleutnant Kurt Student „die Eroberung Hollands“, wobei er, diesmal laut Webseite des „Bundes-verteidigungsministeriums“, am 10. Mai 1940 auch leibhaftig am „Luftlandeeinsatz“ beteiligt war. Zur Beloh-nung heftete man dem Strategen und Piloten noch im selben Jahr das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes an die Brust. Später wütete er als Generalmajor in Italien. Als solcher tritt Trettner auch, nach einer dreijährigen Kriegsgefangenschaft bei den Amis und einem Diplom als Volkswirt, 1956 in die wieder aufgepäppelten deutschen „Streitkräfte“ ein. 1964 bringt er es zum Generalinspekteur der Bundeswehr. Beschuldigungen in einem noch im selben Jahr veröffentlichten Weißbuch aus der DDR werden ignoriert. Stattdessen würdigt man Trettner auch in der Nachkriegszeit mit Orden. Ab 1966 verzehrt er seine Altersbezüge, 40 Jahre lang.

Für das „Bundesverteidigungsministerium“ hatte der Verstorbene „Standhaftigkeit im Dienst und bei seinen Entscheidungen gelebt“ – von Franco über Hitler bis Kai-Uwe von Hassel, seinem Chef in jenem Ministerium. Hier war also Grundsatztreue gut, während sie etwas später zahlreichen Ex-DDR-Beamten zum Verhängnis wurde. Interessant wäre es zu wissen, ob einer vor Gericht gezogen würde, der Trettner als Mörder Leo Steinwegs bezeichnete.
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