Mittwoch, 8. Juni 2016
Ditte Menschenkind
Geschrieben 2013


Meine Versorgung mit zufriedenstellender Lektüre gestaltet sich immer schwieriger. Man hat sich im Laufe längerer Geschmacksbildung verwöhnt – ich finde kaum noch Texte, die mich nicht abstoßen. Meistens hat das stilistische Gründe, man könnte auch sagen, klimatische. Nicht selten handelt es sich um angebliche Weltliteratur. Vor einigen Jahren ließ mich sogar der Skeptiker Erwin Chargaff auflaufen. In einer Fußnote seiner Erinnerungen Das Feuer des Heraklit hatte er Célines Reise ans Ende der Nacht zu den „größten französischen Romanen dieses Jahrhunderts“ gezählt – nach 50 Seiten schmiß ich das große Werk verärgert in die Ecke. Es stammt von 1932. Neben fehlender Anschaulichkeit ging mir vor allem die Menschenverachtung und Selbstgefälligkeit des Ich-Erzählers gegen den Strich. Céline muß sich für einen tollen Hecht gehalten haben – und wie der Reim es will, hat er selbstverständlich auch immer recht. Zwar spricht sein Erzähler viel von den eigenen Ängsten, doch macht ihn das nicht sympathisch. Er hat nur Angst, seine Wichtigkeit könne sang- und klanglos vom Erdboden verschwinden. Wenn Vauvenargues spottet, es sei schwer, jemanden so hoch einzuschätzen, wie dieser selbst es wünsche, muß man zugeben, der Kanon nimmt diese hohe Hürde in manchen Fällen einwandfrei.

Kaum anders erging es mir später mit Flauberts vielge-rühmtem Roman Die Erziehung der Gefühle. Ich dachte zunächst, mir sei eine Verwechslung unterlaufen. Dieser Mann wird als glänzender Stilist, bedeutender Romancier, Aussäer von Weisheit gepriesen? Öde und Belanglosig-keiten breitete er vor mir aus; ich langweilte mich zu Tode, wenn auch erneut nur 50 Seiten lang. Auf die Gefahr hin, als Franzosenfeind dazustehen, führe ich auch noch den Belgier Charles De Coster an, der sein sogenanntes Epos über den flämischen Befreiungskampf gegen die Spanier Ulenspiegel (1867) zu allem Unglück in einem alter-tümelndem Französisch verzapfte, dem es gelingt, die starke Tendenz des Werkes zur Langatmigkeit bis zur Aussichtslosigkeit zu steigern. Ich beziehe mich auf die dtv-Dünndruck-Ausgabe in der Übersetzung Walter Widmers. Die Nähe zum Alten Testament liegt für den Kenner schon durch De Costers inflationären Gebrauch des Bindewörtchens und auf der Hand. Auch De Coster liebt die Wiederholung, sowohl in stilistischer wie in thematischer Hinsicht, und er liebt die Verherrlichung von Kraft und Gewalt. Von den meisten Leuten, für die die „Weltliteratur“ gedacht ist, scheint Kernigkeit als ein maßgeblicher, revolutionärer, unverzichtbarer Zug der Volksseele erachtet und geachtet zu werden.

Stärken wir uns an einem gleichfalls 700 Seiten dicken Roman, den der im Sommer dieses Jahres verstorbene Goetheverehrer und Rhetorikprofessor Walter Jens wahrscheinlich nur zur Weltliteratur gezählt hätte, wenn man ihm für den Weigerungsfall lückenloses Fernsehauf-trittsverbot angedroht hätte. Ditte Menschenkind erschien erstmals um 1920 in mehreren Teilen. Die Heldin dieses Romans ist kein vor Selbstmitleid triefender Salondemo-krat, wie bei Flaubert, vielmehr eine Tochter des dänischen Lumpenproletariats. Vom „Dienen“ auf einem schäbigen Landbauernhof kommt sie vom Regen in die Traufe, nämlich zum „Dienen“ in der Riesenstadt Kopenhagen mit ihren Elendsvierteln. Ditte läßt sich nie unterkriegen, wird freilich nicht alt. Völlig verbraucht, stirbt sie kurz nach dem furchtbaren Ende ihres Söhnchens Peter, dem allerdings ein machtvoller „roter“ Trauerzug bereitet wird, mit nur 25 Jahren. Ich habe bis zur Stunde nicht heraus-bekommen, wie Autor Martin Andersen-Nexö es anstellte, diese Figur und sogar noch etliche andere so ergreifend zu gestalten. Man hat beim Lesen immer wieder die gleichen zu Herzen gehenden Gefühle des Mitleids und der Freude, die er an dieser tapferen, rotblonden, meistens mageren jungen Frau beschreibt. Um Chargaff zu ärgern, zähle ich Nexös Buch – das noch nicht einmal als sein Hauptwerk gilt – zu den ganz großen Romanen des 20. Jahrhunderts.

Wahrscheinlich ist Nexös Herkunft schon die halbe Miete. Der Sohn eines Bornholmer Steinhauers wurde erst Schuhmacher, dann durch Volkshochschulkurse Lehrer. Er kannte die Rattenlöcher und ihre menschlichen Bewohner-Innen wie seine Westentasche. Und offenbar paarte sich bei ihm ein starkes Mitgefühl mit scharfer Beobachtungs-gabe. So war er imstande, in seine Figuren wie in eigen-händig zugeschnittene Schuhe zu schlüpfen. An deren Psychologie ist nichts falsch und nichts lückenhaft. Im Falle der Hauptfigur ist das natürlich umso erstaunlicher, als sie eine Frau ist. Nexö erzählt gradlinig und schlicht, ohne daß man je Dramatik vermißte. Vielleicht kommt ihm seine „Halbbildung“ insofern zugute, als er nicht so viele Allgemeinbegriffe bereit hat. Er erzählt stets ganz anschaulich und konkret. Als Preis dafür muß man vielleicht auf gelegentliche „gedankentiefe“ Stellen verzichten, wie ich sie etwa in Pontoppidans Hans im Glück zu schätzen weiß, der, was Belang angeht, ungefähr zwischen Flaubert und seinem Landsmann Nexö steht. Auch Pontoppidan handelt ja nur am Rande von den wirklich armen und kleinen Leuten. Im Gegenteil, für etliche Jahre wird sein Landpfarrerssohn Peer Sidenius vor allem von dem Verlangen getrieben, in höhere Kreise aufzusteigen; eine Zeitlang ist er mit einer Tochter des steinreichen Kopenhagener Handelshausbesitzers Salomon verlobt. Freilich hat auch Ditte Pech mit ihren Liebhabern. Der eine ertrinkt (Georg), der andere weiß nicht, was er will (Karl). Beide sind mehr oder weniger erwerbslose Arbeiter. Ihre einzige wirklich brennende und beflügelnde Liebschaft hat Ditte sowieso nur für ein paar Wochen mit Herrn Vang, der leider verheiratet und ein „Dichter“ ist. Vang zieht dann wieder Pegasus vor.

Nach Pontoppidan und Nexö haben wahre Legionen von „modernen“ Schriftstellern Tonnen an krampfhaft ausge-tüftelten „vielfach gebrochenen“ Romanen geschrieben, deren Lektüre sich kein normaler Mensch aus freien Stücken zugemutet hätte, wenn sie ihm nicht von den selbsternannten Literaturpäpsten, der alles beherrschen-den Fortschrittsreligion gemäß, als Muß hingestellt worden wären. Hoffentlich bleibt es diesen Zwangslesern erspart, in ein paar Jahrhunderten wiedergeboren zu werden. Andernfalls werden sie entdecken, daß diese Romane von ihren verständigen Nachfahren allesamt in die Museen der Verirrungen der Menschheit verfrachtet worden sind, wo sie hin und wieder zum Gespött von Abordnungen aus Kindergärten werden dürfen.

Dittes Peter ist mit Einjar befreundet. Bei Dunkelheit ziehen die beiden Knaben öfter mit ihrem alten Kinder-wagengestell und einigen leeren Säcken los, um das Pflaster und die Gleise des Güterbahnhofs nach herabge-fallenen Kohlen abzusuchen. Denn die Geschwisterchen zu Hause frieren. Doch an diesem Tag ist es verdammt neblig. Das hat einerseits den Vorteil, daß die Polizisten nicht viel sehen; andererseits kann es bedeuten, man erkennt einen nahenden Zug zu spät. An diesem Tag werden Peter beide Beine abgefahren; im Krankenhaus stirbt er.
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