Samstag, 28. Mai 2016
Döhnerichs Durchbruch Teil 3


Panglos I

Als Mauds Handy dudelte, war sie gerade im Begriff gewesen, mit der verkantet geführten Hacke die Pfahlwurzel einer kräftigen Distel freizulegen. Die unerwünschte Pflanze ging ihr fast bis zum nackten Knie. Maud stützte sich mit der einen Hand auf den Hackenstil und griff mit der anderen zu ihrem Gürtel. Sie trug eine hellblaue kurze Hose.

Was die Distel anging, kam es natürlich darauf an zu verhindern, daß ihre Wurzel neben den jungen Kartoffeln im Acker stecken blieb. Ein paar MitstreiterInnen auf dem Acker guckten bereits lauernd. Das galt allerdings Mauds Handy. Mit einiger Wahrscheinlichkeit war die 43jährige Irin mit dem feuerroten Schopf und den lustigen Sommersprossen auf Sichtweite der einzige Träger eines Handys. Man sah zur Rechten verschiedene weißge-tünchte, blinkende Gebäude der Kartoffelkommune, zur Linken einen Olivenhain, der den sanft ansteigenden Acker krönte. Auch das schmale, teils silbrige Laub der Olivenbäume flirrte in der Vormittagssonne. Vom Meer her wehte eine sanfte Brise. Die Wellen der Ägäis beleckten den hellen Sandstrand gleich jenseits der erwähnten Gebäude und des Damms der Inselbahn.

Falls Maud Gedanken an Badefreuden gehegt haben sollte, wurden sie ihr von „Snoopy“ Willem rasch genommen. Von ihm kam der Anruf. Er sagte:

„Du weißt, welche Gäste wir auf dieser Insel der Glückseligkeit seit einigen Jahren zumindest insgeheim am meisten fürchten, Maud ..?“

Zwar wußte sie es auf Anhieb nicht, weil Willem ihr noch keinen Aufenthaltsort genannt hatte, aber sein unheilschwangerer Tonfall ließ sie unwillkürlich den Hackenstiel umkrampfen. Willem fuhr fort:

„Ich stehe unweit der Victor-Serge-Klippen am Strand und erfreue mich am Anblick eines gelben Schlauchbootes mit Außenbordmotor, das heillos überfüllt war. Es sind ungefähr 50 Leute, Maud ...“

Sie erschrak. Während ihr die Hacke entglitt, fragte sie ungläubig: „Ungefähr 50 Bootsleute ..?“

„Ja. Angeblich kommen sie aus Libyen.

„AfrikanerInnen?“

„Ja, es sieht so aus. Neben mir steht ein abgezehrter, schwarzer Mann um 30, der leidlich Englisch spricht. Ein Genosse von der GO Silbermöwe hat uns alarmiert. Indira ist auch hier. Die Gäste aus Übersee hätten uns fast abgeküßt. Da haben wir erst einmal davon Abstand genommen, ihr verdammtes Schlauchboot mit unseren Dienstpistolen zu durchsieben. Bewaffnet sind sie jedenfalls nicht, wenn wir uns nicht irren.“

„Ach du liebe Scheiße, ach du liebe Scheiße!“ jammerte Maud und trat nach der noch nicht gefällten Distel. „Und was machen wir jetzt?“

„Erst mal Wasser trinken, würde ich sagen. Wir führen den lieben Besuch zur Kantine der Silbermöwe, dann sehen wir weiter. Oder was meinst du?“

„Ja, macht das! Ich bin spätestens in einer halben Stunde dort.“

Die Kartoffelkommune, in der Maud schon seit rund 20 Jahren lebte, war die größte Wohngemeinschaft der GO Kaute, die wiederum zum Dorf Diogenes gehörte. Bis zum Bahnhof hätte Maud nur einen Katzensprung gehabt, doch da die Personenzüge der Inselbahn lediglich im 30-Minuten-Takt verkehrten, schwang sie sich auf ihr Fahrrad, nachdem sie sich etwas frisch gemacht und einen Becher kalten Pfefferminztee getrunken hatte. Das Rad wies eine 7-Gang-Kettenschaltung und sogar einen nach unten gekrümmten Rennlenker auf.

Die Victor-Serge-Klippen lagen ungefähr fünf Kilometer weiter südlich. Maud war kein Haferhalm, sie trat kräftig in die Pedale. Trotzdem zitterte sie. Ihre Gedanken flatterten durchaus heftiger – nämlich nicht nur in eine Richtung – als ihre durch eine weiße Schirmmütze notdürftig gebändigten roten Locken, während sie über die schmale, asphaltierte Straße sauste, die mal den Bahndamm, mal die einwärts gelegenen Hänge oder Felsen streifte. Günstigerweise mußte sie nicht auf den Autoverkehr achten, weil es auf Panglos so gut wie keinen gab. Nach rund einem Kilometer kam ihr ein zweispänniges Pferdefuhrwerk entgegen. Der Anhänger war hoch mit Möbeln, Kisten und Koffern beladen. Es sah nach einem Umzug aus. Obwohl sie die drei Leute auf dem Kutschbock noch nicht einmal vom Sehen kannte, riefen sie ihr ausgelassen „Hallo Maud!“ zu. Sie zwang sich zu einem ähnlich fröhlichen Winken, bevor sie vom Schatten der steilen Fuhre verschluckt wurde. In Wahrheit hatte sie das Amt, dem sie ihre Bekanntheit verdankte, auf dem zurückliegenden Kilometer schon mindestens ein Dutzend mal verflucht.

Maud O'Conner war seit etlichen Jahren die Verteidigungsrätin der Freien Republik Panglos. Wahrscheinlich war sie, von ihren beiden Vorgängern einmal abgesehen, der erste Mensch auf der Welt, der sich mit dieser defensiven Amtsbezeichnung keine Beschönigung leistete. Wen hätten rund 12.000, in militärischer Hinsicht bestenfalls mäßig ausgebildete RepublikanerInnen, Kinder und Greise noch abgezogen, auch angreifen sollen? Die Republik verfügte noch nicht einmal über einen kleinen Kreuzer, mit dem sie die rund acht Kilometer bis zur ostkastonischen Küste hätte überwinden können, um die Hafenstadt Nokto zu beschießen. Dort legten die Fährschiffe der Republik an.

Normalerweise hätte sich Maud bei ihrer Radfahrt auf der Küstenstraße am Wetter, der Landschaft, dem Meer und dem Himmel erfreut, die sich allesamt so wohltuend von den Bedingungen abhoben, unter denen sie auf der ungleich größeren Insel Irland aufgewachsen war. Doch heute hatte sie für nichts davon ein Auge. Mehrmals war sie sogar versucht, während der Fahrt ratsuchend zu telefonieren, mit dem Chef vom Dienst in Muh zum Beispiel, oder mit „Papa Seppl“ (der eigentlich Giuseppe hieß). Sie verwarf das jedes Mal. In wenigen Minuten würde sie ein genaueres Bild von der „Katastrophe“ haben, und auf eine halbe Stunde mehr oder weniger kam es bestimmt nicht an. Die „halbe Stunde“ wurde ihr von einem Zug der Inselbahn eingegeben, der sich gerade aus dem Dorf Saccozetti löste und ihr nun mit mäßiger Geschwindigkeit entgegen kam. Auch hier hieß es winken. Die leidlich schnittigen, ausnahmslos grellorange lackierten Triebwagen fuhren auf zwei Gleisen mit Oberleitungsstrom in beiden Richtungen um die gesamte Insel. Es hatte nicht an Versuchen gefehlt, sie in Kunstwerke oder Wandzeitungen zu verwandeln, aber die betreffenden Rebellen waren darin noch stets gescheitert. Diese Händel waren allerdings Possen im Vergleich zu dem, was nun auf Maud zukam.



Panglos II

Die 380 Quadratkilometer große Insel Panglos liegt auf der Höhe von Neapel und Istanbul rund acht Kilometer vor der ostkastonischen Küste in der nördlichen Ägäis. Das Klima ist warm und mild. Die ungefähr nierenförmige, fruchtbare Insel wird von einigen Gebirgen bis 1.200 Meter Höhe durchzogen. Ihre rund 12.000 BewohnerInnen siedeln vorwiegend in rundum verteilten Küstenortschaften von maximal 1.000 Einwohnern. Diese Dörfer sind durch eine zweigleisige Eisenbahn verbunden, die sowohl Menschen wie Güter befördert. Hauptanlegestelle ist das Hafendorf Muh, das die kürzeste Verbindung nach Nokto an der ostkastonischen Küste gewährt. Die Fähren werden von der Republik Panglos betrieben, allerdings vom „großen Nachbarn“ Kastonien (dem die Insel früher einmal gehörte) bezuschußt, da die Stadt Nokto von den nicht wenigen ausländischen Besuchern der Inselrepublik, zum Teil auch vom Handel mit dieser profitiert. Die Insel hat keinen Flugplatz. Die vorhandenen Straßen und Fahrwege werden fast ausschließlich von Pferde- oder Maultier-fuhrwerken und Fahrrädern benutzt. Verkehrsschilder und Ampeln sind unbekannt. Geld wird lediglich im Außenhandel und BesucherInnenverkehr verwendet. Obwohl die Inselrepublik über zahlreiche Sandstrände verfügt, hat sie den herkömmlichen Tourismus nahezu eingedämmt. Sie kann sich weitgehendst selbstversorgen, ist also mehr oder weniger autark.

Gemäß ihrer Verfassung ist Panglos eine freie und egalitäre Republik, die keine Bündnisse mit anderen Staaten oder Staatsverbänden eingeht. Zu Kastonien steht sie seit Jahrzehnten in unterschiedlich enger friedlicher Koexistenz, je nach dem Regime, das auf dem Festland gerade herrscht. Ihre Gründung verdankt sie dem Zweiten Weltkrieg und der Überzeugungskraft der anarchistisch geprägten Volksfront, die die deutschen, italienischen und bulgarischen BesatzerInnen von der Insel fegte. Zwar zogen es nicht wenige damalige EinwohnerInnen vor, die Insel nach Ausrufung der Republik mit dem Festland zu vertauschen, doch dafür kamen im Laufe der Jahre und Jahrzehnte libertär gesinnte Kräfte aus allen Teilen der Welt. „Nationalität“ oder gar „Rasse“ der Inselbevölkerung lassen sich inzwischen unmöglich bestimmen. Als Hauptverkehrssprache setzte sich Englisch durch.

Das Fundament der Inselgemeinschaft bilden die Grundorganisationen (GOs), die im Schnitt um 100 Personen umfassen, Kinder eingeschlossen. Sie regeln den Alltag ihrer Angehörigen nahezu selbstständig. Sie sind auch für Neuaufnahmen oder Ausschlüsse von Republikanern zuständig, was bedeutet, daß kein „höheres“ Gremium bestimmen kann, wer zur Republik gehört und wer nicht. Ansonsten wird die Republik vom Inselrat verwaltet, der jährlich auf der Vollversammlung der Republik gewählt wird. Zwar sitzt der Inselrat offiziell im Rathaus Muh, doch die Örtlichkeiten haben bei der Verwaltungsarbeit keine große Bedeutung, da fast alles über Intranet und Telefon läuft. Auf diese Kommunikationsnetze hat jeder Republikaner völlig ungehinderten Zugriff. Daneben ist das Intranet auch von jedem Ausländer einsehbar. Mit anderen Worten: es gibt in Panglos nicht die geringste Geheimarbeit.

Da die Republik jedes Gewaltmonopol verachtet, sind alle RepublikanerInnen bewaffnet und entsprechend ausgebildet. Gewiß hätte dieser Umstand zumal in den Anfängen der Republik niemals ausgereicht, imperialistische oder andere kriminelle Übergriffe auf die Insel zurückzuschlagen. Was ihr schlicht zugute kam, war das Nichtvorhandensein der Begehrlichkeiten, die sonst solche Übergriffe veranlassen. Die Gebirge der Insel waren ihrer Gold- und Edelsteinvorkommen längst beraubt, Öllager hatte es nie gegeben, und für den weißen Marmor allein hätte wahrscheinlich selbst der jeweilige Hampelmann im Weißen Haus von Washington keinen internationalen Konflikt riskiert. Im übrigen hat Panglos Beistandsverträge mit einigen Staaten, darunter Rußland und Persien.

Die Betreuung der Volksarmee obliegt dem Verteidigungsrat der Insel, dem einzigen weltweit, der diesen Namen verdient. Selbstverständlich kann er auch eine Frau sein, dann heißt der Posten Verteidigungsrätin. Diese Rätin leitet außerdem eine winzige Polizeitruppe, deren 28 Angehörige Snoopies genannt werden. Zwar kann jeder Republikaner Gewalt anwenden und Recht durchsetzen, wie er es gerade für angemessen hält, doch in der Regel hat er Wichtigeres zu tun, zum Beispiel Oliven pflücken oder Kinder hüten, Klavier spielen oder Pferde zureiten. Die Snoopies haben vor allem ein Auge für Kriminalität, die von außen droht. Zu ihnen zählen auch Computerfachleute, die digitalen Angriffen vorzubeugen oder zu begegnen haben. Sie sind keine hauptberuflichen „Polizisten“, werden aber für ihr zeitlich begrenztes Amt von ihrer jeweiligen GO von bestimmten Aufgaben entlastet, wenn auch nur dem Umfang nach. Grundsätzlich gibt es keinen Republikaner, der bestimmte Aufgaben nie übernähme, beispielsweise Kloputzen oder Knöpfeannähen.

Mit den Snoopies stehen wir vor dem entscheidenden Konflikt, der den geplanten Roman tragen sollte. Ich habe ihn durch das vorstehende Eingangskapitel angedeutet. Es liegt auf der Hand, daß die Ankunft von afrikanischen Flüchtlingen in einer kleinen Inselrepublik wie Panglos gewaltige Probleme aufwirft, nicht zuletzt moralische. Zurückschicken kann man sie kaum. Wer wollte diese Menschen? Wo würden sie nicht schikaniert? Andererseits hat Panglos mit Grund sehr strenge Aufnahme-
bestimmungen. Es kann sich weder Tausende von zusätzlichen hungrigen Mäulern noch neue Mitglieder leisten, die wahrscheinlich kaum den geringsten politischen und charakterlichen Anforderungen entsprechen. Bekanntlich flüchten auf den Booten nicht unbedingt die aufgeklärtesten und uneigennützigsten BewohnerInnen Afrikas. Wie soll man auf einen Schlag Dutzende von Konsumsüchtigen, Karrieristen, schnöden Kriminellen oder auch nur seelisch und körperlich Zerrütteten verkraften? Der Witz dabei ist: begegnet man der ersten Fuhre von 50 Leuten mit Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, kommen über kurz oder lang die nächsten Fuhren, weil sich die Angelegenheit sofort bis zum Kap der Guten Hoffnung herumspricht. Die Inselrepublik wird von einer wahren Flüchtlingswoge überspült. Wehrt sie sich dagegen, wird sie unweigerlich militarisiert, verroht – und zerstört.

Ich sehe im Moment keine Lösung des Problems. Ich könnte mir allerdings denken, daß es Lösungen gibt; man müßte sie eben, im Laufe des Schreibens, suchen und finden. Wobei es auch denkbar ist, der Hauptkonflikt bleibt offen. Zunächst einmal werden sich durch die Ankunft dieser (recht verschiedenartigen) Menschen Nebenkonflikte ergeben, vielleicht auch angenehme Überraschungen. Diebstahl hier, Bereicherung durch praktische Vorschläge dort; ein sexueller Übergriff – eine neue Liebe für Maud; eingeschleppte Krankheit – Heilkunde aus dem Busch und dergleichen mehr.

Weitere Konflikte werden sich selbstverständlich aus der Erörterung des Hauptkonflikts ergeben. Vielleicht sprechen sich etliche RepublikanerInnen für eine unbarmherzige Abschiebung aus. Andere zerfließen vor Mildtätigkeit. Neoliberale oder kommunistische Blätter aus aller Welt werden Panglos mit Häme und Verleumdungen übergießen. Vielleicht gibt es sogar vereinzelte einheimische Gewalttaten gegen die Flüchtlinge. Immerhin ist die gesamte Republik bewaffnet, wie ich oben betonte.

Was die Struktur und Kultur der Republik betrifft, dürfte vieles aus Konräteslust übernehmbar sein, doch manches müßte auch abgeändert oder neu erfunden werden. In diesen Gesichtspunkten liegen aber nicht die entscheidenden Gründe, die mich veranlassen, das vielversprechende Projekt wieder zu verwerfen. Das größte Problem sehe ich in den Figuren der Flüchtlinge. Ich traue mir nicht zu, mich hinreichend in ihre Lage und ihre Haut zu versetzen und sie entsprechend überzeugend handeln zu lassen. Allgemeiner gesprochen, bin ich vom Naturell her ohnehin weder ein begnadeter Erzähler noch ein begnadeter Psychologe. Da hole ich mir die Körbe lieber für meine in Angriff genommenen Lexika über Mordopfer und so weiter.



Elina

Meine Versuche über Panglos haben mich auf den Geschmack an Romanen gebracht, die ich nicht zu schreiben brauche. Ich bin gleich in der Gegend geblieben, Balkan also, möchte jedoch das Land in der Schwebe lassen. Zelko, so heißt mein Ich-Erzähler mit Vornamen, läßt ein Besuch seines Nachfolgers auf dem Posten des Rektors der Kunstakademie keine Ruhe. Deshalb beginnt er mit Aufzeichnungen. Zeit hat er ja dazu, als Pensionär. Dabei war das Anliegen, das D. zu ihm führte, banal. Er hatte Zelko eröffnet, da bekanntlich dessen 70. Geburtstag bevorstehe, habe das Kultusministerium eine von D. zu besorgende Festschrift zu Ehren Zelkos angeregt. D. stellte ihm nun das Konzept vor, bat um Erlaubnis, auch einen bestimmten, bereits in der Presse veröffentlichten Aufsatz aus Zelkos Feder aufnehmen zu dürfen, und zudem um einige biografische Angaben, die ihm noch fehlten. Zelko verzichtete darauf sich zu zieren, sagte zu allem Ja und Amen und atmete auf, als D. wieder verschwunden war.

Gewiß bekam jeder, der sich in vergleichbarer Position befand, eine solche Festschrift. Und möglicherweise wäre sie Zelko noch vor einem Jahr keineswegs peinlich gewesen. Jetzt aber lag sie ihm nach zwei Tagen bereits wie ein auf der Herdplatte erhitzter Ziegelstein im Magen. Hatte er sie am Ende in der Tat verdient, nämlich als Strafe dafür, daß er sich schon bald nach Elinas Tod und dem Ende des Krieges das Leben hatte entgehen lassen? Er hatte es vorgezogen, sich „volksdemokratischen“ Illusionen hinzugeben und im neuen Staate ein angesehener Kunstwissenschaftler und ein angesehener Bürger zu werden. Und diese Erkenntnis kam reichlich spät. Wahrscheinlich verdankte sie Zelko lediglich dem Zufall jener weltweiten „Jugendrevolte“, von der neuerdings ständig in den Zeitungen zu lesen war. Bei ihm, in der Hauptstadt des Landes, geschah zwar in dieser Hinsicht noch nicht viel, aber in Paris, Berlin, selbst New York mußte es ziemlich heftig zugehen. In Berlin hatte die Polizei beim Staatsbesuch des Schahs von Persien gerade einen wehrlosen jungen Demonstranten erschossen. Ausgerechnet vor einem Opernhaus! Elina war Sängerin gewesen – damals, vor dem Krieg. Übrigens pflegte sie ihren Namen auf der ersten Silbe zu betonen. Ja, sie hatte sogar einer Art „Kommune“ angehört, wie jetzt die langhaarigen Rebellen in Berlin dazu sagten. Bis sich Elina verkriechen mußte. Und dann standen die Schwarzhemden vor der Tür, schnauzten sie an und stießen sie mitsamt eines Rucksacks, den sie noch hastig hatte vollstopfen dürfen, die Treppe im Hausflur hinunter.

Zelkos Erinnerungen fließen nur zäh aufs Papier, weil sie mit vielen Schmerzen, daneben Unklarheiten verbunden sind. Außerdem hat er sich vor der Falle Sentimentalität zu hüten, wie ihm noch rechtzeitig aufgeht. So bemüht er sich, die Gefahren durch die Verfolgung Elinas und überhaupt das ganze Leid nicht zu verharmlosen. Seine im Grunde schon eingesperrte Geliebte war aufgestöbert und bald darauf ermordet worden. Hier drängt sich ihm freilich die wenig barmherzige Frage auf, ob es nicht auch besser so gewesen sei. Denn wer konnte wissen, wie sich die Liebschaft gestaltet hätte, nach dem Krieg? Nach allen Erfahrungen: schlecht. Ähnliches mag für den Fall einer professionellen Sängerinnen-Laufbahn Elinas gelten. So aber hat er Elina zwar verloren, aber doch noch in guter Erinnerung. Und sich selber ebenfalls? Das dürfte schwierig werden. Denn diesem erhebenden oder jedenfalls beruhigenden Selbstbild des jugendlichen Kunstpädagogen Zelko schlägt ja der einmal aufgequollene Hader mit seinem gar zu angepaßten späteren Lebens-wandel ins Gesicht. Außerdem ist es abscheulich, einem blühenden jungen Menschen den Tod zu wünschen. Dies alles könnte für den geplanten Roman bedeuten, ein Wechselspiel zwischen Zelkos Erinnerungen an Elina und kritischen Steiflichtern aus seinem Nachkriegs-Werdegang zu geben.

Es fing schon bezeichnend an, verdankte sich ihre Liebschaft doch einem Verhängnis. Er hatte Elina nur kennengelernt, weil sie aus dem faschistischen Deutschland geflüchtet war. Sie landete in der Provinz-hauptstadt L., damals um 30.000 EinwohnerInnen, wo sie weitläufige Verwandte hatte. Mit denen überwarf sie sich aber rasch, weil sie an ihrer „unmöglichen (weltlichen) Singerei“ festhielt. Als sie Zelko in einem Jazzkeller in ihren Bann schlug, war sie bereits in die „Kommune“ gezogen. Die halbe Kommune machte Musik. Aber niemand sang und bewegte sich wie Elina. Selbstverständlich war Zelko nicht der einzige, der von ihrem Auftreten und ihrem Können beeindruckt war. Er war jedoch der einzige schwarzmähnige, „fortschrittliche“ Kunstpädagoge L.s, der Elina an einen türkischen oder gar arabischen Vollbluthengst erinnerte. Außerdem war er deutlich älter als sie und vergleichsweise gut situiert. Zwar hatte ihr neuer Geliebter bereits eine Familie, nämlich Frau und Söhnchen, aber damals gab man sich in den Kreisen, in denen Zelko und Snegana verkehrten, aufgeklärt und unangepaßt. Das letzte Wort versah Zelko in seinen Aufzeichnungen mit einem …! So badete er mit seiner neuen Geliebten in der lokalen Subkultur, immer begünstigt vom schwarz- oder mittelmeerischen Klima, das genauso Musik auf der Straße oder unter den Arkaden am Hauptmarkt wie das Liebesspiel in etwas abgelegenen Lorbeer- oder Olivenhainen gestattete. Doch der „Sommer der Anarchie“ währte nur kurz. Das Land wurde von den deutschen Faschisten besetzt.

Ich nehme davon Abstand, Elinas Erscheinung oder die beinahe schlichte Art ihres Auftretens zu schildern. Eingeweihte dürften sich dabei zu leicht an die Sängerin Erika Lewis von Tuba Skinny erinnert fühlen. Das darf man Lewis natürlich nicht sagen. Sonst stirbt auch sie sofort, am Schock dieser Eröffnung. Dafür kann ich mich für Elinas Charakter verbürgen: trotz ihrer Ader für Koketterie unbedingt aufrichtig, zudem selbstgewiß, anspruchslos, ausgeglichen. Auf ihre Art war die junge Frau fromm – nur nicht jüdisch. Ihre eher tiefe Sopranstimme besaß neben zahlreichen betörenden Zügen den schnöden Vorteil kräftig genug zu sein, um sich auf der Straße gegen die Bläser der Truppe oder die Marktweiber, Pferdefuhrwerke und Automobile durchzusetzen. Ach ja, im Gegensatz zu María Malibran hätte sie bestimmt ihren Weg gemacht! Die gefeierte, angeblich gerade schwangere Operndiva fiel 1836 bei der Jagd im Londoner Hyde Park im Alter von 28 Jahren vom Pferd. Anschließend sollen in Brüssel 50.000 Menschen die Straßen gesäumt haben, durch die der Wagen mit ihrem Sarg fuhr. Welche fürstliche Belohnung für eine geringfügige Torheit!

Vorerst wird „nur“ der Judenstern über Elina verhängt. Das bedeutet selbstverständlich Spießrutenlaufen, doch Zelko und auch die meisten MusikerInnen und Freunde halten zu ihr. Bald kommt allerdings das Arbeitsverbot. Und dann geht ihnen auch schon eine dringende Warnung aus Kollaborateurs-Kreisen zu: Verhaftungen und Verschleppungen in KZs stünden bevor. Das Liebespaar steht nun vor der finsteren Alternative: fliehen oder untertauchen? Im Glauben, die Faschisten hielten sich (auch in Deutschland) nicht mehr lange an der Macht, entscheiden sich die beiden für das zweite. Eine Cousine von Zelko ist bereit, Elina in ihrer Wohnung zu verstecken. Da Ivett jedoch berufstätig ist, darf sich Elina während deren Abwesenheit kaum rühren, denn seitens der Nachbarn droht Verrat. Auch sonst ist die Einengung schlimm. Das betrifft etwa Fenster, Türen, Wasserhahn, Toilette, Müll, Stimme senken, Pantoffeln oder Socken nicht vergessen und vieles mehr. Zwar sind gelegentliche „offizielle“ Besuche Zelkos (bei der Cousine) möglich; bleibt er freilich über Nacht, müssen er und Elina im Bett bereits bei bloßen Gesprächen flüstern oder aber mühsam eine Wolldecke über sich drapieren, weil die Zimmerwände zur Nachbarwohnung so dünn sind. Für überraschende, unliebsame Besuche oder Kontrollen gibt es womöglich ein Schlupfloch zum Dach, wo Elina, an einen Schornstein geklammert, von den Nachbarhäusern her nicht bemerkt werden kann. Das bedeudet mit Herbstbeginn ein hübsches Zittern – Angst und Kälte im Verein.

Erschwerend kommt die wirtschaftliche, durch Besatzung und Kriegswirtschaft bewirkte Not hinzu. Während die Löhne sinken und die Rohstoffe knapp werden, beschlagnahmen die BesatzerInnen gnadenlos; nach den Radios, Pferden und Autos ziehen sie sogar die Fahrräder und das Tafelsilber ein. So nagt selbst der noch im Schuldienst stehende Zelko nebst Familie bald am Hungertuch. Der Mangel an Geld, Nahrung, Kleidung, Brennstoff schlägt in Elinas Unterschlupf „natürlich“ doppelt durch. Glücklicherweise verfällt das Paar auf die Idee, ein bestimmtes, kunsthandwerklich wertvolles Spielzeug herzustellen, das Zelko an ein Warenhaus verkaufen kann. Sie nehmen die Serienproduktion auf. Dadurch hat Elina immerhin zugleich eine gewisse, wenn auch reichlich stumpfsinnige Waffe gegen ihre Verdammung zur Untätigkeit in der Hand. Dies alles stellt ihre natürliche Heiterkeit auf eine große Probe. Ein weiteres Problem erwächst aus Krankheiten. Als Untergetauchte kann sie nicht kurzerhand zum Arzt marschieren, während der umgekehrte Versuch, einen Arzt ins Haus zu bekommen, kaum weniger gefährlich ist.

Als nicht geringe Hilfe, etwa bei der Versorgung mit Lebensmitteln, Nachrichten, Fertigungszubehör, stellt sich Zelkos Söhnchen Konstantin heraus. Der Junge bestand darauf, er ist tatendurstiger Antifaschist. Im Herbst ist er sogar in der Lage, Elina und Ivett durch einen „Frontbericht“ aus eigener Anschauung aufzumuntern. Das Bürgermeisteramt – das selbstverständlich unter der Fuchtel der im Schloß residierenden deutschen Komman-datur stand – hatte einen allgemeinen „Schulwandertag“ auf die gepflügten Äcker der umliegenden Herrensitze angeordnet. Dabei hieß es für die Mädchen und Jungen in Wahrheit stundenlang Steinelesen, nämlich die Äcker in dichten Ketten abzugehen, sich tausendmal zu bücken und die aufgeklaubten Steine auf die Wagen von Pferde-gespannen zu werfen, die in gewissen Abständen vor den Ketten aus Kindern herfuhren. Das machte Konstantin einmal derart wütend, daß er einen Stein „aus Versehen“ zu weit warf. Er landete auf dem Schädel eines Gauls, der natürlich sofort ausbrach – der Tumult und das Donnerwetter der Schleifer von Partei und Gut waren beträchtlich. Dummerweise war Konstantin von einem Bonzensprößling belauert und bei dem kriminellen Wurf ertappt worden. Sogleich verpetzt, hatte er alle Mühe, sich bei den Schleifern herauszureden. Allerdings war Konstantin beileibe nicht der einzige Antifaschist auf dem betreffenden Acker. Einer wußte, der Bonzensprößling besaß auf dem elterlichen Villengrundstück einen Goldfischteich mit Schwanenhäuschen in der Mitte, der sein ganzer Stolz war. Das Schwanenhäuschen war gemäß der Jahreszeit unbesetzt, doch die Goldfische tummelten sich noch im Wasser. Wie erst, als von einem benachbarten Gehölz her eine echte, gestohlene Handgranate in das Schwanenhäuschen krachte!

Wäre ich der Autor dieses Romans, würde ich Konstantin zu einem späten Sorgenkind seines Vaters machen. Ich sage spät, weil Zelko erst neuerdings der Verdacht beschleicht, sein Sohn verdanke seine atemberaubende Karriere als „Bildhauer“, neben seiner kaum zu bestreitenden Aufgewecktheit, genau jener berüchtigten „modernen“ Schaumschlägerkunst, die er, der einflußreiche Kunstwissenschaftler Zelko, mit etlichen Publikationen, zudem als Akademiedirektor nicht unerheblich mitzufördern wußte. Warf er jetzt einen Blick auf diese hochtrabenden und hochbezahlten Phrasen, an die er sogar über Jahre hinweg ehrlich geglaubt hatte, wurde ihm ähnlich schlecht wie von dem eingangs erwähnten Ziegelstein. Ja, das wäre vielleicht schon der Weg, den der gefeierte Bildhauer Konstantin ging: er verlegte sich darauf, Parkteiche mit schwimmenden, mehr oder weniger gekurvten Verbänden aus Ziegel- oder Pflastersteinen zu versehen, die wahlweise an abgetriebene Uferbefestigungen, Riesengoldfische oder herrenlose Landepisten für Modellflugzeuge erinnerten. Die Steine hatte er dabei stets so raffiniert mit Kanthölzern unterfüttert, daß sie gerade einen Daumen breit aus dem Wasser lugten, während die Unterfütterung überhaupt nicht zu sehen war. O diese Leichtigkeit! Die in diesem Lande kaum mehr dem „Sozialistischen Realismus“ huldigenden KunstkritikerInnen schwärmten, und Konstantin strich die in der Tat recht bequem verdienten Erlöse und Staatspreise ein.

Immerhin, es war nicht der Knabe Konstantin, der Elina, etwa durch ein Verplappern, zur Besatzungszeit ans Messer lieferte – das muß ihm hoch angerechnet werden. Und es war auch nicht die Umgehung des Gesangsverbots für Elina, auf das sich die Beteiligten anfangs notge-drungen geeinigt hatten. Es war die Hausmitbewohnerin M., Gattin eines Kollaborateurs, der bis dahin lediglich Abteilungsleiter bei den städtischen Gas- und Elektrizitätswerken gewesen war. Bald darauf leitete er den Betrieb. Seine Gattin, ohnehin an Langweile leidend, hatte sich, was die Wohnung der Cousine anging, schon so einiges zusammengereimt, und als sie einmal die WC-Spülung vernahm, obwohl eigentlich niemand in der Wohnung sein konnte, rief sie bei der Kriminalpolizei an.

Ja, das Gesangsverbot war das Schlimmste für Elina gewesen. Nach zwei Monaten hatte sie es nicht mehr ausgehalten. Sie brach in Schluchzen aus, preßte sich ein Sofakissen vors Gesicht und brachte die Gläser in Ivetts Vitrine zum Klingen, denn so heftig wackelte der Stuhl, auf dem sie saß – Zelko zerriß es fast das Herz. Sie überlegten hin und her. Heimliche Ausgänge wagen? Singen nachts im Wald? Und dergleichen mehr. Schließlich fiel Zelko ein früherer Schulkamerad ein, ein Pfarrer, der als „fortschrittlich“ galt. Seine Kirche lag gleich um die Ecke. Das war die Notlösung. Nun durfte Elina mehrmals wöchentlich im Schutz der Abenddämmerung über den Hinterhof zur Kirche schleichen, um dort vorgeblich für Aufführungen des Kirchenchors oder kirchliche Liederabende zu „proben“. Gegen mögliche Spitzel oder Polizisten hatten sie einen Wachdienst organisiert, sodaß immer einer Schmiere stand, Zelko, Konstantin, Ivett oder der Pfarrer höchstpersönlich. Nach einigen Monaten hätte Zelko bestimmte geistliche Arien selber singen können, so oft hatte er sie mitanzuhören. Ragtimes oder Schlager konnte Elina schließlich schlecht bringen, das wäre der dümmsten Putzfrau aufgefallen. Damals fanden sie das noch streckenweise witzig. Aber als Elina weg war und sich Zelko fragte, was sie jetzt wohl in ihrer Zelle oder, schlimmer noch, in der Gaskammer täte, stiegen jene Arien so übel in ihm auf, daß er glaubte zu ersticken. Die besagte Kirche betrat er nie mehr. Jetzt hätte er Lust, wieder hinzufahren, um mit zwei oder drei von Konstantins Ziegelsteinen die schönen, buntverglasten Fenster einzuschmeißen. Ob ihm das aber selber hülfe? Bei dem Versuch, seine Selbstachtung wiederzufinden?

Es hatte auch damals nicht an Scham und Schuldgefühl gemangelt, bei allen Beteiligten: Elina, Zelko, Ivett, ja sogar Snegana. Man male sich nur aus, wie allein der selbstlose und brandgefährliche „Wachdienst“ an der Kirche auf Elinas Stimmbänder drücken mußte. Wie sich versteht, fühlte sich Elina grundsätzlich in der Schuld, doch für ihren Geliebten und die anderen HelferInnen galt das nicht minder, weil sie nicht wußten, warum sie ein entschieden besseres Los verdient haben sollten als die Leute, denen zufällig der Judenstern oder sonst ein „Makel“ angeheftet worden war. Auch „Zigeuner“ wurden damals erbarmungslos verfolgt. Die Kirchenbosse gaben zu allem ihren Segen.

Im übrigen mischten sich in diesen zeitbedingten Zündstoff die üblichen heiklen Gesichtspunkte des Daseins und des Alltagslebens, die mit dem Faschismus wenig zu tun hatten. Ich schließe mit der „Nebenfigur“ Ivett. Zelkos Cousine war ein herzensgutes, aber schüchternes Mädchen – kurz, ein Mauerblümchen. Da sie bis dahin nie Männerbesuch hatte, konnte Zelko schwerlich als ihr neuer Liebhaber ausgegeben werden, zumal er deutlich älter war. Er galt als Verwandter, der jetzt häufiger nach ihr sah, weil sich die Notlage im Lande verschärft hatte. In Wahrheit konnte sich Ivett durchaus lebhaft ausmalen, Zelko schlüpfe nicht eine Zimmertür weiter, vielmehr in ihrem Zimmer unter die Bettdecke. Ich glaube, daran hatte sie ungleich mehr zu leiden als an den Entbehrungen und Gefahren, die sie als Elinas „Wirtin“ auf sich genommen hatte. Immerhin kam sie nach Elinas Verhaftung glimpflich davon. Ein einflußreicher Mann aus der Firma, in der sie beschäftigt war, hielt seine Hand über sie. Warum tat er das? Gewann er „das Mauerblümchen“ als Zierde seines gähnend leeren Einfamilienhauses? Wurde Ivett, nach dem Krieg, glücklich? Vielleicht sollte sich Zelko einmal zu ihr begeben. Er hatte sie ewig nicht mehr gesehen.



Sid Hookers letzte Worte

Gestern war Gregory Melville hier. Ich rechne es ihm hoch an, daß er den weiten Weg nicht scheute, und selbstverständlich war unsere beiderseitige Freude groß. Allerdings meinte er, es sei sicherlich auch ein angenehmerer Ort des Wiedersehens als diese schäbige Gefängniszelle denkbar. Ich nickte nach nebenan und sagte: „Vielleicht sollten wir den Marshal fragen, ob er uns in den Hof läßt ... Da könnte ich dir gleich die Stelle zeigen, wo ich in drei Tagen baumeln werde.“ Gregory musterte mich aus verkniffenen Augen, entschloß sich schließlich zu einem Lächeln und schüttelte langsam seinen bereits ergrauten Kopf: „Offenbar noch ganz der alte, mein lieber Sid. Neben deiner Abenteuerlust wußte ich auch deinen Sarkasmus schon immer zu schätzen. Es sind ja tolle Geschichten, die man aus Alabama hört. Also, pack mal aus! Die sozialistischen Biedermänner an der Ostküste sollen staunen!“

Gregory war schon zur Zeit der legendären Begegnung zwischen dem Gespann Emerson/Thoreau und dem Rußlandflüchtling Michail Bakunin Redakteur der New York Tribune gewesen. Bekanntlich fand diese Begegnung 1861 in Emersons Haus Old Manse in Concord, Massachusetts, statt. Bakunin stand damals im Begriff, sich von Boston aus nach Europa einzuschiffen. Weniger bekannt ist die Teilhabe meiner Wenigkeit an diesem sehr interessanten Gedankenaustausch. Ich war damals erst Mitte 20 und wußte nur nebelhaft, was ich eigentlich wollte, aber Thoreau hatte mich ans Herz geschlossen, wohl vor allem der „Balladen“ wegen, die ich damals verzapfte. Ein Jahr darauf lag Thoreau, mit gerade einmal 44, im Sarg. Was den rauschebärtigen Bürgerschreck Bakunin angeht, dürfte er nicht ganz unschuldig daran gewesen sein, daß ich mein Poetisieren bald darauf einstellte und mich dafür an verschiedenen mehr oder weniger anarchistisch gestimmten Manifesten versuchte. Später gab ich ein Blatt heraus, das Emerson mißfiel, dagegen Gregorys Unterstützung fand. Ihn hatte ich bei jener Gesprächsrunde im „alten Pfarrhaus“ kennengelernt. Wie sich versteht, breitete er sie damals brühwarm in der Tribune aus, was seinem Ruf als journalistischer Spürhund durchaus zugute kam, war doch Bakunin eigentlich oder angeblich „incognito“ gereist. Gregory und ich verstanden uns prächtig, obwohl er deutlich älter war, und schanzten uns in der Folge manche Gelegenheit zu. Rund 15 Jahre nach unserer ersten Begegnung ging ich wegen einer Erbschaft nach Alabama, doch wir blieben in Verbindung. Das war vor fünf Jahren. Und jetzt noch drei Tage ...

Gewiß war es mir gestern ein Vergnügen gewesen, Gregory die Geschichte der Licksfits-Umtriebe in manchen hübschen Einzelheiten exklusiv zu unterbreiten. Marshal Logan, der mich gut leiden kann, hatte uns vor Störungen oder Lauschern abgeschirmt. Aber nicht minder gewiß sah ich mich gezwungen, Gregory die Auflage zu stellen, den LeserInnen seines renommierten Blattes ausgerechnet die wichtigsten und „sensationellsten“ Einzelheiten vorzuenthalten. Schließlich hieß ich nicht Todd, der uns bedenkenlos verraten hatte. Diese Einzelheiten betrafen hauptsächlich Shayes Rolle bei unseren diversen „ungesetzlichen“ Aktivitäten und bei der Bestrafung Todds. Die zuletzt genannte Unternehmung brachte mir dummerweise meine Verhaftung ein. Selbstverständlich kam es nicht in Frage, die Liebe meines Lebens mit ins Verderben zu reißen. Shaye war nach ihrem Schuß auf den Köter, der mich ins Bein gebissen hatte, unverletzt entkommen, und etwas später war es ihr auch noch gelungen, sich mit den versprengten Kämpfern und Kämpferinnen der Licksfits-Truppe jenseits der Grenze in Mississippi wieder zu vereinigen. Andrerseits fand ich es äußerst ungerecht und jammerschade, Shayes Verdienste unter den Scheffel stellen zu müssen. Da ich aber zu Gregory volles Vertrauen hatte, erklärte ich ihm die Klemme, in der ich saß, und nahm ihm den Schwur ab, die Licksfits-Geschichte vorläufig nur in zensierter Form unter die Leute zu bringen, jedoch dafür zu sorgen, daß sie mehr erführen, sobald auch Shaye einmal unter der Erde läge. Zum Beweis für diese um einige Wahrheiten ergänzte Form der Geschichte erbat sich Gregory entsprechende Aufzeichnungen von mir, mit denen ich zur Stunde gerade beschäftigt bin, wie man liest. Wir vereinbarten auch einen „todsicheren“ Weg, wie ihn diese Aufzeichnungen erreichen würden, ehe mich der liebe County-Sheriff aufknüpfen ließe.

Er heißt übrigens Robin McIntosh und residiert ebenfalls hier in Grove Hill, wo ich vor Gericht stand und zur Stunde einsitze. Um den Ort der Gerichtsverhandlung hatte es zunächst ein gewisses Gerangel gegeben, bis man sich auf Grove Hill einigte, weil die Licksfits einen gehörigen Teil ihrer „Straftaten“ im Clarke County verübt hätten und weil ich mit Todd sogar in Jackson abgerechnet hätte, wo ich seit etlichen Jahren gemeldet bin. Vielleicht sollte ich auch an europäische LeserInnen denken. Grove Hill ist die „Hauptstadt“ des Countys, und Jackson am Tombigbee River liegt nicht weit von ihr entfernt. Im Umfang nehmen sie sich wenig. Der Europäer wird sie vielleicht Nester nennen, weil sie kaum mehr EinwohnerInnen als Emersons Städtchen Concord zu bieten haben, um 2.000 nämlich. Vielleicht sagt dem Europäer sogar der Name Alabama nichts? Um die Lage also kurz zu klären: Als ich vor rund fünf Jahren erfuhr, ein gewisser Thomas O'Brien, der sich als mein Patenonkel herausstellte, habe mir seine bei Jackson in Alabama gelegene Sägemühle vermacht, mußte ich grad wie der Europäer erst einmal zu einer Landkarte der neuerdings wieder Vereinigten Staaten greifen. Unser „Bürgerkrieg“ zwischen den Nord- und den Südstaaten endete 1865. Alabama zählt zu den in Sklaven und Schießeisen verliebten Südstaaten und grenzt bei Mobile sogar mit einem Zipfel an den Golf von Mexiko. Im ersten Augenblick war ich deshalb keineswegs von Onkel Thomas' Geschenk erbaut. Doch dann sagte ich mir, da unten ist es köstlich warm, selbst die Winter sind mild, und wenn alle Stricke reißen, kannst du diese verdammte Sägemühle verhökern und dich mit dem Batzen Geld wieder an Bord eines Küstenschiffes begeben. Und so geschah es auch … zur Hälfte. Der zweite Teil des Nofallplans, nämlich als reicher Mann wieder nach Neuengland zurückzudampfen, fiel ins Wasser, weil mir auf einem Steg über den Beaver Creek (der die Mühle antreibt) eine schwarze Hexe in den Weg trat. Das war Shaye.

Nicht, daß sie dunkelhäutig wäre. Die Tochter des Trappers Jack Licks hat lediglich etwas Choctaw-Blut in den Adern – aber das hat völlig ausgereicht, um die eher kleine, stämmige, schwarzgelockte Person nicht nur mit hitzigem Köpfchen auszustatten. Ich war sofort hingerissen. Allein ihre grauen, kaum merklich geschlitzten Augen sprühten mehr vor Lebenslust als die Felsen im Creek von der Gischt. Könnte sie in vier Tagen hier sein, brauchte sie sich lediglich bäuchlings ein wenig in Trauer auf meinem Grabhügel zu winden, um mich wieder zum Leben zu erwecken. Aber ich ließ ihr durch Frank versichern, falls sie auf die Idee käme, mit unserer Truppe das Gefängnis von Grove Hill zu stürmen, wären wir auf immer geschiedene Leute. Es wäre verfehlt. Sie bewachen mich seit meiner Festnahme, als sei ich der wieder auferstandene „Wild Bill Hickok“, der neulich in Deadwood, Black Hills, ins Gras biß. Dabei ist auch das verfehlt. Wenn schon, dann ist hier nur sie, Shaye Licks, die Heldin. Es liegt mir freilich fern sie zu verklären. Ned Buntline, dieser alte, herzkranke Säufer, Prediger und Schreiberling, hätte sie jede Wette als gertenschlanke, verrufene Squaw gegeben, der in jedem Stiefel je ein blutverschmiertes Messer locker sitzt. Buntline reüssierte bekanntlich um 1870 mit einer Woge aus verlogenen Groschenromanen über den angeblichen „Wilden Westen“, die nicht nur die Ostküste heimsuchte. In Wahrheit paarte sich Shayes Freiheitsdurst mit großem Verantwortungs-
gefühl. Ihren Scharfsinn hinzugenommen, verwundert es also nicht, wenn sich das doppelbödige Konzept der Licksfits vor allem ihr verdankte. Ohne ihre Anregungen hätte ich es bestenfalls zustandegebracht, auf dem Gelände meiner Sägemühle so etwas wie die Brook Farm aufzuziehen. Vermutlich wäre auch diese „Kommune“ nach wenigen Jahren den Bach heruntergegangen. Da ist es doch schöner, nach fünf Jahren erfüllten Vagabunden-
lebens an einem Strick zu baumeln und den ganzen großen Rest der Truppe, zigtausende Dollars eingeschlossen, unbeschadet in Mississippi oder Louisiana zu wissen.

Der Hebel zu unserem Konzept war Shayes Trompete gewesen. Sie beherrschte sie erstaunlich virtuos und träumte von einer Kapelle, die jedes lahme alabamische Rind zum Tanzen, ja vielleicht sogar ganz New Orleans zum Wackeln bringen würde, denn von dieser vergleichsweise nahen Küstenmetropole träumte sie ebenfalls. Doch als Tochter eines Trappers schoß sie auch verdammt gut, und so überschlugen sich unsere Pläne sozusagen von einer Umarmung zur nächsten. Die „Kommune“-Idee sagte ihr durchaus zu, nur stellte sie sich eine solche Unternehmung irgendwie „beweglicher“ vor. Selbstverständlich verspürten wir beide nicht die geringste Lust, Tag für Tag an einer lärmenden Gattersäge oder auch nur auf Gemüseäckern zu schwitzen. So verkauften wir die Sägemühle, wie schon angedeutet, behielten aber die sich anschließende Farm, da wir diese zunächst als Aufmarschgebiet, später als Winterquartier der ins Auge gefaßten Truppe zu nutzen gedachten. Hier gaben sich bereits in den ersten Wochen Dutzende von Gästen die Türklinke beziehungsweise die Querstangen unserer Pferdekoppel in die Hand. Wie sich versteht, kamen wir nicht umhin, streng zu sieben. Andrerseits stellten sich mit den Leuten Begabungen und Anregungen ein, auf die wir von allein gar nicht gekommen wären. Schließlich hatten wir rund 30 MitstreiterInnen beisammen, die kühn und emsig an die Bildung der fahrenden Artisten- und Lebensgemeinschaft Licksfits schritten. Wir schafften uns etliche Planwagen, Zug- und Reitpferde und auch einige nagelneue Schußwaffen an. Wir bauten Zirkuskulissen und übten die ersten Nummern ein.

Das wichtigste und schwierigste Training betraf freilich das Zusammenleben – ein Training, das sich selbstverständlich auf unseren Reisen bis zuletzt fortsetzte. Wie sich zeigte, war es beträchtlich einfacher, mit gekonnten Parodien auf Saloon-Schlägereien, Goldgräbergebaren und Showdowns zu glänzen, als ein unheldisches und aufrichtiges Miteinander in der eigenen Gruppe durchzusetzen. In dieser Hinsicht war unsere größte Stütze Margaret Fullers Tochter Conny, eine verschmitzte Frau Ende 40, die uns von George Ripley vermittelt worden war. Sie spürte den verheerenden Drang zum Rechthaben und zum Einschüchtern in den banalsten Gesprächen und Verrichtungen des Alltags auf, ohne die Betroffenen je zu beschämen. In unserer Zirkusband saß sie am Schlagzeug, man glaubt es kaum.

Shaye verstand es, die Leute nicht zuletzt durch ihre Musikalität zu begeistern. Sie hatte für jede heikle Situation die richtigen Takte oder Stücke bereit, und wenn sie sie nur pfiff. Sie brachte es auch fertig, einen Lulatsch wie Slim, der anfänglich zu allem seinen Senf geben mußte und dann kein Ende im Labern fand, mitten in der Gesprächsrunde als Zielstange für ihr Lasso zu benutzen, was sehr wirkungsvoll war, weil er buchstäblich mit Händen und Füßen zu reden pflegte. Alles lachte, Slim eingeschlossen. Jeder begriff Shaye im Grunde als Chefin, obwohl wir selbstverständlich alle gleichberechtigt waren und jede wichtige Entscheidung im Konsens fällten. Allerdings sah sich ein „harter Kern“ um Shaye und mich dazu gezwungen, die geplante illegale Seite unseres öffentlichen Wirkens in der ersten Zeit wohl oder übel stillschweigend von der Konsens-Regel auszunehmen. Wir wollten erst einmal etwas Erfahrung sammeln. Die Licksfits hatten sich über einen langen Sommer hinweg bereits einen gewissen Namen in unserem Heimat-County gemacht. Selbst ein reaktionäres Blatt wie die Tombigbee News zeigte sich uns gewogen, weil wir unsere Attacken gegen Rassismus, Ausbeutung und so weiter „auf höchstem künstlerischem Niveau“ vorbrachten und an den Lagerfeuern in unserer Planwagenburg nachweislich keine entführten Säuglinge brieten. Unsere eigenen nebenbei auch nicht. Aber im kommenden März, als wir mit unserem Troß gen Osten zum Conecuh River aufbrachen, um zunächst die Gegend zwischen Andalusia und Troy mit unseren Darbietungen zu erfreuen, wollte es der „harte Kern“ wissen. Er setzte sich eines Nachts vorübergehend zu Pferd von der Truppe ab, um die Bankfiliale der Wells Fargo in Elba, Coffee County, aufzusuchen. Wir raubten sie kurz nach Öffnung aus.

Shaye und mir war bereits vor der ersten Suche nach Mitstreitern für unser Projekt „klar wie Klosbrühe“ gewesen, es würde auf Dauer unmöglich sein, eine Gruppe von über 40 Köpfen (die Kinder eingeschlossen) allein durch Zirkusvorstellungen, Tanzveranstaltungen, Jagd, Nüsse sammeln und freundliche Sachspenden seitens der Bevölkerung zu ernähren. Wir mußten also Geldquellen erschließen, die uns möglichst wenig Arbeit aufbürden würden. Da kam Engelbert, von dem wir jenen Spruch mit der Klosbrühe übernahmen, sozusagen goldrichtig. Er stammte von deutschen Einwanderern ab und hatte im Raum Texas/Kalifornien einige Jahre für die Wells Fargo als Postreiter und Kutscher gearbeitet. Man hielt ihn schon aufgrund seiner Abkunft für solide, und dann hatte er sein eckiges Gesicht auch noch mit einem rötlichen Bart eingerahmt, der jeden Gedanken an schwarze Gesichtstücher in weite Ferne rückte. So hatte man ihn auch bald als „Geldbriefträger“ verwendet, wie er dazu zu sagen pflegte. Als er bei uns eintraf, hatte er eine längere Flucht hinter sich – und keinen halben Dollar mehr in der Tasche. Engelbert war also der erste „Kommunarde“, den wir in unsere illegalen Absichten einweihten, und dann verdankten wir auch unseren ersten Coup in Elba eben ihm. Wir ritten zu sechst. Es war ein ziemlich harmloser Überfall am hellichten Tage, der dem Trottel in der Bank nur ein paar Kratzer, uns dagegen rund 3.200 Dollar einbrachte. Dabei hatten wir für den Raub selber lediglich zwei Leute eingesetzt. Die anderen waren mit ihren ausgeruhten Gäulen an günstigen Punkten, die ein spurloses Wegtauchen gestatteten, postiert worden – nach Art einer Staffel also, über mehr als 30 Meilen hinweg. Die Verfolger hatten keine Chance.

Unser „harter Kern“ war sich somit darüber im klaren, daß das künstlerische Unternehmen Licksfits zu einem guten Teil als Tarngeschäft begriffen werden mußte und auch erst dadurch auf das Niveau eigentlicher Lebenskunst zu heben war. Aber das konnte auf Dauer nicht insgeheim, ohne ausdrückliche Billigung der ganzen Gruppe vonstatten gehen. In manchen Planwagen wurde ohnehin schon gemunkelt, weil es wieder einmal Schwierigkeiten in der Terminplanung (Zirkus/Raubzug) gegeben hatte oder weil das jüngste krumme Ding, über das sich die Blätter empörten, zufällig wieder einmal in der Nähe unserer Wagenburg gedreht worden war. Zu allem Unglück luden wir „Illegalen“ uns im August jenes zweiten Sommers einen Deputy Sheriff aufs Gewissen, unsere erste, aber bis heute auch einzige „feindliche“ Leiche, nimmt man Norris' Dogge und unseren lieben Todd einmal aus. Wir hatten bei Greenville den Weg einer Postkutsche gekreuzt, die neben den Fahrgästen und Schutzleuten eine hübsche, kleine Kiste mit Goldbarren beförderte. Wir konnten das Kistchen fast mühelos übernehmen, aber dann setzten uns ein paar eigentlich unbeteiligte Leute eines zufällig vorbeikommenden Gefangenentransportes nach, voran jener Tropf von Deputy, der wahrscheinlich von seiner Beförderung träumte – zum Sheriff, nicht ins Jenseits. Shaye schoß ihn im Reiten mit ihrer nagelneuen Büchse, einer Winchester 76, vom Pferd.

Wir lagerten damals unmittelbar am Ufer des Conecuh Rivers. Für den Tag nach dem Coup bei Greenville war keine Vorstellung angesetzt. Heil zurückgekehrt, baten wir die Gruppe um eine außerordentliche Vollversammlung, da eine Gefahr im Anzug sei. Shaye gewann zwei Mädchen aus dem nächsten Dorf, die sich in der Wagenburg schon fast heimisch fühlten, fürs Kinderhüten. Wir rund 30 Erwachsenen begaben uns nach Mittag auf eine nahe, von drei dicken Eichen beschirmte Anhöhe. So hatten wir Schatten und zugleich freie Sicht auf ungebetene MithörerInnen. Wir saßen wie immer im Kreis. In der Mitte lag „zufällig“ ein schwarzes Tuch. Engelbert, inzwischen von seinem roten Bart befreit, erhob sich, sah mit ernster Miene in die Runde und verkündete, spätestens übermorgen könnten die lieben Genossinnen und Genossen in der Andalusia Post oder im Montgomery Observer lesen, bei Greenville sei eine Postkutsche überfallen worden. „Ratet mal, was sie, neben den Fahrgästen und den Liebesbriefen, an Bord hatte ..?“ Erwartungsgemäß bekam er keine Antwort, es sei denn, man erblickte eine solche in dem Umstand, daß sich sein unheilschwangerer Gesichtsausdruck nun auch in der Runde ausbreitete. Engelbert zog einen kleinen, schmalen Goldbarren aus der Messertasche seiner kurzen Lederhose, warf ihn auf das erwähnte Tuch, grinste und nahm wieder Platz.

In jeder Gruppe von Goldschürfern, Viehhirten oder Gesellschaftern eines Eisenbahnunternehmens hätte es für Minuten, wenn nicht Stunden heillosen Aufruhr gegeben. Die Licksfits dagegen waren inzwischen gut geschult, und das bewährte sich auch in dieser heiklen Situation. Es dauerte keine drei Stunden, bis unser „illegales“ Programm die überwiegende Zustimmung der Truppe besaß, obwohl zu diesem Zwecke wesentliche Fragen moralisch-politischer und selbstverständlich auch taktischer Natur zu erörtern waren. Erstaunlicherweise erwies sich der erschossene Deputy noch nicht einmal als die härteste Nuß. Jeder sei schließlich selbst dafür verantwortlich, auf welche Seite er sich stelle, wurde argumentiert, und dann habe er auch die möglichen Folgen zu tragen. Niemand habe den Deputy dazu gezwungen, sich seine Brötchen ausgerechnet im unmittelbaren Handlangerdienst für den menschenfeindlichen Kapitalismus zu verdienen. Nicht anders hätten wir später argumentiert, wenn 12 Soldaten der Unions-Armee so dumm gewesen wären, unsere mit Dynamit gewürzten Drohungen nicht ernst zu nehmen. Wie sich versteht, bildete sich niemand von uns ein, der Kapitalismus und sein Staat ließen sich durch möglichst durchgreifende Schießereien aus den Köpfen der Leute putzen. Dazu versuchten wir, wenn überhaupt, eher durch unsere satirischen Husarenstückchen im Zirkus und das Vorbild unserer Lebensweise beizutragen. Unsere spärlichen „Gewaltakte“ stellten lediglich Notwehr-maßnahmen von armen, freiheitsdurstigen Schluckern dar, die wir ja waren. Nach dieser Versammlung unter den Eichen waren wir allerdings drei weniger. Drei Genossen verließen uns anderntags, weil sie den neuen „illegalen“ Kurs nicht mittragen wollten. Das nahmen wir ohne Groll hin. Nach einigen Jahren ohne sie darf auch als gesichert gelten, daß sie dicht hielten, uns also nicht verrieten. Das war Todd vorbehalten.

Todd hatte damals ebenfalls unter den Eichen gesessen. Er hatte unsere Geldbeschaffungsaktionen gut geheißen und beteiligte sich in der Folge auch selber daran. Er war um 30, blond, eher schmächtig, aber wendig wie ein Wiesel, was uns sowohl bei solchen Aktionen wie bei manchen akrobatischen Zirkusnummern zugute kam. Reiten konnte er wie der Teufel. Zu behaupten, ich hätte schon immer Unheil in ihm gewittert, wäre glatt gelogen. Er stand mir einfach nicht besonders nahe, das war alles. Selbst Conny Fuller zeigte sich später überrascht davon, daß er uns nach dem Eisenbahn-Coup, bei dem er als einziger Aktivist geschnappt wurde, ans Messer zu liefern versuchte. Das gelang ihm zwar nicht, aber damit war das Projekt Licksfits gestorben. Conny meinte allerdings, etwas unangenehm sei ihr zuweilen Todds Mangel an Humor aufgestoßen. Humorlosigkeit passe ja eigentlich nicht zu guten, offenen, freiheitsliebenden Menschen, zumal wenn sie eher Kabarett als Zirkus machten. Ich nehme an, sie hat recht. Wahrscheinlich läßt sich noch nicht einmal sagen, Todd habe schon immer dazu geneigt sich zu verstellen. Nein, das tat er keineswegs. Mit seiner Behendigkeit täuschte er sich höchstens selbst. Denn im Grunde seines Herzens war er ein ängstlicher, verklemmter Mensch – ein Duckmäuser, hätte Thoreau gesagt. Irgendwann fühlt sich so ein Duckmäuser von den ihn umgebenden freiheitlich gestimmten Menschen zu sehr bedrängt, vielleicht sogar beschämt, und dann wird er unter Umständen, wenn nicht gewalttätig, zum Verräter.

Wie wir vor einigen Monaten durch einen sturzbetrunkenen Offizier erfahren hatten, gedachte die Unions-Armee die neue Eisenbahnstrecke von Montgomery nach Mobile zur Beförderung des Soldes der traditionell in Mobile kasernierten „Streitkräfte“ zu nutzen. Für EuropäerInnen: Montgomery ist die Hauptstadt Alabamas. Günstigerweise kannte eine Licksfits-Genossin einen Soldaten aus der dortigen Schreibstube, der mit dem Transport zu tun hatte. So wußten wir, in welchem Waggon des betreffenden Güterzuges der Zaster zu finden sein würde. Allerdings hieß es, neben den Dollars befänden sich, für alle Fälle, ein Dutzend Wachsoldaten in diesem Waggon. Wir beschlossen, sie lediglich einzuschüchtern statt zu töten. Shaye hatte fünf Jahre früher unter anderem einen baumlangen Creek-Indianer „eingebracht“, den alle Welt nur Mico rief. Mico war ein toller Gefährte, wie sich längst erwiesen hatte, zudem ein hervorragender Bogenschütze. Nun hatte er die Idee, mit dem neuartigen Sprengstoff zu arbeiten, den sie drüben in Schweden erfunden hatten, Dynamit. In geraffter Form erzählt, lief die Sache in der Tatnacht folgendermaßen ab.

In Montgomery brachte einer von uns kurz vor Abfahrt des Zuges unter dem Waggon, der vor dem Geldwagen fahren würde, ein Bündel Dynamitstangen an. Wir anderen des Kommandos, außer Mico, lauerten bei Evergreen am Beginn einer Steigung, die den Zug zu der vergleichsweise harmlosen Geschwindigkeit von rund 10 Meilen zwang. Mico dagegen hockte weiter oben kurz vor dem Ende der Steigung in einem Maisfeld. Als die Scheinwerfer der Lok bereits an seinem Versteck vorübergeglitten waren, sahen wir ein kurzes Aufflackern, dann krachte es gewaltig. Dieser Eingriff, bei dem Mico das Dynamitbündel im Gehen oder Laufen mit Hilfe eines lodernden Pfeiles gezündet hatte, führte logischerweise dazu, daß der betreffende Güterwaggon in die Luft flog. Er selber hatte sich rechtzeitig auf den Boden geworfen. Zum Glück rissen auch die Kupplungen zu den benachbarten Waggons, sonst hätte es den halben Zug vom Gleis gehoben. So aber rollten alle noch folgenden Wagen wieder die Steigung hinab, während der Kopfteil des Zuges über der Anhöhe verschwand. Wir hockten ziemlich genau dort im Erlengestrüpp eines Tümpels, wo der nunmehrige erste Waggon des abgesprengten Zuges zum Stillstand kam, also der Waggon mit der Geldtruhe und den 12 Soldaten. Todd als der Wendigste von uns enterte ihn blitzschnell, pochte mit seinem Coltgriff aufs Dach und rief:

„Hört mal zu, ihr Vollidioten! Das nächste Bündel Dynamit ist genau unter euren Plattfüßen am Wagenboden angebracht. Es wird gezündet, sobald ich wieder verschwunden bin. Wollt ihr es darauf ankommen lassen oder zieht ihr es vor, eure Waffen aus dem Fenster zu werfen und diesen stinkenden Minkbau anschließend mit erhobenen Händen zu verlassen? Wir garantieren euch euer Leben. Ihr werdet lediglich gebunden. Wir wollen nur das Geld. Sobald wir es haben, ziehen wir Leine.“

Auf die Gefahr hin, als Pfennigfuchser oder Prahlhans zu gelten: diese Worte stammten von mir. Todd hatte sie auswendig gelernt, schließlich waren wir eine Theatertruppe. Er selber wäre kaum auf solche blumigen Worte gekommen, sie widersprachen seiner Natur, die ich ja bereits angedeutet habe. Man kann diese Ansprache aber auch nicht für seine Verhaftung und seinen daraufhin erfolgten Verrat an uns verantwortlich machen. Sondern er blieb entgegen unserer Absprache auf dem Waggondach, während wir die Unternehmung abschlossen. Immerhin sah er dadurch weiter als wir. Vielleicht bildete er sich aber auch nur ein, er könne uns von dort oben im Notfall besseren Feuerschutz geben. Jedenfalls waren wir genug, acht Leute ohne ihn, konnten ihn also getrost entbehren. Mico war inzwischen wieder bei uns eingetroffen. Damit zurück zu den 12 Soldaten: sie zogen tatsächlich einem möglichen In-die-Luft-gesprengt-werden die mögliche Erschießung als Gefangene vor, schmissen ihre Waffen aus dem Fenster und ließen sich von uns der Reihe nach in Empfang nehmen und an Händen und Füßen binden. Wir schoben und wälzten sie kurzerhand unter den Waggon ins Gleisbett, weil sie uns sonst nur im Wege gewesen wären.

Shaye und Engelbert schlüpften unterdessen in den Waggon und warfen uns wenig später die Truhe der Army vor die Füße, die dabei erfreulicherweise aufsprang, weil sie genau mit dem Schloß auf einem scharfkantigen Feldstein gelandet war. Während wir die Dollarbündel in Windeseile auf die Satteltaschen unserer Pferde verteilten, fluchte Todd plötzlich „Verdammt!“ und fuchtelte in Richtung der Anhöhe, hinter welcher der vordere Teil des Zuges verschwunden war. Offenbar hatte man etwas gemerkt und den Zug alsbald gestoppt, denn nun stürmte eine Horde von Leuten über den Schotter oder den anliegenden Erdnußacker auf uns zu. Sie steckten teils in Bahnuniform, sonst waren es Zivilisten, aber da das Mondlicht gut war, sah man auch die Waffen, die sie schwangen. Es schien sich überwiegend um Colts und Flinten zu handeln, nur ein breiter Kerl fuchtelte mit einer Eisenstange herum, wahrscheinlich der Heizer. Wir saßen im Nu auf unseren Pferden. Shaye war dabei geistesgegenwärtig genug, sich auch noch die Zügel von Todds Gaul zu greifen und derart die Seitenwand des beraubten Waggons zu streifen. „Nun los schon, du Hornochse“, rief sie zum Dach hinauf, „spring!“

Todd begriff und drückte sich ab. Bei seiner Behendigkeit wäre er vermutlich tadellos in seinem Sattel gelandet, wenn sich nicht einer der unter dem Waggon verstauten gefesselten Soldaten schon vor einigen Minuten dazu entschlossen hätte, sich rücklings, die gut besohlten und beschlagenen Stiefel voran, ungefähr einen Meter über die vordere Schiene zu schieben. Jetzt trat er Todds Gaul genau im richtigen Augenblick in die Haxen. Der Gaul brach aus, womit auch Shayes Gaul einen Satz nach vorn machte. Todd krachte in die Disteln, die hier den Schotter des Gleises säumten. Zwar wendete Shaye ihr Pferd noch einmal auf der Hinterhand, doch da uns bereits die ersten Kugeln um die Ohren pfiffen, rief sie: „Abhauen!“ und preschte auch schon selber davon. Wir bescheinigten ihr etwas später, als wir uns in einem Hickhoryhain unweit eines erquickenden Rinnsals die erste Pause gönnten, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Hätten wir versucht, Todd herauszuhauen, wären wir nicht umhin gekommen zu schießen, und damit hätte es sehr wahrscheinlich ein Blutbad mit Toten auf beiden Seiten gegeben. So aber bestand eine gewisse Chance, Todd aus dem Knast zu befreien, falls er nicht bereits am nächsten Signalmasten hing. Den Inhalt unserer Satteltaschen nahmen wir erst in der Werkstatt eines mit uns befreundeten Hufschmieds in Augenschein. Sam hatte seine Esse schon vor dem Morgengrauen entfacht. Es waren über 16.000 Dollar. Wir gaben Sam 400 davon ab, hatte er doch einen Schlag von Plagen, die er kaum ernähren konnte.

Zwei Tage später erfuhren wir durch einen Gewährsmann, der in Grove Hill beim County-Sheriff beschäftig war, gottseidank noch rechtzeitig, Todd habe an diesem Morgen ausgepackt, weil man ihm Straffreiheit zugesichert hatte. Gegen eine Kaution, die merkwürdigerweise der Tabakpflanzer Norris gestellt habe, und mit der Auflage, sich täglich beim Town-Marshal von Jackson zu melden, sie er daraufhin sogar auf freien Fuß gesetzt worden. Nach dieser niederschmetternden Eröffnung beschlossen wir innerhalb von wenigen Minuten, unsere Planwagen im Stich zu lassen und uns zunächst einmal aufzuteilen. Allerdings wollte Conny bei Sam vorbeireiten, um ihn zu bitten, sich um die Planwagen und die Zugpferde zu kümmern. Wie sich versteht, teilten wir auch das Gold und die Dollars auf, die wir besaßen. Wir trafen ein paar Vereinbarungen, um uns benachrichtigen und möglicherweise wieder vereinen zu können, umhalsten uns und sprengten, einzeln oder in kleinen Gruppen, Kinder eingeschlossen, in alle Himmelsrichtungen davon.

Ich ritt mit Shaye Richtung Butler. Auf einem Saumpferd hatten wir ein paar Habseligkeiten dabei, darunter freilich weder Shayes Trompete noch mein Banjo, lag doch für jedes Kind auf der Hand, diese Instrumente fänden sich schon morgen landesweit auf unseren Steckbriefen angeführt. Unsere Farm bei Jackson konnten wir natürlich vergessen. Aber in Butler kannten wir immerhin einen vielseitig begabten und beziehungsreichen Bader, Doc Stanford, der uns wahrscheinlich dabei behilflich sein konnte, uns auch im Erscheinungsbild etwas zu verändern. Außerdem lag das Städtchen unweit der Grenze zu Mississippi. Es war ein Wunder, daß wir zu zweit heil dort ankamen, denn zunächst drohte Shaye vor Wut auf Todd zu platzen – und dann deshalb, weil ich beflissen versuchte, ihr den „Straf- und Vergeltungsgedanken“ und insbesondere „den Wahn mit der Blutrache“ auszureden, wie sie mich mehrmals höhnisch nachäffte. Als Anhänger libertären Gedankengutes blieb mir ja nichts anderes übrig. Strafe verbessert nichts, ganz im Gegenteil. Und was geschehen ist, ist geschehen. Es läßt sich durch „rächen“ nicht mehr beeinflussen. Shaye bestritt das nicht unbedingt, aber sie klammerte sich an das Wort Blut, das ich selber aufgebracht hatte. Es sei das Blut der verratenen Gruppe, das in ihr koche, und es handle sich dabei doch um ihr Blut – ob ich vielleicht wünschte, daß sie wirklich platze? Nein, das wünschte ich selbstverständlich nicht. Außerdem gestand ich mir ein, wenn ein Racheakt auch nicht zurückwirken könne, sei er in manchen Fällen doch wenigstens geeignet, für Verbesserungen in der Zukunft zu sorgen, beispielsweise durch das Mahnmal Üb immer Treu und Redlichkeit, das mit ihm gesetzt werden kann. Diesen Spruch hatte ich nicht von Engelbert, sondern noch von Bakunin. Er hatte uns damals, in Emersons Old Manse, beim Tee versichert, obwohl der Ausspruch von seinem Widersacher Karl Marx stamme, sei er so hübsch wie beherzigenswert. Emerson meinte allerdings, er stamme aus einem alten deutschen Volkslied. Da sie beide keine Belege vorweisen konnten, blieb die Sache unentschieden.

Kurz und gut, einen beträchtlichen Teil unseres Rittes nach Butler verbrachten Shaye und ich mit dem Schmieden eines Racheplans. Wir waren uns bald in der Einschätzung einig, die Kaution für Todd sei nicht so zufällig ausgerechnet vom Tabakpflanzer Norris gestellt worden. Todd stammte zwar aus Selma, aber im Laufe unseres letzten Winterquartiers auf der Farm hatte er sich mit einer Zicke angefreundet, die Norris' jüngste Tochter war. Somit war anzunehmen, Todd würde sie vor oder nach seinen täglichen Rapporten beim Town-Marshal besuchen, wenn er nicht ohnehin schon auf Norris' Ranch beschäftigt und ganz wie zu Hause war. Norris' Ranch klemmte knapp zwei Meilen außerhalb von Jackson zwischen dem Beaver Creek und einem Steilhang namens Falcon's Head. Wie sich versteht, hätte es Duckmäuser Todd niemals gewagt, auf der Licksfits-Farm zu wohnen, die auf der entgegengesetzten Seite von Jackson lag. Schließlich galt sie inzwischen als Unterschlupf verruchter BankräuberInnen. Vielleicht rechnete er sogar bereits mit einem Anschlag seitens seiner Ex-Genossen, dumm war er ja nicht. Wir hatten uns vorzusehen.

Drei Tage später schlugen wir uns zwischen den Felsen, die den „Falkenkopf“ spickten, einige Morgenstunden um die Ohren. Zwar hatte uns Doc Stanford für den gefahrlosen Herritt gründlich umfrisiert, aber nun wollten wir es nicht darauf ankommen lassen, erkannt zu werden. Das galt auch für den Anschlag selbst. Ich kann die Sache kurz machen, denn diese Unternehmung gelang uns ja nicht gerade rühmlich. Wir hatten uns am Vorabend noch einmal bei einer alten Schulfreundin Shayes in Jackson nach Todd erkundigt. In der Tat schien er bereits zum Inventar der Ranch zu zählen. Nach dem Frühstück hämmerte er in der Werkstatt der Ranch herum, während sich andere Familienmitglieder im Haus oder im Schweinestall zu schaffen machten. Vielleicht zimmerte er bereits an seinem Sarg. Wie es aussah, zählte auch eine kalbgroße, schwarze Dogge zur Familie, denn sie stolzierte alle fünf Minuten einmal über den Hof um aller Welt zu signalisieren, dies alles hier gehöre ihr. Doch nach rund einer Stunde atmeten wir auf. Todd kam aus der Werkstatt und begann sich offensichtlich reisefertig zu machen. Entgegen unserer Annahme sattelte er allerdings kein Pferd sondern schirrte zwei kräftige Gäule vor einen leeren Leiterwagen. Das gefiel uns zunächst, weil wir dadurch noch früher als Todd an der Tabakscheune eintreffen konnten, die auf halbem Wege zwischen der Ranch und Jackson hart an dem Karrenweg lag, den er hoffentlich nahm. Das tat er auch, aber trotzdem machten wir ein langes Gesicht. Denn ehe die beiden Gäule anzogen, hatten sich mit jeweils artgerechten Sätzen ein schlacksiger, rothaariger Bursche um 30 und die verdammte schwarze Dogge auf den Leiterwagen geschwungen. „Mist!“ knurrte Shaye. „Das ist Liam Norris, ein Bruder von der Zicke.“ Passend beugte sich die Zicke auch schon aus einem Küchenfenster, um ihrem Liebhaber Todd nachzuwinken. „Macht nichts“, erwiderte ich. „Wir werden Liam kein rotes Härchen krümmen und dennoch zum Ziele kommen. Oder was denkst du? So viel Zeit, bis wir Todd unbegleitet serviert bekommen, sollten wir uns vielleicht lieber nicht nehmen. Immerhin bewegen wir uns hier in der Höhle des Löwen.“ Sie überlegte einen Augenblick, bevor sie zustimmend nickte. Daraufhin zogen wir uns schleunigst aus den Felsen zu unseren ausgeruhten Pferden zurück.

Wir hatten unseren Plan auf die Annahme gebaut, Todd werde sich pflichtgetreu im Laufe des Vormittags von seinem neuen Wohnsitz zum Rapport beim Town-Marshal in Jackson begeben, und der übliche Weg dahin war just der Karrenweg längs des Creeks, der die erwähnte Tabakscheune streifte. Die Richtigkeit dieser Annahme wurde später bei der Gerichtsverhandlung bestätigt. Die schmal und hoch gebaute Tabakscheune hatten wir uns zu Todds Empfang ausgeguckt, weil ihre senkrecht gestellten Seitenbretter zwecks Regelung der Belüftung der in mehreren Etagen aufgehängten Tabakbündel beweglich waren und uns somit hübsche Spalte für unsere Augen und unsere Gewehrläufe boten. Außerdem warf sie ihren Schatten günstigerweise nach hinten, sodaß unsere dort versteckten Pferde nichts zu murren hatten. Wir hockten in der ersten Etage und hörten bereits den Hufschlag und das Knarren des von Todd geführten Gespanns. Aber was wir eben nicht eingerechnet und zuletzt unterschätzt hatten, war Todds Begleitmannschaft, der rote Liam und die schwarze Dogge. Das Viech war nicht auf den Kopf gefallen. Als sich das Gespann noch mindestens 50 Meter von unserer Falle entfernt befand, stutzte Liam, griff in Todds Leinen und sagte stirnrunzelnd: „Warte mal, da stimmt was nicht ..!“

Todd kam der Aufforderung nach und brachte die Pferde zum Stehen. Unterdessen hatte sich Liam schon umgewandt und die Dogge ins Auge gefaßt. Schwupp! stand sie mit einem Sprung auf der Straße und schritt geschmeidig aber vorsichtig auf den prallen Jutesack zu, den wir gleichsam vor unseren Nasen mitten auf den Karrenweg gelegt hatten. Er war lediglich mit Tabakbündeln ausgestopft. Das wußten natürlich weder die beiden Männer auf dem Wagenbock noch die schwarze Dogge. Jetzt beschnüffelte sie den Sack und begann auch schon unheilschwanger zu knurren, während sie argwöhnisch in die Gegend blickte. Gewiß hätten wir Todd auch auf 50 Meter vom Bock holen können, aber es war Shayes brennender Wunsch gewesen, ihn aus nächster Nähe mit zärtlicher Stimme wissen zu lassen, wer ihn innerhalb der nächsten Sekunden ins Jenseits befördern würde. Jetzt mußten wir meines Erachtens blitzschnell umsatteln. Ich stieß Shaye an, nickte zum Fuhrwerk und zischte: „Los, ruf ihn kurz an! Ich lege ihn dann sofort um.“

So geschah es. Allerdings wäre es nicht übel gewesen, wenn wir Zeit gehabt hätten, die Sache noch weiter zu denken. Shaye rief also durch den Spalt: „Hallo, Todd, Darling!“ Wie zu erwarten war, zuckte Todd zusammen und wurde schlagartig blaß wie der Karrenweg. Im nächsten Augenblick hätte er, um Liam ins Bild zu setzen, möglicherweise Shayes Namen ausgeplaudert, aber vorher schoß ich. Man versicherte mir später, meine Kugel habe ihn genau ins Herz getroffen. Dann überschlugen sich die Dinge freilich. Während Todd wie ein Sack mit matschigen Kartoffeln vom Bock glitt und die schwarze Dogge mit wütendem Gebell gegen die Tabakscheune ansprang, rannte Liam bereits hakenschlagend und mit gezogenem Colt auf die Hinterfront der Tabakscheune zu. Shaye und ich hatten uns selbstverständlich auch schon in Bewegung gesetzt: wir stürzten aus dem rückwärtigen Tor zu unseren Pferden. Leider konnte ich dem Gebell der Dogge entnehmen, daß sie es bei ihrer Klugheit inzwischen ihrem Eigentümer nachgetan hatte. Als wir in unsere Sättel sprangen, keuchte der rote Liam gerade um die Scheunenecke, während mir sein verdammter schwarzer Köter bereits am rechten Stiefel hing. Meinen Colt konnte ich nicht ziehen, weil ich in der einen Hand noch meine Büchse, in der anderen die Zügel hielt. Während ich mit dem Büchsenschaft auf den Schädel der Dogge einhieb, rief Shaye, die schon fast zur anderen Scheunenecke gesprengt war und sich nun zu mir umsah: „Achtung, Sid, ich mache sie fertig!“ Tatsächlich krachte sogleich ihre Büchse, und die Dogge landete nach einer jaulenden Pirouette schwer im Gras. Nur war es ein paar Sekunden zu spät. Inzwischen hatte mich nämlich auch Liam erreicht und mit einem gezielten Griff um meinen Colt erleichtert. Jetzt hatte er schon zwei Schießeisen in den Fäusten. „Hau ab!“ brüllte ich deshalb zu Shaye. Zwar hielt ich noch immer meine Büchse in der Hand, aber sie war leider ungeladen, wie sich vermutlich auch Liam gedacht hatte. Er war ein paar Schritte zurückgetreten und keuchte immer noch. Zwischen uns lag jetzt die tote Dogge. Während ich hörte, wie sich Shaye auf dem Karrenweg von der Scheune entfernte, und sah, wie an meinem rechten Stiefel ein paar Blutfäden hinabrannen, knurrte Liam:

„Jetzt wirfst du mal endlich deine Flinte weg, hast du gehört? Und dann steigst du mal schön von deinem Gaul. Und dann stellst du dich mit erhobenen Flossen an die Scheunenwand, und zwar mit dem Rücken zu mir, hast du mich verstanden ..?“

Seitdem sagte ich mir schon mehrmals, ich hätte es Liam möglicherweise hoch anzurechnen, daß er mich dem Town-Marshal von Jackson lebend übergab, statt mich vorher, selbstverständlich als verschnürtes Paket, windelweich zu hauen und dann in den Beaver Creek zu werfen. Denn nur so konnte es zu diesem Bericht kommen. Andererseits hätte man das gleiche auch im umgekehrten Falle behaupten können. Ich meine damit, neben dem Verräter Todd hätten wir selbstverständlich auch Liam vom Bock des Leiterwagens schießen können. Und Shaye hätte ihn immer noch von der Scheunenecke aus erledigen können, statt lediglich seinen verdammten Köter stumm zu machen. Aber wir hatten in unserem Plan, wie schon früher bei all diesen „ungesetzlichen“ Aktivitäten, eben keine vergleichsweise unschuldigen Opfer vorgesehen, und daran hielten wir uns bis zuletzt. Darauf könnte ich vielleicht sogar stolz sein. Im übrigen nahm ich vor Gericht, außer Todd, auch noch jenen Deputy von dem Postkutschenüberfall auf meine Kappe. Das hat ja den günstigen Nebeneffekt, daß Shaye, so lange sie noch lebt, zumindest nicht im Ruf einer Mörderin steht und vielleicht nicht unbedingt mit allen Hunden gehetzt wird. Allerdings könnte es auch ein paar Strohköpfe dazu verleiten, mich als Revolverhelden zu feiern. Dagegen läßt sich einstweilen nichts machen. Ab morgen früh 8 Uhr 30 dürfte es mir ohnehin egal sein.

Neben dem Datum folgt hier die Unterschrift des Häftlings: Sid Hooker



Zermalmung einer Ikone

Ich berichte von einem weiteren Romanprojekt, das ich nach einigen Anläufen und Erwägungen wohlweislich wieder fallen ließ. Hier zunächst der Beginn des geplanten Werkes:

„Ja, er könnte es sein“, murmelte Jan. „Das wär ja ein
Ding ..!“

Er ließ die Lupe auf den aufgeschlagenen Ausstellungs-katalog sinken und erhob sich, um durch sein einziges Zimmer zu wandern. Während sein Blick wie eine schlaftrunkene Echse durch die Ranken des abgewetzten, ehemals weinroten Teppichs glitt, versenkte er auch noch seine Hände in den Hosentaschen, weil er auf diese Art besser denken konnte. Theoretisch jedenfalls. Praktisch schlugen der Lärm und die Abgase der Autos an die Zimmerfenster. Was für ein schäbiges Loch für seine neue Geliebte! Und trotzdem hatte sie gesagt, für sie sei es das Himmelreich.

Durch Libuše hatte er vor einigen Tagen den alten Schrojf kennengelernt. Sie hatten in seinem Betrieb herein-geschaut, weil sie nach dem Besuch des Hallenbades zufällig dort vorbeiradelten. „Das gehört meinem Patenonkel“, erklärte Libuše mit einem Nicken über die baufällige Fabrikmauer, das nicht gerade Stolz verriet. Wie sich herausstellte, war Schrojf der „Seniorchef“ einer Autosattlerei mit fast 50 Beschäftigten, die er in eine ehemalige, schon halbverfallene Hammerschmiede gepfercht hatte. Er führte Jan und Libuše hindurch. Seine Leute polsterten und bezogen Sitze für irgendeine große Autofabrik. Laut Libuše ging der Alte schon auf die 80 zu. Zwar war er klein und schmächtig, dabei aber knorrig, das sah man gleich. Hinterher meinte Libuše, er sei erheblich zäher als das Leder, das sie dort zum Teil verarbeiteten, und zog über ihn her. Ihre Tante hätte schon mit 40 wie eine verhuzzelte Backpflaume ausgesehen, weil sie bei Schrojf nichts zu lachen, aber ein Kind nach dem anderen zu gebären hatte. Ein Tyrann also, und geizig sei er auch. Was Wunder, wenn er sich als Jugendlicher gleich nach dem Einmarsch der Deutschen der SA anschloß. Das habe er den Kommunisten, die den gelernten Sattler dann bald nach dem Kriege zum Produktionsleiter einer Kartonfabrik machten, natürlich nicht auf die Nase gebunden. Es hätte sich sowieso nicht sonderlich viel genommen, meinte Libuše. Ob Sitze oder Kartons, Faschismus, Kommunis-mus oder Freie Marktwirtschaft, es sei alles Volksbetrug. Die Autosattlerei hatte Schrojf gleich nach der „Wende“ aufgemacht. Sie war noch keine drei Jahre alt.

Kaum hatten sie wieder das trübe Chefbüro betreten, blickte Schrojf mißbilligend zum Oberlicht des einzigen Fensters und knurrte: „Das sieht den Weibsbildern ähnlich!“ Er trat vor, reckte seinen vertrockneten Körper und seinen rechten Arm empor und schloß das Oberlicht. Erst dann setzte er sich wieder hinter seinen Schreibtisch. Libuše meinte später, er läge in ständigem Kampf mit seinen beiden Bürodamen, die das verräucherte Chefbüro zu lüften versuchten, sobald er es einmal verließ. Die beiden Damen saßen im Nebenraum. Schrojf aber wollte lieber an seinem Stumpenqualm ersticken, als das Geld für die Heizung „zum Fenster hinauszuwerfen“, wie er sich auszudrücken pflege.

Sie hatten dann noch ein paar Artigkeiten gewechselt, bevor sie den Alten tunlichst wieder allein ließen. Schon in diesen fünf Minuten hatte sich Jan gefragt, woran ihn nur dieses schiefe, auf das linke Standbein gestützte Recken Schrojfs zum Oberlicht erinnert habe. Es war ihm irgendwie bekannt vorgekommen. Gewiß reckte sich alle Welt tausend Male am Tage, um irgendein Fenster zu schließen oder einen Topf vom Bord zu angeln; ihn jedoch hatte in Schrojfs Büro das Gefühl beschlichen, er kenne diese Geste gerade schon von Schrojf. Und heute beim Frühstück war es ihm endlich eingefallen. Er hatte den bereits verstaubten Ausstellungskatalog aus einer Schrankschublade gefischt, die Stelle mit dem Foto des Panzers nachgeschlagen – und da war er. Da hatte er auf den knapp 25 Jahre jüngeren Schrojf von hinten geblickt, falls er sich nicht irrte.

Soweit der Auftakt meiner verworfenen Geschichte. Auf dem von Josef Koudelka „geschossenen“ Schwarzweißfoto, von dem Jan hier spricht, schwenkt der mutmaßliche Schrojf in der Linken eine billige Aktentasche, während er in seiner gereckten und gespreizten rechten Hand einen Pflasterstein hält. Da er eine dunkle Baskenmütze trägt, ist nicht zu erkennen, ob er bereits eine Glatze hat. Er wirkt bieder, soweit sich das von seiner Kleidung her und zumal von hinten beurteilen läßt. Der Panzer mit der aufgemalten großen Nummer 460 fährt gerade längs an ihm vorbei und damit quer durchs Bild.

Das Bild trägt den Titel Ein alter Mann wirft einen Stein gegen einen sowjetischen Panzer in Prag: 1968. Es findet sich unter anderem in meinem Brockhaus, wo es den Eintrag über Koudelka illustriert, Band 14 von 1990. Der Tscheche wurde maßgeblich durch seine Fotoserie vom Ende des „Prager Frühlings“ bekannt, wobei sein alter Mann (der möglicherweise erst Anfang 50 ist) längst zu den Ikonen des antiimperialistischen oder patriotischen Widerstandes überhaupt zählen dürfte. Eben dies kam mir freilich, im Verein mit dem Eindruck der Biederkeit des Steinewerfers, gleich verdächtig vor. Fast jeder stellt sich „automatisch“ einen braven sozialistischen Schuhmacher oder Bibliothekar, Professor oder Rentner vor, der mit dem Mut der Verzweiflung in die Fußstapfen des weltweit beliebten Trugbildes David tritt (im Beitrag ungefähr Mitte), um dem Goliath zu zeigen: mit uns nicht!

In Wirklichkeit ist die Identität dieses mehr oder weniger betagten „Volkshelden“ völlig unbekannt, wenn mich meine Nachforschungen im Internet nicht täuschen. Er hat sich nie bei Koudelka oder bei CBS gemeldet, um einen gehörigen Anteil vom Ruhm und vom Geld einzuheimsen. Hatte er unter Umständen etwas zu verbergen? Für SkeptikerInnen sicherlich eine naheliegende Frage, doch in meinem Falle verband sie sich leider sofort mit einer Klischeevorstellung, die bereits aus meinem Roman-Auftakt grell hervorleuchtet. Danach war dieser Alte alles andere als ein Freiheitskämpfer, vielmehr Grobian, Tyrann, Faschist und so weiter. Bestenfalls noch ein Opportunist. Zu feineren Verästelungen fehlte mir das Zeug.

Da auf einen groben Klotz bekanntlich ein grober Keil gehört, fügte sich in dieses Klischee auch das Ende gut ein, das ich für Schrojf vorgesehen hatte. Nachdem ihn Jan mit Hilfe einer starken Vergrößerung vom rechten (etwas verwachsenen) Ohr des fotografierten Steinewerfers nahezu sicher „identifiziert“ und daraufhin in seinem Chefbüro zur Rede gestellt und „überführt“ hat, beschließt er, den Alten um die Ecke zu bringen. Wie sich versteht, hatte Schroif getobt, aber weniger wegen der Entlarvung eines angeblichen Helden des Volkes, vielmehr weil ihm Jans Vorhaltungen nicht gefielen, er sei ein autoritärer Knochen, der aller Welt das Leben zur Hölle mache, darunter seiner Frau und seinen Kindern. Er hatte den unverschämten Liebhaber seines Patenkindes hinausgeworfen und konnte von Glück sagen, daß ihm Jan nicht schon bei dieser Gelegenheit einen der vielen losen Backsteine an den Schädel warf, die sich auf dem verwahrlosten Fabrikgelände fanden. Nebenbei besaß meine Taktik, Schrojf als bilderbuchreifen Grobian zu geben, den Vorteil, mir die Ausknobelung einer Erpressergeschichte zu ersparen. Jan hätte Schrojf niemals erpressen können, weil seine „Entlarvung“ den Alten sowieso nicht ankratzte. Wie sie vor der Welt dastehen, ist selbstgerechten Geizkragen wie Schrojf in der Regel einerlei, so lange nur der Rubel rollt.

Damit fielen die Rubel für einen Erpresser Jan also aus. Er hätte sie durchaus gebrauchen können, war er mir doch ebenfalls als Klischee vorgeschwebt. Als einstiger Lehrer des verflossenen „Arbeiter- und Bauernstaates“ zählte er zu jenen vielen Opfern der „Wende“ um 1990, die keine Anstellung mehr fanden, Sozialhilfe bezogen und ihre Zeit Tag für Tag mit Rachegedanken totschlugen. Durch seinen Entschluß, die Welt von ihrem falschen Volkshelden Schrojf zu befreien, hat Jan wieder eine sinnvolle Aufgabe. Was seine Geliebte, die ja auch das Patenkind des Mordobjektes ist, davon hält, müßte man abwägen. Wahrscheinlich ist sie von Jans Plan hin- und hergerissen. Das hieße, sie macht wahrscheinlich nicht mit, verpfeift ihn aber immerhin auch nicht. Alternativen sind selbstverständlich denkbar. Aus psychologischen Gründen, die ausgefuchste KriminalschriftstellerInnen jederzeit aus der Tasche zu ziehen wüßten, könnte sie den Mordplan beispielsweise in letzter Sekunde vereiteln und ihren fragwürdigen Geliebten entweder der Kripo ausliefern oder ihn gleich an Ort und Stelle eigenhändig erledigen.

Die Stelle ist der Fabrikhof. Schrojf pflegte seine Firma fast immer als Letzter zu verlassen. Oft ist es schon dunkel, wenn er die Bürotür verschließt und auf seine gebrauchte, eher schlichte, aber gut gepflegte Mercedes-Diesel-Limousine zuhält, die stets unter dem ausladenden Ziergiebel einer verwaisten Fabrikhalle auf ihn wartet, die im Winkel zu seiner Autosattlerei liegt. Hier hatte sein Wagen im Sommer Schatten, sonst Windschutz. Zwar hatten ihn ArbeiterInnen verschiedentlich darauf aufmerksam gemacht, der betreffende Ziergiebel (aus gelben Backsteinen, nehme ich an) wirke schon reichlich baufällig, doch dem Klischee gemäß ist Schrojf zu rechthaberisch und zu geizig, seine Leute anzuweisen, dem Wagen irgendwo anders auf dem Fabrikhof einen schützenden Unterstand zu verschaffen. Jan hatte die verwaiste Fabrikhalle einmal in der Dunkelheit erklommen und sich davon überzeugt, daß der brüchige und schiefe Ziergiebel bereits wackelte, wenn man sich nur leicht mit der Schulter gegen ihn stemmte. Nun löst der ahnungslose Schrojf die Katastrophe sozusagen aus, indem er wie gewohnt seine Wagentür öffnet. Jan drückt; der Giebel kippt. Wie sich versteht, tritt Jan sofort den Rückzug über das Hallendach an, das Gepolter der Giebelstücke und Schrojfs letzten Schrei im Ohr.



Ein Pechvogel in einer Feldscheune

Ohnehin des Lebens seit langem überdrüssig, entschließt sich der Held der Geschichte aus Anlaß einer schmerzhaften kaum heilbaren Krankheit zum Selbstmord. Er macht sich mit verschiedenen Methoden vertraut, verwirft all die, die Unbeteiligte in Mitleidenschaft zögen, und entscheidet sich schließlich fürs Erhängen. Auch dabei möchte er seinen Mitmenschen soweit als möglich Unbill ersparen, weshalb der Speicher des Mietshauses am Kornmarkt, wo er wohnt, nicht als Tatort in Frage kommt. Allerdings scheint ihm auch seine kleine, niedrige Wohnung, aus technischen Gründen, ungeeignet zu sein. Da fällt ihm eine Feldscheune ein, die er vom Radfahren her kennt. Sie liegt nur wenige Kilometer von der Kleinstadt entfernt an einem zerfurchten Fahrweg, der von der Landstraße abgeht. Es ist Sommer, und er fährt gleich hin, um sie auf seine Absicht hin in Augenschein zu nehmen.

Zwar ist das Scheunentor mit Kette und Vorhängeschloß versperrt, doch er findet eine alte Leiter und kann, nachdem er sich unbeobachtet glaubt, mit ihrer Hilfe durch eine Giebelluke einsteigen. Im Erdgeschoß stehen ein paar landwirtschaftliche Maschinen, wie er im Dämmerlicht von oben sieht. Auf dem Boden dagegen liegen nur noch fleckenweise ein paar verstaubte Heufuder. Ausreichend hoch angebrachte Querbalken, über die man ein Seil werfen könnte, bietet der Dachstuhl zur Genüge. Jetzt muß Z. nur noch irgendeinen nicht zu schweren, ungefähr barhockerhohen Gegenstand finden, der ihm in dem geplanten Ernstfall als Plattform dienen könnte, die sich zuletzt mit den Füßen leicht umstoßen ließe. Er hat nämlich gelesen, empfehlenswert sei ein rascher Genickbruch, damit man nicht etwa qualvoll ersticke. In einem Winkel des Erdgeschosses der Scheune hat er Glück: Er stößt auf eine schlanke, wohl dunkelblau gefärbte Plastiktonne mit Schraubdeckel, die wahrscheinlich einmal Kunstdünger enthielt. Ich werde sie ohne Schwierigkeiten nach oben hieven können, sagt sich Z., wenn ich das Seil auch zu diesem Zwecke über einen Querbalken oder eine schräge Strebe führe – Methode Flaschenzug. Damit klettert er auf der Sprossenleiter auf den Boden zurück, um die Feldscheune einstweilen wieder zu verlassen.

Schon anderntags, Schlinge um den Hals, dabei den Zugknoten ordnungsgemäß unter dem linken Ohr, steht beziehungsweise wankt Z. auf der dunkelblauen Tonne. Bei der Angst, die ihn jäh ergriffen hat und schüttelt, kommt es schon einer akrobatischen Leistung gleich, daß die Tonne nicht umfällt, bevor er sich zum offiziellen Abstoßbefehl durchgerungen hat. Z. zittert, Z. schwitzt, und plötzlich spitzt er auch noch die Ohren, die jeden Augenblick unter dem Genickbruch, den Z. sich erwünscht, zu erschlaffen drohen. Er vernimmt Gesprächsfetzen von dem staubigen Fahrweg her. Offenbar nähern sich der Feldscheune mehrere Menschen, die sich unterhalten – mindestens zwei, es sei denn, es handelt sich um nur einen Fußgänger oder Radfahrer, der gerade bei eingeschaltetem Lautsprecher telefoniert. Z. lockert den sogenannten Henkersknoten der Schlinge, entledigt sich ihrer und hüpft von der Tonne, um durch einen Spalt der Dachlukentür nach draußen zu spähen. Bis dahin hätte ein Beobachter kaum einschätzen können, ob Z. der Störung wegen eher verärgert oder aber erleichtert sei. Nun, da Z. drei junge Männer auf sein Versteck zuschlendern sieht, die den Staub des Fahrweges mit gut polierten Springerstiefeln aufwirbeln, hat ihn erneut die Angst am Wickel. Ob sie ihn beobachtet haben? Er kennt die Burschen sogar vom Sehen aus seinem Städtchen her. Für eine Flucht ist es schon zu spät. Immerhin kann sich Z. glücklich preisen, daß er die gefundene Leiter einzog, nachdem er vor 20 Minuten durch die Dachluke auf den Scheunenboden geschlüpft war. So bleibt ihm einstweilen nur abzuwarten. Vielleicht interessiert die Burschen ja die Scheune gar nicht und sie folgen dem Fahrweg weiter ins Feld.

Sie lassen sich bei der Scheune auf einem Steinhaufen nieder, um zu rasten. Sie trinken Bier, prahlen, verfluchen die Langweile. Sie haben die Idee, die Scheune, die ohnehin einem ihnen nicht genehmem Landwirt gehört, „abzufackeln“. Sie verzichten darauf, das verschlossene Tor mühsam mit dicken Steinen einzuschlagen, weil sich die Scheune mit Hilfe einiger Stöckchen und einer Zeitung, die sie dabei haben, auch von außen gut anstecken läßt. Als die ersten Flammen bereits die Dachrinne belecken, schlagen sich die Burschen in ein Maisfeld.

Z. saß natürlich wie auf glühenden Kohlen. Jetzt hat er Glück: die Dachluke im Giebel ist noch nicht vom Feuer erfaßt; somit kann er die Leiter hinablassen und ebenfalls flüchten, wenn auch in einer anderen Richtung als die Brandstifter. Er duckt sich durch ein Gerstenfeld, das ihn zu einem Wald führt. Durch diesen gelangt er, auf Umwegen, wieder in die Stadt.

Dummerweise ist er bei dieser Flucht beobachtet worden, wie sich anderntags zeigt, als die Kriminalpolizei an seiner Wohnungstür schellt. Sie hat einen dringenden Tatverdacht – Z. habe die Feldscheune angesteckt.

Aus dieser Schlinge dürfte er seinen Hals nicht so schnell ziehen.



Die Fußmatte

Ein junger Mensch, der es sich noch heutzutage mutwillig mit einem potentiellen Arbeitgeber verscherze, könne nicht mehr alle Tassen im Schrank haben, wurde Madlenka später als Kommentar der Frisörin zugetragen.

Von der Frisörin hatte sie erfahren, eine Frau Hufmeister aus der X-Straße suche eine stundenweise Betreuerin für ihre demente Mutter. Madlenka ging gleich hin. Das heißt, genauer gesagt nahm sie ihr Fahrrad, lag die X-Straße doch im sogenannten Gewerbegebiet. Das kleine, noch nahezu nagelneue Büro- und Wohngebäude des Diplom-Ingenieurs Hufmeister hatte zwei Eingänge, dienstlich und privat, und klemmte zwischen einer Baufirma und einem Logistik-Unternehmen, während es nach hinten, wie Madlenka erspähen konnte, auf den rückwärtigen, tadellos geschorenen Mittagspausenrasen der Firma Schnober ging, die in ihren Fabrikhallen bekanntlich schmackhaften Kuchen backt und in Klarsichtfolie packt. Jedenfalls war es bei Ostwind sogar auf der anderen Seite der Stadt bekannt, wo Madlenka im baufälligen Häuschen ihrer Tante wohnte. Schnobers süßlich-klebrige Geruchsschwaden konnten ganze Bienenschwärme binden, sofern sie nicht rechtzeitig die Flucht ergriffen. Vielleicht hatten die Hufmeisters wenigstens das Fenster der dementen Mutter, falls es nach hinten ging, mit einer geruchsdichten Jalousie versehen lassen, damit überhaupt noch Heilungs-aussichten bestanden.

Madlenka erreichte die linke, private Eingangstür, klingelte und blinzelte eine Zeitlang auf die bunte Fußmatte, während sie verschiedene polternde Geräusche vernahm, die aus der Wohnhälfte des Hauses drangen. Schließlich wurde die Tür aufgerissen. Eine schwer-atmende, gehetzt wirkende blonde Frau um 50 rief:

„Ja, bitte, was ist denn!?“

Hoffentlich war es nicht schon die demente Mutter! Madlenka hob beschwichtigend die Hände und flötete: „Entschuldigen Sie bitte die Störung … Man sagte mir, Sie suchten ...“

Weiter kam sie nicht. „Himmel, doch nicht jetzt!“ rief die stämmige Frau Hufmeister. „Das Essen steht auf dem Herd; meine Enkelin macht mir am Handy die Hölle wegen eines Gardinenstoffes heiß, den sie bei Ikea gesehen hat und den natürlich ich bezahlen soll; meine Mutter plärrt, weil sie sich mit dem Rollstuhltrittbrett im Treppengeländer verfangen hat – und dann kommen auch noch Sie! Kommen Sie bitte am Nachmittag wieder.“

Damit lächelte sie zur Entschuldigung gequält und warf die Haustür wieder zu.

Madlenka runzelte ihre Stirn, sah unwillkürlich auf die ihr bereits bekannte Fußmatte und schüttelte ihren übrigens rötlich schimmernden Bürstenhaarschnitt. Das konnte man mit ihr nicht machen! Sie klingelte erneut.

Etwas fiel im Hausflur um und klingelte ebenfalls, vielleicht ein Fahrrad, dann war ein Fluch zu hören, gleich darauf wurde auch die Haustür erneut aufgerissen:

„Was ist denn noch? Haben Sie mich nicht verstanden? Sind Sie am Ende taub? Und sowas will einen behinderten Menschen betreuen!“

Das war Madlenkas Chance – die Taubheit. Sie stocherte mit ihrem Zeigefinger senkrecht nach unten vor ihre Füße, wo die bunte Fußmatte mit dem Schriftzug Herzlich willkommen lag, sah dabei freilich Frau Hufmeister geradewegs fragend ins Gesicht.

Frau Hufmeister stutzte, dann schnaubte sie verächtlich. „Unfug! Das gilt doch nicht immer!“

„Es steht aber immer drauf ...“

Frau Hufmeister stemmte ihre Arme in die Hüften und höhnte: „Ja, soll ich sie denn jedesmal, wenn ich unpäßlich bin, hereinholen, Sie verzogenes Kind? Da hätte ich ja viel zu tun.“

Madlenka winkte ab. „Nicht nötig. Drehen Sie sie einfach um. Schreiben Sie Geh zum Teufel auf die andere
Seite ...“



Frettchen platt

Ein Blogger aus Chemnitz, früher Karl-Marx-Stadt, der mir freundlicherweise zu meinem „Literatur-Berg“ gratuliert hat, denn von einem Blog könne ja in diesem Falle schwerlich die Rede sein – dieser verständnisvolle Kollege also erwähnt die interessante Geschichte einer Bloggerin aus der Hauptstadt eines ehemaligen Ostblocklandes. Die Geschichte, die ihm andere Blogger von dort berichteten, trug sich vor wenigen Jahren zu. Mitte 40, eigentlich Bibliothekarin, jedoch stellungslos, habe sich die besagte Frau seit einiger Zeit „hobbymäßig“ mit der Geschichte ihres einst „kommunistischen“ Landes beschäftigt. Dabei sei sie auf den Fall eines recht hohen Wirtschafts- und Parteifunktionärs gestoßen, der um 1955, neben „Devisenvergehen“, des Paktierens mit „dem Westen“ bezichtigt und verhaftet wurde. Kaum eine Woche im Gefängnis, war er tot, wobei man von den undurch-sichtigen Umständen her sowohl einen Unfall wie einen Selbstmord wie einen Mord vermuten konnte. Wie sich versteht, bevorzugte die herrschende KP die Auslegung, er habe sich umgebracht und so seine Schuld eingestanden, während er von seinen Freunden, Verwandten und westlichen Gesinnungsgenossen als Opfer des „brutalen Regimes“ hingestellt wurde. Diese Sichtweise setzte sich letztlich durch, denn bekanntlich trug auch der „Freie Westen“ im allgemeinen um 1990 im sogenannten „Ostblock“ den Sieg davon.

Somit fand die Bloggerin in der sogenannten Literatur zu dem Fall eben die westliche Sichtweise vor. Aufgrund zahlreicher Ungereimtheiten ließ sie aber nicht locker und recherchierte selbst. Dabei gelang es ihr auch, eine betagte Tochter des verstorbenen Häftlings aufzutreiben, die recht arglos mit ihr plauderte und ihr zudem Einblick in manche Dokumente gewährte. Für die Bloggerin sprachen diese Andeutungen und Dokumente ziemlich unzweifelhaft dafür, daß der Verstorbene in der Tat, wie von den Kommunisten damals behauptet, ein Maulwurf des Freien Westens gewesen war. Das sagte sie freilich der alten Dame nicht so direkt. Zudem mag die alte Dame sie irrtümlich für eine „richtige“ Historikerin gehalten haben, die sich endlich wieder einmal für ihren Vater interessierte und die vorhatte, für ein renommiertes Blatt einen neuen Gedenkartikel über ihn zu schreiben. In Wahrheit hatte die Bloggerin lediglich von ihrem Ex-Beruf (Bibliothekarin) und ihrem Wunsch gesprochen, einen Artikel über den Fall des Vaters in ihren eigenen Blog zu setzen. Sie verfaßte ihn auch, was nebenbei weitere Liebesmühen kostete, und dann unterbreitete sie der alten Dame sogar aus freien Stücken ihren fertigen Entwurf.

Prompt traf wenig später eine Email des Sohnes der Tochter ein. Er hatte, von Telefongesprächen mit Mama her, offensichtlich Unheil gewittert und war der alten Plaudertasche gerade noch rechtzeitig in den Arm gefallen. In seinem Schreiben gestattete er sich zunächst ein paar genüßliche Schmähworte über die Webseite der Bloggerin, die er überflogen hatte, warf ihr sodann vor, sich mit der Vorspiegelung, eine akademisch ausgebildete und anerkannte Historikerin zu sein, ins Vertrauen seiner betagten Mutter geschlichen und ihr Würmer aus der Nase gezogen zu haben, und verlangte abschließend von ihr, auf jede Veröffentlichung über den Fall seines im Gefängnis umgekommenen Großvaters zu verzichten. Leiste sie eine entsprechende Erklärung ihm gegenüber nicht, werde umgehend sein Schwager aktiv, der günstigerweise Rechtsanwalt sei. Nun wußte die Bloggerin auch, die ganze Familie war nicht unvermögend – kurz, gegen die Entschlossenheit eines solchen Clans, seinen sogenannten guten Ruf zu erhalten, hatte sie keine Chance. Also gab sie die geforderte Erklärung ab und warf Wochen an Recherche- und Schreibarbeit gleichsam in den Mülleimer.

Allerdings konnte sie schon das nicht so leicht verwinden. Dazu wurde ihr von Nacht zu Nacht klarer: dieser Enkel, der sie jede Wette haßte, verachtete sie jetzt auch und verhöhnte sie überdies in seinem Familien- und Freundeskreis, weil er sie so erfolgreich eingeschüchtert hatte. Er war der Sieger. Sie dagegen, die stellungslose und anarchistisch gestimmte Bibliothekarin, fand sich erneut auf der Seite der VerliererInnen. Sie war die „Hobby-Historikerin“; ihre Liebesmühe beim Nachforschen und Aufschreiben war nichts wert. Zu allem Unglück hatte sie den Enkel auch noch im Internet gefunden. Danach war er Filialleiter einer weltweit operierenden Versicherungs-gesellschaft, übrigens in einer mittelgroßen Stadt, die rund 150 Kilometer südlich der Hauptstadt lag. Ein Foto, auf dem er zu sehen war, zeigte einen kurzhälsigen Pummelmann um 50, der seine lieben MitarbeiterInnen schmierig angrinste. Die Bloggerin hatte die Webseite kaum weggedrückt, da hatte sie ihren neuen Erzfeind schon Frettchen getauft. Der Blogger, von dem ich die Geschichte habe, merkte an, er hätte eigentlich gedacht, diese Iltisse seien eher schlanke und sportliche Tiere, aber gegen solche instinktive Taufen sei man ziemlich machtlos. Er ist von Beruf Psychologe.

Kurz und schlecht, die Bloggerin kam zu der Überzeugung, wenn sie Frettchen nicht umbringe, platze sie demnächst. Sie fuhr mit dem Zug in die Mittelstadt, begab sich von einem vergleichsweise billigen Hotel aus in die Nähe der Versicherungsagentur und begann, ihr Opfer auszuforschen. Dabei kam ihr zugute, daß sie selber auf ihrer eigenen Webseite nicht abgebildet war. Auch im übrigen waren die Umstände auf ihrer Seite. So hielt das pummelige Frettchen erfreulicherweise auf alternative Fortbewegung: es legte seinen Weg von dem Vorort, wo es die typische moderne Einfamilienhöhle erbaut hatte, zur Agentur teils mit der Regionalbahn, teils zu Fuß zurück. Das nächste Glück winkte der Bloggerin auf dem Hauptbahnhof der Mittelstadt – sie hatte bei ihrer Ankunft noch nicht darauf geachtet. Jetzt ging ihr auf, der Bahnhof wurde gegenwärtig zu einem guten Teil als Baustelle betrieben. Deshalb war der einzige FußgängerInnentunnel stellenweise verengt worden, ungefähr auf Stegbreite, und eben diesen Tunnel hatte das Frettchen auf seinem Arbeitsweg zu benutzen. Ferner befand sich über dem Steg eine Baulücke im Tunnel, von der Gleisanlage her. Bei dieser Lücke waren neben Paletten mit Steinen gerade Baumaschinenteile abgestellt, darunter ein kleineres Baggermaul, wie die Bloggerin erspähte. Nun wußte sie bereits die zweite Nacht ihres Aufenthalts dazu zu nutzen, um dieses Ding mit Kanthölzern als Hebeln genau an der Lücke über dem Steg zu deponieren, und zwar so angebockt, daß es im entscheidenden Augenblick rasch zum Absturz gebracht werden konnte. Jetzt mußte sie nur noch hoffen, am kommenden Morgen, notfalls auch übermorgen, werde sie an diesem präparierten Engpaß das Frettchen erwischen, ohne unschuldige andere Passanten zu schädigen. Und diese Hoffnung erfüllte sich. Das Frettchen passierte die Stelle und wurde von dem „tragischerweise“ herabstürzenden Baggermaul erschlagen. Die Bloggerin dagegen nahm flugs ihren sorgsam geplanten, bedeckten Rückzugsweg, entledigte sich außerhalb des Bahngeländes ihres Mantels und ihrer Handschuhe, kaufte sich dafür bei Arkadia neuen Ersatz und kehrte im Lauf des Tages in ihr Hotelzimmer zurück, um sich fertig zur Rückreise zu machen.

In den nächsten Tagen konnte sie sich an den Medienberichten weiden, doch zugleich verstärkte sich ihr Bangen. Sie hatte es natürlich geahnt, denn dumm war sie ja nicht. Nach einer knappen Woche standen Kriminale vor ihrer Tür und baten sie zum Verhör. Sie hatten Frettchens Korrespondenz mit der Bloggerin gelesen und selbstver-ständlich auch mit Frettchens Gattin gesprochen, die sich ihr Maul über die ihr unbekannte Bloggerin wie eine Texanerin über einen Mink zerriß. Die Reise der Bloggerin in die Mittelstadt war nicht zu leugnen, und ein Alibi für die Tatzeit hatte sie nicht vorzuweisen. Gleichwohl hatte sie vorgesorgt. Sie hatte mit Schnürsenkeln einen Zugknoten trainiert, den manche „Henkersknoten“ nennen, und in ihrer U-Haft-Zelle empfing sie in der Tat eine geeignete Schnur, die ihr eine Wärterin im Auftrag einer Besucherin zusteckte. So erlitt die Bloggerin im Kern genau das Ende, das die KP dem Objekt jener Recherche unterstellt hatte, die ja dies alles ausgelöst hatte.

„Aber war es denn wirklich so leicht für sie, sich vom Leben zu verabschieden?“ schrieb ich dem Blogger und Psychologen zurück. Er erwiderte:

„Leicht bestimmt nicht – nur, was hatte sie denn groß zu verlieren? Keine Arbeit. Keine Achtung. Keinen Lebenssinn. Auch keine Jugend mehr. Und vor der Haustür [Ukraine] den nächsten fetten Krieg. Und so weiter … Übrigens, ihr Blog steht noch im Netz, hier die Adresse. Seit ihrem Abgang ist da, durch Freunde, auch ein Foto von ihr zu sehen. Vielleicht schaust du mal rein.“

Nein, das tat ich nicht. Und ich habe mich bis heute davor gehütet.



Elba oder Die Republik dankt ab

Wenn der schwedische Schriftsteller Daniel Atterbom vor knapp 200 Jahren ein zweibändiges Werk mit dem Titel Die Insel der Glückseligkeit vorlegte, wird es doch eigentlich höchste Zeit, mit dem Roman Die Insel der Kinderlosigkeit nachzuziehen. Vielleicht verbreitete er noch etwas Aufklärung, statt Romantik. Sein Grund-gedanke wäre: ein sich selbst regierendes Volk begibt sich aus freien Stücken seiner Zukunft. Es beschließt sein Aussterben. Damit sorgt es möglicherweise oder sogar sehr wahrscheinlich für das Aussterben der Menschheit überhaupt, denn soweit es von der Insel dieses Volkes aus feststellbar ist, von Elba aus also, blieb es bei der 1920 erfolgten Invasion Außerirdischer auf der Erde „aus Versehen“ allein von der Menschheit übrig. Die Invasoren trollten sich dann wieder.

„Aussterben“ heißt genauer, man verbietet sich eines Tages aufgrund der niederschmetternden Erfahrungen mit dem Versuch eines echten humanen Zusammenlebens das Zeugen und Gebären von Kindern. Der Beschluß wird um 1960 gefaßt. Erzähler ist ein Republikaner, der ab 2020 Bericht erstattet, wobei er viele Rückblenden gibt. Selbstverständlich ist auch er schon nicht mehr der Jüngste. Wahrscheinlich ist er, wie ich, Jahrgang 1950. Mit anderen Worten: 2020, 100 Jahre nach Gründung der Republik, ist das Inselvolk bereits erheblich dezimiert und vergreist. Ein wichtiges Thema ist gerade diese vermutlich durchaus problematische Vergreisung. Wie werden die Alten mit ihrer zunehmenden Hinfälligkeit oder mit denkbaren Bevormundungen oder gar Machtspielen seitens der noch nicht ganz so alten RepublikanerInnen fertig?

Zu den Rückblenden des Erzählers gehört eine „Rebellion“ von 1990. Ein Pärchen will um keinen Preis auf Nachwuchs verzichten. Schließlich gebärt die Frau sogar heimlich. Elba ist ein gebirgiges Land. Aber sie wird aufgespürt. Der Erzähler selbst ist es, der den Säugling wohl oder übel umbringt. Damals war er um 40. Es folgten Racheakte, Selbstmorde und dergleichen.

Ich nehme an, trotz mancher Kämpfe gelingt es den Elbanern im großen und ganzen, den Konsens und den Frieden zu wahren. Das hieße, man ist entschlossen, mit der freiwilligen Abdankung der Menschheit wirklich Ernst zu machen. Man will weder einen Zweiten Weltkrieg, die Atombombe, einen nächsten Napoleon, Schwälle von Touristen noch das ständige Wiederaufkeimen von Konkurrenz, Streit, Herrschaftsgelüsten auf der – ab 1920 – einsamen republikanischen Insel. Einen bemerkens-werten Ausdruck dieser Rückfälle stellte der in den 1950er Jahren ausgetragene „Fußballkrieg“ zwischen diversen Inseldörfern dar. Abwerbungen, Bestechungen, Unfairneß wie in (nie gekannten) Bundesligazeiten, obwohl es gar kein Geld und keine „Aufstiegsmöglichkeiten“ gibt. Der Erzähler bedenkt diese offenbar doch „natürliche“ Veranlagung des Menschen zu Eigennutz und Machtbegehren wiederholt. Für mitverantwortlich an den Rückfällen hält er die Generationsunterschiede. Es waren vorwiegend jüngere Leute, die den „Fußballkrieg“ betrieben. Altersweisheit richtet nichts aus, wenn stets eine Jugend nachwächst, die darauf scheißt. Dasselbe gilt natürlich für denkbare gewaltsame Maßregelungen, etwa durch Herrschaft weiser Greise, ein historisch altes beliebtes Modell. Solche Diktaturen können Rebellion oder Chaos nur befeuern. Kurz, hier liegen tragische Klüfte vor, die kaum zu überbrücken sind. Es hilft nur, keine Kinder mehr zu zeugen.

Ein weiterer Grund meiner hier und dort geschmähten „kulturpessimistischen“ Weltsicht liegt in der offensichtlichen Neigung der Menschheit zu Elefantismus. Tall is beautiful hat sie sich in ihre Fahnen gewebt, mögen auch die Gipfelkonferenzen platzen oder Europa in Fetzen auseinander fliegen. Im bedeutsamen Beschlußjahr 1960 dürfte die 224 Quadratkilometer große, längliche Mittelmeerinsel Elba (ungefähr 10 mal 22 Kilometer) um 3.000 RepublikanerInnen aufweisen, die überwiegend auf rund 10 Dörfer verteilt sind. Man schaffte es trotz der Anfangsschwierigkeiten, sich kommunitär zu organisieren (siehe Konräteslust, Panglos) und aller Fortschritts-, Wachstums- und Wohlstandsvermehrungideologie abzuschwören. Elba bietet dafür günstige klimatische und landschaftliche Bedingungen. Die Rückblenden geben somit auch durchaus positive Einblicke in ein wirklich alternatives Gesellschaftsleben. Um 1900 hatte Elba, das zur Erzgrube geworden war, drei moderne Hochöfen für die Stahlgewinnung bekommen – 20 Jahre darauf zählte es zu den ersten Maßnahmen der neuen Räteregierung, sie stillzulegen. Für die paar Pflugscharen, Hirschfänger und Hammerköpfe, die man zu schmieden hatte, bedurfte es keiner Hochöfen und keiner gefahrvollen Bersekerarbeit in deren Gluthitze. Wahrscheinlich konnte dieser Kurs in den 1920er Jahren nur deshalb eingeschlagen werden, weil die „natürliche“ Inselbevölkerung gerade durch den Ersten Weltkrieg stark geschrumpft, andererseits um ein Häuflein anarchistischer Gäste bereichert war. Dieses Häuflein ergreift die Gelegenheit beim Schopf.

Die Gelegenheit war die erwähnte „Invasion“. Sie steht hier in Gänsefüßchen, weil man nichts Genaues über sie weiß. Vielleicht konnte man damals aus dem Radio ein paar Anhaltspunkte aufschnappen, aber hinfort war man ja isoliert. Elba wurde, weiß der Teufel warum, bei dem Vernichtungs- und Raubzug der Invasoren ausgespart. Offenbar gingen diese Wesen mit ganz ungeahnten Mitteln und Waffen vor. Offenbar hatten sie, aus der Ferne, einen Narren an dem Goldklimper der Erde gefressen; vielleicht kannte ihre Heimat kein Gold. Sie zogen mit einer Art Staubsaugervorrichtung ihrer Raumschiffe den ganzen Klimper ein und machten im gleichen Zug alle Zweibeiner mit Menschenherzen kalt. Ein Techniker der Insel sprach damals von der Möglichkeit elektronischer Programme; vielleicht waren die Invasoren in dieser Richtung vorzüglich ausgerüstet. Wenn diese Hochtechnologie Elba gegenüber „versagte“, kann es nur entweder dummer Zufall oder verschlagene Absicht gewesen sein. Vielleicht saßen die Invasoren jetzt wieder auf ihrem Heimatplaneten oder weiß der Himmel in welchem Schwarzen Loch, guckten eine Art von Filme über das Treiben auf Elba und lachten sich schief.

Zu den ersten Kämpfen der Republik Elba zählte die Abwehr der Neugier in den eigenen Reihen. Elba liegt von anderen einst bewohnten Inseln, darunter Korsika, 30 bis 50, vom italienischen Festland immerhin noch 10 Kilometer entfernt. Selbst vom höchsten Berg der Insel, dem Monte Capanne mit rund 1.000 Metern, konnte man mit den vorhandenen Ferngläsern nicht viel von den Vorgängen jenseits der Meeresstraßen sehen. Radio, Funk, Telefon waren tot. Zeichen trafen nicht ein. Aber man hatte ein paar seetüchtige Boote, und so tobte der Kampf darum, ob man, auch um den Preis von Lebensgefahr, einen Erkundungstrupp ausschicken sollte. Im Ergebnis wurden die seetüchtigen Boote abgewrackt, was nebenbei dem Vorrat an umschmelzbarem Alteisen zugutekam. Fremde Schiffe trafen nie ein. Die Wahrscheinlichkeit, allein „auf der Welt“ zu sein, erhöhte sich bis 1960 von Jahr zu Jahr. Eben darin lag ein Nebengrund für die Initiatoren des „Gebärstreikbeschlusses“. Sie hatten nicht nur die Rückfälle ins Bürgerliche und Kriegerische satt; sie sahen auch die einmalige Chance, die Erde und womöglich bald auch den Mond und den Mars und so weiter ganz und gar von der Plage namens Menschheit zu befreien.

Was das Jahr der „Invasion“ 1920 angeht, könnte man einen Teilauszug der Bevölkerung erwägen. Das würde die Überschaubarkeit und die „Reinheit“ der Republik begünstigen, denn wer sich zuerst in die vorhandenen seetüchtigen Boote schmisse, das wären natürlich die reaktionär Gesinnten. Die Aussicht auf Geld und Gold, die sie sich von einem entvölkerten Festland versprechen, ist ihnen teurer als die Vermeidung der guten Aussicht, ebenfalls vernichtet zu werden. Das setzte freilich BesatzerInnen des Festlandes oder dessen Verseuchung oder ähnliches voraus. Vielleicht läßt man das Geschwader schon auf halber Strecke hopsgehen, auf dem Sund. Aber wie?

Die erste Riesenhürde für den Verfasser des Romanes läge freilich schon in der „Invasion“ selber. Sie klingt doch reichlich unwahrscheinlich. Ungleich praktikabler wäre es, Elba von den todbringenden Folgen eines fetten Atomkrieges auszunehmen – aber das hat bereits Robert Merle mit Malevil (von 1972) getan, nur etwas weiter nördlich. Ferner käme der Autor kaum umhin, sowohl über das Elba von 1920 wie das Elba der Gegenwart gute, hautnahe Kenntnisse zu haben. Schließlich muß er wissen, wie ein Bad im dortigen Mittelmeer schmeckt, welche Reit- und Zugtiere wie durch das Laub der dortigen Kastanienwälder rascheln oder wie anstachelnd der Biß einer Aspisviper wirkt. Es gibt jedoch zum einen, soweit ich es untersucht habe, so gut wie keine Literatur über die elbaischen Verhältnisse vor den beiden Weltkriegen, jedenfalls nicht auf deutsch oder englisch, und zum anderen kann man das heutige Elba wirklich vergessen, wenn mich nicht alles täuscht. Ein Autor, der sich freiwillig in diese Hochburg motorisierter Touristenhorden begäbe, müßte doch, neben einigem Geld, eine echte Meise haben.



Locke

Rundfunksportreporter Markus vom Leder: Schön, daß Sie zu Hause sind und uns etwas Zeit widmen, Herr Möllrich. Um es für unsere HörerInnen zu wiederholen: Bei den erschütternden Berliner Anschlägen ist leider auch ein sehr guter Freund und ehemaliger Schützling von Ihnen umgekommen, Herr Möllrich. Er war noch keine 60.

Siegfried Möllrich, Fußballtrainer i.R.: Ja, das kommt vor.

Äh – wie meinen Sie das?

Da sind über 2.000 Leute hopsgegangen, Herr Vom Leder, unter denen kann sich schon leicht einmal ein Bekannter von Ihnen befinden.

Ach so … Allerdings, Herr Möllrich, Jost Kraushaar, genannt „Locke“, war ja nicht irgendwer. Er war der genialste Mittelfeldstratege, den der deutsche Profifußball bis heute hervorgebracht hat, und keinen geringen Verdienst daran haben Sie!

Na, ich weiß nicht, Herr Vom Leder … Es kommt mir eher einfältig vor, wenn sich ein so kluger Kopf wie Locke als ungefähr 50jähriger dazu entschließt, sein alternatives Landleben am Wiehengebirge mit einem Dasein in einer Riesenstadt zu vertauschen, zumal wenn sie auch noch Regierungssitz geworden ist. Damals war doch schon abzusehen, daß Großstädte ein gefundenes Fressen für von diversen Geheimdiensten inszenierte blutige Anschläge sind, von all den anderen Albträumen, die einem solche Zusammenballungen zumuten, einmal ganz abgesehen. Aber was wollen Sie machen? Locke hatte sich in diese junge Französin verguckt, die in Berlin eine eigene Ballettschule betrieb, und da dackelte er eben zu ihr. Jetzt war sie die Regisseurin, nicht er …

Ich fürchte, so mancher jüngere Mensch ist sich gar nicht darüber im klaren, welche Ausnahmeerscheinung der schlacksige Kraushaar mit seiner langen, blonden Lockenpracht als Mittelfeldspieler, aber auch in etlichen anderen Belangen war.

Ja, das stimmt schon. Seinen blauen Adleraugen entging nicht die geringste Chance, der gegnerischen Abwehr ein Schnippchen zu schlagen, und wenn er beispielsweise seinem Busenfreund Erwin Tröger, dem wieselflinken Linksaußen von Concordia Osnabrück, einen 50 Meter langen Steilpaß butterweich geradezu aufs Hühnerauge legte, konnten wir auf der Spieler- und Trainerbank am Spielfeldrand nur verzückt unsere eigenen trüben Augen verdrehen.

Erwin Tröger soll nach wie vor auf Gut Stockhausen leben. Trifft das zu?

Ja, das ist richtig. Voriges Jahr habe ich ihn noch dort besucht, im April. Das Gut, früher Burg oder Schloß genannt, liegt am Rand des gleichnamigen Dörfchens bei Lübbecke. Es war wunderbar. In der alten Kastanienallee, die im Norden des Anwesens im spitzen Winkel vom Wassergraben abgeht und die jäh, wie ein auf halbem Wege explodierter Steilpaß, in den Feldern abbricht, platzten gerade die klebrigen Knospen. Erwin hauste wie eh und je im seitlichen, viereckigen Turm des Herrenhauses unmittelbar unter dem Dach. Dort war einmal die Räucherkammer, müssen Sie wissen. Nicht für Feinde, sondern für Würste und Schinken. Aber wenn Sie so wollen, zählen die „Haustiere“ ja auch zu den Feinden, selbst in anarchistischen Kommunen, fürchte ich, sofern sich diese nicht dem Vegetarismus verschrieben haben. Das Erstaunlichste aber war: die Kommune auf Gut Stockhausen läuft noch – im Gegensatz zu Concordia Osnabrück, das inzwischen am Schwanz der Dritten Liga herumzappelt, aber in den Taschen mit Goldstücken klimpert, als hätten sie auf den Trainingsplätzen am Stadion eine Ölquelle aufgetan. Die Kommune, die ja keine 40 Kilometer östlich von Osnabrück am Fuß des Wiehengebirges lag und liegt, hat nach wie vor rund 30 Leute, die sich gut vertragen und die sogar noch die schwarzrote Fahne hochhalten, die ja die meisten um 1998 mit einer „rotgrünen“ vertauschten, weil sie so gleichsam auf biologisch-dynamischem Pfade auch noch zu den Fleischtöpfen des Kapitalismus und Militarismus schnüren konnten. Dabei mangelt es der Kommune auf Stockhausen noch nicht einmal an Vermögen, so gut wußte man die fetten Gehälter und Prämien anzulegen, die damals vor allem Locke und Tröger in den gemeinsamen Topf warfen. Übrigens räuchern sie jetzt im ehemaligen „Taubenturm“, das ist so ein kleiner Phallus, der fast mitten auf dem Hof steht. Tauchen Sie durch den Wassergraben und das hübsche, betürmte Torhäuschen, sticht er Ihnen gleich ins Auge.

Sie sagten, Tröger wohne unmittelbar unter dem Dach des Herrenhaus-Turmes. Ist das nicht reichlich unbequem, so hoch zu wohnen?

Es ist vor allem gesund, Herr Vom Leder. Erstens hat Erwin durch die runden Fenster die erfrischendste Rundsicht auf den Übergang des Deutschen Mittelgebirges in die Deutsche Tiefebene, die sich einer wünschen kann. Zweitens wird er da oben trotzdem nicht verzärtelt, weil die Fensterleibungen wegen der dicken Turmmauern nicht sonderlich viel Licht und schon gar keine Wärme hereinlassen. Also heißt es von September bis April schön heizen und zu diesem Zwecke die Holzkloben spalten und im Korb des Flaschenzuges hinaufhieven. Und das ist drittens das Wichtigste an dieser Wohnlage, jedenfalls für Sportler: die anstrengende Höhe. Was meinen Sie, wo Erwin damals seine Schnelligkeit, seine Ausdauer und seine Wendigkeit her hatte? Richtig, von der Wendeltreppe seines Turmes. Er sagte mir einmal, es handele sich um genau 93 Stufen, er habe sie gezählt. Und wie oft am Tage und vielleicht sogar in der Nacht hatte und hat er nun diese 93 Stufen zu bewältigen! Da muß er doch fit bleiben. Als ich ihn besuchte, war er 57, wirkte aber wie 37.

In dem legendären Spiel im Stadion von Bayern München, das Osnabrück als Meister der Ersten Bundesliga verließ, servierte Tröger dem gerade erst in die Sturmspitze beorderten Wolfgang Seibt einen Lupfer auf den Schädel, den dieser zum wahrscheinlich wichtigsten Tor der Vereinsgeschichte ins rechte obere Dreieck drückte, dem Tor zum 4:4-Gleichstand in der 78. Spielminute.

Sie sagen es. Wir auf der Spieler- und Trainerbank konnten uns vor Verblüffung kaum noch um den Hals fallen. Die Lage war ja die, daß Osnabrück für den Titelgewinn ein Unentschieden benötigte, während es aber bis zur 71. Minute noch 3:4 zurücklag. Und dann kam die skandalöse, uns alle niederschmetternde Rote Karte für unseren Mittelstürmer Tom Schneidewindt. Die 50.000 Bayern-Fans im Stadion jubelten selbstverständlich. Ich glaube, unsere anderen Spieler hätten den Schiedsrichter auf der Stelle erdrosselt, hätte sich nicht Lockes gewohnt besonnenes Einschreiten und überhaupt der heilsame Einfluß geltend gemacht, den Locke und Tröger in den letzten zwei, drei Jahren auf die gesamte Mannschaft und das Klima in ihr ausgeübt hatten. Unsere Spieler trotteten also zähneknirschend an ihre Plätze zurück, während Locke in einem Schlenker zu unserer Bank trabte und mir sagte: „Hör zu, Siggi, wir setzen alles auf eine Karte. Entweder machen wir noch ein Tor, oder wir verlieren sowieso. Wir schicken also den Wolfgang in die Spitze, dafür geht Uli ins Tor.“ Dieser Vorschlag rief natürlich, für Sekunden, gleichfalls Verblüffung hervor. Wolfgang Seibt, unser Stammtorwart, war früher ein guter Stürmer gewesen, und er trainierte auch diese Position so oft es ihm die Arbeits- und Spielpläne gestatteten. Uli Maus dagegen, linker Verteidiger, war „nur“ der übliche Ersatztorwart für den Notfall. Aber Locke hatte ja nicht unrecht: der Notfall war eingetreten, sein Plan war genial, und Uli hielt ja den Kasten dann auch wirklich sauber.

Obwohl Osnabrück nur noch 10 Spieler auf dem Platz hatte!

Sie sagen es. Aber bei unserer, maßgeblich von Locke geprägten Spielkultur war das im Grunde keine wirkliche Katastrophe. Locke hatte uns immer wieder eingeschärft, nicht wir hätten zu laufen, vielmehr müsse der Ball laufen. Wir verausgabten uns so wenig wie möglich. Wir ließen den Ball ständig laufen und traten nur in geschickt herausgespielten Situationen zu überraschenden Spurts an. So kamen wir dann ja auch zu dem 4:4. Und ausgerechnet Wolfgang erzielte dieses Kopfballtor!

Das war freilich noch nicht das Tüpfelchen auf dem i, wenn ich so sagen darf. Mit dem Schlußpfiff hieß es ja sogar 5:4 für Osnabrück.

Sie sagen es. Und wer schoß das fünfte Tor?

Der überragende Mann auf dem Platz, Locke.

Ich dachte, ich sehe nicht recht. Die Bayern traten sich ja nahezu vollzählig in unserer Hälfte auf die Füße, um dieses fünfte Tor ihrerseits zu machen. Da nutzte Locke – es war in der 88. Minute – einen Abspielfehler Paul Breitners aus, holte sich das Leder, ging ab wie die gelbe Post, spielte erst einen Verteidiger, dann Torwart Junghans aus und schob den Ball genüßlich ins Tor, als handele es sich bei diesem um eine verzuckerte Kartoffel. Ich kann noch förmlich hören, wie sie 50.000 Bayern-Fans im Hals steckenblieb. Man hörte nur noch ein würgendes Gurgeln, dann herrschte Totenstille.

Und dieser Mann muß mit 58 Jahren ausgerechnet deshalb ins Gras beißen, weil er zur falschen Zeit an der falschen Stelle stand!

Vielleicht liegt eine gewisse tragische Ironie darin, daß er schon im Ausklang seiner Zeit bei Concordia Osnabrück den Eindruck hatte, sich auf dem falschen Dampfer zu befinden. Damals wandelte sich der deutsche Fußball unwiderruflich zu einem widerlichen Showgeschäft, in dem der Ball in der Tat eine matschige Kartoffel sein könnte, weil es sowieso keiner merken würde. 20jährige sogenannte Stars, die nur Stroh im Kopf haben, werden in drei Jahren reicher als ein Ölscheich, und dann fahren sie mit ihrem BMW oder ihrem bulligen, allradgetriebenen VW-Tuareg vor eine Mauer – eine Umfassungsmauer, auf der zum Beispiel gerade ein nicht mehr ganz blutjunger Locke sitzt, um seine Beine baumeln zu lassen. Es ist derselbe Krieg, Herr Vom Leder, überall.

Dann schließe ich mit der Aufforderung, aller Opfer zu gedenken … Herr Möllrich, ich danke Ihnen für dieses Telefongespräch.

Das vorstehende Stück stand erstmals im Januar 2016 online, in meiner damaligen „Jahresschlößchen“-Rubrik



Das Mädchen, das nicht mehr Mareike heißen muß

Ein Unfall in Kentucky, von dem ich kürzlich im LdU berichtete [>Gutzler, Piper], hat mir die Flause eines Romanprojekts ins Ohr gesetzt, das wahrscheinlich an mehreren unüberwindlichen Hindernissen scheitern würde, wäre ich nicht sowieso zu faul. Allerdings dürfte „Faulheit“ die Sache nicht ganz treffen. Man überschlage beispielsweise einmal, welcher Arbeitsaufwand und welche Disziplin im genannten Lexikon stecken. Im Fall von Romanen dagegen habe ich eigentlich noch nie so richtig begreifen können, wie sich jemand aus freien Stücken der Marter unterziehen kann, auf 300 oder 500 Seiten einen Stoff auszubreiten, der sich genauso gut, wenn nicht besser, auf drei oder fünf Seiten darstellen läßt.

Bei dem Unfall wurde durch den Absturz eines Privatflugzeuges in einem Waldgebiet fast eine ganze Familie ausgelöscht. Einzige Überlebende war eine Siebenjährige, die sich, nur gering verletzt, bei Schnee und Dunkelheit zu einem Haus am Rande des nächsten Dorfes durchschlägt. Der alte Mann, der ihr auf ihr Klingeln hin öffnet, macht verständlicherweise große Augen, als sie ihre Geschichte vorträgt und um Beistand bittet. Dann greift er, wie denn auch anders, zum Telefon, um den Notruf zu betätigen.

Nennen wir den Alten Dietmar und sagen wir, er ist erst 67. Ehemals Bibliothekar in der nahen Kleinstadt, genoß er zwar durchaus Anerkennung, gleichwohl galt er als Sonderling, der nicht umsonst allein in diesem Häuschen am Dorfrand lebte. Besuch bekam er selten. Meine Idee war es nun, Dietmar wäre schon bald nach den ersten gestammelten Worten des bibbernden und zerkratzten Mädchens von dem Gedanken beschlichen worden: vielleicht wäre es besser, den Unfall nicht zu melden. Weil es schöner wäre, dieses Mädchen im Haus zu behalten.

Man sieht schon, die Sache ist heikel. Schließlich könnten wachsame Roman-LeserInnen ihrerseits von dem Gedanken beschlichen werden, dieser Alte habe sich glatt in das arme Mädchen verliebt – ja mehr noch, er sei ein Unhold, der plötzlich seine große Chance gewittert habe. In der Tat wird ihm das später eine jüngere Verwandte so ähnlich an den Kopf werfen. Sie könne sich schon denken, warum er sich so aufopferungsvoll um Mareike kümmere. „Du fütterst sie fett und machst sie schön hörig, und spätestens in fünf Jahren liegt sie jeden Abend in deinem Bett, so stellst du dir das doch vor, habe ich recht!?“

Die Wahrheit ist, Dietmar wird beim Anblick des hilfsbedürftigen kleinen Geschöpfes schmerzlich an das Bedauern erinnert, das er schon seit einigen Jahren immer stärker empfindet. Er hatte nie eine Familie gegründet. Von Geselligkeiten hielt er sich fern, soweit sie ihm der Dienst nicht aufzwang. Als Ruheständler kümmerte er sich ausschließlich um sein Brennholz, seinen Garten und seine Tiere, zu denen ein paar Ziegen zählten. Aber wirklich zufrieden war er in seiner Idylle nicht. Jenes Bedauern galt seiner Einsamkeit. Es galt dem Umstand, von keinem Menschen wirklich benötigt zu werden. Er hatte seine MitbürgerInnen mit guten Büchern versorgt, das schon, doch im Grunde hatte er an der Gesellschaft vorbeigelebt. Sie würde ihm keine Träne nachweinen, nicht eine.

Dietmar hat hohe moralische Grundsätze. Der Gedanke, das Mädchen gleichsam gefangenzunehmen und dann zu quälen, liegt ihm somit völlig fern. Vielmehr steigen binnen weniger Minuten die Bilder eines glücklichen und fröhlichen Kleinfamilienlebens wie jene bunten Wasserspiele vor ihm auf, die es in seiner Jugend im Kino Kaskade jedesmal vor dem noch geschlossenen Vorhang gab. Schon fragt er sich – und fragt auch Mareike, die in einer dicken Strickjacke von ihm am Ofen sitzt und einen von seinen selbstgepflückten Äpfeln verputzt: „Hat dich jemand gesehen?“ Und schon vergewissert er sich, indem er zum Wald nickt: „Alle sind sie tot, sagst du? Bist du wirklich sicher?“

Bald wirbeln auch die Erwägungen durch seinen Kopf, ob und wie sich die Sache am Ende wirklich deichseln ließe. Vielleicht kann er Mareike als Enkelin ausgeben, die plötzlich Waise geworden ist. Wobei sie natürlich gar nicht mehr Mareike heißen dürfte. Mareike ist tödlich verunglückt; sie liegt verkohlt im Wald, die Ärmste, wie die anderen. Um die Eltern ist es vielleicht nicht unbedingt schade. Ihr Erzeuger war Autohändler, und Flieger, natürlich. Die Mutter war ein Regenfaß; sie „laberte“ und „nörgelte“ in einem fort. Während das jüngste Töchterchen merkwürdigerweise eher einem Molch gleicht. Was sie da andeutet, klingt jedenfalls stark danach, sie hat sich zu Hause gar nicht wohl gefühlt. Und so purzeln und trudeln die Erwägungen und Gespräche dahin, bis Mareike, die gar nicht mehr so heißen darf, unversehens am Ofen eingeschlafen ist, und in der Ferne sind noch immer keine Sirenen zu hören – was Wunder, Dietmar hat keine Sirenen bestellt.

Schon hier dröhnt ein Pferdefuß: woher will Dietmar, der kein Arzt ist, wissen, daß sich Mareike bei dem Absturz keine bedrohlichen inneren Verletzungen zugezogen hat? Oder kein „Trauma“? Müßte er sie nicht ins Krankenhaus bringen, zur Untersuchung? Wenn sie ihm wirklich so sehr am Herzen läge, wie er sich einbildet?

Gewiß, ein Romanautor ist nicht unbedingt auf den Kopf gefallen, er versteht es zu improvisieren. So könnte Dietmar, der Bibliothekar, früher Arzt oder wenigstens Sanitäter gewesen sein. Oder er könnte mit einer Ärztin befreundet sein, die er einweiht und um Hilfe bittet. Durch die Einweihungen erhöhen sich die Fehlerquellen, was wiederum der Erhöhung der Spannung dient. Vielleicht muß Dietmar auch den Leiter der Grundschule oder die Leiterin der Meldebehörde einweihen, die womöglich ebenfalls mit ihm befreundet sind. Denn woher soll er eine Geburtsurkunde des Mädchens nehmen, das nicht mehr Mareike heißen darf? Vielleicht fälschen, durch Bestechung. Jedenfalls muß die ganze Geschichte: Dietmar Koop lebt neuerdings nicht mehr allein in seinem Ziegenbau – dies alles muß ganz legal, ganz offen und zu allseitigem Wohlgefallen verlaufen. Spätestens nach einem Jahr darf man sich im Dorf und in der Kleinstadt schon gar nicht mehr vorstellen können, Dietmar sei jemals ohne Enkelin gewesen, die bei ihm lebt.

Diese Enkelin, die umgetaufte, ist wahrscheinlich – bevor man sich noch mit dem ganzen Behördenkram befaßt – der größte Pferdefuß. Gut, sie erwählt sich vielleicht den Namen Zora (nach einer Schnapsidee von Dietmar), doch steht nicht zu befürchten, sie verplappert sich bereits am nächsten Tag gegen 11, wenn die Postbotin kommt und die neue Bewohnerin nach ihrem Namen fragt? Kann sich eine Siebenjährige, die gerade ihr Elternhaus verloren hat, so radikal umstellen und verstellen? Und das dann dauerhaft? Ja, mehr noch: will sie das überhaupt? Auf Dauer jedenfalls? Im ersten Moment ist es vielleicht eine glänzende Idee für sie, eine verlockende Aussicht, ein tolles Spiel. Aber im Alltag? Wenn sie ihre Vergangenheit konsequent zu verleugnen hat, damit die Geschichte nicht auffliegt?

Hier winkt der nächste Pferdfuß: in Mareike-Zoras Vergangenheit. Sind ihre Eltern, Geschwister, Onkel und Tanten so „blöd“ und „ätzend“ (gewesen), wie das Mädchen sie Dietmar gegenüber in den ersten Gesprächen hinstellt – wer garantiert Dietmar dann, der Apfel sei ausnahmsweise weit weg vom Stamm gefallen? Da dürfte er ein langes Gesicht machen, wenn sie sich als nicht minder blöd und ätzend herausstellt, die kleine, blonde Ziege. Und wenn schon von der Schule die Rede war, bei der ja Dietmar sie anzumelden hat: Selbst wenn es ihm gelingen sollte, einen wohltuend unbürgerlichen und unzeitgemäßen Einfluß auf sie auszuüben – in ihrer Schule steht sie damit Eins gegen Hundert. Die lieben MitschülerInnen werden sie verlachen und hänseln, weil sie zu Hause Treppen putzen muß, aber keinen blassen Schimmer davon hat, wie man in akrobatischer Manier über das touchpad eines smartphones wischt. Sie werden ihr das Ziegenmelken austreiben, bis sie keine größere Begierde mehr kennt, als täglich sieben Stunden am Internet zu hängen. In Dietmars beschaulichem Häuschen wird der Konsumterror ausbrechen. Dietmar wird Faust zitieren („die Geister, die ich rief ...“) und sich aufhängen.

Der Romanautor müßte stark genug sein, um sich von diesen und tausend anderen Bedenken, Widrigkeiten und Gefahren nicht abschrecken zu lassen. Anders gesagt, Dietmar und Mareike-Zora hätten das drohende strapazierenden Wechselbad und die Attacken des Feindes eben durchzustehen. So lange es geht. Weil sie sich lieben. Aber sehr lange wird es vermutlich nicht gehen können. Ich erwähnte bereits die zeternde Verwandte Dietmars, die ihn ihm einen Sittenstrolch argwöhnt. Die ganze Nachbarschaft der beiden DorfrändlerInnen stellt vermutlich auch keinen makellos geschlossenen Zuckerguß dar. Ich erwähnte die Behörden, wobei ich von der Polizei (die selbstverständlich auch in der Asche der Absturzstelle herumstocherte) noch gar nicht gesprochen habe.

Kurz und schlecht, eines nicht fernen Tages werden sich Dietmar und sein widerrechtlich beschaffter Liebling voneinander trennen müssen. Mareike-Zoras Leben wird dadurch vermutlich auf immer verpfuscht sein. Und wer ist schuld daran? Dietmar. Als die Polizisten oder SozialarbeiterInnen Mareike-Zora abholen, ist er vielleicht 69. Was er nun tun wird, dürfte nach meinem „Faust“-Satz ziemlich klar sein. Es wird heftig werden. Er kann es zum Beispiel besser machen als Bergbauer Rocco, der den Fabrikanten Korten oder die Gemeindearbeiter, die auf Kortens Betreiben hin Roccos altem Walnußbaum mit der Motorsäge zu Leibe rücken, nicht erschießt.* Er kann sich natürlich auch selber umbringen. Am besten, wir entscheiden uns für beides zusammen. So könnte Dietmar, falls Polizei auftaucht, den ersten Beamten erschießen, und gleich darauf erschießt ihn seinerseits der zweite Beamte, am besten eine Frau.

* Walther Kauer: Spätholz, Zürich 1976


Fortsetzung hier
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