Donnerstag, 26. Mai 2016
Lexikon der Unfallopfer X–Z

Xu Zhimo (1897–1931), chinesischer Hochschullehrer, Journalist, Übersetzer und Lyriker. Da Xu aus einer begüterten Familie (aus der Provinz Zhejiang) stammte, begriff er „Revolution“ bestenfalls als Befreiung von Handelsschranken und Steuern. Seine Sippe handelte auch mit Waffen. Allerdings erwärmte sich Xu, dabei von Auslandsreisen und insbesondere der englischen Romantik beeinflußt, zunehmend für Literatur. Daneben liebte er das weibliche Geschlecht; seine Affären mit Zhang Youyi, Lin Huiyin und Lu Xiaoman und wahrscheinlich auch mit einigen US-Geistesarbeiterinnen sind bekannter als seine Gedichte. Die äußere Entwicklung beschnitt jedoch seinen Spielraum fürs Verseschmieden und Sichverlieben. So kriselt es auch in seiner zweiten, 1926 geschlossenen Ehe (mit Lu Xiaoman), und zu allem Unglück kommt es in den folgenden Jahren schon wieder zu Unruhen in der Provinz, die ihn von den familiären Ländereien vertreiben. Er läßt sich in Shanghai nieder. Da seine Eltern kein Geld mehr herausrücken, geht auch die neue Literaturzeitschrift Xinyue (Halbmond) ein, die Xu soeben erst gegründet hatte. Seine letzten Lebensjahre soll er mit schwermütigen Grübeleien über die düsteren Lebensverhältnisse verbracht haben – da lag das Ende seines Lebens sozusagen in der Luft. Es ereilte den 34jährigen Lyriker am 19. November 1931 unweit der Großstadt Tai'an, Shandong, auf der Flugroute von Nanking nach Peking, wo er Lin Huiyin besuchen oder einem Lehrauftrag nachkommen wollte. Laut englischsprachiger Wikipedia hatte Xu ein kleines sechssitziges Postflugzeug erklommen, das sich bei Nebel verflog und in den Bergen zerschellte. Auch die beiden Piloten kamen um. Ob es daneben Überlebende gab, bleibt unklar.

Der Geograf, Asienforscher und Fotograf Emil Trinkler (1896–1931), Sohn eines Bremer Tabakkaufmanns, starb ein halbes Jahr vor dem chinesischen Lyriker im selben Alter. 1927/28 hatte er sich sogar in der selben Gegend aufgehalten, nämlich als Expeditionsleiter bei der Erforschung (oder Ausspionierung?*) Afghanistans, das ja noch heutzutage das brennende Interesse westlicher Demokratien und ihrer sogenannten Streitkräfte erregt. Früher hatte er bereits Indien bereist. Diese ausgedehnten Unternehmungen im „wilden“ Fernen Osten überstand Trinkler offenbar unbeschadet, obwohl er bereits dort zum Zwecke der Fortbewegung zumindest in Indien auch das Automobil bemühte. Es folgten etliche Veröffentlichungen, eine Heirat mit der Bremerin Ilse Wülbern und die Vorbereitung einer dritten Expedition, die die Trinklers im Verein mit einem befreundeten Ehepaar nach Persien und Zentralasien führen sollte. Trinkler hatte sich von der Stille Asiens und der Abwesenheit jeglicher Unrast und „Hetze“ beeindruckt gezeigt – ein Balsam für die westliche Seele, die ihm „verkümmert“ vorkam. Prompt hatte er am 12. April 1931 auf der Landstraße von Bremen nach Bremerhaven einen „Kraftwagenunfall“, wie man damals dazu sagte. Damit hatte sich die Expedition erledigt, erlag Trinkler doch eine Woche darauf, mit knapp 35, seinen Verletzungen im Bremerhavener Städtischen Krankenhaus. Später benannte man in Bremen eine Straße nach dem Sohn des Stadtstaats. Zwar findet sich im Bremer Staatsarchiv eine dünne Mappe mit Zeitungsausschnitten über Trinkler, doch auch daraus gehen keine Einzelheiten über die „Tragik“ auf der erwähnten Landstraße hervor. Vielleicht war Trinkler ein elefantengroßes Gespenst erschienen.

Wer Männer davor warnen möchte, ihre Augen vor allem auf knusprige Knaben zu werfen, sollte unbedingt vom schlechten Beispiel des Bielefelder Tuchfabrikantensohnes Friedrich Wilhelm Murnau (1888–1931) sprechen. Immerhin wurde der schwule Provinzler (in Berlin) Schauspieler und bald ein berühmter Stummfilmregisseur, wobei er bereits mit seinen ersten Arbeiten aufhorchen ließ, etwa Nosferatu (1922) und Der letzte Mann (1924). Ab 1926 wirkte Murnau in Hollywood, USA, und von dort aus auch auf der Pazifikinsel Tahiti, wo er den Film Tabu drehte, dessen Premiere für den 18. März 1931 angesetzt war. Diese erlebte Murnau aber nicht mehr. Und wer war schuld? Wenn nicht Murnau selber, dann sein angeblich erst 14 Jahre alter „Butler“, wie sich einige Quellen verschämt ausdrücken. Butler Garcia Stevenson, mal als Polynesier, mal als Filipino, auf der Webseite der Bielefelder Murnau-Gesellschaft sogar als Luft ausgegeben, begleitete den Filmkünstler am 11. März auf der Küstenstraße von Los Angeles aus zu einer Besprechung in Monterey. Trauen wir dem Spiegel am meisten**, ließ Murnau seinen (Liebes-)Diener in der Nähe von Santa Barbara „erstmals“ ans Steuer seiner Limousine, bei der es sich für die englischsprachige Wikipedia naturgemäß um einen Rolls Royce handelte, wenn auch nur um einen „gemieteten“. Prompt stieß der blutjunge Fahrschüler, möglicherweise von Hause aus eher mit Fischerbooten vertraut, gegen einen Lastwagen oder einen Strommasten und stürzte in jedem Fall, jedenfalls laut Spiegel, eine Böschung hinunter. Bei diesem Unfall soll lediglich Murnau ums Leben gekommen sein. Der 42jährige erlag noch am selben Tag in einem nahen Krankenhaus seinen Verletzungen und wurde bald darauf in Berlin-Stahnsdorf begraben. Das Schicksal seines „Schützlings“ aus der Südsee ist keiner Quelle auch nur ein Komma wert.

Börries von Münchhausen junior (1904–34), Sprößling eines auf Schloß Windischleuba bei Altenburg, Thüringen, residierenden faschistisch gestimmten und entsprechend ruhmreichen Balladendichters, hatte es trotz aller Verwöhnung zum Dr. phil. und Diplom-Landwirt gebracht. Soweit ich weiß***, durchkreuzte sein Autounfall (vom 10. Januar 1934) die Aussicht, Herr auf Gut Moringen bei Northeim in Niedersachsen zu werden, was ihm wahrscheinlich sowieso nicht geschmeckt hatte. Die Umstände liegen im Dunklen. In Jutta Ditfurths Biografie über den Senior, den Balladenbaron****, wird lediglich vom „allzu raschen Dahinjagen“ des Sprößlings gesprochen – wo auch immer. Auf einer thüringer Webseite***** wird beleglos behauptet, Münchhausen, wahrscheinlich erst 29, habe sich im Rahmen eines Autorennens „bei Großkugel“ totgefahren, also wohl auf einer Landstraße zwischen Halle und Leipzig, somit nicht weit von Altenburg entfernt. Ebendort, auf seinem Schloß, bringt sich der Senior, mit knapp 71, gut 11 Jahre später beim Näherrücken der Alliierten wohlweislich um – ein Fall fürs nächste Lexikon.

* Wolf Oschlies im Eurasischen Magazin, 2010?
** Simon Broll am 20. Dezember 2013
*** Moringer Zeitung, 30. Juli 1966
**** Hamburg 2013, S. 265
***** Ulrich Kaufmann 2007



Yli-Niemi, Pekka (1937–63), Skispringer >Ausserleitner, Paul


Ylla (1911–55), eigentlich Camilla Koffler – bis sie entdeckte, daß Camilla auf Serbisch „Kamel“ hieß.* Zunächst Bildhauerin, hätte sie sich eigentlich 1932 wieder rückbenennen können, sattelte sie doch nun auf Tierfotografie um. Ihr erstes Atelier eröffnete die Jüdin vom Balkan in Paris. Sie begann verständlicherweise mit Hunden und Katzen, steigerte sich aber bis zu Elefanten und wildlebenden Nashörnern oder Giftschlangen. Sie reiste viel. 1941 emigrierte sie in die USA. Sie veröffentlichte ihre Arbeiten in renommierten Zeitschriften und brachte zahlreiche Bildbände und Kinderbücher heraus, etwa The Sleepy Little Lion und Two Little Bears. Während ihr japanischer Berufskollege Michio >Hoshino 40 Jahre später von einem russischen Braunbären aus seinem Zelt entführt und dann verspeist werden sollte, kam Ylla 1955 der Einladung eines nordindischen Maharadschas zum Besuch eines Rennens zwischen Ochsengespannen in der Großstadt Bharatpur nach. Das kostete sie ihr Leben, denn sie fiel beim Fotografieren von einem auf Höhe der Ochsen, jedoch buckligen Gelände dahinbrausenden Jeep und zog sich dadurch tödliche Verletzungen zu. Die alleinstehende Künstlerin starb am 30. März mit 43 in einem Krankenhaus der Stadt. Ihr Nachlaß ging an ihr Patenkind Pryor Dodge.

Der Zoologe und Vogelforscher Gustav Kramer (1910–59) ist vor allem für den Nachweis bekannt, daß sich Zugvögel vornehmlich an Sonnenstand und Tageszeit orientieren. 1933 in Berlin promoviert, war er selber offensichtlich nicht antifaschistisch orientiert, führte ihn doch seine wissenschaftliche Laufbahn bis 1941 durch Institute in Heidelberg sowie Rovigno, Kroatien, und Neapel, Italien. Und dann? Darüber verliert Konrad Lorenz in seinem Nachruf** kein Wort. Woanders geht es 1948 weiter, da habe Kramer eine Abteilungsleitung im Wilhelmshavener Institut für Meeresbiologie übernommen. Ich könnte mir denken, er befand sich in der Zwischenzeit zunächst in Deutschlands Streitkräften, dann in Gefangenschaft. Wenn ja, überlebte er den Einsatz auf militärischem Felde immerhin. Gut so, denn in den Bergen der süditalienischen Region Kalabrien wartete ein noch „schönerer Tod“ auf ihn, so wieder Lorenz. Dort stürzte der inzwischen 49jährige leidenschaftliche Ornithologe und Bergsteiger am 19. April 1959 beim Versuch ab, in der Schlucht des Wildwassers Raganello Nester von Felsentauben um Jungvögel zu erleichtern, die er für seine Versuche benötigte. Seine beiden jungen Söhne hätten seine Leiche nur „unter größter eigener Lebensgefahr“ aus dem reißenden Bergfluß geborgen.

Wie sich ältere LeserInnen sicherlich noch erinnern werden, erregte der Direktor des Zoos in Frankfurt am Main Bernhard Grzimek um 1955 mit dem Buch und Film Kein Platz für wilde Tiere weltweites Aufsehen. Die Erlöse waren üppig genug, um neue Tierschutzprojekte in Afrika zu planen und zu diesem Zwecke auch das Fliegen zu erlernen, da sich die Bestände an Giraffen oder Gazellen vom Flugzeug aus leichter beobachten und zählen ließen. So machten sowohl Vater Bernhard wie Sohn Michael den Pilotenschein und erwarben eine Dornier 27, die sie mit Zebrastreifen bemalen ließen, damit die Giraffen oder Gazellen das über ihnen brummende Untier nicht etwa mit Geiern verwechselten. Michael Grzimek (1934–59) war angehender Doktor der Zoologie, zudem verstand er es schon, mit Filmkameras umzugehen. Aber eben nicht mit Geiern. Am 10. Januar 1959 in seiner Zebramaschine über dem Nationalpark Serengeti im heutigen Tansania unterwegs, stieß er mit einem Gänsegeier zusammen. Der Vogel beschädigte eine Tragfläche stark genug, um die dröhnende und stinkende Konkurrenz zum Absturz zu bringen. Der 24 Jahre alte Nothelfer der Tiere starb. Da er nun einmal tot war, raffte sich Vater Bernhard um 1960 zu dem nächsten Buch und Film und Welterfolg Serengeti darf nicht sterben auf. Neben Savannen scheint der alte Grzimek das Unkonventionelle geliebt zu haben. Nachdem sich der Tierarzt und Fernsehstar 1973 von seiner Frau Hildegard hatte scheiden lassen, heiratete er fünf Jahre darauf, inzwischen schon fast 70, die Witwe Erika seines Sohnes Michael. Deren Söhne Stephan und Christian, also seine Enkel, adoptierte er. Der als eitel und albern beschriebene Wissenschaftler starb 1987 mit 77 Jahren. Im „Dritten Reich“ hatte er sich allerdings eher konventionell verhalten: Regierungsrat im Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft vom Januar 1938 bis zum 8. Mai 1945 – aber keine Minute länger.

Nach dem Tod ihres Gatten Othar 1918, eines Kaufmanns, wird die biedere Norwegerin Wanny Woldstad (1893–59) aus Tromsø zunächst Taxifahrerin, und zwar die erste (weibliche) im hohen Norden ihres Landes, und bald darauf, aufgrund der Erzählungen ihrer von dort kommenden Fahrgäste, erste Eisbärenjägerin auf Spitzbergen. Allerdings verschmäht sie auch Polarfüchse oder Robben nicht. Selbst ihre beiden Söhne treten in ihre mit Blutstropfen garnierten Fußstapfen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wohl nicht mehr fit genug, hält die Trapperin Vorträge über ihre auf Pelz und Fleisch gehenden Pirschen in Schnee und Eis und verfaßt sogar ein Buch (1956). Damit ist klar, sie hatte nicht das Glück, wie Grzimek junior im Dienst an den Tieren, also mit der Flinte in der Hand oder sich vor der eigenen, eigentlich den Bären zugedachten „Selbstschußanlage“*** im Schnee windend zu sterben. Sie hielt sich nun bei Tromsø in der Kleinstadt Lenvik oder noch ländlicher teils als Haushaltshilfe, teils als Hühnerfarmerin über Wasser. Sie soll sogar Erdbeeren angebaut und verkauft haben****, aber da streikt mein Glaube daran, man könnte in der Sahara Schlittenhunde züchten. Ende Oktober 1959 stieß ihr Wagen, vielleicht war es auch der ihres Sohnes Bjørvik, bei Storslett (östlich von Tromsø) mit einem Lastwagen zusammen, wodurch die inzwischen 66jährige ums Leben kam. Sie starb auf dem Transport ins Krankenhaus. Wird Woldstadt von feministischer Seite aus gern als Heldin und Pionierin verehrt, ist es eigentlich nicht verblüffend. Vor allem hat sie bei der Vorbereitung eines 1973 erlassenen Gesetzes mitgewirkt, wonach auf Spitzbergen nicht ein Eisbär mehr geschossen werden darf.

* Webseite von Pryor Dodge, Stand 2008
** 1959 im Journal für Ornithologie, Nummer 100 (3), S. 265–68
*** Eine Art Hundehütte mit Köder vorn und Pistole hinten
**** Asbjørn Jaklin auf Norsk Polarhistorie 2007



Zachar, Gerhard (1945–78), Rockmusiker >Gaines, Steve


Zahir, Ahmed (1946–79), U-Sänger >Cafrune, Jorge


Zámbó, Jimmy (1958–2001), erfolgreicher ungarischer Schlagersänger, eigentlich Imre mit Vornamen. Kaum hatte der vieroktavige langlockige dunkelblonde Gesangskünstler, auch dreifacher Vater, breite vom Kommunismus befreite Massen mit seinem jüngsten Album Karácsony Jimmyvel (Weihnachten mit Jimmy) für sich begeistert, erlitt er – möglicherweise – in seiner Budapester Wohnung einen Wutanfall. Es war der frühe Morgen des 2. Januar 2001. Jimmy „The King“ pflügte ans Schlafzimmerfenster und gab Pistolenschüsse auf den zu schlecht singenden Haushahn eines Nachbarn ab! Doch nach vollzogenem Strafgericht wieder ins Zimmer getaucht, löste sich aus seiner 9 mm Beretta angeblich versehentlich noch eine weitere, von Zámbó übersehene Patrone, während der Lauf auf seinen Kopf gerichtet war. Die Behörden erkannten auf Unfall. Nach Gusztáv Kosztolányi* könnte es sich bei der Geschichte mit dem Haushahn allerdings auch um eine Verleumdung der betreffenden Nachbarn und bei dem Schußwaffenunfall um einen verspäteten Neujahrsscherz des Schlagerstars im Rahmen einer kleinen häuslichen Party gehandelt haben, á la Russisches Roulette. Alkohol war in jedem Fall im Spiel. Suizid oder Mord seien dagegen unwahrscheinlich. Für die Pistole besaß der 42 Jahre alte Anhänger der Jagd und des Bodybuildings angeblich einen Waffenschein, aus „Selbstschutzgründen“. Nachdem er im Krankenhaus noch am Unfalltag sein kämpferisches Leben ausgehaucht hatte, kehrten wie in solchen Fällen üblich Riesentrauer und -verkauf ins Land. Die Witwe rieb sich die Hände und verschmerzte auch die Locken, die Reliquienjäger im Krankenhaus, wo sie dem Eingelieferten abgeschnitten worden waren, erbeutet hatten.

Der namhafter US-Saxofonist aus New York City Bob Berg (1951–2002), zeitweise bei Chick Corea und Miles Davis tätig, wohnte mit Frau und zwei Kindern auf Long Island, wo er Anfang Dezember 2002 die letzte Autofahrt seines 51jährigen Lebens unternahm. Er stieß vormittags in Amagansett, nicht weit von zu Hause, mit seiner Geländelimousine Marke Ford Explorer mit einem Zementlastwagen des Gegenverkehrs zusammen, der bei einem Ausweichmanöver ins Schlittern gekommen war. Laut einem lokalen Wochenblatt** hatte es vor dem Unfall anhaltend geschneit. Andere Quellen sprechen von einem Schneesturm – das macht sich jedenfalls besser als Unausgeschlafenheit, schlechte Laune oder Termindruck. Berg starb auf der Stelle. Seine Ehefrau Arja, die ihn begleitet hatte, wurde ins Freie geschleudert und verletzt. Später sprach sie von dem dumpfen zähflüssigen Film, der in ihr abgelaufen sei. „You always see accidents from outside, and now it was me that was experiencing it,“ she said.

* auf CER am 12. Januar 2001
** The East Hampton Star, 12. Dezember 2002



Zoi, Wiktor Robertowitsch (1962–90), Rocksänger >Paião, Carlos


Zola, Émile (1840–1902). Egon Friedell bezeichnet den berühmten französischen „naturalistischen“ Schriftsteller, der Comte und Darwin verehrte und die größte Stütze des verfolgten jüdischen Offiziers Alfred Dreyfus war, in seiner Kulturgeschichte der Neuzeit* aufgrund „seiner Verachtung alles Göttlichen und Anbetung der Masse und der Maschine“ als „einen Höhepunkt des modernen Paganismus“, also des Heidentums. Von daher habe auch sein haarsträubend zufälliger und sinnloser „technischer Tod“ nichts Befremdliches. Von anderen Gesichtspunkten aus allerdings durchaus; es gab und gibt Mordgerüchte. Folgendes trug sich Ende September 1902 in Paris zu.

Mit seiner Gattin Alexandrine eben erst von seinem Landhaus in Médan zurückgekehrt, ließ der 62jährige Schriftsteller den Ofen im gemeinsamen Schlafzimmer anheizen, denn das Sommerwetter war vorbei. Sie gingen zu Bett – und zumindest er wachte niemals mehr auf. Er wurde am nächsten Vormittag mehr oder weniger tot auf den Dielen vorgefunden, während seine Frau bewußtlos im Bett lag. Die Ärzte vermuteten eine Kohlenmonoxidvergiftung der beiden durch einen verstopften Kamin – dieses Gas ist bekanntlich geruchlos. Im Krankenhaus wurde leider nur Alexandrine wieder zum Leben erweckt. Allerdings erbrachten Richard Cavendish zufolge** weder eine amtliche Untersuchung des Schornsteins noch amtliche Versuche mit im Schlafzimmer eingesperrten Meerschweinchen Anhaltspunkte für einen verstopften Kamin (und offenbar auch keinen Auflauf von Tierschützern vor Zolas Haus). Der Coroner entschied auf „natürlichen Tod“. Ob er dabei mehr den ärztlichen Befunden oder mehr seiner Feigheit folgte, ist mir nicht ganz klargeworden. 1953 habe jedoch ein Leserbriefschreiber behauptet, so Cavendish weiter, der Dachdecker Soundso habe auf seinem Sterbelager gestanden, bei einer Reparatur am Nachbarhaus im Auftrag von Dreyfus-Gegnern Zolas Kamin blockiert, den Stopfen freilich am Todesmorgen vorsorglich wieder entfernt zu haben. Da der Soundso nun ebenfalls tot war, blieb die Angelegenheit ungeklärt. Dagegen war 1908 bei der Umbettung von Zolas Leichnam (ins Panthéon) ein Journalist namens Louis Gregori dingfest gemacht worden, nachdem er bei den Feierlichkeiten auf einen Trauergast geschossen hatte – eben auf Dreyfus. Der wurde aber nur leicht verletzt.

Die schweizer Künstlerin Sophie Taeuber-Arp (1889–1943) soll mit 53 Jahren im Haus des Ehepaars Binia und Max Bill in Zürich ebenfalls über Nacht einer Kohlenmonoxidvergiftung zum Opfer gefallen sein, „durch einen falsch gehandhabten Ofen“, wie es überall heißt. Wer ihn handhabte, ist mir nicht bekannt. Vielleicht hatten die Bills ja Dienerschaft, wie die Zolas. Und noch so manche weitere GroßkünstlerInnen. Da kann man nur hoffen, wenigstens Friedell habe (in Wien) weder Putzfrau noch Butler gehabt; ein Hund, der ihm stets die Zeitung brachte, reichte ja eigentlich schon.

Wenige Jahre nach Zola erwischte es den bekannten Pariser Physiker Pierre Curie (1859–1906) als Fußgänger schon mit 46. Bei Regen die „belebte“ Rue Dauphine überquerend, soll der für manche klassisch zerstreute Professor ausgerutscht und unter eine Pferdedroschke geraten sein – Schädelbruch. Sabine Glaubitz weist allerdings darauf hin***, der an Händen und Beinen zitternde Gatte Marie Curies sei aufgrund der gemeinsamen Experimente mit Strahlungen (Radium) bereits arg zerrüttet gewesen. Den gemeinsamen Nobelpreis (1903) nahm der Professor mit in seinen Sarg.

* einbändige Ausgabe München 1974, S. 1339–41
** History Today, Heft 52, 9. September 2002
*** Wiener Zeitung, 14. April 2006



Zorn, Dieter († 2013), Schlangenbändiger >Brancheau, Dawn


Zürner, Albert (1890–1920), Sohn eines Hamburger Schlachters, wurde womöglich Wasserspringer, weil er kein Blut mehr sehen konnte. „Gold“ auf dem Drei-Meter-Brett bei der „Olympiade“ 1908 in London, „Silber“ im Turmspringen in Stockholm 1912. Dann sprang er ins kalte Wasser des Ersten Weltkrieges, was er erstaunlicherweise überlebte. Wieder im Training, stand er am 18. Juli 1920 im heimatlichen Schwimmbad an der Alsterlust nach einem Sprung, der nicht näher beschrieben wird, nicht mehr auf.* Er war 30.

Der US-Olympiasieger im Kunstspringen von 1952 David Browning (1931–56) fiel sogar schon mit 24 Jahren – wenn auch nicht ins Wasser. Browning gehörte der heimischen Kriegsmarine als Pilot an und stürzte mit seinem Jäger im März 1956 bei Rantoul in Kansas ab. Das war vielleicht immer noch angenehmer als in Korea – wenn auch nicht unbedingt für die Dorfbewohner bei Rantoul.

Am Besten machte es Brownings Landsmann Bruce Harlan (1926–59), der es mit seiner Gold- und Silbermedaille bei den Londoner „Olympischen Spielen“ von 1948 gut sein ließ und seine „aktive“ Laufbahn bald darauf beendete. Allerdings blieb er der Branche als Trainer erhalten. Ab 1954 betreute er den Spring-Nachwuchs an der Universität von Michigan in Ann Arbour. Am 21. Juni 1959 an einem Schauspringen in Fairfield, Connecticut, beteiligt, half der inzwischen 33jährige gegen Abend tatkräftig beim Abbau eines Gerüstes, das am Sprungturm benötigt worden war. Dabei stürzte er aus gut acht Meter Höhe ab.**

* Hamburger Abendblatt, 18. Juli 2008
** Hall of Fame, Stand 2015



§§§

Zurück zum Buchbeginn
°
°