Mittwoch, 25. Mai 2016
Lexikon der Unfallopfer W

Wagener, Sascha (1977–2011), linker Politiker. Das Transparent mit der anarchistischen Forderung, sein Handeln gefälligst mit seinem Denken in Übereinstimmung zu halten, läßt sich immer leicht abschmettern, beispielsweise indem man Brecht/Weills Dreigroschenoper-Liedchen von der „Unzulänglichkeit allen menschlichen Strebens“ pfeift oder an zwei Händen sämtliche „Sachzwänge“ aufzählt, die das Bemühen um jene Übereinstimmung gerade durchkreuzten. Deshalb haben wir weiter oben über den US-Demokraten Wickliffe, der seinen Angelweg 1912 unter Mißachtung eines Warnschildes über Bahngeleise abkürzte und dadurch auch sein Leben, nur gelächelt. Sascha Wagener war sogar noch mehr Demokrat, nämlich Mitglied des Vorstandes der Partei der Anmaßung Die Linke und Leiter von deren Freiburger Regionalbüro im Breisgau, als er sich am 13. März 2011 im Bahnhof Lahr (am Schwarzwald) anschickte, die Bahnsteige nicht durch die Unterführung vielmehr über die Gleise zu wechseln. Wagener kam an diesem frühen Sonntagmorgen aus einer Discothek.* Auf den Gleisen brauste ein Güterzug heran und tötete den 33jährigen Sozialisten. Die offiziellen Parteiverlautbarungen vermieden es allerdings, das Publikum oder die WählerInnen mit den Einzelheiten des wieder einmal „tragischen“ Unfalls zu belästigen. Sie stellten lieber Wageners vorbildliche Seiten heraus.

Um Mißverständnissen vorzubeugen: Ich predige keine blinde Gesetzestreue. Obwohl ich ungleich mehr Zeit habe als unsere BerufspolitikerInnen, pflege ich zum Beispiel nie an roten Fußgängerampeln zu warten, sofern kein Auto in Sicht ist. Das deckt sich mit meinem Denken, wonach es sich bei der Straßenverkehrsordnung um einen Bestandteil eines von Beschleunigungswütigen und Profitgierigen errichteten Terrorregimes handelt. Die kleinen Kinder sind kein Gegenargument. Man sollte sie nie an Terrorregime gewöhnen. Ja, besser noch, man sollte sie, heutzutage, gar nicht erst in die Welt setzen, denn der Auftrag, sie erzieherisch auf dieselbe vorzubereiten, kommt bereits einer Folter gleich. Für alle Beteiligten.

* Badische Zeitung, 14. März 2011


Wagler, Johann Georg (1800–32), bayerischer Zoologe, seit 1827 „außerordentlicher“ Professor in München. Soweit ich sehe, war der Fachmann für Amphibien und Reptilien nie in Übersee gewesen; er hatte sich als Assistent des Naturwissenschaftlers Johann Baptist von Spix damit begnügt, dessen in Brasilien erbeuteten Schlangen zu beschreiben. Die konnten ihn wenigstens nicht mehr beißen. Was den leidenschaftlichen Sammler und Jäger, laut zeitgenössischem Nachruf* überdies ein schönes stattliches Mannsbild, mit 32 Jahren das Leben kostete, war seine Gier nach zwei einheimischen Vögeln. Er hatte bereits eine Gattin, die Königliche Hofkapellsängerin Nannette Pesl, und zwei Kinder. So unternahmen sie an einem Augusttag 1832 einen Familienausflug zur Moosacher Fasanerie, die nahe München in einem Wäldchen lag und womöglich schon damals einen Bierausschank aufwies. Dort konnte Professor Wagler sogar einen hitzigen Streit zwischen zwei anderen Gästen schlichten, worauf er deren (geladene) Flinten in ein Schlehdorngebüsch steckte – unglücklicherweise mit dem Kolben nach unten. Als ihn der Fasaneriemeister einige Zeit später auf zwei stromernde Wildtauben aufmerksam macht, ergreift der jagdfiebrige Zoologe kurzentschlossen eine der verwahrten Büchsen an der Mündung, um sie aus dem Gestrüpp zu ziehen und dann auf die fetten Vögel anzulegen. Prompt geht sie vorzeitig los, weil sich der Abzugshahn im Gestrüpp verfängt. Angeblich fuhr die Kugel (oder Schrotladung) geradewegs durch Waglers ganzen Arm. Nun war der Arm nicht mehr ganz. Es gab großen Blutverlust und einen Wundbrand, und nach neun Tagen Marter im Hospital hauchte Wagler sein Leben aus.

Es wäre nicht schlecht, wenn jemand ein Verfahren erfände, mit dem sich die Wortschwälle der ÜberredungskünstlerInnen aller Art (voran PolitikerInnen) in Luft auflösen ließen. Dem polnischen Chemiker und Physiker Zygmunt Wróblewski (1845–88) war es im Verein mit Kollegen immerhin umgekehrt gelungen, erstmals Luft zu verflüssigen (1883). Damals hatte er gerade einen Lehrstuhl in Krakau erklommen. Fünf Jahre darauf, inzwischen 42, zündete er an seinem Schreibtisch im Institut eine Petroleumlampe an, um mehr Licht für eine grafische Skizze zu haben. Sie kippte um und durchtränkte seinen Rock, der leider ebenfalls sofort Feuer fing. Schreiend ins Treppenhaus gerannt, gelang es einigen Studenten nur unvollkommen, die Flammen zu ersticken, sodaß Wróblewski schwere Verbrennungen erlitt. Er starb nach qualvollen drei Wochen Mitte April 1888 im Krankenhaus.** Zum Entgelt bekam der offenbar schwergewichtige Professor knapp 100 Jahre später einen Mondkrater, Durchmesser 22 Kilometer.

* von Dr. Johannes Gistl, 1835, ausgegraben von Frank Glaw, Kurator der Zoologischen Staatssammlung München, Pdf 2001
** University at Buffalo, New York, USA, 2000



Wahmke, Kurt (1904–34), Raketenkonstrukteur >Valier, Max


Wald, Abraham (1902–50), Mathematiker >Knickerbocker, Hubert R.


Walker, Paul (1973–2013), Schauspieler >Koppy, Adam


Wampilow, Alexander (1937–72). Der sibirische Journalist und Dramatiker aus dem Dorf Kutulik veröffentlichte sein erstes Buch unter dem Pseudonym Sanin mit 24 Jahren rund 150 Kilometer weiter südlich in der Großstadt Irkutsk, wo man ihm heutzutage, vermutlich in Bronze gegossen, ganz öffentlich vor einem Theater begegnen kann. Wampilow verfaßte in 10 Jahren fünf Stücke, die sowohl in der Sowjetunion wie in der DDR häufig aufgeführt wurden, darunter 20 Minuten mit einem Engel, Entenjagd, Letzter Sommer in Tschulimsk. Lola Debüser lobt sie (in einer Ostberliner Ausgabe von 1976) über den Klee, obwohl man sie auch sämtlich für einen Tschechow-Aufguß halten könnte, der an der inzwischen angeblich sozialistischen Wirklichkeit unkritisch vorbeigeht. Mit Blick auf das zuletzt genannte Stück (oder auf eine Fata Morgana) pflichtet ihr auch der österreichische „Literaturvermittler“ György Sebestyén* bei: „Zaghafter Optimismus durchflutet eine schamvolle Tragödie – in der Scheu dieses genialen Sibiriaken steckt die unbändige Kraft von kühnen, ja verwegenen Grübeleien.“ Nur das Langstreckenschwimmen beherrschte der geniale Sibiriake, in dessen wortreichen Stücken mehr Wodka als Regen rinnt, möglicherweise nicht vollkommen genug. 34 Jahre alt, soll er im Sommer 1972 bei einer Bootsfahrt auf dem Baikalsee, über die Debüser nichts Näheres verlauten läßt, ertrunken sein. Wampilows Wirkungsort Irkutsk liegt unweit vom Südzipfel des riesigen langgestreckten Sees.

Erfreulicherweise findet sich das Nähere in einem augenscheinlich recht gut belegten Artikel der englischsprachigen Wikipedia. Danach hätte Wampilow, neuerdings mit Olga Mikhailovna Vampilova verheiratet und Vater eines Töchterchens, am 19. August seinen 35. Geburtstag gefeiert, sofern er nicht am 17. Angeln gegangen wäre. Im Verein mit seinem Irkutsker Kollegen Gleb Pakulov gedachte er just für die Geburtstagsfeier einen Haufen Fische aus dem Baikalsee zu ziehen. Auf dem See werden die beiden jedoch von einem Sturm überrascht, der ihr Boot zum Kentern bringt; wahrscheinlich war auch ein im Wasser treibender Baumstamm im Spiel. Während sich Pakulov an das umgekippte Boot klammerte, habe sich Wampilow, ein ausgezeichneter Schwimmer, zum fernen Ufer gewandt, um Hilfe zu holen. Doch er kam nie am Ufer an. Wahrscheinlich hätten ihn Wasserkälte und Herzschwäche übermannt. Man habe später nur noch seine Leiche aus dem See gefischt.

Was aus Pakulov (und seinem Seelenfrieden) wurde, läßt sich dem Internet nicht entnehmen. Begnügen wir uns mit ein paar Takten zum Baikalsee. Eine russische Quelle behauptet, Wampilow habe von einer „Datscha“ am Ufer des vielbesungenen Binnengewässers geträumt. Dafür hat es nicht ganz gereicht. Der Baikalsee ist sehr tief, im Schnitt 730 Meter, und erwärmt sich selbst im Hochsommer kaum über 10 Grad.

* wahrscheinlich in: Studien zur Literatur, Eisenstadt 1980


Wangenheim, Chris von (1942–81), Modefotograf >Gerresheim, Lutz


Warburton, Elliot (1810–52), Schriftsteller >Fuller, Margaret


Warren, Leonard (1911–60), Opernsänger >Vierne, Louis


Webern, Anton (1883–1945), Komponist >Bauschke, Erhard


Welch, Denton (1915–48), Maler >Wiemken, Walter Kurt


Werner III. († 1066), Graf von Maden >Heinrich IX.


Wernicke, Carl (1848–1905), Neurologe >Bleichröder, Georg von


West, Nathanael (1903–40), Schriftsteller >Barnes, Walter


White, Clarence (1944–73), Folkmusiker >Matter, Mani


White, John (1937–64), Fußballspieler >Henneberger, Barbara


Wickliffe, Robert C. (1874–1912), Politiker >Strickland, Hugh E.


Wiemken, Walter Kurt (1907–40). Den Baseler Maler, Sohn eines selbstständigen Lithographen, beschäftigte unter anderem die Gleichzeitigkeit von gegensätzlichen Ereignissen, etwa dem Luftsprung eines ausgelassenen Kindes auf der einen Seite einer Hofmauer und dem tödlichen Sturz eines Kindes auf der anderen Seite – und sei es in Übersee. Sein wichtigster Lehrer war Fritz Baumann. Später beeinflußten ihn Grosz und Picasso. 1933 zählte er zu den Mitgründern der sowohl avantgardistisch wie antifaschistisch orientierten schweizer Gruppe 33. Obwohl schon als Säugling an Kinderlähmung erkrankt und deshalb zeitlebens behindert, wanderte Wiemken gern, meistens im Mendrisiotto, Kanton Tessin. Ende Dezember 1940 – inzwischen war der Zweite Weltkrieg „ausgebrochen“, der ihn stark mitnahm* – warteten seine Angehörigen vergeblich auf seine Rückkehr. Sein zerschmetterter Leichnam wurde erst Wochen später, am 23. Januar 1941, am Grund der Breggia-Schlucht bei Castel San Pietro gefunden. Vermutlich war der 33jährige Maler entweder abgestürzt oder gesprungen.

Der britische Maler und Schriftsteller Denton Welch (1915–48), geboren in China und dort auch aufgewachsen, hatte sich 1933 an der Londoner Goldsmith School of Art eingeschrieben. Als er zwei Jahre darauf, am 7. Juni 1935, mit seinem Fahrrad südlich der Metropole in Surrey unterwegs war, wurde er von einem Auto erfaßt und erlitt eine Wirbelsäulenfraktur. Zwar blieb der damals 20jährige nicht dauerhaft querschnittgelähmt, doch er war hilfsbedürftig, wurde öfter von Infektionen heimgesucht und hatte einige Schmerzen auszuhalten. Er starb im Dezember 1948 mit 33 Jahren in seinem Haus bei Sevenoaks in Kent. In den letzten Jahren hatte er dort mit seinem Geliebten Eric Oliver zusammengelebt, der ihm auch als Pfleger und Sekretär, schließlich auch als Nachlaßverwalter diente. Welch hatte aus seiner Homosexualität nie einen Hehl gemacht. Auf die Literatur hatte er sich erst nach seinem Unfall geworfen. Er konnte etliche Betrachtungen und Erzählungen veröffentlichen, vieles davon zeigte starke autobiografische Züge. Sein besonderes Interesse galt auch als Schriftsteller dem Portrait (seiner Freunde) und dem Interieur (der kent'schen Lebensart). Weiter fühlte er sich magisch von Grusligem oder Ekelhaftem angezogen, etwa einem schon zerlaufenden Stinkmorchel. Welchs Tagebücher erschienen erst posthum. Sowohl verschiedene Autoren der legendären Bloomsbury Group wie der US-Beat-Literat William S. Burroughs sollen Welch verehrt haben. In entsprechenden Kreisen gilt er noch heute als Geheimtip. Der englische Dramatiker Alan Bennett schreibt**, ausgerechnet dieser behinderte und etwas verschrobene Landbewohner habe sich ähnlich wie Dylan Thomas (39), Edith Sitwell und Christopher Fry gegen die Tristesse des Daseins gewandt. Welchs Hauptfeind sei dabei die Farbe beige gewesen.

Die heute berühmte mexikanische Malerin Frida Kahlo (1907–54) war „erst“ als Sechsjährige an Kinderlähmung erkrankt. Davon behielt sie ein verkrüppeltes rechtes Bein zurück. Doch dies alles war noch harmlos. Am 17. September 1925, inzwischen 18 Jahre alt, saß sie in Mexico City in einem Bus, der mit einer Straßenbahn zusammenstieß. Während ihr Begleiter Alejandro mit leichten Verletzungen davonkam, überlebte sie selber nur um den Preis schwerster Leiden und Einschränkungen, die ihr restliches Leben zumindest streckenweise zur Hölle machten. Oft mußte sie für Wochen oder Monate in Gips- oder Stahlkorsagen liegen. In den ersten Krankenhauswochen hatte sie zu malen begonnen. Später lernte sie den noch berühmteren „revolutionären“ Maler Diego Rivera kennen, mit dem sie eine nervenaufreibende Liebschaft einging. Sie starb mit 47 nach erneuter qualvoller Krankenhausbehandlung an einer Lungenembolie. Nach Katrin Zipse*** hatte sie vorher geseufzt, sie hätte in ihrem Leben zwei große Unfälle gehabt. „Den einen mit 18 und der zweite ist meine Verbindung mit Diego Rivera gewesen.“

* Rudolf Hanhart in sikart, 2012
** im Guardian am 7. Februar 2004
*** SWR2 2012



Wilke, Rudolf (1873–1908), Sohn eines Braunschweiger Zimmermanns, erfolgreicher Münchener satirischer Zeichner. Eine Skizze aus dem Nachlaß heißt Hochnäsige alte Damen. Die Arroganz der beiden geht aus ihren mit wenigen Federstrichen aufs Papier geworfenen aufgetakelten Gestalten hervor; die zurückgelegten Gesichter sind bestenfalls angedeutet. Dem Künstler selber stieg der Erfolg nie zu Kopf, obwohl er, wie sein Vater, „nur“ Zimmermann gewesen war, ehe er sich aufs Zeichnen außerhalb von Reißbrettern verlegte. Er besuchte Kunstschulen in seiner Heimatstadt Braunschweig sowie in München und Paris. Seine größte Bewunderung gilt Rembrandt. 1895 läßt er sich fest in München nieder. Durch Teilnahme an einem Wettbewerb findet er 1896 zunächst Eingang in die neugegründete Zeitschrift Die Jugend, bald darauf in den ebenfalls jungen Simplicissimus. Ab 1906 ist er Mitinhaber dieses einflußreichen Satireblatts. Engere Freundschaften pflegt er mit seinen Kollegen Eduard Thöny, Ludwig Thoma (ab 1900 Chefredakteur), Thomas Theodor Heine, Ferdinand von Rezniček. Häufige Reisen führen ihn vor allem in den Mittelmeerraum, der seinem Naturell entgegenkommt. Der Berliner Kunstkritiker Karl Scheffler bescheinigte dem zumeist schwarzbärtigen Hünen (über 1,90) „etwas ungemein liebenswürdig Schlendriges“. Wilke liebte Landstreicher, pausierende Proleten, fahrendes Volk – kurz, den Müßiggang. In seiner Studienzeit hatte er häufiger Billard gespielt als studiert. Aber er zeichnete oft die ganze Nacht durch. Gleichwohl war er ein tüchtiger Läufer (Mitgründer der Eintracht Braunschweig), Radler und Wanderer. Und er bringt es in München, nach einigen Durststrecken, durch seine überwiegend umwerfenden und deshalb begehrten Arbeiten zu einer Villa mit Auto, Motorrad, Sommerhaus, eigener Familie und Dienstboten.

Wilke zeichnet zumeist aus schwungvoller, sich dehnender Linie heraus und sagt das Wesentliche, wie alle Könner, durch Weglassen. Das droht dem Künstler im Frühjahr 1906 allerdings selber, als er beim Skifahren in den Alpen über eine Gletscherspalte stürzt und unglücklich auf den Hinterkopf fällt. Er zieht sich eine Hirnverletzung und dadurch eine „traumatische Diabetis“ zu, für die, zur damaligen Zeit, kaum Heilungsaussichten bestehen. Zwar hält er zumeist die verordneten strengen Kuren und Diäten ein, aber im Oktober 1908 gesellt sich noch eine Lungenentzündung zu seine Schwäche, weil der 35jährige kranke Künstler in seiner eigenhändig gesteuerten „Benzindroschke“ mit Klappverdeck unbedingt nach Emden reisen muß, Schiffe zeichnen. Die Braunschweiger Verwandtschaft verfrachtet ihn in eine Privatklinik, wo er am 4. November stirbt.

Seiner Frau Amalie („Mally“) zufolge, die aus einer Braunschweiger Künstlerfamilie stammte, lauteten die letzten Worte ihres Gatten: „Das ist zu dumm.“ Sie würden Wilke ähnlich sehen, war er doch auch als Zeichner nie Ankläger gewesen, wie Peter Lufft betont.* Der Braunschweiger Kunsthistoriker, Maler und Galerist überliefert zudem eine Szene aus dem Krankenzimmer, die Wilke ohne Zweifel sofort gezeichnet hätte, falls er nicht gerade sein Leben ausgehaucht hätte. „Der Krankenpfleger, der ihn bis zuletzt umsorgt hat, wendet sich ab. Er kehrt sich gegen die Zimmerecke, reißt sich seine bunte Krawatte vom Hals und vertauscht sie schnell mit einem schwarzen, biederen Binder. Dann geht er auf die Witwe zu und spricht ihr murmelnd mit sordinierter Stimme sein Beileid aus.“

Der vielseitige Pariser Bildende Künstler Henri Bellery-Desfontaines (1867–1909) hatte es zu einer Frau, zwei Kindern und einer Ferienvilla im Prominenten-Badeort Petites-Dalles (bei Le Havre am Ärmelkanal) gebracht. Dort zählte auch ein Dr. Henri Tissier zu seinen Nachbarn, der zugleich ein wichtiger Mäzen des Künstlers war, der übrigens auch Möbel und ganze Raumausstattungen im Art nouveau-Stil schuf. Als ihn Tissier für den 25. September 1909 zu Austern einlud, konnte und wollte Bellery-Desfontaines natürlich nicht nein sagen. Sie brachten ihm allerdings (angeblich**) eine Typhus-Infektion bei, die dem 42jährigen zwei Wochen darauf im Krankenhaus den Garaus machte. Leider verraten die spärlichen Quellen nicht, ob Bellery-Desfontaines' Wohl- und Übeltäter, der „Docteur“ also, Arzt war und ob er gleichfalls verschied.

Der US-Pianist und -Komponist Edward MacDowell (1860–1908) ergattert nach Studien- und Schaffensjahren in Europa und Boston 1896 eine Professur an der New Yorker Columbia University. Im selben Jahr erwirbt Gattin Marian in Peterborough, New Hampshire, die Hillcrest Farm als waldreiche Sommerresidenz für den inzwischen angesehenen, übrigens schnurrbärtigen und blauäugigen Mann, der hier sein „spätromantisches“ Werk fortschreiben kann. Marian, eine ehemalige Klavierschülerin MacDowells, blieb aus medizinischen Gründen zeitlebens kinderlos. Nach dem Tod ihres Gatten richtete sie auf dem Farmgelände eine Künstlerkolonie ein, die noch heute besteht. Sie leitete sie über Jahrzehnte, und als sie 1956 das Zeitliche segnete, war sie, mit 98, mehr als doppelt so alt wie der Komponist (47). Der verläßt die Universität 1904 schon wieder, und zwar im Zorn und unter einigem Pressegetöse, weil er sich mit keinem Geringeren als dem Präsidenten der renommierten Hochschule überworfen hat. Spätestens ab hier soll MacDowell, der schon immer seine Phasen der Niedergeschlagenheit hatte, der „Depression“ verfallen sein. Möglicherweise wird sie zusätzlich durch die Auswirkungen einer Vergiftung durch Brom-Arznei (gegen Schlaflosigkeit) oder auch durch die typische Beute romantischer Jugendjahre Syphilis genährt – die Sache ist umstritten. Zu allem Unglück wird MacDowell im selben Jahr seines Abschiedes auf dem Broadway von einer Kutsche angefahren. Die dabei erlittenen Erschütterungen oder Verletzungen tragen wahrscheinlich zu seinem raschen Verfall bei; er wird blödsinnig und verbringt seine vier letzten Jahre überwiegend kindlich lächelnd in einem Lehnstuhl am häuslichen Fenster. Und wer hat ihn zu pflegen und zu ertragen? Gattin Marian im Verein mit der Krankenschwester Anna Baetz.

* Der Zeichner Rudolf Wilke / Leben und Werk, Braunschweig 1987
** Webseite Les Petites Dalles, o. J.



William Aetheling (1103–20), einziger „legitimer“ Sohn des englischen Königs Heinrich I., an der Thronfolge durch das Pech gehindert, mit etlichen anderen erlauchten Leuten, im Ganzen rund 300 Köpfe, im Ärmelkanal zu versinken. Eigentlich sollte der Segler White Ship den 17jährigen Prinzen am 25. November 1120 samt Gefolge von der Normandie, die damals zum Herrschaftsgebiet seines Erzeugers zählte, auf die britische Insel befördern. Der genaue Hergang des Unglücks steht nicht zweifelsfrei fest, weil nur ein Mann überlebte. Wahrscheinlich hatte William Wein ausgegeben, um die Stimmung zu heben. Tatsächlich kam die Idee auf, das voraussegelnde Schiff des Königs zu jagen und vielleicht zu überholen. In Suff und Nebel streifte das White Ship jedoch bei Barfleur ein Riff, von dem es aufgerissen und zum Untergang verurteilt wurde. Einziger Überlebender war der Metzger Bérold aus Rouen, der von drei normannischen Fischern gerettet wurde. William soll bei dem Versuch umgekommen sein, einer um Hilfe rufenden, irgendwo angeklammerten Dame in sein Ruderboot zu helfen. Ja, sehen Sie, bis in den Tod galant! Das Boot kenterte und alle Insassen ertranken. Es war das einzige Rettungsboot gewesen. Was Kapitän Thomas FitzStephen angeht, so heißt es, er habe es vorgezogen, mit dem Schiffswrack unterzugehen statt dem König mit der Hiobsbotschaft entgegentreten zu müssen, sein Sprößling sei ersoffen. Daneben kamen zahlreiche Barone, Gräfinnen, Erzdiakone und dergleichen um, die leider sämtlich ihre NachfolgerInnen fanden. Doch brachte „der Titanic-Untergang des Mittelalters“ immerhin die englische Thronfolge ins Wanken, sodaß das ganze Königreich für rund zwei Jahrzehnte in Wirren gestürzt wurde, die die aristokratischen oder bürgerlichen Historiker später Anarchy tauften – schön wärs gewesen.


Williams, Clifton (1932–67), Astronaut >Freeman, Theodore


Williams, Edward Ellerker († 1822), Seemann >Shelley, Harriet


Williams, Oscar (1944–69), Rockmusiker >Farrow, Ernie


Williams, Robert († 1979), Ford-Arbeiter in Flat Rock, Michigan, USA, ging in die Geschichte ein: als erstes Todesopfer eines Industrieroboters. Der 25jährige war Ende Januar 1979 angewiesen worden, Metallteile aus dem Käfig eines Roboters zu holen. Dabei versetzte ihm der nicht abgeschaltete Roboter mit seinem Arm einen tödlichen Hieb an den Kopf. Vier Jahre später wurde der Hersteller des Roboters gerichtlich verurteilt, Williams' Hinterbliebenen 10 Millionen Dollar zu zahlen.* Zwei Jahre nach dem Unfall bei Ford, im Juli, verunglückte der 37 Jahre alte Techniker Kenji Urada († 1981) ähnlich in einer Motorradfabrik von Kawasaki in Akashi, Japan. Weil er vor Wartungsarbeiten angeblich eine vollständige Abschaltung des Roboters versäumt hatte, drückte ihn dessen Arm in eine Schleifmaschine, sodaß Urada kurz darauf starb.** 2014 erwähnte der Spiegel*** weitere Opfer und stellte die großen Pläne der Automatenbranche und der ArbeitsschützerInnen vor. Ein Jahr darauf kam bei VW-Baunatal ein 21jähriger Techniker in einem Roboterkäfig zu Tode, was ich bereits weiter oben bei Josef Wilhelm >Hauser gestreift habe.

* Ottawa Citizen , Kanada, 11. August 1983
** Deseret News, Salt Lake City, Utah, USA, 8. Dezember 1981
*** Nr. 52



Wills, Beverly (1933–63), kalifornisches Filmsternchen, Tochter einer Komikerin, zweifache Mutter, 30. Als ihr Haus im bekannten Glitzerort Palm Springs in einer Oktobernacht in Flammen aufging, kamen auch ihre beiden Söhne Guy Grossman, 7, und Larry Grossman, 4, sowie ihre Großmutter Nina Davis um. Als Auslöser des Brandes, der die Fensterscheiben bersten ließ, vermutete der Coroner die übliche Bettgeschichte: geraucht. Wills war in dritter Ehe verheiratet und hatte sich aus dem Filmgeschäft zurückgezogen. Ihr erster Ehemann Lee Bamber (1952) konnte ihr naturgemäß nicht beistehen – ein Jammer, war er doch Feuerwehrmann gewesen. Aber auch ihr letzter Ehemann Martin Colbert war nicht zur Stelle. Er hatte Glück; er hielt sich gerade rund 180 Kilometer weiter westlich in Los Angeles auf, angeblich aus geschäftlichen Gründen. Ob er seine Gattin sehr lange überlebte, darf allerdings bezweifelt werden: er handelte mit Sportmotorrädern.*

* Evening Independent, St. Petersburg, Florida, 24. Oktober 1963


Wilson, Dennis (1944–83), Mitgründer der kalifornischen Beach Boys, Surfer, Schlagzeuger, Sänger, Säufer. Als Schürzenjäger übertraf er seine musikalischen Taten deutlich, daneben liebte er auch Drogen aller Art, voran jedoch Alkohol. Wiederholte Versuche mit Entzug scheiterten. An seinem Todestag, dem 28. Dezember 1983, soll der 39jährige aber guter Dinge gewesen sein. Er tauchte am Nachmittag im Yachthafen von Marina del Rey, Los Angeles, nach verschiedenen müllartigen Gegenständen, die er dort früher über Bord seiner einstigen Segelyacht Harmony geworfen hatte. Nach mehreren erfolgreichen Fischzügen tauchte er nicht mehr auf. Man alarmierte professionelle Taucher, die ihn nach anderthalb Stunden leblos auf dem Beckengrund fanden. Der Obduktionsbericht sprach von Alkohol-, Kokain- und Valiumspuren in seinem Blut. Freund Bill O., auf dessen Yacht er übernachtet hatte, und zwei Freundinnen hatten den vollgepumpten Künstler gewähren lassen. Der Coroner erkannte auf Ertrinken durch Unfall. Freund Lathiel Morris, 57, der im selben Hafen ein Hausboot bewohnte und von Wilson kurz besucht worden war, lobt ihn als selbst im Suff nachdenklichen und rücksichtsvollen Mann und seufzt, Wilson sei „für nichts“ gestorben.* Die Nachdenklichkeit hinderte Wilson freilich nicht daran, seine Good Vibrations an vier eigene Kinder weiterzureichen.

Landsmann und Berufskollege Jim Hodder (1947–90) war ebenfalls Schlagzeuger. Bis 1974 spielte er bei der US-Jazzrockgruppe Steely Dan, anschließend bis zu seinem Tod mit 42 Jahren als Studiomusiker. Er soll am 5. Juni 1990 in der winzigen Küstenstadt Point Arena (nördlich von San Francisco) im eigenen Swimming-Pool ertrunken sein. Einzelheiten sind mir nicht bekannt.

Die von Natur aus rotmähnige britische Popsängerin Kirsty MacColl (1959–2000), die prompt in einer Punkband angefangen hatte, später mit mehreren eigenen Titeln Ranglistenerfolge erzielte und streckenweise in Fernsehshows auftrat, starb mit 41 Jahren im Golf von Mexiko. Nach einem Radio-Job in Kuba machte sie mit ihrem Geliebten James Knight und ihren beiden halbwüchsigen Söhnen etwas weiter westlich auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán Urlaub. Am 18. Dezember 2000 gab sie sich mit ihren Söhnen im Beisein eines Lehrers südlich der Küstenstadt Cancún in einem dafür reservierten Schutzgebiet, das für Schiffsverkehr gesperrt war, dem Tauchen hin. Als jäh ein Motorboot auf die Gruppe zuschoß, versuchte sie ihre Söhne aus der Buglinie zu ziehen, wurde dabei aber selber von dem Fahrzeug erfaßt und auf der Stelle getötet. Die Söhne waren dem Unheil entgangen – und schwammen nun buchstäblich im Blut ihrer Mutter.** Später wurde ein Seemann wegen Fahrlässiger Tötung zu einer geringen Geldbuße und Schadenersatzleistung verurteilt; es spricht aber einiges dafür, daß er nur der Sündenbock des Bootseigentümers war, eines mexikanischen Millionärs, der ebenfalls an Bord weilte. Angehörige und Kollegen von MacColl brachten den Fall im Folgenden an die Öffentlichkeit. 2004 strahlte die BBC sogar Olivia Lichtensteins Fernsehdokumentation Who Killed Kirsty MacColl? aus, die Guillermo González Nova wenig Freude gemacht haben dürfte. Das war und ist der Millionär, zum Unfallzeitpunkt 67. Angeblich hatte nur er eine Fahrerlaubnis für das schnelle Boot. Er soll unter anderem eine große mexikanische Supermarktkette und Hunderte von anderen Läden oder Restaurants besitzen*** – nicht unwahrscheinlich, daß auch MacColl bereits zu seinen Kundinnen gezählt hatte. Das Internet hält ihn bedeckt. Im Mai 2016 führt ihn Bloomberg, New York City, als 82jährigen.

* US-Wochenmagazin People, 16. Januar 1984
** Daily Mail, 1. Januar 2012
*** Alix Kirsta: „The Day the Music Died“, Artikel aus dem Londoner Telegraph, 31 Juli 2004



Wimmer, Jochen (1915–61), Reitsportler >Deaver, Sally


Winchester, Lem (1928–61), Jazzmusiker >Cless, Rod


Winter, Benjamin (1988–2014), Reitsportler >Kinnear, Roy


Woldseth, Anders (1934–59), Skispringer >Ausserleitner, Paul


Woldstad, Wanny (1893–59), Eisbärenjägerin >Ylla


Wolkow, Wladislaw (1935–71), Kosmonaut >Freeman, Theodore


Wood, Matthew († 2013), Fußgänger >Barnes, Pete


Woods, John C. (1911–50), Henker >Harvey, Leslie


Wright, Frances „Fanny“ (1795–1852), Frauenrechtlerin >Fuller, Margaret


Wróblewski, Zygmunt (1845–88), Chemiker >Wagler, Johann Georg


Wunderlich, Fritz (1930–66), Opern- und Kammersänger. Für Luciano Pavarotti war er der herausragendste lyrische Tenor überhaupt. Dabei stand der 35jährige, etwas stämmige, aber nie behäbige Fritz Wunderlich aus dem Rheinpfälzischen im September 1966 erst vor den Höhepunkten seiner Laufbahn, da sind sich alle einig. So sollte er in wenigen Tagen sein Debüt an der New Yorker Metropolitan Opera geben, als Don Ottavio in Mozarts Don Giovanni. Um 1955, in Freiburg und Stuttgart, war Wunderlichs Sprungbrett der Tamino aus einer anderen beliebten Mozartoper gewesen, der Zauberflöte. Er beeindruckte die Kenner durch eine strahlende Stimme, die völlig ungekünstelt wirkte. 1963 nimmt ihn die Wiener Staatsoper unter Vertrag. Er wohnt mit seiner Frau Eva, einer Harfenistin, und zuletzt drei Kindern in München. Doch schon drei Jahre später zieht sich Wunderlich in Derdingen bei Karlsruhe durch einen Sturz im Haus eines Jagdfreundes einen Schädelbruch zu. Falls den 1972 veröffentlichten Erinnerungen von Hubert Giesen zu trauen ist*, der Wunderlich bei vielen Liedabenden am Klavier begleitete, waren bei diesem Unfall weder Jagdleidenschaft noch Trinkfreude im Spiel. Das Haus des „reichen Industriellen“ hat im ersten Stock eine Bibliothek, zu der eine Treppe mit einem dicken Strick als Geländer führt. Als Wunderlich am Abend mit einem ausgewählten Buch, das ihm Bettlektüre sein soll, in sein ebenerdig gelegenes Gästezimmer zurückgehen will, stolpert er, wie später vermutet wird, über die unverknoteten Schnürsenkel seiner Schuhe, reißt im Fallen oder beim Haltsuchen den Strick aus seinen Verankerungen und stürzt kopfüber auf die Steinplatten der Diele. Er stirbt anderntags im Krankenhaus, ohne noch einmal zu Bewußtsein zu kommen.

Giesen räumt allerdings ein, Wunderlich habe ihm zuweilen Angst eingejagt. Er habe stets aus dem Vollen gelebt und alles, ob Singen, Porschefahren, Fotografieren, Jagen, Feiern, „mit ungeheurer Energie und Intensität“ getan, „als wisse er insgeheim, daß ihm das Leben keine allzulange Frist gelassen habe.“ Da Giesen gerade von gemeinsamen Auftritten mit Wunderlich in Edinburgh gesprochen hat, ergänzt er, die Briten bescheinigten solchen Leuten, sie „zündeten ihre Kerze an beiden Enden“ an.

* Auszug S. 251–60 bei Andreas Praefcke, 1998



Fortsetzung X–Z
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