Sonntag, 22. Mai 2016
Lexikon der Unfallopfer T–V

Taeuber-Arp, Sophie (1889–1943), Künstlerin >Zola, Émile


Talarczyk, Mieszko (1974–2004), Rockmusiker >Marchi, Otto


Tanürek, Sevim (1934–98), Sängerin aus Istanbul. Verstehe ich richtig, hatte sie sich der (traditionellen) „türkischen Kunstmusik“ gewidmet. Um 1960 war sie oft im Radio zu hören, spielte auch in einigen Kinofilmen mit. In ihren letzten Jahren arbeitete sie offenbar für Istanbuler Bühnen, Sparte Musical. Sie war verheiratet – Kinder werden nirgends erwähnt. Die weitläufige Familie ihres damaligen Bürgermeisters Erdoğan, vierfacher Vater und inzwischen „Präsident“ seines Polizeistaates, verteilt sich im Istanbuler Stadtteil Üsküdar auf fünf Villen, die sich durchweg im Besitz der beiden Söhne Ahmet und Bilal befinden sollen. Der Chef hält sich naturgemäß öfter in seinem, laut Elke Dangeleit* „illegal gebauten“ Präsidentenpalast in Ankara auf. Dieser hat 1.000 Zimmer zu bieten und ist sechsmal so groß wie das Weiße Haus, wie ja auch Erdoğan selber sechsmal größer als beispielsweise Obama oder Hillary Clinton ist. Sein Ältester Ahmet, vollständig Ahmet Burak Erdoğan, war am 11. Mai 1998 gegen 12 Uhr mittags 19 Jahre alt. Er fuhr gerade ohne gültige Fahrerlaubnis durch Istanbul, was aber die 64jährige Sängerin Tanürek nicht wußte, als sie, bei Grün, einen Zebrastreifen betrat. Ahmet fuhr sie um und machte sich wohlweislich dünne: Fahrerflucht.

Tanürek starb fünf Tage später im Krankenhaus. Ahmet wurde ausfindig gemacht, angeklagt und sogar zu zwei bis fünf Jahren Gefängnis verurteilt, aber dann geschah das Wunder Göttlicher Gerechtigkeit: bei der Revision wurde er freigesprochen, weil inzwischen ein Verkehrsgutachter vom Himmel gefallen war, der nachwies, die Sängerin sei selber schuld gewesen. Dafür wurde der Mann von Vater Erdoğan „mit dem Posten des Vizechefs der staatlichen Schifffahrtsgesellschaft betraut“, behauptet Dangeleit. In türkischen Blättern ist außerdem zu lesen, Tanüreks Ehemann habe den Freispruch verdammt und auch das Ansinnen zurückgewiesen, sich mit einem ihm (laut Gerüchten) angebotenen „Blutgeld“ von 20.000 TL (ungefähr 6.000 Euro) zu beruhigen. „There cannot be forgiveness with money.“ Sohn Ahmet Burak Erdoğan, heute 36, soll inzwischen massiv im See-Großfrachtgeschäft tätig sein, wobei ihm vermutlich Regierungsaufträge zugute kämen, die sich womöglich auch so manchem Umtrunk mit dem sympathischen Ex-Gutachter verdanken. Ahmets Vermögen werde auf 80 Millionen Dollar geschätzt. Allerdings habe er sich wegen der dummen Zebrastreifen-Geschichte weitgehend unsichtbar gemacht und tauche selbst bei Familienfeiern nicht mehr auf.

* „Erdoğan und sein Clan“, in: Telepolis, 15. Mai 2016


Taro, Gerda (1910–37), Fotografin >Bischof, Werner


Telles, Sylvia (1934–66), U-Sängerin >Sosa, Julio


Testa, Pietro (1611–50), Maler >Boulogne, Valentin de


The Big Bopper (1930–59), Disc-Jockey >Cless, Rod


Thévenot, Jean de (1633–67), Reisender >Bangert, Heinrich


Thibaud, Jacques (1880–1953), Geiger >Valgre, Raimond


Thiele, Falk (1962–2008), erfolgreicher Bogenschütze, wiederholt „Deutscher Meister“, zuletzt Bundestrainer in der Sparte „Compoundbogen“, daneben Mitinhaber des Kasseler Bogensport-Zentrums, außerdem der Bundeswehr verbunden, für die er offenbar dereinst als Ausbilder für rund sechs Jahre in Nairobi, Kenia, tätig war. Dieses interessante Leben des durchtrainierten blonden 45jährigen, der mit Frau und zwei Kindern in Baunatal wohnt, endet bei sonnigem Wetter an einem frühen Aprilabend rund 10 Kilometer südlich der Volkswagen-Stadt auf der Landstraße zwischen Deute und Böddiger (wo der Bogenplatz liegt). Die Straße führt über eine Anhöhe und ebendort durch eine scharfe Rechtskurve, die allen Einheimischen wohlbekannt ist. In dieser Kurve gerät Thiele mit seinem tiefliegenden schweren Motorrad Marke Harley-Davidson aufgrund einer kurzzeitigen, an sich noch nicht todesstrafenwürdigen „Unachtsamkeit“, wie ein lokaler Redakteur erläutert*, in den Gegenverkehr, nämlich in einen mit einer dreiköpfigen Kleinfamilie besetzten VW Touran. Erfreulicherweise bleibt die Familie aus Böddiger unverletzt. Thiele dagegen wird in den Straßengraben geschleudert und stirbt noch am Unfallabend. Die Welt der Bogen- und MG-Schützen ist tief erschüttert.

* nh24.de, Schwalmstadt, 23. April 2008, siehe Bemerkung im Kommentarteil des Berichts


Thiessen, Georg Heinrich (1914–61), Astronom >Lee, Belinda


Thirgood, Simon (1962–2009), Naturschützer >Mitchell, Taylor


Thomas, Edward (1878–1917), Schriftsteller >Buri, Max


Thorburn, June (1931–67), Schauspielerin >Dorléac, Françoise


Tillieux, Maurice (1921–78), Cartoonist >Paião, Carlos


Todd, Michael „Mike“ (19o9–58), US-Filmproduzent. Der umtriebige Mann, Vermarkter des Kinofilm-Projektionsverfahrens Todd-AO, hatte bereits im Februar 1957 für Schlagzeilen gesorgt, als er, mit 47 Jahren, die 25jährige Filmdiva Liz Taylor ehelichte. Ein gutes Jahr darauf war er, mitsamt zwei Piloten und einem Freund, am Boden zerschellt: beim Absturz seiner eigenen zweimotorigen Lockheed Lodestar bei Grants in New Mexico. Sie war überladen, hatte einen Maschinenschaden und fiel in ein enges Gebirgstal. Kurz vor seiner Hochzeit hatte Todd die Uraufführungskinos mit In 80 Tagen um die Welt gefüllt. Im Jahr nach seinem Tod wurde Art Cohns Biografie The Nine Lives of Mike Todd auf den Markt geworfen. Der Sportjournalist und Drehbuchautor hatte sie noch einigermaßen fertigstellen können. Er war jener (gleichaltrige) Freund gewesen, der mit zu Boden ging. Von Todds Ehefrau Taylor heißt es*, entgegen der ursprünglichen Planung habe sie am Unfalltag wegen einer Erkältung darauf verzichtet, Todd zu begleiten. Nur deshalb konnte sie auf, im Ganzen, acht Ehemänner kommen, war Todd doch erst ihr dritter Gatte gewesen. Ob später auch noch ein Buch über die 12 Leben des Art Cohn erschien, konnte ich nicht herausfinden.

* Sarasota Herald-Tribune, Florida, 23. März 1958


Tomizawa, Shōya (1990–2010), Motorradrennfahrer >Abe, Norifumi


Torschin, Wiktor W. (1948–93), Sportschütze. Wie es aussieht, hat es diesen sowjetischen Sportler, über den nahezu nichts in Erfahrung zu bringen ist, tatsächlich gegeben. Seine „Bronze“ in der Sparte Schnellfeuerpistole bei der „Olympiade“ 1972 in München ist listenmäßig erfaßt. Auf einem anderen Blatt steht, ob er, im gesetzten Alter von 45 Jahren, so schmählich und/oder lustig endete, wie es die deutsche Wikipedia gerne hätte: er sei im November 1993 auf dem Armeeschießstand in Minsk von einer schadhaften Treppe gestürzt. Mehr noch, sei durch den selben „fehlenden Treppenabsatz“ schon im Januar des Jahres der vormalige Europameister Iwan Denisjuk zu Tode gekommen. Als einzige Quelle (für alles) gibt die Mitmach-Enzyklopädie einen Zeitungsartikel an, den ich nicht überprüfen kann. Vom angeblichen Kameraden und Leidensgenossen Iwan Denisjuk läßt sich im Internet noch nicht einmal der Name aufpicken, geschweige denn eine Europameisterschaft.

Am 31. März 1993 hatte der 28jährige US-Schauspieler Brandon Lee (1965–93), Sprößling des berühmten Kino-Draufgängers Bruce Lee, in den Carolco Studios zu Wilmington, North Carolina, eine Zimmertür aufzureißen, um seiner bedrängten, ja sogar bereits geschändeten Braut zur Hilfe zu eilen. Da krachte es, und Lee brach in der Türöffnung drehbuchgemäß zusammen. Aber dann, nach einigem Stutzen und Nähertreten, zeigte sich: das Blut, das aus Lees Unterleib sickerte, war verdammt echt. Offenbar war er von seinem Gegenspieler Michael Massee getroffen worden, und zwar auf rund vier Meter Entfernung durchaus gut gezielt. Große Aufregung; Krankenwagen; Tod noch am selben Mittag. Die offizielle Untersuchung erkannte auf einen Unfall durch ein Versehen. Die Platzpatrone hatte ein im Revolverlauf verklemmtes Fragment einer Pistolenkugelattrappe, die man vorher für eine Großaufnahme benötigt hatte, auf den Jungstar abgefeuert. Wer darauf erpicht ist, kann sich von einem Wochenmagazin* weitere interessante „Set-Unfälle“ unterbreiten lassen. Lees Erzeuger war übrigens nicht viel älter geworden. Er starb 20 Jahre früher in Hongkong an seiner mit Drogen und Schmerzmitteln bekämpften Überbeanspruchung mit 32.

US-Tennisstar Vitas Gerulaitis (1954–94) erwischte es erst nach Abschluß seiner Karriere mit 40 Jahren kalt beziehungsweise eher warm. Als er sich an einem Septembersonntag im Gästehaus auf dem Villengrundstück eines befreundeten Immobilienhändlers auf Long Island, New York, aufhielt, wurde er wahrscheinlich, so die Polizei, Opfer einer unsachgemäß im Haus installierten Schwimmbad-Propangasheizung. Sie verströmte Kohlenmonoxid-Gas, das durch die Klimaanlage verteilt wurde und den Gast, vielleicht im Schlaf, überwältigte und vergiftete. Ein Bediensteter fand ihn nachmittags nur noch als Leiche vor. Ein geselliges Abendessen am Vortag hatte Gerulaitis geschwänzt. Nun habe er bekleidet auf seinem Bett gelegen. Anzeichen für Drogenmißbrauch oder Verbrechen fand die Polizei nicht. Freunde, darunter Gastgeber Martin Raynes, versicherten, Gerualitis sei guter Dinge gewesen. Allerdings war der blondgelockte Champion, Großverdiener und Schürzenjäger in seiner „aktiven“ Zeit als Kokain-Liebhaber aufgefallen.** Er blieb zeitlebens Junggeselle. Möglicherweise wird diese Gasgeschichte für manche Nasen stark nach Selbstmord riechen, doch zwei Jahre nach dem Vorfall meldete ein hiesiges Boulevardblatt***, ein für den unsachgemäßen Anschluß verantwortlicher Heizungs-Installateur sei vor Gericht des Totschlags bezichtigt worden.

Den Fehler ihres Lebens beging die aus Bismarck, der Hauptstadt North Dakotas stammende US-Bürgerin Cindy Duehring (1962–99) als junge Medizinstudentin in Seattle, Washington, indem sie (1985) Flöhe in ihrer Wohnung und ihrer Bekleidung von einem Kammerjäger mit einem, wohl auch vorschriftswidrig eingesetzten, Insektizid bekämpfen ließ. Dadurch vergiftete sie sich selber und entwickelte einen sogenannten Autoimmundefekt, der ihr zunehmend Beschränkungen auferlegte und das Leben zur Hölle oder Öde machten. Sie wohnte abgeschirmt in einem eigens für sie errichteten „sauberen“ Haus bei Epping, North Dakota, wo sie ihren vielen Krankheiten schließlich mit 36 Jahren erlag.**** Soweit es ihre Kräfte zuließen, hatte sie sich dem Kampf gegen die von diversen Chemikalien ausgehenden Gefahren gewidmet, wofür sie zwei Jahre vor ihrem Tod den „Alternativen Nobelpreis“ bekam.

* Focus online, 1. Februar 2015
** philly com, Philadelphia, PA, 20. September 1994
*** Berliner Kurier, 26. September 1996
**** Deena Winter in der Bismarck Tribune am 30. Juni 1999



Toynbee, Joseph (1815–66), Ohrenarzt >Ashe, Arthur


Trinkler, Emil (1896–1931), Asienforscher >Xu Zhimo


Trunk, Peter (1936–73), Jazzbassist >Brooks, Randy


Tucker, Ben (1930–2013), Jazzbassist >Tucker, George


Tucker, George (1927–65), schwarzer US-Jazzbassist aus Florida, studierte nach dem Krieg Musik in New York City, oft im dortigen Minton’s Playhouse zu hören und an zahlreichen Platten beteiligt. Mit 37 Jahren soll dieser Tucker bei einem Auftritt in NYC, an dem mindestens Gitarrist Kenny Burrell beteiligt war, einen tödlichen Hirnschlag erlitten haben. Es gibt kaum Informationen über ihn. Halten wir uns also an seinen Namensvetter Ben Tucker (1930–2013) aus Tennessee, der zufällig gleichfalls schwarz und Bassist, wenn auch ursprünglich Tubaspieler war. Über ihn gibt es schon deshalb mehr Informationen, weil er mehr als doppelt so alt wie George wurde. Ben war 1959 in New York City gelandet. Er komponierte auch, darunter seinen größten „Hit“ Comin' Home Baby, zuerst nachgespielt von Flötist Herbie Mann im Jahr 1962. Um 1970 zog sich Tucker ins vergleichsweise provinzielle Ostgeorgia zurück, wo er sich auch, mit 82, von der Welt auf würdige Weise verabschiedete.

Neben dem Jazz, dem er seit seinem Rückzug als Geschäftsmann, Radiobetreiber und Mentor der lokalen Szene in der Küstenstadt Savannah verbunden war, liebte Tucker seine Gattin Gloria und das Golfspielen. Vielleicht war er ja entweder wegen Gloria oder wegen des Golfplatzes nach Savannah gezogen, der dort recht ausgefallen auf Hutchinson Island liegt, einer langgestreckten Insel im Fluß Savannah. Wahrscheinlich wimmelt das die Insel umgebende Flußbett mehr von Golfbällen als von Muscheln oder Fischen. Als Tucker am 4. Juni 2013 den Golfplatz um Mittag verließ, thronte er auf seinem elektrisch betriebenen Golfmobil und strebte solcherart seinen jenseits der Straße geparkten Wagen an, möglicherweise ein Transporter mit mobilfunkgesteuerter Rampe oder Hebebühne. Es war egal, denn nun wurde er vorzeitig vom Chrysler 300 eines 52jährigen Texaners gerammt, der laut Polizeibericht rund 140 Sachen (knapp 90 mph) draufhatte.* Tucker starb noch am selben Tag im Krankenhaus. Die betreffende kurven- und geradenreiche Straße, Grand Prize of America Roadway mit Namen, war früher ein Rennkurs gewesen. Der Texaner wanderte in Untersuchungshaft.

Nach Christian Delcea** starb der rumänische Schachgroßmeister Victor Ciocâltea (1932–83) weder 60 Kilometer nördlich von Barcelona in Manresa „am Turnierbrett“, wie die meisten Quellen verkünden, noch auf der Straße, als er just in Begleitung seiner Gattin Elena im eigenen VW-Käfer nach Barcelona zurückfuhr. Es war am 10. September 1983. Sie gingen in ihr Hotel, wo Ciocâltea eine Dusche nahm. Dabei erlitt er laut Schachkamerad Victor Ţacu, der im Hauptberuf Arzt war, einen Schlaganfall. Der mehr oder weniger geduschte 51jährige „Großmeister“ starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Er sei starker Raucher gewesen und habe an einem Aneurysma (Artierienerweiterung) gelitten. Ţacu starb 2015 mit 77 Jahren, wohl in Bukarest. Er soll die wahrscheinlich umfangreichste Schachfachbibliothek seines Landes hinterlassen haben.

Der britische Komiker Tommy Cooper (1921–84) soll ebenfalls gern und viel geraucht, zudem gesoffen haben. Er hatte sich darauf verlegt, mit rotem Fez und vorgeblich mißglückten Zauberkunststücken zu glänzen. Sein Tod am 15. April 1984 gelang ihm dagegen derart gut, daß die Millionen ZuschauerInnen der Fernsehsendung Live from Her Majesty's zunächst glaubten, Herzanfall und Zusammenbruch auf der Bühne zählten zur Show. Als der 63jährige massige Hüne (1,93) röchelnd auf den Brettern des Londoner Her Majesty's Theatres lag, grinsten die Leute und freuten sich schon auf die Pointe. Selbst Conferencier Jimmy Tarbuck nahm zunächst eine spontane Einlage an, denn er wußte, Cooper liebte solche Überraschungen.*** Doch die Pointe belief sich darauf, Cooper der Länge nach hinter die Kulissenvorhänge zu ziehen und dann mit vereinten Kräften in den alarmierten Rettungswagen zu schieben, während die Show ohne ihn fortgesetzt wurde. Er starb wie der Schachgroßmeister auf dem Weg zum Krankenhaus.

Laut IMDb erlitt auch der 48jährige Theater- und Filmschauspieler Cornelius Dane (1956–2004) einen tödlichen Herzinfarkt im Dienst, und zwar zum Jahresende 2004 auf einer Stuttgarter Bühne. In welchem Stück, wird nirgends gesagt.

Die Köchin, Immobilienhändlerin und Politikerin Kerstin Lorenz (1962–2005), zuletzt Mitarbeiterin der sächsischen NPD-Landtagsfraktion, wurde mit 43 auf einer Wahlkampfkundgebung, die zwischen dem Dresdener Rathaus und dem nahen Denkmal der Trümmerfrau stattfand, von einem Hirnschlag außer Gefecht gesetzt. Sie sei mitten im Wort „Unternehmer“ am Mikrofon zusammengesunken, meldete Konkret (Heft 10/2005). Die zweifache Mutter fiel ins Koma und wurde nach zwei Tagen für tot erklärt.

* Daily Mail, 7. Juni 2013
** in der rumänischen Tageszeitung Adevarul am 12. Oktober 2013
*** Wales Online, 15. April 2014



Urada, Kenji (c.1944–81), Ingenieur >Williams, Robert


Uranga Romagosa, N. (1954–76), Fechterin >Begich, Nick


Urysohn, Pawel (1898–1924), Mathematiker >Skrjabin, Julian


Üstün, Nevzat (1924–79), Schriftsteller >Girdler, William


Valdelomar, Abraham (1888–1919), Schriftsteller >Cankar, Ivan


Valens, Ritchie (1941–59), Rockmusiker >Cless, Rod


Valgre, Raimond (1913–49), estnischer Musiker, Orchesterleiter und U-Komponist. Den Zweiten Weltkrieg hatte er zumindest teilweise als Militärmusiker (der Roten Armee) überstanden. Warum er dann vier Jahre nach Kriegsende (in Tallin) schon mit 36 verstarb, hat sich mir auch mit Hilfe einiger estnischer Quellen nicht wirklich erschlossen. Jedenfalls hatten ihn die Knüppel erbittert, die ihm die sowjetischen BesatzerInnen seines Landes vor allem nach 1944 zwischen die Beine warfen, Studien- und Aufführungsverbote eingeschlossen. Seine Unterhaltungsmusik war zu „westlich“ orientiert. Parallel zu diesen Schikanen soll der Sohn eines Schusters zunehmend Geschmack am Trinken gefunden haben. Ein Eheversuch scheiterte. Was den letzten Dezember seines Lebens angeht, gefällt sich die englische Wikipedia darin, so allgemein wie möglich von einem „Unfall“ zu sprechen – mit diesem einen Hauptwort. Das läßt sich freilich immer rechtfertigen, weil letztlich, oder erstlich, schon jede Geburt ein Unfall ist. Die finnische Schwester verzichtet auf das Wort „Unfall“, schiebt dafür „Alkohol“ in den Vordergrund. Heute sitzt Valgre in der Küstenstadt Pärnu ziemlich ungefährdbar in Bronze auf einer Bank aus Granit, auf den Knien ein Akkordeon, dem (ich hoffe, nicht wirklich) Valgres beliebter Saaremaa valss entsteigt, ein Walzer also. Zu seinen Lebzeiten hatte er sowohl verschiedene Instrumente gespielt, darunter Klavier, Gitarre und Schlagzeug, wie auch gesungen. Die Texte zu seinen Schlagern verfaßte er meistens selbst.

Möglicherweise teilte der türkische Lyriker Orhan Veli Kanık (1914–50), der zuletzt in Istanbul die demokratisch und avantgardistisch orientierte Literaturzeitschrift Yaprak redigierte, mit Valgre neben dem Sterbealter auch die Trinklust. Daran soll er aber, dieses Mal laut türkischer Wikipedia, nicht gestorben sein. Vielmehr sei er bei einem Aufenthalt in Ankara am 10. November 1950 als Fußgänger in ein Loch gefallen, das städtische Arbeiter in einer Straße geschaffen hatten. Das habe zunächst nicht ernst ausgesehen, doch nach einigen Tagen sei ihm beim Mittagessen mit einem Freund derart schlecht geworden, daß man ihn ins Krankenhaus schaffte. Dort sei er fälschlich wegen einer Alkoholvergiftung behandelt worden. Noch am selben Tage sei er aber ins Koma gefallen und, wohl wegen eines Blutgerinsels im Gehirn, an den Folgen jenes Ankara-Mißgeschicks gestorben.

Der französische Geiger Jacques Thibaud (1880–1953) wurde immerhin doppelt so alt, 72. Als er am 1. September 1953 in einer Linienmaschine Paris–Saigon saß, war er offensichtlich noch aktiv, denn seine Stradivari ging kurz vor der Zwischenlandung in Nizza mit zu Bruch. Aus ungeklärten Gründen vom geplanten Kurs abgewichen und dabei zu tief geraten, prallte die Lockheed Constellation an den gut 3.000 Meter hohen Alpenberg Mont Cimet. Es gab keine Überlebenden, vielmehr 42 Tote, darunter Thibauds Schwiegertochter Suzanne und sein Pianist René Herbin. Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte der Geiger durch Jahre hinweg mit Pablo Casals, Cello, und Alfred Cortot, Piano, ein weltberühmtes Trio gebildet. Nun hatte er sich auf dem Weg nach Indochina befunden, um zur Aufmunterung der dort um die Freiheit der Märkte ringenden französischen Soldaten beizutragen.*

* allmusic, Stand 2016


Valier, Max (1895–1930), nach einer 1968 erschienenen Biografie aus der Feder der systemreichen* Ingenieurin Ilse Essers Ein Vorkämpfer der Weltraumfahrt – und als solcher vorbildlicherweise auch gleich deren erstes Todesopfer. Der studierte Astronom und Fachschriftsteller aus Südtirol, im Ersten Weltkrieg für Österreich Wetterbeobachter und Flugzeugerprober, hatte sich, von einem Flugzeugabsturz (27. September 1918) unbeirrt, bald darauf für den Vorstoß in den Weltenraum begeistert, so ein Buch, das er 1924 veröffentlichte. Zwischenzeitlich hatte er Hedwig Bucek geheiratet. Zur Einstimmung in den Vorstoß setzte er auf Raketenautos, an deren Entwicklung sich streckenweise auch Fritz von Opel beteiligte. 1929 begab sich Valier mit einem „Raketenschlitten“ aufs Eis des Starnberger Sees, um einen Geschwindigkeitsrekord von über 400 km/h aufzustellen. Ab Januar 1930 experimentierte er in einem Labor der Berliner Heylandt-Werke, die flüssigen Sauerstoff herstellten, mit Flüssigtreibstoffen für künftige Raketen. Am 17. Mai beendet er dort, mit 35 Jahren, sein stürmisches Leben, weil ein mit Paraffinöl gespeistes Raketentriebwerk just in dem Augenblick explodiert, da es Valier mit einem Lötkolben entzündet hat.

In die Fußstapfen des kahlköpfigen Pioniers aus den Alpen trat der Nazi und spätere US-Bürger Wernher von Braun. Dieser heute fast überall beweihräucherte Mann entging am 16. Juli 1934 in Kummersdorf-Gut südlich von Berlin, wo er mit anderen Assen in der Heeresversuchsanstalt an der Entwicklung von Flüssigkeitsraketen arbeitete, einem sehr ähnlichen Schicksal. Auch hier explodierte ein Triebwerk und schickte den 30jährigen Physiker und Chemiker Kurt Wahmke (1904–34) sowie dessen Mitarbeiter Alvin Conrad und Friedrich Wilhelm Vollmeke in den Tod. Einen Monat vorher hatte sich Wahmke mit Irmgard Borg verheiratet. Der Gedenkstein, den er damals in Kummersdorf bekam, zeigte bereits Hakenkreuze.** Was Von Braun betrifft, war er schon drei Jahre später, gerade einmal 25 Jahre alt, technischer Direktor der neuen Heeresversuchsanstalt in Peenemünde. Hier entstand unter anderem jene raketenförmige Bombe V-2 (wahlweise „Vergeltungs-“ oder „Wunderwaffe“ genannt), die Londoner Wohnviertel in Schutt und Asche legte. Als „Kollateralschaden“, wie man heute sagen würde, kamen geschätzt 20.000 ZwangsarbeiterInnen und KZ-Häftlinge bei der Produktion dieser Waffe um***, zuletzt in den Bergwerkstollen von Dora am Harz. Im September 1945 wurde der vorübergehend inhaftierte Professor von Braun, nebenbei SS-Sturmbannführer, von den Amis im Verein mit anderen Raketenfachleuten nach Texas ausgeflogen. Sie brauchten ihn noch für die Demokratisierung des Mondes.

Am 18. Mai 1935 hatte der erfahrene SU-Testpilot Nikolai Pawlowitsch Blagin (1899–1935) bei einer Flugschau über Moskau die Riesenmaschine „Maxim Gorki“ in einem Jäger zu begleiten. Dabei versuchte er plötzlich, um die achtmotorige Tupolew, Spannweite 63 Meter, einen Looping zu drehen, was ihm mißlang, da er in die rechte Tragfläche des Paradeflugzeuges stürzte. Es ist umstritten, ob er eigenmächtig handelte oder aber von Vorgesetzten angestachelt war, die derart die anwesenden AuslandsvertreterInnen zu beeindrucken wünschten. Jedenfalls stürzten beide Maschinen ab. Offenbar gingen sie in einem Stadtviertel nahe einer Metrostation nieder. Todesopfer: je nach Quelle 45 bis 50, drei Piloten eingeschlossen. Jägerpilot Blagin war 35 oder, laut russischer Wikipedia, 38 Jahre alt.

Knapp vier Wochen später, am 13. Juni 1935, gibt es einen „Arbeitsunfall“, wie die Kripo später befindet, der über Wittenberg (an der Elbe) eine riesige schwarze Wolke zu Martin Luther in den Himmel steigen läßt. In einer Munitionsfabrik des WASAG-Konzerns sind 27 Tonnen TNT-Sprengstoff in die Luft geflogen. Laut Steffen Könau**** sorgt das Unglück für jeweils rund 100 Verletzte und Tote. „Reichspropagandaminister“ Joseph Goebbels reist sogleich in die heute großkotzig und aufdringlich so genannte anhaltische „Lutherstadt“, um den Hinterbliebenen die „herrliche Gewißheit“ einzutrichtern, ihre Angehörigen seien gestorben, „auf daß Deutschland lebe“. In Moskau war knapp vier Wochen früher jede Wette ein vergleichbares Funktionärswort zu hören.

* gestorben 1994 mit 95 Jahren
** Daedalus, Berlin, o. J.
*** Joachim Hildebrandt, Zeit Online, 23. März 2012
**** in der Mitteldeutschen Zeitung, Halle, am 12. Juni 2015



Vanderbilt, Alfred Gwynne (1877–1915), Magnatensohn >Campell, Alexander


Veidt, Conrad (1893–1943), Berliner Filmschauspieler, meist der Bösewicht vom Dienst, ab 1933 in Hollywood. In seiner Doppelrolle als Antifaschist und Gatte einer „halbjüdischen“ Bürgerin (Lily Prager) hatte es Veidt trotz Goebbels' Lockungen vorgezogen, das soeben angebrochene „Dritte Reich“ zu verlassen. Als „Major Heinrich Strasser“ im berühmten Kinofilm Casablanca (von 1942) soll der hochgewachsene hagere Nebenschauspieler mehr Gage als der Held des Streifens Humphrey Bogart eingestrichen haben. Caroline S., eine vermutlich etwas blauäugige US-Bürgerin, behauptet*, every dollar Conrad Veidt made from playing Nazis went right back into fighting the Nazis. Veidt dürfte doch ab und zu ein paar Dollar einbehalten haben, um zum Beispiel seinen Jahresbeitrag im Golfclub oder seinen Leibarzt Dr. Bergman bezahlen zu können. Just der Doktor war Jerry Ochoa zufolge** glücklicherweise zur Stelle, als Veidt am 3. April auf dem Platz des Riviera Country Clubs in LA den Schläger im Verein mit dem Sänger Arthur Fields und eben Bergman schwang. Veidt erlitt bei dieser Partie zu Dritt einen schweren Herzanfall, und Bergman erklärte den 50jährigen noch auf dem „Green“ für tot. Wenn schon keine Dollars, hinterließ Veidt wenigstens seine schon erwähnte Gattin Lily und eine aus zweiter Ehe stammende Tochter Vera Viola Maria Veidt (1925–2004), die „Entertainerin“ wurde.

* auf Garbo Laughs, 9. März 2012
** auf Birth.Movies.Death., 9. Juli 2013



Ventris, Michael (1922–56), Sprachforscher >Pollock, Jackson


Verhaeren, Émile (1855–1916), Lyriker >Strickland, Hugh E.


Verlhac, Bernhard (1957–2015), französischer Cartoonist. Lese ich in der Einleitung des betreffenden deutschen Wikipedia-Artikels, der 57jährige Satiriker sei „bei dem Terroranschlag von Islamisten auf die Redaktion des Magazins Charlie Hebdo ermordet“ worden, vergeht mir schon fast die Lust, Verlhac in diesem Werk zu streifen. Machen wir es also kurz. Ich frage mich seit diesem Pariser Anschlag vom 7. Januar 2015 (der schon im Herbst des Jahres eine noch blutigere Fortsetzung fand), was ekelerregender war: das „satirische“ Wirken des genannten Blattes, das Blut von 11 Toten auf dem Fußboden der eigentlich polizeilich überwachten Redaktionsräume nach dem Verschwinden der beiden vermummten kaltblütigen Schützen oder die Inszenierung sowohl des „Anschlages“ wie der auf ihn folgenden weltweiten „Trauer“, inclusive der Jagd nach den angeblichen, selbstverständlich muslimischen Tätern, die aufgrund ihrer Nettigkeit, einen Personalausweis zu verlieren, zwei Tage darauf von den „Sicherheitskräften“ gestellt – und zwecks Förderung ihrer Aussagefreude erschossen wurden.

Zu den vielen Dutzend Ungereimtheiten des Anschlages zählt ein Todesfall, den ich für das nächste Lexikon vorgemerkt habe: Der in die Ermittlungen eingespannte Vizedirektor der Polizei von Limoges Helric Fredou, 45, wurde am Tag nach dem Überfall erschossen an seinem Schreibtisch aufgefunden. Erfreulicherweise lag seine Dienstwaffe neben ihm. Er soll sich bereits in der Nacht umgebracht haben – ja, es war „Selbstmord“. Weil er, so ein Wochenmagazin*, alleinstehend, kinderlos, überarbeitet und schon seit Längerem „depressiv“ gewesen sei ...

* Focus online, 13. Januar 2015


Versalle, Richard (1932–96), Tenor >Vierne, Louis


Vian, Boris (1920–59), Künstler >Vierne, Louis


Vierne, Louis (1870–1937), Pariser Organist, Komponist, Pechvogel. Von Geburt an stark sehbehindert, unterzog sich Vierne häufigen, teils qualvollen Behandlungen und sah doch spätestens mit 50 Jahren gar nichts mehr. Gleichwohl war der Schüler von César Franck und Charles-Marie Widor ein herausragender Orgelspieler und Hochschullehrer geworden. Eine Ehe mit der Sängerin Arlette Taskin scheiterte, brachte jedoch drei Kinder hervor. Sohn André starb mit 10 an Tuberkulose; Sohn Jacques blieb mit 17 „im Felde“. Nach einigen Quellen wurde er im November 1917 nicht vom Feind, vielmehr „standrechtlich“ erschossen, wegen „Wehrkraftzersetzung“ oder dergleichen. Dies dürfte Vierne wie ein Hammer getroffen haben. 1906 zieht er sich zu allem Unglück bei einem Sturz auf der Straße einen komplizierten Beinbruch zu und muß sich eine neue Pedaltechnik beibringen. Trotzdem reist er viel, um Gastspiele zu geben und Geld für Orgel-Instandsetzungen zu sammeln, so 1927 in den USA – wo ihn der erste Herzinfarkt ereilt. Vierne ist starker Raucher, nimmt zunehmend Medikamente, auch Schlaf- oder Aufputschmittel – seine Einsamkeit heilen sie nicht.

Das einzige Glück, das er hat, ereilt ihn im Alter von 66 am 2. Juni 1937 während seines angeblich 1.750. Orgelkonzerts vor 3.000 Leuten an „seiner“ Orgel in der Pariser Kathedrale Notre-Dame, wie wir unter anderem von seinem ebendort anwesenden Assistenten Maurice Duruflé wissen.* Im letzten Satz seines Werkes Triptyque sei Vierne plötzlich blaß geworden. „Seine Finger hingen förmlich an den Tasten und als er seine Hände nach dem Schlußakkord abhob, brach er auf der Orgelbank zusammen: Ein Gehirnschlag hatte ihn getroffen. An dieser Stelle des Programms sollte er über das gregorianische Thema 'Salve Regina' improvisieren. Aber anstelle dieser Hommage der Patronin Notre-Dames hörte man nur eine einzige lange Pedalnote: Sein Fuß fiel auf diesen Ton und erhob sich nicht mehr.“ Soweit Duruflé. Der junge US-Organist Christopher Houlihan wußte es 2012 (in der Huffington Post) noch genauer: es war das große E gewesen. Also Ende. Der Pechsträhne.

Ursprünglich Bäcker und Konditor in Ostpreußen, wo er aufgewachsen war, schlug Cortini (Paul Korth) (1890–1954) bereits mit 20 eine Laufbahn als Zauberer ein. Seit 1927 wohnte er mit Gattin Herta in einem eigenen Haus in Glienicke bei Berlin. Gastspiele führten ihn, wie Vierne, unter anderem in die USA, wo er stürmischen Beifall erntete, wenn er beispielsweise eine Zeitung zerriß und gleich darauf als wiederhergestelltes Blatt präsentierte oder drei Assistentinnen auf drei Leitern steigen ließ, an deren Ende sie sich jeweils mit dem Tusch der Kapelle in Luft auflösten, wobei ihre Kleider allerdings wirkungsvoll auf die Bühne fielen. Die Wirkung beruhte möglicherweise auch auf dem Erscheinungsbild des älteren Magiers: Fotos erinnern mich an spätere zerknitterte Biedermänner wie Konrad Adenauer oder Josef Neckermann – Füchse, die sich ja gleichfalls zu tarnen wußten. Nicht umsonst beeindruckte Cortini, der meistens stumm arbeitete, sein Publikum auch als scheinbarer Schöpfer von Münzen und Geldscheinen in immer größeren Mengen, wen wunderts. Was die Zeit des galoppierenden braunen Goldesels namens „Faschismus“ angeht, behauptet der Glienicker Dorfchronist Joachim Kullmann**, Cortini habe an der „Heimatfront“ zur Truppenbetreuung und zur Ablenkung des Volkes vom immer entbehrungsreicheren Kriegsalltag beitragen müssen. Demnach war der Bühnenkünstler ungefähr so arm wie Adenauer oder Neckermann und konnte sich, wie diese, weder eine rechtzeitige Emigration noch ein Leben im Untergrund leisten. Nach dem „bitteren Ende“, so Kullmann, dürfte ihm die neue SBZ/DDR verziehen haben, denn er hielt an seinem Glienicker Haus fest. Frau und Tochter (Ursula) standen ihm auf der Bühne als Assistentinnen bei.

Das große Glück a lá Vierne kam am 14. November 1954 in Kopenhagen zu Cortini. Angeblich hatte der 64jährige in der dortigen National Scala gerade Banknoten, welche auch immer, aus den Taschen von in der ersten Reihe sitzenden Zuschauern gezaubert, als er sich jäh ans Herz griff und auf der Bühne tot zusammenbrach. Herta Cortini, die ihn begleitet hatte, hielt noch 13 Jahre in dem Glienicker Haus aus. Dann verkaufte sie es und durfte in die Nähe des soeben ins Grab gesunkenen Konrad Adenauers ziehen: nach Düsseldorf, wo sie 1984 mit 79 Jahren ebenfalls von uns ging.

Zwar wurde der französische Schriftsteller und Jazzmusiker Boris Vian (1920–59) nicht ermordet, wie sein mehr oder weniger betuchter Vater Paul, aber Boris' Ende mit 39 Jahren trug nach eigenem Empfinden immerhin rufmörderische Züge. Ursprünglich Ingenieur, hatte er sich gleich nach dem Zweiten Weltkrieg verstärkt auf alle möglichen skandalträchtigen Künste geworfen. In Jazzclubs spielte er Trompete; in sogenannten Romanen mit Worten. Daneben rang er seiner von kindan kränklichen Verfassung zahlreiche Artikel, Kritiken, Übersetzungen ab, etwa von Raymond Chandler. Vian war Antimilitarist, gleichwohl Autonarr. Vielleicht könnte man ihn als die Dandy-Ausgabe des Früh-Dadaisten Alfred Jarry kennzeichnen (der sich noch mit Fahrrädern begnügen mußte), den er jedenfalls schätzte. Im brodelnden Nachkriegsparis verkehrte Vian mit Literaten wie Raymond Queneau, Jean Rostand und Sartre. Der Letztgenannte soll ihm sogar die (erste) Ehefrau ausgespannt haben. Vians surreal grundierte Liebesgeschichte Der Schaum der Tage von 1946 galt später immer neu nachgewachsenen Jugendlichen als sie endlich bergende Wolke der Poesie, und einigen „Literaturwissenschaftlern“ als Offenbarung. Auch Blogger Bersarin*** versichert, Vian sei mehr als „der Pausenclown des Existentialismus“ gewesen.

Ein Jahr darauf waren Richter so nett, Vian wegen seiner halben US-Reißer-Persiflage Ich werde auf eure Gräber spucken der Unmoral zu bezichtigen, sodaß es vor Gericht wie vor den Buchläden zu erfreulicher Schlangenbildung kam. Just dieses erfolgreiche, zeitweise als „jugendgefährend“ verbotene Werk löste 1959 Vians bereits angedeutetes Ende aus. Man muß allerdings dazu sagen, daß sich sein Gesundheitszustand weiter verschlechtert hatte. Unter anderem soll ihm ein „typhusartiges Fieber“ aufs Herz geschlagen sein, weshalb er auch längst das Trompeten (in Blech) aufgegeben hatte. Nun gedachte Regisseur Michel Gast eine Verfilmung des besagten Romans in die Kinos zu bringen, gegen die sich Vian verwahrt hatte, weil sie seiner Ansicht nach zu verfälschend von seinem Drehbuch abwich. In der Absicht, sich wenigstens aus dem Vorspann streichen zu lassen, so jedenfalls Bersarin, ging er am 23. Juni zur Probevorführung. Dort regte er sich schon nach wenigen Sequenzen heftig genug auf, um den mitschauenden Fachleuten, Kollegen und Freunden gleich auch noch einen Herzanfall darzubieten. Er starb auf der Fahrt zum Krankenhaus.

Von Vater Paul Georges Vian, geboren 1897 in Paris, ist hier und dort zu lesen, er sei durch Geschäfte mit Gold zu beträchtlichem Reichtum, zwischen den Kriegen aber durch Fehlspekulationen auch wieder ins Schleudern gekommen. Ich weiß also nicht, was im November 1944 in seiner Villa oder im Gartenhaus seiner Villa, in das er möglicherweise umgezogen war, noch zu holen war. Zwei Einbrecher kamen, und als Vian senior, 47, sie zu stellen suchte, brachten sie ihn um. Soweit ich sehe, ist der blutige Zwischenfall kaum dokumentiert und gilt als ungeklärt – nicht eben verwunderlich, wenn man die wirren Kriegszeiten mit ihren politischen Rivalitäten bedenkt. Somit kann ich auch nicht sagen, ob sich die Gauner lediglich einige Jahre Lohnarbeit für irgendeinen Fabrik- oder Grubenbesitzer ersparen wollten, und wo sie landeten.

Ähnlich undurchsichtig und spektakulär wirkt das Schicksal eines engen Weg- und Partygefährten Boris Vians. Als sie sich 1940 trafen, soll Jacques Loustalot, genannt „der Major“, erst 15 gewesen sein. Er ging wiederholt in Texte von Vian ein. Anfang 1948, also mit ungefähr 22, soll der „furiose Tänzer“ bei einer Party mitten in der Nacht vom Balkon in den Tod gestürzt sein. Welche Rolle bei diesem „Unfall“ Drogen und/oder Mutwille spielten, bleibt unklar.

Der New Yorker Bariton Leonard Warren (1911–60) hatte sich vorzüglich in Verdi-Opern beliebt und berühmt gemacht. Prompt wurde er, mit 48, am 4. März 1960 auf der Bühne der Metropolitan Opera im 2. Akt (dieser Inszenierung) von der knapp 100 Jahre früher durch Verdi beschworenen forza del destino (Macht des Schicksals) eingeholt. Laut Raymond A. Ericson**** hatte er soeben, in der Rolle des Don Carlo, eine „unheilvolle Schicksalsurne“ vor Augen gehabt und die entsprechende Arie „Urna fatale del mio destino“ glänzend wie nie zuvor dargeboten. Dann sei er hingeschlagen. Zwar sei Roald Reitan noch programmgemäß als Surgeon auf der Szene erschienen, habe jedoch nach seiner Botschaft, er bringe gute Nachrichten, vergeblich auf Don Carlos Antwort gewartet. Dirigent Thomas Schippers blickte verzweifelt über die Bretter und wußte nicht, wohin mit seinen Armen. Schließlich ließ man den Vorhang fallen und schaffte Warren in die Garderobe. Neben Ärzten stürzte auch Warrens Gattin Agathe herbei (oder Agatha, geb. Leifflen, Sängerin), die der Vorstellung beigewohnt hatte. Nach einiger Zeit erschien Direktor Rudolf Bing vor dem Vorhang und dem ratlosen Publikum, brachte seine Nachricht vor, diesmal eine traurige, und erklärte die Vorstellung für abgebrochen. Don Carlo war tot – Gehirnblutung. Auch das wurde dann eine Top-Nachricht: anderntags auf den Titelseiten sämtlicher New Yorker Blätter.*****

Sehr ähnlich an der selben Oper am 5. Januar 1996 der Tod des Tenors Richard Versalle (1932–96), eigentlich auf Wagner-Rollen spezialisiert. Nun trat er in der Premiere von Janaceks Die Sache Makropulos (von 1926) als Vítek auf, ein älterer Rechtsanwaltsgehilfe. Kaum hatte er zwecks Hervorholens eines Aktenordners eine drei Meter hohe Leiter erklommen und die Passage „Too bad you can only live so long“ gesungen******, versagte ihm die Stimme. Dann fiel er und lag rücklings und so gut wie tot auf der Bühne. Die Vorstellung wurde ebenfalls abgebrochen, wie in Warrens Fall. Doch Versalle war immerhin 63 geworden. Dafür setzte man eine Autopsie an, weil sein Manager Anthony George bezweifelte, der kahlköpfige, wenn auch bärtige Sänger sei Opfer eines Herzinfarkts geworden. Er sei gesund gewesen und habe sich nach Zeugenaussagen auch gar nicht ans Herz gegriffen, ehe er fiel. George hatte eher die beim Sturz erlittenen Kopfverletzungen im Verdacht – ergo den Leiterhersteller oder den Bühnenarchitekten, die sich leichter als „das Schicksal“ auf Schmerzensgeld verklagen ließen. Den Ausgang des Streites kenne ich nicht.

* laut Matthias Paulus Kleine auf Musik und Theologie, o. J.
** Artikel „Das Haus eines Magiers, Zauberers und Illusionisten … Korth-Cortini“ im Glienicker Kurier, Januar 2016, S. 57
*** Bersarin auf Aisthesis am 23. Juni 2009
**** damals Musikkritiker der New York Times und des Magazins Musical America, hier zitiert auf Metoperafamily.org, Death of Leonard Warren
***** The New York Public Library, Leonard Warren papers
****** laut New York Times, 7. Januar 1996



Viita, Lauri (1916–65), finnischer „proletarischer“ Autor. Viita wuchs mit sechs Geschwistern in der „roten“ Hügelsiedlung Pispala nahe der Industriestadt Tampere auf, die knapp 200 Kilometer nördlich von Helsinki an einem ausgedehnten See liegt. Diese Gegend ist Hauptschauplatz des 1950 erschienenen, dann vielgelesenen Romans Moreeni („Moräne“). Für meinen Geschmack rührt das stark autobiografisch gewürzte Erzählwerk etwas zu ausgiebig und betulich im Alltag des finnischen Volkes, ohne dabei je in die tieferen Schichten persönlicher und politischer Konflikte vorzudringen. Gleichwohl stellt es erstaunlicherweise kein stilistisches Ärgernis dar. Wenn der junge Viita das Gymnasium in Tampere vorzeitig verließ, dürfte es eher an seiner Aufsässigkeit als am häuslichen Geldmangel gelegen haben. Er trat als Tischler/Zimmermann und Bauarbeiter in die Fußstapfen seines Vaters. Der war ein wortkarger, etwas einfältiger Mann, doch immerhin kein Tyrann, falls der Romanschilderung geglaubt werden darf. 1939 zog der Sprößling in den sogenannten Winterkrieg – ausgerechnet die „rote“ Sowjetunion hatte Finnland angegriffen. Auf diese bekannt dialektische oder gummihafte Moskauer Auslegung der Gebote des ständig beschworenen „Proletarischen Internationalismus“ spielt Viita im Roman nur noch kurz an.* Er „diente“ bis 1944 im Krieg – und damit auch einer inzwischen mit dem faschistischen Deutschland verbündeten finnischen Regierung. Allerdings trat er nie einer Partei bei und nahm inkauf, selbst als gemachter „Arbeiterschriftsteller“ von Finnlands Kommunisten geschnitten zu werden. Im Tampere der Nachkriegszeit hatte sich um den dunkelhaarigen kantigen Kopf ein Zirkel meist proletarischer Autoren gebildet, in dem er mit seiner kraftvollen Stimme den Ton angegeben haben soll.

Der Erfolg seines (ersten) Gedichtbandes Betonmüller von 1947 beflügelte Viita, eine Existenz als Freier Schriftsteller zu wagen. Noch scheint er sich gesund zu fühlen. Im Ganzen geht Viita drei Ehen ein, denen exakt sieben Kinder entspringen, wie im Falle seiner Eltern. Seine zweite Gattin, bis 1956, war die Autorin und Übersetzerin Aila Meriluoto. Mit ihr lebte er in verschiedenen kleineren Städten Südfinnlands. Mit der Zeit fürchtet sie sich allerdings vor ihm, ist er doch offensichtlich gemütskrank geworden. Viita begibt sich wiederholt in psychiatrische Behandlung. Meriluoto läßt sich schließlich scheiden. Laut Petri Liukkonen** schildert sie das Ehe- und Krankheitsdrama später in ihrem Buch Lauri Viita (1974). Verschiedene Gutachter sollen Viita Schizophrenie oder, moderner, eine bipolare Störung bescheinigt haben. Aber seine Arbeit an einer Roman-Trilogie wird im Dezember 1965, wohl in Helsinki, nicht etwa durch einen Anfall, vielmehr durch einen Autounfall durchkreuzt. Viita erliegt seinen inneren Verletzungen am nächsten Morgen in einem Helsinkier Krankenhaus. Habe ich die finnische Wikipedia richtig verstanden, saß der 49jährige proletarische Autor in einem Taxi, das von einem betrunkenen Lkw-Fahrer gerammt wurde. Der Mann sei ein Jahr darauf mit anderthalb Jahren Gefängnis bestraft worden.

* in der deutschen, von Carl-August von Willebrand übersetzten Ausgabe Ein einzelner Weiser ist immer ein Narr, München 1964, auf S. 409
** in seinem Authors' Calendar, Stand 2008



Villota, María de (1980–2013), Automobilrennfahrerin >Batsiua, Tyoni


Vincent, Eddie (1878–1927), Jazzmusiker >Cless, Rod


Vivian, Charles († 1822), Seemann >Shelley, Harriet


Vogel, Joachim (1963–2013), süddeutscher Strafrechtler, Hochschullehrer in Tübingen und München, seit 2001 zudem Richter am Stuttgarter Oberlandesgericht. Das lärmende Gedränge, das der Professor mit Frau und drei Kindern am 17. August 2013 unweit der berühmten Rialtobrücke in Venedig auf dem Kanal vorfindet, hätte er wahrscheinlich auch auf dem Starnberger See haben können. Dort mischen, neben Touristen und Sportlern, sogar PioniertauchschülerInnen der Bundeswehr mit. Im Gewimmel der Venediger Gondeln machen sich zahlreiche motorgetriebene Wassertaxis und Wasserlinienbusse („Vaporettos“) Konkurrenz. Als die Gondel des Professors von einem rückwärtsfahrenden Motorboot gerammt wird, hat er das Pech, zwischen dessen Bordwand und die Wand einer Anlegestelle zu geraten: er wird zerquetscht. Der 50jährige stirbt noch am Unfalltag im Krankenhaus. Sein dreijähriges Töchterchen, das er wohl auch zu schützen suchte*, zog sich schwere Verletzungen zu. Ich habe bei dieser traurigen Gelegenheit erfahren, daß einer über die Frage, „ob im Ausland verurteilte Deutsche ihre Strafe im Heimatland absitzen dürfen“, ein ganzes Buch schreiben kann, so wie beispielsweise Vogel.

Der aus Bonn stammende Odenwaldschüler und vielseitige Sportler Johannes Strassmann (1985–2014) strebte zunächst eine Offizierslaufbahn bei der Bundeswehr an, entschied sich aber schon mit 22 für eine verwandte, vermeintlich weniger lebensgefährliche Gangsterbranche: das professionelle Pokerspiel. Offensichtlich lag sie ihm, strich er doch sowohl „online“ wie bei „Live-Turnieren“ rasch Dollar-Beträge ein, die ein Leutnantsgehalt plus Prämien für Humanitäre Einsätze im Ausland beträchtlich überstiegen. Als er mit 29 tot war, führten ihn die Schlagzeilen meist als „deutschen Pokerstar“ oder schlicht „Millionär“.

Von Wien aus, wo er aus mir unbekannten Gründen seit 2007 wohnte, aber angeblich gute Freundschaften hatte, klapperte Strassmann die einschlägigen Turniere ab, darunter in Las Vegas, Nevada. Er arbeitete auch als bezahlter Coach. Falls er ein Liebesleben hatte, ist es der stets geilen Presse entgangen. Über den Vater, angeblich Übersetzer, ist ebenfalls nichts zu erfahren. Seine Mutter D., eine Ärztin, fand bei der Beerdigung Worte**, die zunächst erstaunlich offenherzig und „cool“, dann jedoch genauso erstaunlich un(selbst)kritisch anmuten. „Er war ein Kämpfer, gab nicht auf und arbeitete hart an seinen früh erworbenen seelischen Blockaden.“ Wahrscheinlich hatte er sie als Knirps auf dem Schulweg an Kaugummi-Automaten erworben, oder erknackt. Ende Juni 2014 war ihr inzwischen fast 30jähriger einziger Sohn etwas weiter südlich von Wien, nämlich in der slowenischen Hauptstadt Ljubljana, früher Laibach, tot aus dem Fluß Ljubljanica gefischt worden. Obduktions- und Polizeibericht stellten „Tod durch Ertrinken“ fest. Strassmann hatte „alte Freunde“ besucht, sie aber am verhängnisvollen Samstagabend beim Altstadtbummel verlassen. Für seinen Sturz oder Sprung ins Wasser gab es keine Augenzeugen. Seine erst später aufgefundene Leiche war nackt, ja sogar ohne Armbanduhr. Die UntersucherInnen fanden auch Spuren von „verbotenen“ Drogen, ohne diese freilich zu nennen. Insider tippten auf sogenannte „Zauberpilze“, da Strassmann mit einem entsprechenden Dealer gesehen worden sei. Auch Strassmanns US-Freund Daniel Cates erklärte, der Wiener Kollege habe neuerdings vorgehabt, „mit psychedelischen Drogen zu experimentieren“. Sie können Euphorie oder Panik erzeugen. An Selbstmord glaube Cates allerdings nicht.***

Bei den bekannten Geschäftspraktiken der Branche könnte man ein Verbrechen argwöhnen, doch dafür will die slowenische Polizei keine Anhaltspunkte gefunden haben. Die Mutter behauptet übrigens, Strassmann sei im Begriff gewesen, das Pokerblatt an den Nagel zu hängen und Unternehmer zu werden. Vielleicht Software-Entwickler für Drohnen-Einsätze? Sie bestätigte auch Meldungen, ihr betriebsamer und waghalsiger Sprößling habe sich neuerdings eingehend (fernöstlich gefärbter) Meditation gewidmet, um sich (endlich) selbst zu finden. Als seinen Guru erwähnt sie den offenbar vielgelesenen „Meister“ Eckart Tolle aus Kanada.

* Ulmer Südwest Presse, 20. August 2013
** laut dem Online-Portal Hochgepokert, 23. Juli 2014. Der Traueranzeige der Mutter zufolge schreibt sich der Familienname „eigentlich“ mit ß.
*** PokerStrategy, 11. Juli 2014



Voos, Joachim (1954–89), DDR-Archäologe, auf Vorderasien spezialisiert. Nach seinem Studium in Halle war er Mitarbeiter am Ostberliner Zentralinstitut für Alte Geschichte und Archäologie (ZIAGA) geworden, wo er ein Jugendlexikon Archäologie editierte. Nach anderen Forschungsreisen leitete der vielsprachige Wissenschaftler ab 1988 Ausgrabungsarbeiten in Nordostsyrien – allerdings nicht lange, weil er am 3. Oktober 1989 im Verein mit einer Kollegin bei Damaskus durch einen Autounfall umkam, der sich nirgends beschrieben findet. Bei der Kollegin handelte es sich um die 33jährige* Architektin und Bauforscherin Marion Hinkel (1955–89). Voos war 34.

Während Hinkel und Voos wohl kaum als Opfer der bekannten Wendung (Umkrempelung) der DDR gelten können, dürfte der Berliner Erfinder Dieter Binninger (1938–91) ein ernsthafter Kandidat für diesen schlechten Status sein. Er starb mit ungefähr 53 beim Absturz seines Privatflugzeuges. Der gelernte Uhrmacher und Elektroingenieur hatte zunächst mit auf der Mengenlehre fußenden Lichtzeichen-Uhren auf sich aufmerksam gemacht. Ein größeres Exemplar von diesen, die sogenannte „Berlin-Uhr“, steht noch heute vor dem Europa-Center in der Budapester Straße. Dann tüftelte Binninger in seiner winzigen Fabrik in Berlin-Wedding an einer haltbaren Glühlampe, weil die herkömmlichen Birnen, die er in seinen Uhren verwendete, wie üblich viel zu schnell kaputtgingen. Bekanntlich ist ja die Menschheit im Ganzen schon seit knapp 100 Jahren Opfer eines kapitalistischen Glühlampen-Kartells, das sich auf eine Begrenzung der Haltbarkeit von 1.000 Stunden geeinigt hatte. Binninger jedoch erfand eine „Ewigkeitsglühlampe“, die (angeblich und möglicherweise um den Preis anderer Nachteile) fette 150.000 Stunden halten wollte oder sollte, das entspräche einer pausenlosen Brenndauer von 17 Jahren. Zufällig fiel sein Plan, sie auch selbst herzustellen, mit der schon erwähnten „Wende“ zusammen. Am 27. Februar 1991, „einen Tag vor Auslauf der Angebotsfrist“, so Helmut Höge**, gab Binninger gemeinsam mit der Berliner Commerzbank ein Kaufangebot für eine Teilfabrik des Ex-DDR-Leuchtstoff-Kombinats Narva bei der berüchtigten Treuhand ab.

Am 5. März von Berlin nach Döhren (nördlich von Helmstedt) unterwegs, wo er ein Ferienhaus hat, stürzt Binningers einmotorige Tobago B10 kurz vor dem Ziel ab. Angeblich fällt sie bei Döhren genau in den ehemaligen „Todesstreifen“. Neben dem designierten Industriellen kommen auch dessen Sohn Boris und der Pilot Lothar Scholz in den Flammen ums Leben. Die unterschiedlichsten Quellen nennen diesen „Unfall“ durchweg „ungeklärt“ oder „mysteriös“, aber nicht eine von ihnen schildert Einzelheiten. Es muß ja eine, wie fragwürdig auch immer durchgeführte amtliche Untersuchung gegeben haben. Augenzeugen waren offenbar nicht vorhanden. Immerhin führen einige Quellen das nächste bedeutsame Datum an: den 1. April. An diesem Tag, knapp vier Wochen nach dem Absturz bei Döhren, wird in Düsseldorf der damalige Treuhand-Chef Detlef Rohwedder erschossen, was ich bereits in meiner Arbeit über Mordopfer behandelt habe. Auch dieser Todesfall, offiziell der RAF in die Schuhe geschoben, ist ungeklärt. Rohwedder hatte sich gegen die brutale „Abwicklung“ der DDR-Fabriken stark gemacht, dabei ausdrücklich auch der Ostberliner Narva, die verständlicherweise vor allem Siemens/Osram ein Dorn in der eigenen Glühbirne war. Nun aber wurde das Kombinat zügig weiter zerlegt oder zweckentfremdet, soweit nicht gleich stillgelegt, und dadurch plattgemacht, wie die ganze DDR.

Etliche BeobachterInnen wittern auch im Autounfall des nepalesischen Politikers Madan Kumar Bhandari (1952–93) einen Mordanschlag. Bhandari war Chef der zunächst maoistisch, dann sozialdemokratisch orientierten CPN-UML gewesen, die bereits im „Parlament“ der Monarchie saß. Am 16. Mai 1993 war er westlich der Hauptstadt Kathmandu per Auto von Pokhara nach Chitwan zu einer Parteiversammlung unterwegs. Bei Dasdhunga soll sein Jeep in den Fluß Trishuli gestürzt sein. Der Fall gilt bis heute trotz (oder wegen) etlicher Untersuchungen als ungeklärt. Neben dem „charismatischen“ 40jährigen Akademiker und zweifachen Vater kam sein Funktionärsgenosse Jeev Raj Ashrit um. Einziger Überlebender und Augenzeuge war ausgerechnet der Fahrer der Politkarosse, Amar Lama mit Namen. Wie es Lama gelang, dem Wasser (oder den Messern) zu entgehen, wird nirgends geschildert. Doch 10 Jahre später erwischte es auch ihn. Er wurde Ende Juli 2003 am hellichten Tage vom Gelände einer Lokalzeitung in Dillibazar, wohl ein Stadtbezirk von Kathmandu, von mehreren Gangstern entführt und in der Nähe der Hauptstadt (im Städtchen Kirtipur) erschossen. Nach Yuvraj Acharya*** war er nach dem Autounfall von der CPN, der er damals diente, der Verschwörung beschuldigt worden. Das Bezirksgericht von Chitwan habe ihn aber „nur“ wegen Fahrlässiger Tötung (also Unfall) für längere Zeit ins Kittchen geschickt, doch sei er auf Anweisung des Obersten Gerichtshofes nach fünf Jahren wieder entlassen worden. Er habe sich „daraufhin“ der mit den „Kommunisten“ konkurrierenden Kongreßpartei angeschlossen und als Journalist gearbeitet. Ich würde sagen, die Wahrscheinlichkeit der Annahme, bei alledem hätten mindestens fünf Interessenverbände und Geheimdienste ihre Finger im Spiel gehabt, ist höher als der Himalaya.

Der von einer kalifornischen Pfirsich-Plantage stammende US-Geschäftsmann Larry Hillblom (1943–95), Mitgründer des Logistic-Riesen DHL, liebte ausgefallene Immobilien wie Schlösser und Golfplätze, jungfräuliche asiatische Mädchen, endlose Rechtsstreitigkeiten und altmodische Flugzeuge. In seinen letzten Jahren beherrschte er die steuergünstige US-Pazifik-Insel Saipan als „King Larry“ nach Strich und Faden, sah sich freilich auch zunehmend von amtlichen Schnüfflern und einer „verrückten“ Frau belästigt, die Schul- und Taschengeld für den Sohn wünschte, den er ihr gemacht habe. Ende Mai 1995, inzwischen 52, hob er mit einem Piloten und einem Geschäftsfreund in einem aus dem Zweiten Weltkrieg stammenden Wasserflugzeug von „seiner“ Insel ab. Wer steuerte, bleibt unklar. Jedenfalls wurde es ein kurzer Flug. Während das Wrack und die Leichen seiner Mitflieger aus dem Pazifik geborgen werden konnten, blieb Hillblom selber verschollen. Nach einer Biografie**** von 2012 ist weder die Möglichkeit eines Selbstmordes noch eines trickreichen Untertauchens des Milliardärs auszuschließen. Der stets unverheiratete Mann muß zäh gewesen sein, überlebte er doch zwei Jahre früher einen Flugzeugabsturz auf der Nachbarinsel Tinian nur schwerverletzt. Er nutzte die Gelegenheit eines Lungenrisses, sich gleich auch noch das Gesicht „liften“ und so 10 Jahre jünger machen zu lassen. Auch das von Hillblom trotz Saus und Braus hinterlassene Vermögen, geschätzt 600 Millionen Dollar, spricht für seine Hartnäckigkeit. Darum schlugen sich dann langwierig zahlreiche Rechtsanwälte, teils im Auftrag der weiblichen Opfer seiner uferlosen sexuellen Feldzüge. Sollte er wirklich auf diesen Batzen verzichtet haben, nur um mit seinem letzten „crash“ im Pazifik alle Welt zu narren? Oder hatte der „Milliardär“ noch etwas auf der hohen Kante?

Der dunkelhäutige US-Politiker Ron Brown (1941–96), studierter Jurist aus Harlemer Mittelstand, war zuletzt Handelsminister in Bill Clintons Kabinett. Als solcher hatte er am 3. April 1996 in Kroatien zu tun. Bevor seine Militärmaschine mit 35 Personen an Bord in Dubrovnik landen konnte, prallte sie allerdings, bei schlechter Sicht im Instrumentflug befindlich, gegen einen Berg. Die UntersucherInnen der Armee lasteten das Unglück vornehmlich Piloten-, sonst Lotsenfehlern an. Es gab keine Überlebenden. Neben dem 54jährigen Minister, der sich zu Hause gerade die eigentlich schon überflüssigen Vorwürfe von Korruptions-Wächtern eingehandelt hatte, kam auch der 10 Jahre jüngere Frankfurter Korrespondent der New York Times um. Nathaniel Cushing Nash, schon seit 1973 bei dem Blatt, war bibelfester Wirtschaftsfachmann, Sportangler, Orchideenzüchter und Vater drei Kinder. Man sieht wieder einmal, die „Einbettung“ der Journalisten, die just unter Clinton und dessen Nachfolger George W. Bush forciert wurde, endet doch allzuleicht im Sarg.

* Digiporta, IRS Erkner
** 31. August 2012
*** auf Sajha.com am 28. Juli 2003
**** Vorstellung in der New York Post vom 15. Januar 2012



Vosper, Frank (1899–1937), Schauspieler >Nie Er



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