Dienstag, 10. Mai 2016
Lexikon der Unfallopfer Siv–Sz

Sivertsen, Kenneth (1961–2006), vielseitiger norwegischer U-Komponist und Bühnenkünstler, etliche Platten von Volkslied über Jazz und Kammermusik bis zur Sinfonie, auch Kabarettist. Sein nicht geringes Publikum scheint er vor allem mit Charme und Humor erobert zu haben – solange sie ihm zu Gebote standen. Das Siechtum des langhaarigen stämmigen Barden zum Tode begann spätestens Ende Februar 2005, als er in der südnorwegischen Küstenstadt Haugesund auf der Straße einen epileptischen Anfall erlitt, stürzte und mit dem Kopf aufs Pflaster schlug. Es folgten mehrere Schlaganfälle bis zum Tod Ende Dezember 2006 in einer Klinik von Bergen. Sivertsen starb mit 45. Die Journalistin Katrine Sele veröffentlichte 2013 ein Buch über den krassen, oft grenzübertretenden Mann. Er sei frech und fordernd, aber auch ängstlich gewesen, habe oft an Schlaflosigkeit gelitten, zunehmend Schwierigkeiten mit seiner langjährigen Geliebten Herborg Kråkevik gehabt, große Drogenprobleme und einen Berg von Schulden. Zwar spricht auch Sele von Epilepsie, doch sie fügt im Gespräch mit dem Osloer Dagbladet* hinzu: Indirekte tok han livet sitt – „indirekt“ habe sich der Künstler selber umgebracht.

Auf Sivertsens Werkliste finden sich auch „religiöse Lieder“, aber ich nehme einmal an, der Norweger war beträchtlich weniger fromm als der studierte US-Pianist und (weiße) Gospelsänger Anthony Burger (1961–2006), der zuletzt, mit Frau und drei Kindern, in Brentwood bei Nashville, Tennessee, lebte. Das heißt, meistens gondelte er durch die Staaten oder nahm Platten und Videos auf, die wie warme Semmel weggingen. Am 22. Februar 2006 saß er vor Miami, Florida, auf dem Kreuzfahrtschiff MS Zuiderdam, das dieses Mal rund 1.500 AusflüglerInnen unter der Flagge der kontinentweiten Kampagne oder Industrie Gaither Homecoming versammelt hatte, am Klavier. Bill und Gloria Gaither persönlich sollen, im Verein mit Guy Penrod, gerade das Lied „Hear My Song, Lord“ zum Besten gegeben haben, als Burger an den Tasten zusammensank und verblüffte ZuschauerInnen seine Hände an den seitlichen Kanten des Pianos baumeln sahen. Der Pianist hatte einen tödlichen Herzinfarkt erlitten. Burger war 44; Gott hatte sich also Zeit gelassen. Als Kleinkind, so wird berichtet, war Burger mit der Folge schwerer Verbrennungen an Händen, Beinen und Gesicht auf einen häuslichen Ofen- oder Heizungsrost gefallen. Aber er genas und wurde sogar Pianist. Nach seinen eigenen Worten hatte „the Lord“ seine Hände geheilt, weil er noch „a job“ für Burger hatte.** Gute GroßverdienerInnen kann Gott immer gebrauchen.

Der studierte schwarze US-Saxophonist LeRoi Holloway Moore (1961–2008) aus Virginia, Mitgründer der Dave Matthews Band, war möglicherweise gar nicht fromm, lediglich fleißig. Mit 46 hatte er es immerhin schon zu einer eigenen Farm bei Charlottesville gebracht. Ebendort wurde der bullige Hüne im Sommer 2008 bei einer gar zu stürmischen Rundfahrt unter seinem eigenen All-terrain vehicle (ATV), auch „Quad“ genannt, begraben und schwer verletzt, sodaß er nach einigen Wochen starb. Angeblich hatte Moore Zäune inspiziert. Dabei habe er einen Graben übersehen, der sich durch innen wachsendes hohes Gras getarnt hatte. Durch den Sturz beziehungsweise die auf ihn gekippte motorisierte Lärmschleuder zog er sich Rippenbrüche und einen Lungenriß zu. Als Musiker hatte sich Mr. Moore, so die New York Times am 20. August 2008, für einen „eklektischen Pop“ aus der Jazz- und Funkecke stark gemacht.

Die musikalische Palette des US-Jazz-Bassisten Bob Emmett Bowen III (1965–2010) soll noch breiter gewesen sein. Er wurde 45. Seit 2000 unter anderem als Lehrer an der Hofstra University auf Long Island tätig, fuhr ihn 10 Jahre darauf, am 26. August 2010, ein Tieflader an, als er gegen Mitternacht mit seinem Fahrrad in der Second Avenue von Manhattan unterwegs war. Während der Lkw-Fahrer unerkannt flüchten konnte, erlag Bowen, zweifacher Vater, nach vier Tagen*** seinen Verletzungen, darunter ein Beckenbruch.

* 29. Juli 2013
** Los Angeles Times, 25. Februar 2006
*** CBS New York, 7. September 2010



Skrjabin, Julian (1908–19), russischer Musikschüler. Sein Vater war immerhin 43 geworden. Alexander Skrjabin erlag 1915 einer Blutvergiftung, angeblich wegen eines Lippenabzesses. Erfreulicherweise hatte er da bereits seine 2. Klaviersonate gis-Moll op. 19 (von 1897) geschaffen, ein farbenprächtiges sprühendes Werk, an dem sich der Nachwuchs vielleicht nicht den Hals, aber in rund 11 Minuten alle 10 Finger brechen kann. Julian war als zweites Kind des berühmten russischen Pianisten und Komponisten und dessen Geliebten Tatiana Fyodorovna Schloezer zur Welt gekommen. Selbstverständlich lernte der Sprößling sofort Klavierspielen, wahrscheinlich noch vor der Beherrschung sämtlicher Schließmuskeln und dem Spielen mit Bauklötzen. Ob er als Knabe vier bestimmte, gekonnte Préludes, die den Tonfall seines Vaters zeigen, selber schuf oder ob dieser sie lediglich aufgrund seines Schmerzes später als Werke seines Sohnes ausgab, ist unter Forschern umstritten.

Mit 10 wurde Julian Schüler von Reinhold Glière, dem wir ein interessantes, vielleicht etwas zu schwülstiges Konzert für Koleratursopran verdanken. Aber mit 11 war Glières Schüler tot wie eine Wasserratte. Der Komponist leitete damals das Konservatorium in Kiew. Ebendort soll sein prominenter Schüler im Juni 1919 „unter mysteriösen, nie geklärten Umständen“, wie es überall formelhaft heißt, im Fluß Dnepr ertrunken sein. Einzelheiten werden so gut wie nirgends erwähnt. Wohltuende Ausnahme stellt die russische Wikipedia dar, die ich freilich ähnlich souverän beherrsche wie das Piano: gar nicht. Vertue ich mich nicht, hatte Julian am verhängnisvollen Tag mit Lehrer und Mitschülern ein Pickinick- und Badevergnügen auf einer Flußinsel. Dabei soll er sich, möglicherweise aus Schamhaftigkeit, abgesetzt haben. Später suchte man ihn, aber mit der Dunkelheit brach man die Suche wieder ab. Er wurde erst anderntags tot in Ufernähe im seichten Wasser gefunden, vermutlich ertrunken und angeschwemmt. Eine amtliche Untersuchung habe nie stattgefunden. Zwar lägen einige Berichte vor, doch seien sie durchweg auf Hörensagen gegründet. Nimmt man nun hinzu, daß der verunglückte Knabe zu Jähzorn und Dickköpfigkeit neigte und naturgemäß manche NeiderInnen besaß, sind weder Selbstmord noch ein Gewaltverbrechen ausgeschlossen.

Soweit ich sehe, hielt sich der Vater damals im Ausland, die Mutter aber im Raum Kiew auf. Julians Tod soll Schloezer-Skrjabina schwer und nachhaltig getroffen haben. In der Tat starb sie drei Jahre darauf ebenfalls, in Moskau. Der Rheinhesse Carl Zuckmayer, um 1900 aufgewachsen in der Gegend von Mainz, bemerkt in seinen Erinnerungen*: „Daß Kinder überhaupt am Leben bleiben, läßt sich höchstens durch eine Kette von Glücksfällen oder durch Schutzengel erklären, und nur ihre Vergeßlichkeit bewahrt die Erwachsenen davor, in ewiger Angst um ihren Nachwuchs zu zittern.“ Das ist in grammatischer Hinsicht nicht ganz lupenrein gesagt, da der Bezug des ersten „ihre“ unklar bleibt, sonst aber wahr.

Der russische Mathematiker aus wohlhabendem jüdischen Odessaer Hause Pawel Urysohn (1898–1924) wurde 26. Die Fachwelt zählt ihn gleichwohl zu den Vätern der russischen Schule der „Topologie“ – ein Arbeitsfeld, das weniger einem mit Granitfelsen gespickten Atlantikstrand, mehr einer Spielzeugschachtel gleicht, die leider oder anspornenderweise, je nach BetrachterIn, leer ist. Urysohn studierte in Moskau, wo er schon 1923 zum „ordentlichen“ Professor ernannt wurde. Wiederholte Auslandsreisen mit seinem Fachkollegen und mutmaßlichem Geliebten Pawel Alexandrow führten ihn unter anderem nach Göttingen, wo sie algebraischen Kapazitäten wie Landau, Hilbert und Emmy Noether begegneten. Am 17. August 1924 spätnachmittags hatten die beiden Arbeits- und Urlaubsreisenden in der Bretagne, wo sie in einer Pension an der Atlantikküste knobelten, einen Badeunfall. Beide waren durchaus begeisterte und gute Schwimmer, doch die See war rauh. Beim Umkehren wird Urysohn von der heftigen Brandung überwältigt. Der 28jährige Gefährte kann ihn zwar mit Hilfe von Anwohnern und eines Taus noch bergen und durch die eingangs erwähnten Felsen an den Strand bugsieren, doch die Wiederbelebungsversuche eines Arztes sind vergeblich. Urysohn wird am Urlaubsort (Batz sur Mer) begraben. Wie es aussieht, ist die Topologie des ganzen Vorfalls gut dokumentiert** und läßt keinen Spalt für Argwohn frei.

Hier sollte man vielleicht noch den griechischen oder kleinasiatischen Knaben/Jüngling Antinoos († 130) streifen, der angeblich in der betörenden Blüte seiner Jugend, die sich in unzähligen Bildnissen verewigt findet, im Nil ertrank. Der 15- bis 20jährige war der legendäre Lüst- und Günstling des römischen „Kaisers“ Hadrian. Ob er diese Position aus freien Stücken oder gezwungenermaßen bekleidete, weiß niemand. Wahrscheinlich ging Antinoos von einer kaiserlichen Barke über Bord. Über die Umstände und Gründe seines Todes liegen Erzählungen in allen denkbaren Variationen vor, nur keine Fotos. Möglicherweise hechtete er sich in den Nil, um Hadrians Flossen zu entkommen. Als gesichert gilt lediglich, daß Hadrian an der Unglücksstelle umgehend eine ganze Stadt errichten ließ, Antinoupolis. Würde mir nach meinem Ableben jemand eine Fußmatte oder gar eine Hundehütte stiften, wäre es schon viel. 2010 ging eine Marmorbüste, die angeblich den Anlaß jener Stadtgründung darstellt, in New York City für knapp 24 Millionen Dollar über den Auktionstisch.***

* Als wär's ein Stück von mir, Sonderausgabe Frankfurt/Main 2006, S. 155
** Detlef Gronau (Uni Graz), „Paul Urysohn in Batz sur Mer“, in: MDMV 18/2010, S. 236–39
*** Spiegel 49/2010



Smiřická von Smiřice, Elisabeth K. (1590–1620), Schloßherrin >Fabritius, Carel


Smirnow, Wladimir W. (1954–82), russischer Fechter. Seine überaus erfolgreiche Laufbahn ging 1982 unprogrammgemäß bei den Weltmeisterschaften in Rom zuende. Bei einer simultanen Attacke im Kampf gegen den Deutschen Matthias Behr (Tauberbischofsheim) brach dessen Klinge, doch aufgrund der angesetzten Stoßkraft bohrte sich der immer noch spitze Rest des Degens durch Smirnows Maske sowie durch Smirnows Auge ins Gehirn. Der 28jährige Russe starb eine Woche darauf im Krankenhaus. Behr blieb beim Fechten und in Tauberbischofsheim, zunächst als Nachwuchstrainer, dann als Leiter des „Olympiastützpunktes“. Selbstverständlich hatte er großen Gram, wie er 2004 Christiane Moravetz von der FAZ schildert. Nun verbanden sich die Ehe- und Berufssorgen, die einer sowieso hat, mit dem stets gegenwärtigen Vorfall in Rom. Doch es stehe ja fest: Beide Waffen waren vor dem Kampf geprüft worden, somit treffe ihn keine Schuld. Der Unfall war Zufall. Allenfalls ließe sich behaupten, er persönlich, Behr, sei damals zum Anlaß dafür „auserwählt“ worden, die Sicherheitsstandards im Fechtsport zu erhöhen, sagt Behr. Es sei wie immer: „Wenn in einer Kurve mal was Schlimmeres passiert auf einer Straße, dann wird sie begradigt.“ Die Autos scheinen sehr wichtig zu sein. In einem anderen Gespräch bekennt Behr, 2002 habe er noch einmal kurz vor dem Selbstmord gestanden, nämlich am Geländer einer Autobahnbrücke. Zurückgeschreckt sei er nur aufgrund des jähen Gedankens, durch seinen Sprung könnten womöglich Dritte, gar Kinder, zu Schaden kommen.* Ein so naheliegender wie ausgezeichneter Gedanke, der leider wenig verbeitet ist.

* Focus, 17. November 2009


Smith, Bessie (1894–1937), schwarze Tänzerin und Bluessängerin aus Tennessee. Als junge Frau war es ihr gelungen, das Elend ihrer Kindheit mit dem Glanz der Showbranche, deren Starallüren und deren Ginflaschen zu vertauschen. In den 20er Jahren beherrschte sie die Bühnen der Clubs und verkaufte kaum zu zählende, meist mit berühmten Musikern wie Benny Goodman oder Louis Armstrong aufgenommene Platten. Die hünenhafte „Negerin“ war keineswegs filmschön geraten, doch ihre kraftvolle Stimme, um die sie zu Thoreaus Zeiten jeder Bier- oder Eiskutscher beneidet hätte, und ihr Mut, aus ihrer sexuellen Begierde keinen Hehl zu machen, warfen alle um. Das legte sich allerdings im Maße ihres Saufens und Alterns. Am 26. September 1937 am frühen Morgen gemeinsam mit ihrem Liebhaber Richard Morgan per Auto von Memphis, Tennessie, nach Clarksdale, Mississippi, unterwegs, tat sich auf dunkler Straße unvermutet ein Hindernis auf. Es war ein langsam fahrender oder parkender Lastwagen. Morgan, der fuhr, und zwar nicht eben schneckenhaft, krachte auf dessen Heck. Während sich der Lkw-Fahrer schon mal aus dem Staub machte*, schleuderte Smith' Packard und kippte auf die Seite, wo just die Künstlerin selber saß. Sie zog sich dadurch mindestens etliche Brüche zu und verlor, neben einer Menge Blut, ihr Bewußtsein. Morgan kam mit dem Schrecken, möglicherweise zusätzlich einem schlechten Gewissen davon. Obwohl bald darauf ein Wagen hielt, in dem zufällig ein Arzt saß, starb Smith noch am selben Morgen im Clarksdaler Afro-American Hospital nach einer Amputation eines zermalmten Armes, ohne ihr Bewußtsein wiedererlangt zu haben. Sie war 43.

Die in München ausgebildete, günstigerweise blonde Schauspielerin Agnes Straub (1890–1941) schwang sich in den selben „Goldenen“ 20er Jahren zum Star sowohl auf der Bühne wie auf der Leinwand auf, nur diesmal in Berlin. Ab ungefähr 1925 hatte sie den jüdischen Kollegen und Regisseur Leo Reuss zum Gefährten, den sie, soweit ich weiß, auch heiratete. 10 Jahre darauf erhielt Reuss Berufsverbot oder wurde jedenfalls zunehmend geschnitten und geschmäht, sodaß er es für angezeigt hielt, Deutschland (1935) zu verlassen. Straub dagegen blieb. Das schloß ihre Präsenz im Theater am Kurfürstendamm ein, das streckenweise sogar Agnes-Straub-Theater hieß**, ferner Arbeit fürs Kino. Dabei fügte sie ihrer Nebenrolle im 1933 veröffentlichten Streifen SA-Mann Brand noch ein paar weitere Auftritte in mehr oder weniger regimefreundlichen Werken hinzu. Aus Vergnügen hebe ich Weiße Sklaven von 1937 hervor, worin sie die Wirtin einer Sewastopoler Hafenschenke gibt. Es handelt sich um ein vielgezeigtes antibolschewistisches Machwerk, das nur für die kurze Zeit der blutigen Posse namens „Hitler-Stalin-Pakt“ (1939–41) aus den Kinos verbannt worden war, wie bei Wikipedia zu lesen ist. Anschließend lief es wieder gut, dieses Mal unter dem Titel Rote Bestien. Solchem Kunstschaffen wurde, was Straub angeht, 1938 nur durch einen „schweren Autounfall“ Einhalt geboten, der nicht eine der mir verfügbaren Quellen zu interessieren scheint. Noch nicht einmal der Unfallort ist zu erfahren. Als Sterbeort wird Berlin-Charlottenburg angegeben, wo die 51jährige, vermutlich in einem Krankenhaus, 1941 den Folgen dieses (angeblichen) Unfalls erlag. Vielleicht hat sie sich noch selber in ihrem autobiografischen Werk Im Wirbel des neuen Jahrhunderts dazu geäußert, das 1942 (posthum) in Heidelberg erschien.

Ihr Mitstreiter Reuss konnte zunächst an Wiener Theatern unterkommen, bis sein Täuschungsmanöver versagte, sich als („arischer“) blonder und bärtiger Bergbauer und Laienschauspieler Kaspar Brandhofer aus Salzburg auszugeben. Daraufhin ging er (1937) endlich in die Hauptstadt der Klamotte, Hollywood, wo er als „Lionel Royce“ zumeist den „bad german“ gab. Im Laufe von zwei weiteren Ehen (Kinder insgesamt vier), mit denen er die Strapazen des nichtarischen Künstlers freiwillig anreicherte, wurde Reuss immer kränker, sodaß er Straub bald ins Grab folgte, 1946.

* Schenectady Gazette (New York), 26. September 1987
** Ernst Schumacher, Berliner Zeitung, 1. November 1999



Smith, Edward John (1850–1912), Schiffskapitän >Hartley, Wallace


Smithson, Robert (1938–73), Landartler >Steffen,
Ernst S.


Sneedorff, Frederik (1760–92), Historiker >Bernoulli, Jakob II.


Solomon, Robel († 2006), Musiker >Afewerki, Abraham


Soltan, Uladsimir (1953–97), Komponist >Bonvicini, Franco


Sosa, Julio (1926–64), U-Sänger aus Uruguay, ab 1949 in Buenos Aires tätig, wo er rasch zu Ruhm, Geld und dem Titel „El Barón del Tango“ kommt. Was Wunder, wenn sich Sosa, bei seiner Männlichkeit, auch für Sportwagen begeistert und etliche Unfälle baut. Zuletzt, in den frühen Morgenstunden des 25. November 1964, rast er in der Avenida Figueroa Alcorta der argentinischen Hauptstadt mit einem DKW Fissore nach einem „wilden“ Ausweichmanöver* gegen den Betonpfeiler einer Lichtsignalanlage, woran er, mit 38, am nächsten Tage stirbt. Von weiteren Personenschäden ist nichts zu lesen. Auch sein Image blieb gewahrt. Schließlich war die Sache, nach einem Schlagertitel des Künstlers, weder Leichtsinn, Schwermut, Größenwahn gewesen; vielmehr „Mala Suerte“, nämlich Pech. Übrigens hatte Sosa auch Lieder seines Vorläufers Carlos >Gardel im Programm, der (1935) als Flugpassagier starb. In beiden Todesfällen schwamm Lateinamerika auf Tränen.

Zwei Jahre darauf endete die Laufbahn des weiblichen argentinischen Tangostars Susy Leiva (1933–66) nach einem Auftritt in Rosario, Santa Fe, auf der Nationalstraße 9 in einer Oktobernacht. Leiva war erst 33 und starb auf der Stelle. Sie hatte sich in Begleitung eines Freundes, Alba Velázquez, und ihres Gatten und Managers Manuel Villamor, der am Steuer saß und mit einem Wagen des Gegenverkehrs zusammenstieß, auf der Heimfahrt nach Buenos Aires befunden. Villamor war möglicherweise angetrunken. Das Schicksal der beiden Männer oder anderer Beteiligter wird nirgends erwähnt.

Die Brasilianerin Sylvia Telles (1934–66), eine dunkelharige kesse Bossa-Nova-Sängerin, kam wenige Wochen später, 32 Jahre jung, etwas weiter nördlich in Maricá (bei Rio de Janeiro) ebenfalls durch Autounfall um. Diesmal wurde der Wagen von einem von Müdigkeit übermannten neuen Geliebten gesteuert: Horácio Gomes Leite de Carvalho júnior, angeblich ein Rechtsanwalt aus wohlhabender und einflußreicher Familie und erst 26 Jahre alt. Er starb ebenfalls. Telles, zwei gescheiterte Ehen hinter sich, soll auch schon zwei Jahre früher einen schweren Autounfall erlitten haben.**

* Magazin Octane, o. J., dafür mit bunten Bildern
** Marc Myers auf JazzWax, 14. Mai 2014, mit Musikvideo



Speke, John Hanning (1827–64), Afrikaforscher >Harnier, Wilhelm von


Spencer, Diana (1961–97), Wohltäterin >Astrid von Schweden


Spremberg, Hans-Joachim (1943–78), wiederholt ausgezeichneter DDR-Bildreporter. Im März 1978 hatte er die zweifelhafte Ehre, den hohen SED-Funktionär Werner Lamperz (designierter Honecker-Nachfolger) auf Staatsbesuch in Afrika zu begleiten. Während Spremberg einen kleinen Schnappschuß vom Bau des Ostberliner Fernsehturms offensichtlich unbeschadet überstanden hatte, kostete ihm die Fernreise mit 34 Jahren das Leben. Bei dieser Reise fielen auch Verhandlungen mit dem später viel verleumdeten und niederträchtig ermordeten libyschen Staatschef Gaddafi an. Er fuhr damals einen antiimperialistischen Kurs. Man traf sich in einem Zeltlager bei Wadi Suf al-Jin (Wādī Sawfajjīn). Während Gaddafi nach den Unterredungen auch im Beduinenzelt übernachtete, begab sich die deutsche Delegation in Begleitung libyscher Politiker per Hubschrauber nach Tripolis. Doch die Maschine, eine französische Super Frelon, geriet bereits kurz nach dem Start aus bis heute ungeklärter Ursache ins Trudeln und fiel „wie ein Stein“ in die Wüste, wo sie explodierte. Insgesamt verbrannten im Wrack 11 bis 14 Personen, je nach Quelle.

Man zog einen Schaden am Rotor, die Unerfahrenheit des Piloten im Nachtflug, aber auch einen Anschlag in Betracht, der möglicherweise auf Gaddafi gemünzt war. Der „Revolutionsführer“ hatte den selben Hubschrauber schon öfter benutzt. Andreas Malycha* behauptet, die libysche Seite habe die Aufklärung des Vorfalls eher behindert als gefördert und den beiden Piloten die Schuld zugewiesen, die leider auch tot waren. Aus der DDR kamen, neben Lamberz (48) und Spremberg, der Funktionär Paul Markowski (48) und der Dolmetscher Armin Ernst um, ein Berliner Hochschullehrer. Ernst war noch jünger als Spremberg gewesen, keine 30. Es wird zudem in mehreren Quellen behauptet, die ostdeutsche Delegation habe entgegen Gaddafis Abraten auf dem nächtlichen Rückflug in ihr Tripoliser Hotel bestanden. Trifft das zu, wirft es ein lustiges Schlaglicht auf die verbreitete, aber selten eingeräumte Bereitschaft des Menschen, einer geringfügigen Bequemlichkeit zuliebe so gut wie alles zu opfern. Jeder befrage sich selbst, denn diese Aussage gilt nicht nur für Deutsche, Privilegierte und Greise.

Ein anderer arabischer Staatschef war Abd as-Salam Arif (1921–66), nur diesmal im Irak. Von diesem hohen Militär, der sich wie üblich von Getreuen hatte in die Staatsspitze hieven lassen, könnte man sagen, er sei einem von Ex-Premier Arif Abd ar-Razzaq geplanten Putschversuch zu seiner Beseitigung nur zuvorgekommen, indem er sich am 13. April 1966, 45 Jahre alt, mit einem Militärflugzeug in den Süden seines Landes und angeblich in einen Wüstensandsturm begab. Bei Basra stürzte das Flugzeug ab. Nachfolger im sogenannten Präsidentenamt wurde Abd ar-Rahman Arif, ein Bruder oder möglicherweise auch Gegner des Abgestürzten. Ob Sabotage vorlag, ist ungeklärt.

Die angebliche Schönheit Alia al-Hussein (1948–77) konnte ihre Stellung als jordanische „Königin“ nur für gut vier Jahre genießen, bis zum Rückflug von der Inspektion eines Krankenhauses im südlichen Jordanien am 9. Februar 1977. In oder vor Amman, der Hauptstadt Jordaniens, stürzte der Hubschrauber ab, in dem sie saß. Unter anderem kamen dabei, neben der 28jährigen Landesmutter, der jordanische Gesundheitsminister und ein Armeearzt zu Tode. Auch hier soll es eine mißachtete Warnung vor schlechtem Wetter gegeben haben, sogar von Seiner Königlichen Hohheit Hussein I. persönlich erteilt. Die überall bejammerte „Tragik“ der Angelegenheit wird noch von der Tatsache unterstrichen, daß die Diplomatentochter vor ihrer Hochzeit mit dem Monarchen (seine dritte Ehe) im Management der Royal Jordanian Airlines tätig gewesen war. Gut gearbeitet.

* Die SED in der Ära Honecker, München 2014, S. 134–36


Sprengel, Wilhelm (1792–1828), Professor der Chirurgie und Augenheilkunde und zuletzt auch Rektor an der Universität Greifswald. Über die persönlichen und charakterlichen Verhältnisse des offensichtlich rasch aufgestiegenen Sohnes eines Botanikers und Medizin-Historikers ist buchstäblich nichts bekannt. Man weiß nur, daß er, wie jedenfalls Julius Pagel behauptet*, 1816, in seiner Zeit als Stabsarzt in preußischen Feldlazaretten, das Pech hatte, sich in der wallonischen Stadt Namur in einen Streit verwickeln zu lassen, der ihm eine böse Kopfwunde beibrachte. An den Spätfolgen dieser Verletzung sei er wahrscheinlich mit 36 Jahren verstorben. Um die Natur dieses Streites und Sprengels angeblicher Verwicklung in denselben der wallonischen Erde zu entreißen, bedürfte es wohl der Geduld und der Gulden eines Bauern, der seinen Acker mit Skalpellen umgräbt. Erst recht gilt das für die Natur des „sehr kurzen Krankenlagers“ Sprengels in Greifswald, von dem Johann Rust und Johann Casper** unmittelbar nach dem Dahinscheiden des Rektors sprachen.

Immerhin hat mich die erfolglose Spurensuche über ein in Sprengels Greifswalder Amtszeit fallendes Jahrhundertereignis belehrt: Im April 1825 hatte sich ein Walfisch an die Küste der Ostseeinsel Rügen verirrt. Fischer erlegten ihn und schleppten ihn zum Dorf Wieck bei Greifswald, wo sich die Anatomen und Präparatoren der Universität auf ihn stürzten. Man fand aber erst 1856 den Platz, das 40 Fuß lange Skelett des seltenen Säugetiers auf- und auszustellen.*** Heute ist es, wie ich einem FAZ-Artikel von 2008 entnehme, im Stralsunder Meeresmuseum zu bestaunen. Es war übrigens ein Finnwal. Darüber wissen wir also Genaustens Bescheid.

* ADB, Band 35 (1893), S. 300
** Kritisches Repertorium für die gesammte Heilkunde, Band 21, Berlin 1829, S. 148
*** Paul Grawitz: Geschichte der medizinischen Fakultät Greifswald 1806-1906, Festschrift, Greifswald 1906, S. 11



Steckel, Leonard (1901–71), Theatermann >Steffen, Ernst S.


Steenken, Hartwig (1941–78), Springreiter >Deaver, Sally


Štefánik, Milan Rastislav (1880–1919). Unter ungarisch-österreichischer Herrschaft aufgewachsen, war der Slowake aus den „Kleinen Karpaten“ zunächst Astronom, dann aber Politiker, Jagdflieger, General, und kurz vor seinem jähen Ende sogar Kriegsminister der ersten, 1918 gegründeten tschechoslowakischen Republik geworden. Deshalb wurde ihm später, neben zahlreichen anderen Denkmälern, auch noch der Asteroid (3571) Milanštefánik nachgeworfen. Auch der Flughafen in Bratislava (früher Preßburg) ist nach dem Sohn eines lutherischen Pfarrers benannt. Die HistorikerInnen zählen Štefánik, neben Masaryk und Beneš, zu den drei „Gründervätern“ jener Republik, an der sofort das Gift der Zwietracht zwischen Prag und Bratislava nagte. Manche vermuten, eben deshalb, wegen der Abstrafung der sich benachteiligt fühlenden Slowaken, sei Štefánik im Mai 1919 als alleiniger Fahrgast einer italienischen Maschine nahe Bratislava kurz vor der Landung vom Himmel gestürzt. Der 38jährige Kriegsminister hatte in Italien Verhandlungen geführt und wollte sich nun bei seiner Familie wenigsten kurz erholen. Er stürzte in den Tod. Zwei Piloten und ein Funker der italienischen Luftwaffe, von denen mir weder das Alter noch die denkbaren Aufträge bekannt sind, teilten sein Schicksal.

Die Ursachen der Katastrophe sind bis heute umstritten. Einige BeobachterInnen halten es nicht für ausgeschlossen, daß Štefánik versehentlich von der eigenen Luftabwehr abgeschossen wurde, weil die Hoheitszeichen italienischer Kampfflugzeuge leicht mit denen ungarischer Kampfflugzeuge zu verwechseln waren. Damals lag man mit Ungarn, das den Verlust der Slowakei nicht verschmerzen konnte, faktisch im Krieg. Andere unterstellen eher eine Absicht aus den eigenen Reihen, wie ich bereits angedeutet habe – Reihen, die sogar Frankreich einschließen. Für dieses Land war Štefánik im Ersten Weltkrieg geflogen, doch neuerdings kungelte Frankreich mit Beneš – der sich inzwischen mit Štefánik in den Haaren lag. Allerdings scheinen die meisten BeobachterInnen doch zur Annahme eines Unglücks zu neigen, wenn auch mit unterschiedlichen Begründungen. Man führt die ungünstigen Wetterverhältnisse, die mangelhafte Ortskenntnis der italienischen Piloten sowie den Versuch der italienischen Behörden an, kein schlechtes Licht auf Mensch oder Material der italienischen Sorte fallen zu lassen. Aber schon das Wetter ist ebenfalls wieder umstritten. Sowohl für die englischsprachige wie die slowakische Wikipedia war es zum Beispiel durchaus gut, nämlich sonnig und fast windstill. Dafür sprechen die ungarischen Autoren Klára Siposné Keckskeméthy und Alexandra Sipos in einem englischsprachigen Gedenkartikel*, der mir recht gut belegt vorkommt, von einer durch starke Regenfälle aufgeweichten Landebahn, falls ich mich nicht täusche. Nach ihnen lag im Übrigen gar kein klassischer „Absturz“ vor. Vielmehr sei die Maschine bei einem zweiten Versuch zu landen in Flammen aufgegangen. Beim ersten hätten die Räder bereits die Landebahn berührt – nur in einer ruppigen Weise, bei der das Kühlwassersystem leck schlug und folglich Kühlwasser auslief. Dadurch hätte sich ein Motor überhitzt, und just beim zweiten Landeanflug sei das Flugzeug aus diesem Grund explodiert. Für diesen Hergang führen die Autoren sogar die Aussage eines Betroffenen an, des italienischen Leutnants und Piloten Mancinelli-Scotti.

Was die Leiche von Štefánik angeht, wurde sie 1928 in der selben Gegend seiner Kindheit bestattet, genauer auf dem 543 Meter hohen Berg Bradlo beim westslowakischen Städtchen Brezová pod Bradlom (früher Birkenhain). Jedes Kaninchen dürfte um dieses knochenbleiche, phallokratische, furchterregende Monument einen großen Bogen machen, aber die Leute gehen hin.

* in: Hadtudományi Szemle, Budapest, Nr. 3 aus 2010, S. 84–97


Steffen, Ernst S. (1936–70), süddeutscher Ganove, später Schriftsteller. Der Sprößling eines gewalttätigen Vaters war 1967 nach 13 Jahren Haft (wegen diverser „Eigentumsdelikte“) begnadigt worden, was sicherlich auch durch sein literarisches Wirken befördert worden war. Er hatte im Knast zu Schreiben begonnen und die Fürsprache einiger prominenter Schriftsteller errungen. Vielleicht hätte es das 31jährige ehemalige „Heimkind“ vorgezogen, hinter Gittern zu bleiben, wenn ihm jemand erzählt hätte, die Freiheit sei fragwürdig und währe in seinem Fall auch nur drei Jahre lang.

1969 erscheint Steffens erstes Buch, der Gedichtband Lebenslänglich auf Raten. Er werde von sich getragen wie ein Anzug, ist da etwa zu lesen, und hoffe, daß sich nach seiner Entlassung aus dem Knast noch ein Leihhaus für ihn finde. Er lebt jetzt in Heilbronn und Saarbrücken. Während er möglichen Arbeitsstellen und Geliebten und ganz allgemein dem Glück hinterher läuft, sitzen ihm die PfänderInnen und seine Ängste im Nacken. Der „Schreibdruck“ für den einmal Gedruckten tut das Seine hinzu. Kaum säuft er mit seinen Gönnern und fährt ohne Führerschein, ist er wieder unsicher oder aufgeregt und füttert sein Magengeschwür mit Tabletten. Er lernt Schreibmaschine, macht Führerschein, legt sich, nach einem Hund, auch ein Auto zu, das er sich eigentlich gar nicht leisten kann, ein „rotes Cabriolet“, wie es heißt, möglicherweise jener Porsche, den schon Schürzen- oder LatzjägerInnen wie James Dean und Janis Joplin begehrten. Ende 1970, wenige Monate vor dem Erscheinen seines zweiten Buches mit „Aufzeichnungen aus dem Zuchthaus“ Rattenjagd, fährt Steffen bei Baden-Baden mit seinem kaum abbezahlten Sportwagen in den Tod. Rosemarie Bronikowski zufolge* war der 34jährige „in verzweifelter Stimmung“ ins Schleudern geraten und gegen einen Baum geprallt. Vermutlich war ihm das Schlingern zwischen Selbstverachtung und Größenwahn schon in der Wiege, spätestens aber in dem erwähnten „Heim“ beigebracht worden.

Die Kindheit Hans Gieses (1920–70), schwuler Sohn eines südhessischen Kirchen- und Staatsrechtlers, dürfte auch nicht so glänzend gewesen sein. Giese junior wurde Mediziner und „Sexualwissenschaftler“, nie dagegen Rebell. Als junger Mann hörte er vielmehr Vorlesungen Martin Heideggers und gewann den faschistischen Psychiater Hans Bürger-Prinz zum offenbar lebenslänglichen Mentor. Nach dem Krieg arbeitete Giese streckenweise mit dem Ex-Nazi-Filmregisseur Veit Harlan zusammen. Laut homowiki.de war Gieses Ersuchen um Habilitierung um 1950 von der Universität in Frankfurt/Main abgelehnt worden – nicht etwa wegen seiner Nazifreundlichkeit, sondern wegen seiner ruchbar gewordenen Homosexualität. Ab 1959 durfte er an der Hamburger Universität als „außerplanmäßiger“ Professor ein privates Institut für Sexualforschung betreiben, das er bereits in Frankfurt gegründet hatte. Später soll er sich gar noch der APO zugewandt haben und als Autofahrer von einem Mercedes auf eine Citroen-Ente umgestiegen sein. Dem angemessen gab er ab 1968 bei Rowohlt die Buchreihe „Rororo-Sexologie“ heraus. Giese eine maßgebliche Rolle am Sturz des unseligen Paragrafen 175 zu bescheinigen, ist nach homowiki.de verfehlt. Er habe Homosexualität für eine Krankheit gehalten und sie einerseits in der heimlichen, bürgerlichen Form eingehegt, sonst aber bekämpft sehen wollen, auch strafrechtlich. Giese wünschte keineswegs als schwuler, vielmehr als bedeutender Mann in vieler Munde zu sein, war also wahrscheinlich von Hause aus schüchtern, entsprechend ehrgeizig und stets zu Zugeständnissen oder Anpassung, sprich Opportunismus bereit. Einfluß besaß er durchaus. Noch kurz vor seinem unerwarteten Tod bestellte ihn das Düsseldorfer Landgericht als Gutachter im zweiten Prozeß gegen den Knabenmörder Jürgen Bartsch.

Gieses Ende ist so umstritten wie sein vorheriges Wirken. Nach einem Streit mit seinem 26jährigen Geliebten H., einem Schauspielschüler, sei er an einem Julitag 1970 vom gemeinsamen Urlaubsort an der Côte d'Azur aus zu einer Bergwanderung aufgebrochen, von der er nicht zurückkehrte, heißt es im Spiegel (32/1970). Man fand den 50jährigen tot, 40 Meter tief gestürzt. H. war unterdessen allein nach Avignon gefahren. Es habe weder Zeugen des Unglücks noch Anhaltspunkte für ein Verbrechen gegeben. Bedenkt man Gieses schlechte Gemütsverfassung, kann sowohl ein Unfall wie ein Selbstmord vorliegen. Von einer amtlichen Version des Geschehens spricht das Wochenblatt nicht. Von Gieses brauner Vergangenheit übrigens auch nicht.

Leonard Steckel (1901–71) war pikanterweise Eisenbahnersohn. Er selbst wurde Schauspieler und Regisseur, vornehmlich als Theatermann. Seine ersten Bühnenerfolge feierte er in Berlin, doch 1933 als „Jude“ gebrandmarkt, flüchtete er sich für etliche Jahre nach Zürich, wo er bald auch inszenierte, und zwar eher linke als rechte Stücke, etwa von Shaw, Brecht, Max Frisch. 1955, schon Vater einer erwachsenen Tochter, ging er eine zweite Ehe ein: mit einer Fotoagentin namens Hermi aus München, wo Steckel dann auch wohnte. 1966 brachte das Züricher Schauspielhaus Dürrenmatts neue Komödie Der Meteor auf die Bühne. Die Hauptrolle des Literaturnobelpreisträgers Schwitter, der es nicht schafft, zu sterben, hatte Dürrenmatt Steckel auf den Leib geschrieben. Der schaffte immerhin noch fünf Jährchen. Inzwischen wieder öfter in Deutschland und dort auch in Berlin zu sehen, hatte Steckel für den Sommer 1971 eine Welttournee mit Brechts Schlager Herr Puntila und sein Knecht Matti geplant. Er hatte den „Puntila“ bereits 1949 in einer denkwürdigen Inszenierung unter Brechts eigener Regie in Ostberlin gespielt. Sein Partner als „Matti“ war damals Erwin Geschonneck gewesen. Doch aus der Welttournee wurde nichts, weil der 70jährige Theatermann aus München am 9. Februar im Allgäu, genauer zwischen Kaufbeuren und Kempten, mit der Eisenbahn unterwegs war. „Mit 130 Stundenkilometern legt sich der TEE 56 Bavaria auf dem Weg nach Zürich hinter dem Bahnhof Aitrang in eine Rechtskurve. Das sind 50 km/h mehr als erlaubt. Der Zug entgleist, zerstört das Gegengleis, einige Wagen stürzen eine Böschung hinab“, schildert das Exil-Archiv.** Gleich darauf bohrt sich auch noch ein aus Richtung Kempten kommender Schienenbus in die Wracks. Die Bilanz: 42 Verletzte, 28 Tote, unter diesen Leonard Steckel.

Da auch beide beteiligten Lokführer starben, konnte nicht mit Sicherheit ermittelt werden, warum der TEE in der Kurve zu spät oder nur unzureichend gebremst hatte. Ein „menschliches Versagen“ liegt nahe. Ein ähnlicher Unfall ereignete sich am 9. Februar 2016 etwas weiter östlich bei Bad Aibling, Landkreis Rosenheim, als auf eingleisiger Strecke zwei Regionalzüge zusammenstießen: 85 Verletzte, 12 Tote. In diesem Fall wurde inzwischen der zuständige Fahrdienstleiter in Untersuchungshaft genommen. Nach Presseberichten schloß seine mutmaßliche Fahrlässigkeit ein, sich während des Dienstes auf seinem Mobilfunktelefon irgendeinem fesselnden Spiel hingegeben zu haben. In meiner anarchistisch verfaßten thüringschen Zwergrepublik Konräteslust, die eine eigene Nebenbahnstrecke Richtung Gotha betreibt, kommt sowas nicht vor. Ja, mehr noch, es wäre sogar undenkbar gewesen, obwohl es in dieser 3.000köpfigen Gemeinschaft auch ein paar Handys gibt.

Die sogenannte „offizielle“ Webseite des mit 35 Jahren verstorbenen Großkünstlers Robert Smithson (1938–73), ein Star unter den damals aus dem Ring von Stonehenge, GB, wiederauferstandenen „Landartlern“, geht mit keinem Wort, falls ich mich nicht sehr täusche, auf sein Ende ein. Dabei wäre es doch durchaus auch geeignet, statt schamhaft oder geflissentlich verschwiegen, verherrlicht zu werden. Auch sonst, Nachruf im Spiegel (32/1973) eingeschlossen, herrscht in dieser Hinsicht die Dürre eines Salzsees in Utah. Dort legte der Künstler um 1970 einen unter Experten berühmten 500 Meter langen Damm in Form einer Spirale an. Näheres über Smithons Absturz (aus den Wolken, aber keineswegs aus dem Ranking) habe ich nur bei Alan Rapp gefunden.*** Danach kreiste der Künstler nebst einem Piloten und einem Fotografen am 20. Juli 1973 vormittags in einer Beechcraft E 55 Baron rund 25 Kilometer nordwestlich von Amarillo, Texas, wie ein Fischadler über einer bereits von ihm präparierten Fläche für eine neue große Erdskulptur. „Das Design mit 43 m Durchmesser mitten in einem künstlichen See hätte bereits fertiggestellte Werke des Künstlers in Holland und im Great Salt Lake in Utah widergespiegelt.“ Und so einen Anspruch ließ sich der Spiegel entgehen! Ausgerechnet bei diesem Inspektions-Rundflug, so Rapp weiter, sei ein Motor der Maschine ausgefallen – Absturz. Dadurch kam der Künstler um. Das Schicksal des Piloten und des Fotografen läßt Rapp offen. Selbst davon, ob nun ein Vierter mit Hilfe des womöglich aus dem flachen Wasser ragenden Flugzeugwracks ein wieder neues und noch größeres Werk der „Landart“ geschaffen hätte, erfährt man nichts. Ich zum Beispiel hätte zu diesem Zwecke ein atomgetriebenes Unterseeboot benutzt.

* Vortrag in der Stadtbibliothek Heilbronn, 23. Juni 2006. Die badische Schriftstellerin und Gefangenenbetreuerin starb soeben, im März 2016, mit knapp 94 Jahren.
** Stand 2016
*** in: Modern Painters, 20. Juli 2013



Steiner, Sebastian (1987–2010), Reitsportler >Kinnear, Roy


Stier, Siegfried (1959–2003), Starkoch. Das Feld seiner künstlerischen Betätigung war also der Herd, und daß er gern Fleisch briet und aß, muß wohl, bei seinem Namen, kaum erwähnt werden. Dafür ist sein Ende umso interessanter, wenn ich es auch, aus Platzgründen, nicht so ausbreiten* kann wie der Berliner Tagesspiegel. Stier betrieb mit seinem Partner Christian Thomasow seit 1985 das Feinschmecker-Restaurant Trio am Charlottenburger Klausenerplatz. An einem Augustabend in 2003, wenige Tage vor Stiers 44. Geburtstag, hörte Thomasow, der bei Gästen saß, aus der Küche besorgniserregende Würgegeräusche. Hingeeilt, kam ihm sein Partner mit weit aufgerissenem Mund und hervorquellenden Augen entgegen. Der alarmierte Notarzt plagte sich langwierig mit dem Verunfallten ab, zog dabei „ein riesiges Stück Schweinsfilet“ aus dessen Schlund, konnte Stier aber nicht mehr retten. Nach einer knappen Stunde war der lüsterne Koch so tot wie das Tier, von dem das Filet stammte.

Fachjournalist Götz A. Primke** nennt zwei weitere sehr ähnliche Ereignisse aus jüngster Zeit, die den heißhungrig schlingenden Gastronomen Siegfried Rockendorf und Dieter Bock den Erstickungstod bereiteten, und meint, hier liege offensichtlich eine Art Berufskrankheit vor. Hat er recht, wäre es erstaunlich genug. Ich selber würde mich eher in Kafkas Hungerkünstler verwandeln, wenn ich jahrein jahraus von Speisen, Essensdüften und fetten Gästen umzingelt wäre. Ein anderer wandelte sich womöglich gar zum Terroristen. Dieter Bock, gelernter Jurist und 2010 mit 71 in seinem Hamburger Kempinski-Hotel an fremdem Fleisch verröchelt, war ein stinkreicher Spekulant großen Stils, der mit Hotels oder ganzen Hotelketten wie Knaben mit Murmeln handelte. Was ging ihn der sogenannte Welthunger an? Aber er förderte „die moderne Kunst“, wie man liest.

* 24. August 2003
** 28. Mai 2010



Stirner, Max (1806–56), Schriftsteller >Dankberg, Friedrich Wilhelm


Stobbs, Betty († 1999), Bäuerin aus Stanhope, einem Dorf am Fluß Wear bei Durham im nordöstlichen England. In ihr hätten wir sozusagen eine würdige Vorfahrerin des US-Saxofonisten Moore, siehe oben. Als sich die 67jährige Frau an einem Augusttag ihrer über einem stillgelegten Steinbruch grasenden Schafherde näherte und das Gas von ihrem „Quad“ zurücknahm, waren die Viecher scharf genug auf das aufs Quad geschnallte Fuder Heu, um das ganze Fahrzeug mitsamt Stobbs über den Steinbruchrand zu drängen. Folglich stürzte es ab. Zu Stobbs' Pech fiel nicht das Heufuder, sondern das Quad auf sie, nachdem sie auf dem Grund des Steinbruchs gelandet war. Dadurch wurde sie erschlagen – es hatte gar keines Felsens bedurft. Während ein Londoner Blatt* versicherte, man habe Stobbs' treu ausharrenden Schäferhund, der womöglich ebenfalls zur Ladung des Quads gehört hatte, unverletzt neben ihrer Leiche gefunden, wußte die Irish Times vom selben Tage sogar die Tiefe des Steinbruchs und damit von Stobbs' Fall anzugeben: rund 30 Meter. Die Bestrafung der mörderischen Schafe bleibt in beiden Blättern unerwähnt. Vermutlich bestand sie schon darin, daß ihnen das mitabgestürzte Heufuder entging.

Gut 10 Jahre darauf kam das Heu zu seinem Recht; es wurde dem englischen Musiker und Hippie Mike Edwards (1948–2010) zum Verhängnis, als er erst 62 und eigentlich noch nicht reif für die Kiste war. Edwards hatte Piano und Cello studiert und wurde vor allem am zweiten Instrument bekannt. In den 70er Jahren spielte er es für mehrere Jahre in der damals auch im Ausland vielverehrten Birminghamer Rockband Electric Light Orchestra (ELO), bis ihn fernöstliches Gedankengut erreichte und erleuchtete. Er wurde also frommer Hippie, blieb aber immer auch der unterschiedlichsten Musik treu, so in seinen letzten Lebensjahren im Devon Baroque orchestra. Er lebte südlich von Exeter im Städtchen Totnes unweit des Ärmelkanals, das für seine Kunst- und New-Age-Szene bekannt ist. Am 3. September 2010 auf einer Landstraße südlich von Totnes solo per Auto unterwegs, wurde Edwards' Wagen unvermittelt von einem Ding aus der Bahn geworfen, das sich im Nachhinein, allerdings nicht mehr für Edwards, als rund 600 Kilogramm schwere Walze aus Heu entpuppte. Sie war von einem Hügel auf die Straße gerollt – und Edwards kostete dieser Angriff das Leben. Der Ballen hatte zunächst Ewards' „Van“ gerammt; dann rammte dieser einen weiteren Pkw, der gerade die Unfallstelle passierte. Dessen Fahrer blieb unverletzt. Edwards dagegen soll auf der Stelle tot gewesen sein.

Die Polizei vermutete zunächst, der Ballen sei einem Anhänger oder dem Frontlader eines Schleppers entfallen, doch das stellte sich offenbar als Trugschluß heraus. Zwei Jahre später gab es nämlich ein Gerichtsverfahren gegen die beiden für die am Hang gelagerten Rundballen verantwortlichen Landbewohner Brian Burden, 46, und Russell Williams, 23. Dabei wurden sogar Sachverständige der Heuballenpressung gehört. Die Angeklagten machten geltend, sie hätten all diese zylindrischen Heuballen ausdrücklich quer zum Hang abgestellt, um so die Gefahr ihres Fortrollens zu bannen.** Sie verließen das Gericht als freie und unbescholtene Männer. Die Tötung Edwards' wurde als Unfall gewertet, was letztlich bedeutet, das Gericht sah sich außerstande, jemand der willentlichen Manipulation an dem frevelhaften Rundballen zu überführen. Vielleicht steckte ein Devoner Riesenmaulwurf hinter der Sache, wenn nicht der britische Geheimdienst, der wieder einmal einem Islamisten, Hinduisten oder Buddhisten auf den Fersen war.

* Daily Mail, 28. Januar 1999
** BBC News, 19. November 2012



Storstein, Are (1951–2004), Schauspieler >Marchi, Otto


Strassmann, Johannes (1985–2014), Pokerspieler >Vogel, Joachim


Straub, Agnes (1890–1941), Schauspielerin >Smith, Bessie


Strauss, Josef (1827–70), Komponist >Šitović, Lovro


Strickland, Hugh E. (1811–53), englischer Geologe und Ornithologe, ab 1850 Dozent in Oxford. Eine Orientreise im Jahr 1835 konnte ihm nichts anhaben, im Gegenteil, er verdankte ihr zwei Bücher, darunter, gemeinsam mit A. G. Melville verfaßt, The Dodo and its kindred (… und seine Verwandtschaft). Der Dodo war ein großer flugunfähiger Vogel, der ausschließlich auf Mauritius (im Indischen Ozean) vorkam, allerdings um 1700 bereits ausgerottet war. Strickland lebte noch, trotzdem ist nichts über sein Wesen zu erfahren, es sei denn Leichtsinn oder Zerstreutheit. Immerhin, er muß verheiratet gewesen sein, brachte doch sein Schwiegervater Sir William Jardine, ein schottischer Naturkundler, 1858 eine Biografie über den Unglücksraben oder Tölpel heraus. Möglicherweise hat sich darauf Robin Brooks gestützt.* Diesem zufolge unterbrach Strickland am 14. September 1853 seine Rückreise von einer wissenschaftlichen Versammlung in der Ostküstenstadt Kingston upon Hull in Retford, einem weiter südlich gelegenen Bahnknoten zwischen Lincoln und Sheffield, weil er auf der Konferenz erfahren hatte, ein Durchstich im neuen zweigleisigen und zweistufigen Bahndamm der Manchester Sheffield & Lincolnshire Railway habe unweit der Kleinstadt eine interessante Gesteinsformation freigelegt. Während er die betreffenden Sedimentschichten musterte und skizzierte, näherte sich ihm auf dem tiefer gelegenen Gleis ein Güterzug. Um diesem auszuweichen, erklomm der 42 Jahre alte Wissenschaftler das höher gelegene Gleis – auf dem er prompt die Beute eines Expreßzuges wurde.

Hier die nächste viktorianische Posse. Während Oxford westlich von London zu finden ist, liegt Staplehurst östlich der Metropole, bei Maidstone in Kent. Bei Staplehurst befand sich eine das Flüßchen Beult querende Eisenbahnbrücke, die im Sommer 1865 überholt wurde. In diesem Rahmen ließ ein Vorarbeiter am 9. Juni vorübergehend Schienen entfernen. Er glaubte, bis zum Nahen des nächsten Zuges bliebe ihm genügend Zeit für das Wiedereinsetzen. Damit einher ging die übliche Mißachtung von Sicherheitsvorschriften. Prompt kam der Zug, verhakte sich in der knapp 15 Meter langen Lücke, die nur noch Holzschwellen aufwies, und sorgte für eine mittlere Katastrophe: 40 Verletzte, 10 Tote. Einige Waggons hingen wie Flaggen auf Halbmast an der Brücke herab. Der mitreisende Schriftsteller Charles Dickens kam zwar mit dem Schrecken, nicht aber ohne nachhaltigen Schock davon, heute „Trauma“ genannt. Die Quellen bescheinigen ihm einerseits, sich tatkräftig an der Nothilfe beteiligt zu haben; andererseits habe sich der bärtige, offiziell noch verheiratete und oft nicht sehr angenehme Mann um eine Bezeugung des Unglücks vor den Behörden gedrückt, weil er zurecht befürchtete, wegen seiner Begleiterin bei dieser Reise drohe ihm (und seiner Gattin, 10 Kinder) ein Skandal.** Die Dame hieß Ellen Ternan, eine 26jährige Schauspielerin. Dickens war damals 53. Fünf Jahre später lag er ebenfalls im Sarg.

Die politische Karriere des US-Bürgers Robert C. Wickliffe (1874–1912) endete nicht ganz so vorbildlich, wie sie begonnen hatte. 1898 hatte der junge Rechtsanwalt als Soldat einer Infanterieeinheit aus Louisiana am „Spanisch-Amerikanischen Krieg“ teilgenommen, der den USA unter anderem Kuba einbrachte. Er überlebte ihn sogar, obwohl er sicherlich auch dann als Vorbild gepriesen worden wäre, wenn er ihn nicht überlebt hätte. Später Bezirksstaatsanwalt in Louisiana sowie Mitglied des US-Repräsentantenhauses in Washington D.C., ging er im Sommer 1912 ebendort angeln. Laut damaligen Presseberichten*** betrat er bei diesem Jagdvergnügen, Warnschildern zum Trotze, unweit des Potomac Parks eine Gleisanlage. Vermutlich wollte er dort nicht angeln, vielmehr einen Weg abkürzen, etwa zum Fluß Potomac. Prompt wurde der 38jährige Politiker der „Demokraten“ von einem Zug erfaßt, der ihn vermutlich auf der Stelle tötete. Seine Frau sei, als man ihr im Capitol die Nachricht vom Auffinden der Leiche beibrachte, in Ohnmacht gefallen.

Ein Jahr darauf, im Juli, kam der franko-kanadische Journalist und Erzähler Louis Hémon (1880–1913) in Chapleau, Ontario, unter einen Zug. Die in dieser Hinsicht, wie so oft, betrüblich kargen Quellen sprechen meist von einem Unfall, ansonsten deuten sie Selbstmord an. Es soll inzwischen zwei biografische Arbeiten über Hémon geben, von Alfred Ayotte / Victor Tremblay (Montréal 1974) und Mathieu-Robert Sauvé (Montréal 2000), aber niemand scheint sie gelesen zu haben. Jedenfalls war der 32jährige leidenschaftliche Schwimmer, Radfahrer und Boxer, obwohl studierter Jurist, kein zerstreuter Professor gewesen. In Paris hatte er zunächst für Sportblätter oder -seiten geschrieben, und nachdem er sich 1911, inzwischen Londoner, der drohenden Ehe mit der offenbar anstrengenden Irin Lydia O'Kelly durch eine Atlantiküberquerung entzogen hatte, verdingte er sich in Quebec, Kanada, unter anderem als Farmarbeiter und Vermessungsgehilfe. Ob er sein zweijähriges Töchterchen mitnahm, ist mir nicht klargeworden. Dem Wagnis Übersee entsprang vor allem sein Roman Maria Chapdelaine, der das entbehrungsreiche Siedlerleben und die Wahlqualen der Titelheldin (drei heiratswillige Verehrer aus unterschiedlichen Milieus) nicht ohne Humor darstellen soll. Den Einschlag dieser Frucht seiner Stadtflucht konnte der Verunglückte allerdings nicht mehr genießen. Erstmals 1914 veröffentlicht, wurde Maria Chapdelaine bis heute in mehr als 20 Sprachen übersetzt und auch wiederholt verfilmt. Laut Kindlers Neuem Literatur Lexikon von 1988 war der eher mittelmäßige Text „zum Markenzeichen eines bäuerlich-archaischen Quebec“ hochgejubelt worden. Die schlichte, heimat- und schollentreue Farmerstochter entscheidet sich schließlich für den Landwirt unter den drei Bewerbern. Schauplatz der Schnulze war das am Nordufer des Sees Saint-Jean gelegene Nest Péribonka, vielleicht erfährt man da mehr – über den angeblichen Unfall des Autors.

Der belgische teils avantgardistische, teils sozialistische „Dichter“ Émile Verhaeren (1855–1916), unter anderem von den Kollegen Mallarmé, Rilke und Stefan Zweig bewundert, starb im antimilitaristischen Kampf. Als er Ende November 1916 nach einem entsprechenden Vortrag in Rouen, Nordfrankreich, einen bereits anfahrenden oder noch einfahrenden Zug nach Paris erklimmen wollte, rutschte der 61jährige aus und geriet unter denselben. Die Versionen über das Mißgeschick des angeblich von Natur aus ungeduldigen, mit einer Malerin verheirateten und im Übrigen ausladend schnauzbärtigen Künstlers sind, gerade so wie der Rouener Bahnhof, keinswegs eingleisig. Manche Quellen behaupten etwa, Verhaeren sei von einer Menge begeisterter AnhängerInnen auf dem Bahnsteig verabschiedet und dabei, im Gedränge, vor die Lokomotive des besagten Zuges gestoßen worden. Diese Version hat den Vorteil, die gewaltige Bürde des Ruhmes anschaulich zu machen. Wie auch immer, der Dichter hatte Lokomotiven und andere kraftvolle Maschinen oft und stets verzückt besungen, und das hatte er jetzt davon.

* Western Daily Press, Bristol, 1. September 2015
** University of California Santa Cruz 2015
*** etwa: Emporia Gazette, Kansas, 11. Juni 1912



Štúr, Ľudovít (1815–56), Schriftsteller >Schwarzenberg, Adam


Summerville, Donald Dean (1915–63), kandadischer Luftwaffenpilot, Geschäftsmann und Politiker. Kaum war er Ende 1962 zum Bürgermeister von Toronto, der Hauptstadt von Ontario, Kanada, gewählt worden, opferte er dem Gemeinwohl sogar sein Leben. Er starb ein Jahr darauf, am 19. November, kurz nach 21 Uhr durch einen Herzinfarkt, den er in der örtlichen George Bell Arena bei einem abendlichen Wohltätigkeits-Eishockeymatch erlitt. Meine Englischkenntnisse lassen zwar sehr zu wünschen übrig, aber der Toronto Daily Star, damals eine Art von linksliberalem Boulevardblatt, soll die Millionenstadt anderntags mit einer Schlagzeile begrüßt haben, die mir doch erstaunlich taktlos vorkommt: „Mayor Summerville Skates Off Ice To Die“. Er war 48.

Der nigerianische Lehrer und erfolgreiche Schriftsteller Daniel Olorunfemi Fagunwa (1903–63), meist abgekürzt D. O. Fagunwa, starb mit 60 Jahren im Dienste der sowohl christlich wie folkloristisch gestimmten Erzählkunst, genauer der Yoruba-Sprache und des britischen Verlagshauses Heinemann, das ihn zum regionalen „Repräsentanten“ gemacht hatte. Fagunwas bekanntester, auf Yoruba verfaßter Roman The Forest of A Thousand Daemons, von Wole Soyinka übersetzt, kam allerdings erst 1968 auf Englisch heraus. Da war sein Schöpfer schon fünf Jahre tot und mit allerlei Legenden umwickelt, was ja nur dem lianenhaften bunten Erzählstil entsprach, der Fagunwa gern bescheinigt wird. Für die „seriösen“ Nachschlagewerke ist der Erzähler, wenn überhaupt gestorben, kurz und bündig am 7. Dezember 1963 „ertrunken“. Wie und warum? Fehlanzeige. Selbst im Internet habe ich, neben dem Quark über sein Ertrinken, erstaunlicherweise lediglich eine ausführliche Quelle über die näheren Todesumstände gefunden, nämlich einen 2013 erschienenen Gedenkartikel* des angeblich in Lagos erscheinenden Blattes National Mirror, das mir nicht unbedingt seriöser vorkommt. Aber besser dies als gar nichts.

Autor Gbadamosi hat also die Witwe aufgesucht. Man bedenke: 50 Jahre nach dem Tod des 60jährigen Schriftstellers! Die Witwe heißt Mrs Elizabeth Adebanke Fagunwa, sagt er, und wohnt jetzt in der offenbar eher kleinen Stadt Okeigbo, die ein gutes Stück östlich von Ibadan im Bundesstaat Ondo zu finden ist, falls man Glück im Kartenmaterial hat. In Okeigbo wurde der Schriftsteller geboren. Sympathischerweise dementiert Frau Fagunwa gleich die oft gelesene Behauptung, ihr Gatte habe eine Vorahnung von seinem Tod gehabt. Damals, 1963, lebte sie mit Fagunwa in der Millionenstadt Ibadan. Er war Mitte November zu einer Lesereise im Norden Nigerias aufgebrochen. Auf dem Heimweg habe er die letzte Nacht seines Lebens in einem Hotel in Bida verbracht. Das könnte sogar hinkommen. Bida, eine größere Stadt, liegt rund 350 Kilometer nordöstlich von Ibadan jenseits des Nigers und dort wiederum knapp 20 Kilometer entfernt vom (nördlichen) Niger-Zufluß Wuya. Die meisten Quellen über Fagunwa nennen überhaupt keinen Sterbeort; mein Brockhaus (Band 7 von 1988) nennt Bida. Und von Bida nach Takuma führt die Straße A-124 über den Fluß Wuya, jedenfalls heutzutage. Im Wuya soll der Schriftsteller nämlich ertrunken sein, wie auch seine Witwe bestätigt haben soll. Laut Berichterstatter Gbadamosi gibt sie sogar Einzelheiten preis.

Danach warteten Fagunwa und sein Fahrer James, ein Einheimischer aus Ibadan, am frühen Morgen des 7. Dezembers auf die Fähre. Somit waren sie per Auto unterwegs, konnten aber nicht auf eine Brücke über den Wuya zurückgreifen. Nun entschloß sich der Schriftsteller, die Wartezeit mit einem kleinen Streifzug am Flußufer zu vertreiben. Dann hörte James ein Klatschen im Wasser und sah nach. Fagunwa war verschwunden. James nahm instinktiv an, sein Passagier oder Chef sei dem Rand des Ufers zu nahe gekommen und ins Wasser gefallen, erblickte ihn freilich auch dort nicht. Über die Beschaffenheit des Ufers, etwa wie hoch oder steil, läßt uns der Artikel leider im Unklaren. Unten am Fluß war lediglich ein Kanu zu sehen, kieloben liegend oder gekentert auf dem Wasser treibend – es wird nicht klar. Spätestens hier wirkt die Geschichte abstrus genug, um sie durchaus als die Quelle des oben erwähnten Quarkes in Betracht zu ziehen. Vielleicht ist sie auch einfach nur ungeschickt geschrieben. Jedenfalls blieb Fagunwa verschwunden, obwohl James inzwischen Hilfe zum Suchen herbeigerufen hatte. Auch unter dem verkehrten Kanu lag er offenbar nicht. Und laut Witwe oder Berichterstatter wurde seine Leiche erst nach drei Tagen am Flußufer entdeckt – merkwürdigerweise just an der mutmaßlichen Unfallstelle angeschwemmt. Angeblich war die Leiche vollständig bekleidet, Schuhe, Mütze und sogar Fagunwas Brille eingeschlossen. Ihr Mann sei ein guter Schwimmer gewesen, versichert die alte Dame ihrem Besucher; trotzdem hegt sie keinen Verdacht auf ein Verbrechen: „It was natural.“ Die Gegend des Unfalls sei damals sicher gewesen. Auch von möglichen Feinden weiß sie offenbar nichts. Dafür weist sie erneut Legenden zurück, diesmal vom Verschwinden der Leiche. Ihr Mann sei christlich bestattet worden, hier an seinem Geburtsort Okeigbo. Das könne jeder in den Akten der St. Lukes Anglican Church nachlesen.

Aber wie soll man sich einen solchen „natürlichen“ Tod oder Unfall in der gegebenen Situation, am Ufer des Wuya, vorstellen? Gbadamosi gibt dazu keine Hilfestellung. Von einer in etlichen Quellen umhergeisternden angeblichen Abbruchstelle in der Uferkante ist in seinem Artikel mit keinem Komma die Rede, nur von einem „slip“, einem Ausrutscher des Schriftstellers, den Fahrer James mutmaßte. Vielleicht hatte Fagunwa Halt gemacht, um sein Wasser in hohem Bogen in den Fluß abzuschlagen, kam aber über ein Tröpfeln nicht hinaus. So geriet er eben auf dem eigenhändig angefeuchteten Lehm der Kante ins Gleiten und stürzte ab. Zwar konnte er schwimmen, nicht aber in diesem entscheidenden Moment seines Lebens, weil jenes oben erwähnte Kanu ebenfalls oben auf der Kante gelegen hatte – es stürzte ihm nach und erschlug ihn. Das wäre fast so gut wie die bereits oben behandelten Geschichten mit dem Quad und dem Heuballen.

Ein Verdacht auf Selbstmord liegt also nahe. In allen Quellen kommt er nicht vor. Ähnlich bleibt übrigens überall die amtliche Untersuchung des Todesfalls ausgespart, die es ja gegeben haben muß. Um die Selbstmordthese überprüfen zu können, müßte man freilich den Gesundheits- und Gemütszustand des Schriftstellers kennen, sein Eheglück oder -unglück eingeschlossen. Die Quellen interessiert dergleichen nicht. Gbadamosi teilt mit, Mrs Elizabeth Adebanke Fagunwa sei jetzt 81 und habe ihren damals 60jährigen Gatten demnach bereits mit 31 Jahren verloren. Wann sie ihn getroffen und geheiratet hat, sagt er nicht. Die Witwe preist Fagunwas Liebe und Fürsorge, weist jeden Gedanken an Wiederverheiratung zurück, versichert vielmehr, falls man noch einmal auf die Erde zurückkäme, würde sie Fagunwa erneut heiraten. Daß sie als Christin die Ehe hochhält, im Lippenbekenntnis zumindest, ist wenig verwunderlich.

Von Fahrer James wissen wir, von seinem mutmaßlichen Vornamen einmal abgesehen, nichts außer seinen etwas fadenscheinig klingenden Aussagen vom Unfall- oder Tatort, die wir nicht überprüfen können. Wir wissen noch nicht einmal, ob er Fahrer des Verlagshauses, eines Taxiunternehmens oder des erfolgreichen Schriftstellers persönlich war, von James' Verhältnis zu dessen Gattin oder auch von anderen denkbaren Mordmotiven ganz zu schweigen.

* von Hakeem Gbadamosi am 25. August 2013


Svensson, Esbjörn (1964–2008), Jazz-Pianist >Colby, William


Svevo, Italo (1861–1928), Schriftsteller >Pagés, Fidel



Fortsetzung T–V
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