Dienstag, 10. Mai 2016
Lexikon der Unfallopfer S–Siu

Sabine, Thierry (1949–86), Rallye-Gründer >Clark, Jim


Sachdeva, Taruni (1998–2012), indische Schauspielerin. Die blutjunge, in dem Moloch Mumbai lebende dunkelhaarige Filmschönheit hatte Millionen von Altersgenossinnen vorwiegend per „Werbespots“ beglückt, etwa mit Colgate-Zahnpasta. Als Tochter eines Industriellen war es vermutlich kein überaus dornenreicher Weg für sie gewesen, rasch das Podest der bestbezahlten Kinderdarstellerin ihrer Zeit zu erklimmen. Am 14. Mai 2012, der ausgerechnet ihr 14. Geburtstag war, beschenkte das moderne Leben sie seinerseits mit einem Flugzeugabsturz in Nepal. Angeblich hatte der Pilot einer Agni Air Dornier Schwierigkeiten, im dortigen Gebirgsstädtchen Jomsom zu landen und streifte beim Kreisen einen Berggipfel. Das endete mit 15 Toten und sechs Überlebenden. Auch Sachdevas Mutter Geeta sowie die Mädchen Sreevardhini (9) and Sreepada (6) kamen um, wie die Times of India am 15. Mai berichtete. Habe ich The Hindu vom 20. Mai richtig verstanden, befanden sich die meisten Reisenden, darunter die beiden Sachdevas, auf Pilgerfahrt.


Sacherer, Frank (1940–78), Physiker >Reifenberg, Ernst Robert


Sachs, Ernst Wilhelm (1929–77), Millionär >Gabl, Gertrud


Sagal, Boris (1923–81), Filmregisseur >Mukōda, Kuniko


Salandy, Giselle (1987–2009), Boxerin >Batsiua, Tyoni


Sánchez, José Cubero (1964–85), Stierkämpfer >Ortega, José Gómez


Sarapo, Théo (1936–70), französischer Chansonnier, Schauspieler und berühmter Witwer. Als der gebürtige Grieche Ende August 1970 in der Region Limousin seiner Wahlheimat Frankreich mit 34 Jahren gegen eine Platane den Kürzeren zog, lag seine 20 Jahre ältere Ehefrau Edith Piaf bereits seit sieben Jahren unter der Erde. Die liebeshungrige Diva war diversen Drogensüchten und dem Krebs zum Opfer gefallen. Zuvor hatte sie schon einige Autounfälle mit jeweils einem anderen Liebhaber am Steuer überlebt – wahrscheinlich fünf Stück, wenn ich mich in Jens Rostecks Piaf-Biografie von 2013 nicht verzählt habe. Den hübschen, „lammfrommen“, fast etwas langweiligen und eigentlich homosexuell gestimmten Sarapo, der bis dahin als Friseur in einer Pariser Vorstadt tätig war, hatte sie erst anderthalb Jahre vor ihrem Tod (Herbst 1963) kennengelernt, alsbald geheiratet und ihm dadurch den Weg zu Ruhm und Reichtum und damit auch zu dem blauen Citroën ID 19 eröffnet, mit dem er, bei hoher Geschwindigkeit, gegen besagte Platane geprallt sein soll. Fremdverschulden oder eine selbstmörderische Absicht schloß die Polizei laut Rosteck aus.

Was das Ableben Piafs angeht, merkte Der Spiegel (44/1963) damals an, Sarapo habe bereits 14 Tage vor dem Tod seiner weltberühmten Gattin einen Exklusivvertrag über seine Ehe-Memoiren mit dem Massenblatt France-Soir abgeschlossen. „France-Soir-Reporter waren auch die einzigen Photographen, die schon wenige Minuten nach dem Tod der Sängerin von ihr Aufnahmen machen durften. Einziger Besucher, den der trauernde Théo in seinem Asyl empfing: Ein amerikanischer Filmproduzent, dem er seine Ehegeschichte verkaufte.“ Doch dieses durchaus einleuchtende, kaum verblüffende Spiegel-Bild könnte verzerrt sein – bei Rosteck liest man kein Wort von dergleichen. Der in Frankreich lebende Musikforscher und Publizist behauptet im Gegenteil, Theo habe nach Piafs Ende auf einem hohen Schuldenberg gesessen, was ebenfalls leicht zu glauben ist, hatte die aus der Gosse aufgestiegene schmächtige Diva doch ihre in Sturzfluten eintreffenden Honorare über Jahre hinweg eimerweise aus dem Fenster geworfen. Kleine Leute, die solche Stars anhimmeln, können eigentlich nicht mehr alle Tassen im Schrank haben. Am Tage von Piafs Beerdigung waren sie zu Hunderttausenden in den Pariser Straßen unterwegs, als sogenannte Trauergäste.

Im Vergleich zu Sarapo ging der marokkanisch-französische Profiboxer Marcel Cerdan (1916–49) geradezu makellos in die Geschichte der Unterhaltungskultur ein. Laut Rosteck war er die „größte Liebe“ der zierlichen und wenig attraktiven Tochter eines drittklassigen Akrobaten gewesen. Nachdem sie sich 1948 in diesen, wie sie fand, wohltuend bescheidenen und gradlinigen Champion verliebt hatte (während sie selber bekanntlich zum Verschwenden, außerdem Tyrannisieren neigte), verhinderte schon im Oktober des folgenden Jahres 1949 ein Flugzeugunglück die große Ernüchterung. Just auf dem Weg zu Edith, die ihn in New York erwartete, prallte der 33 Jahre alte schlagkräftige Ex-Weltmeister im Mittelgewicht mit den 47 anderen Insassen einer Lockheed Constellation trotz guter Wetterlage auf der Azoreninsel São Miguel gegen den Monte Redondo. Es gab nicht einen Überlebenden. Opfer des mutmaßlichen Piloten-Irrtums waren etliche Prominente, darunter neben Cerdan die 30jährige französische Geigerin Ginette Neveu (1919–49) und der steinreiche, 57 Jahre alte New Yorker Geschäftsmann Kay Kamen (1892–1949) und dessen Gattin Katie. Noch am Vortag hatte der enge Freund und Lizenzverwalter Walt Disneys in einem Brief an die Vizepräsidentin seines eigenen Unternehmens über Flugangst gescherzt. Eben deshalb, so jedenfalls Fachmann Sidney Schering*, war das kinderlose Ehepaar in der Regel in einem luxeriösen privaten Eisenbahnwaggon unterwegs gewesen.

Das gleiche Schicksal wie Piafs Boxer erlitt 1962 makabererweise ihr kurzzeitiger US-Liebhaber Douglas H. Davis junior (1928–62), ein in New York City, später Atlanta lebender Maler, der laut Rosteck 13 Jahre jünger als sie gewesen war. Er hatte Ausstellungsaktivitäten in Paris gerade zu einer Versöhnung mit dem nordamerikanischen Inbegriff mitteleuropäischer Inbrunst genutzt, war er doch 1959, bei einer Tournee durch Belgien, Südfrankreich und Italien, in Unfrieden von Edith geschieden. Nun, am 3. Juni 1962, bestieg der knapp 34jährige im Flughafen Orly eine Boeing 707, die ihn zurück in die Staaten bringen sollte – jedoch beim vergeblichen Versuch abzuheben Feuer fing. Bei diesem Unglück gab es 130 Tote. Übrigens hatte Davis bei der erwähnten Tournee für einen der erwähnten Autounfälle mitgesorgt. Von Piaf für einen 400 Kilometer langen Abstecher zu ihrem Landsitz in Condé trotz Übermüdung ans Steuer befohlen, war Davis an demselben eingenickt und im Straßengraben gelandet. Während sich Piaf zwei Rippen brach, kam Davis damals noch mit einem blauen Auge davon.

* sdb-film, 1. Oktober 2011


Sassetti, Bernardo (1970–2012), Jazzmusiker >Böder, Volker


Sauneron, Serge (1927–76), Ägyptologe >Lewi, Jerzy


Sauter, Ferdinand (1804–54), Wiener Original, im Broterwerb kaufmännischer Angestellter, ansonsten obrigkeitsfeindlicher „Dichter“ und Kneipengänger. Was Versfüße angeht, wurde Sauter oft für seine Improvisationskunst gerühmt, doch gegen einen komplizierten Beinbruch im Jahr 1839 war sie machtlos: seit damals hinkte er. Vor allem deshalb steht er hier. Nach brieflicher Auskunft Ludwig Lahers, der neulich einen Roman* über Sauter veröffentlichte, hatte dieser auf einer ausgedehnten Fußreise durch das Salzkammergut mit einem Freund darum gewettet, er sei in der Lage, von jenem hohen Felsen dort auf die Landstraße zu springen. Er war es in der Tat – und verbrachte anschließend mehrere Wochen im Hallstatter Krankenhaus.

Immerhin besuchte und tröstete ihn dort Nikolaus Lenau, und über den ganzen Vorfall, vom Leichtsinn bis zu Lenau, habe Sauter ein 13strophiges Gedicht verfaßt, teilt mir der Linzer Schriftsteller mit. Daneben war Sauter, in dem sich die Ausgelassenheit mit Schwermut und Hypochondrie paarte, mit Franz Schubert und Moritz von Schwind bekannt, der ihn 1828 auch verewigt hatte. Später verkehrte Sauter im Literatenzirkel Johann Nepomuk Vogls, aber auch unter namenlosen Zechbrüdern. Er wohnte ärmlich im Wiener Vorort Hernals, wahrscheinlich solo. Nach Sauters „Gemüts- und Liebesleben“ angegangen, sagt Laher, dazu könne er keine Auskunft „in einer Nußschale“ geben; er habe es in seinem „exakt recherchierten“ Roman ausgebreitet. Sauter selber kam, wohl nicht unabsichtlich, zu Lebzeiten nie zu Buchveröffentlichungen. Er wurde freilich nur 50, weil er im Herbst 1854 einer damals in Wien ausgebrochenen Cholera-Epedemie zum Opfer fiel. Die deutsche Wikipedia verkündet, er sei sogar „das erste“ Opfer dieser Epedemie gewesen, was nach Laher Unfug ist. Sauter habe sich im Gegenteil mit Hilfe der Presse „über die dort beworbenen Wundermittelchen gegen die Seuche“ informiert und sie alle, „eins nach dem anderen“, ausprobiert. Er habe kaum noch seine Wohnung verlassen und die Wiener Innenstadt gemieden. „Allerdings ging er zu dem einen oder anderen Begräbnis eines an der Cholera verstorbenen Bekannten oder Freundes und dürfte sich bei dieser Gelegenheit angesteckt haben.“ Berühmt ist Sauters selbstgeschmiedete Grabinschrift.

* Aufgeklappt, Innsbruck 2003


Schaarschmidt, Ina († 2013), Rennfahrerin >Batsiua, Tyoni


Schatz, Ruedi (1925–79), Politiker >Brawand, Samuel


Schillinger, Josef († 1968), Motorradrennfahrer >Angermüller, Josef


Schläger, Helmut (1924–69), Unterwasserarchäologe >Farrow, Ernie


Schleinzer, Karl (1924–75), Politiker >Matter, Mani


Schmeer, Karen (1970–2010), Cutterin >Daniloski, Antonio


Schmid, Otto (1922–63), schwäbischer Fußballer, eher klein, aber sprungkräftig, langjährig gefeierter Torhüter, zeitweise außerdem Spielführer des VfB Stuttgart. 1950 mit dem Club immerhin „Deutscher Meister“ geworden, hing Schmid seine Torwarthandschuhe zwei Jahre darauf an den Nagel und übernahm das Amt des Jugendtrainers. Sohn Peter erwähnt*, damals habe es als Meisterschaftsprämie pro Kopf 500 DM plus Sachgeschenke gegeben, während es 1992 schon 50.000 DM gewesen seien. Schmids Mannschaftskamerad Erich Retter, ein Verteidiger, berichtigt allerdings, es seien 1950 letztlich 2.000 DM gewesen, die just unter Schmids Anführung bei der Clubleitung herausgeschunden wurden.** Jedenfalls dürften die damaligen Ballkünstler noch keine „Vollprofis“ und Millionäre gewesen sein. Schmid etwa war hauptberuflich als Bauingenieur im städtischen Hochbauamt angestellt. Zum Zeitpunkt seines Todes (am 16. März 1963) war er laut Nachruf in den VfB-Vereinsnachrichten*** schon seit Längerem als Bauleiter im Stuttgarter Vieh- und Schlachthof stationiert. Einzelheiten deutet Sohn Peter an: „Eine Halle brannte, er ließ die Tiere heraus und bekam nicht mehr genügend Luft, ein Hirnschlag beendete sein kurzes Leben.“ Der zweifache Vater, in die lokale Poesie als „Der Gummi-Schmid, der Gummi-Schmid, / hält besser noch als Glaserkitt“ eingegangen, war 41 gewesen. Schmid galt allgemein als heiter und hilfsbereit. Sohn Peter schildert ihn als streng, aber gerecht. Ob das herausgelassene, eigentlich zum Abmurksen bestimmte Vieh in die Wälder entkam, ist nirgends zu erfahren.

VfB-Stürmer Robert Schlienz hatte rund 15 Jahre früher Glück im Unglück gehabt. Als er wegen des Begräbnisses seiner Mutter am 14. August 1948 verspätet per Auto zu einem Pokalspiel nach Aalen jagte, vollführte sein geliehener Opel-Pritschenwagen wegen eines Schlagloches jäh einen Salto. Dadurch wurde Schlienz' linker Unterarm zerschmettert, denn er hatte ihn wegen der starken Hitze gerade aus dem Seitenfenster gehalten. Der Unterarm wurde amputiert. Wenige Monate später war Schlienz, Jahrgang 1924, wieder auf dem Platz zu sehen: nur ohne den linken Unterarm, der sich dergestalt zu einem neuen Markenzeichen des beliebten Fußballers gemausert hatte. Er spielte, meist als Außenläufer, noch bis 1959 für seinen Verein.****

* auf hefleswetzkick.de im Juni 1992
** Stuttgarter-Zeitung.de 22. September 2013
*** Nr. 68, März–Mai 1963
**** Spiegel online 9. Januar 2008



Schmid, Wilhelm Eduard (1893–1934), Münchener Musikkritiker. TrägerInnen von Allerweltsnamen haben in der Regel eher Nachteile als Vorteile zu gewärtigen, manchmal sogar den Tod. Der hier behandelte, meist „Willi“ genannte Schmid, ursprünglich Dr.phil. sowie Geigen, Cello- und Gambenspieler, war 1924 Musikkritiker der Münchner Neuesten Nachrichten geworden; daneben schrieb er für Fachzeitschriften. Er war offensichtlich weder links noch faschistisch, vielmehr konservativ, vielleicht auch nur kontemplativ gestimmt, jedenfalls mit Oswald Spengler und Peter Dörfler befreundet, einem katholischen Schriftsteller und Erzieher. Sein Verhängnis donnerte am Abend des 30. Juni 1934 um 19.20 Uhr an seine Wohnungstür. Vor ihm standen vier bewaffnete SS-Schergen, die ihn begründungslos verhafteten, ins KZ Dachau verschleppten und dort noch am selben Samstagabend, mit weiteren Opfern der bekannten Säuberungswelle im Gefolge des angeblichen „Röhm-Putsches“, ähnlich umschweiflos erschossen. Dieser böse Vorfall beruhte auf einer Namensverwechslung. Die Gestapo sprach der nachfragenden Witwe gegenüber von einem bedauerlichen „Unfall“. Rudolf Heß persönlich soll Käthe Schmid (drei Kinder) nach vier Wochen aufgesucht und um Entschuldigung gebeten haben. Später erhielt sie eine kleine Rente. Im „demokratischen“ Nachkriegsdeutschland hatte sie für dieselbe erst wieder langwierig zu kämpfen. Mit welchem in Ungnade gefallenen Nazi-Schmid oder -Schmidt oder -Schmitt der 41jährige Musikkritiker verwechselt worden war, ist unter den Forschern bis heute umstritten.* Leider ist es auch egal, denn erschossen bleibt erschossen.

* Pestalozzi-Gymnasium München, Pdf o. J.


Schmitz, Carl August (1920–66), Ethnologe. Mit dem Wort „Betriebsunfall“ bezieht sich Justin Stagl in einem Vortrag* von 2000 auf die gesamte anderthalbjährige Amtszeit von Schmitz als Direktor des Frobenius-Insituts der Universität zu Frankfurt/Main, die wohl von vielen Eingeweihten eben als ein solcher empfunden werde. Sie begann im Mai 1965 und endete im November 1966 mit dem jähen Tod des hochrangigen Wissenschaftlers. Den Unfalltatbestand im engeren Sinne, den nur ich sehe, umreißt Stagl, aufgrund von Hörensagen, ungefähr wie folgt. Schmitz hatte, wohl am 17. November, gerade eine Prüfung abgenommen und in der Institutsbibliothek mit dem Prüfling auf dessen bestandenes Examen ein Glas Sekt geleert. Dann eilte er zu einer Fakultätssitzung, zu der er allerdings gar nicht geladen war. Man verwehrte ihm auch prompt den Zugang. Dadurch ergab sich vor der geschlossenen Tür des Konferenzzimmers ein heftiges Wortgefecht zwischen Institutsleiter Schmitz und einem „Vertreter der Frankfurter Schule“, wie Stagl schreibt, also einem Vertreter der materialistisch gestimmten Linken, während Schmitz von Hause aus vielleicht kein Reaktionär, aber bestimmt Idealist war. Dieser Streit nahm den 46 Jahre alten Schmitz so stark mit, daß er plötzlich einen Schlaganfall erlitt und auf dem Korridor tot zusammenbrach.

Schmitz hatte eine steile Karriere hinter sich und zählte zu den führenden deutschsprachigen Völkerkundlern. Er hatte seine Untersuchungen auf Melanesien zugeschnitten, dabei auch ein gutes Jahr „Feldforschung“ in Nordost-Neuguinea betrieben, im Übrigen die Bedeutung der Religion herausgestellt – des „Überbaus“, wie die Materialisten es abtaten. Bücher und Lehrstühle folgten. Die Krönung war die „Spitzenposition“, so Stagl, in Frankfurt/Main als Nachfolger des verstorbenen „Kulturmorphologen“ Adolf Ellegard Jensen. Aber sie war nicht einmütig besetzt worden, und als sich ausgerechnet der eher konservative Schmitz als rabiater „Modernisierer“, vor allem aber als „Machtmensch“ hervortat, quoll zusätzlich zu den üblichen ideologischen und Fraktions-Kämpfen breiter Unmut auf. In „menschlicher“ Hinsicht zugeknöpft und ohne rechtes Fingerspitzengefühl, stattdessen jederzeit intrigenbereit, geriet der verheiratete Chef, dessen Gattin niemand kannte, zunehmend in die Isolation. „Sein Autokratismus stieß auch jene Institutsmitglieder ab, die zunächst bereit gewesen waren, es mit ihm zu versuchen“, urteilt Stagl. Auf Schmitz' Seite schlug sich das in Grimmigkeit, Bluthochdruck, Süßwarensucht nieder. „Der tödliche Schlaganfall im November 1966 kam wohl nur für Außenstehende ganz unerwartet.“

Wer sich für die fachlichen Differenzen in der damaligen Völkerkunde interessiert, wird bei Stagl – von Schmitz als Assistent erwogen, was sich durch den Schlaganfall erübrigt hatte – fündig. Ich übergehe sie nicht nur aus „Platzgründen“. Ich habe schon seit Langem grundsätzlich den Verdacht, im Löwenanteil solcher Streitfälle in der bürgerlich oder auch kapitalistisch betriebenen Wissenschaft (Konkurrenz!) gehe es den meisten Beteiligten eben in erster Linie darum, Ruhm zu ernten und mit Hilfe dieses Hebels Macht ausüben zu können, sprich zu herrschen. Um dieses fragwürdige Bedürfnis zu legitimieren, ist es aber unumgänglich, sogenannte Wahrheiten oder Neuheiten ins Feld zu führen beziehungsweise Haarspaltereien zu betreiben und dann „recht zu behalten“. Machthaber sind immer Rechthaber.

Der australische Politiker Harold Holt (1908–67), zunächst Arbeitsminster, brachte es knapp zwei Jahre vor seinem unerwarteten Ableben (mit 59) immerhin bis zum Premierminister des fünften Kontinents. Im Zweiten Weltkrieg vorübergehend bei der Artillerie tätig, hatte man ihm den Spitznamen „Gunner Holt“ verpaßt. Was Wunder, wenn er später zum Verehrer oder Kumpel des US-Präsidenten Lyndon B. Johnson wurde und diesem zuliebe für die Verstärkung des australischen Einsatzes im Vietnamkrieg sorgte. Holt galt als Lebemann mit zahlreichen Affären, offiziell seit 1946 mit der Modedesignerin Zara Fell verheiratet. Zuletzt soll ihm vor allem, neben den üblichen Rangstreitigkeiten in seiner Liberal Party, eine sogenannte Kabinettskrise zu schaffen gemacht haben. Am 17. Dezember 1967, einem Sonntag, entschloß er sich bei einem privaten Strandausflug mit mehreren BegleiterInnen bei Point Nepean (südlich von Melbourne) angeblich spontan dazu, trotz der schweren See zu schwimmen. Nachdem ihn seine BegleiterInnen aus den Augen verloren hatten, leiteten sie eine aufwendige Suche ein, doch Holt beziehungsweise seine Leiche wurde nie gefunden. Gleichwohl erklärte die Bundesregierung den 59jährigen nach zwei Tagen für tot. Wahrscheinlich sei Holt, eigentlich als guter Schwimmer und Taucher bekannt, von einer tückischen, unberechenbaren Strömung erfaßt worden, hieß es zumeist. Auch sei er gesundheitlich angeschlagen und in ärztlicher Behandlung gewesen. Die Ärzte hätten ihm das Schwimmen verboten. Jahre später befand der Coroner des Staates Victoria Graeme Johnstone aufgrund eines dicken Polizeiberichtes, Holt habe sich leichtsinnigerweise in die aufgewühlte See begeben, und erkannte auf einen „accidental“ Tod durch Ertrinken, also auf Unfall. Daß es in all den Jahren auch Verdächte auf Selbstmord, absichtliches „Untertauchen“ oder Mord gab, ist wohl kaum verblüffend. Gründe dafür lassen sich finden, Belege freilich nicht.**

Werner Schreib (1925–69), studierter Bildender Künstler, daneben Autor, schlug um 1950 einen dadaistischen Weg ein, lieferte aber auch Entwürfe für Rosenthal-Blumenvasen. Der Spiegel (40/1969) sah ein lediglich „begrenztes Kunsttalent“ bei ihm, dafür jedoch die „hochentwickelte Fähigkeit, es publizistisch zu nutzen“. Aufgewachsen in Berlin, lebte Schreib wohl zuletzt am Taunus. Ende September 1969 soll der 44jährige einen laut deutscher Wikipedia „unverschuldeten“ Unfall auf der Autobahn bei Lorsch erlitten haben, als er sich nächtens auf der Heimfahrt von einer Ausstellungseröffnung in Baden-Baden befand. Nähere Angaben, etwa just die „Schuld“ oder denkbare BegleiterInnen betreffend, gewährt die Mitmach-Enzyklopädie so wenig wie Der Spiegel, von Belegen zu schweigen. Eine andere Webseite spricht vage von einem beteiligten „Lastwagenblech“. Auch über Schreibs persönliche Lebensumstände erfährt man so gut wie nichts.

* „C. A. Schmitz – Ein Betriebsunfall am Frobenius-Institut?“, in: Paideuma. Mitteilungen zur Kulturkunde, Band 47 (2001), S. 25–42
** Gilbert King auf Smithonian.com, 4. Januar 2012



Schmoker, Stefan (1983–2009), erfolgreicher schweizer Gleitschirmpilot – bis zu den Weltmeisterschaften von 2009, die in Mexiko stattfanden. Dort stürzte Schmoker am 30. Januar bei eigentlich normalen Wetterverhältnissen, jedoch mit „verhangenem“ (ungeöffneten) Schirm, in das zerklüftete Gelände. Er erlag noch am Unfallort seinen schweren Verletzungen. Schmoker hatte zuvor einen „großen Klapper“ erlitten, wie die Eingeweihten in ihrer Jägersprache zu einem unerwünschten Einklappen des Schirmes sagen. Hier und dort räumen die Eingeweihten auch ein, oft führten „unbedingter Siegeswille“, sprich Konkurrenzdruck dazu, drohende Gefahren kurzerhand auszublenden. Lucian Haas behauptet*, Schmoker hätte den Absturz durch rechtzeitige Stabilisierungsmaßnahmen oder durch Ziehen des „Retters“ vermeiden können. Der verunglückte 25jährige wurde unter anderem von dem schweizer Gleitschirmhersteller Advance betrauert, bei dem er Werkspilot gewesen war. Die Berner Zeitung hatte getitelt: „Schweizer Gleitschirmsportler stirbt an WM.“ Andere meinten, Schmoker sei eher am Fortschritt gestorben.

Der italienisch-französische Pilot von Drachen, Gleitschirmen und „Ultraleichtflugzeugen“ und mehrmalige Weltrekordler Angelo d’Arrigo (1961–2006) setzte nach einer schweren Sturzverletzung, die ihn angeblich läuterte, auf das gute Gewissen und den Bonus, die sich der unheilbar Waghalsige heutzutage verschaffen kann, indem er frech ins ehrfurchtgebietende Mäntelchen des Naturschutzes und des „alternativen Sportes“ schlüpft. Für D'Arrigo bestand die Natur verständlicherweise vor allem aus Vögeln. Er studierte ihre Gewohnheiten und Kunstfertigkeiten und machte sich um 2000 daran, in Begleitung wilder oder zahmer Kraniche, Adlern, Kondoren neue Vogelzugrouten zu erschließen oder gewaltige Gebirge wie den Himalaya oder die Anden zu überwinden, wobei er es nicht versäumte, diese Unternehmungen an möglichst große mediale Glocken zu hängen. In Frankreich hatte er zeitweise eine eigene Fernsehshow: Der Traum des Ikarus. Etwas ähnlich Unalternatives war die Flugschau oder Werbeveranstaltung im März 2006, bei der D'Arrigo, Vater dreier Kinder, mit 44 Jahren ums Leben kam. Auf einem stillgelegten sizilianischen Luftwaffenstützpunkt bei Comiso in einem zweisitzigen Leichtflugzeug der Marke Sky Arrow 650 TNT am dortigen, sicherlich strahlend blauen Himmel segelnd, stürzte der „birdman“ oder „human condor“ aus rund 200 Meter Höhe, wohl aufgrund technischer Probleme, unversehens in einen Olivenhain.** Sein Schicksalsgenosse war der pensionierte Luftwaffengeneral Giulio De Marchis (63), der sich inzwischen als Werkspilot für die Triester Firma Sky Arrow stark machte. Beide Flieger waren auf der Stelle tot, die Kinder Waisen.

Vielleicht war der professionelle US-Baseballspieler Cory Lidle (1972–2006), zuletzt bei den New York Yankees unter Vertrag, zumindest als Flieger ein Spätzünder. Fünf Jahre nach den berüchtigen, bis zur Stunde ungeklärten Anschlägen auf drei New Yorker Bürotürme prallte er mit seinem eigenen, nahezu nagelneuen Kleinflugzeug Marke Cirrus SR-20 bei guter Sicht gegen das 42geschossige, 156 Meter hohe Apartementgebäude Belaire an der Upper East Side in Manhattan. Die Maschine sei „wie ein Feuerball“ auf die Straße gefallen, hieß es in Presseberichten. Es war am frühen Nachmittag des 11. Oktober 2006. Neben dem 34jährigen Ballsportler kam dessen Fluglehrer Tyler Stanger (26) um. Ferner gab es rund 20 Verletzte, davon die Hälfte Feuerwehrleute. Laut amtlichem Untersuchungsbericht war die Maschine wahrscheinlich durch starken Wind vom Kurs und gegen das Hochhaus gedrückt worden. Zudem hätten beide Flieger mit dieser Maschine und den beengten Verhältnissen im Luftraum der Wolkenkratzer-Metropole kaum Erfahrung gehabt. Wer gerade gesteuert habe, lasse sich nicht feststellen. Zu den Verletzten zählte Ilana Benhuri (50), die nach einem Monat wieder aus dem Krankenhaus durfte.*** Sie hatte im 30. Stock von Belaire gerade einen Apfelkuchen für die Schule ihrer 12jährigen Tochter gebacken, als in ihrer unmittelbaren Nähe ein Fenster klirrte und ihre ganze geräumige Eigentumswohnung (vier Schlafzimmer) dröhnte und bebte. Es war ihr eigenes Fenster, in das Lidles Maschine die Propeller-Nase gesteckt hatte. Sie hatte das aber nicht selbst gesehen. Durch die Explosion sei sie in die Luft ihrer Küche geschleudert worden. Dann habe sie geschrieen und nicht mehr so schnell damit aufgehört, weil sie nicht wußte, was eigentlich geschehen war.

* Lu-Glidz 2. Februar 2009
** La Repubblica 26. März 2006
*** Fox News 10. November 2006



Schnitger, Heinrich (1925–64), Mediziner an der Universität Marburg, Erfinder der Kolbenhubpipette (Patent 1961), die es gestattet, kleine Flüssigkeitsmengen von Hand zu dosieren. Leider konnte Schnitger das viele Geld, das seine Erfindung noch aufsaugen sollte, kaum mehr genießen, kam er doch Anja Scholzen zufolge* Ende August 1964 als 39jähriger „beim Baden in einem oberbayerischen Gletschersee“ durch Ertrinken zu Tode, also unfallweise. Scholzen behauptet allerdings, der „geniale Bastler“, der noch andere Laborgeräte austüftelte, sei „als schwieriger, eigenbrötlerischer Mensch bekannt“ gewesen, der „an der Vermarktung“ seiner Erfindung kaum Interesse besessen habe. Damit wissen wir wieder einmal, was ein Querulant ist: der Nichtvermarktungswillige.

Ein Porträtfoto zu Scholzens Artikel zeigt einen schmalgesichtigen jüngeren Mann mit dickrandiger Brille und hoher Stirn, der ähnlich verletztlich wie eine Kolbenhubpipette wirkt. Man könnte freilich auch mutmaßen, er habe dem verbreiteten Typus des Hypochonders angehört. Der Münchener Biochemiker und zeitweilige Arbeitskollege Schnitgers Martin Klingenberg berichtet**, als Zweiter-Weltkriegs-Soldat an Tuberkulose erkrankt, habe sich der Sohn eines Erfinders aus der westfälischen Stadt Lemgo (bei Bielefeld) nicht um ihrer selbst willen zum Studium der Medizin entschlossen, vielmehr um seine Gesundheit überwachen und sich vor inkompetenten Ärzten schützen zu können. Der durchaus freundliche, wenn auch ungesellige Kollege habe dann auch sehr auf seine Lebensweise geachtet, Ernährung und optimales Raumklima eingeschlossen. Von Freunden oder gar Geliebten (immer GefahrenträgerInnen schon wegen der Keime und Viren!) ist auch bei Klingenberg nicht die Rede. Wenn man Schnitgers ungesundes Ende vor diesem Hintergrund bedenkt, könnte man möglicherweise schmunzeln – aber die Einzelheiten fehlen wieder einmal. Niemand nennt den Ort und schildert die näheren Umstände jenes angeblichen Badeunfalls.

Der zukünftige Kino- und Fernsehstar Eric Fleming (1925–66), aufgewachsen als getretener Junge in Kalifornien und (durchgebrannt) als Nachwuchsgangster in Chicago oder New York City, war zunächst Marinesoldat geworden. Als solcher hatte er in Seattle, Washington, angeblich im Rahmen einer Mutprobe***, vielleicht auch Wette, einen ersten Arbeitsunfall, wenn man so will. Er stemmte irgendein 100 Kilogramm schweres Stück Stahl, das dummerweise auf sein Gesicht fiel und ihm ebendort empfindliche Verletzungen beibrachte. Das spornte Fleming jedoch, der ohnehin schon Erfahrungen als Platz- oder Studioarbeiter in Hollywood besaß, erst recht dazu an, nach Kriegsende eine Laufbahn als Schauspieler einzuschlagen. Er war dann vor allem in Westernfilmen zu sehen – vielleicht seiner Mimik geschuldet, die freilich gar nicht so grimmig gewirkt haben soll: er hatte sich mehreren Gesichtsoperationen unterzogen. Die Frauen und Kinder flogen auf den hochgewachsenen und athletisch gebauten Mann. Seinen zweiten und letzten Arbeitsunfall hatte er Ende September 1966 mit 41 Jahren in Peru, wo MGM den Pilotfilm einer neuen TV-Abenteuerserie drehte. In diesem Rahmen mit Co-Star Nico Minardos in einem Kanu auf dem Huallaga River unterwegs, kenterte das Boot an einer Stelle mit Stromschnellen. Während sich der US-Grieche schwimmend retten konnte, wurde Fleming von reißendem Wasser überwältigt und fortgespült. Seine Leiche fand sich erst nach drei oder vier Tagen.

Da es aufgrund der Dreharbeiten sicherlich etliche Zeugen gab, dürften die üblichen Mordgerüchte nicht mehr als Dunst oder Spritzwasser sein. Bliebe noch Selbstmord? Tatsächlich behauptet die englischsprachige Wikipedia, es habe ein Testament des vorausschauenden Filmhelden gegeben (keinen Cent für den Vater, verständlicherweise). Im Übrigen sei Fleming entschlossen gewesen, nach High Jungle sein restauriertes Filmgesicht an den Nagel zu hängen, seine langjährige Geliebte Lynne Garber endlich zu heiraten und Lehrer zu werden. Dieser Kelch ging an den fernsehsüchtigen SchülerInnen immerhin vorbei.

Der volksfreundlich gestimmte, also „regimefeindliche“ persisch-aserbaidschanische Dorfschullehrer, Übersetzer und Schriftsteller Samad Behrangi (1939–67) genießt noch heute hier und dort „Kultstatus“. Er veröffentlichte notgedrungen nicht in Azeri (-Türkisch), sondern auf Persisch. Jenen hohen Ruf verdankt er zum einen der Vorliebe, seine Aufklärung, vielleicht auch Agitprop aus der Kinderbuchperspektive zu geben, etwa in seinem bekannten Märchen Der kleine schwarze Fisch; daneben verfaßte er allerdings auch etliche kritische Aufsätze. Zum anderen verdankt er ihn verschiedenen Erzählungen über seinen frühen Tod, die so manche BeobachterInnen ebenfalls durchweg für Märchen halten.

Kurz gesagt, hatte der 28jährige Ende August 1967 einen tödlichen „Badeunfall“ im Aras, einem Grenzfluß nördlich von Täbris, der Hauptstadt des iranischen Aserbaidschan. In einer ausführlichen Arbeit über den Schriftsteller spricht auch die in Großbritannien lehrende Literaturwissenschaftlerin Nafisa Abd El-Sadek**** von „sehr verdächtigen“ Umständen – ohne sie freilich auch nur ansatzweise zu schildern. Die offizielle (Teheraner) Version habe gelautet: Ertrunken im Grenzfluß, entweder in selbstmörderischer Absicht oder auf der Flucht ins sowjetische Aserbaidschan; die oppositionelle: Opfer des SAVAK, des berüchtigten Geheimdienstes des Schahregimes also. Näheres scheint der kalifornische Politologe Abbas Milani***** zu bieten, geboren 1949 just in Teheran. Habe ich ihn richtig verstanden, war Behrangi an jenem verhängnisvollen Augusttag gemeinsam mit einem Freund namens Hamzeh Farahati gewohnheitsmäßig zur Badestelle gefahren oder gegangen, die in einer Flußbiegung unweit eines Grenzpostens lag. Während sich Farahati als guter Schwimmer schon in tieferem Wasser befand, habe Nichtschwimmer Behrangi plötzlich um Hilfe gerufen. Doch als Farahati herbeikraulte, war der von Strömung erfaßte Schriftsteller schon fortgetrieben worden, behauptet Milani. Man habe Behrangis Leiche drei Tage später fünf Kilometer flußabwärts gefunden. Die anderslautenden Darstellungen, ob „heroischer“ oder nur „mysteriöser“ Natur, gehen für Milani auf Behrangis Bruder Jalal zurück, der ja offenbar gar nicht anwesend war. Das dürfte freilich auch für Milani gelten, und noch mehr für mich. Jalal soll übrigens eine Nebenform von Djalal sein: „der Ruhmreiche“.

* Marburger UniJournal April 2005
** EMBO Reports, Nummer 6(9), September 2005, S. 797–800
*** St. Petersburg Times 1. Oktober 1966
**** University of Edinburgh 2001
***** Eminent Persians, Band 1, Syracuse (New York) 2008,
S. 842



Schobert, Johann (um 1730–65), Cembalist und Komponist am Hofe Ludwig XV. in Paris. Die Altersangaben schwanken erheblich. Ob und wie stark er den jungen Mozart beeinflußte, ist ebenfalls umstritten. Fürs Empfinden des Brockhaus (Band 19 von 1992) schuf Schobert jedenfalls „eine Reihe von stilgeschichtlich bedeutsamen Werken“ – und erlag im besten Mannesalter einem ähnlich witzigen Tod, wie ich ihn früher schon vom Pariser Dirigenten >Lully zu berichten wußte. Sowohl in dieser Angabe über die Todesursache wie in der Entschlossenheit, dafür keine Quelle zu nennen, stimmen Brockhaus und verschiedene Internet-Nachschlagewerke überein. Da muß erst miguel54* kommen, der einen Brief vom 15. September 1767 aus der bekannten Correspondance littéraire des Fréderic Melchior Grimm angibt und die besagte Stelle auch gleich zitiert:

„Der Tag des Hl. Ludwig war dieses Jahr durch ein äußerst betrübliches Ereignis gekennzeichnet. M. Schobert, unter den Musikliebhabern als einer der besten Cembalisten von Paris bekannt, unternahm mit seiner Frau, einem seiner Kinder im Alter von vier oder fünf Jahren, und einigen Freunden, darunter auch ein Arzt, einen Ausflug. Es waren sieben an der Zahl, die im Wald von St. Germain-en-Laye spazieren gingen. Schobert liebte Pilze über alle Maßen; er sammelte also tagsüber, während der Wanderung, einige im Wald. Gegen Abend erreichte die Gesellschaft Marly; man betrat ein Wirtshaus und bat um die Zubereitung der mitgebrachten Pilze. Der Koch des Wirtshauses prüfte die Pilze, erklärte, daß sie von der schlechten Sorte seien und weigerte sich, sie zu kochen. Über diese Weigerung verärgert, verließen sie das Wirtshaus und suchten ein anderes im Bois de Boulogne auf, wo ihnen der Wirt dasselbe sagte und ebenso die Zubereitung der Pilze verweigerte. Ein grausamer Eigensinn, hervorgerufen von den ständigen Versicherungen des Arztes, der bei der Gesellschaft war, daß die Pilze gut seien, ließ sie abermals das Wirtshaus verlassen, um sie ihrem Verderben zuzuführen. Sie begaben sich alle nach Paris, in Schoberts Wohnung, wo dieser ihnen ein Abendessen mit den Pilzen vorsetzte. Und alle, sieben an der Zahl, einschließlich der Bediensteten von Schobert, die das Essen zubereitet hatte, und des Arztes, der angeblich so gut Bescheid wußte, starben an Pilzvergiftung.“ Woher nun Grimm wiederum seine genauen Kenntnisse von dem Ereignis bezogen hatte, weiß womöglich keiner.

Die wenigen, durchweg dürftigen Quellen über den Wiener Porzellanmaler in kaiserlichen Diensten Johann Daffinger (1748–96) versichern, er habe „im Schatten“ seines Sohnes Moritz gestanden, eines gefragten Porträtisten. Warum auch er, mit 48 Jahren, giftige Pilze zu sich nahm, sagen sie nicht.

* im Tamino Klassikforum am 9. Oktober 2007


Scholz, Helmut (1924–67), Politiker >Dudow, Slatan


Schopf, Eduard (1893–1935), Kaffeeröster >Nie er


Schreib, Werner (1925–69), Künstler >Schmitz, Carl August


Schridde, Hermann (1937–85), Springreiter >Deaver, Sally


Schwarzenbach, Annemarie (1908–42), Schriftstellerin >Reventlow, Fanny


Schwarzenberg, Adam Franz Fürst zu (1680–1732), kaiserlich-habsburgischer „Oberststallmeister“. 1723 wurde der wackere Gefolgsmann von seinem Kaiser Karl VI. außerdem zum Herzog erhoben, knapp 10 Jahre später allerdings leider auch erschossen. Zentrum seines Fürstentums war das südböhmische Städtchen Krumau/Krumlov, das ein über der Moldau gelegenes wuchtiges Schloß zu bieten hatte. Der angebliche Jagdunfall trug sich dagegen nordöstlich von Prag beim Städtchen Brandeis an der Elbe zu. Dort soll Schwarzenberg, außer Kunstliebhaber auch leidenschaftlicher Weidmann, dem Kaiser am 10. Juni 1732 versehentlich in die Schußlinie geraten sein, als dieser gerade auf einen aufgesprungenen kapitalen Hirsch anlegte. Die Kugel fuhr dem 51jährigen in Hüfte und Eingeweide. Constantin von Wurzbach versichert* 150 Jahre später, der sogenannte „römisch-deutsche Kaiser“ Karl, meist in Wien residierend, sei „vor Schmerz außer sich“ gewesen. „Als der Fürst die verzweiflungsvollen Ausrufe des Kaisers hörte, rief er im Sterben, um der unfreiwilligen That des Monarchen den Stachel von Selbstvorwürfen zu nehmen, mit gottergebener Ruhe: 'Stets sei es seine Schuldigkeit gewesen, für den Kaiser sein Leben hinzugeben'. Das ist ein Ausspruch, eines Fürsten würdig.“ Der Fürst verschied drei Stunden nach Mitternacht im Zimmer des Wirtschaftsverwalters von Schloß Brandeis, wohin man ihn geschafft hatte.

Zwar betont auch eine durchaus gründlich wirkende Betrachtung** von Neustädter Kulturfreunden (aus der Oberpfalz), der Fürst habe sich, diversen Zeugenberichten zufolge, darum bemüht, dem Kaiser das schlechte Gewissen zu nehmen, doch der von Wurzbach gebotene Ausspruch kommt bei ihnen nicht vor. Sie erwähnen sogar verständliche, weil naheliegende Gerüchte, der Fehlschuß sei keineswegs ein bedauerliches Versehen gewesen, hüten sich freilich, sie auszubreiten. Eine (kaiserliche) „Sonderkommission“ habe erwartungsgemäß auf „unglücklichen Zufall“ erkannt. Danach hatten sich der Fürst und der Kaiser unwissentlich auf ungefähr 80 Schritte einander gegenüber in den Gebüschen aufgestellt, ehe die Treiber den Hirsch auf die Wiese hetzten. Da habe ein Unfall natürlich in der Luft gelegen, sagen die Kulturfreunde und fügen hinzu, man möchte sich gar nicht ausmalen, was losgewesen wäre, wenn umgekehrt der Fürst „versehentlich“ den Kaiser erschossen hätte. Auf die Mordgerüchte gehen sie lediglich in einer kurzen Fußnote ein: „Angeblich hatte die Gattin des Fürsten, eine geborene Lobkowitz, ein Verhältnis mit dem Kaiser. So könnte es ihr nicht gerade ungelegen gekommen sein, dass ihr Mann 'zufällig' bei einem Jagdunfall ums Leben kam.“ Dafür gebe es aber keine Belege.

Vom slowakischen Lehrersohn Ľudovít Štúr (1815–56) ist zu lesen, er sei sowohl ein patriotisch wie ein „panslawisch“ gestimmter Pädagoge, Schriftsteller und Politiker gewesen. Sein Land war damals ungarisch beherrscht. Man schreibt ihm vor allem große Verdienste um die Festlegung, Verteidigung und Pflege der slowakischen Sprache zu. Am 22. Dezember 1855 verletzte er sich angeblich aus eigenem Versehen auf der Jagd in der Nähe von Modra (bei Preßburg/Bratislava), wo er neuerdings, unter Polizeiaufsicht, im Hause seines 1851 verstorbenen Bruders Karol lebte, um die Witwe beim Durchbringen von sieben Kindern zu unterstützen. Er selber soll lediglich eine „platonische“ Beziehung zu einer gebildeten Wienerin namens Adela Ostrolúcka unterhalten haben. Auch diese starb noch vor ihm, nämlich 1853 mit 28 Jahren an Typhus. Als Štúrs engster Freund wird der Lehrer und Literaturkritiker Ján Kalinčiak genannt. Bei dem Unfall ging laut slowakischer Wikipedia seine Flinte los, als der gelehrte Freiheitskämpfer einen Bach zu überspringen versuchte. Die Kugel fuhr ihm in den Oberschenkel. Offenbar gab es großen Blutverlust und Wundbrand oder ähnliches – drei Wochen später war der 40jährige tot. Auf Gerüchte über Selbstmord oder Mord sei nichts zu geben, stellt der Artikel fest. Nach Štúr ist eine ganze slowakische Stadt benannt, Štúrovo an der Donau. 2015 brachte die „demokratisierte“ Slowakei außerdem eine 2-Euro-Gedenkmünze zu seinen Ehren heraus. Man möchte fast unken, eine vergleichbare Tat wäre es, wenn Mexiko eine 2-US-Dollar-Gedenkmünze mit dem Porträt des Partisanenführers Emiliano Zapata schüfe, aber womöglich ist es nur die konsequente Vollendung oder Transformation des Štúr'schen Panslawismus.

* Biographische Lexikon des Kaiserthums Oesterreich, Band 33, 1877, S. 1
** Webseite der Kulturfreunde Lobkowitz Neustadt a.d. Waldnaab, Stand April 2015



Sebastian, Mihail (1907–45), rumänischer Schriftsteller. Einen 1939 noch kurz vor Toresschluß veröffentlichten Roman nannte er Der Unfall. Es war vergleichsweise harmlos: Lehrerin Nora stolpert beim Verlassen der Bukarester Straßenbahn und schlägt sich auf dem Pflaster das Knie blutig. Ein gewisser Paul hilft ihr auf, und damit wäre die Liebesgeschichte und die wundersame Errettung dieses mürrischen Kerls in Gang gekommen. Sebastian selber, eigentlich Iosif Hechter mit Namen und eher unpolitisch als aufsässig gestimmt, überlebt sowohl die Judenverfolgung wie den Bombenterror des Krieges – um Ende Mai 1945 auf dem Weg zu seiner Antrittsvorlesung (über Balzac) unter einen Lastwagen zu geraten. Der 37jährige war soeben Literaturprofessor geworden. Gerüchte, es habe sich in Wahrheit nicht um einen Unfall, vielmehr um eine Bestrafung dafür gehandelt, daß sich Sebastian einer Zusammenarbeit mit den Kommunisten verweigerte, „bestätigten sich bisher nicht“. So jedenfalls Herausgeber Edward Kanterian 2005 in seinem Vorwort zur deutschen Ausgabe von Sebastians Jurnal, 1935–1944, das erst 1996 in Bukarest erschienen war. Ich habe dieses dickleibige und langatmige „Tagebuch“ bereits 2014 andernorts kritisch besprochen, um nicht zu sagen: verrissen.

Am 14. November 1946 aus England kommend, nahm ein KLM-Linienflugzeug Marke Douglas C-47 bei schlechtem Wetter vergebliche Anläufe, in Amsterdam zu landen. Beim dritten Versuch streifte es in Schräglage den Boden und ging in Flammen auf. Alle 26 Menschen an Bord kamen um. Zu ihnen zählte der 48 Jahre alte niederländische Schriftsteller Herman de Man (1898–1946), der sich nach Kriegsende außerstande gesehen hatte, wieder zu schreiben. Stattdessen übernahm er die Geschäftsführung eines Autohauses in Eindhoven. Dem Fortschritt blieb der Sohn des jüdischen Kaufmanns Herman Salomon Hamburger also treu. Sein Flug hatte geschäftlichen Zwecken gegolten. Laut Pim de Bie* hatte De Man in seiner Jugend, nach eher freudloser Kindheit, sozialistischen oder anarchistischen Ideen angehangen. Zwei Jahre saß er wegen Kriegsdienstverweigerung im Gefängnis. Er verlegte sich zunehmend aufs Schreiben, zunächst als Journalist. Seinen „Durchbruch“ als den „kleinen Leuten“ der Polderlandschaft zugewandter Erzähler hatte er 1925 mit dem Roman Het wassende water (Die steigende Flut), der bei Utrecht spielt, in der Lopikerwaard. Dieses Werk sollte ab 1986 in Gestalt einer Fernsehserie sogar ein Millionenpublikum finden. De Man wurde katholisch, rauchte Pfeife und fuhr Motorrad – dies alles überlebte er. Die Zeit des Faschismus und Weltkrieges verbrachte er überwiegend im Exil, zuletzt in London und auf der (niederländisch beherrschten) Karibikinsel Curaçao. Damals traf ihn der härteste Schlag: Seine Frau Eva wurde mitsamt vier gemeinsamen Kindern im Sommer 1942 in Auschwitz ermordet. Warum sie zurückgeblieben waren, weiß ich allerdings nicht. Ferner kam ein 17jähriger Sohn auf der Flucht vor Zwangsarbeit in Frankreich um, von einem SS-Posten erschossen. Von insgesamt acht Kindern überlebten nur drei. Und deren Erzeuger eben auch nicht.

* Stiftung Dodenakkers 19. Juli 2009


See, Elliot McKay (1927–66), Astronaut >Freeman, Theodore


Seele, Sarah († 2010), Matrosin >Böken, Jenny


Seiber, Mátyás (1905–60), jüdischer ungarisch-britischer Cellist und Komponist. Der Schüler von Adolf Schiffer und Zoltán Kodály in Budapest hatte sich um 1925 dem Jazz zugewandt. 1928 eröffnete er am Hoch'schen Konservatorium in Frankfurt/Main eine Jazzklasse, die weltweit die erste ihrer Art gewesen sein soll. Das war 1933 „natürlich“ vorbei. Immerhin sollte ihm 1955 die Darmstädter Entschädigungsbehörde die Höchstsumme von 40.000 DM gewähren. Seiber emigrierte nach Großbritannien, wo er ab 1942 Komposition am Londoner Morley College unterrichtete. 1946 heiratete er die Balettänzerin Lilla Bauer, mit der er eine Tochter hatte, Julia. Lilla Seiber wurde 99 Jahre alt, gestorben 2011. In seinem ausgedehnten Schaffen war Seiber, neben dem Jazz, an Bartok und Schönberg orientiert. Als Lehrer genoß er viel Verehrung. 1960 lud ihn die Kapstädter Universität zu Vorträgen ein. Bei diesem Aufenthalt in Südafrika unternahm der 55jährige laut Florian Scheding* einen Ausflug zum Krüger National Park, der ihn, am 24. September, das Leben kostete: Autounfall. Nähere Angaben sind nirgends zu finden.

Der Autounfall des US-Physikers und -Astronomen Carl Keenan Seyfert (1911–60) ereignete sich in Nashville, Tennessee, wo er das Observatorium der dortigen Universität leitete. 10 Jahre später wurde er mit dem Mondkrater Seyfert belohnt, obwohl man Christen maulen hörte, der verunglückte Sohn eines Apothekers und Vater zweier Kinder hätte sich doch sowieso schon, mit unbegrenztem Zugriff, dort oben befunden. Robert Hardie** erwähnt in seinem gleichsam offiziellen Nachruf sogar die Namen der beiden Kinder – während er zum Ableben ihres 49jährigen Vaters noch nicht einmal das Wort Autounfall über die Lippen bekommt. Tabu. In anderen Quellen sieht es kaum besser aus – nicht die geringsten Einzelheiten.

* Universität Hamburg, 2007/2013
** Quarterly Journal of the Royal Astronomical Society, Vol. 2 (1961), S. 123/24



Seiwert, Franz Wilhelm (1894–1933), linker Kölner Bildender Künstler. Sein Tod mit 39 Jahren geht auf ein frühes Unglück zurück, das den Bauernsohn aus dem rheinischen Siebengebirge mit sieben Jahren traf. Damals wurde er Opfer einer unsachgemäßen, wenn nicht sogar grob fahrlässigen Röntgenbestrahlung, die ihm schwere Verbrennungen am Kopf eintrug. Im Sommer 1933 erlag er den Folgen. Immerhin blieb ihm dadurch die Verfolgung als „entarteter“ und linksradikaler Künstler erspart, hatte er sich doch im Laufe des Ersten Weltkrieges, zu dem er aufgrund jener Schädelwunde nicht eingezogen worden war, dem „Expressionismus“, um 1920 dann dem „Konstruktivismus“ und zugleich dem Kommunismus oder Anarchismus verschrieben. Er war, bevor dieser untertauchte, mit Ret Marut befreundet, der im Allgemeinen hinter dem bekannten (amerikanischen) Schriftsteller-Pseudonym B. Traven vermutet wird. Seiwert lieferte unter anderem sowohl Grafiken wie Texte für die Berliner Zeitschrift Aktion. Ende der 20er Jahre wurde er durch einige Ausstellungen und Ankäufe durch Museen sogar im Ausland bekannt. Seine „gebauten“ Gemälde erinnern an zumeist bunte Glasfenster oder Holzschnitte. Und obwohl die dargestellten Arbeiter, Bürger, Polizisten als einfache, auch flache Automaten erscheinen, wirken diese Gemälde keineswegs Grusel erregend, eher belustigend oder jedenfalls gefällig. Seiwert starb nach neuerlichen, vergeblichen Heilversuchen im Kölner Israelitischen Krankenhaus. Ein postmodernes Auktionshaus wäre ihm vermutlich lieber gewesen. Lempertz in Köln hat unlängst einige noch verfügbare Seiwert-Gemälde für Preise zwischen rund 30.000 und 330.000 Euro losgeschlagen, pro Stück.


Semmelweis, Ignaz (1818–65), Gynäkologe >Kolletschka, Jakob


Serow, Oleg K. (1963–86), Skispringer >Ausserleitner, Paul


Seyfert, Carl Keenan (1911–60), Astronom >Seiber, Mátyás


Shelley, Harriet (1795–1816) und Shelley, Percy Bysshe (1792–1822). Wie so vielen frühen Geliebten später berühmter Männer haben ihr die Nachschlagewerke ein Schattendasein auferlegt. Harriet, die Tochter des wohlhabenden Londoner Kaffeehausbesitzers Westbrook, war gerade einmal 16 Jahre alt gewesen, als sie, 1811, mit dem 19jährigen Bruder ihrer Freundin Hellen Shelley nach Schottland durchbrannte, um ihn dort zu heiraten. Der junge Mann war soeben aufgrund einer „gottlosen“ Streitschrift von der Oxforder Universität geflogen. Im März 1814 wird die ausländische Heirat auch in einer Londoner Kirche bestätigt, sodaß die gemeinsame Tochter Ianthe als ehelich gelten kann. Noch im selben Jahr wird auch Sohn Charles zur Welt kommen. Die hübsche und gebildete junge Mutter hat Percy Bysshe Shelleys literarische und rebellische Bestrebungen durchaus geteilt, doch dessen leidenschaftliche Verehrung kühlt rasch ab, zumal das Paar, auf Harriets Wunsch, mit deren erheblich älteren Schwester Eliza zusammen wohnt, auf die Shelley gar nicht gut zu sprechen ist. Er meidet die eheliche Wohnung zusehends und verreist außerdem oft.

An Geld scheint es dem Sohn des Baronets Sir Timothy Shelley trotz dessen Verärgerung über die Eskapaden seines Sprößlings nicht zu mangeln. Witzigerweise soll er Harriet inzwischen verdächtigen, sie habe ihn nur seines Geldes wegen geheiratet – wegen dem Geld seines Erzeugers also. Das trägt er nun, wenn vielleicht auch unabsichtlich, seinem neuen Mentor William Godwin zu, der ständig knapp bei Kasse ist. Dieser atheistisch und anarchistisch gestimmte Philosoph hat nämlich mit der Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft eine Tochter gezeugt, die gleichfalls Mary heißt. Die Mutter stirbt 1797 mit 38 Jahren im Kindbett. In ihre Tochter Mary (oder deren attraktive Herkunft) verliebt sich Shelley heftig genug, um sie noch im Juli des Jahres 1814 gen Süden zu „entführen“, zunächst an den Genfer See. Dort treffen sie sich mit Lord Byron. Auch Mary ist, wie ihre Vorgängerin Harriet, mit 16 noch ein Kind, gleichwohl wird sie bald schwanger. Nach sechs Wochen sind die AusreißerInnen wieder in London. Wie sich versteht, erregt das unverheiratete Paar Anstoß. Auch Vater Godwin, der „Anarchist“, spielt den Entrüsteten und verlangt zudem Geld von Shelley, damit ein Skandal vermieden werden könne. Das Liebespaar läßt sich außerhalb der Hauptstadt nieder.

Was ist nun mit Harriet? In finanzieller Hinsicht ist sie durch Zahlungen sowohl ihrer Eltern wie ihres Gatten keineswegs schlecht daran. Sie gibt ihre (und Shelleys) Kinder in Elizas Obhut und nimmt sich, nach Unterschlupf im Elternhaus, im Spätsommer unter dem Namen Harriet Smith eine eigene Wohnung. Obwohl sie in dem 36jährigen Leutnant Christopher Maxwell einen neuen Geliebten findet, von dem sie wahrscheinlich auch ein Kind erwartet, ist sie offensichtlich trotzdem nicht glücklich. Eine Vermutung geht dahin, sie habe, weil ihre Vermieterin ihr dessen Briefe nicht aushändigte, irrtümlich geglaubt, nun habe sie auch der abkommandierte Maxwell sitzen gelassen. Andere Biografen verweisen auf Harriets (angeblichen) Abschiedsbrief an Eliza und Shelley, in dem sie sich als Quelle ständigen Ungemachs für ihre Mitmenschen bezeichnet, die Liebe zu Shelley beschwört, dessen Verschwinden beklagt – in dem sie ihm freilich auch ausdrücklich verzeihe und Glück wünsche. Jedenfalls wird Harriets schon arg verquollene Leiche am 10. Dezember 1816 aus dem See Serpentine im Londoner Hyde Park gezogen, wie die Times zwei Tage später meldet. Offenbar geht jeder, und dies noch heute, von einem Selbstmord aus. Harriet starb mit 21.

Falls Shelley und „die Neue“, die ebenfalls schon wieder schwanger ist, Gewissensbisse haben, werden sie davon nicht lahmgelegt: Schon am 30. Dezember 1816, nur knapp drei Wochen nach der Bergung jener Wasserleiche, heiraten sie. Angeblich liegt der Grund für die pietätlose Eile in der Sorge um Shelleys Ansprüche auf seine beiden, bei Eliza „geparkten“ Kinder. Aber auch Vater Godwin, der nun wieder mit seiner Tochter Mary redet, dürfte gedrängelt haben. Ab 1818 leben die Shelleys in Italien. Man trifft sich öfter mit Byron, später auch John Keats. Der stirbt in Shelleys römischer Wohnung 1821 mit 25 Jahren den „typisch romantischen Tod“: Tuberkulose, auch Schwindsucht genannt. Keats Leiche ist kaum erkaltet, da wird Shelley sowie seinen englischen Bekannten Edward Ellerker Williams (29) und Charles Vivian (18) im Juli 1822 eine gemeinsame Segeltour im Golf von La Spezia zum Verhängnis. Sturm kommt auf, Shelleys zu schmal besetzte Jacht Don Juan kentert oder leckt, je nach Quelle, und alle drei ertrinken. Von Shelley weiß man, er konnte nicht schwimmen. Er war zu diesem Zeitpunkt 29. Die von Byron getaufte Jacht hatte er allerdings in Ariel umbenannt – vielleicht, weil er schon wieder die eine oder andere Liebschaft (mit Kinderzeugung) hinter sich hatte, wie gemunkelt wird. Mary Shelley dagegen wird, als eine emsige Herausgeberin der Werke ihres Mannes und als bis heute umstrittene Schriftstellerin, „erst“ mit 53 sterben, vermutlich an einem Gehirntumor.

Um die Angelegenheit nicht ganz so unübersichtlich zu gestalten, wie offenbar Shelleys Liebesleben war, habe ich oben Marys Halbschwester Fanny Imlay unterschlagen. Sie war bereits einige Wochen vor Harriet gestorben – gleichfalls (wenn es stimmt) durch Selbstmord. Nachdem die 22jährige Anfang Oktober 1816 das Londoner Haus der Godwins verlassen hatte, brachte sie sich am 9. Oktober in einem Gasthaus in Swansea, Südwales, mit Hilfe einer Überdosis Laudanum um. Die Beweggründe für ihren Selbstmord sind genauso umstritten wie die Frage, ob sie „etwas mit Shelley gehabt“ habe. Auch wenn nicht – oder gerade dann – wäre eine Verzweiflung darüber denkbar, daß er sich eben ihrer Halbschwester zugewandt hatte.

Wie noch erwähnenswert sein könnte, wird Shelleys Ende nur in den üblichen gemäßigten Versionen der Tragödie als „Schiffsunglück“ oder „Segelunfall“ ausgegeben, so im Brockhaus, Band 20 von 1993. In Wahrheit konnte auch dieser Todesfall nie wirklich aufgeklärt werden. Gründe (oder Mordmotive), die den angeblichen Unfall eher nach Verbrechen riechen lassen, deutet etwa die englischsprachige Wikipedia an. Jedenfalls müssen sie weder in Shelleys Fall noch in dem Fall seiner ersten Ehefrau Harriet an den Haaren herbeigezogen werden. Nur führte das hier zu weit. Dafür noch ein Hinweis: man freut sich zu hören, schon Mark Twain, gestorben 1910, habe einen „brillianten“ Essay mit dem Titel In Defense of Harriet Shelley verfaßt – aber war dieser „Satiriker“ nicht doch ein arger Spießer?


Shim, Serena (1985–2014), US-Journalistin libanesischer Abstammung, zuletzt Kriegsberichterstatterin für den iranischen Auslandssender Press TV. Im Herbst ihres Todesjahrs hielt sich Shim für Reportagen nahe der syrischen Grenze in der Südtürkei auf. Am 17. Oktober teilte sie ihrem Fernsehsender mit, der türkische Geheimdienst beschuldige sie der Spionage. In der Tat hatte Shim unter anderem berichtet, in dieser Gegend würden IS-Kämpfer in Lastwagen mit NGO-Symbolen über die türkische Grenze nach Syrien geschmuggelt – sicherlich eine für die Türkei unangenehme Enthüllung. Am 19. Oktober gemeinsam mit ihrer Kamerafrau Judy I. auf der Heimfahrt ins Hotel, stieß Shims Leihwagen in Suruç mit einem Betonmischer-Fahrzeug zusammen. Die 29jährige Reporterin starb noch am selben Tag; I., die am Steuer saß, wurde verletzt. Der Lkw-Fahrer sei verhaftet worden, hieß es zunächst im Istanbuler Blatt Hürriyet Daily News. Später meldete dasselbe Blatt, der Mann, Şükrü Salan mit Namen, sei vom Polizeibericht entlastet worden. I. sei zu schnell gefahren und habe vorschriftswidrig die Spur gewechselt.* Wie sich versteht, wiesen türkische Behörden iranische Vorwürfe eines Mordanschlages entrüstet zurück. Es sind auch die Vorwürfe von Shims Schwester Fatmeh aus Michigan, USA, wie ich der größten Tageszeitung Detroits entnehme.** Shim, durchweg als selbstbewußt und tonangebend beschrieben, war im Raum Detroit aufgewachsen. Sie studierte in Beirut und wurde, als Berichterstatterin, der „Breadwinner“ ihrer eigenen Familie. Ihr Ehemann Ibrahim blieb zu Hause, zuletzt offenbar in Detroit, und betreute die beiden gemeinsamen Kinder, Ali (4) und Ajmal (2). Somit seien die Kleinen an die Abwesenheit ihrer Mutter bereits gewöhnt gewesen, könnten ZynikerInnen sagen.

Am 25. Dezember 2014 berichtete das Portal TodaysZaman.com, für den Lkw-Fahrer habe ein (türkischer) Staatsanwalt sechs Jahre Gefängnis gefordert. Dagegen ist im Internet merkwürdigerweise rein gar nichts vom Schicksal der Kamerafrau und Augenzeugin Judy I. zu erfahren, die angeblich mit „nicht lebensbedrohlichen“ Verletzungen davonkam. Aber vielleicht ist das auch besser so. Die Frau lebt schon ohnedem gefährlich genug. Falls sie noch lebt.

* 20. und 24. Oktober 2014
** Detroit Free Press 30. Oktober 2014



Shue, Larry (1946–85), Schriftsteller >Plessis, Koos du


Sierck, Klaus Detlef (1925–44), Schauspieler >Eugens, Arthur Fritz


Sirkesalo, Aki (1962–2004), U-Musiker >Marchi, Otto


Šitović, Lovro (1682–1729), kroatischer Franziskaner-Mönch, Theologe und Schriftsteller. Über ihn werden abenteuerliche Jugendgeschichten erzählt, die seinen Übertritt vom Islam zum Katholizismus in umso flammenderem Lichte erscheinen lassen. Dafür kargen die ohnehin mageren Quellen mit Angaben über sein verfrühtes Ableben mit ungefähr 46: in der Adriaküstenstadt Šibenik soll ihn der Schlag oder der Ruf seines Herren ausgerechnet beim Predigen getroffen haben. Zu seinen herausragenden Werken zählen die Experten ein 1727 verfaßtes Lied von der Hölle, Pisna od pakla, in dem er gegen den verderbten Schatz der einheimischen Volkslieder wettert.*

Den Sohn einer englischen Schauspielerin Edmund Kean (1787–1833) ereilt als Halbwüchsiger bei einem Zirkus ein Sturz vom Pferd, bei dem er sich beide Beine bricht. Wer weiß, ob das sein Wachstum hemmte: er blieb zeitlebens klein. Dafür werden ihm überall bannkräftige Augen bescheinigt. So kann er Erfolge sowohl als Herrscher wie als Schurke feiern; voran natürlich in Shakespeare-Stücken. Seinen „Durchbruch“ hatte er 1814 am berühmten Londoner Drury Lane-Theater. Kean zog alle Register „romantischer“ Schauspielkunst. Er absolvierte etliche Auslandsgastspiele, darunter in den USA. Vielbewundert und hochbezahlt, verließ ihn freilich allmählich die Spannkraft, was er unklugerweise mit zunehmendem Alkoholkonsum zu beheben suchte. Überdies brachte ihm eine Affäre mit einer verheirateten Dame eine schlechte Presse und eine Klage des betroffenen Gatten Mr. Cox ein, der sich mit so etwas auskannte, denn er war Lokalpolitiker. Keans eigene Gattin Mary (zwei Kinder) verließ ihn, und in der Drury Lane wurde der Schauspieler mit Obst beworfen. Seine letzten Auftritte hat er im Covent Garden als Othello in einer Inszenierung, an der auch sein Sohn Charles (in der Rolle des Iago) beteiligt ist. Hier bricht der 45jährige Ende März 1833 unversehens auf der Bühne zusammen, angeblich mitten im Dialog, sinkt dabei aber immerhin in die Arme seines Sprößlings. Vorerst ist der zerrüttete Star nur bewußtlos. Sieben Wochen später stirbt er in seinem Haus im nahen Richmond.

Beim berühmten Pariser Mimen, Theaterdirektor und Dramatiker Molière (1622–73), der weniger von Drogen, dafür von Tuberkulose und erbittertem Konkurrenzkampf angeschlagen war, ging es angeblich bedeutend schneller: Schwächeanfall auf der Bühne; wenige Stunden später Tod in seiner nahen Wohnung. Mit dem richtigen Gespür für Komik hatte der 51jährige bei der verhängnisvollen Vorstellung die Titelrolle seines jüngsten Werkes gespielt: Der eingebildete Kranke.

Auch der Dirigent und Komponist Josef Strauss (1827–70) war bereits mehr oder weniger angeschlagen, als er bei einer Konzertreise im Warschauer Ballhaus Schweizerthal bewußtlos vom Dirigentenpult fiel. Konstantin von Wurzbach behauptet (Band 39, 1879), der Komponistensprößling habe von kindauf an Rücken- und Kopfschmerzen gelitten. Straussens Witwe verweigerte später eine Autopsie seiner Leiche. Der 42jährige war nach Hause, also nach Wien geschafft worden, wo er wenige Wochen nach seinem Sturz verschied. Interessanterweise hatte Strauss, nach väterlichem Geheiß, ursprünglich Technik studiert, den Bau eines Wehrs geleitet, als Bauzeichner einer Maschinenfabrik gearbeitet und sogar eine Straßenkehrmaschine erfunden. Erst eine Vertretung seines erkrankten Bruders Johann, des bald darauf berühmten Wiener „Walzerkönigs“, ließ ihn in den Genuß der musikalischen Laufbahn kommen. Allerdings soll er kein überragender Dirigent und ein schlechter Organisator, dafür jedoch ein ausgezeichneter Komponist gewesen sein. Mit der erwähnten, von Pferden gezogenen Maschine, die als Novum eine walzenförmige Bürste aufwies, fand er bei den Wiener Stadtvätern noch kein Gehör. Man mußte erst noch im benachbarten Deutschland Hartz IV erfinden, damit die erwerbslosen ReinigungsarbeiterInnen nicht etwa auf die Idee kamen, das ganze System der Lohnarbeit und Warenproduktion in die Gosse zu fegen.

Ein Bub aus Bayern, Sigmund Neuberger, hatte seine künstlerische Laufbahn in den USA begonnen, dann aber, um 1900, als The Great Lafayette (1871–1911) von London aus fortgesetzt. Er zählte bald zu den bekanntesten und reichsten Zauberern dieses Planeten. Molière hätte sich bestimmt für ihn interessiert, galt der Magier doch als Menschenfeind. Lafayette vergötterte lediglich seine Pitbull- oder Terrier-Hündin, die ihm der Entfesselungsmeister Houdini persönlich geschenkt hatte. Lafayette taufte sie ungeachtet ihrer Schlappohren Beauty. Diese Hundedame bettete er sozusagen auf Rosen, während er ihr Halsband mit Diamanten besetzen ließ. Dafür machte sie gelegentlich auch bei den Shows ihres Gebieters mit. Dessen letzte Show verpaßte sie freilich um wenige Tage, weil sie am 5. Mai 1911 von einem Schlaganfall dahingerafft wurde. Der 40jährige Magier war untröstlich und hätte um ein Haar seine auf zwei Wochen anberaumte Show in Edinburgh, Schottland, abgebrochen. Das wäre in der Tat nicht schlecht gewesen, denn in diesem Fall wäre Lafayette vielleicht 80 statt nur 40 Jahre alt geworden.

Am 9. Mai verfolgten rund 3.000 Leute im Empire Theatre mit angehaltenem Atem Lafayettes Zugnummer mit dem Löwen, genannt „The Lion's Bride“. Da löste sich durch eine mir nicht bekannte Unachtsamkeit eine „orientalische“ Bühnenlampe aus ihrer Verankerung – und damit ein Unglück aus, bei dem das ganze Theatergebäude abbrannte und insgesamt 11 Menschen starben. Der prominenteste unter ihnen war Lafayette. Bei seinem Leichenzug sollen mindestens 250.000 Menschen die Straßen der schottischen Hauptstadt gesäumt haben. Hinter der Kutsche mit Lafayettes Sarg fuhr sein silbergrauer Mercedes, in dem, vom Fahrer einmal abgesehen, ein anderer, noch lebendiger Hund des verunglückten Wagenbesitzers thronte, Mable, angeblich ein Dalmatiner. Wahrscheinlich gafften auch die 3.000 aus dem Empire Theatre mit. Dank des schnellen Einsatzes des Brandschutzvorhangs stellten nämlich die MitarbeiterInnen der Bühnenshow den Löwenanteil der Todesopfer, wie man in diesem Fall getrost sagen darf. Außerdem hatte der Magier sämtliche Türen und Fenster, also auch die hinteren, verrammeln lassen, damit weder der Löwe oder ein anderes Tier entkommen noch ein Schwarzseher einsteigen könne. Tatsächlich behauptet ein altehrwürdiges schottisches Blatt**, unter den angekohlten Leichen im Bühnentrakt habe sich neben einem Pferd auch der Löwe befunden.

In der Fachliteratur wird versichert, Lafayette sei der erste Magier gewesen, der einen echten Löwen in seine Darbietung einzubauen wagte. Dieses Raubtier war bei der „Löwenbraut“-Nummer als erstes zu sehen. Es löwte in einem Käfig herum, brüllte zuweilen furchterregend und macht alle Welt zittern – auch die schöne Zwei- und Langbeinige, die schließlich zu ihm gesperrt wird. Prompt reckt sich das Biest und droht sich auf das Weib zu werfen. Da aber wird offensichtlich, daß der Unhold der Magier ist, der sein Kleid als türkischer Pascha inzwischen mit einem Löwenkostüm und seine Stelle mit dem eingesperrten Löwen vertauscht hat. Das war Lafayettes Glanznummer – gewesen.

* HerzegBosna 2009
** The Scotsman, 8. September 2005




Fortsetzung Siv–Sz
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