Montag, 18. April 2016
Lexikon der Unfallopfer R

Raasch, Manfred (1931–65), Bühnenkünstler >Dudow, Slatan


Radner, Maria (1981–2015), Opernsängerin >Gutzler, Piper


Ran, Avi (1963–87), viel gerühmter Fußballtorhüter beim israelischen Proficlub Maccabi Haifa aus der Küstenstadt am Mittelmeer. Im Juli 1987 unternimmt die Mannschaft einen Betriebsausflug zum See Genezareth. Ausgerechnet in diesem Rahmen wird der 23jährige Jungstar am Strand von Tiberias, das am Westufer des Sees liegt, beim Schwimmen von einem Schnellboot erfaßt und getötet. 2011 kam Ran auf eine israelische Briefmarke. Näheres geht vermutlich aus einem Gedenkartikel Sharon Bukovs hervor, der am 27. August 2013 im Blatt Haaretz erschien. Er kann wahlweise auf Hebräisch oder Englisch gelesen werden – falls man „subcribet“.

Der linke Bremer Musikjournalist Klaus Kuhnke (1944–88) soll sein Ende als 43jähriger im März 1988 vor der Kanarischen Insel La Palma in den Wogen des atlantischen Ozeans gefunden haben. Er war vor allem für Rundfunk- und Fernsehen tätig. 1975 hob er mit anderen das Archiv für Populäre Musik aus der Taufe, das heute als Institut der Bremer Kunsthochschule fungiert. Um nähere Auskunft gebeten, teilt mir das Archiv freundlicherweise mit, Kuhnkes Leiche sei nie gefunden worden, „nur die seiner Begleiterin. Laut spanischen Angaben ist es an dieser Stelle schon häufiger zu tödlichen Unfällen gekommen. Aufgrund von Strömungen werden die Betroffenen schnell auf das offene Meer getrieben. Kuhnke galt dann zunächst als 'seeverschollen'. Im Juli 1999 wurde er vom Amtsgericht Bremen offiziell für tot erklärt.“ Bezeichnenderweise wird jene „Begleiterin“ in den wenigen anderen Quellen gar nicht erst erwähnt – unwichtig. Ein mißtrauischer Mensch könnte womöglich einen Streitfall oder einen Doppelselbstmord argwöhnen, doch dazu, ob es nämlich entsprechende Anhaltspunkte gegeben habe, äußert sich das Archiv nicht. Ein geduldiger Bremer Journalist würde vielleicht in Zeitungsarchiven fündig, schließlich war Kuhnke nicht ganz unbekannt.

Als zumindest national erfolgreicher slowenischer Bogenschütze traf Bojan Postružnik (1952–89) naturgemäß öfter ins Schwarze; sein Ende scheint ebenfalls im dunklen zu liegen. 1976 war Postružnik, Zugpferd des Lokostrelski klub Maribor, sogar für Jugoslawien bei den „Olympischen Spielen“ in Montreal, Kanada, angetreten. Im April 1989 soll er in Kroatien beim Bootfahren über Bord gegangen sein; laut slowenischer Wikipedia fiel (oder sprang?) der 36jährige ins Meer, also in die Adria. Ein angeführter Gedenkartikel (aus 2012) ist nicht zu erreichen.

Der dänische Rockmusiker Ole Beich (1955–91) aus Esbjerg, Jütland, dürfte eher ein Fall für das geplante Lexikon der SelbstmörderInnen sein. 1985 hatte Beich, als Bassist, in Los Angeles die US-Hard-Rock-Band Guns N' Roses mitgegründet, in der er allerdings nur vorübergehend mitspielte. Offenbar verließ er die Gruppe wegen Unverträglichkeiten. Nach verschiedenen Schilderungen war der junge Däne besonders stimmungsanfällig und entsprechend unausgeglichen. Schon damals pfiff er sich, wie fast alle in der Szene, kräftig Drogen ein. Nach seinem Ausstieg kommt er rasch herunter. Versuche mit anderen Bands scheitern. Guns N' Roses feiern ohne ihn Riesenerfolge, doch 10 Jahre später wird auch diese Gruppe aus „Gewinnern“ im Streit- und Drogensumpf Schiffbruch erleiden. Beich erbettelt wiederholt Geld von zu Hause, schmeißt es jedoch, statt Nahrung oder Fahrkarten zu kaufen, sofort den Dealern in den Rachen. Ein erster Selbstmordversuch durch Schnitt ins Handgelenk mißlingt, macht freilich die Hand invalide – Gitarre ade. Im Sommer 1988 kehrt er endlich ziemlich zerrüttet in die Heimat zurück. Doch verschiedene Bemühungen um ihn seitens der Eltern und seines Bruders Anders, der in Kopenhagen Medizin studiert, schlagen fehl. Am 16. Oktober 1991 gegen Mitternacht wird die Kopenhagener Polizei von einem Bürger alarmiert: er habe einen nur mit Unterhose bekleideten Mann in den Sankt Jørgens See springen gesehen. Das war Beich, wie sich allerdings erst nach drei Wochen zeigte, nachdem man die Leiche endlich entdeckt und aus dem Wasser gefischt hatte. Nach dem Obduktionsbericht hatte der 36jährige Musiker beim Ertrinken kräftige Mengen von Heroin und Alkohol im Blut. Einen Monat vor dem (angeblichen) Sprung hatten Guns N' Roses die beiden Alben Use Your Illusion I und II herausgebracht. Gesamtverkauf: rund 35 Millionen Exemplare. Beichs Eltern vermuteten, ihr Sohn habe sich umgebracht.*

Der kaffebraune US-Jazzmusiker Art Porter junior (1961–96) aus Arkansas hatte als Jugendlicher zunächst Schlagzeug im Trio seines gleichnamigen Vaters gespielt, einem Pianisten, verlegte sich aber bald aufs Saxofon. Er studierte Musikerziehung, unter anderem in Chicago, Illinois. Ab 1992 hatte er eigene Plattenverträge und Gruppen und brachte mehrere Alben der gefälligen, etwas sahnigen Sorte „smooth“ heraus. Was seine Auftritte angeht, heben die Quellen seinen guten Draht zum Publikum hervor. Er hatte Humor; dafür konnte er nicht schwimmen, obwohl er keineswegs dick war. 1994 ließ er sich mit Gattin Barbie und zwei kleinen Söhnen, Arthur III und Arrington, in Murfreesboro, Tennessee, nieder. Zwei Jahre darauf empfingen die Drei die Unglücksbotschaft. Porter war mit einigen Kollegen nach Asien gereist, um unter anderem das Golden Jubilee Jazz Festival in Bangkok zu bereichern. Nach dem dortigen Auftritt hatten er und sein Gitarrist Alan Burrows Lust zu einer touristischen, je nach Quelle, Floß- oder Bootsfahrt auf dem westlich von Bangkok gelegenen Fluß Khwae, auch als Kwai bekannt. Es war ein Samstagabend, der 23. November 1996. Aus mir unbekannten Gründen schlug das nur mit fünf Personen besetzte Fahrzeug leck und ging unter. Neben dem 35jährigen Saxofonisten kamen der Bootsführer und ein Musiklehrer-Ehepaar aus Bangkok um. Nur Burrows konnte sich, schwimmend, retten.**

Während Murfreesboro, damals rund 50.000 EinwohnerInnen, südöstlich nahe Nashville liegt, füllt die Metropole Memphis im Südwesten die ganze Ecke von Tennessee aus. Hier ging die oft als „sanft“ oder „weich“ gepriesene Stimme des 30jährigen US-Rockbarden Jeff Buckley (1966–97) an einem Abend Ende Mai buchstäblich im Wolf River unter, der in Memphis im Mississippi mündet. Der Sänger und Gitarrist war nahezu vaterlos in Kalifornien aufgewachsen. Gleichwohl trat er in mancherlei Hinsicht in die Fußstapfen seines meist abwesenden Erzeugers Tim Buckley, eines Folksängers, der 1975, als 28jähriger, auch schon an der U-Musik starb, im Verein mit Heroin. Sohn Jeff, ein bildhübscher, wenn auch etwas kurz geratener und eher schmächtiger Junge, hatte 1994 mit seinem ersten Studioalbum Grace und bei den üblichen Vermarktungstouren Aufsehen erregt. „Das ewige Leben liegt auf meinem Weg“, singt er darauf an einer Stelle. „Ich brauche nur noch einen letzten Nagel für meinen glitzerroten Sarg.“ Doch die Zeit verfloß und die Plattenfirma drängte. So saß er drei Jahre später in Memphis in einem gemieteten Haus, um endlich das zweite Album vorzubereiten, Arbeitstitel: My Sweetheart the Drunk. Während seine musikalischen Mitstreiter für die Einspielung bereits im Flugzeug anreisten, fuhr Buckley an besagtem Maiabend mit „Roadie“ Keith Foti an seine übliche Badestelle am Wolf River. Foti blieb am mit Müll übersäten Ufer sitzen und verfolgte (angeblich), wie sein Boß bekleidet und gutgelaunt ins Wasser watete und dabei Refrainzeilen einer Platte von Led-Zeppelin mitpfiff, die Foti in den tragbaren Recorder geschoben hatte. Foti klimperte auch Gitarre dazu. Buckley zog inzwischen trotz vollgesogener Sommerkleidung in dem rund 100 Meter breiten Hafenbecken schwimmend seine Kreise. Foti rief ihm Warnungen vor einem Schlepper, dann vor einem Frachter zu. Buckley wich den Schiffen aus. Als Foti dann wieder einmal aufsah, konnte er freilich in der Abenddämmerung keinen auf dem Wasser hüpfenden braunen Haarschopf mehr entdecken – sein kleiner Boß mit der engelhaft an- und abschwellenden Stimme war verschwunden.

Später hieß es, Buckley sei von den Wellen des Frachters mitgerissen und überwältigt worden. Foti hatte gleich den Tourmanager in dem gemieteten Haus alarmiert, doch die Leiche wurde erst nach Tagen in der Nähe an einem vertäuten Boot verfangen gefunden. Die lieben Hinterbliebenen beeilten sich zu erklären, an diesem „tragischen“ Tod sei nichts „mysteriös“. Man habe, neben Mr. Fotis Aussage, den Polizei- und den Autopsiebericht, und aus alledem gehe klar hervor, daß sowohl weder Alkohol oder andere Drogen noch Geistestrübung oder Selbstmordplan im Spiel gewesen seien. Laut Andreas Joos*** erkannten die Behörden in der Tat auf „Unfall“. Andererseits versteht es Buckleys Mutter Mary Guibert, die ihn als Teenager gebar, durchaus geschickt, eben den Mythos vom noch im Tode rätselhaften Sprößling am Leben zu erhalten und auszubeuten. In einem Interview behauptet sie, am Liebsten wäre ihr Sprößling Tierpfleger im Zoo von Memphis geworden. Da hat sie aber Glück gehabt.

* Otto Lerche: „Historien om Ole fra Guns N' Roses“, Politiken, 28. September 2008
** Contemporary Jazz 1996
*** Spiegel Online, 25. Mai 2012



Ranft, Joe (1960–2005), US-Drehbuchautor für Animationsfilme. Man darf wohl sagen, der Erfolg von Ranfts Karriere habe sich bis in deren filmreifes Ende hinein fortgesetzt. Nach Angaben des Hollywood Reporters vom 18. August 2005 flog Ranfts von Freund Elegba Earl, 32, gesteuerter neuer Wagen Marke Honda Element am 16. August gegen 15 Uhr bei Albion im Mendocino County (nördlich von San Francisco) aus einer Linkskurve des Highways, durchbrach das Geländer und landete rund 45 Meter tiefer im buchtartigen Navarro River, der an dieser Stelle in den Pazifik mündet. Offenbar schlug die japanische sogenannte Geländelimousine, nach mehreren Saltos, insofern günstig aufs Wasser, als ein dritter Insasse mit leichten Verletzungen rechtzeitig durchs Schiebedach entkommen konnte, bevor der Wagen sank.

Das Ereignis trug sich zu, während der 45 Jahre alte Ranft, eins der Spitzenpferde im Stall der Pixar-Studios in Emeryville bei San Francisco, gerade die Co-Regie bei einer neuen interessanten, von ihm mitgeschriebenen Produktion inne hatte. Titel des Streifens, der ihm dann auch im Abspann gewidmet wurde: Cars, USA 2006. Es scheint sich um eine durchaus realistische Angelegenheit zu handeln. Der Film spielt ausschließlich unter „vermenschlichten“ Automobilen, die sich den üblichen brennenden Dingen des Konkurrenzkampfes widmen, Liebschaften, Autorennen und uneigennützige Heldentaten eingeschlossen. Der einträchtige gemeinsame Unfalltod von Ranft und Earl war schließlich gleichfalls echte Freundschaft.

Auf derselben Linie liegt, was Ranfts Eigenheim-Nachbar Pat Ravasio aus Corte Madera (bei San Francisco) dem Marin Independent Journal* über den bärtigen, stets unternehmungslustigen Hünen sagte: „He was the biggest-hearted, warmest father and nicest friend.“ Wahrscheinlich strich Ravasio dabei Ranfts Kindern über den Kopf: Jordy, 13, und Sophia, 9. Der liebe Nachbar wußte zudem, mit welchem Ziel die drei verunglückten Männer unterwegs gewesen waren. Man hatte sie zu einer Mosaic genannten Veranstaltung in Mendocino eingeladen, bei welcher „erfolgreiche Geschäftsleute“ mit Menschen zusammengebracht wurden, die entschlossen waren, „ihr Leben in Ordnung zu bringen“, also sozusagen das Steuer oder Ruder energisch herumzuwerfen, ob in Linkskurven, Meeresbuchten oder anderswo.

* Erscheint in San Rafael bei San Francisco, 19./22. August 2005


Raubenheimer, Marc (1952–83), Pianist >Girdler, William


Reding, Serge (1941–75), belgischer Gewichtheber. Wie zumindest jeder Sportjournalist weiß, wog er, bei einer Körpergröße von 1 Meter 72 und einer Schuhgröße von 43, „in seinen besten Zeiten“ um 140 Kilogramm. Viel mehr als diese Zeiten erlebte der Fleischberg aus den belgischen Ardennen auch nicht, starb er doch schon mit 33 in einem asiatischen Hotel.

Reding hatte sich erst mit 17 in Brüssel für „Gymnastik“ erwärmt. Bis dahin war er gern durch die Wälder gelaufen. Im Februar 1959 nimmt der noch nicht 18jährige, 90 Kilo schwere Junge das systematische Training im Gewichtheben auf. 10 Jahre darauf hebt er seinen ersten Weltrekord. Erstaunlicherweise ist „Amateur“ Reding, nach dem Militärdienst, ab 1964 in der Belgischen Nationalbücherei als Bibliothekar tätig, sodaß er schwerlich als tumber Bergbauernbub verunglimpft werden kann. Nach Redings „Hobbys“ befragt, gibt Nationaltrainer André Dupont 1972 „Lesen“ und „Kino“ an. Als Sportler sammelt Reding Medaillen bei Meisterschaften und Olympischen Spielen (Silber in Mexiko City 1968) und bricht, im Ganzen, sechs Weltrekorde. In München 1972 geht er leider leer aus. Der tödliche Anschlag auf Israels Olympiamannschaft, dem auch mehrere Gewichtheber zum Opfer fielen, habe ihn derart aus dem Gleichgewicht gebracht, daß er anderntags im „Drücken“ drei Fehlversuche hatte, ist öfter zu lesen. Tommy Kono dagegen, damals Cheftrainer der deutschen Heber, führt dieses Mißlingen auf eine Handgelenkverletzung Redings zurück, die er sich beim Aufwärmen zugezogen habe. Zuvor sei er, in München, in bester Form gewesen. Aber Reding habe in seiner ganzen Laufbahn ohnehin zuviel Pech gehabt. Wie auch immer, das Gold ging wieder einmal an Redings „Angstgegner“ Wassili Alexejew aus der UdSSR, den der Belgier im unmittelbaren Vergleich nie schlagen konnte. Auch Redings erste Ehe mit einer jungen Polin, Ewa Cernewska, scheitert.

Bei der Weltmeisterschaft von 1974 in Manila erringt „The Big Belgian“ erneut Silber und verliebt sich zudem in eine junge philippinische Kellnerin, Yvonne S., die er in den folgenden Monaten öfter besucht. Bei diesen Aktivitäten „überhebt“ sich der Verzückte, wenn wir der Boulevardpresse aus dem Juni 1975 trauen wollen. „Zweitstärkster Mann der Welt stirbt nach Liebesnacht.“ Quellen zufolge, die sich seriöser geben, hat der 33jährige Koloß mit dem Stiernacken in seinem Hotel in Manila einen Herzinfarkt erlitten – mehr nicht. Man glaubt es gern, weil Reding um des lieben Muskelaufbau willens vermutlich im Laufe der Jahre einige Pfund Anabolika zu sich genommen hatte. Doch der Spiegel (20/1988) bevorzugt die Diagnose: Selbsttötung in tiefer Depression. Andere Quellen hegen aufgrund der undurchsichtigen Umstände Raub- und Mordverdächte. Trainer Dupont zum Beispiel versichert, Reding habe ein gesundes Herz gehabt. Zu einer Gegen-Autopsie in Belgien sei es befremdlicherweise nicht gekommen. Dupont scheint zu glauben, der leichtgläubige Schwergewichtler sei von jenem Mädchen, das ihm den Kopf verdrehte, als eine Art Türöffner nach Europa, vielleicht auch als Geldquelle mißbraucht worden. Drei Millionen Franken (70.000 Euro?) seien verschwunden. Verstehe ich richtig*, hatte Reding vor, in einem Hotel ein Restaurant zu eröffnen, vielleicht im Verein mit seiner neuen Flamme. Und dann starb er in einem Hotel.

Einige Monate später, am Morgen des 27. September 1975, wurde der durchaus schlanke 27jährige Mark Frechette (1947–75) tot im Trainingsraum der Haftanstalt von Norfolk, Massachusetts, aufgefunden. Er lag auf dem Rücken. Sein Hals wurde von der Stange einer 75 Kilogramm schweren Langhantel gequert. Wie es aussah, war er bei einem mißlungen Versuch, es zu stemmen, an diesem Gerät erstickt.

Vor seinem laut Gerichtsurteil sechs- bis 15jährigem Gastspiel im Kittchen war der gutaussehende dunkelhaarige berufslose US-Bürger frankokanadischer Abstammung zunächst Jobber und Hippie, schließlich jedoch Schauspieler gewesen. Ein Späher des Regisseurs Michelangelo Antonioni hatte ihn 1968 in Boston, Massachusetts, auf der Straße „entdeckt“, wodurch Frechette die Hauptrolle im Spielfilm Zabriskie Point ergatterte, der 1970 in die Kinos kam. In der Folge war er auf einigen begehrten Titelblättern und in zwei weiteren Kinofilmen zu sehen. Daneben zählte er zumindest streckenweise zu Mel Lymans esoterischer Hippie-Kommune in Fort Hill, Boston, in die er angeblich auch seine erste Filmgage steckte, immerhin 60.000 Dollar, damals ein Haufen Geld. Seine beim Drehen eroberte Geliebte, Daria Halprin, hielt es nur vorübergehend in dieser Guru-Kommune und bei Frechette aus. Sie floh und landete in den Armen von Dennis Hopper, wie man liest. Dafür kam ihr Verflossener 1973 vor den Kadi. Frenchette hatte sich nämlich in Boston im Verein mit zwei anderen Kommunarden an einem bewaffneten Banküberfall versucht. Soweit ich sehe, hatte das Gangstertrio den Coup vor allem als revolutionären oder Notwehr-Akt gegen das verhaßte „System“ begriffen, wie so manche in den Jahren nach 1968. Es heißt aber auch, Frechette habe beabsichtigt, seinen Anteil für eine gemeinsame Filmproduktion mit dem Ungarn Dezsö Magyar zu verwenden. Dazu kam es also nicht.

Nach dem Autopsiebericht war der Hippie-Häftling im Trainingsraum in der Tat erstickt. Die Behörden erkannten auf Unfall. Zwar hatte die Hantelstange merkwürdigerweise keine Spuren auf Frechettes Kehle hinterlassen, doch selbst sein Anwalt, Harvey Silverglate, wies den Verdacht auf „Foulplay“ zurück, da der hübsche und feinfühlige Gefangene bei Mithäftlingen beliebt und bei Wächtern zumindest geduldet gewesen sei, aber immer noch kräftig genug, sodaß er sich gewiß gegen Angreifer zur Wehr gesetzt hätte. Auch davon hätten sich keine Spuren gefunden. An Selbstmord glaubte Silverglate ebenfalls nicht. Andererseits räumte er Dave O'Brian zufolge** ein, es sei leichtsinnig von Frechette gewesen, bei seinem „geschwächten Zustand“ allein zu trainieren. Diese, durch Eßstörungen bewirkte Entkräftung führten Silverglate und andere BeobachterInnen auf Frechettes Gram über den Tod seines Freundes und Mitkommunarden „Herc“ zurück, der just bei jenem Raubüberfall von der Polizei erschossen worden war. Ein durchaus einleuchtender Selbstmordgrund, und weitere Gründe sind in Frechettes Fall unschwer denkbar. Nur frage ich mich, ob und wie man sich ausgerechnet mit einer Hantelstange umbringen sollte. Ich würde eher darauf tippen, der Häftling beziehungsweise sein Herz und sein Kreislauf seien unter der mit Gram gepaarten Anstrengung schlicht zusammengebrochen. Aber ich war bei der Autopsie nicht dabei.

Den isländischen Kraftmeier Jón Páll Sigmarsson (1960–93) ereilte mit 32 ein für seine Verhältnisse ganz normales Schicksal, sodaß ich ihn gleichsam nur der Vollständigkeit halber erwähne. Immerhin hatte er 1990 als erster außerhalb des Neandertals angesiedelter Bewohner dieses Planeten zum vierten Male den jährlich stattfindenden Wettbewerb World's Strongest Man gewonnen. Jón Páll wog beinahe soviel, wie er groß war, um 130 Kilogramm bei 1 Meter 91, bestand aber selbstverständlich ganz überwiegend aus Muskeln, von den autobahnbreiten Kanälen und Schluchten gewisser Arzneien einmal abgesehen. Zu allem Glück war er von Hause aus auch noch blond, somit ein idealer Übermensch seiner eher unbedeutenden Heimatinsel. Allerdings beeilten sich die Propagandisten nach seinem jähen frühen Tod festzustellen, auch ein anfälliges Herz habe in seiner Familie gelegen. Angeblich versagte es, als er in seinem Reykjavíker Fitneßstudio Gym 80 gerade kräftig am Stemmen war.

Der ungefähr 30jährige Moskauer Offizier der Sowjetarmee und Gewichtheber Jewgeni Kazura (1937–67) hatte bereits etliche internationale Erfolge aufzuweisen, bevor er im März 1967 in betrunkenem Zustand mit seinem Auto einen Verkehrsunfall verursacht haben soll. Dabei sei ein Mensch zu Tode gekommen. Am 9. März habe sich Kazura daraufhin selber umgebracht. Die Quellenlage ist dürftig wie ein Kohlstrunk in der Wüste. Meine Angaben stammen aus der deutschen Wikipedia, die dafür allerdings nicht den Schatten eines Beleges anführt.

* Philippe Hereng in der belgischen Tageszeitung Le Soir, 28. Juni 1995
** Artikel im Rolling Stone, 6. November 1975, S. 32



Reeves, Connie (1901–2003). Dem Nachruf der New York Times zufolge (Douglas Martin) war sie sehr wahrscheinlich das älteste Cowgirl der USA gewesen. Und Meg Clark, der 39jährige Leiter des Camps Waldemar im Städtchen Hunt, Texas Hill Country, versicherte, genau so, wie es im August 2003 kam, hatte Connie Reeves auch abtreten wollen: auf einem Pferderücken. In Camp Waldemar war sie die letzten 67 Jahre als Reitlehrerin tätig gewesen. Ungefähr 30.000 „girls“ soll sie das Reiten beigebracht haben. Freilich beherrschte sie auch noch etliche andere Dinge. Sie konnte Stiere treiben, Schafe scheren, Hirsche schießen, Klapperschlangen unschädlich machen, für Dutzende hungriger Viehhirten kochen und so weiter. Nur reiten konnte sie vielleicht doch nicht perfekt genug. An jenem verhängnisvollen Augustmorgen ritt sie Dr. Pepper, einen von ihr bevorzugten, 28 Jahre alten gescheckten Wallach, der seine Freundin freilich nicht zum ersten Mal abgeworfen hatte. Dieses Mal zog sich Reeves beim Aufprall schwere Verletzungen zu, die nicht mehr zu heilen waren. Sie starb knapp zwei Wochen später in einem Krankenhaus von San Antonio – mit 101 Jahren.

Geboren 1901, war sie in Eagle Pass, Texas, unmittelbar am Rio Grande, dem Grenzfluß zu Mexiko, mit Pferden und Cowboys aufgewachsen. Als sie 16 war, ging ihr Vater, ein Rechtsanwalt, nach San Antonio, aber da war es schon zu spät. Zwar studierte auch Constance Jura, doch schloß sie dieses Studium nicht ab, jobbte vielmehr schon als Englisch- und Reitlehrerin, um ihre von der „Depression“ gebeutelte Familie mit über Wasser halten zu können. In Camp Waldemar heuerte sie 1936 an. Hier lernte sie den ehemaligen Rodeo-Champion Jack Reeves kennen, den sie 1942 heiratete. Er starb 1985. Kinder hatten sie nicht. „I'm sure glad I don't have grandchildren“, bemerkte sie 2002 in einem Interview mit Associated Press. „The world today, it's disturbed.“ Reeves kam nie aus Texas heraus. „Let the East have their computer wizards, their skyscrapers, their stock market, their pollution [Umweltverschmutzung],“ sagte sie 1998 in ihrer Dankrede für den Chester A. Reynolds Memorial Award. „But leave the wide open spaces and the fresh air to the West.“

Da das Camp nur saisonal geöffnet hatte, bewirtschaftete das Ehepaar „außerdem“ über Jahrzehnte eine 40 Quadratkilometer große Schaf- und Rinderranch, die ebenfalls dem damaligen Campchef Josh Johnson gehörte. Allerdings soll Connies Verbindung mit dem ungehobelten Jack Reeves nicht lange gehalten haben. Ob, wo und in welchem Maße die junge Frau jemals Liebeswonnen erfuhr, ist nicht zu ermitteln. Vermutlich werden mögliche wunde Punkte auch in ihrem 1995 veröffentlichten, knapp 100 Seiten schmalen Erinnerungsbuch I Married a Cowboy: Half Century with Girls and Horses at Camp Waldemar nicht benannt, vielmehr elegant umritten.

Leider gewähren die mir zur Verfügung stehenden Internet-Dokumente auch keine überzeugende Offenbarung der hochbetagten Frau Reeves. Man hätte ja zu gern gewußt, wie sich 100 Jahre anfühlen, zumal auf einem Pferd. Olga Craig vom Telegraph, die die Greisin im Oktober 2002 in Hunt aufsuchte, erwähnt zunächst das Geständnis der Pferdebändigerin, in „Automobilen“ zu fahren, sei ihr nie geheuer gewesen. Ansonsten falle die Annahme freilich schwer, so Craig, Reeves könne sich vor irgendetwas ängstigen. Obwohl zart gebaut, wirke Reeves körperlich fit. „Even in shirt and jeans her hair and make-up are immaculate [makellos].“ Von Dennis McLellan (Los Angeles Times, 2003) erfahren wir, vier Jahre vorher habe die alte Dame eingeräumt, nichts könne sie vom Reiten abbringen. Zwar sei sie schon fast blind und höre schwer, so daß ihr viele Anblicke oder Vogelgesänge entgingen, doch sie könne es nicht lassen – „it's in my blood.“

Einige Monate vor ihrem Tod stellte Connie Reeves in einem Manuskript fest, nach ihren Erfahrungen harmonierten Pferde besser mit Frauen als mit Männern. Schon deren rauhe Stimmen erschreckten die Pferde. Das selbe Pferd, das von einem Kerl keine Trense annehmen wolle, akzeptiere sie aus der sanfteren Frauenhand. Hier drängt sich allerdings die Frage auf, was dann in Dr. Pepper gefahren sei, bevor er Connie Reeves, die viel Sinn für Komik hatte und entsprechend häufig lachte, zu Boden gehen ließ. Nach Darstellung der St. Petersburg Times (Bill Duryea, 2003) kann von einem Bocken und einem Abwurf kaum die Rede sein. Wenige Tage vor Ende des damaligen Sommercamps war Connie in Begleitung der Campeigentümerin Marsha Elmore zum Fluß ausgeritten. Dabei fuhr wohl eher etwas in die betagte, „schon fast blinde“ Reiterin, wünschte sie doch nach einiger Zeit, ihr Pferd in Galopp zu versetzen. Bei diesem mit Körpereinsatz verbundenen Gangartwechsel senkte Dr. Pepper seinen Hals, worauf Reeves vornüber kippte. Die 101jährige hatte schlicht nicht mehr die Muskelkraft, sich im Sattel zu halten.

Selbstverständlich war sie nicht zum ersten Mal von einem Pferd gefallen. Sie hatte schon einige Verletzungen eingesteckt. Als sie 93 war, trat ihr Pferd bei einem Ausritt in ein Hornissennest. Das zerstochene Tier bockte, warf Reeves ab – und sie landete genau in dem Nest. Sie brach sich fünf Rippen und einen Arm. Die Stiche der Hornissen verkraftete sie besser als ihr Pferd. Die Leitung des Reitunterrichts gab sie erst mit 96 oder 97 ab. Nun jedoch, mit 101, hatte sie durch ihren letzten Unfall bekommen, was sie angeblich unbedingt wollte: beim Reiten sterben. Vielleicht war es ein halber Selbstmord. Zu den Wahlsprüchen der Pferdenärrin und allseits verehrten, zum Teil auch gefürchteten, strengen Reitlehrerin Reeves zählte Always saddle your own horse. Bestimme dein Leben selbst.

Vielleicht war der südkoreanische Reitsportler Kim Hyung-chil (1959–2006) mit 47 Jahren zumindest für das Hindernisreiten schon zu alt. Bei den Asienspielen 2006, die in Doha, Katar, ausgetragen wurden, strauchelte Bundaberg Black, so hieß sein Pferd, an Hindernis 8, sodaß er abgeworfen und gleich darauf unter seinem ihm treu nachfolgenden Tier gleichsam begraben wurde. Kim, zu Hause halbtags auch als Hochschullehrer tätig, starb noch am Unfalltag. Ein englischsprachiges Blatt seines Landes* behauptete allerdings, unaufhörlicher Regen habe die Strecke in einen miserablen Zustand versetzt – dabei sollte man doch meinen, die Arabische Halbinsel sei nicht England, es sei folglich eher ein Segen, wenn es da mal tüchtig regne.

Broc Cresta (1987–2012), auf einer kalifornischen Ranch aufgewachsen, war gleichsam eine Art Kreuzung aus Reeves und Kim, er war professioneller Rodeo-Reiter. Schon als junger Mann errang er hohe Auszeichnungen. Erstaunlicherweise wurde ihm aber nicht sein durchaus halsbrecherischer Beruf zum Verhängnis, oder jedenfalls nicht unmittelbar. Bei einer Veranstaltung in Cheyenne, Wyoming, fand ihn seine Geliebte Brittany Pozzi mausetot in seinem Wohnwagen vor, als sie ihn gerade wecken wollte. Das war am 28. Juli 2012, einem Samstag. Nach verschiedenen Presseberichten war der 25 Jahre alte US-Kunstreiter und Kunstfessler (von Stieren) am Freitag mit seinem langjährigen Partner Spencer Mitchell bereits aufgetreten. Mit welchem Erfolg, wird nicht erwähnt. Später habe er mit Pozzi eine Musikveranstaltung besucht und gemeinsam im Wagen übernachtet. Sie sei jedoch eher als er aufgestanden. Gegen Mittag zurückgekehrt, habe sie aufgeschrien, weil sie in seiner Koje eine Leiche entdeckte. Dem Vater zufolge, Daniel mit Vornamen, sei Cresta, von einer Rippenverletzung abgesehen, die er sich vor drei Monaten zuzog, gesund gewesen. Auch Mitchell wußte zunächst keine Erklärung; jedenfalls tat er so. Einige Wochen später wurde gemeldet**, Coroner Marty Luna habe die Angelegenheit zum Unfall erklärt. Laut Obduktionsergebnis sei Cresta an einer unglücklichen Kombination aus Schmerzmitteln und Alkohol gestorben. Daraufhin habe Polizeisergant Rob Dafoe erklärt, die Ermittlungen würden eingestellt.

* The Seoul Times, Archiv
** Wyoming Tribune Eagle, Cheyenne, 18. September 2012



Reeves, Jim (1923–64), Rocksänger >Anglin, Jack


Rehlinger, Anna (1505–48), Fugger-Gemahlin, 11 Kinder >Einleitung


Reichensperger, Richard (1961–2004), Schriftsteller >Brandorff, Walter


Reifenberg, Ernst Robert (1928–64), jüdischer deutsch-britischer Mathematiker, zuletzt an verschiedenen Hochschulen in den USA tätig. Dem deutschen Faschismus war er als Knabe entkommen, weil seine Eltern rechtzeitig aus Berlin nach Palästina geflohen waren. Dafür ließ sich der leidenschaftliche Bergsteiger mit 35 Jahren von den Dolomiten holen. Dort wurde er laut Nachruf von J. C. Shepherdson* Ende Oktober 1964 von Steinschlag getötet. Näheres ist zumindest im Internet nicht zu erfahren. Leider sollen die Dolomiten, die zu Italien zählen, ziemlich groß sein – wem schriebe man da? Die Brown University, Reifenbergs letzter Erwerbsort, liegt in Providence, Rhode Island, an der US-Ostküste, schweigt jedoch ähnlich wie die Berge.

Der südtiroler Alpinist, Steilwandskifahrer und Fachjournalist Heini Holzer (1945–77) war sicherlich schon als Hirtenbub statt Heinrich verkleinernd Heini genannt worden, und dabei blieb es auch. In der Tat wurde er nie größer als ungefähr 1 Meter 50, die Angaben schwanken. Was Wunder, wenn er dann den Lehrberuf des Kaminfegers ergriff, an dem er angeblich auch noch festhielt, nachdem er als Seilpartner von Berühmtheiten bekannt geworden war. Seit 1960 übte er seinen Brotberuf im Dorf Schenna bei Meran aus, wo er dann auch begraben wurde. Natürlich kam er bei seiner Zwerggestalt auch hervorragend durch die Kamine, die in unbewohnten Gebirgen zu finden sind. 1970 begann er sich allerdings auf Steilwandabfahrten per Skiern zu spezialisieren. Eben bei diesem besonders selbstmörderischen Treiben kam er im Juli 1977 als 32jähriger um, als er den Versuch, die Nordostwand des knappen Viertausenders Piz Roseg (Graubünden, Schweiz) hinabzusausen, mit einem gewaltigen Sturz bezahlte. Seine frühe Ehe war schon eher zerbrochen, aus verständlichen Gründen. Neben seiner wagemutigen Besessenheit werden so manche weibliche Seilpartnerinnen angeführt, die er bei seinen eigenständigen Klettereien bevorzugt hatte. Zur Begründung hatte er auf deren geringes Gewicht als der idealen Entsprechung zu seiner eigenen Leichtgewichtigkeit verwiesen. Er hatte keine 50 Kilo gewogen. Einem Gedenkartikel von 2007 zufolge** verabscheute der Stiefsohn eines Trunkenboldes Alkohol, nahm stattdessen vorwiegend Milch zu sich. Was ihm an Hünenhaftigkeit fehlte, machte er nach anderen Quellen durch schier unwiderstehlichen Charme wett. Zwar sei er ein eigensinniger Mensch und ein Eigenbrötler gewesen; gleichwohl habe er erstaunlich viele Freunde gehabt – so der erst kürzlich von mir behandelte Berufskollege Toni Hiebeler in einem Nachruf auf Holzer, bevor er selber (1984 per Hubschrauber) in Slowenien stürzte.

Holzer hatte übrigens sowohl das Profitum wie den Rückgriff auf motorisierte „Aufstiegshilfen“ a lá Sessellifte oder eben Hubschrauber abgelehnt. Der Hirtenbub war Naturbursche geblieben. Er pflegte seine Abfahrten stets gewissenhaft vorzubereiten und notfalls auch zu verschieben. Gleichwohl blieben sie Wahnsinn, was sich womöglich LeserInnen, die wie ich nie Fernsehen gucken, gar nicht richtig klarmachen. Seine letzte Abfahrt hatte ein Gefälle von über 50 Grad. Nachdem er auf dieser Schrägen aus unbekannten Gründen, wenn auch von einer Berghütte aus beobachtet, gestrauchelt war, stürzte er nach Feststellung der Kantonspolizei 55o Meter tief an den Fuß der betreffenden Gebirgswand. Er müsse auf der Stelle tot gewesen sein.*** Bei dieser abschüssigen Krassheit wird sogar manches hübsche bildhafte Gedicht schief. Das folgende, das ich ohne Zäsuren wiederzugeben wage, stammt von Holzer. „Meine Spur ziehe ich am liebsten, wohin keine andere führt. Ich kann zurückblicken und sie beurteilen, was ich sonst nicht könnte, weil sie sich durch die vielen anderen verlieren würde. Auch mein Leben will ich unter Kontrolle haben. Darum gehe ich einen eigenen Weg, dem nicht jeder folgt.“

Für manche Insider**** zählt der US-Physiker Franklin James „Frank“ Sacherer (1940–78) zu den „Vätern des Freikletterns“, also des Bergsteigens ohne technische Kletterhilfen. Er glänzte auf diesem Gebiet schon während seiner Studienzeit – wie sich versteht, nicht in den Hörsälen von San Francisco, Kalifornien, vielmehr in den Felsen des weiter östlich gelegenen Yosemite-Nationalparks. Sicherungsmittel sind beim „free climbing“ erlaubt. Sie nützten freilich Sacherer und seinem „jungen“ Berufskollegen Joseph Weis nichts, als sie sich Ende August 1978 auf dem Abstieg in der berüchtigten Route The Shroud der bis 4.200 Meter hohen Grandes Jorasses in den französisch-italienischen Alpen befanden. „Vater“ Sacherer (er soll zumindest eine Frau namens Jan oder Jane gehabt haben) war inzwischen 38. Die Route führte die beiden bergbesessenen Wissenschaftler über ein fast senkrechtes Eisfeld. Beim Aufstieg hatten sie strahlend blauen Himmel gehabt, jedoch ein Unwetter übersehen, das sich hinter dem Gebirge zusammenbraute. So wurden sie beim Abstieg von Sturm überrascht und wahrscheinlich durch Sturz, vielleicht auch durch Blitzschlag getötet. Vom Auffinden ihrer Leichen und deren Zustand ist nirgends die Rede. Vermutlich hat die Bergung eine Stange Geld gekostet.

Gewiß hatte Sacherer auch in seinem Hauptberuf seine Verdienste. Ich möchte aber nicht näher auf sie eingehen, weil er sich hauptsächlich der Teilchenbeschleuniger-Physik widmete, die ich für ähnlich wahnsinnig (und gefährlich) halte wie das Freiklettern an Eiswänden. Sacherer war seit 1970 im nahen Genf beim berühmten CERN-Institut angestellt, das ja sogar über den weltgrößten Teilchenbeschleuniger verfügt. Dieses LHC genannte Prunkstück von 27 Kilometer langem, ringförmigen Tunnelumfang hat allein in der Anschaffung mindestens drei Milliarden Euro verschlungen. Damit könnte man einem Flüchtlingsstrom von der Breite des Nils über das Mittelmeer und die Alpen verhelfen.

Ab 2004 sackte Jon Krakauer einen Haufen Geld durch ein Buch ein: In eisige Höhen. Das Drama am Mount Everest. Der US-Bergsteiger und -Journalist hatte das Drama mitgemacht – und überlebt. Die Hauptrolle spielte der neuseeländische Bergsteiger und Unternehmer Rob Hall (1961–96), der „Touristen“ gegen größere Summen auf den einen oder anderen sagenumwobenen Gipfel verhalf. Der 35jährige kam mitsamt seinem Kunden Doug Hansen im Mai 1996 eben am Mount Everest um, wobei ihm wahrscheinlich neben Schneesturm und Sauerstoffmangel auch Konkurrenzdruck zugesetzt hatte. Immerhin war er dabei auf der Höhe der Zeit gewesen, indem er sich, nach vergeblichen Rettungsversuchen Dritter, über Satellitentelefon von seiner Gattin verabschiedete. Im Ganzen waren an der betreffenden Expedition 30 Personen beteiligt, von denen acht starben. US-Autor Krakauer hatte auch insofern Glück, als sich sein „Bestseller“, wie schon angedeutet, millionfach verkaufte. Hier noch ein Kommentar***** des deutschen Mount-Everest-Bezwingers Ekke Gundelach: „Die Amerikaner, die glauben tatsächlich, daß man mit Geld alles kaufen kann. Und das geht eben nicht. Es gibt Situationen, da ist der Berg stärker.“

Die jahrelange Rekordjagd Patrick Berhaults (1957–2004), hauptberuflich Professor an einer alpinen Sporthochschule in Chamonix, Frankreich, endete im April 2004 zwischen den Berggipfeln Dom und Täschhorn im schweizer Kanton Wallis. Als am dort verlaufenden Berggrat, rund 4.400 Meter hoch, eine Schneewächte unter seinem Körpergewicht abbrach, stürzte der unangeseilte 46jährige Kletter- und sogar Tanz-Professor über eine Strecke von etwa 600 Metern in die Tiefe. Sein Mitstreiter Philippe Magnin, 39, möchte man nicht unbedingt gewesen sein, denn dieser überlebte das Unternehmen.

Der vielbeschäftigte Münchener Schauspieler und Synchronsprecher Philipp Brammer (1969–2014) suchte die Berge lediglich öfter als Wanderer aus Erholungsgründen auf. Für den 28. Juli 2014 hatte er sich den rund 2.000 Meter hohen Edelweißlahner bei Berchtesgaden zum Ziel gesetzt. Da die Quellen nirgends Selbstmord argwöhnen, darf wohl gesagt werden, er machte den Fehler ohne Begleitung loszuziehen. Obwohl das auch wieder verständlich ist – wo bliebe sonst die Erholung? Als der 44jährige abends nicht wieder zu Hause eintraf, meldete ihn seine Ehefrau als vermißt. Es folgte eine mehrtägige aufwendige Suche mit zeitweise 60 Leuten der Bergwacht und der Polizei. In knapp 1.700 Meter Höhe stieß man schließlich auf Brammers Leiche. Da sich auch eine lose, ungefähr 50 mal 60 Zentimeter große Felsplatte fand, kamen die Experten zu der Annahme, er sei bei deren Abbruch rund 70 Meter in die Tiefe gestürzt und vermutlich auf der Stelle tot gewesen. Brammer, in vielen Fernsehkrimis und um 2005 auch in der beliebten Serie Lindenstraße zu sehen, hinterließ zwei Töchter. Seine betagte Mutter war oder ist offensichtlich fromm, soll sie doch der Bild-Zeitung anläßlich der Beerdigung erklärt haben: „Mein Junge ist in seinen geliebten Bergen der Sonne entgegengegangen und ist dann hinaufgeschwebt in den Himmel zu Gott.“

* Journal of the London Mathematical Society, 40 (1965), S. 370
** Dorfzeitung Schenna, 28. August 2007
*** Laut der schweizer Illustrierten sie + er, Nr. 30, 25. Juli 1977
**** Duane Raleigh, Rock and Ice, Mai 2014?
***** Süddeutsche Zeitung, 10. Mai 2010



Relf, Keith (1943–76), Rockmusiker >Harvey, Leslie


Renault, Marcel (1872–1903), Autohersteller >Rolls, Charles


Reventlow, Franziska (Fanny) Gräfin zu (1871–1918), Lebenskünstlerin und Autorin. Aufgewachsen im Schloß von Husum an der Nordsee, wo ihr Vater Landrat war, kämpfte die braunhaarige, wohlgestaltete und lebenslustige „Fanny“ eine Jugend lang gegen das häusliche autoritäre und engstirnige Klima an. Auch die Mutter war ein Schreckgespenst. Mittels einer Ausbildung zur Lehrerin und einer Heirat hangelt sich Reventlow südwärts, zunächst nach München, das um 1900 ein ausgeprägtes schräges Künstler- und Philosophenmilieu zu bieten hat. Hier wird sie zur gefragten Geliebten und zu einer geflügelten Gestalt. Die sogenannten Kosmiker um Wolfskehl, Schuler und Klages sehen das Ideal der griechischen Hetäre in ihr. Vom (feministischen) Aufstand der „Blaustrümpfe“ hält sie nicht viel: „Wir sind dazu da, es gut zu haben und uns nicht beklagen zu müssen.“

Meistens hat sie es eher schlecht. Zum Beispiel mißlingt es ihr, vielleicht aus Mangel an Begabung, sich einer frühen Leidenschaft gemäß als Malerin durchzusetzen. Dafür erntet sie Achtungserfolge mit satirischen Artikeln oder Erzählungen, die allerdings wenig Geld abwerfen. Auf der Flucht vor Pfändungen wechselt sie ihre Wohnungen wie ihr Hemd. Als verstoßene „Prinzessin“ fehlt ihr eben das schwarzenbachsche Polster, siehe unten. So ernährt sie sich über Jahre hinweg ziemlich mühsam und nervenaufreibend mit abenteuerlichen Gelegenheitsarbeiten, darunter auch Edel-Prostitution, und als Übersetzerin französischer Literatur für den Münchener Verlag Albert Langen. Sie nimmt ihre ständige Geldnot mit Humor – gleichwohl zehrt sie an ihr. Zudem bleibt sie auf Dauer von zwei Fehlgeburten angeschlagen, die sie 1894 und 1904 erleidet. Dazwischen, 1897, bringt sie Sohn Rolf zur Welt, dessen Vater sie konsequent verheimlicht. Sie selber geht im Lauf der Jahre und Jahrzehnte in zahlreiche Memoiren ein, darunter die Unpolitischen Erinnerungen von Erich Mühsam. 1914 zählt „die Gräfin“ zu den wenigen deutschen KünstlerInnen, die der allgemeinen, patriotischen Kriegsbegeisterung nicht auf den Leim gehen. Als Rolf, 1916 an die französische Front eingezogen, nach wenigen Monaten desertiert, ist sie noch stolzer auf ihren Sprößling. Sie lebt inzwischen, seit 1910, unter anderen freisinnigen oder verrückten Menschen in Ascona bei Locarno (am Lago Maggiore). Hier zieht sie sich im Sommer 1918 vor allem innere Verletzungen zu, als sie von ihrem Fahrrad stürzt. Die näheren Umstände sind auch von Biografin Ulla Egbringhoff nicht zu erfahren.* Reventlow wird ins Krankenhaus von Locarno gebracht und dort operiert. Bei diesem Eingriff – bei dem man eine „Darmverschlingung“ festgestellt habe – sei die 47jährige „an Herzversagen“ gestorben.

Rolf Reventlow stirbt 1981 in München mit 83 Jahren. Er war überzeugter Antifaschist. Er führte ein wechselvolles Leben, darunter in Spanien (Republik) und Algerien, betätigte sich aber hauptsächlich als Journalist und Gewerkschafts- oder Parteisekretär. Er gehörte seit ca. 1953 der Münchener SPD an, bei deren „Säuberung“ von zu links gearteten Genossen er kräftig geholfen haben soll. Andererseits soll er (1959) gegen das Godesberger Programm gestimmt haben. Er hatte aus erster Ehe eine Tochter, Beatrice, geboren 1926. Ob ihn die eigene „Vaterlosigkeit“ berührte, streift Sabine Kneib** merkwürdigerweise mit keinem Wort. Seine Autobiografie Kaleidoskop des Lebens liegt in München als unveröffentlichtes Typoskript.

Vermutlich saß der Wurm auch im Falle Annemarie Schwarzenbachs (1908–42), wie fast immer, schon im Holz jenes Bettes, in dem sie einst gezeugt worden war. Die Tochter eines sehr gut betuchten schweizer Seidenfabrikanten, mit 23 bereits Doktor der Geschichte (in Zürich) und Gelegenheitsjournalistin, hatte sich um 1930 in Berlin mit den Geschwistern Erika und Klaus Mann und dem Morphium angefreundet. In diesen Kreisen konnte sie auch ihren lesbischen Neigungen nachgehen. Schwarzenbach, oft für einen ausnehmend hübschen jungen Mann gehalten, hatte sich von Jugend auf männlich gekleidet und gegeben. Das hatte verständlicherweise für Zündstoff im Kampf mit dem Seidenfabrikanten und vor allem mit dessen herrschsüchtiger Gattin gesorgt. Andererseits wurde der rastlosen „mißratenen“ Tochter offenbar nie der Geldhahn zugesperrt, denn sie konnte sich flotte Automobile leisten, unternahm zahlreiche Auslandsreisen, unterstützte Klaus Manns Exilzeitschrift Die Sammlung und verfaßte, neben zahlreichen Artikeln und Fotoreportagen, ein paar Romane. Sie liebte Raserei, haßte gleichwohl den Faschismus. Sie soll zumindest streckenweise blitzgescheit, einfühlsam und mitreißend geschrieben haben. Bei einem Aufenthalt in den USA verliebte sich die Schriftstellerin Carson McCullers in sie, was Schwarzenbach allerdings nicht oder nur begrenzt erwiderte. Dafür ging es der androgynen Schönheit aus den Alpen mit Erika Mann zeitlebens ähnlich, nur umgekehrt. Erika erhörte sie nicht.

Schwarzenbach hatte inzwischen diverse erfolglose Entziehungskuren, Depressionen, Selbstmordversuche hinter sich. Irgendwie dürfte auch ihr Tod mit 34 Jahren in diese Reihe fallen, obwohl er fast wie ein schlechter Scherz wirkt. 1942 von einem Besuch beim ihr formal angetrauten, homosexuellen französischen Diplomaten Claude-Achille Claracs von Marokko aus in die Schweiz zurückgekehrt, stürzte sie Anfang September im Engadin bei dem übermütigen Versuch, auf dem „Herrenfahrrad“ einer Freundin freihändig zu fahren, auf die Straße. Ihre schwere Kopfverletzung soll falsch diagnostiziert und behandelt worden sein. Freilich war sie bereits zerrüttet gewesen. Sie starb Mitte November in Sils, wo sie sich niedergelassen und ihr erfolgreichstes Buch Lorenz Saladin: Ein Leben für die Berge geschrieben hatte. „In krasser Mißachtung des Testaments“, wie der schweizer Historiker und Publizist Alexis Schwarzenbach behauptet***, habe ihre Mutter Renée auf der Stelle „sämtliche an ihre Tochter gerichtete Korrespondenz sowie alle ihre Tagebücher“ vernichtet.

* Franziska zu Reventlow, Reinbek bei Hamburg 2000
** Friedrich-Ebert-Stiftung, o. J.
*** Die Zeit, 15. Mai 2008



Rhédey von Kis-Rhéde, Claudine (1812–41), Gräfin >Malibran, Maria


Richter, Timo († 2008), Tontechniker >Depardieu, Guillaume


Richter-Vietor, Tina (1975–2007), Reitsportlerin >Kinnear, Roy


Riemschneider, Kaspar K. (1934–76), Altorientalist >Lewi, Jerzy


Ritter, Johann Wilhelm (1776–1810), Physiker >Gehlen, Adolph Ferdinand


Rolls, Charles (1877–1910), britischer Unternehmer und Flugzeugpionier. Als Sprößling eines Barons mußte Rolls nicht mit Holzscheiten spielen. Er hatte sich schon als Dreikäsehoch für Motoren erwärmt. 1896, mit 18 Jahren, reiste er nach Paris, um sein erstes Auto zu kaufen, einen Peugeot Phaeton – es war nach der Überführung der erste Pkw, der dauerhaft Cambridge unsicher machte, wo Rolls damals studierte. Acht Jahre später, 1904, eröffnete er in Manchester gemeinsam mit Frederik Henry Royce eine Fabrik für edle Automobile, in denen noch viele Krönungen der Menschheit thronen, zum Teil auch erschossen, in die Luft gejagt oder schlicht nur zermalmt werden sollten: Rolls-Royce.

Erstaunlicherweise erlebte der buchstäblich große Rolls (er maß ungefähr 1,95) sein entscheidendes Coming Out nicht auf der Straße, vielmehr in der Luft. Er war nämlich zudem ein begeisterter Flugpionier. Als solchem hatte ihm der Royal Aero Club als zweitem Briten überhaupt eine Fluglizenz erteilt. Dafür brachte er es am 12. Juli 1910 bei einem Präzisionsflugwettbewerb am Stadtrand von Bournemouth zum ersten Briten, der bei einem Flugzeugunfall sein Leben verlor. Es mangelte ihm keineswegs an Erfahrung und Geschicklichkeit – so hatte er erst sechs Wochen vorher den Ärmelkanal mit einem Flugzeug ohne Stop zweifach überquert. Auch darin war er der Erste gewesen. Das Problem in Bournemouth war sein von den Gebrüdern Wright gebauter Doppeldecker, dem unversehens, in rund 15 Metern Flughöhe, ein Teil des Hecks wegbrach. Die Maschine stürzte ab; der 32jährige Industrielle starb auf der Stelle. Da breitete sich, nach dem Bericht der Londoner Times, „die Stille des Schreckens“ über der vieltausendköpfigen Menge aus. Sie hielt nicht lange an. Sie ging nach Sekunden in das allgemeine Aufatmen darüber über, daß es wieder einmal einen anderen, nicht einen selber erwischt hatte.

Der Laie könnte sich fragen, warum der junge Rolls 1896 keinen Renault erworben hatte? Weil es noch keinen gab. Die Gebrüder Renault – Fernand, Louis und Marcel – hatten erst 1898 mit ihrer Fabrikation begonnen, in Billancourt. Bald darauf beteiligten sich die beiden Letztgenannten auch an Rennen, weil sie darin eine sinnvolle Werbemaßnahme für ihr Unternehmen sahen. Das Rennen Paris–Wien von 1902 gewannen sie sogar, obwohl sie mit einem deutlich unterlegenen Wagen angetreten waren. Doch ein Jahr darauf, am 24. Mai 1903, raste Marcel Renaults (1872–1903) 40-PS-Wagen mit der Nummer 63, in dem neben ihm der Mechaniker René Vauthier hockte, beim Rennen Paris–Madrid nahe Poitiers in einer Staubwolke mit rund 100 Stundenkilometern vor einen Baum. Zwei Tage darauf erlag der 31jährige Renault seinen schweren Verletzungen. Ob sein Beifahrer das selbe Schicksal ereilte, ist ungeklärt. Im Ganzen bissen bei diesem „event“ acht Personen ins Gras. Die Behörden nahmen dies zum Anlaß, die Von-Stadt-zu-Stadt-Rennen zu verbieten. Nur die Automobilproduktion ging weiter.


Roos, Johann Heinrich (1631–85), vielbewunderter süddeutscher Tiermaler, in betuchten Kreisen zudem als Portraitist gefragt. Schon seine Zeitgenossen sollen ihn zum „Raffael aller Viehmaler“ ausgerufen haben, und später pries ihn auch Goethe. Jene Bezeichnung verdankte sich vermutlich zumindest teilweise Roos' Sitte, seine Tiere oder Menschen in römischen Ruinen anzusiedeln, obwohl Brockhaus behauptet, er sei nie in Italien gewesen (Band 18 von 1992). Seit 1667 in Frankfurt am Main ansässig, kam Roos mit seiner Gattin Anna, einer Pfarrerstochter, auf sieben Kinder, bis er mit 54 Jahren Unfallopfer wurde. Er besaß auf der Zeil ein stattliches Haus, in dem am 2. Oktober 1685 aus nirgends genannten Gründen ein Brand ausbrach. Ob weitere Opfer, sei es in der Familie oder unter Nachbarn, zu beklagen waren, ist ebenfalls nicht zu erfahren. Roos hatte schwere Verletzungen erlitten, denen er am Tag nach dem Brand erlag.


Rosemeyer, Bernd (1909–38), Autorennfahrer >Bugatti, Jean


Ruete, Rudolph Heinrich (1839–70), Kaufmann in Hamburg und Afrika. Die märchenträchtige Inselgruppe Sansibar, auch Gewürzinseln genannt, liegt rund 30 Kilometer von der ostafrikanischen Küste entfernt im Indischen Ozean. Im Jahresmittel herrschen hier 26,5 Grad. Obwohl ein tropisches Klima nicht jedermanns Sache ist, pflegt bereits der bloße Name Sansibar jede europäische Nase zu umschmeicheln, scheint er doch den Duft von Nelken und Zimt, Kokospalmen und eingeölter brauner Mädchen- oder Knabenhaut, weniger dagegen von Sklavenschweiß zu verströmen. Sansibar-Stadt wuchs während der Herrschaft des Sultans Majid bin Said, 1856–70, von ungefähr 25.000 auf rund 50.000 EinwohnerInnen an. Die Blüte verdankte sich nicht unerheblich Sansibars Sklavenmarkt, der als die größte Einrichtung dieser Art in ganz Afrika galt. Hier verdiente sich die arabische Oberschicht der Inselgruppe und der gesamten Küste Ostafrikas eine goldene Nase, obwohl sich in Übersee bereits die Beschränkungen der Sklaverei mehrten. Der Sultan erfreute sich guter politökonomischer Beziehungen zu den westlichen Großmächten, voran Großbritannien und Frankreich, ohne einstweilen die Unabhängigkeit seines Sultanats zu gefährden.

Die erwähnten Düfte hatten auch den blutjungen Hamburger Lehrersohn Rudolph Heinrich Ruete gekitzelt, geboren 1839. Das Unglück sollte ihn erst ereilen, nachdem er als erfolgreicher Kauf- und Ehemann in seine Heimat zurückgekehrt war. Ab 1855 zunächst Vertreter des hanseatischen Handelshauses Hansing & Co. in Aden (heute zum Jemen), ging er einige Jahre später nach Sansibar, um das Unternehmen Ruete & Co. zu gründen und zu leiten. Geschäftsgegenstand waren Reederei, Bankgeschäfte, Gewürzhandel. Günstigerweise schmiegte sich Ruetes Firmengebäude in Sansibar-Stadt an eine Villa, die zum Sultan-Palast zählte. Sie barg als kostbarste Nelke die Prinzessin Sayyid Salme, Tochter des Imams von Maskat und Oman sowie Sultans von Maskat, Oman und Sansibar Said ibn Sultan und einer Nebenfrau namens Gülfidan, die der Sultan aus dem Kaukasus bezogen hatte. Salme war 1844 geboren worden. Im Ganzen hatten dem 1856 verstorbenen Sultan 75 Gemahlinnen zur Verfügung gestanden.*

Kurz und gut, um 1865 verfielen Ruete und die Prinzessin einander und schmiedeten Zukunftspläne, die der heiklen Lage Rechnung zu tragen hatten. Schon die Liebe zwischen einem christlichen Kaufmann und einer mohammedanischen Prinzessin fiel ja deutlich aus dem Rahmen. Zu allem Unglück wurde Salme auch noch schwanger. Andererseits hatte sie schon als Jugendliche Reiten und Schießen gelernt. So floh sie am 24. August 1866 mit Hilfe von Mrs Emily Seward, der Gattin des britischen Konsuls, an Bord des Kriegsschiffes Highflier nach Aden, wo sie ihren Geliebten erwarten wollte. Die Alternative wäre wahrscheinlich Salmes Steinigung gewesen. Zwar führte diese Flucht zu einigen diplomatischen Verwicklungen zwischen dem Sultanat Sansibar, Großbritannien und Deutschland, aber auch zur Hochzeit der beiden Verliebten (30. Mai 1867). Sie schifften sich bald darauf nach Hamburg ein, wo sie gebührend bestaunt wurden. Schließlich ging damals gerade eine wahre Woge der Orient-Begeisterung durch Europa, die dem Paar zugutekam. Von diesem Phänomen habe ich bereits weiter oben im Zusammenhang mit dem Maler Alexandre-Gabriel Decamps gesprochen. Allerdings kam das Paar in Hamburg ohne Säugling Heinrich an, der auf der Überfahrt oder schon vorher gestorben war.

An der Elbe setzt Ruete seine Tätigkeit als Kaufmann fort. Davon sind mir keine Einzelheiten bekannt. Dafür weiß ich, daß Salme, nach ihrer unumgänglichen Taufe Emily Ruete mit bürgerlichem Namen, durch die Flucht beträchtliche Besitztümer und zudem das Wohlwollen ihres Halbbruders Bargash verloren hat, der von 1870 bis 1888 auf dem Sultanthron sitzt. Die junge Familie wohnt in Hamburg-Ulenhorst an der Schönen Aussicht, Hausnummer 29. Sie erweitert sich binnen kurzer Zeit um drei Kinder. Am 6. August 1870 jedoch, kaum in der Heimat wieder Fuß gefaßt, stolpert der 31jährige Ruete just auf Ulenhorst beim Versuch, eine noch fahrende Pferdebahn zu verlassen. Angeblich wird er anschließend überrollt – ob von einem anderen Fahrzeug oder der Pferdebahn selber, bleibt in den spärlichen Quellen offen. Jedenfalls erlag der Gewürzhändler sechs Tage später seinen Verletzungen. Das Märchen war aus.

Da ihr die deutschen Behörden aus undurchsichtigen Gründen das Erbe ihres Mannes verweigern, bestreitet die verwitwete Prinzessin Salme alias Emily Ruete den Lebensunterhalt für sich und die Kinder mit Unterricht in Arabisch. Zudem veröffentlicht sie 1886 unter dem Titel Memoiren einer arabischen Prinzessin ein Buch, das sogar ein beachtliches Echo findet.** Später folgen (fingierte) Briefe nach der Heimat und ein Buch über Syrien. 2010 brachte Nicole C. Vosseler ihren Salme-Roman Sterne über Sansibar in dem für seine hochkarätige Literatur bekannten Verlag Bastei-Lübbe unter. Obwohl die Prinzessin bei Reisen nach Sansibar von Reichskanzler Fürst von Bismarck persönlich vor dessen diplomatischen Kolonialkarren gespannt wird, gelingt es ihr nicht, den Halbbruder zur Herausgabe ihrer Liegenschaften oder wenigstens einiger Araberpferde zu bewegen. Bargash empfängt sie noch nicht einmal. Erst 1922, nach dem Tod sämtlicher Halbgeschwister, gewährt ihr Neffe Khalifa bin Bargash, als nun amtierender Sultan, eine kleine Rente. 1888 war sie zum letzten Mal in ihre Heimat gekommen. Vor ihrer Rückreise nach Deutschland füllte sie einen kleinen Beutel mit weißem Sand vom heimatlichen Strand. Diesen Beutel pflegt sie stets mit sich zu führen. Für rund 20 Jahre lebt sie in Beirut, wo Sohn Rudolph als Diplomat tätig ist. Seit 1917 erneut in Deutschland, kommt sie 1920 im Hause ihrer Tochter Rosalie in Jena unter. Als sie dort 1924, beinahe 80, an einer doppelseitigen Lungenentzündung stirbt, wird der kostbare Sand aus Sansibar in ihrer Urne mitverstaut. Ihre Kinder dürfen die Urne im Familiengrab der Ruetes in Hamburg-Ohlsdorf beisetzen.

Obwohl Emily Ruete alias Sayyid Salme mehr als viermal so alt wurde wie des Fürsten Pücklers Gespielin Machbuba (die er in Ägypten gestohlen hatte), litt sie ähnlich stark an ihrer Entwurzelung, zumal sie auf den Trost ihres Mannes zu verzichten hatte. In ihren Memoiren hatte sie von einer unbeschwerten und bunten Kindheit gesprochen und dadurch, wie anzunehmen ist, in so manchem Hamburger oder Dresdener Hinterhof für glänzende, vielleicht auch ungläubige Augen gesorgt. Ihre Grabinschrift wurde von Theodor Fontanes Ballade Archibald Douglas entliehen: „Der ist in tiefster Seele treu, /wer die Heimat liebt wie du.“ Über diese Tugend kann man geteilter Meinung sein.

Werfen wir noch einen Blick auf Pferdebahnen, die für Zeitgenossen des Skateboards oder des Quads sicherlich exotischen Rang haben. Die Hamburger rotlackierten doppelstöckigen Wagen boten jeweils rund 50 Personen Platz. Dennoch konnten sie in der Regel von nur zwei Pferden ohne Schinderei gezogen werden, weil der Rollwiderstand dank der Schienen, in der sie liefen, vergleichsweise gering war. Wie in der Rubrik „Zeitgeschichten“ von Spiegel online zu erfahren ist, hatte die erste Pferdestraßenbahn Deutschlands ihren Betrieb am 22. Juni 1865 in Berlin aufgenommen. Die Hansestadt Hamburg sei ein Jahr darauf mit einer Linie zwischen dem Rathausmarkt und der Zollgrenze in Wandsbek gefolgt. „1877 war jedoch der Unterhalt der für den Betrieb notwendigen 383 Pferde zu aufwendig und zu teuer“, sodaß die ganze Straßenbahn auf Dampfkraftantrieb umgestellt wurde. Wie nicht anders zu erwarten, schrieb der Spiegel diese übliche volkswirtschaftsblinde Apologie des Fortschritts bedenkenlos aus den einschlägigen Museumsbroschüren ab. Sie hat lediglich den Betriebsgewinn im Auge. Der Aufwand, den Volkswirtschaft, Volksgesundheit und Volksmoral mit der Gewinnung von Stahl, der Fabrikation von Dampfmaschinen und der Beseitigung gewaltiger ökologischer Schäden haben, fällt unter den Tisch des Prokuristen der Straßenbahnbetriebe. Übrigens drängt diese Fabrikation „sachnotwendig“ nach Automobilen und Panzern, Kampfflugzeugen und Kernkraftwerken. Da dies alles inzwischen durchweg von Automaten erledigt wird, können die überflüssigen Arbeitskräfte nach Afghanistan, Mali, Sansibar oder in die „Arbeitsagentur“ geschickt werden.

Wahrscheinlich gäbe es heutzutage allein in Wandsbek mehr als 383 Hartz-IV-BezieherInnen, die sich gegen ein allgemeines Grundgehalt von 1.000 Euro liebend gern der Pflege von Zugpferden und dem Betrieb von Pferdebahnen widmen würden. In egalitär gestimmten Gemeinschaften entfiele sogar das Geld und der zu dessen Herstellung, Bewachung und Verwaltung erforderliche Riesenaufwand. Ihre erste Tat wäre es allerdings, Haupt- und Hansestädte aufzulösen. Sie würden die Welt wieder überschaubar machen. Und mehr noch: da mit der Jagd nach Profit, Rang und Ruhm auch die Eile und der Leichtsinn entfielen, wäre Rudolph Heinrich Ruete, hätte es diese egalitäre Gesellschaftsverfassung schon zu seiner Zeit gegeben, sehr wahrscheinlich beträchtlich älter als 31 geworden.

Zu den Sultanen, die sich Salmes Bitten gegenüber stur stellten, zählte ihr Halbbruder Khalîfa ibn Saʿîd, gestorben 1890 mit ungefähr 38 Jahren. Dabei wäre er ihr sogar etwas schuldig gewesen, hatte sie ihn doch dereinst nach einer (angeblichen) Palastintrige aus dem Gefängnis losgeeist, in dem er immerhin schon drei Jahre hatte schmoren müssen. Dafür zeigte er sich als Sultan der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft gegenüber durchaus freigiebig, denn er verpachtete ihr die Häfen und Zolleinnahmen der gesamten Küste. Die eine Freundschaft hört beim Geld auf, die andere beginnt mit ihm.

Der russische Naturforscher Alexei P. Fedtschenko (1844–73) ist vor allem für seine Arbeiten über die geologischen und botanischen Gegebenheiten in Turkestan, Zentralasien, berühmt, die er im Gefolge sogenannter „Expeditionen“ der militärischen Art erforschte. Die Gegend am Pamir, einem bis 7.650 Meter hohen Riesengebirge, war von Russen und Briten umworben. Fedtschenkos ersichtlich weitgespannte Neugier galt auch Käfern und Gletschern. Ab 1872 hielt er sich zu Auswertungsarbeiten in Europa auf, unter anderem an der Universität in Luzern, Schweiz. Im September 1873 – rund 100 Jahre vor Frank Sacherer, siehe oben – geriet er mit zwei, laut russischer Wikipedia „unerfahrenen“ einheimischen Begleitern in der Nähe von Chamonix bei der Besichtigung eines Mont-Blanc-Gletschers in ein Unwetter. Dabei soll er, erschöpft oder sonstwie angeschlagen, zusammengebrochen sein. Die Begleiter hätten Hilfe geholt, doch als ein Arzt eintraf, sei der 29jährige bereits tot gewesen. Seine Witwe Olga, eine Botanikerin, wurde noch 75.

Da der Hamburger Architekt, Lokalpolitiker und Reserveoffizier Hermann Eduard Heubel (1854–1907) für den kommenden Ersten Weltkrieg wahrscheinlich schon zu alt gewesen wäre, fiel er bereits 1907 bei einer Feier der Hammer Militärischen Kameradschaft als 52jähriger. Neben fünf Kindern hinterließ Heubel einige protzige Prunkstücke aus Stein, etwa den Heintzehof am Hamburger Alstertor. Der Sohn eines Bildhauers und gelernte Maurer war seit 1882 Mitinhaber des Baugeschäfts und Architekturbüros Krumbhaar & Heubel, später auch Mitglied der Hamburger Bürgerschaft gewesen. Überdies saß er im wichtigen „Geselligkeitsausschuß“ des örtlichen Architekten- und Ingenieurs-Vereins. Einer Festschrift dieses Vereins ist denn auch zu entnehmen***, bei jener Feier in Hamm (vermutlich die Großstadt in Westfalen) sei Heubels inhaltsreichem Leben am 28. Januar 1907 „ganz plötzlich und unerwartet“ ein Ende bereitet worden. Die „Kameraden“ feierten dort den Geburtstag Kaiser Wilhelms II. Kaum habe Heubel dabei „ein begeistert aufgenommenes Hoch auf den obersten Kriegsherrn ausgebracht“, sei er vom Schlag getroffen worden, versichern die Autoren. Leider ist hier Heubel gemeint, nicht der Kaiser, der am Vortage 48 geworden war. Dabei hätte man die beiden durchaus verwechseln können, wie ich aus einem in der Festschrift abgedruckten Portraitfoto schließe, das Heubel im Stehkragen zeigt. Beide Herren glänzten vor allem mit dem berüchtigten, beidseitig hochgezwirbelten Schnauzbart, über den der Berliner Tagesspiegel 2014 bemerkt: „Wie ein Reichsadler, der seine Schwingen in die Höhe reckt, prangt er unter der Nase des Hohenzollernfürsten. Millionen Männer eifern diesem Vorbild nach.“

* Irene Mayer-List in der Zeit vom 3. November 1989
** Axel Tiedemann im Hamburger Abendblatt am 28. Februar 2009
*** Denkschrift zum 50jährigen Stiftungsfest des Architekten- und Ingenieur-Vereins zu Hamburg, Hamburg 1909, S. 115/16



Rühl, August (1815–50), Politiker >Bangert, Heinrich



Fortsetzung S–Siu
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