Dienstag, 5. April 2016
Lexikon der Unfallopfer P–Q

Pacholski, Henry (1949–78), Rockmusiker >Gaines, Steve


Pagés, Fidel (1886–1923), Mediziner. Da ihm immerhin noch die Sicherung seiner Urheberschaft gelang, bevor er mit 37 Jahren in die Statistik der Straßenverkehrstoten einging, gilt der Spanier als Erfinder der sogenannten Periduralanästhesie. Sein Medizinstudium hatte er 1908 in Saragossa mit Auszeichnung abgeschlossen. Pagés wurde Militärarzt, machte sich durch Operationen und Veröffentlichungen einen Namen und legte 1921 auch die Beschreibung jener Methode der „regionalen“ Betäubung vor, bei der durch Einführung einer Injektionsnadel ins Rückenmark gezielt bestimmte, für eine Operation vorgesehene Körperteile schmerzunempfindlich gemacht werden können. Sie wird nach wie vor angewandt. Gewiß birgt sie, wie übrigens jede Form der Anästhesie, gewisse Risiken – sie dürften aber geringer sein als die Gefahren, die etwa auf den Kriegs- oder den Verkehrsteilnehmer lauern. Den verdienstvollen Militärarzt erwischte es am 21. September 1923 bei Burgos, als er sich, offenbar mit Frau und Kind, per Auto auf dem Rückweg von einem Urlaub im Baskenland nach Madrid befand. Laut Webseite* seines Berufskollegen Alberto Lancina Martin landete das Fahrzeug jäh vor einem Baum. Warum, verrät der Kollege nicht. Jedenfalls nehme ich an, der Doktor saß am Steuer. Er war auf der Stelle tot, während Frau und Töchterchen angeblich mit leichten Verletzungen davonkamen; von ihrer tiefen Beeindruckung, die ich doch vermute, wollen wir höflich schweigen. Wenigstens hatte das Töchterchen nicht unter der Vorhersagekraft seines Vornamens zu leiden. Es hieß Ascensión, zu deutsch „Himmelfahrt“.

Der Jenaer Optiker Carl Pulfrich (1858–1927), langjährig leitend in den Carl Zeiss-Werkstätten tätig, wurde zunächst, um 1906, auf dem linken Auge vom „Grauen Star“ und damit von halber Blindheit ereilt, ohne Zweifel auch schon ein übler Unfall. Das hinderte ihn erstaunlicherweise nicht daran, seine Forschungen fortzusetzen, die sich ausgerechnet hauptsächlich der Stereometrie, also dem räumlichen Sehen widmeten. Pulfrich erfand oder verbesserte zahlreiche optische (Meß-)Geräte. Heute erklimmt man in der Antarktis kurzerhand den 1.546 Meter hohen Pulfrich Peak, dann sieht man sogar ohne Hilfsgeräte schlagartig besser. Für Pulfrich selber wäre das vermutlich zuviel gewesen, jedenfalls mit 68. Als er in diesem Alter Ferien im Ostsee-Badeort Timmendorfer Strand bei Lübeck machte, erlitt er den zweiten üblen Unfall: er ertrank in der dortigen Bucht. Nach einer Kurzmeldung des Lübecker General-Anzeigers vom 18. August 1927 hatte ihn im Wasser, möglicherweise auch in einem Boot, vermutlich ein Herzschlag ereilt, da er ein guter Schwimmer gewesen sei. Ob seine Gattin Mathilde in der Nähe war, wird nicht erwähnt. Seine am 15. August von einem Schiff der Hanseatischen Jachtschule geborgene Leiche wurde nach Jena überführt.

Der Japaner Noguchi Hideyo (1876–1928) brachte es vom Sohn armer Bauern zum vieldiskutierten, freilich auch umstrittenen Mediziner und Bakteriologen. 1913 legte er einen bahnbrechenden Nachweis von Spirochäten im Hirngewebe von Patienten vor, die an „progressiver Paralyse“, also Lähmungen und anderen Störungen als Syphilis-Spätfolge litten. Um 1915 wurde er sogar für den Nobelpreis vorgeschlagen – ehe sich einige andere seiner „Entdeckungen“ als Enten erwiesen. Einen Hauptantrieb für Noguchis Ehrgeiz mag ein Pech aus seiner frühen Kinderstube abgegeben haben. Damals war er in die häusliche Feuerstelle oder auf den heißen Herd gefallen, wovon er eine verkrüppelte linke Hand zurückbehielt. Nun biß er also die Zähne zusammen und wurde statt Landwirt Arzt. Er arbeitete streckenweise in nordamerikanischen und afrikanischen Instituten und konzentrierte sich auf die Erforschung der Syphilis und des tropischen Gelbfiebers. Dabei griff er auch zu Experimenten mit Waisenkindern und Krankenhausinsassen, die ihm schlechte Kritiken in der Presse eintrugen. Nach einer Feldforschung in Ecuador 1918 schlug er offenbar einen Impfstoff gegen das Gelbfieber vor, der sich als Fehlschlag erwies. Möglicherweise hatte er Erreger verwechselt.

1928 konnte er seine Erforschung des Gelbfiebers unter dem Dach eines britischen Instituts in Ghanas Haupt- und Küstenstadt Accra fortführen. Bei seinen Experimenten mit Rhesusaffen – Experimente, die etwa in Europa so manchen Tierschützer auf die Palme brachten – steckte sich freilich der Chef selber, der wahrscheinlich ohnehin schon an Syphilis litt, mit dem Gelbfieber-Virus an und segnete mit 51 Jahren das Zeitliche, ohne den Nobelpreis mit ins Grab nehmen zu können. Er starb noch im Mai des Jahres in Accra im Krankenhaus. Wie es aussieht, hatte Noguchi auch auf die eigene Gesundheit wenig Rücksicht genommen. Laut englischsprachiger Wikipedia war er planlos, menschenscheu, vielleicht sogar „paranoid“, jedenfalls kein sonderlich umgänglicher Zeitgenosse. Dafür wandert er seit 2004 durch unzählige japanische Hände: er kam auf den neuen 1.000-Yen-Schein (ca. acht Euro).

Einen solchen Schein hätte Italo Svevo (1861–1928) vielleicht am letzten 12. September seines Lebens seinem Chauffeur zugesteckt, falls sie Triest heil erreicht hätten. Der jüdische Kaufmann und Schriftsteller aus Nordostitalien, seit 1898 in der Direktion einer Venediger Lackfabrik sitzend oder schwänzend, die seinem Schwiegervater gehört, hat Muße genug, um noch Geige und Englisch zu lernen. Von daher befreundet er sich 1905 in Triest mit seinem Englischlehrer James Joyce, der ihn bald darauf zu fördern sucht. Svevo ist zwar wohlhabend, aber nicht durch seine Veröffentlichungen, die erst spät eine gewisse Anerkennung finden. Das gilt auch für sein Hauptwerk, den Roman Zenos Gewissen von 1923, eine witzige Ausbreitung des eigenen Scheiterns durch den Klienten eines Psychoanalytikers. Svevo sprach von Jugend an fließend Deutsch und schuf auch eine italienische Übersetzung von Sigmund Freuds Traumdeutung. Was ihm naturgemäß wenig auf den gepflegten Fingernägeln brannte, war die seit Marx und Engels so genannte Soziale Frage. Die Unzulänglichkeiten unseres Gemüts und der Mangel an Unsterblichkeit, also die Angst vorm Tod, interessierten ihn. In seinem Tagebuch heißt es einmal: „Ich verstehe nicht, wie mir in meinem törichten Leben etwas so Ernstes wie das Alter zustoßen kann.“

Er konnte den Verfall nur zum Teil vermeiden, denn als er Mitte September 1928 mit Chauffeur, Gattin & Neffe in der Gegend zwischen Venedig und Triest in einem Auto saß, war er bereits 66. Beim Städtchen Motta di Livenza gab es einen Unfall, über den nicht viel zu erfahren ist. Laut Spiegel (10/1961) kam der Wagen gegen 15 Uhr auf regennasser Straße ins Schleudern und prallte, wie in Fidel Pagés' Fall, vor einen Baum. Svevo starb einen Tag darauf im Krankenhaus. Wahrscheinlich hatte er „nur“ einen Beinbruch erlitten, doch sein Asthma, Herzprobleme und eben allgemein jenes Alter taten das Ihre hinzu. Am Versuch, sich das Rauchen abzugewöhnen, war sein Zeno ebenfalls x-mal gescheitert. Vormittags bereits halb tot in seinem Krankenhausbett liegend, soll Svevo den Pfleger um eine Zigarette gebeten haben. Als dieser das Gift verweigert, beteuert und bettelt Svevo, es würde dieses Mal wirklich die letzte sein. Am Nachmittag war er dann in der Tat ganz tot.

* 20. November 2014


Paião, Carlos (1957–88), beliebter portugiesischer Schlagersänger, tritt im Fernsehen und bei verschiedenen internationalen Festivals auf, am 25. August 1988, wohl „live“, in Leiría. Anderntags auf einer Nationalstraße nach Lissabon unterwegs, stößt der 30 Jahre alte hübsche Mann mit seinem Kleinbus Datsun Urvan beim Städtchen Rio Maior frontal mit einem Lkw zusammen, was zumindest ihm das Leben kostet. Die mir zugänglichen Quellen sind dürrer als der schlanke Sänger. Das behauptet selbst die portugiesische Wikipedia – und erspart sich auf diese Weise viele Mühen, zum Beispiel einen Blick in die Blätter der damals folgenden Tage. Angeblich hatte der Lkw gerade ein geparktes Autowrack überholt – nun kam also das nächste. Der Vorgang soll umstritten sein. Über die Anzahl der Beteiligten erfährt man so wenig wie über die persönlichen Verhältnisse Paiãos, der ursprünglich Medizin studiert hatte. Hätte ich sein nicht eben umwerfendes Werk Cinderela lediglich im Ohr, hätte ich die durchaus angenehme Stimme des jungen bärtigen Künstlers einer Alt-Sängerin zugeschrieben.

Am frühen Morgen des 15. August 1990 ging dem 28jährigen Frontman der russischen „regimekritischen“ Rockband Kino Wiktor Robertowitsch Zoi (1962–90) auf einer Straße zwischen Riga und Talsi, Lettland, wie so vielen Menschen auf der Welt, „die Kontrolle“ über sein kräftig beschleunigtes Auto „verloren“. Er rammte einen Linienbus. Sein dunkelblauer Moskwitsch Aleko wurde zermalmt und Zoi getötet. „Einer der wenigen Gegenstände, die nach dem Unfall gefunden wurden, war das Band mit dem Gesang für das neue Album. Das Album wurde fertiggestellt und erschien unter dem Namen Schwarzes Album. Die verkaufte Auflage war gewaltig. Über 65 Jugendliche in der Sowjetunion nahmen sich nach dem Tod Zois das Leben, weil sie glaubten, es hätte ohne ihr Idol keine Bedeutung mehr“, heißt es in der deutschen Wikipedia. Die englischsprachigen und russischen Schwestern sagen, Zoi sei nach dem berauschenden Kino-Auftritt im Moskauer Olympiastadion (24. Juni, 62.000 BesucherInnen) und anschließenden Studio-Aufnahmen, wohl in Riga, noch auf Angelpartie gewesen. Die amtlichen ErmittlerInnen hätten keine Drogenspuren gefunden, dafür jedoch festgestellt, wahrscheinlich sei Zoi, bei rund 130 km/h, am Steuer eingenickt, vermutlich aus Übermüdung, und deshalb auf die Gegenfahrbahn geraten. Dagegen munkelten Fans, die auf einen Selbstmord aus Trauer verzichtet hatten, von einem finsteren Akt des KGB. Auf einer 2-Rubel-Briefmarke von 1999 ist von alledem nichts zu lesen.

Würde man noch die Comicbücher eines Künstlers kaufen, der sein Töchterchen beim Anzug eines Gewitters an eine einsame Feldulme bindet und dann verschwindet, um das Unwetter in seinem geparkten Auto abzuwarten? Richtig, man würde nicht. Deshalb bevorzugte es der 33 Jahre alte französische Comiczeichner und Werbegrafiker Yves Chaland (1957–90) an einem Julitag des Jahres 1990, die mörderische Angelegenheit gleich im Auto abzuwickeln. Er nahm seine vierjährige Tochter und übrigens auch deren Mutter, Isabelle Beaumenay, auf eine Geschäfts- oder Vergnügungsfahrt mit, weiß der Teufel. Wir wissen auch nicht, wer am Steuer saß, wie sich das Unglück (bei Paris) entfaltete und wer im Sinne des Gesetzgebers, der ja den Autoverkehr grundsätzlich legalisiert hat, „schuld“ an dem Ausrutscher war. Das tote Töchterchen vermutlich nicht. Alle Webseiten, vor allem die sogenannten „offiziellen“, sparen die Unfallumstände wohlweislich aus. Schließlich ist doch bekannt, die Kunst lebt vom Weglassen, und die Witwe, die „lediglich“ schwer verletzt wurde, lebt von einem hohen Ruf ihres verblichenen Gatten, auf den kein schnöder Schatten oder, sagen wir einmal, Regen fallen darf.

Anfang 1978 hatte sich Chaland wie viele andere seiner Zunft über einen bestimmten tödlichen Autounfall erschüttert gezeigt, dem keine anonymen statistischen Massen zum Opfer gefallen waren; vielmehr hatte es den belgisch-französischen Zeichner Maurice Tillieux (1921–78) erwischt. In diesem Todesfall weiß man sogar ein wenig Näheres: der 56jährige Spaßvogel kam gerade vom Internationalen Comic Festival in Angoulême*, als er bei Tours verunglückte. Chaland hatte ihn zu seinen großen Vorbildern gezählt – und war ihm ersichtlich noch im Ableben treu geblieben.

Obwohl Tomáš Holý (1968–90) aus Prag der bekannteste und beliebteste Kinderstar des tschechischen Films war, verwarf er eine künstlerische Laufbahn und studierte stattdessen Jura. Am 8. März 1990, einem Donnerstag, fuhr er mit Studienfreunden zum Vergnügen ins nordböhmische Lausitzer Gebirge hinaus, wenn ich nichts falsch verstanden habe. Der Ausflug hört sich ja durchaus angemessen zünftig an, hatte Holý doch einst als knuffiger Bengel Marke Ziegenhirt geglänzt. Nach Einbruch der Dunkelheit klemmte er sich im Rahmen von Kneipen- oder Partybesuchen für eine kleine Spritztour hinter des Steuer eines offenbar nagelneuen Skoda 120. Die Zahl der MitfahrerInnen bleibt unklar. Jedenfalls kommen diese mit dem Leben davon, können sogar Hilfe holen. Angeblich bei Eisglätte, war das rotlackierte Auto auf kurven- und gefällereicher Straße in der Gegend des Städtchens Nový Bor vor einen Baum gekracht. Fahrer Holý, 21, starb noch im Krankenwagen. Ob Betrunkenheit im Spiel war, ist in den Quellen umstritten. Ein Polizeibericht wird nirgends erwähnt. Vielleicht hatten die kommunistischen Behörden in jener „Wendezeit“ gerade Wichtigeres zu tun.

Wenige Wochen früher, im Januar, hatte der erst 16 Jahre alte Schauspieler und Student Ross Hill (1973–90), ein Adoptivsohn des berüchtigten, aus Italien stammenden US-Kino-Draufgängers Terence Hill, ein sehr ähnliches Ende genommen. Auf dem Rückweg von der elterlichen Ranch in sein Bostoner College soll er ebenfalls bei Eisglätte, nur dieses Mal in Stockbridge, Massachusetts, ins Schleudern und zu Tode gekommen sein. Auch hier stand ein Baum im Wege. Eine Meldung von La Repubblica (13. Februar) nennt Hill trotz seiner Jugend als Fahrer. Dummerweise erwischte es auch Hills gleichaltrigen Schulkameraden und Beifahrer, wohl Kevin Lehmann mit Namen. Das Mindestalter für die Erteilung einer vollgültigen „Fahrerlaubnis“ ist in den US-Bundesstaaten unterschiedlich festgelegt. In 15 Staaten steht es auf 16. Schießen darf man schon als Säugling.

Der Pfarrerssohn Erdmann-Michael Hinz (1933–50), ein frommer und künstlerisch begabter junger Mann, wurde im September 1950 mit 17 Jahren abberufen, obwohl er eigentlich erst noch einige Werke zu schaffen gedachte. Dem Bielefelder Pfarrer Lars Prüßner zufolge**, der dieser Angelegenheit manches Gute abzugewinnen weiß, war der angehende Bildhauer mit dem Fahrrad in oder bei Halberstadt, wo er im Elternhaus lebte und in einer Dachkammer modellierte, auf dem Weg zu einem befreundeten Pastor, als er unter die Räder eines „rücksichtslos fahrenden“ Lastwagens kam. Vater Paulus Hinz und der Fotograf Walter Mahlke sorgten 1951 für ein Buch über die Plastiken oder Entwürfe des „Frühvollendeten“, das 1967 (in der Ostberliner, später Leipziger Evangelischen Verlagsanstalt) bereits in 14. Auflage erschien. Man muß nur die richtigen Lobbyisten haben.

* Les coinceurs de bulles 2002
** Predigt vom 15. März 2015



Pallenberg, Max (1877–1934), Schauspieler >Mazagg, Siegfried


Palmer-Stoll, Julia (1984–2005), Schauspielerin >Mitchell, Taylor


Parker, Theodore Albert III (1953–93), Ornithologe >Gentry, Alwyn


Paterson, Thomas (1830–69), Ingenieur >Balfour, James Melville


Patton, George S. (1885–1945), US-General. Obwohl er die 3. US-Armee befehligte, die im Sommer 1944 in der Normandie landete, kann niemand erwarten, daß ich seinen Tod bedauere. Er kam eher zu spät. 1916 hatte eine von Patton geleitete automobilisierte „Strafexpedition“ im Rahmen des Kampfes gegen mexikanische „Aufständische“ den engen Mitstreiter Pancho Villas Julio Cardenas und zwei weitere Partisanen erschossen. Während zweier Weltkriege entfaltete er sein „cholerisches, ungerechtes, starrsinniges“ und wahrscheinlich auch grundsätzlich bösartiges Temperament* und beschönigte die faschistischen Umtriebe, die sich zunehmend in Deutschland breitmachten. Als er selber dort eingetroffen war und die Aschehaufen in verschiedenen KZs mit einigen Tränen benetzt hatte, betätigte er sich als Militärgouverneur von Bayern vor allem als Antikommunist.

Gleichwohl sah sich sein Chef Präsident Eisenhower im Herbst 1945 veranlaßt, Patton wegen erneuter öffentlicher Verharmlosung der Nazis zu rügen und strafweise in die Staaten zurückzubeordern. Für den 10. Dezember war Pattons Abflug geplant. Der 60jährige General kam der Verbannung jedoch mit guter Intuition zuvor, indem er mit seinem Stabschef (der 15. US-Armee im hessischen Bad Nauheim) Generalmajor Hobart R. „Hap“ Gay für den 9. Dezember eine kleine Fasanenjagd im Raum Speyer vereinbarte. Sie reisten standesgemäß in einem vom Gefreiten Horace Woodring gesteuerten Cadillac Series 75 an. Doch um 11 Uhr 45 war die Jagd an einem Bahnübergang in Mannheim-Käfertal schon vor dem ersten Schuß gestorben. Die schwere Limousine und Staatskarosse stieß bei mäßiger Geschwindigkeit mit einem allerdings keineswegs schwächeren US-Militär-Lastwagen zusammen, den Sergeant Robert L. Thompson lenkte. Thompson kam in gesundheitlicher Hinsicht so glimpflich wie Gay und Woodring davon. Patton dagegen landete, da er unglücklich auf eine Kante im Wagen geschlagen war, mit einem Halswirbelbruch ins Heidelberger Militärhospital, wo er knapp zwei Wochen später sein knochenhartes und eigentlich zähes Leben aushauchte.

* Die Welt vom 26. Februar 2013


Perner, Jan (1815–45), Eisenbahnbauer >Gilmer, Thomas W.


Pettai, Wladimir L. (1973–2011), Fußballschiedsrichter >Esono, Teclaire Bille


Pfannenstiel, Hermann J. (1862–1909), Gynäkologe >Kolletschka, Jakob


Philipp von Frankreich (1116–31), Prinz und Kunstreiter. An einem sonnigen Oktobertag des Jahres 1131 wühlte im Pariser Stadteil Greve ein Schwein in einem Unrathaufen am Ufer der Seine. Als ein Trupp Berittener vorbeitrabte, erschreckte es sich heftig genug, um einem Pferd aus dem Trupp zwischen die Beine zu rennen. Prompt scheute nun auch das Pferd und beförderte seinen erst 15 Jahre alten Reiter über seinen Schädel im hohen Bogen aufs Pflaster des Seine-Kais. Zum Unglück des Abgeworfenen zählte der Umstand, daß er nicht so gut gepolstert wie sein Vater war, der französische König Ludwig VI., genannt der Dicke. Deshalb gab Philipp von Frankreich, der als Ältester des Dicken Thronfolger und bereits Mitregent gewesen war, am folgenden Tag seinen durchaus aufs Wohl der Schweine, nicht aber der Bauern bedachten Geist auf.

Beweisfoto


Philo, Mark (1984–2006), Fußballer >Fehér, Miklós


Pietzker, Felix (1879–1913), Konstrukteur >Gluud, Hans


Pilâtre de Rozier, Jean-François (1754–85), französischer Luftfahrtpionier. Sehr wahrscheinlich kommt dem königlich geförderten Sohn eines Metzer Gastwirts die zweifelhafte Ehre zu, mit einem Begleiter die erste irdische Luftfahrt durchgeführt zu haben. Mit Sicherheit dagegen können er und ein anderer Begleiter als die ersten Todesopfer der Luftfahrt gelten. Nachdem er 1783 am Rande von Paris mit seinem Kameraden François Laurent d'Arlandes eine 25minütige Ballonfahrt (über 12 Kilometer), bei der sie sogar die Seine querten, ohne Unfall überstanden hatte, nahm der gelernte Apotheker und Physiker anderthalb Jahre darauf im Verein mit Pierre Romain, dieses Mal jedoch in einem selbstentwickelten Wasserstoff-Heißluft-Ballon, den Ärmelkanal und damit die britische Insel aufs Korn. Nach fünf Kilometern entzündete sich der Ballon in 900 Meter Höhe und ließ dessen Gondel unweit des nordfranzösischen Badestädtchens Wimereux und rund 300 Meter vor den möglicherweise schon besetzten Strandkörben auf die Erde krachen. Es war der 15. Juni 1785. Die beiden Luftfahrer starben auf der Stelle. Ludwig XVI. gewährte ihren Hinterbliebenen eine Rente. Rozier war 31, Romains 33 Jahre alt. Soweit ich sehe, wurde nur Rozier für den Spitzenplatz in der Liste der Luftfahrttodesopfer belohnt. Er bekam (1991) den Mondkrater Pilâtre, Durchmesser 64 Kilometer.

Die Pionierleistung des griechisch-russischen Ingenieurs Marinos Charvouris (1729–82) bestand darin, 1769/70 einen angeblich weit über 1.000 Tonnen schweren Granitfelsen allein durch Menschenkraft über 22 Kilometer von Laktha im Nordwesten von St. Petersburg bis in die Innenstadt zu befördern. Das Objekt dürfte ungefähr das Ausmaß eines Ein- bis Zweifamilienhauses besessen haben*, wurde allerdings im Laufe der Anfahrt und dann auf dem Dekabristen-, heute Senatsplatz durch Bearbeitung noch deutlich verkleinert. Wozu das gut gewesen sein sollte? Der Felsen war als Fundament für ein Denkmal vorgesehen, das Peter den Großen zeigt – ihn selber, sein Streitroß und eben auch seine Größe. Mit Hilfe einer eigens angelegten Trasse und einem großem Schlitten aus Metall, der auf einer Art von Kugellagern ruhte und von Seilwinden gezogen werden konnte, gelang die „logistische Meisterleistung“. Sie soll sogar ohne Unfälle und Personenschäden abgegangen sein. Zarin Katharina die Große (noch eine!) war begeistert und erhob ihren Offizier und Chefingenieur in den Generalsrang. Doch bald darauf geriet Glückspilz Charvouris, ähnlich wie der finnische Findling, auf eine Pechsträhne, auf der er bis zum vorzeitigen Tod schlidderte.

Zunächst starb seine Gattin Helena, eine Tochter des russischen Außenministers. Aus diesem Anlaß des Zarenreichs überdrüssig, erlitt er auf der Überfahrt nach Frankreich Schiffbruch und verlor seinen 11jährigen Sohn Giorgio. Er ließ sich mit seiner Tochter Sophia in Paris nieder, verfaßte ein Buch über Transportprobleme, verliebte sich in eine Französin und kehrte mit dieser (1779) auf die Insel seiner Kindheit zurück, Kefalonia vor dem westlichem griechischem Festland. Er erwarb ein Landgut im Städtchen Lixouri und baute mit Erfolg vorwiegend Baumwolle und Zuckerrohr an. Doch am 19. April 1782 soll der inzwischen ungefähr 53 Jahre alte Gutsherr mitsamt seiner Gefährtin ebendort erschlagen oder sonstwie ermordet worden sein. Während die deutsche Wikipedia von einem Überfall durch eine vom Festland übergesetzte Räuberbande spricht, murmelt ihre französische Schwester etwas von einem Streit mit seinen Beschäftigten. Die Quellenlage ist erbärmlich. Vom Naturell Charvouris' erfährt man ohnehin kein Wort. Da er jedoch von adeliger Herkunft und hoher Offizier war, sich zudem „Graf“ nennen ließ, dürfte er weder für LandarbeiterInnen noch für Wegelagerer und Strauchdiebe das ideale Objekt für Liebe und Rücksichtnahme gewesen sein. Vielleicht waren sie ja sogar vereint vorgegangen.

Das Glück der französischen Kleinbürgerin Sophie Blanchard (1778–1819), geborene Armant, wurzelte in ihrer Begegnung mit dem Ballonfahrer Jean-Pierre Blanchard, den sie wahrscheinlich 1804, mit 26, geheiratet hatte. Ihm war es 1785, im Gegensatz zu Rozier, gelungen, als erster die schon erwähnte Hürde „Ärmelkanal“ zu nehmen. Fünf Jahre nach seiner Hochzeit, 1809, ereilte ihn allerdings auf einer Ballonfahrt über Den Haag ein Schlaganfall, der zu seinem Ableben mit 55 Jahren führte. Die gelehrige junge Witwe, von Armut bedroht aber nicht faul, tat das Naheliegendste und dennoch so Revolutionäre: sie wurde professionelle Ballonfahrerin und Schaustellerin. Schließlich hatte ihr der Gatte immerhin einen noch unzerstörten Ballon hinterlassen. So versah sie dessen Gondel kurzerhand mit einer Schaukel, auf der sie bei verschiedenen festlichen Gelegenheiten, darunter der Hochzeit von Napoleon I. und Marie-Louise von Österreich, akrobatische Kunststücke zum Besten gab. Der Herrscher ernannte sie daraufhin prompt zur Kaiserlichen Aeronautin. Im September 1810 wurde sie, nur auf einem Seil unterhalb des Ballons sitzend, bei einer Vorführung in Frankfurt/Main in den bis 870 Meter hohen Taunus abgetrieben. Sie konnte eine Bruchlandung vermeiden, bezahlte das Mißgeschick jedoch mit Erfrierungen und einer monatelangen Zwangspause. Aufhören tat sie nicht.

Ein gegenteiliger Schaden sorgte dann am 6. Juli 1819 über dem Pariser Tivoli-Vergnügungspark für den Abbruch ihrer Karriere. Beim Versuch der 41jährigen Künstlerin, in 300 Meter Höhe vor dem Nachthimmel ein publikumswirksames Feuerwerk zu entzünden, geriet der Ballon in Brand. Die Folge war ein illuminierter Niedergang. Ernst Probst** behauptet kaum weniger wirkungsvoll, das Publikum habe den brennenden Ballon zunächst für einen besonders gelungenen Teil ihrer Darbietung gehalten. Die eigentliche Sensation habe den Schaulustigen erst gedämmert, als das lodernde Wrack auf den Dächern landete und sich Blanchard als zerschmetterte Leiche auf dem Straßenpflaster fand. Damit konnte die Menschheit die „mutige“ Frau, so Probst, als das erste weibliche Todesopfer in der Geschichte der Ballonfahrt feiern.

Der Ostseeanlieger Werner Delbrück (1868–1910) betrieb die Ballonfahrt wahrscheinlich nur als Hobby. 1910 kostete es die deutsche Volkswirtschaft drei Tote. Delbrück war von Hause aus Chemiker, ferner Reserveoffizier, zuletzt auch Reichstagsabgeordneter, vor allem jedoch, schon seit 1900, Direktor eines weitläufigen und als „schick“ geltenden, selbstverständlich kapitalistisch orientierten Badebetriebes in Heringsdorf, Usedom, den er von seinem Erzeuger Hugo übernommen hatte. Hier bewohnte er eine nette Villa. Seine tödliche Ballonfahrt begann am 3. April 1910 in Stettin. Das Ziel bleibt in meiner Quelle*** unklar. Es wurde sowieso nicht erreicht. Neben Delbrück, 41, als Kapitän befanden sich der Kaufmann Hein, der Bankbeamte Semmelhack und Stadtbaurat Karl Bendhuhn im Korb des Ballons, der Pommern hieß. Schon kurz nach dem Aufstieg verfing sich Pommern in Telegrafendrähten und warf außerdem einen Fabrikschornstein um. Dabei wurden sowohl die Gondel und einige Taue wie die Insassen mehr oder weniger schwer verletzt. Es folgte freilich noch eine dreistündige „Horrorfahrt“ des Ballons, wie der einzige Überlebende Semmelhack in einem Zeitungsinterview berichtet habe, das am nächsten Tage zu lesen war. Während stürmischer Wind den Ballon gen Rügen trieb, erwiesen sich Rettungsversuche seitens der verletzten Crew als vergeblich. Bei Sassnitz schlug der Ballon mit Gewalt auf die Ostsee. Nur Semmelhack habe sich trotz eines Beinbruchs vor dem Ertrinken bewahren und auf Pommerns Hülle retten können. Sassnitzer Fischer bargen ihn.

Der erfolgreiche britische Boxer und Cricketspieler Johnny Douglas (1882–1930) stammte aus betuchtem Londoner Hause. Folglich begab er sich im Spätherbst 1930 auf Geschäftsreise mit seinem Vater nach Finnland. Soweit ich sehe, ging es um Holzeinkauf. Da der Ex-Sportler schon 48 war, dürfte der Vater über 70 gewesen sein. Wahrscheinlich konnte auch der Vater das Ergebnis der Geschäftsreise nicht mehr genießen oder auch verwünschen. Auf der Rückreise nach London hatte das Schiff Oberon, auf dem sie fuhren, nämlich einen kleinen Zusammenstoß mit dem Schiff Arcturus. Das Unglück fand am 19. Dezember unweit der dänischen Insel Læsø im Kattegatt statt. Schuld soll weniger der dichte Nebel, vielmehr der Wunsch der beiden Kapitäne gewesen sein, im Vorüberfahren herzliche Weihnachtsgrüße auszutauschen. Sie seien zufällig Brüder gewesen. Durch den Zusammenstoß sank der Oberon. Es soll 40 Todesopfer gegeben haben****, darunter der verheiratete Sohn des Holzhändlers.

* Die englischsprachige Wikipedia gibt 7 × 14 × 9 m an, wobei wahrscheinlich rund 25 % wegen der unregelmäßigen Form abzuziehen sind. Damit hätte der Felsen kein Volumen von 882, vielmehr nur von rund 620 m³. Masse = Volumen × Dichte. Setzt man als Dichte von Granit 2,8 t/m³ an, ergibt sich für den unbearbeiteten Felsen ein Gewicht von 1.736 Tonnen. Das klingt immer noch ziemlich deftig. Wikipedia kommt aus mir undurchsichtigen Gründen auf „nur“ 1.500 Tonnen. Eine Diesellokomotive wiegt im Schnitt 80 Tonnen.
** Königinnen der Lüfte, Hamburg 2002, überarb. 2014, S. 36/37
*** Dieter Naumann auf ak-ansichtskarten.de, 2. Juli 2014 (vermutlich ähnlich in: Jasmunder Heimatheft, Nr. 3, Elmenhorst/Sassnitz 2015)
**** TheShipsList 2005



Pininfarina, Andrea (1957–2008), Sportwagenbauer >Larriva, Guadalupe


Pinsent, David (1891–1918), Sohn eines britischen Rechtsanwaltes in Birmingham und dessen sozialpolitisch tätigen Gattin. Vor allem aber war er für einige Jahre ein enger Freund oder Geliebter des „Philosophen“ Ludwig Wittgenstein, den er am Cambridger Trinity-College kennengelernt hatte. Andernfalls wäre Pinsent wohl lediglich in die Statistik der Arbeitsunfälle des Londoner Kriegsministeriums eingegangen. Sein damals noch unberühmter Freund aus Österreich, ein von Hause aus steinreicher, ansonsten zeitlebens seltsamer, gequälter Mann, war zwei Jahre älter als er. Wittgenstein studierte Philosophie, Pinsent Mathematik. Zwar war der kleingewachsene Mathematikstudent für den Kriegsdienst untauglich befunden worden, er durfte jedoch an aerodynamischen Versuchen der Royal Army teilnehmen. In diesem Rahmen kam er am 8. Mai 1918 bei Farnborough (südlich von London) als Co-Pilot des Leutnants L. F. D. Lutyens zu Tode. Es heißt, ihr Jagdflugzeug sei in der Luft auseinandergebrochen. Auch der Leutnant kam um.* Pinsent war 26. Wittgenstein widmete ihm (1922) sein schon beinahe grotesk überschätztes Werk Tractatus logico-philosophicus.

* Trinity College Library, 11. Juli 2014


Pissarew, Dmitri Iw. (1840–68), Schriftsteller >Fohr, Karl Philipp


Pistotnig, Jakob (1945–2001), Politiker >Köhlmeier, Paula


Pitron, Florence († 1929), ? >Amsel, Lena


Plank, Brunhilde (1956–2001), Politikerin >Köhlmeier, Paula


Platschek, Hans (1923–2000), Maler, Essayist, Hochschullehrer und einer der letzten unverbesserlichen RaucherInnen. In seinen mittleren Jahren hatte der vielgereiste Künstler so manchen Kollegen, der sich nicht der jeweils gerade angesagten Malmasche versagte, mit einer Reihe von Aufsätzen vor den Kopf gestoßen, die 1984 gebündelt im gelb eingeschlagenen Suhrkamp-Taschenbuch Über die Dummheit in der Malerei zu lesen waren. Im gehobenen Ton des Feuilletons gehalten, sprachen sie zwar streckenweise in Rätseln und auf Verdacht Dinge aus, die etwa Robert Gernhardt (möglicherweise von Platschek angeregt) schlichter und überzeugender sagte, pochten dabei aber gleichfalls und erkennbar auf handwerkliches Können gepaart mit kritischer Haltung. Diese angriffslustigen Ausfälle konnten weder Platscheks berufliche Laufbahn durchkreuzen noch sein Älterwerden verhinderen. Im Spätsommer 1999 gelang es dem erheblich jüngeren Kunsthistoriker Christian Demand, „nach vielem Drängen“ von dem 76jährigen zu Hause empfangen zu werden. Platschek lebte seit 1970 vorwiegend in Hamburg, dabei zuletzt in einer Atelier-Wohnung am Grindelberg, die ihm der Senat mietfrei zur Verfügung gestellt hatte. Bei seinem dortigem Besuch sei nicht nur Platscheks körperliche Hinfälligkeit offensichtlich gewesen, so Demand; der vielgelobte Essayist habe auch Mühe gehabt, sich zu artikulieren, und öfter den Faden verloren. Als dann „ein Pfleger“ das Abendbrot brachte, zog sich Demand wohlweislich zurück, wie er 2013 berichtet.*

Sich auf diesen Besuch einzulassen, dürfte bereits der erste Fehler Platscheks gewesen sein. Der zweite war dann die Zigarette. Wenige Monate später wurde er in seiner Wohnung tot aufgefunden, wie dem Hamburger Abendblatt am 11. Februar 2000 zu entnehmen war. Die Polizei habe Spuren eines vermutlich durch eine Zigarette ausgelösten Schwelbrandes entdeckt. Offenbar sei Platschek erstickt. Da werden wohl einige Nachbarn aufgeatmet haben: weil ihnen das Schicksal – um nicht von gewissen malenden und schreibenden Moralisten zu sprechen – keine Feuersbrunst zugemutet hatte.

Der US-Schlagzeuger des Dixieland und Swing Morey Feld (1915–71) stammte aus Cleveland, Ohio, hatte sich aber in gesetzterem Alter in Denver, Colorado, niedergelassen – wo er, mit 55, einem Brand in seinem Haus oder in seiner Wohnung zum Opfer gefallen sein soll. Er hatte in zahlreichen Gruppen gespielt, etwa unter Eddie Condon, Benny Goodman oder Michael „Peanuts“ Hucko, einem bekannten Klarinettisten, der später in Denver noch seinen eigenen Nachtclub eröffnete. In New York City hatte Feld für fünf Nachkriegsjahre auch in der Studioband des Hörfunksenders ABC getrommelt, anschließend seine eigene Schlagzeugschule betrieben. Ob ihn Hucko, eine Geliebte oder die Natur in die Millionenstadt am Fuße der Rocky Mountains zogen, geht aus den Quellen so wenig hervor wie die Art der Behausung, die Ende März in Flammen aufging, von der Ursache ganz zu schweigen. Es heißt lediglich, Feld sei beim Versuch umgekommen, den Brand einzudämmen.** Damit starb er wenigstens als Held.

Das Verhängnis der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (1926–73) war wie im Fall Platschek eine Zigarette, die sie vorm Einschlafen in ihrer Römischen Wohnung geraucht hatte. Sie starb mit 47. Der Vorfall erregte Aufsehen, weil die Tochter eines Klagenfurter Schulleiters und Doktorin der Philosophie nach dem Krieg mit Gedichten rasch zu Ruhm gekommen war. Im folgenden wurde sie in der Sparte Literatur sowohl mit prominenten Geliebten wie mit Preisen überhäuft, obwohl sie eigentlich antibürgerlich und feministisch orientiert war. In den letzten Jahren war sie stark von Alkohol und auch verschiedenen sogenannten Beruhigungstabletten abhängig, was FemBio einer „medizinischen Fehlbehandlung“ anlastet. Nicht wenige BeobachterInnen neigen zu der Ansicht, Bachmann habe vor allem die Kunst des Leidens beherrscht, voran an der Liebe und am Schreiben. Das drückte sich in oft hochgespannter, ja überanstrengt wirkender Prosa aus. Durch den Zimmerbrand vom Herbst 1973 erlitt die zugleich gefeierte und umstrittene „Dichterin“ zwar schwere Verletzungen; es heißt jedoch, sie sei dann im Krankenhaus vordringlich an ihren nicht beachteten Entzugserscheinungen „kollabiert“ und gestorben.

Ein nächster Raucher, der nicht an Lungenkrebs starb, war der britische Rockmusiker Steve Marriott (1947–91), zu Beginn seiner Karriere Frontman bei den Small Faces. Vollgepumpt mit Drogen, schlief er sehr wahrscheinlich mit seiner brennenden Zigarette, die gegen Morgen für Feueralarm sorgte, in seinem nahe London im Dorf Arkesden, Essex, gelegenen Landhaus im Alter von 44 Jahren ein. Während ihm selber aufgrund der Rauchvergiftung nicht mehr zu helfen war, konnten die Feuerwehrleute wenigstens Marriotts Gitarren und Verstärker retten. Kostbare Reliquien.

Ein anderes Landhaus lag bei Avignon in Südfrankreich. Es gehörte dem Schauspieler und Geschäftsmann Alain-Philippe Malagnac (1951–2000) und seiner Gattin Amanda Lear, einer möglicherweise „transsexuell“ gestimmten Allround-Künstlerin, die er 1979 geheiratet hatte. Seit 1964 war er allerdings der Geliebte und Günstling des betuchten, erklärtermaßen auf Männer und Knaben erpichten Schriftstellers Roger Peyrefitte, gestorben 2000 mit 93 Jahren in Paris. Malagnac ging nicht nur in dessen Werk ein; er erhielt auch beträchtliche finanzielle Unterstützung von Peyrefitte. Vermutlich erstreckte sich diese auch auf das Landhaus. Leider brannte es schon wenige Wochen nach dem Tod des greisen Autors ab, wobei Malagnac, inzwischen auch schon 49, sowie dessen 20jähriger Freund (oder Geliebter) Didier Dieufis, laut Guardian ein Katzenzüchter, durch Rauchvergiftung umkamen. Die Ermittlungen führten offenbar nicht zur Brandursache; die Quellen sprechen von einem Unglück. Hier und dort wird auch ein angeblicher „Selbstmord-Pakt“ zwischen Malagnac und seinem verstorbenen Förderer Peyrefitte ins Feld geführt. Lear, die oft als „die Disco-Queen mit der rauchigen Stimme“ vorgestellt wird, entging dem mutmaßlichem Unglück, weil sie sich gerade in Italien aufhielt. Sie lebt und heiratet bis zur Stunde und läßt die Welt nach wie vor über ihr Alter und ihr Geschlecht rätseln. Wahrscheinlich wurde sie bereits 1939 geboren, eventuell als Mann. Ursprünglich Mannequin, war sie längere Zeit eine Muse des bekannten spanischen Malers Salvador Dali gewesen. Einige Werke von diesem wurden bei dem Brand der Villa zerstört.*** Vielleicht waren sie gut versichert.

* Merkur, 2. Mai 2013
** Joe Mosbrook, Jazzed in Cleveland, 6. Juli 2004
*** Hamburger Abendblatt, 18. Dezember 2000



Plessis, Koos du (1945–84), weißer südafrikanischer Journalist und Liedermacher. Am 15. Januar 1984 frühmorgens kam er aus mir unbekannten, sicherlich aber unpolitischen Gründen mit seinem VW-Käfer zwischen den Städten Pretoria und Krugersdorp, wo er wohl inzwischen mit seiner Familie (drei Töchter) lebte, vom Fahrdamm ab und stürzte eine Böschung hinunter. Offenbar war der 38jährige ohne Begleitung gewesen. Das Wrack und Du Plessis' Leiche wurden erst im Laufe des Tages entdeckt.* Der Farmersohn soll im Liedschaffen auf Afrikaans trotz mäßiger kommerzieller Erfolge eine Leitfigur gewesen sein. Er spielte Gitarre, setzte jedoch auf seinen Alben gern Klavier und Geigen ein. Im Gesang tief und kehlig, könnte er Leonard-Cohen-VerächterInnen gleichwohl an die SüßwarenverkäuferInnen kalifornischer Strände erinnern, ob weiß oder schwarz. Über den letzten Farb- oder Geschmackszustand seines Gemütes ist nichts zu erfahren.

Toni Hiebeler (1930–84) aus Vorarlberg, Österreich, zuletzt in München stationiert, ist bemerkenswert, weil er nicht von einer steilen Felswand, vielmehr aus der Luft abstürzte. Er war Bergsteiger. Mit fortschreitendem Alter betätigte er sich allerdings hauptsächlich als Publizist, der über Berge und BergebezwingerInnen schrieb. Dabei soll er sogar beträchtlich genießbarer geschrieben haben, als er aufgrund seines rechthaberischen und herrschsüchtigen Naturells leibhaftig gewesen sein soll. Er fotografierte auch selbst. Anfang November 1984 war er für seinen geplanten Band Die Alpen im Luftbild südlich von Klagenfurt in Slowenien per Hubschrauber unterwegs. Bei Jesenice/Aßling prallte die Maschine, angeblich wegen überraschend aufkommenden Nebels, gegen eine Felswand. Neben Hiebeler, 54, kamen seine Frau (in unterschiedlichen Quellen mal Traudl, mal Erika genannt), der jugoslawische Alpinist Aleš Kunaver, 49, und der Pilot der jugoslawischen Miliz Gorazd Šturm um. Der Klagenfurter Neuen Kronen Zeitung zufolge beeilte sich ein Sprecher der Miliz zu betonen, der erfahrene Šturm habe durch seine kühnen Flugkünste schon zahlreichen Bergsteigern das Leben gerettet.** Ob Bergsteigen auch für den Aufbau des Sozialismus unabdingbar sei, sagte er nicht.

Was den US-Schauspieler und -Dramatiker Larry Shue (1946–85) angeht, finde ich eine kurze Luftnummer der deutschen Wikipedia noch am stärksten. Danach war der 39jährige aufgrund zweier erfolgreich laufender Komödien aus seiner Feder gerade im Begriff gewesen, „zu einem internationalen Star“ zu werden, als er, am 23. September 1985, „völlig überraschend“ bei einem Flugzeugunfall in Virginia umgekommen sei. Nur Todesfälle auf einer im Kleingartenteich treibenden Bananenschale sind noch seltener und unvorhersehbarer. Das Pendlerflugzeug mit 14 Personen an Bord stürzte westlich von Charlottesville in den George Washington National Forest. Es gab keine Überlebenden. Zu den frühen Stücken des Komödianten zählte die einaktige Farce Grandma Duck is Dead.

* namibiana.de, 21. November 2012
** Samstag, 3. November 1984, S. 13. Auf derselben Seite meldet das Blatt den Autounfall eines 18jährigen Lehrlings aus Rattendorf, der vor eine Mauer raste. Ein Toter, drei Schwerverletzte. Um das abzumildern, erwähnt es auch einen üblen Vorfall aus dem Nutztierbereich. Auf einem Hof in Weitensfeld wurde eine Kuh von einem Pferd erschreckt. Prompt ging diesmal die Kuh durch und trampelte die fünfjährige Birgit Schusser nieder, die ebendort gespielt hatte. Das kleine Mädchen wurde mit schweren Verletzungen ins Klagenfurter Landeskrankenhaus gebracht. Vermutlich per Auto oder Hubschrauber.



Plinius der Ältere (c.24–79), römischer Militär, Staatsmann und Schriftsteller. Seine Ausflüge in allerlei entlegene römische Provinzen, darunter welche in Spanien und Germanien, überstand der hohe Besatzungsoffizier und Gelehrte unbeschadet, weil er a) noch seine später berühmte vielbändige Naturgeschichte zu verfassen, b) den Ausbruch des am Golf von Neapel tätigen Vulkans Vesuv zu beobachten hatte. Der zeitlebens unverheiratete und kinderlose Hau- und Schreibdegen stand nämlich neuerdings der ebendort (in Misenum) stationierten römischen Flotte vor.

Die deutsche Wikipedia behauptet, durch einen Brief seines gleichnamigen Neffen („der Jüngere“) an Tacitus sei das Ende des älteren Plinius detailliert überliefert. Inwieweit dem Neffen zu trauen ist, läßt die bekanntlich stets um Neutralität bemühte Internet-Enzyklopädie dabei offen. Der Neffe – sogar vom Spiegel als „ultimativer Lobhudler“ bezeichnet* –hebt hervor, zwar hätten die jäh auftretenden schwarzen Rauchwolken zunächst das wissenschaftliche Interesse seines Onkels gekitzelt, doch dann habe er sich, Hilfeschreien folgend, mit einem Segelschiff um Rettung einiger von Lava bedrängten LandbewohnerInnen entschlossen. Seine Landung sei freilich von dem aufkommenden Ascheregen vereitelt worden. Darauf habe er doch lieber das bei Stabiae gelegene Landgut seines Bekannten Pomponianus angesteuert, um dort, vielleicht, in Sicherheit zu übernachten. Gegen Morgen habe man jedoch auch das Landgut verlassen müssen, weil dessen Gemäuer wegen starker Erdbeben einzustürzen drohten. An der Küste sei Plinius der Ältere – inzwischen 55 Jahre alt, stinkreich und ziemlich fett, da er Freßgelage schätzte und sich normalerweise von seinen Sklaven in einer Sänfte durch die Gassen tragen ließ – plötzlich tot zusammengebrochen. „Die direkte Todesursache gilt heute als unklar. Als mögliche Ursachen werden in der Forschung Tod durch Ersticken, Vergiftung, Asthma, Herzinfarkt oder Schlaganfall diskutiert.“

Im ganzen kostete der unerwartete Ausbruch des rund 1.300 Meter hohen Vesuvs – der als längst erloschen galt – im Jahr 79 bis zu 5.000 Menschen das Leben, wie in der Regel geschätzt wird. Die meisten davon waren und sind deutlich weniger berühmt als die beiden Pliniusse oder als etwa der berüchtigte, zuletzt flüchtige Kaiser Nero, der 69 in der Nähe von Rom ums Leben gekommen war. Wie, kann hier nicht verraten werden, da noch eine Arbeit über SelbstmörderInnen geplant ist.

Zahlreiche weitere Ausbrüche des Vesuvs folgten, zuletzt 1944. Sie kosteten weiteren Tausenden das Leben, doch der (Wieder-)Ansiedlungswille in der gefährlichen Gegend soll bis heute ungebrochen sein. Die einen nennen das Heimatliebe, die anderen Idiotie.

* Nr. 1/2009, 27. Januar


Poindexter, Alan Goodwin (1961–2012), Astronaut >McAuliffe, Christa


Pollock, Jackson (1912–56), US-Maler. Nach dem Krieg wirbelte Pollock mit seinem berüchtigten „Action Painting“ genug Staub auf, um die Preise für seine Gemälde bis zum Mond steigen zu lassen. Mit dem damit verbundenen Ruhm und Erwartungsdruck wird er allerdings (ähnlich wie Bachmann und tausend andere) nicht so leicht und schnell fertig wie mit seinen buchstäblich auf die Leinwand geworfenen Kunstwerken: er leidet bald an „Arbeitsblockaden“, was zum Beispiel bedeutet, je weniger er malt, desto mehr säuft er. Leider wurde aber sein Führerschein nicht mitblockiert. Pollock hatte mit seiner Gattin Lee Krasner unweit von New York City ein Haus in East Hampton auf Long Island. Dort baute der 44jährige Künstler am späten Abend des 11. August 1956 mit seinem grünlackierten Cabriolet Marke Oldsmobile 88 in betrunkenem Zustand einen schweren Unfall. Er nahm eine Kurve der ihm wohlbekannten Fireplace Road zu schnell und krachte in ein Gehölz. Seine Geliebte und Beifahrerin Ruth Kligman, 26, wurde „nur“ schwer verletzt; deren 25 Jahre alte Freundin Edith Metzger und Pollock selber dagegen bissen ins Gras. Aber die Witwe war ja unversehrt. Ihre Karriere als Vermögensverwalterin und Vermarkterin des bekannten „Actionpainters“ und vorbildlichen Verkehrsteilnehmers fing jetzt erst richtig an.

Wenige Wochen später kam der britische Entzifferungskünstler Michael Ventris (1922–56) schon mit 34 um. Er hatte das Licht der Welt in einer wohlhabenden Offiziersfamilie erblickt, wenn auch unter Beigabe von zunächst chronischem Asthma. So wuchs er teils in der Schweiz auf. Mit 30 Jahren erregte der gelernte Architekt, Navigator der Royal Air Force und Freizeit-Sprachforscher Aufsehen durch seine Entzifferung einer als Linear B bezeichneten antiken, mykenisch-minoischen Silbenschrift, von der sich einige in Tontafeln geritzte Fragmente auf Kreta gefunden hatten. Ventris' verblüffende Lösung ging 1952 über die Londoner BBC in alle Welt. Nach W. Andrew Robinson, der 2002 eine Biografie über den „genialen“ Entdecker veröffentlichte, soll dieser allerdings anschließend sowohl in seiner Ehe mit einer High-Society-Schönheit wie in seinem alten Beruf als Architekt vor erheblich weniger leicht lösbaren Problemen gestanden haben. Möglicherweise sei Ventris 1956 unweit von London in den frühen Morgenstunden eines Herbsttages mit seinem Wagen in selbstmörderischer Absicht vor einen geparkten Lkw geprallt.* Er starb kurz darauf an den Folgen.

Für den britischen Hornisten Dennis Brain (1921–57) hatten bereits prominente Komponisten wie Britten, Hindemith oder Malcolm Arnold Stücke geschrieben. Auch war er 1956 in der Londoner Royal Festival Hall am ersten Spezial-Auftritt des Spaßvogels und Tubaspielers Gerard Hoffnung beteiligt. In dessen dort präsentiertem Orchester soll Brain unter anderem eine Gummi-Schlauch-Pipe gespielt haben, die er sorgfältig stimmte, indem er sie mit einer Gartenschere beschnitt. Francis Poulenc schuf seine Elegie für Horn und Klavier in memoriam Dennis Brain naturgemäß erst 1958, nachdem der humorvolle Hornist, der auch leidenschaftlicher Sportwagenfahrer war, am 1. September 1957 nach einem auswärtigen Konzert (Symphonie Pathétique von Tschaikowski) versucht hatte, die 600 Kilometer von Edinburgh nach London mit seinem Triumph TR2 in weniger als vier Stunden zurückzulegen, wie ich einmal vermute. Der 36jährige kam kurz vor London von der Straße ab und prallte gegen einen Baum. Hätte Poulenc die Elegie auch dann geschrieben, wenn Brain in einen Pfadfinder-Trupp gerast wäre?

Als „Multifunktionär“ der westdeutschen evangelischen Kirche, so die Kennzeichnung durch Gerda Engelbracht, litt Volkmar Herntrich (1908–58) unter ständiger Zeitnot. Unter anderem war er Hamburger Landesbischof. So hetzte er von einem wichtigen Termin zum anderen, Gott wollte es so. Am 14. September 1958, einem Sonntag, war er gegen 20 Uhr, also schon bei Dunkelheit sowie bei einer erlaubten Höchstgeschwindigkeit von 90 km/h, auf der DDR-Transit-Strecke Richtung Ostberlin unterwegs. Für dort war der Umstieg in einen Zug nach Polen geplant, wo Herntrich als Teilnehmer einer Konferenz über Fragen der europäischen Minderheitenkirchen erwartet wurde. Er kam aber nur bis Nauen. Dort „raste“ sein Dienstwagen laut Spiegel (39/1958) in einen parkenden SU-Militärlaster. Dabei verlor der 49jährige Bischof sein Leben – mindestens er. Ich nehme an, sein schwarzer Mercedes 220 („mit verchromten Felgen“) war von einem Chauffeur gesteuert worden. Das Blatt nennt keine Einzelheiten, außer aus dem berstend prallen Terminkalender Herntrichs. Man kann sich dabei lebhaft ausmalen, wie Herntrich, die Abfahrtszeit seines Zuges vor Augen, seinen Chauffeur geradezu anfeuert, wenn nicht sich selbst.

Was die Zeit vor 1945 angeht, erscheint Herntrich in einem kurzen Portrait der Kieler Universität** als hartnäckig verfolgter Widerstandskämpfer, obwohl (oder weil?) er schon damals stets leitende kirchliche Posten bekleidete. Anschließend war er, in Hamburg, unter anderem als Direktor der Alsterdorfer Anstalten für „behinderte“ Menschen sowie als Chef des „Entnazifizierungs-
ausschusses“ seiner Landeskirche tätig. Eine glückliche Verbindung, konnte doch so auch Herntrich, wie Andrea Hauser schreibt***, „Persilscheine“ für Personen ausstellen, die im Rahmen derselben Anstalt vor dem Kriege „in rassenhygienische Maßnahmen verstrickt waren“, also etwa zur „Euthanasie“=Ermordung „minderwertiger“ Volksgenossen beigetragen hatten. Damit waren die betreffenden MitwisserInnen oder MittäterInnen entlastet. Laut Hauser wußte der zungenfertige Herntrich seine vergebende Vergabe selbstverständlich auch „theologisch“ zu begründen – in Wahrheit ein Aberwitz, den ich mir hier erspare.

* Alasdair Palmer im Telegraph am 21. April 2002
** Webseite der CAU, o. J.
*** „Das Leben verteidigen – die wechselvolle Geschichte der 'Euthanasie'-Aufarbeitung in den Alsterdorfer Anstalten“, Pdf o. J.



Ponce, Aníbal (1898–1938), Soziologe >Mazagg, Siegfried


Ponelle, Jean-Pierre (1932–88), Opernregisseur >Ebert, Friedrich A.


Popelka, Liselotte († 2014), Kunsthistorikerin >Basel, Alfred


Porter, Art junior (1961–96), Saxophonist >Ran, Avi


Postružnik, Bojan (1952–89), Bogenschütze >Ran, Avi


Powell, Richie (1931–56), Jazzpianist >Cless, Rod


Power, Tyrone (1797–1841), Künstler, >Bertero, Carlo


Proeski, Todor „Toše“ (1981–2007), Schlagersänger >Mullins, Rich


Proskowetz, Max von (1851–98), österreichischer Agronom, Reiseschriftsteller und Diplomat. Seine begüterte Herkunft ermöglichte ihm sowohl ausgedehnte Reisen wie die landwirtschaftlichen Versuche auf eigenen, kaum minder beträchtlichen Ländereien. 1888 etwa stieß er mit der neu eröffneten transkaspischen Eisenbahn als erster Österreicher bis nach Samarkand in Usbekistan vor. Auch darüber veröffentlichte er Berichte. Nebenbei pries er Kunstdünger und agitierte zum Ausgleich gegen Branntwein-Mißbrauch, besonders unter böhmisch-mährischen Landarbeitern – und Indianern. Sein letzter, 1897 übernommener „ehrenvoller“ Posten als Konsul in Chicago, Illinois, USA, war ihm jedoch, so Viktor Hantzsch*, nur für ein Jahr vergönnt. Als der 46jährige „eben eine Urlaubsreise nach Europa antreten wollte, um seinen greisen Vater zum 80. Geburtstage persönlich zu beglückwünschen, hatte er bei Fort Wayne in Indiana das Unglück, von der Plattform eines Eisenbahnwagens unter die Räder zu stürzen. Wenige Tage später, am 19. September 1898, erlag er im Hospitale der Stadt seinen schweren Verletzungen. Der Leichnam wurde von seinem Bruder Felix nach der mährischen Heimath überführt“, nämlich ins dortige Städtchen Kwassitz/Kvasice. Ob bei Von Proskowetz' Absturz Foul Play im Spiele war, MörderInnenhände etwa, oder durch Whisky verursachter Harndrang, verrät Hantzsch leider nicht.

Im Fall des aus Manchester stammenden britischen Physikers und Ingenieurs John Hopkinson (1849–98) sprudeln die Quellen nicht wesentlich ergiebiger. Nach einigen Jahren in der Industrie war Hopkinson in London Sachverständiger für Patente bei Gericht und schließlich, seit 1890, auch Professor für Elektrotechnik am King's College. Er hielt selber einige Patente, wohl im Bereich von Dynamos und Elektromotoren, und „entdeckte“ den später so genannten Hopkinson peak effect – wenn ich nichts falsch verstanden habe, eine Temperaturfrage magnetische Metalle betreffend. Sie führt uns geradewegs zum Bergunfall des vollbärtigen Professors. Er trug sich am 27. August 1898 am knapp 3.200 Meter hohen Petite Dent de Veisivi zu, der südlich von Sion, Schweiz, in den Walliser Alpen liegt, und kostete außerdem Hopkinsons ältestem Sohn John Gustave, geboren 1874, und zwei Töchtern, Alice and Lina, das Leben. Im ganzen hatte der 49jährige mit seiner Gemahlin Evelyn, geb. Oldenburg, sechs Kinder. Der Encyclopedia Britannica von 1911 zufolge wurden die näheren Todesumstände „nie ermittelt“, wobei es allem Anschein nach bis heute geblieben ist. Offenbar gab es keine Zeugen des Unglücks. Wo sich Evelyn Hopkinson gerade aufgehalten hatte, bleibt in den verfügbaren Quellen ebenfalls unklar. Andererseits waren offensichtlich Entdecker- und BergerInnen der Leichen vorhanden. Die letzteren wurden angeblich in Montreux am Genfersee bestattet, also rund 80 Kilometer weiter westlich – warum gerade dort? Gewiß, nach allem, was ich gelesen habe, handelt es sich um eine exklusive Lage ...

* ADB, Band 53 (1907), S. 129–31


Prüfer, Heinz (1948–2007), Rockmusiker >Mumford, Don


Puch, Johann (1862–1914), Industrieller >Malibran, Maria


Pulfrich, Carl (1858–1927), Optiker >Pagés, Fidel


Pütz, Nelly (1939–59), Kindergärtnerin >Higgins, Richard W.


Quandt, Harald (1921–67), Industrieller >Lema, Tony


Quimby, Harriet (1875–1912), Farmerstochter und Journalistin aus Michigan und erste US-Pilotin, auch die erste Frau, der ein Alleinflug über den Ärmelkanal gelang. Das war 1912 gewesen. 1906 hatte sie „bei einer Reportage über die Vanderbilt-Rennbahn ihre Leidenschaft für schnelle Fahrzeuge [entdeckt] und erwarb selbst ein eigenes Auto. Mit Mitte Dreißig war sie eine selbständige, erfolgreiche Frau, die durch die Welt reiste und ihre Eltern materiell unterstützen konnte“, stellt die deutsche Wikipedia sichtlich beeindruckt fest. Mit 37, am 1. Juli 1912, stürzte Quimby im Verein mit Veranstalter William Willard bei einem Schauflug über der Atlantikbucht von Boston, Massachusetts, ins Meer. 5.000 ZuschauerInnen.

Ich führe noch kurz ein paar weitere Pilotinnen auf, um mir keine Vorwürfe von feministischer Seite aus einzuhandeln. Die Französin Raymonde de Laroche (1882?–1919) war die erste Frau der Welt, die einen Pilotenschein erhielt. Nach zahlreichen Unfällen, auch per Auto, die sie nicht erschüttern konnten, starb sie endlich mit ungefähr 36 Jahren durch Absturz in Nordfrankreich. Bessie Coleman (1892–1926) aus Texas war die erste schwarze US-Pilotin. Absturz mit 34 bei Jacksonville in Florida. Die französische Pilotin Hélène Boucher (1908–34) heimste Ruhm durch einige Frauen-Weltrekorde ein. Als sie 26 war, fiel sie bei Versailles in einen Wald.

Die Lizenz der ersten Einfliegerin und Vorführpilotin in der deutschen Flugzeugindustrie Luise Hoffmann (1910–35) hatte sich erledigt, als sie erst 25 war. Sie verunglückte just in Ausübung ihres Berufes im November 1935 bei Wien. Ihre in Berlin hergestellte Bücker 131 „Jungmann“ hatte bei Nebel Bäume gestreift und Feuer gefangen. Die Bäckerstochter kam mit schweren Brandverletzungen ins Krankenhaus, wo die Gesundheitsindustrie noch gut drei Wochen lang um ihr Leben rang. Sie bekam in ihrer Heimatstadt Bochum ein Ehrenbegräbnis. Ein Poet der Wikipedia singt dazu: „Drei Heinkel 72 Kadett der Fliegerlandesgruppe, geschmückt mit Trauerflor, zogen über dem Friedhof ihre Kreise.“ Mitten im Faschismus.

In Nachschlagewerken wird Nelly Diener (1912–34) als „erste Flugbegleiterin der Swissair und Europas“ hervorgehoben. Vermutlich war sie Schweizerin, von Hause aus Krankenschwester. Ihren neuen Posten hatte die junge „blonde, lockige, langbewimperte Dame“, von der Presse zuweilen gar zum „Engel der Lüfte“ erhoben, Anfang 1934 angetreten. Kunden lobten sie unter anderem ihrer Fähigkeit wegen, ihnen durch gutes Zureden die „Flugangst“ zu nehmen. Noch im selben Jahr, nach bis dahin 78 Flügen, stürzte Diener, 22 Jahre jung, auf der Strecke Zürich–Berlin bei Wurmlingen in Baden-Württemberg ab. Die Curtiss AT-32 Condor hatte 12 Personen an Bord – keine Überlebenden.*

Rita Maiburg (1952–77), Tochter eines Bonner Architektenpaares, ist weniger deshalb erwähnenswert, weil sie, ab 1976, der erste weibliche Flugkapitän im Liniendienst zumindest der westlichen Hemisphäre war, sondern wegen ihres keineswegs in der Luft eingeleiteten Endes. Die 25jährige grünäugige, langmähnige Blondine, Größe 1,73, stieß am 2. September 1977 frühmorgens auf dem Weg zum Flughafen Münster-Osnabrück, Greven, wo sie das Cockpit einer Short 3-30 mit Ziel Frankfurt/Main zu erklimmen gedachte, mit ihrem Auto frontal mit einem Milchtankwagen zusammen. Nach Ernst Probst** sah es draußen ähnlich wie im Tankwagen aus: Nebel. Eine Woche später erlag Maiburg in einem Grevener Krankenhaus ihren schweren Verletzungen und sah gar nichts mehr.

* Webseite der Stadt Böblingen
** Auszug auf Flugzeugforum.de, 14. Februar 2006




Fortsetzung R
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