Montag, 21. März 2016
Lexikon der Unfallopfer N–O

Nardulli, Itaco (1974–91), Schauspieler >Mestre-Ferreras, Audrey


Nazoa, Aquiles (1920–76), Schriftsteller >Matter, Mani


Neefs, Louis (1937–80), Schlagersänger >Cafrune, Jorge


Neuhaus, Werner (1897–1934), Maler >Mazagg, Siegfried


Neumann, Elsa (1872–1902), Berliner Naturwissenschaftlerin aus wohlhabendem jüdischem Hause. Neumann war eine Pionierin: sowohl als erste Physikerin in der deutschen Hauptstadt wie als „Berlins erstes Fräulein Doktor“, so der griffige Titel eines Gedenkartikels* von Astrid Dähn. Dabei hatte die junge Frau 1899 nur dank einer Ausnahmegenehmigung promovieren können; mit dem Doktorhut auf ging sie dann freilich ruhmreich durch die Presse. Rundum fortschrittlich gestimmt, interessierte sich Neumann auch für die noch junge Luftfahrt; 1902 nahm sie als einziges weibliches Besatzungsmitglied an einem Flug des berüchtigten Zeppelins teil. Jungfernfahrt war erst zwei Jahre vorher gewesen. Es folgten etliche Abstürze oder ähnliche Unglücke der Riesenzigarre. 1913 fielen in Berlin, wo sie in der Tat brannte, allein 28 Tote an, wie ich schon früher unter >Gluud, Hans geschildert habe. Dem entging Neumann jedoch – weil sie 1902 bereits als Laborantin gestorben war. Sie hatte sich wegen der geringen Aussichten, als Physikerin beschäftigt zu werden, im privaten Berliner chemischen Laboratorium Rosenheim/Meyer eingemietet, „um dort in Eigenregie Experimente zur Elektrochemie zu machen“, schreibt Dähn. Im Juli 1902, vier Wochen vor ihrem 30. Geburtstag, habe sie ein Kollege tot im Labor vorgefunden. „Sie hatte sich mit Blausäure vergiftet, vermutlich aus Unachtsamkeit.“ Ob der angebliche Unfall amtlich untersucht wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Mehrere (oder alle) Geschwister von Elsa sollen später dem deutschen Faschismus zum Opfer gefallen sein.

* Berliner Zeitung, 24. Februar 1999


Neveu, Ginette (1919–49), Geigerin >Sarapo, Théo


Nie Er (1912–35), kommunistisch gestimmter Geiger und Komponist aus dem südwestlichen China. Ihm verdankt sein Land den 1934 geschaffenen Marsch der Freiwilligen, den die VR China später zu ihrer Nationalhymne erkor. Den grimmigen Text lieferte der „Dichter“ Tian Han. Der junge Komponist, Parteimitglied seit 1933, wirkte vor allem in Shanghai. Obwohl er zumindest in Yunnans Großstädten Yuxi und Kunming (seiner Geburtsstadt) klotzige Gedenkstätten bekam, sind die Nachrichten von Nie Ers frühem Ende, soweit ich sehe, dürftiger als ein vom Taifun heimgesuchter Bambushain, der freilich von mehreren Seiten aus fotografiert worden ist. Im April 1935 war Nie Er, inzwischen 23 Jahre alt, nach Japan gereist – sei es, um seinen älteren Bruder in Tokio zu besuchen, sei es um sich wegen drohender Verhaftung oder zwecks Kaderausbildung in die Sowjetunion zu begeben. Dazu kam es aber nicht mehr, weil er im Juli südlich von Tokio unweit der Küstenstadt Fujisawa sein Leben einbüßte, vermutlich in der bei Sommerfrischlern beliebten Sagami-Bucht, also im Pazifischen Ozean. Möglicherweise hat er nur mit Freunden gebadet; die Sowjetunion, als Fluchtziel, liegt schließlich auf der anderen Seite der Japanischen Inseln. Die örtlichen Behörden sollen einen üblichen „Tod durch Ertrinken“ festgestellt haben. Die chinesische Wikipedia scheint von einem Unfall zu sprechen. Auch sonst wird nirgends ein Anschlag gewittert. Heute wäre Nie Er 104 und vielleicht altersweise und hätte seinen Marsch der Freiwilligen, der in neoliberalen Gefilden endete, lieber wieder zurückgenommen.

Der Bremer Kaufmann und Eduscho-Gründer Eduard Schopf (1893–1935) hatte entweder zuviel Kaffee getrunken oder zuviel Kaffee verkauft. Mitte Juni 1935, knapp vor seinem 42. Geburtstag, wurde er beim Baden im Mözener See (bei Bad Segeberg), wo sein Geschäftspartner Bernd Rothfos, ein Kaffeeimporteur, ein Ferienhaus hatte, von einem Herzinfarkt ereilt. So steht es jedenfalls in allen Quellen. Laut Spiegel (10/1986) übertrug Witwe Friedel, geb. Hildebrandt, Gastgeber Rothfos umgehend Generalvollmacht über Schopfs Bremer Rösterei und zudem die Vormundschaft über den damals sechsjährigen Firmenerben Rolf Schopf. Dabei Böses zu denken, wäre sicherlich Seemannsgarn. Leider blieb es nicht bei dem einen Unglück. Um 1970 pflegten an der Frage, ob man und frau sich in einem Eduscho- oder aber in einem Tchibo-Stehcafe treffen sollten, nicht wenige Liebschaften, Parteifreundschaften und sogar Musikgruppen zu zerbrechen. Dieses Trümmerfeld wurde 1997 stillgelegt, indem die zuletzt genannte Firma die zuerst genannte schluckte. Fuchs Rothfos, schon seit 1923 mit Mika Benecke verheiratet, brachte es übrigens noch auf 99. Ob er nun mit Kaffeebohnen, Wildkräutern oder Gebrauchtwagen handelte, sie verwandelten sich unter seinen Händen zu Gold. Er sank 1998 in Hamburg mitsamt verschiedener Verdienstorden in sein Grab.

Der niederrheinische Maler Helmuth Macke (1891–1936) ist beträchtlich weniger bekannt als sein „expressionistischer“ Berufskollege, Freund und Vetter August Macke, der deutlich jünger starb. Helmuth Macke lernte oder malte teils in seiner Heimatstadt Krefeld, ferner in Berlin, München, Rom und Ascona, Schweiz. Man hatte ihm 1929 das Rom-Preis genannte Stipendium verliehen. 1933 ließ er sich mit seiner Frau Margarethe Barth, die er in Ascona kennengelernt hatte, in Hemmenhofen am Bodensee (bei Radolfzell, Kreis Konstanz) in einer alten Mühle nieder, was ihm bald darauf zum Verhängnis werden sollte. Den Ersten Weltkrieg hatte er immerhin überlebt. Er hatte sich (1913) ähnlich bereitwillig oder gar begeistert in den Militär- und Kriegsdienst begeben wie etwa August, der mit 27 Jahren gleich im September 1914 „fiel“, und zahlreiche andere künstlerisch tätigen Landsmänner. An der Front wich dieser patriotische Tatendrang in den meisten Fällen rasch Ernüchterung. So auch bei Helmuth Macke, zumal er im zweiten Kriegsjahr, in Frankreich, durch einen Granatsplitter schwer am Kopf verwundet wurde. Später lebte er als „Kriegsmaler“ in Mazedonien weniger gefährlich, fing sich freilich eine schwere Malaria ein. Er genas im Krefelder Elternhaus und blieb seinem mehr oder weniger unpolitischen Kunstcredo und seinen Sujets treu, die auf stark vereinfachte Weise Landschaften und Menschen zeigen. Dominik Bartmann warnt allerdings in seiner Monographie* vor leichtfertigen Urteilen über Mackes Gesamtwerk, da zwei Drittel seiner Arbeiten 1943 bei einem Luftangriff in seinem Elternhaus verbrannt seien.

Auf Mackes Gemälde Segelboot auf dem Bodensee von 1934 ist offensichtlich eine Dame mit von der Partie. Zwei Jahre darauf hat die Dame Glück, weil sie übergangen wird. Stattdessen unternimmt Mühlenbewohner Macke, inzwischen 45 Jahre alt, am 8. September 1936 eine Paddel- und Segeltour in seinem kleinen Boot in Begleitung eines „Bekannten“, den Bartmann nicht namentlich nennt. Schon weit in den Untersee hinausgetrieben, kommt Sturm auf, und das Boot kentert unweit der Insel Reichenau. Als die beiden Männer fast am Ende ihrer Kräfte sind, entdeckt sie ein Schiff im aufgewühlten Wasser und wirft Rettungsringe. Offenbar gelang es aber nur dem Begleiter, einen Ring zu ergreifen. Macke ertrinkt.

Frank Vosper (1899–1937), Sohn eines britischen Arztes, hatte sich früh dem Theater verschrieben, erntete sowohl als Schauspieler wie Dramatiker Erfolg und galt wegen seinen „modernen“ Stücken gar als „shooting star“ des britischen Theaters. Aber er wurde nicht erschossen. Anfang 1937 hatte er sich in New York persönlich um eine Produktion seines jüngsten Stückes Love From a Stranger gekümmert. Auf der Rückreise mit dem luxeriösen französischen Dampfer SS Paris ging er (am 6. März) im Rahmen einer gemütlichen Kabinenfeier nahe der südenglischen Küste über Bord. In zwei Stunden sollte das Schiff in Plymouth anlegen. Überall auf dem Dampfer wurde Abschied gefeiert. Vosper, angeblich von beträchtlichem Leibesumfang und zu seinem Leidwesen schon früh auf Rollen alter Männer festgelegt, hatte sich nach Mitternacht mit seinem „engen Freund“ Peter Willes, einem Schauspieler, in die Kabine der Tänzerin und britischen Schönheitskönigin Muriel Oxford begeben, wo sich eine Handvoll Leute mit Champagner zutranken. Im Laufe dieser Vergnügung und des Morgengrauens verschwand der 37jährige zunächst spurlos. Einige Tage später wurde Vospers Leiche als Strandgut bei Eastbourne gefunden.

Ob sich unter den Partygästen auch Ernest Hemingway befand, bleibt unklar. Der bärbeißige und trinkfreudige Schriftsteller zählte zu den Reisenden und half später die Meinung oder das Gerücht von einem Eifersuchtsdrama um die Tänzerin zu verbreiten. Oxford soll freilich ausgeschlossen haben, Vosper habe sich etwa wegen ihr in den Atlantik gestürzt. Nach ihrer Darstellung Scotland Yard gegenüber war sie einmal mit Vosper aus der Kabine getreten und dann allein wieder hineingegangen. Bald darauf habe man Vosper vermißt und gesucht. Die zeitgenössische Presse, darunter sogar die Nevada Daily Mail (8. März), spricht ohnehin von einer „gay party“. Vielleicht habe sich Vosper beim Nahen eines Stewards unerkannt verdrücken wollen und sei dabei auf einem tiefer gelegenen Dach oder Deck ausgerutscht und ins Meer geplumpst, mutmaßte etwa Willes, womöglich Vospers Geliebter. Jedenfalls sorgte diese Kabinenparty auf Wochen und sogar Jahrzehnte für Gesprächs- und Lesestoff.

Einen Monat darauf, am 8. April, berichtet The Argus, ein Blatt aus Melbourne, Australien, über die Anhörung vor der offiziellen Jury und deren Befund. Man erfährt, der ertrunkene Schauspieler und Dramatiker sei in guten finanziellen Verhältnissen und auch sonst gesund, nur seine Sehkraft sei schlecht gewesen. Daß ihn dieses Handicap wahrscheinlich nicht darin hinderte, attraktiven Mannsbildern schöne Augen zu machen, wird diskret angedeutet. Noch am Nachmittag habe er jedenfalls „einem Freund“ seine voraussichtliche Ankunft telegrafiert. Wichtiger war die Fensterfrage. Wie es aussieht, ging das Kabinenfenster unmittelbar auf die See. Und aus Gründen, die ich beim Wirrwar der Quellen kaum nachvollziehen kann, nahm man offenbar zuletzt an, Vosper habe den Fluchtweg durch dieses Fenster gewählt. Wegen der Dunkelheit und seiner Sehschwäche habe er aber vielleicht nicht erkennen können, daß sich darunter kein Deck, vielmehr bereits Wasser erstreckte. Die Frage, ob Vosper freilich überhaupt durch dieses Fenster (oder Bullauge) gepaßt hätte, wurde bei der Anhörung ungefähr so umfangreich erörtert, wie Vosper selber gewesen sein soll. Der Coroner meinte schließlich, Vosper hätte. Es sei jedoch unmöglich festzustellen, ob er absichtlich oder unfallweise über Bord gegangen und deshalb ertrunken sei – daher „open verdict“.

Vosters oben erwähntes Stück Love From a Stranger, das auf einer Erzählung von Agatha Christie beruht, wurde noch in seinem Todesjahr in London verfilmt. Topstars: Ann Harding und Basil Rathbone. Habe ich nichts falsch verstanden, geht es in dem Reißer um das böse Erwachen einer jungen Frau, die in einer abgelegenen lauschigen Hütte erkennen muß, daß sie ihren Geliebten, dem sie nach einem Lotteriegewinn den Laufpaß gab, durch einen attraktiven, allerdings auch habgierigen Killer ersetzt hat … Im Vergleich dazu wirkt das Drama an Bord der SS Paris doch reichlich blass.

* Recklinghausen 1982, bes. S. 36


Niemann, Albert (1834–61), Chemiker, Sohn eines Lehrers aus Goslar, wo Niemann auch mit 26 Jahren starb. Seinen naturwissenschaftlichen Doktor hatte der gelernte Apotheker im nahen Göttingen gemacht. Niemann gilt als erster Forscher, der aus in Peru geernteten (=gestohlenen) Blättern des Cocastrauches das von ihm so benannte, kristalline Kokain isolierte und dessen Eigenschaften untersuchte. Aber nicht dieser Stoff, der ihm als neue Arznei vorschwebte, brachte ihn um, falls meinen Quellen zu trauen ist. Vielmehr soll es das Senfgas gewesen sein, das erstmals 1822 von einem Belgier hergestellt und beschrieben worden war. Allerdings kann Niemann nicht als Kriegsopfer gelten, soweit war die Wissenschaft noch nicht. Er hatte einfach mit Senfgas experimentiert und sich dabei sehr wahrscheinlich eine schleichende, vor allem auf die Lunge schlagende Vergiftung und dadurch wiederum Infektionen zugezogen, die ihn im Januar 1861 ins Grab beförderten.* Der großartige Vorschlag (von 1916), das unter anderem hautverätzend wirkende Senfgas als Gift- und Kampfstoff einzusetzen, war Lommel und Steinkopf vorbehalten, zwei Mitarbeitern des noch heute hochangesehenen Professors Fritz Haber, Leiter des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physikalische Chemie in Berlin-Dahlem. Prompt wurde die neue Waffe, auch Schwefellost oder Gelbkreuzgas genannt, schon im folgenden Kriegsjahr an der Front eingesetzt und entfaltete ihre bekannte heimtückische und verheerende Wirkung. 1919 schanzte man Haber ähnlich prompt einen Nobelpreis zu – angeblich nicht für diese Leistung, vielmehr für Kunstdünger. Der befeuerte dann den Krieg gegen die Natur, wie wir inzwischen wissen.

* Andreas Hentschel in der Deutschen Apotheker Zeitung, Nr. 5/2011


Nievo, Ippolito (1831–61), Schriftsteller >Friedländer, Alexander


Nimier, Roger (1925–62), Schriftsteller >Lee, Belinda


Ninnis, Belgrave E. S. (1887–1912), Polarforscher >DeLong, George W.


Noguchi Hideyo (1876–1928), Mediziner >Pagé, Fidel


Nourrit, Adolphe (18o2–39), französischer Tenor, sang für alle berühmten Opern-Komponisten seiner Zeit, voran Rossini. 1830 in Brüssel soll das Auber-Duett Amour sacré de la patrie, das Nourrit mit einer Partnerin vortrug, sogar den berüchtigten Opern-Aufruhr des 25. August und damit die belgische bürgerliche Revolution ausgelöst haben. Nourrit war in sozialer Hinsicht aufgeschlossen, er schätzte die Ideen Saint-Simons. Er unterrichtete auch und schrieb Ballettmusiken. Als Tenor verstrickte er sich dummerweise in einen Konkurrenzkampf mit dem Kollegen Gilbert Dupréz, litt an Anfällen von Heiserkeit, zog sich 1836/37 von der Pariser Oper zurück. Bei Salonvorstellungen, die von Franz Liszt und anderen organisiert werden, kann er zeitweilig als Liedsänger glänzen, auch auf deutsch. 1837 geht er nach Italien, um sich in der neuen Gesangsart schulen zu lassen und vielleicht das Erbe von Giovanni Battista Rubini anzutreten. Aber er verliert beim Training im Gegenteil seine Kopfstimme, wird erneut heiser, leidet auch unter Gedächtnisstörungen, Leberschäden und gar Verfolgungswahn, wie es heißt. Seine inzwischen eingetroffene Frau ist entsetzt. Nach einigen Bühnenmißerfolgen soll sich der 37jährige Künstler Anfang März 1839 umgebracht haben. Verschiedene Internet-Quellen konkurrieren im Detail und sprechen von einem Sprung aus dem Fenster / vom Balkon / von einem Vordach des Hotels in Neapel, in dem er damals wohnte. Die Frau sprach natürlich von einem Unfall. Die wahrscheinlichste Wahrheit findet sich möglicherweise in Henry Pleasants' Werk A Tenor Tragedy: The Last Days of Adolphe Nourrit, Huddersfield, GB 1995. Aber Achtung, laut Douglas Martin* war der US-Musikkritiker, der seit 1964 in London lebte, im „Kalten Krieg“ zusätzlich oder zwischenzeitlich leitender Mitarbeiter des wenig klangschönen und selten zartbesaiteten Vereins CIA gewesen, dabei auch oder gerade in Bonn.

* „Henry Pleasants, 89, Spy Who Knew His Music“, New York Times, 14. Januar 2000


Nowicki, Matthew (1910–50), Architekt >Knickerbocker, Hubert


Nutter, Donald Grant (1915–62), US-Politiker >Bergen, Monika


Oakley, Berry (1948–72), Rockbassist >Allman, Duane


Obermeier, Otto (1843–73), Mediziner >Kolletschka, Jakob


Obeso, Candelario (1849–84), kolumbianischer dunkelhäutiger Soldat, Lehrer, Schriftsteller, vorübergehend auch Diplomat. Habe ich richtig verstanden, entsproß er der Liebesnacht zwischen einem Rechtsanwalt und einer Wäscherin. Zu literarischem Ruhm kam er, vor allem seiner „Lieder“ wegen, erst Jahrzehnte nach seinem eher unlyrischem Ableben mit 35 Jahren. Er hatte nach dem Besuch einer Militärakademie verschiedene Geisteswissenschaften und Sprachen studiert, doch aus finanziellen Gründen ohne Abschlüsse. Die Armut soll ihn ähnlich hartnäckig begleitet haben wie seine dunkle Ex-Sklaven-Haut, die ihm viele Nachteile und manche Demütigung eintrug. Seine langjährige Geliebte Zenaida, eine Näherin, gebar ihm drei Kinder, die freilich allesamt als Säuglinge beerdigt wurden. Als Autor war Obeso seit 1873 in Zeitschriften vertreten. 1876 soll er befehlshabend am „Bürgerkrieg“ teilgenommen haben – auf welcher Seite, könnte ich nicht sagen. Allerdings dürfte es vergleichsweise unwichtig sein, weil sich hier nur die beiden Hauptfraktionen der spanisch-kreolischen Elite um den Kuchen oder die Gruben und Plantagen stritten.

Ein Jahr darauf erschien mit Obesos Gedichtband Cantos populares de mi tierra das erste kolumbianische Buch eines Nichtweißen. Als Brotarbeit fertigte er auch zahlreiche Übersetzungen englischer, französischer und italienischer Werke unterschiedlichster Art an, ohne nun dadurch auf einen Grünen Zweig zu kommen. Er lebte mit seiner Gefährtin in Bogotá. Wo sie in der blutigen Juninacht 1884 war, hat mir das Internet so wenig verraten wie den Gemütszustand, der ihn zu seiner Remington-Pistole greifen ließ. Laut spanischer Wikipedia schoß er sich ins „Gedärm“, woran er einige Tage später starb. Während die Presse von einem Unfall sprach, vermuteten Freunde eher einen Selbstmord. Auf mich wirken beide Erklärungen merkwürdig, solange ich nichts Näheres weiß. Schließlich war dieser Schriftsteller ein durchaus waffenkundiger und gefechtsgeübter Mann. Gesetzt, er wollte sich umbringen, hätte er doch einem Bauchschuß sicherlich eine Kugel in Kopf oder Herz vorgezogen. Wo steckten sie also in jener Nacht, seine Gefährtin oder sonstige Feinde?


O'Hara, Frank (1926–66), Schriftsteller >Darnell, Linda


Olden, Rudolf (1885–1940), Rechtsanwalt und Autor >Granados, Enrique


Omar, Samia Yusuf (1991–2012), Leichtathletin >Böder, Volker


Ortega, José Gómez (1895–1920), spanischer Stierkämpfer. Dem einträglichen Geschäft seiner Zunft, voran der Züchter und VeranstalterInnen, werden in Spanien, trotz mancher Widerstände, nach wie vor jährlich 30.000 bis 40.000 Stiere geopfert. Über die Todesrate der Gegenseite finde ich keine Angaben. Sie dürfte aber vergleichsweise verschwindend gering sein – das gehört ja gerade zum Witz dieses befremdlichen „Spiels“ unter Ungleichen. Zum einen wird jeder Stier vor der Veranstaltung und vor deren Höhepunkt systematisch geschwächt; zum anderen hat er keine Ahnung, um was es in dieser Arena eigentlich geht.* Somit stellt Ortegas Ende in eben dieser Arena gewissermaßen eine rühmliche Ausnahme dar. Der Sohn eines Matadors und einer Tänzerin legte seinen ersten Stierkampf 1908 in Jerez de la Frontera, Andalusien, bereits als 12jähriger vor. Im September 1912, mit 17, wurde auch er zum Matador ernannt, womit er der bis dahin jüngste oberste „Töter“ oder „Schlächter“ von Stieren war, so die Übersetzung seiner Berufsbezeichnung. Nun war sein Ruhm nicht mehr aufzuhalten, vorläufig auch von keinem Stier.

Als ihn der bekannte Macho Ernest Hemingway 1932 in seinem Essay Tod am Nachmittag zum „besten Stierkämpfer aller Zeiten“ erklärte, war „Joselito“, so sein Kosename, freilich doch schon unter die Erde gekommen, auf der ja beide, der Mann mit dem roten Tuch und der Mann mit dem Repetiergewehr und der Schreibmaschine, schon so viel Staub aufgewirbelt hatten. Am 16. Mai 1920 wurde Ortega, inzwischen 25, bei einer Corrida in Talavera de la Reina, Toledo, vom Horn des Stieres „Bailador“ erwischt – und zwar „so unglücklich“, wie die deutschsprachige Wikipedia unübertrefflich formuliert, daß er kurz darauf an den Folgen seiner schweren Bauchverletzung starb. Nach dieser Sichtweise fiel der junge Spanier dummem Zufall oder höherer Gewalt zum Opfer – und nicht etwa seiner dummen Berufswahl.

Henry Higgins (1944–78), Sohn kolumbianisch-englischer Eltern, überbot Ortega insofern, als er ein Hans Dampf in allen künstlerischen und sportlichen Gassen war. In diesem Rahmen brachte er es als erster Brite zum Titel Matador. Daran hatte übrigens auch Beatles-Manager Brian >Epstein seinen Anteil, den ich bereits früher zu würdigen versuchte. Epstein hatte spitzgekriegt, daß sich Henry, zeitweilig Kunststudent in London, nach der Spanischen Gitarre für den Stierkampf erwärmt hatte und schoß ihm zur Förderung seiner Ausbildung oder Karriere Geld vor, denn Epstein liebte den Stierkampf selber. Möglicherweise liebte er auch Higgins selber, worüber Geoffrey Ellis allerdings nichts verlauten läßt.**

Jedenfalls bestand Higgins 1967 in Santa Cruz auf Teneriffa seinen ersten professionellen „bullfighter“-Auftritt. Vier Jahre später zog er sich freilich, inzwischen unter dem Künstlernamen „Enrique Cañadas“ ein durch Ausländer-Bonus durchaus erfolgreicher und beliebter „Schlächter“, wegen einer schweren Kampfverletzung schon wieder aus der Arena zurück. In der Großstadt Benidorm, Alicante, hatte ihn am 21. September 1971 ein Stier aus dem Stalle Sánchez Fabrés' erwischt, falls ich hier keine Namen verwechselt habe. Man glaube aber nicht, Higgins habe nun Postkarten vom Stierkampf gemalt oder in einer Rentnerband Flamenco gespielt. Er widmete sich vielmehr, neben den üblichen Geschäften, dem neuartigen Gleitflug. Bei der Ausübung dieses Sportes stürzte der 33jährige im Sommer 1978 unweit des südspanischen Küstenstädtchens Mojácar, wo er wohnte, tödlich ab. Dem US-Blatt Toledo Blade aus Ohio zufolge (15. August) war sein Absprunghügel 200 Fuß hoch gewesen, also keine 61 Meter. Allerdings war er nicht ins Mittelmeer, vielmehr auf hartes, vielleicht sogar felsiges Land, wenn nicht gar auf einen Bootssteg aus Norwegian Wood gefallen. Ursprünglicher Arbeitstitel des bekannten Beatles-Songs von 1965: This Bird Has Flown (Diese Chance ist vertan) ...

Als José Cubero Sánchez (1964–85) zum Matador befördert wurde, nämlich am 30. Juni 1981 in der Stierkampfarena von Burgos, Nordspanien, war er 17 Jahre jung. Viel älter wurde er auch nicht. Am 30. August 1985 strauchelte er in der Arena von Colmenar Viejo (bei Madrid), nachdem er dem Stier „Burlero“ bereits einen schulbuchreifen Todesstoß versetzt hatte. Der verärgerte Stier setzte ihm nach und rammte seinem auf dem Bauch oder auf der Seite liegenden Bezwinger ein Horn unters Schulterblatt, das diesem bis ins Herz fuhr. „El Yiyo“, so der Kosename des 21jährigen Matadors, hatte noch Zeit einem Kollegen zuzumurmeln: „Pali, er hat mich getötet“, wie anderntags El País zu entnehmen war. Dann hatte er sein Leben auch schon ausgehaucht. Ein anderer Künstler verwandelte ihn umgehend in ein möglicherweise kopfloses Denkmal aus Metall, das auf der Madrider Plaza de Toros de Las Ventas steht.

* Siehe bei Bedarf mein Stück Ein Freiläufer
** Ein Leben im Popmanagement, London 2004, deutsche Ausgabe Hamburg 2005, S. 85



Otto von Hessen-Kassel (1594–1617), ältester Sohn des Kasseler Landgrafen Moritz. Zwar wird Otto bereits als 12jähriger Knabe „Administrator“ der Hersfelder Abtei, aber es eilt auch, da er nicht alt werden sollte. Nebenher studiert er in Marburg, besucht Den Haag, London, Paris. 1613, als 19jähriger, geht er seine erste Ehe ein: mit Katharina Ursula, Tochter eines badischen Markgrafen, die freilich zwei Jahre später, mit 21 oder 22, schon wieder stirbt. In dieser Zeit zeugt der Erbprinz ein Kind, das totgeboren wird, und ein uneheliches Kind. Der Landgraf bezieht ihn zunehmend in die Regierungsgeschäfte ein. 1617 nimmt sich Otto Agnes Magdalene, Prinzessin von Anhalt-Dessau, als nächste Ehefrau. Wenige Wochen nach der prunkvollen Hochzeit wird der 22jährige in seiner Abtei von Röteln befallen und durch heftiges Fieber aufs Krankenlager geworfen. Zu allem Unglück belästigt ihn an einem womöglich heißen Augusttag vom Hof her ein anhaltend bellender Hund. Um ihn zum Schweigen zu bringen, greift Otto trotz seiner Schwäche zur Flinte. Doch der geplante Schuß auf die Töle löst sich beim Hantieren vorzeitig und zerreißt Otto selber die linke Brust, sodaß ihn die herbeieilenden Diener in seinem Blute liegend finden.* Noch am selben Tag verlöscht der Erbprinz. Das dritte Opfer dieser im großen und ganzen kostspieligen Adelsposse ist Agnes Magdalene, die ihren Witwensitz, das Schloß im nahen Eschwege, auch nicht lange genießen kann, da sie keine 10 Jahre später, warum auch immer, gleichfalls jung stirbt: 1626 mit 36.

* Christian Röth: Geschichte von Hessen, Kassel 1856, S. 256


Otway, Thomas (1652–85), Dramatiker >Jendis, Matthias


Owen, Maribel (1940–61) & Laurence (1944–61), US-EiskunstläuferInnen >Bacigalupo, Valerio



Fortsetzung P–Q
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