Montag, 14. März 2016
Lexikon der Unfallopfer Mb–Mz

Mbiahou, Lorenzo (1977–2014), Filmemacher aus Kamerun, zeitweise in Europa beschäftigt. Am 24. Juli 2014 saß Mbiahou, 36, neben seinem zwei Jahre jüngeren Freund und Berufskollegen Bakary Diallo (1979–2014) aus Mali in einer algerischen Linienmaschine, die von Burkina Faso nach Algier unterwegs war. Die schwarzen Künstler hatten in Bobo-Dioulasso, einer Großstadt in Burkina Faso, an einem Workshop der UN-geförderten AfricaDoc teilgenommen und dann noch auf dem Lande Ferien gemacht. Beide galten in Fachkreisen als große Hoffnungen des afrikanischen Films.* Doch die McDonnell Douglas MD-80 kam nicht sonderlich weit. In einem Wüstengebiet in der Gegend der Stadt Gao, Mali, stürzte sie ab. Wie ein Jahr darauf der Spiegel unter Berufung auf einen französischen Untersuchungsbericht meldete**, waren weder Gewitterstürme noch die bekannten ausländisch befeuerten Kriegswirren in Mali schuld, vielmehr ein Versäumnis der Piloten, das zu „vereisten Sensoren“ geführt habe. Es gab keine Überlebenden. Zu den 116 Todesopfern zählte auch die vierköpfige Familie einer deutschen sogenannten Entwicklungshelferin. Vielleicht hatte sie Kurse zur Vermeidung des Zufußgehens oder zur Enteisung von Sensoren abgehalten.

* Africa Top Success, 28. Juli 2014
** 4. April 2015



McAuliffe, Christa (1948–86), fortschrittliche US-Lehrerin, zuletzt an einer High School in Concord, New Hampshire. Ihre große Chance kam 1984, als ihr Präsident, Ronald Reagan, das Programm Teachers In Space auslobte. Neben über 11.000 anderen emanzipierten Frauen bewarb sich McAuliffe – und gewann. Am 19. Juli 1985 erhielt sie die Nachricht von ihrer Erwählung. Jetzt war sie nicht mehr „von einem der spannendsten Berufsfelder“ ausgeschlossen, „die es gibt“, frohlockte sie laut deutscher Wikipedia. Und FemBio zufolge war sie als Nicht-Astronautin dazu ausersehen worden, „das Raumfahrtzeitalter menschlicher zu machen“. Diesem Zweck sollten auch zwei 30minütige Lektionen dienen, die sie von unterwegs via Fernsehen in alle irdischen Schulen, Haushalte und Wellblechhütten zu bringen gedachte. Schon sechs Monate nach jener Erwählung, am 28. Januar 1986, war es so weit. Da saß die 37jährige Lehrerin und Mutter zweier Kinder glücklich in der US-Raumfähre Challenger (Herausforderer), die nur eine gute Minute nach dem Start auf Kap Canaveral, Florida, in der Luft zerbarst. Alle sieben Besatzungsmitglieder kamen um. Was die einzige Heldin ohne Glied betrifft, weihte man ihr neben ein paar außerirdischen Kratern und mindestens 40 über die Erde verstreuten Schulen im Rahmen eines Raumforschungs-Museums in Concord, dem Ausgangsort ihres kosmischen Wirkens, eine eigene Pyramide.

2003 brach die US-Raumfähre Columbia erst nach gut 14tägiger Mission auf der Heimreise, beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre, auseinander. Mit ihr verglühte auch dieses Mal eine vollständige siebenköpfige Besatzung, doch gehörten dieser immerhin bereits zwei Frauen an. Die Quote hatte sich also deutlich gesteigert. Wenn auch nicht der Anteil der Toten. Frühere Helden der Raumfahrt finden sich unter >Freeman, Theodore.

Alan Goodwin Poindexter (1961–2012) zählte zu den Glückspilzen der Raumfahrt. Als er Ende 2010 als 49jähriger den aktiven Dienst im US-Astronauten-Korps quittierte, hatte er nämlich schon zwei Raumflüge überlebt. Im folgenden war er (in Monterey, Kalifornien) als Ausbilder tätig, aber nicht sehr lange. Er biß am 1. Juli 2012 in Pensacola, Florida, bei einem „Jet-Ski“-Unfall ins Gras beziehungsweise Wasser. Bei diesem Freizeitsport braust man mit einer Art Motorrad über die jeweilige Wasserfläche. In diesem Fall handelte es sich um den Golf von Mexiko. Bei dem sonntäglichen Strandvergnügen in der Little Sabine Bay waren Poindexters zwei (erwachsenen) Söhne beteiligt. Einer von diesen krachte mit Karacho in den kaum beschleunigten oder parkenden „Jet“, auf dem sein Vater mit seinem Bruder saß. Beide Söhne blieben unversehrt. Der Vater wurde ins nächste Krankenhaus geflogen, dort aber alsbald für tot erklärt.* Ein ödipal gelenkter Anschlag wird nirgends vermutet.

* space.com, 2. Juli 2012


McRae, Colin (1968–2007), Autorennfahrer >Abe, Norifumi „Norick“


Méano, Francis (1931–53), französischer Fußballspieler. Der junge Außenstürmer war mit seinem Club Stade de Reims gerade erst französischer Meister geworden. Als er am Nachmittag des 25. Juni 1953 in Begleitung seiner Ehefrau, seines Vaters, seines Schwagers Antonio Abenoza (der bis zum Vorjahr zweiter Torwart bei Stade gewesen war) und dessen Ehefrau nahe Witry-lès-Reims auf der schnurgeraden Route Nationale 51 in einem Privatauto fuhr, war er 22 Jahre alt. Ihnen entgegen kam ein schwer beladener Lastwagen. Der Zusammenstoß kostete allen sechs beteiligten Insassen das Leben. Hätte man den Fünfen in ihrem Citroën vor Fahrtantritt erzählt, was der Lkw-Fahrer gemäß einer vielzitierten deutschsprachigen Internet-Enzyklopädie geladen haben würde, wären sie sicherlich mit der Eisenbahn gefahren: Grabsteine. Ein Einzelbeleg fehlt. Im restlichen Internet taucht diese schwerwiegende Fuhre nicht auf.


Meggenhofen, Ferdinand (1760–90), Schulinspektor >Bernoulli, Jakob II.


Meroni, Gigi (1943–67), Fußballspieler, zuletzt beim AC Turin unter Vertrag. 1949, als sich dieser italienische Spitzenclub durch einen Flugzeugabsturz, wie unter >Bacigalupo, Valerio nachgelesen werden kann, mit einem Schlage um fast die komplette Erste Mannschaft beraubt sah, bolzte Gigi Meroni, eigentlich Luigi mit Vornamen, noch als Knirps in den Bergen am Comer See herum. Er selber sollte in Turin als Fußgänger sterben, 24 Jahre alt.

Meroni war in beengten proletarischen Verhältnissen aufgewachsen. Mit zwei Jahren hatte er seinen Vater verloren. Die Mutter brachte ihre drei Kinder mit Heimarbeit für die Textilindustrie durch. Der schlacksige Gigi erwies sich auf dem Fußballfeld als ausgesprochen leichtfüßig, spurtschnell und trickreich, sodaß ihn die „Späher“ bald in den Profifußball lockten. In Turin wurde er zum gefeierten Flügelstürmer. Daran konnte auch sein exentrischer, wenig katholischer Lebenswandel als pilzköpfiger modebewußter, sogar malender Beatnik und „wilder“ Ehemann nicht rütteln. Vermutlich hatte er auch schon ein eigenes Auto, doch zu der Bar, wo er und sein Kamerad Fabrizio Poletti am verhängnisvollen Sonntagabend ihre Bräute treffen wollten, gingen oder eilten sie zumindest das letzte Stück zu Fuß. Torino, wie der Club auch hieß und heißt, hatte an diesem 15. Oktober 1967 das Heimspiel gegen Sampdoria Genua gewonnen, 4:2. Anschließend hatte die Mannschaft gemeinsam gespeist. Als die beiden gesättigten Ballkünstler nun ihren Wagen geparkt hatten und den verkehrsreichen Corso Re Umberto zur Bar hin überqueren wollten, kamen von rechts gerade Autos, weshalb sie auf dem Mittelstreifen innehielten und sogar leicht zurückwichen. Prompt wurden sie von hinten von einem Auto des Gegenverkehrs erfaßt. Während Poletti nur leicht am Bein verletzt wurde, sei Meroni in die Luft geschleudert und noch von einem anderen Auto 50 Meter weitergeschleift worden, heißt es in den meisten Quellen.

Meroni erlag noch am selben Abend seinen schweren Verletzungen. Der 19jährige Arztsohn und Student, der ihn mit seinem Fiat 124 Coupé angefahren hatte, entpuppte sich als glühender Anhänger der Torinos. Ein Foto, das Meroni zeigte, hing über seinem Bett. Das 4:2 vom Tage hatte er im Stadion beklatscht. Aus dem Gerichtsgebäude kam Attilio Romero, so hieß er, mit einem Freispruch. Die beiden Fußballer auf dem Mittelstreifen des Corsos hatten zum Beispiel einen nahen Zebrastreifen mit Ampeln ignoriert. Und im Grunde hatten sie ja auch gar nichts gegen flotten Autoverkehr gehabt. Doch die Ironie der „Freien Marktwirtschaft“ liebt Verschachtelungen. 2000 wurde ausgerechnet dieser vor gut 30 Jahren freigesprochene Verkehrssünder, Attilio Romero, geboren 1948, zum Präsidenten jenes Clubs gemacht, für den Flügelstürmer Meroni die Flanken in den gegnerischen Strafraum geschickt hatte, ehe er selber, von Romero, in die Luft geschleudert wurde. Gewiß, Romeros Ernennung und Amtsführung waren umstritten, und 2005 hatte er den Club erfolgreich in die Pleite getrieben, so jedenfalls Birgit Schönau.* Und dieses Mal wurde Romero, wegen betrügerischer Machenschaften, sogar bestraft. Er bekam zweieinhalb Jahre Haft, die er freilich nicht antreten mußte.

Ein Jahr nach Meroni kam Henri Frick († 1968), Sohn eines in Frankfurt/Main lebenden linken Schriftstellers, ebendort mit 10 Jahren unter ein Auto. Die näheren Umstände werden selbst durch Hans Fricks schmales Buch Henri (von 1970) nicht deutlich, mit dem der Vater versuchte, seines Entsetzens und seiner Schuldgefühle, übrigens auch seiner Trunksucht Herr zu werden. Jedenfalls war er am Todestag nicht mit seinem Sohn gemeinsam unterwegs gewesen. Ob Frick selber Autofahrer war, bleibt ebenfalls unklar. Leider wird die ganze Dramaturgie und Ausdrucksweise des laut Nachwort** „authentischen“ Buches von dieser Art Verschwommenheit getragen. Das ist dem Anliegen des Autors, eine herz- und rücksichtslose, „brutale“, ja „mörderische“ bundesdeutsche Gesellschaft anzuprangern, nicht gerade zuträglich. Nebenbei bemerkt, befremdete mich Fricks Behandlung sowohl der (namenlosen) Mutter Henris wie der Frauengestalt Nadja: eine Behandlung, die mich einen kräftigen selbst- und herrschsüchtigen Zug des Adorno-Anhängers befürchten ließ. Vielleicht war der Zug ja nicht „permanent“ – Fricks Lieblingsfremdwort, getreu der damaligen Zeit. Der Schriftsteller erlag 2003 mit 72 schwerer Krankheit.

Schon 1941 war der 5jährige Barnaby Milford, Sohn einer Sängerin und eines Komponisten, im britischen Linksverkehr getötet worden. Nach Peter Hunter (2009) hatte ihn sein Vater Robin, wohl in Epsom bei London, am 3. Mai zum Kauf von Manuskriptpapier in einen nahen Laden ausgesandt. Dabei wurde der Bub, der sein Kinderrad genommen hatte, von einem Lieferwagen umgefahren. Der Vorfall schwang vermutlich noch bei Robin Milfords Selbstmord im Jahr 1959 mit.

* 11 Freunde, Dezember 2014
** von Eberhard Günther in der Ostberliner Ausgabe von 1972



Mertz, Xavier (1882–1913), Polarforscher >DeLong, George W.


Mestre-Ferreras, Audrey (1974–2002), französische Taucherin und Rekordwahnsinnige. Auf diesem Planeten kreist und taumelt die Moderne in jeder Himmelsrichtung und in allen Belangen um das Mehr. Es hat nicht den Vorteil guten Wassers, guter sonstiger Güter oder guter Gesetze, guter Arbeit oder guten Lebens, vielmehr guter Meßbarkeit auf seiner Seite. Allerdings muß es tiefe anthropologische Wurzeln haben, denn welcher Dreikäsehoch wäre noch nicht auf die Feststellung erpicht gewesen, wer als erster bis zum Misthaufen oder bis zum Handyshop gerannt sei?

Immer wieder beliebt ist auch die Feststellung, wer die Luft länger anhalten kann. Wenn Dagobert Duck in seinem Geldspeicher am liebsten vom Ein-Meter-Brett aus in das Mehr der von ihm angehäuften Dollarscheine und Goldbarren sprang, wußte er schon, was er tat. Die Verbohrtheit zur Kunst erhoben, springt man ins Wasser und nennt das Tieftauchen. Im hier behandelten Falle war es sogar eine Frau. In den beiden Jahren vor ihrem Tod hatte die Französin und studierte Meeresbiologin, die inzwischen in Miami, Florida, lebte, den Tiefenrekord für Frauen in ihrer Sparte des Apnoetauchens (ohne Atmungsgeräte) bereits auf 125 und 130 Meter geschraubt. Zu diesem Zwecke war sie imstande, die einmal geschöpfte Atemluft für rund vier Minuten anzuhalten beziehungsweise sukzessive in Gehörgänge, Stirn- und Kiefernhöhlen zu pumpen, damit diese Organe nicht aufgrund des wachsenden Druckunterschiedes zerstört werden. So etwas können Heringe nicht – aber wir können sie braten.

Am 12. Oktober 2002 war die 28jährige bei Bayahíbe vor der Südküste der Dominikanischen Republik bei einem erneuten Rekordversuch auch nach acht Minuten noch nicht wieder aufgetaucht. Als ihre HelferInnen sie aus rund 170 Meter Tiefe bargen, war sie bewußtlos. Später sprachen die Beteiligten von einem Versagen der Vorrichtung, die den beim Wiederaufstieg behilflichen Ballon mit Luft zu füllen hatte. Im Krankenhaus der nahen (Flug-)Hafenstadt La Romana, die für ihre Prominentenvillenviertel bekannt ist, stellten die Ärzte nur noch den Tod der tiefenrauschsüchtigen Sportlerin fest. Damit blieben ihrem Ehemann und Trainer Francisco Ferreras oder der Volkswirtschaft Floridas immerhin die Behandlungskosten erspart. Laut englischsprachiger Wikipedia gab und gibt es in Fachkreisen auch Stimmen, die dem Exil-Kubaner Ferrera, der selber Rekordjäger war, Fahrlässigkeit oder Schlimmeres unterstellten. Die Ehe soll alles andere als ein Balsambad gewesen sein. 2012 verheiratete sich Ferrera zum vierten Mal in seinem 1962 begonnenen Leben. Die Asche der Leiche der dritten Gattin war damals standesgemäß im Atlantik, vielleicht sogar im Karibischen Meer verstreut worden. Mieser Dünger für die elenden Fische und Fischer der Karibik-Inseln.

Rund 10 Jahre früher kam der ehemalige Kinderstar des italienischen Films Itaco Nardulli (1974–91), inzwischen Student der Sportmedizin oder ähnliches und 17 Jahre alt, lediglich auf 22 Meter. Er hatte im Spätsommer 1991 mit Freunden Bade- und Tauchurlaub an der nordsardinischen „Costa Smeralda“ (Smaragdküste) gemacht. Am kritischen Tage warteten seine Freunde in der Nähe des Hafenstädtchens Porto Rotondo (bei Olbia) auf einem Floß vergeblich auf Nardullis Wiederauftauchen. Die alarmierten Rettungskräfte fanden ihn einige Stunden später ertrunken auf dem Meeresgrund. Meine Quelle* munkelte etwas von „Muskelkrämpfen“. Als 6jähriger Lockenkopf hatte Nardulli (1980) in Sergio Corbuccis Film Mi faccio la barca geglänzt, eingedeutscht: „Leinen los – wir saufen ab!“.

Der Brite Martin Blackley (1976–2002) hatte kürzlich seine Karriere als „Biathlet“ (Skilanglauf und Schießen) aus Gesundheitsgründen aufgegeben, war jedoch nach wie vor Marinesoldat, stationiert in Arbroath an der schottischen Ostküste. Zum Unfallzeitpunkt war er zwar wegen einer Beinverletzung krankgeschrieben, aber dennoch oder gerade deshalb folgte der 26jährige im Mai 2002 dem Ruf eines Freundes, der Fischfarm Seahorse Aquakultur, Aultbea, in der bis 40 Meter tiefen Meeresbucht Loch Ewe an der Westküste als Taucher auszuhelfen. Blackleys Taucherfahrung war gering. Nun ging es darum, von einem Schiff aus Unterwasser-Käfige von toten Lachsen zu säubern. Als Blackley nach Abtauchen auch nach einer Stunde nicht wieder aufgetaucht war, begannen ihn andere Taucher oder Beschäftigte zu vermissen und zu suchen. Er hatte sich unter Wasser mit dem Hals in einem Tau verfangen und war so gut wie tot, wie sich bald darauf im Krankenhaus von Inverness zeigte. Es kam zu einer amtlichen Untersuchung und Anhörung, bei der Sheriff Desmond Leslie befand, die Fischfarm habe sich etliche grobe Fahrlässigkeiten in der Ausrüstung der Taucher und in der Absicherung der Maßnahme geleistet, weshalb er ihrem Chef Colin Bell 5.500 Pfund Bußgeld aufbrummte. Der Unfall sei vermeidbar gewesen.** Unter korrekten Arbeitsbedingungen hätte Aushilfstaucher Blackley demnach überlebt – wenn auch krankgeschrieben.

Der Zwergstaat San Marino liegt bei Rimini an der italienischen Ostküste. Federico Crescentini (1982–2006) jedoch, Fußballprofi in Diensten des san-marinesischen Rekordmeisters SP Tre Fiori, genügte die Adria nicht. Er mußte im Dezember 2006, 24 Jahre alt, mit seiner Geliebten Tauchurlaub in Acapulco machen, dem mexikanischen Touristenparadies am Pazifik. Er mußte auch bei tückischem Wellengang tauchen oder schwimmen, und als er, sogar erfolgreich, versuchte, seine Geliebte vorm Ertrinken zu retten, wurde er selber von einer Strömung erfaßt und fortgespült.*** Seine Leiche fand sich nach zwei Tagen. Das Mitglied der Regierung von San Marino Fiorenzo Stolfi zeigte sich bei einer offiziellen Gedenkfeier zufrieden: „Ein junges und schönes Leben, das uns allen viel gegeben hat.“ Besser hätte es auch die deutsche Kriegsministerin Von der Leyen nicht sagen können. Crescentini bekam posthum den Ritterorden seines 60 Quadratkilometer großen Zwergstaates.

* La Repubblica, 28. August 1991
** The Scotsman, 23. Januar 2007
*** mediotiempo.com, 18. Dezember 2006



Methe, Bernd & Reiner (1964–2011), Handballschiedsrichtergespann >Esono, Teclaire Bille


Meyer, Adolf (1881–1929), Architekt >Kjeldahl, Johan


Michelin, Édouard (1963–2006), Industriellensproß. Er wurde nur 42 Jahre alt, doch laut FAZ war das Schlimmste rechtzeitig verhütet worden. Um „die Funktionsfähigkeit der Führungsspitze“ zu gewährleisten, hatte Michelin mit seinem älteren Mitgesellschafter und Vertrauten Michel Rollier vereinbart, sie dürften nie gemeinsam im selben Flugzeug sitzen oder sich sonst zur gleichen Zeit einer Gefahr aussetzen. Und in der Tat, offenbar hatte sich Rollier am 26. Mai 2006 geschont. So erklomm er unverzüglich den Chefthron des bekannten Autoreifenkonzerns, den Michelin 1999 von seinem Erzeuger übernommen hatte. Damals hatte der Konzern noch rund 130.000 Beschäftigte weltweit. Heutiger Jahresumsatz um 20 Milliarden Euro. Im besagten Mai hatte sich der hagere Tycoon, der den Tabak und seinen 420-PS-starken, vermutlich mit hauseigenen Reifen versehenen Audi Avant liebte, zur Abwechslung einmal an die französische Atlantikküste in der Bretagne begeben. Ich nehme an, seine Gattin und die sechs Kinder hatte er zu Hause gelassen, in Clermont-Ferrand oder Paris. Am 25. Mai spätabends, einem Donnerstag, lief er mit dem erfahrenen Hochseefischer und Freund Guillaume Normant an Bord der La Liberte aus dem Hafen von Audierne zum Angeln aus. Die See war ruhig. Doch die Yacht kehrte nicht zurück. Warum sie verunglückte, ist bis heute rätselhaft. Das quält freilich Klaus Haddenbrock wenig, der den Vorfall fünf Jahre später* etwa wie folgt umreißt. Die Yacht müsse im Laufe der Nacht in schnell aufgezogenen Nebel geraten sein. Die Leiche des ertrunkenen Michelin fand sich anderntags unweit der Île-de-Sein. „Sein Begleiter blieb vermisst. Das gesunkene Boot konnte [in 70 Meter Tiefe] auf dem Atlantikgrund geortet werden, ein dickes Tau hatte sich um die Schiffsschraube gezogen.“

Kurz, der Fall ist ungeklärt und bringt vielleicht noch ein paar Bücher hervor, schließlich war Konzernchef Édouard Michelin nicht irgendwer. Immerhin ist Haddenbrocks Reifenpresse zu entnehmen, daß er auch nicht das erste von einem Mißgeschick betroffene Clanmitglied war. 1954 hatte sich Patrice Michelin (1929–2006), ein Enkel des Firmengründers André Michelin, zum zweiten Mal verheiratet: mit Nicole, die ihm drei Kinder „schenkte“, wie man ja gern zu sagen pflegt. 196o war die Schenkungsfrist abgelaufen: Nicole wurde im Rahmen einer Jagdpartie von ihrem Gatten Patrice erschossen. Angeblich war es ein bedauerlicher Unfall. Vor Gericht kam der Schütze mit einer Geldstrafe von 2.000 Francs davon. 2010 behauptete Henry Samuel im Londoner Blatt The Telegraph**, Michelin habe einst in einem Brief an eine Geliebte bekannt: „A hunting trip delivered [erlöste] me. I made a quick gesture, the bullet went off through the neck and out of the forehead.“

* Reifenpresse, Stade (Niedersachsen), 26. Mai 2011
** 10. Januar 2010



Milford, Barnaby († 1941), 5jähriger Komponistensohn >Meroni, Gigi


Miller, Clement Woodnutt (1916–62), Politiker >Bergen, Monika


Miltitz, Karl von (1490?–1529), Papst-Unterhändler >Kılıç Arslan I.


Mitchell, Margaret (1900–49), einmalige US-Bestsellerautorin aus Atlanta, Georgia. Ebendort kam sie mit 48 Jahren um, wobei sie ihren Bestseller bereits vollendet und auch nicht die Absicht hatte, einen weiteren zu verfassen. Der jähe süße Weltruhm hatte sie verschreckt. Stattdessen widmete sich Mitchell in ihrem letzten Lebensjahrzehnt einerseits der nicht abreißenden Flut ihrer Fanpost, andererseits ehrenamtlich verschiedenen wohltätigen Zwecken, etwa im Gesundheitswesen oder die Ausbildung von Schwarzen betreffend. Am Abend des 11. August 1949 war sie in Begleitung ihres zweiten Ehemanns John Marsh zu einem Kino unterwegs. Beim Überqueren der Peachtree Street wurde sie von einem betrunkenen und angeblich rasenden Autofahrer erfaßt, den man dafür später wegen Totschlags ins Gefängnis steckte. Mitchell erlag ihren schweren Verletzungen nach einigen Tagen im Koma in einem örtlichen Krankenhaus. Die Weltpresse quoll von Tränen über. Von dieser Aufmerksamkeit konnten Millionen, ja Milliarden armer farbiger Kinder nur träumen. Mitchell hatte es als Tochter eines angesehenen Rechtsanwalts und einer gemäßigten Frauenrechtlerin („Sufragette“) eigentlich an nichts gefehlt – es sei denn, an der romantischen großen Liebe. Sie hatte gelegentlich als Journalistin gearbeitet und war nun, nach einem verheerenden Reinfall mit einem Dandy, mit einem Mann verheiratet, der ebenfalls Journalist war und sie ermunterte. So nahm sie um 1926, im eigenen Heim aufs Krankenlager geworfen, mit Hilfe einer Reiseschreibmaschine eine dicke Schnulze in Angriff, ein Melodram aus der nordamerikanischen Bürgerkriegszeit, das Literatur- und Filmgeschichte schreiben sollte: Vom Winde verweht, als Roman 1936 veröffentlicht, drei Jahre darauf verfilmt mit Vivien Leigh und Clark Gable in den Hauptrollen.

So eine Farbige war etwa Bertha „Chippie“ Hill (1905–50) aus Harlem in New York City. Sie hatte 15 Geschwister und begann schon als schmächtiges Mädchen, auf diversen Bühnen dem vorherbestimmten Schattendasein zu entrinnen, zunächst als Tänzerin. Später sang sie Blues und Jazz, dabei oft von namhaften Musikern begleitet, und nahm zahlreiche Platten auf. Um 1930 pausierte Hill, hatte sie doch selber auch schon wieder sieben Sprößlinge, die sie erst einmal großziehen wollte. Nach dem Krieg startete sie ein erfolgreiches „Comeback“, so zum Beispiel mit Kid Ory und Art Hodes, das sie sogar bis nach Paris führte – erfolgreich nur für fünf Jahre, denn im Mai 1950 wurde die 45jährige Sängerin in NYC als Fußgängerin von einem Auto überfahren und getötet, dessen Lenker Fahrerflucht beging. Einzelheiten sind nicht zu erfahren.


Mitchell, Taylor (1990–2009), kanadische Folksängerin aus Toronto. Als die 19jährige Ende Oktober 2009 eine Pause in ihrer Tournee durch die Seeprovinzen (am Atlantik) dazu nutzte, allein durch den Cape Breton Highlands Nationalpark von Nova Scotia zu wandern, hatte sie, nach Auffassung einiger Fans, eine verheißungsvolle künstlerische Laufbahn vor sich. Was Wunder, wenn sie als Folksängerin die Natur liebte, wobei offen bleiben muß, ob sich die Natur mit Mitchells etwas leierhaften Sopran- und Saitenstücken hätte anfreunden können. Ein Foto, das sie auf Spiegel Online* als dunkelhaarige kleine Frau mit Gitarre rechts und Reisekoffer links zeigt, wurde ebenfalls im Wald aufgenommen. Doch ich will nicht spotten, der Vorfall ist ausnahmsweise tragisch. Bei ihrer Wanderung im Nationalpark sah sich Mitchell nämlich unversehens zwei ungewöhnlich angriffslustigen Kojoten gegenüber. Sie fielen das hübsche, offenbar unbewaffnete, jedenfalls überraschte Mädchen an. Mitchell rief um Hilfe, was immerhin andere Wanderer mitbekamen. Sie wurde schwerverletzt in ein Krankenhaus der Provinzhauptstadt Halifax geflogen. Dort starb sie noch in der Nacht.

Die Tochter einer Schauspielerin und eines „Gastronomen“ der Münchener Schickeria Julia Palmer-Stoll (1984–2005) wurde nur zwei Jahre älter. Sie hatte bereits mit 12 Jahren ihre erste Rolle in der Film- und Fernsehbranche übernommen und bis 2005 an ungefähr 20 Streifen mitgewirkt, vorwiegend Krimis. Richtig bekannt wurde sie erst durch einen Mechanismus, der in Novia Scotia und Bayern gleichermaßen zuverlässig greift. Am 8. Juni war sie gegen Mitternacht in ihrem Auto von Dachau nach München unterwegs. Dabei machte sie angeblich spontan Halt, um einen Igel von der Landstraße aufzupicken und ihm so vielleicht das Leben zu retten. In die Hocke gegangen, sei sie von einem Wagen erfaßt und noch 30 Meter mitgeschleift worden. Anderntags erlag sie in der Unfallklinik Murnau ihren schweren Verletzungen. Der 41jährige Täter, der wohl schneller als erlaubt gefahren war, wurde später wegen Fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe verurteilt. Außerdem erstritten die Mutter des Todesopfers und deren Rechtsanwalt, die beide offensichtlich nicht auf den Kopf gefallen waren, von der Versicherung des Täters ein sogenanntes „Schmerzensgeld“ von 50.000 Euro zuzüglich der Anwaltskosten, wie (wahrscheinlich Ende 2007) von der Süddeutschen Zeitung** zu erfahren war. Diesen Aufschlag habe ihr der Rechtsanwalt jedoch verheimlicht, behauptete die Mutter, um ihr trotzdem eine Rechnung über 5.000 Euro Anwaltshonorar servieren zu können. Zwar zahlte sie zunächst, witterte dann aber Böses und verklagte ihren Anwalt auf Rückerstattung. Jetzt habe sie sich „außergerichtlich“ irgendwie mit ihm geeinigt, teilte das Münchener Landgericht I der Zeitung zufolge mit. Tochter tot; Schicksal des Igels ungeklärt; aber das Leben geht schließlich weiter.

Die Geschichte mit dem Igel – mag sie von dem schwerverletzten Jungstar der ARD-Vorabend-Serie Marienhof, dem findigsten Reporterkopf des Unfalltages oder sonsteinem instinktsicheren Beteiligten stammen – war selbstverständlich das gefundene Fressen für die Presse. Überall wird Palmer-Stolls Tierliebe betont. Manche Blätter wußten auch, sie sei, in Dachau, gerade bei ihrem Pferd gewesen. In der erwähnten Seifenoper spielte sie die Krankenschwester Simone – und ausgerechnet so ein herzensgutes, angeblich bildhübsches Mädchen wird brutal von der auch ihm gehörenden Straße getilgt!

Beide jungen Frauen hätten sich mit dem britischen Zoologen, Naturschützer und Schriftsteller Simon Thirgood (1962–2009) sicherlich gut verstanden. Der Sohn eines Forstwissenschaftlers war in Brasilien oder Afrika so gut wie in Schottland zu Hause, machte sich für Antilopen, Wölfe, Moorschneehühner und Kornweihen stark und leitete das Journal of Applied Ecology. Ende August weilte er wegen Forschungsarbeiten in Äthiopien. Als unerwartet ein heftiger Sturm aufkam, stürzte das Gebäude ein, in dem er sich gerade aufhielt. Die Art des Gebäudes und die naheliegende Frage, wer außer Thirgood starb oder verletzt wurde, wird in nicht einem Nachruf behandelt, soweit das Internet reicht. Thirgood, seit Jahresanfang auch Honorarprofessor an der Universität in Glasgow, war 46 Jahre alt geworden. Er hinterließ seine Frau Karen, eine Tierärztin, und zwei Töchter.

* 29. Oktober 2009
** angeblich 17. Mai 2010



Mitterwurzer, Friedrich (1844–97), Schauspieler >Märklin, Theodor


Molière (1622–73), Dramatiker >Šitović, Lovro


Möllemann, Jürgen (1945–2003), Politiker >Köhlmeier, Paula


Mononen, Unto (1930–68), Tango-Komponist >Brooks, Randy


Montaigne, Arnaud de (1541–64), Bruder des – richtig … Den angeblichen Erfinder der Prosaform „Essay“ Michel de Montaigne kennt schließlich jeder, wenigstens dem Namen und der angeblichen Bedeutung nach. Stimmt dieser berühmte Montaigne in seiner Betrachtung Philosophieren heißt sterben lernen beispielsweise in die über alle Epochen erklingenden Hymnen auf den blutrünstigen und herrschsüchtigen Alexander „den Großen“ ein, schwant LeserInnen wie mir, daß die Grenzen von Montaignes Ketzertum niedriger als die Katzenklappen in seinen häuslichen Küchentüren und Scheunentoren verlaufen. Umso erstaunlicher, wenn der Schloß- oder Gutsherr von der Dordogne im selben, mit antiken Lesefrüchten überladenen Text auch das Schicksal seines Bruders Arnaud de Montaigne streift. Als sich der junge Hauptmann ein Jahr nach dem frühen Tod von Michels Busenfreund De la Boétie (mit 32) beim schon damals allgemein beliebten Ballspiel vergnügte oder ertüchtigte, war er erst 23. Er landete ebenfalls im Sarg. Nach Mitteilung seines Bruders hatte ihn einmal der Ball „ein wenig über dem rechten Ohr“ am Kopf getroffen – wenige Stunden nach Spielschluß wurde Arnaud von einem Schlaganfall weggerafft, den die Ärzte auf jenen Treffer zurückführten.* Möglicherweise hatten die jungen Leute in der Tat dem Schlagballspiel gefrönt, das ziemlich alt sein soll. Dabei wurden die eher kleinen Bälle mit Stöcken („Pritschen“) Richtung Gegner gedroschen und kamen sicherlich zuweilen Gewehrkugeln gleich.

Das verrückte und brutale „Baseball“ ist über weite Strecken ebenfalls ein Schlagballspiel, und der 29jährige US-Profi Ray Chapman (1891–1920) war nicht viel älter als der französische Hauptmann, als er im Hexenkessel des Gegners niedergestreckt wurde. Sein Club Cleveland Indians aus Ohio war am 16. August 1920 bei den New York Yankees angetreten. Chapman wurde aber vom Yankee-„Pitcher“ Carl Mays nicht etwa durch die Keule, vielmehr allein durch einen Wurf aus der Hand umgehauen. Mays war auf Chapman wütend gewesen. Dieser starb anderntags im Krankenhaus. Der außergewöhnliche Vorfall wurde nicht nur sogleich von der New York Times** und zahlreichen anderen Blättern gewürdigt; er brachte 70 Jahre später auch ein ganzes Buch hervor: The Pitch That Killed von Mike Sowell. Danach starb Mays, schon vor Chapmans Tod als „Kopfjäger“ berüchtigt, 1971 mit knapp 80 Jahren „verbittert“, weil ihn sein verhängnisvoller, wenn auch vermutlich nicht gerade tödlich gemeinter Wurf um einen verdienten, wie nicht nur er glaubte, Platz in der „Hall of Fame“ gebracht hatte.*** Soweit ich sehe, war Mays nach dem Wurf noch nicht einmal gesperrt, geschweige denn eingesperrt worden. Er zog sich erst 1929, mit knapp 38, vom Spiel- oder Schlachtfeld zurück.

Am 9. August 2014 meldete Focus Online: „Dieser Ball hat sich eingebrannt bei Baseballer Dan Jennings. Der MLB-Profi der Miami Marlins bekommt die Kugel nach einem Wurf umgehend zurück – mit 163 km/h trifft sie seine linke Schläfe. Jennings sinkt auf dem Feld zusammen und muss ins Krankenhaus.“ Er kam glimpflich mit einer Gehirnerschütterung davon. Einstweilen.

* Essais, einbändige Auswahl von Herbert Lüthy im Manesse Verlag, Zürich 1985, S. 127
** 17. August 1920
*** NYT, 17. September 1989



Mook, Friedrich (1844–80), Ägyptologe >Balfour, James Melville


Moore, LeRoi (1961–2008), US-Saxophonist >Sivertsen, Kenneth


Moritz, Werner (1928–67), Lehrer >Farrokhzad, Forough


Muffat, Camille (1989–2015), französische Schwimmerin, Olympische Goldmedaille London 2012. Im Sommer 2014 gab sie ihren „Rücktritt“ bekannt. Damit legte sie sich aber keineswegs auf die faule Haut. Ein knappes Jahr darauf stieß sie im Rahmen der „Reality-Show“ Dropped eines französischen Fernsehsenders bis zu den argentinischen Anden vor. Hier wurden die Dreharbeiten allerdings am 9. März 2015 ausgesetzt, weil zwei Hubschrauber mit 10 Insassen an Bord, darunter Kameraleute und drei französische SportlerInnen, kurz nach dem Start zusammenstießen, in ein niedriges Dickicht stürzten und darin ausbrannten. Es gab keine Überlebenden. Muffat war, mit 25 Jahren, das jüngste Opfer. Das Wetter soll wunderbar gewesen sein. Dafür wirkte sich unter Umständen der Name der Show ungünstig aus: „fallen gelassen“. Wie sich versteht, galt die Show dem beliebten „Kampf ums Überleben“. Mit den PR-Experten des Fernsehsenders gesagt: „Two teams are dropped into the middle of nowhere. No food. No map. No help.“ Das war also schiefgegangen. Doch die Aktion hatte auch zwei Pechvögel, die sich als Glückspilze entpuppten, wie einige Blätter oder Portale erwähnten.* Der Fußballer Sylvain Wiltord war in diesem TV-Wettkampf frühzeitig ausgeschieden und deshalb in Frankreich geblieben. Und der Schwimmer Alain Bernard konnte sich glücklich schätzen, bei 1,96 Meter Körpergröße 90 Kilogramm zu wiegen. Er hatte kurz vor dem Abflug in Villa Castelli aus einem der Hubschrauber aussteigen müssen, weil die Maschine sonst überladen gewesen wäre. Daran lag es also nicht.

* shz.de, Flensburg, 11. März 2015


Mukōda, Kuniko (1929–81), erfolgreiche japanische Schriftstellerin, die vornehmlich für Funk und Fernsehen schrieb. Ihre „Dramen“ aus dem zeitgenössischen Alltag und dem Geschlechterkampf sollen nicht sonderlich tiefschürfend, aber auch nicht sentimental gewesen sein. Sie lebte in oder bei Tokio, reiste allerdings viel. Am 22. August 1981 saß Mukōda in einer Boeing-Linienmaschine, die eine Viertelstunde nach ihrem Start in Taipeh, Taiwan, aufgrund technischer Schäden ins Abtrudeln geriet und noch in der Luft zerbrach. Die Trümmer und Insassen gingen in einer bewaldeten Bergregion nieder. In der New York Times vom nächsten Tage war zu lesen, Polizist Peng Chin-wen habe nach oben geblickt, als er zufällig die Explosion hörte; Leiber seien aus dem Wrack gefallen wie Dinge aus einer schräg gehaltenen Dose. Es gab auch hier keine Überlebenden, nur erheblich mehr als in den Anden: 110 Tote. Ziel der Maschine war die Millionenstadt Kaohsiung am anderen, südlichen Ende der Insel Taiwan gewesen. Vielleicht hatte es Mukōda eilig. Es heißt, die 51 Jahre alte Feinschmeckerin und Katzennärrin habe Insekten – und Flugzeuge gehaßt.

Der US-Kino- und Fernseh-Regisseur Boris Sagal (1923–81) war hauptsächlich im Bereich „Action“ und „Sience Fiction“ tätig, und dort starb er auch, mit 57 Jahren. In Oregon gerade mit Dreharbeiten für die TV-Serie World War III befaßt, wurde er am 22. Mai 1981 feierabends in Timberline Lodge bei Portland nach dem Ausstieg aus einem Helikopter von dessen Heck-Rotor an Kopf und Schultern ausgesprochen schwer verletzt. Die UntersucherInnen des Unglücks befanden später, Sagal habe den Hubschrauber irrtümlich auf dem falschen Weg verlassen. Da die Maschine ohnehin noch warm war, flog sie das Unfallopfer gleich ins 60 Meilen entfernte Emanuel Hospital von Portland, wo es allerdings seinen Verletzungen nach wenigen Stunden erlag.


Mulhall, Lucille (1885–1940), Cowgirl >Barnes, Walter


Müller, Wolfgang (1922–60), Schauspieler und Kabarettist aus Wien und Berlin. Müller starb erheblich früher und unauffälliger als sein Partner aus der Jugendzeit Wolfgang Neuss, der noch als „Mann mit der Pauke“ Karriere machte, nachdem Müller aus mir undurchsichtigen Gründen keineswegs als Bühnenkünstler, vielmehr als Insasse oder gar Pilot eines Flugzeuges abgestürzt war. Die beiden hatten sich 1949 gefunden. In der Folge schossen sie unter der Firma „Die zwei Wolfgangs“ als Adenauer-feindliches Komiker-Duo aus der „Frontstadt“ Westberlin aus allen blitzenden Rohren. Daneben waren sich beide Wolfgangs nicht zu schade, ob solo oder gemeinsam, in etlichen zeitgenössischen Filmklamotten mitzuwirken, darunter Das Wirtshaus im Spessart von 1958. Als 1960 in der Schweiz Dreharbeiten zum Spukschloß im Spessart folgten, scheiterte der 37jährige Müller bei irgendeinem Flug. Es war am 26. April. Als Sterbeort wird „bei Lostallo“ in Graubünden angegeben. Was die näheren Umstände angeht, widersprechen sich die ohnehin dürftigen Quellen: Absturz als Flugschüler / Absturz im Rahmen der Dreharbeiten / Absturz wie jedermann oder wie jeder Müller. Die Zeit vom 6. Mai jenes Jahres spricht von einem Piper-Sportflugzeug. Das in Chur erscheinende Bündner Tagblatt gewährte mir auf meine Anfrage kein Echo, obwohl Chur fast 600 Meter hoch liegt. Ein Berliner Grabstättenführer behauptet, neben Müller seien 11 weitere Menschen umgekommen.* Die nähme ein Anwärter auf einen Pilotenschein beziehungsweise dessen Fluglehrer wohl kaum an Bord. Also nicht auszuschließen, daß es auch am Boden Todesopfer gab. Und dies alles womöglich nur, weil ein Scherzvogel unbedingt Flugkapitän werden mußte.

Der Fall des sozialdemokratisch, religiös und wahrscheinlich auch homosexuell orientierten Politikers Dag Hammarskjöld (1905–61) kann wohl von vorn bis hinten als ungeklärt gelten. Zeitlebens unverheiratet, war der Schwede aus betuchtem Hause streckenweise Reichsbankchef und Finanzminister, dann bekanntlich, seit 1953, UN-Generalsekretär. Schon die Frage, ob er in diesem damals noch einflußreichen Amt allgemein, wie seine AnhängerInnen behaupten, die „Entkolonialisierung“ des Planeten zu fördern suchte, ist umstritten. Im besonderen gilt das für seine (angeblichen) Vermittlungsbemühungen in der Kongo-Krise, die zunächst dem schwarzen Staatschef Patrice Lumumba (siehe Kapitel 124), dann ihm selber den Kopf kostete, von allem Fußvolk einmal abgesehen. Der riesige Kongo betörte die AusbeuterInnen der angelsächsisch-belgisch-südafrikanischen Tauschwertgemeinschaft vor allem durch seine mineralischen Vorkommen, etwa Kupfer, Kobalt, Gold, Uran, Diamanten. Was nun Hammarskjöld und seine BeraterInnen oder die ohne sein Wissen eingeschmuggelten Maulwürfe angeht, hatten sie sich am 18. September 1961 nachts auf dem Weg zu einem Treffen mit Moïse Tschombé befunden, dem „Präsidenten“ des abtrünnigen Kongogebiets Katanga. Dabei ging die Dienstmaschine des 56jährigen Oberdiplomaten unweit der Grenzstadt Ndola, Rhodesien/Sambia, wo die Landung vorgesehen war, zu Bruch und brannte aus. Alle 16 Insassen kamen um.

Die rhodesisch-britischen „ErmittlerInnen“ und mehrere folgende „Untersuchungskomissionen“ diverser Lager überboten sich im Sichern oder Verwischen der Spuren und widersprachen einander kräftig. Der US-Sergant Harold Julian aus Hammarskjölds Eskorte hatte das Unglück zunächst schwerverletzt überlebt, blieb aber im Krankenhaus von Ndola „unterversorgt“, so Die Welt, und schloß nach fünf Stunden für immer seine womöglich scharfen Zeugenaugen.** Später stellten sich andere Zeugen und Indizien ein, die für einen Abschuß der Maschine sprachen. Sogar die FAZ zeigt sich neuerdings kühn genug, ein auch von ihr geliebtes Keulenwort gegen sich selber zu wenden, indem sie „eine Verschwörung unter Beteiligung westlicher Geheimdienste“ nicht für völlig unwahrscheinlich hält.*** Trifft diese Annahme zu, wissen wir freilich noch lange nicht, warum die UN-Maschine vernichtet wurde. Deshalb müssen noch mehr Hintergrundartikel und Bücher über diesen Fall verfaßt und veröffentlicht werden, bis auch der letzte Interessierte nur noch Nebel oder Rauch sieht.

Obwohl es in seinem Fall 10 Überlebende (dafür 35 Tote) gab, gilt für das gewaltsame Ende des schwarzen und ersten Staatschefs der im Befreiungskampf gegen die Portugiesen errungenen „Volksrepublik Mosambik“ Samora Machel (1933–86) grundsätzlich das Gleiche: es liegt im Dunkeln. Machel, ein Freund des „Ostblocks“ und inzwischen 53, saß im Oktober 1986 in einer Regierungsmaschine mit Ziel Maputo, Mosambik, die bei Mbuzini, Südafrika, in den Lebombobergen abstürzte. Näheres schildert**** ein sächsischer Lehrer und „Entwicklungshelfer“ aus der DDR, Jahrgang 1937, der damals in Machels Land lebte und wirkte.

* friedparks.de
** 11. September 2013
*** 17. März 2015
**** Webseite Rainer Grajek, 10. September 2009



Mullins, Rich (1955–97), US-Popsänger, in 11 Jahren neun Alben mit christlich gestimmter Lebensfreude. Natürlich wußte man auch schon vor Mullins Hits über den Awesome God oder das flehentliche Hold Me Jesus, wie unerforschlich die Wege des Allmächtigen sind. Am 19. September 1997 waren sie zu zweit: der 41jährige Mullins und sein junger Freund und Mitstreiter Mitch McVicker, 24. Sie lebten seit rund zwei Jahren in einer traditionell gebauten Blockhütte eines Navajo-Reservates in Tse Bonito, New Mexico, wo sie unschuldige Kinder unterrichteten (nur in Musik und Englisch, wie sich versteht), befanden sich aber gegenwärtig offensichtlich im Raum Chicago, denn dort strebten sie in Mullins Jeep auf der „Interstate 39“ Richtung Südwest ein Benefizkonzert in Wichita, Kansas, an. Doch bei Lostant, Illinois, „went“ dieses Fahr- und Teufelszeug zu nächtlicher Stunde „out of control“, wie ein christlicher Berichterstatter* mitteilte, wodurch es ins Schleudern geriet und kippte oder sich gar überschlug. Jedenfalls flogen beide Musiker auf die Straße, aber nur Mullins wurde dort, wahrscheinlich etwas später, von einem Sattelschlepper überrollt.

Neben dem Grund des Schleuderns sei auch der Umstand unbekannt, wer am Steuer gesessen habe, heißt es in einigen anderen Quellen, wobei sogar ein Gewicht verleihender Name eingestreut wird, der des Illinois Highway Patrol Sgt. Gregory Jacobsen. Der habe leider keine Augenzeugen jenes auslösenden Kontrollverlustes aufgetrieben. Was dagegen nicht verschwiegen wird: beide Musiker waren unangeschnallt. Mit Gottvertrauen hat man eben keine Gurte nötig. McVicker, schwer verletzt, fiel zunächst ins Koma. Das hatte den Vorteil, daß er sich später an die Unfallumstände dummerweise nicht mehr erinnern konnte.** Er genas nämlich wieder und macht nach wie vor Musik, christliche Musik, macht seiner frischen Gattin Paula Kinder, prächtige Kinder, und gibt scheinheiligen Leuten obszöne Interviews – ich picke nur heraus: There is no bitterness for the tragedy that forever changed him. „I'm glad for Rich and I'm just glad for me,“ he said.*** McVicker says he believes the tragedy happened for a reason. It allows him to better communicate with his audiences.**** Wer so blöd sein sollte wie ich, die genannten vier Quellen aufmerksam zu lesen, wird staunen, wie gut es ihnen allen gelingt, um den heißen Brei der Unfallumstände herumzulabern. Als hätte ihnen Hit-Creator Mullins Awesome God McVickers „blackout“ übertragen. Kritische Quellen habe ich vergeblich gesucht.

Der mazedonisch-deutsche Schlagersänger Ibo (1961–2000), bürgerlich Ibrahim Bekirović, trat mit Titeln wie Ibiza oder Süßes Blut hervor, und so sah er auch aus. 1996 durfte er das Fernsehpublikum sogar mit dem Werk Der liebe Gott ist ganz begeistert erheitern, was Mullins und McVickers wahrscheinlich nicht ganz so lustig gefunden hätten. Ibo lebte mit Frau und Kindern in Gladbeck, Ruhrgebiet, war aber „naturgemäß“ viel auf Achse. An einem Samstag im November 2000 wurde er für einen Auftritt in Linz, Oberösterreich, erwartet. Kurz vorm Ziel, laut Pressemeldungen auf regennasser Landstraße, kam jedoch ein Lastwagen ins Schleudern und stieß mit dem von Ibo gelenkten VW-Bus zusammen. Der 39 Jahre alte Künstler sei noch am Unfallort gestorben, ein 27jähriger Begleiter schwer verletzt worden.

Ein nicht balkanflüchtiger Landsmann und Berufskollege Ibos landete sieben Jahre später deutlich jünger im Sarg. Zu den vielen überwältigenden Erfolgen Todor „Toše“ Proeskis (1981–2007) zählten denn auch sein Lied Vo kosi da ti spijam (Auf Deinem Haar einschlafen) und seine Beerdigung. Allerdings war Proeski in dem VW Touareg, der am 16. Oktober 2007 frühmorgens auf einer Autobahn in Kroatien gegen ein Lastwagenheck prallte, auf dem Beifahrersitz eingeschlafen, nicht etwa im Schoß seiner Managerin Ljiljana Petrović, die hinten saß. Auch der Fahrer Georgij G. soll ein Nickerchen gemacht haben, wegen Übermüdung. Er wurde „nur“ schwer verletzt. Der 26jährige Schlagersänger dagegen starb wie Ibo noch am Unfallort. Jetzt wären auch Mullins und McVickers begeistert gewesen. Das Oberhaupt der mazedonisch-orthodoxen Kirche Erzbischof Stephan stellte nämlich unverzüglich fest, der ganze Balkan habe einen Engel verloren. Proeski hatte vor allem von Liebe und Glaube gesungen, er war fromm. Nicht nur seine Beerdigung am 17. Oktober wurde zu einer Art nationaler Erhebung – die mazedonische Regierung erklärte diesen Tag später auch, für alle Zeiten, zum Volkstrauertag. Proeskis Heimatort Kruševo mauserte sich zur Wallfahrtsstätte: sähe man Marina Bolzlis und Lucia Vasellas bebilderten Bericht***** nicht mit eigenen Augen, man würde es kaum glauben. Die bekannt aufwendig-aufdringliche Zurschaustellung des verunglückten Volksbeglückers inner- und außerhalb eines eigenen „Museums“ paart sich dabei hervorragend mit dem schon 1974 errichteten, angeblich antifaschistischen Mahnmal Makedonium, das aufgrund seiner Häßlichkeit in der Tat jeden Angreifer sofort in die Flucht schlagen muß. Eine besondere Peinlichkeit liegt freilich in dem Umstand, daß ausgerechnet das Bergstädtchen Kruševo, heute 5.000 EinwohnerInnen, gut 100 Jahre vor Proeskis Ableben Schauplatz einer sozialistisch orientierten, wenn auch sehr kurzlebigen Zwergrepublik war, wie ich andernorts berichtete.

* christianity today, 27. Oktober 1997
** connection magazin, November 1998
*** christianmusic, 4. Januar 2006
**** cbs19.tv, 28. Juni 2014
***** „Der heilige Popstar von Kruševo“, Norient Magazin,
1. November 2012



Mumford, Don (1954–2007), schwarzer US-Jazzmusiker, Schlagzeug und Percussion, spielte streckenweise mit dem Pianisten Abdullah Ibrahim (Dollar Brand) zusammen. Zwar hatte sich Mumford um 30 auf einige ausgedehnte Tourneen durch Europa und Afrika begeben, doch seinen Tod fand er im Sommer 2007 mit 53 in der vergleichsweise unbekannten Stadt Ames, Iowa, wo er seit einiger Zeit, mit seiner Geliebten, gewohnt und als Mentor der lokalen Musikszene gewirkt hatte. Ames, um 60.000 EinwohnerInnen, ist Universitätsstadt und deshalb von Studenten überlaufen. Vermutlich musiziert, schluckt und radelt man dort viel. Es heißt, Mumford sei als Radfahrer auf der „Grand Avenue“ von einem Auto angefahren worden – warum, heißt es nicht. An den Folgen starb er in einem Krankenhaus der nahen Hauptstadt Des Moines. Dafür ist verbürgt, daß ihn ein paar junge Leute alsbald nach seinem Fortgang ehrten, indem sie, in Ames, die Band Mumford's gründeten, die beispielsweise Stickbags zu vergeben hat (life 2010 im M-Shop, Ames).

DDR-Rockmusiker Heinz Prüfer (1948–2007), zuletzt Gitarrist in der wiederbelebten Klaus Renft Combo, wohnte offenbar in Berlin. Nach einem Auftritt in der Lausitz (am Samstagabend, vermutlich bis gegen Mitternacht) schlug dem 58jährigen die letzte Stunde am frühen Sonntagmorgen des 18. März 2007 (um drei Uhr) unweit der Hauptstadt auf beziehungsweise neben der A 13. Der von ihm gelenkte VW kam aus überall pietätvoll verschwiegenen Gründen bei Baruth/Mark von der Fahrbahn ab, durchschlug eine Leitplanke, flog rund 150 Meter eine Böschung hinunter und rammte schließlich mehrere Bäume, wo Schluß war. Prüfer starb auf der Stelle. Drei BegleiterInnen, darunter Bandkollege Marcus Schloussen (Baß), kamen mit mehr oder weniger schweren Verletzungen davon.

Im „Gästebuch“ der Renft-Webseite* war schon am Sonntagmittag vor lauter Trauer der Teufel los. Sollte es unter den arbeitslosen Soziologen Deutschlands noch gesellschaftskritisch gestimmte Personen geben, empfehle ich ihnen die Durchmusterung dieser Fluten von Beileidsbekundungen und Ruhmesoden auf den Verblichenen; sehr wahrscheinlich ergeben sie den von rechts bis links gezogenen Durchschnitt, sozusagen das „Profil“ der zeitgenössischen deutschen Dumpfbackigkeit, die schon seit längerem diesseits wie jenseits der Werra, neuerdings freilich in aller Welt, wo es gerade brennt, zu Hause ist. Selbst ein Rechtschreibexperte fände hier reiches Material. Ich aber muß mir dies alles auf Geheiß meiner Hausärztin versagen. Mag wenigstens ein Hauptbetroffener namens R. angeführt werden, der um 13 Uhr 17 des Unfalltages versichert, seine Eltern hätten ihm „wirklich ein Kindgerechtes Groß werden ermöglicht“. Er ist Prüfers Sohn. Auch er streicht die Vorzüge seines Vaters heraus, wobei er, wie offenbar alle, den Bereich des Autofahrens souverän übergeht, und schüttelt seinen Kopf angesichts der Rätselhaftigkeit dieses vorzeitigen Todes, der zu allem Unglück, ob Zufall oder nicht, mit seinem eigenen 36. Geburtstag zusammenfiel. „Man kann das Leben eben nicht immer verstehen, schon gar nicht den Tod. / Ich möchte Euch um eines bitten, behaltet ihn als guten und gerechten Mann in Eurer Erinnerung. Und ganz wichtig als verdammt guten Gitarristen, er war vielleicht einer der besten.“ Eine Woche darauf, am 25. März um 15 Uhr, legt R. noch einmal nach: „Ich bin unsagbar stolz auf meinen Vater, die Anerkennung die er hier von Euch allen bekommen hat, hatte er sich verdient.“

Der britisch-schweizer Rockstar Steve Lee (1963–2010), Frontsänger der Hardrock-Gruppe Gotthard, wohnte mit einer Ex-„Miss-Schweiz“ bei Lugano im Tessin. Sein Haus besaß einen schon zu seinen Lebzeiten legendären Bonsai-Garten, aus dem Lee wahrscheinlich seine Kindlichkeit, nicht seine Härte bezog. Fast alle Internetquellen betonen, der 47jährige Lee sei im Oktober 2010 einem „unverschuldeten Verkehrsunfall“ zum Opfer gefallen. Seine Unschuld bestand zunächst in dem seit langem erträumten Unternehmen, im Verein mit 20 anderen Schweizern und 12 Motorrädern der Marke Harley Davidson quer durch die Staaten zu „biken“. An einem Dienstagnachmittag fing es jedoch in der Nähe von Las Vegas an zu regnen, eigentlich für Nevada ein Segen, wenn man mich fragt. Die Kolonne machte auf dem Parkstreifen der bald rutschigen „Interstate 15“ Halt, um die geeignete Schutzkleidung aus den Satteltaschen zu nesteln. Dabei geschah es. Der Anhänger eines vorbeirauschenden Trucks, der ausweichen wollte, kam ins Schleudern und mähte fünf der parkenden Motorräder um. Eins davon traf Steve Lee – tödlich. Dagegen kamen neben Gotthard-Bassist Marc Lynn und Lees schon erwähnter Lebensgefährtin alle anderen der harmlosen Reisegesellschaft ungeschoren davon. Die Geschichte, die sich der Darstellung von Lees Management verdanken dürfte, scheint sogar halbwegs zu stimmen, meldete doch das schweizer Revolverblatt Blick am 12. März 2013, der zur Tatzeit 30jährige Truckfahrer werde nach wie vor mit Haftbefehl gesucht. Laut Darren Reimer von der Fahndungseinheit der Highway Patrol Nevada habe der Mann zwei Anhörungen geschwänzt und sei offensichtlich untergetaucht.

Brigitte Voss-Balzarini, Lees Gefährtin, wählte den umgekehrten Weg. Sie ging schon 2011 mit dem Werk Mein Leben mit Steve an die Öffentlichkeit. Vielleicht komme ich nicht umhin, es eines Tages zu lesen, weil mich die Frage nicht in Ruhe läßt, wie die Dame wohl ihren Trip nach Florenz mit Lee interpretiert. Er hatte nur zwei Monate vor der USA-Reise stattgefunden. Ergebnis: Autounfall bei Florenz. Lee überstand ihn damals unbeschadet, während seine Geliebte „schwere Rückenverletzungen“ erlitt.**

* Renft-Gästebuch, Archiv 2003–o7
** Tages-Anzeiger, Zürich, 6. Oktober 2010



Münchhausen jun., Börries von (1904–34), Gutsherr in spe >Xu Zhimo


Munk, Andrzej (1921–61), Filmemacher >Lee, Belinda


Murnau, Friedrich Wilhelm (1888–1931), Filmregisseur >Xu Zhimo



Fortsetzung N–O
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