Montag, 14. März 2016
Lexikon der Unfallopfer M–Maz

Macadam, John (1827–65), Chemiker >Märklin, Theodor


MacColl, Kirsty (1959–2000), Popsängerin >Wilson, Dennis


MacDowell, Edward (1860–1908), Komponist >Wilke, Rudolf


Machel, Samora (1933–86), Politiker >Müller, Wolfgang


Macke, Helmuth (1891–1936), Maler >Nie Er


Mackenzie, Kenneth (1913–55), Schriftsteller >Hurewicz, Witold


Maduschka, Leo (1908–32), Anwalt der Berge >Brawand, Samuel


Maiburg, Rita (1952–77), Pilotin >Quimby, Harriet


Maini, Joe (1930–64), Jazzmusiker >Ennis, Skinnay


Majerus, Michel (1967–2002), erfolgreicher luxemburgisch-Berliner Kunst-Maler und -Installateur. Anfang November 2002 von Berlin in die Heimat unterwegs, stürzt das Linienflugzeug des 35jährigen, den Vogue auch neun Jahre später noch „farbstark“ nennt*, im Nebel beim Landeanflug auf Luxemburg-Stadt über freiem Feld ab und zerschellt: 20 Tote, zwei Überlebende. In der Propellermaschine Marke Fokker 50 sollen vorwiegend deutsche Geschäftsleute gesessen haben. Was Majerus angeht, war er 1998 auf der Luxemburger Manifesta 2 in die höheren Einkommensschichten „durchgebrochen“. Während ihn Die Zeit, ebenfalls 2011, als „genialen“ Schöpfer eines „gemalten Kunstgoogle“ ausgibt, also einer Art von aufgewärmtem Pichelsteiner Poptopf, erfaselte sich das Konkurrenzblatt FAZ in seinem Nachruf** als Majerus' „große Leistung“ die Ermöglichung der Erfahrung, „den virtuellen, vollkommen emotionslosen Raum mit der Wahrnehmung des realen Betrachters zu konfrontieren“ – ein ganz heißer Anwärter auf die Top-10 der gedruckten KritikerInnen-Dummheiten des neuen Jahrhunderts. 2000 bemalte oder verzierte der Konfronteur in Köln eine „Halfpipe“, wie sie von Skatern benutzt wird. Dieses beiderseits von der Erde weggebogene, 455 Quadratmeter große Werk nannte er if we are dead, so it is. Das wurde zwei Jahre später von jener Fokker unterstrichen. Der Untersuchungsbericht gibt die Hauptschuld dem Chefpiloten. Ausgerechnet dieser überlebt und bekommt nach Jahren, wegen Fahrlässiger Tötung, eine geringe Haftstrafe aufgebrummt. Seine von vielen Seiten ebenfalls kritisierten Vorgesetzten von der Luxair kommen straflos davon.***

Der populäre nachsowjetische Schauspieler und Filmregisseur Sergei S. Bodrow (1971–2002) hatte sich, nach eigener Formel, „Heldentaten, die du vollbringst“ auf die nicht mehr roten Fahnen geschrieben. Im Westen hieß des Genre, in dem er zum Star aufstieg, Actionfilm. Wenn Bodrow außerdem verkündete, „wir müssen unsere Heimat lieben, allein schon weil sie unsere ist“, gab er den übelriechenden Kern allen Patriotismuses und allen Kapitalismuses zum Besten, den Stolz auf das Eigene. Ob er die mächtige, vor allem aus Eisblöcken, Felsgeröll und Schlamm bestehende Lawine vom 20. September 2002 ebenfalls dazu gerechnet hätte, darf bezweifelt werden. Sie löste sich von einem vergletscherten Kaukasus-Gipfel, in dessen Schatten Bodrow gerade sein jüngstes Werk drehte. Neben der rund 25köpfigen Filmmannschaft überraschte sie auch etliche Einheimische. Das in einer Schlucht liegende „romantische“ Dorf Nischni-Karmadon wurde überrollt. Die New York Times (24. September) sprach von ungefähr 100 Todesopfern, darunter der (vorher) blendend aussehende, 30 Jahre alte Bodrow, der Frau, zwei Kinder und vermutlich ein ansehnliches Dollar-Guthaben hinterließ.

Micheline Charest (1953–2004) wirkte in verwandter Branche. Die britisch-kanadische Unternehmerin stellte vor allem „Animations“-Filme für Kinder her. Dazu paßte ohne Zweifel das Ende, das sie als 51jährige ereilte. Vorher galt sie eine Zeitlang als die Montrealer Powerfrau. Die Filmproduktionsfirma Cinar, die sie, wohl 1984, mit ihrem Gatten Ronald A. Weinberg (zwei Kinder) gegründet hatte, ächzte jedoch zuletzt unter Steuer- und Anlage-Betrugsvorwürfen. Im März 2004 ging das einträgliche Unternehmen für 144 Millionen US-Dollar an andere BetrügerInnen. Von diesem Erlös sah das Paar aber nur 18 Millionen, die Charest sogleich zu einem Chirurgen oder Plastiker trug, der sie wieder aufbauen sollte. Das war ihr Tod: im April erlag die Zahnarzttochter in Montreal den Folgen einer Schönheitsoperation. Fehlgeschlagen waren „Facelifting, Fettabsaugung und Brustverkleinerung“, wie die Los Angeles Times wußte.**** Sorgen, die die Bergbäuerinnen aus Nischni-Karmadon wahrscheinlich auch schon gekannt hatten – aus dem Satelliten-Fernsehen.

Einige Wochen früher hatte bereits die 55 Jahre alte US-Erfolgsschriftstellerin Olivia Goldsmith (1949–2004) im Rahmen einer Schönheitsoperation das Zeitliche gesegnet. Nachdem sie bei der Narkose einen Herzanfall erlitten hatte, wurde sie in ein Manhattener Krankenhaus geschafft, wo sie noch rund eine Woche im Koma lag, ehe sie starb. Eigentlich war Goldsmith Unternehmensberaterin gewesen. Nun, das traf sich ja. Als sie von ihrem Gatten geschieden und wütend und bitterarm war, schrieb sie sich – so die Legende – alles von der Seele und bastelte aus den Aufzeichnungen mit Hilfe einer Freundin den Roman First Wives' Club (1992), der sich prompt fünf Millionen mal verkaufte. Das originelle, selbstverständlich spaßig zubereitete Thema: Drei Ex-Gattinnen nehmen Rache an ihren Verflossenen, die sie wegen jüngeren, dünneren, blonderen Frauen sitzen ließen. Auch die Verfilmung (1996, deutscher Titel „Der Club der Teufelinnen“) wurde ein Hit. Kaum weniger prompt zettelte die Freundin einen langwierigen Rechtsstreit um die Urheberschaft, also den Löwenanteil der Möpse an. Goldsmith obsiegte und ließ dem Wurf sogar weitere Renner, außerdem ein paar Kinderbücher folgen. Das Projekt der leibhaftigen Verjüngung ging dann schief.

Der entscheidende emanzipatorische Akt der Britin Tamsin „Taz“ Causer (1974–2006) bestand darin, professionelle Fallschirmspringerin zu werden. Sie errang den Weltmeistertitel und stellte mehrere Rekorde auf. Am 26. Mai 2006 trat sie im Verein mit 16 Sportskameraden bei einem „Formationsspringen“ über der Costa Brava unweit von Barcelona auf – und ab. Sie kollidierte nach dem Absprung aus dem Flugzeug „unglücklich“ ausgerechnet mit ihrer 27 Jahre alten Freundin Maria Russell. Durch den Zusammenstoß verlor Causer, 32, das Bewußtsein und fiel ins Meer, wo sie ertrank. Russel konnte unverletzt an Land niedergehen. Causer war noch als Managerin in einer Druckerei berufstätig gewesen, strebte jedoch eine Laufbahn als „stuntwoman“ an. Sie hatte x rüde Sportarten betrieben, darunter Boxen, Reiten, Motorradfahren. Ihre Mutter Hazel versicherte der Presse noch in der Nacht: „She was just so fantastic. She died doing something she adored.“*****

* Nummer 29, November 2011
** 7. November 2002
*** volksfreund.de, Trier, 5. November 2012
**** 16. April 2004
***** … bei etwas, das sie abgöttisch liebte ... In: The Sun, 27. Mai 2006



Malagnac, Alain-Philippe (1951–2000), Hausfreund >Platschek, Hans


Malibran, Maria (1808–36), Opernsängerin. 1825, als sie am Londoner King's Theatre ihr Debüt als „Rosina“ in Rossinis Barbier von Sevilla gab, war sie 17. Der Saal stand Kopf. Die zierliche junge Französin aus spanischstämmigem, sehr musikalischem Hause war schön und temperamentvoll, beherrschte etliche Instrumente sowie das Reiten, schrieb hinreißende Briefe – und singen konnte sie auch noch, Fach Mezzosopran. So wurde sie in den folgenden Jahren auf zwei Kontinenten als erste Diva der Operngeschichte gefeiert – um nicht zu sagen: angebetet. Der deutsche Journalist Ludwig Börne etwa stammelte (am Mittwoch, den 26. Januar 1831) in einem Brief aus Paris: „Fragen Sie mich: hat sie das gesprochen, gesungen, mit Gebärden so dargestellt? Ich weiß es nicht. Es war alles verschmolzen. Sie sang nicht bloß mit dem Munde, alle Glieder ihres Körpers sangen. Die Töne sprühten wie Funken aus ihren Augen, aus ihren Fingern hervor, sie flossen von ihren Haaren herab. Sie sang noch, wenn sie schwieg.“

Der Nachwuchsstar reiste zunächst mit der Truppe des Vaters Manuel Garcia umher, einem bekannten Tenor, Gesangslehrer und Komponisten. In New York bissen Maria oder ihr Erzeuger – das ist in der Literatur umstritten* – auf einen gesetzten, wenn auch noch begeisterungsfähigen Herrn namens François Eugène Malibran an. Zwar war der Mann 27 Jahre älter als Maria, jedoch Bankier. Möglicherweise heiratete sie ihn, weil sie auf diese Weise den Fängen ihres tyrannischen Vaters zu entkommen gedachte. Dummerweise ging ihr Gatte nach wenigen Monaten bankrott. Ein Jahr darauf, 1827, kehrte sie ihm und dem Gelobten Land den Rücken. Ab ungefähr 1830 lebte sie, teils in Brüssel, mit dem belgischen Geiger und Komponisten Charles de Beriot zusammen, den sie, nach langwieriger Scheidung von ihrem US-Gatten, 1836 auch heiratete. Als Hochzeitsgeschenk Felix Mendelssohn-Bartholdys kann die Konzertarie Infelice für Sopran und Orchester gelten, die er der Diva (1834) „auf die Stimme geschrieben“ haben soll. Das Ehepaar bekam ein Kind. Im April 1836 mußte Malibran unbedingt an einer berittenen Jagd im Londoner Hyde Park teilnehmen. Sie fiel vom Pferd, trat aber trotz einiger Knochenbrüche und offenbar auch innerer Verletzungen weiter auf, war sie doch ein Arbeitstier oder galt zumindest als solches, sodaß sie also auch diesen Ruf zu verlieren hatte. Zu allem Unglück wurde sie in jenen Monaten erneut schwanger, was ihre Genesung vermutlich noch erschwerte. Ein knappes halbes Jahr nach dem Sturz erlag die 28jährige dessen Folgen.

Sie wurde an ihrem Sterbeort Manchester begraben. Dabei sollen die Straßen von 50.000 Trauernden gesäumt worden sein. In Venedig ist ein Theater nach der Operndiva mit dem Zigeunerflair benannt. Die Spanier, so heißt es, nennen sie zärtlich Mariquita. Jedenfalls ein paar von ihnen.

Die ungarisch-österreichische Perle Claudine Rhédey von Kis-Rhéde Gräfin zu Hohenstein (1812–41) war die Großmutter der sogenannten Königin von England und Kaiserin von Indien Queen Mary, durfte diese Rangerhöhung freilich nicht mehr erleben. Im Gegenteil, schon ihr Gatte Alexander von Württemberg war von seinem Clan wegen unstandesgemäßer Heirat des Titels „Prinz“ beraubt und damit aus der Erbfolge verbannt worden. Man hätte sich nicht gewundert, wenn der Degradierte auch noch im Felde erschlagen worden wäre, doch das Schicksal schob den schwarzen Peter der Gräfin zu. Im Herbst 1841, nach sechs Jahren der ohne Zweifel sehr glücklichen Ehe, verfolgte die 29 Jahre alte Gräfin in der heutigen slowenischen, an der Drau gelegenen Stadt Ptuj, zu deutsch Pettau, eine Parade oder Übung der kaiserlichen Kavallerie aus zu ungeschützter Nähe, denn sie wurde von durchgehenden Militärpferden zu Tode getreten.** Nach der ungarischen Wikipedia ist dies aber nur die malerischste Version von Claudines Ende. Andere Versionen sprächen von einem Kutschunfall oder einem Blutsturz nach einer Fehlgeburt.

Im Falle des erfolgreichen Pariser Malers Alexandre-Gabriel Decamps (1803–60) war unbestritten ein Pferd, auf dem er saß, im Spiel. Es scheute an einem Sommertag des Jahres 1860 im Rahmen einer nach manchen Quellen „Königlichen“ Jagd im Wald von Fontainebleau. Vielleicht hatte sein Pferd die Orientmeise erblickt. Es warf den 57jährigen ab, worauf er an Kopfverletzungen starb. Die Orientmeise gilt den einen als Nachtigall, den anderen als Nervensäge. Decamps hatte sie in jungen Jahren von einer Reise durch Kleinasien mitgebracht und dadurch in die mitteleuropäischen Parkanlagen und Kunstsalons eingeführt. Plötzlich verlangte es alle mehr oder weniger gelehrten Schöngeister nach Zeichnungen oder Gemälden mit orientalischem Sujet und Kolorit. Decamps selber ließ sich aber nicht einengen; er malte auch gerne Hunde, Enten, Pferde und dergleichen, am liebsten natürlich welche im Rahmen der Jagd, oder Affen … Zu seinen Vorbildern zählte Rembrandt, zu seinen Verehrern Baudelaire, der ihm „die merkwürdigsten und unwahrscheinlichsten Licht- und Schattenspiele“ bescheinigte. Seine persönlichen Verhältnisse finden sich in allen mir zugänglichen Quellen außerordentlich unterbelichtet. Ab 1853 suchten ihn (und seine Arbeit) „nervöse Störungen“ heim; 1857 verkaufte er sein Pariser Atelier und zog sich nach Fontainebleau zurück. Immerhin, in den Sattel kam er da noch. Und seine Werke wurden bereits zu seinen Lebzeiten viel gefälscht, das müßte mir einmal passieren.

Da zu seiner Zeit gerade das Radfahren in Mode kam, brachte es Decamps' Landsmann Georges Cassignard (1873–93), womöglich mangels künstlerischer Begabung, als Sportler zu Ruhm. Geboren 1873 in Bordeaux als Sohn eines Weinhändlers, übte er das Radfahren schon mit 16 Jahren professionell aus. 1892 wurde er französischer Meister auf dem Dreirad, im Sprint und über 50 Kilometer. Ein Jahr darauf gewann er – auf dem Zweirad, nehme ich an – in Mailand den Großen Preis von Italien über 10 Kilometer. Aber das war auch schon der letzte Sieg des 20jährigen Sportlers, der inzwischen in Paris lebte. Sein Verhängnis war, daß man in diesem Hexenkessel aus Zweirad- und Autobesessenen immer noch reiten durfte. Er hatte sich nämlich von der Mailänder Prämie ein Pferd zugelegt. Zwar soll er schon als Pimpf geritten sein, doch sein neues edles Roß scheute und bockte auf einer belebten Straße, sodaß der sieggewohnte Pionier des Radsports kopfüber auf den Bürgersteig fiel. Das war am Morgen des 28. September 1893. Aus einer Apotheke eilte sofort Hilfe herbei, doch vergebens, am Abend war Cassignard tot. Als er im Städtchen Izon bei Bordeaux begraben wurde, fanden sich 2.000 Trauergäste ein. Der Webseite von Izon zufolge, die auch Fotos vom Zweirad fahrenden Sohn der Stadt präsentiert, versicherte damals der einheimische Sportreporter Maurice Martin den Trauergästen, der Gestürzte sei nicht nur ein großartiger Athlet, sondern auch, in seinem Privatleben, ein „einfacher und ehrlicher Junge“ gewesen. Als Anerkennung dafür bekam Cassignard später über seinem Grab ein protziges Mausoleum.

Auch der steiermärker Bauernbub und (in Pettau) gelernte Schlosser Johann Puch (1862–1914) liebte Zweiräder, rüstete sie aber schlitzohrigerweise alsbald mit Motoren auf. Nicht lange, und er stellte (ab 1906) auch Automobile her. So wurde er zum „Gründervater“ der Grazer Puch-Werke, die 1914 schon 1.200 Beschäftigte hatten – selbstverständlich nicht zuletzt zu Nutzen des kaiserlichen Heeres. Puch selber durfte aber den geschickt herbeigeführten „Kriegsausbruch“ nicht mehr erleben, weil er, wie Cassignard, neben Rädern auch Pferdehufe liebte, die er, vor allem als Zuschauer, Präsident des Grazer Trabrennvereins und Besitzer eines eigenen Rennstalls, gern auf den Rasen einer ovalen Bahn donnern hörte und sah. In diesem Zusammenhang ereilte den unermüdlichen Sports- und Geschäftsmann das Ende. Im Juli 1914, inzwischen 52, anläßlich einer Rennveranstaltung nach Agram/Zagreb gereist, fällte ihn ein Hirnschlag in seinem dortigen Hotelzimmer. Ob vor oder nach dem besagtem Rennen, wird nirgends verraten. Angeblich sank der sterbende Industrielle geradewegs in die Arme des kroatischen Radrennfahrers Emil Milan Meniga (1880–1959), mit dem er befreundet war.*** Den Zweiten Weltkrieg gingen Puchs Erben unter dem Dach der Firma Steyr-Daimler-Puch AG an. Wie man die ganze Angelegenheit verniedlichen kann, zeigt das Grazer Johann Puch Museum.

* Anke Charton, Hamburger Hochschule für Musik und Theater, 12. Juni 2015
** Justin C. Vovk: Imperial Requiem, Bloomington (Indiana, USA) 2012, S. 13
*** ARGUS Steiermark – Die Radlobby 2014



Mansfield, Jayne (1933–67), Schauspielerin >Dorléac, Françoise


Manuel, Dean (1934–64), Musikmanager >Anglin, Jack


Marchi, Otto (1942–2004), schweizer Historiker, Journalist und Autor einiger Romane. Der 62jährige, der teils in Berlin lebte, wurde mit vielen anderen Opfer eines berüchtigten Tsunamis, der auch massiv durch die Medien ging. Die verheerenden Flutwellen vom 26. Dezember 2004 waren von einem Seebeben im Indischen Ozean ausgelöst worden. Ihre Gewalt wird am Schicksal eines Schnellzuges deutlich, der an diesem Tag längs der Südwestküste Sri Lankas von Vavuniya nach Matara unterwegs war. „Als die Katastrophe vorbei war, trieben zwei Waggons im Meer, die 80 Tonnen schwere Lokomotive sowie weitere Waggons lagen 50 Meter neben den Gleisen“, berichtet der Berliner Manfred Lentz auf seiner Webseite.* Auch einige beliebte Urlaubsstrände waren von den haushohen Flut- und Schuttwellen betroffen, etwa in Thailand. Was ausländische Touristen angeht, kamen mindestens 2.200 um. Im ganzen starben freilich rund 230.000 Menschen. Das entspricht der Einwohnerzahl der ostdeutschen Landeshauptstadt Magdeburg. Über 110.000 Menschen wurden verletzt, mindestens 1,7 Millionen obdachlos. Die Touristen, die überlebten oder glimpflich davonkamen, waren allerdings nicht obdachlos geworden – sie flogen nach Hause.

Neben dem schweizer Schriftsteller streife ich vier weitere ausländische Opfer, die allesamt das Geld und das vermeintliche Glück hatten, den europäischen Winter mit dem tropischen Klima Thailands zu vertauschen. Die 47jährige Berlinerin Manuela Brandenstein (1957–2004) war gutbeschäftigte Schauspielerin und Drehbuchautorin gewesen. Sie hatte in Thailand Urlaub mit ihrem Lebensgefährten gemacht, von dem sie durch eine Flutwelle getrennt wurde. Er überlebte. Der 42jährige finnische Unterhaltungsmusiker und Fernsehmoderator Aki Sirkesalo (1962–2004) starb mitsamt seiner Frau Johanna und den gemeinsamen Kindern Saana und Sampo. Mieszko Talarczyk (1974–2004), Sänger und Gitarrist der schwedischen „Grindcore“-Band Nasum, hatte soeben (in Thailand) seinen 30. Geburtstag gefeiert. Seine Geliebte Emma wurde schwer verletzt. Die Band löste sich auf. Der 53jährige norwegische Schauspieler und Rocksänger Are Storstein (1951–2004) aus Oslo starb gemeinsam mit seiner Frau Sissel.

Antonio „Tony“ Chua (1954–2009), ein wohlhabender chinesisch-philippinischer Ex-Ballspieler, Geschäftsmann, Sportfunktionär und Eigentümer des Basketball-Proficlubs Barako Bull Energy Boosters, fiel fünf Jahre darauf dem Taifun Ketsana zum Opfer. Eigentlich hatte Chua an diesem Samstagabend Ende September 2009 in seiner Villa in Cainta bei Manila „hoch und trocken“ gesessen, doch dann war ihm eingefallen, irgendetwas aus seinem an der Durchgangsstraße geparkten Wagen retten zu müssen – vielleicht einen Pokal für den nächsten Titelgewinner oder einen Koffer mit Schwarzgeld. Cainta war zu diesem Zeitpunkt überschwemmt. Als er in Begleitung seines Sekretärs Joenare Pedal im Freien war, wurden die beiden von einer aufgepeitschten Strömung erfaßt. Der Versuch, sich an die nächsten Palmen zu klammern, mißlang, wenn ich den BusinessMirror richtig verstanden habe.** Beide Männer ertranken. Chua, wahrscheinlich 55, hinterließ Frau und drei erwachsene Kinder und mehr als den erwähnten Koffer. Ingesamt soll der Taifun rund 750 Todesopfer gefordert haben.

* reiselust.me, 2013
** 27. September 2009



Märklin, Theodor F. W. (1817–66). Der schwäbische Flaschnermeister gilt als Gründer der weltberühmten, in Göppingen ansässigen Fabrik für Modelleisenbahnen, obwohl er selbst noch keine solchen baute, vielmehr vorwiegend mit Puppenküchen begann, also etwa aus Weißblech winzige Kochherde herstellte. Was seinen in der Regel nur formelhaft erwähnten unerwarteten Tod mit 49 Jahren angeht, steht uns immerhin eine Schilderung seines Enkels Wilhelm Märklin (1900–63) aus einer Firmenchronik zur Verfügung, wie mir „Insider“ Roland Gaugele (im April 2015) freundlicherweise auf Anfrage verrät. Danach besaß Theodor Märklins Wohn- und Geschäftshaus in der Grabenstraße 56 zu ebener Erde eine „Art Falltür, welche zum Keller führte“. Als er eines Winterabends noch einmal in die Werkstatt schlurfte, um Kochherdchen zur Auslieferung zu holen, wußte dies leider der Lehrling nicht. Der hatte im Hausflur inzwischen die Lukentür an die Wand geschlagen, um seinerseits etwas aus dem Keller zu holen, und prompt fiel sein Meister, vermutlich bei spärlicher Flurbeleuchtung, auf dem Rückweg in die Küche ins Loch. Märklin habe sich einige Rippenbrüche, später auch noch eine Lungenentzündung zugezogen, woran er am 22. Dezember 1866 gestorben sei.

Man kann natürlich nur hoffen, der liebe Enkel habe hier nicht den „mißratenen Stift“ zum Sündenbock gemacht, um etwa des Meisters eigene Brut zu decken. Was meinen Gewährsmann Gaugele angeht, war er langjährig, bis zur Insolvenz des Unternehmens 2009, leitend bei Märklin tätig, darunter als Pressesprecher und Museumschef. Als solcher hatte er 2005 auch einen Aufsehen erregenden Einbruch in das firmeneigene Museum zu erleiden. Die darin gebotenen historischen Spielzeug-Raritäten waren selbstverständlich begehrt und entsprechend wertvoll. Die Polizei konnte den Fall nach einigen Monaten lösen. Dabei half auch Gaugele, der zuletzt eigens nach Wien flog, wo passendes Diebesgut gesichtet oder gewittert worden war, und Hehlern gegenüber den Lockvogel spielte und ihr Angebot auf Echtheit prüfte.* Seit 2013 betreibt der bei Märklin ausgeschiedene Fachmann gemeinsam mit seinem Partner Georg Grupp das Göppinger Auktionshaus Hohenstaufen, das ausschließlich historisches Spielzeug unter den Hammer nimmt, voran Modelleisenbahnen, wie sich versteht. So werfen die kindlichen Vergnügen Geld ab, falls man im Kapitalismus lebt.

Der schottische Chemiker und Mediziner John Macadam (1827–65), ein hochgewachsener Mann mit rotem langen Haar, einem Vollbart und dröhnender Stimme**, machte mit 38 seinen einzigen Sohn zum Waisen und dessen Mutter zur Witwe, weil er sich unbedingt an der Überführung eines Mörders beteiligen mußte. Macadam war 1855 nach Melbourne, Australien, übergesiedelt. Hier wirkte er vornehmlich als Hochschullehrer und Parlamentsabgeordneter (des Staates Victoria), gelegentlich aber auch als Gutachter. Genau das war sein Pech. 1865 fand in Neuseeland ein Prozeß gegen einen gewissen Kapitän William Andrew Jarvey statt, der verdächtigt wurde, seine Gattin Catherine Jane vergiftet zu haben. Sie war damals erkrankt, und ihr Gatte hatte ihr eine „Medizin“ eingeflößt, an der sie alsbald verendete. Gutachter Macadam (es war Strychnin!) reiste im März trotz schlechter Gesundheit zum Prozeß an, doch dieser wurde mangels Konsens der Jury vertagt. Einzige Halb-Beobachterin des Anschlages war Tochter Elizabeth gewesen***, die womöglich ihren Erzeuger haßte, ob zurecht oder nicht. Was nun Macadam angeht, erlitt er auf der Rückreise auf oder unter Deck bei stürmischem Seegang einen Sturz, der ihm einige gebrochene Rippen sowie eine Rippenfellentzündung einbrachte. Obwohl er Anfang September noch an dieser Entzündung litt, ging er abermals an Bord (eines Seglers namens Alhambra), weil die Verhandlung gegen Jarvey erneut angesetzt worden war. Immerhin ließ sich der Gutachter dieses Mal begleiten, nämlich vom Medizinstudenten John Drummond Kirkland. Prompt gab Macadam auf See seinen Geist auf; Kirkland schaffte die Leiche und das neue Gutachten an Neuseeland – und siehe da, jetzt verlor Jarvey den Prozeß und damit auch, wie Macadam, sein Leben, denn er wurde im Oktober im Gefängnis von Dunedin gehängt. Ob zurecht oder nicht.

Obwohl der schwäbische Lehrer Karl Mauch (1837–75) Seemann und dann Höhlenforscher, Ruinenentdecker, Elfenbeinjäger und wahlweise Gold- oder Diamantensucher in Afrika geworden war, versagte sich ihm das große Glück. Immerhin konnte er einige Berichte und Befunde veröffentlichen, die unter anderem der Kartographie Afrikas dienten. Viktor Hantzsch behauptet****, das Angebot, den Direktionssessel einer neuen Minengesellschaft zu übernehmen, habe Mauch ausgeschlagen, weil er sich vordringlich als Wissenschaftler sah und nicht binden wollte. Er sei ein bescheidener und anspruchsloser, im übrigen frommer Mann gewesen. 1871 wegen einer Malaria-Erkrankung in die Heimat zurückgekehrt, bemühte sich Mauch, neben Vortragsreisen, vergeblich um einen Posten im Wissenschaftsbetrieb. So sah er sich ab 1874 gezwungen, sein Leben als „Betriebsleiter“, so Hantzsch, einer Zementfabrik in Blaubeuren (bei Ulm) zu fristen.

Da es heißt, Mauch habe im Bahnhofsgebäude ein möbiliertes Zimmer bewohnt, war er vermutlich alleinstehend. Dort habe der rauschebärtige Junggeselle wegen seiner unter anderem rheumatischen und asthmatischen Beschwerden oft des nachts im Lehnstuhl am Fenster gesessen, sagt Hantzsch. Vielleicht war es ein kühn geschwungener Schaukelstuhl? „In der Charfreitagsnacht, am 26. März 1875, hatte er das Unglück, in der Schlaftrunkenheit hinauszustürzen und sich durch Aufschlagen aufs Pflaster lebensgefährlich zu verletzen.“ Er starb am 4. April im Stuttgarter Ludwigsspital mit 37 Jahren. Für das Stuttgarter Landesarchiv war der Verstorbene freilich nur „gnadenhalber“ als „Geognost“ (Geologe) in jener Zementfabrik beschäftigt worden. Das habe der zunehmend anstrengende Eigenbrötler wohl als schmählichen Abstieg empfunden.***** Dafür hat man später einen kräftigen Berg nach ihm benannt, den „Mauchberg“ bei Lydenburg, Südafrika, 1.787 oder 2.209 Meter hoch, je nach Quelle.

Der Wiener Schauspieler Friedrich Mitterwurzer (1844–97), bereits von Bühnenkünstlern in die Welt gesetzt, wird überall zu den Spitzen seines Fachs gezählt. Er war wiederholt am berühmten Burgtheater engagiert, gab sich dazwischen aber auch, nicht zuletzt aus finanziellen Gründen, einem rastlosen Wanderleben hin. Er soll große Ausstrahlung besessen und die jeweilige Aufführung in der Regel beherrscht haben. Zu seinen Paraderollen gehörte, von diversen Shakespeare-Gestalten einmal abgesehen, Hjalmar Ekdal aus Ibsens Wildente. Nach Eugen Guglia****** war der stattliche Mann im Gemüt so wechselhaft wie auf der Bühne wandlungsfähig. Freunden gegenüber habe er freimütig seine Angst bekannt, einmal dem Wahnsinn zu verfallen. Aber ist das nicht gerade unter Schauspielern normal? „Geheimnißvoll wie seine Persönlichkeit“ sei sein plötzlicher Tod (mit 52) gewesen, fährt Guglia fort. „Einige sprachen von Selbstmord, die Section ergab Vergiftung durch ein [Chlorkali-]Medicament, das, zum Gurgeln bestimmt, von ihm eingenommen wurde, doch mochte dies auch nur die Folge eines Irrthums gewesen sein.“ Woraus ja immerhin zu schließen ist, es hatten sich keine Absichtserklärungen gefunden.

Wahrscheinlich kann Mitterwurzer nicht als Eigenbrötler gelten wie etwa Mauch. So hatte er 1893 eine Tochter namens Anna verloren, wie sich gleich eingangs einem Bericht der Wiener Neue Freie Presse vom Begräbnis des Künstlers entnehmen läßt.******* Zu dieser Tochter wurde er jetzt gebettet. Dagegen war ein Knabe namens Anton noch anwesend – vielleicht Annas Bruder, vielleicht ihr Stiefbruder. Das Blatt nennt ihn „den Sohn“ der gleichfalls anwesenden Witwe, nämlich der Hofschauspielerin Wilhelmine Mitterwurzer. Verständlicherweise war die Dame „tief erschüttert“. Der Besuch am Grabe war gut; es hätten sich „viele Verehrer und besonders Verehrerinnen des Verblichenen“ eingefunden. Als das Loch halb zugeschüttet war, fuhr als Knalleffekt auch noch ein Fiaker vor, dem „Fräulein Mirovic“ entstieg, „die Freundin“ des Verblichenen, in deren Haus er auch verstorben sei. Sie hatte ebenfalls einen Anton dabei, „ihr Söhnchen“ nämlich. Auch Mirovic weinte heftig, während sie Blumen ins Grab warf. Der „kleine Anton“ aber, so das Blatt ungeachtet aller Verwechslungsgefahr, habe in das Loch hinabgerufen: „B'hüt dich Gott, Vater!“ Mehr oder weniger klein dürften ja beide Antons gewesen sein. Wen von den beiden Buben das Blatt nun meinte, wird nicht klar. Sollte der Redakteur nicht einfach schlecht gewesen sein, dann im Gegenteil durchtrieben.

* Peter Thomas in der FAZ, 20. Januar 2015
** K. F. Russell im Australian Dictionary of Biography, 1974
*** A. H. McLintock (Hrsg): An Encyclopaedia of New Zealand, 1966
**** ADB, Band 52 (1906), S. 240
***** „Archivale des Monats“ November/Dezember 2007
****** ADB, Band 52 (1906), S. 423
******* 28. Februar 1897, S. 6



Markowski, Mile (1939–75), Schachspieler >Lewi, Jerzy


Marriott, Steve (1947–91), Rockmusiker >Platschek, Hans


Marsman, Hendrik (1899–1940), Schriftsteller >Kirchner, Herti


Martin, Dean Paul (1951–87), Schauspieler >Dorléac, Françoise


Martini, Erich (1843–80), Chirurg >Ashe, Arthur


Marullus, Michael († 1500), „Dichtersoldat“ >Kılıç Arslan I.


Marxen, Herbert (1900–54), mehr oder weniger antifaschistischer Künstler. Fotos zeigen einen hochgewachsenen, hageren Dunkelhaarigen mit schmalem, kantigem Kopf, gleichwohl weichen, auch hübschen Gesichtszügen. Vielleicht liegt es nicht nur an der zufälligen oder absichtlichen Auswahl dieser Fotos, wenn der Grafiker Herbert Marxen aus Flensburg, zeitweilig fester Mitarbeiter der bekannten Satireblätter Simplicissimus und Jugend, auf ihnen stets ein wenig verschlossen, düster, bedroht wirkt. Trotzdem soll er durchaus höflich und umgänglich gewesen sein, dabei freilich überwiegend wortkarg – „ein nordischer Charakter“ eben, wie Ulrich Schulte-Wülwer* Marxens Münchener Kollegen Wolfgang Petzet zitiert.

Der Volks- und anschließende Kunstgewerbeschüler Marxen, der seinen Vater bereits im Säuglingsalter verloren hat, kann sich zeitlebens nur mühsam durch seine grafischen Arbeiten, teils auch für Reklamezwecke, über Wasser halten. Um 1930 heiratet er Herta Knippenberg, von der wir lediglich erfahren, nach dem Krieg sei die Familie (zwei Kinder) im Wesentlichen von ihr ernährt worden, mit Hilfe einer kleinen Buchhandlung und Leihbücherei, die Herta in Flensburg-Mürwik eröffnet hatte. Marxen war im Laufe des Krieges eingezogen, aber immerhin schon 1945 aus der Gefangenschaft entlassen worden. Vorher hatten ihn die Nazis, trotz vorübergehenden Ausschlusses aus der Reichskammer der bildenden Künste (= Berufsverbot), vergleichsweise milde behandelt, da sich umgekehrt auch Marxen, laut Schulte-Wülwer „letztlich ein unpolitischer Mensch“, antifaschistischer Attacken enthalten hatte. Im Gegenteil arbeitete er streckenweise „an Motiven aus der Welt des japanischen Militärs, die keineswegs im Widerspruch zur Politik des Nationalsozialismus standen.“

Was dem zurückgezogen lebenden Künstler jedoch verwehrt wurde, war die Rückerstattung von rund 200 grafischen Arbeiten, die zwei Gestapo-Leute 1938, wohl nach Denunziation durch einen Verwandten, in seinem Atelier beschlagnahmt hatten. Marxen empfand diese Maßnahme als tiefes Unrecht und kämpfte auch nach Kriegsende und seiner Heimkehr „verbissen“ um Wiedergutmachung. Nun sah er sich der Schikane durch „demokratische“ Institutionen ausgesetzt. Vor allem wollten sie – zuletzt die Wiedergutmachungskammer des Kieler Landgerichts – jene angebliche, bis dahin lediglich mehrfach bezeugte Beschlagnahmung im Schätzwert von 10.000 DM bewiesen haben. Immerhin wurde 1954 einer von den beiden Gestapo-Leuten ausfindig gemacht, worauf das Landgericht einen Termin der Gegenüberstellung anberaumte. Das muß Marxen, inzwischen 54, derart aufgewühlt haben, daß er am 18. Juli, drei Tage vor dem Termin, einen Schlaganfall erlitt, dem er 10 Tage später erlag, ohne das Bewußtsein wieder erlangt zu haben.

Der Karikaturist Marxen zeichnet linear, dabei jedoch plakativer als etwa sein schon 1908 verstorbener Kollege Rudolf >Wilke, der noch zu behandeln sein wird. Schulte-Wülwer urteilt: „Von den drei großen Karikaturisten seiner Zeit, Heine, Gulbransson und Arnold, stand Marxen letzterem am nächsten.“ Aber gleichwohl noch immer unter ihm, soll das wohl heißen.

Die Pfarrerstochter und Ärztin Elfriede Cohn-Vossen (1909–57), aufgewachsen in Thüringen und Sachsen, hatte um 1938 den kommunistischen Schriftsteller und späteren Kulturfunktionär Alfred Kurella kennengelernt und geheiratet, eine schillernde, umstrittenen Gestalt, die ich bereits andernorts umrissen habe. Mit ihm hatte sie zwei Kinder, Stefan und Brigitte. Vorher war sie mit dem Mathematiker Stefan Cohn-Vossen verheiratet gewesen, dessen Name sie beibehielt. Zuletzt Staatsbankmitarbeiter in Moskau, war der jüdische Professor 1936 ebendort, wie es heißt, dem Typhus erlegen. Mit Kurella teilte die neue Gattin vielleicht die Vorliebe für den Kommunismus der sowjetischen Art, gewiß jedoch für das Wandern, und zwar insbesondere im Kaukasus. Das sollte ihr Verhängnis werden.

Dem gemeinsamen Sohn Stefan Kurella zufolge**, geboren 1939, hatte das Ehepaar bereits nach dem Krieg für einige Jahre im Kaukasus gelebt, wobei Cohn-Vossen in Ps’chu, Abchasien, ein Dorfkrankenhaus leitete. Später war die Familie, von Leipzig oder Ostberlin aus, regelmäßig in diesem wilden Riesengebirge Zelten und Wandern. Am fraglichen Julitag 1957 war man in der heutigen georgischen Region Chewsuretien unterwegs. „Von Djuta aus begleitete uns mit seinen Pferden Gigla Arabuli nach Archoti, wo wir vom Lyriker Guram Rtscheulischwili erwartet wurden, um gemeinsam im Dorf Achieli das bei den Chewsuren bedeutende Fest Athangena bzw. Athangenoba zu begehen. Knapp zwei Kilometer vor dem Dorf verunglückte Elfriede. Was geschah? Wir hatten den 3.286 Meter hohen Archotistavi-Pass hinter uns und stiegen in das Tal der Assa hinab. Meine Mutter ritt, ich folgte ihr zu Fuß. Der Pfad war tief in den steilen Hang geschnitten. Das Pferd hatte den Pfad verlassen, meine Mutter wollte absteigen. Genau in diesem Moment brach das Pferd mit den Hinterbeinen den Grassoden ab, auf dem es stand, bekam einen Schreck und rannte den Hang hinunter. Meine Mutter wurde Opfer zweier Fehler: ihr Bergschuh blieb im Steigbügel stecken und sie hatte die Zügel fallen gelassen (anstatt sie fest zu halten). So konnte das Pferd sie zu Tode schleifen.“

Die 48jährige wurde noch am selben Tag in der Unglücksgegend begraben. So hatten es seine Eltern auf Gegenseitigkeit für Unglücksfälle vereinbart, sagt Kurella. Der erwähnte Lyriker Guram Rtscheulischwili habe einen Bericht über den Vorfall verfaßt, der wiederholt auch im georgischen Rundfunk zu hören gewesen sei. Eine amtliche Untersuchung gab es sehr wahrscheinlich nicht. Schwester Brigitte weilte in jenem Sommer in einem Pionierlager auf der Krim, fällt also als Augenzeugin aus. Streng genommen, müssen freilich auch alle anderen Zeugen als mehr oder weniger befangen gelten, sodaß es nicht Wunder nimmt, wenn später unterschiedliche Versionen des Vorfalls und auch Gerüchte über Faulspiel umliefen. Ich persönlich halte Stefan Kurellas Darstellung für glaubwürdig, weil er seinem Vater, nach meinem Eindruck, eher kritisch gegenübersteht.

Guram Rtscheulischwili, geboren 1934, soll übrigens auch nicht mehr lange gelebt haben. Dabei war er noch keine 30, als er, wahrscheinlich 1960, bei einer berauschenden Party am Schwarzen Meer (angeblich) versuchte, einen trunkenen Freund vorm Absaufen zu retten. Dabei soll der Schriftsteller selber ertrunken sein. Belege für diese Geschichte nehme ich dankbar entgegen.

* Herbert Marxen, Ausstellungskatalog, Flensburg 1982
** Briefliche Auskunft im Februar 2016. Der Ethnologe Kurella aus Oranienburg macht sich seit Jahren für die ärmliche Kaukasus-Region Swanetien stark.



Materassi, Emilio (1894–1928), Autorennfahrer >Bugatti, Jean


Mattei, Enrico (1906–62), Industrieller >Bergen, Monika


Matter, Mani (1936–72), schweizer Jurist und Vortragskünstler mit Klampfe, dunkler kräftiger Stimme und ebensolchem „Schnauz“ unter der Nase. Ab 1966 erntete er vornehmlich mit lustig gereimten (Berner) Mundart-Liedern Beifall und Gelächter. Er kratzte an der Bürgerlichkeit, ohne jemals Rebell zu sein. Zu seinem Repertoire zählte ein Lied über seinen Namensvetter Bernhard Matter, einen im Volk beliebten Räuber. Während dieser 1854 in Lenzburg ein aus Balken und Bohlen errichtetes Schafott besteigen mußte (wie in meiner Arbeit über Mordopfer zu lesen ist), begab sich Mani Matter Ende November 1972 auf das moderne betonierte Schafott, das inzwischen auch in der Schweiz Einzug gehalten hatte, die Autobahn. Der 36jährige Berner prallte bei Kilchberg auf dem Weg zu einem Auftritt in Rapperswil am Zürichsee nach dem Überholen eines Lastwagens mit seinem Fiat nahezu ungebremst gegen einen Baum. Es schneite, und der vielbeschäftigte, um nicht zu sagen: überarbeitete Künstler, Rechtskonsulent, Hochschullehrer und Familienvater hatte vielleicht Verspätung befürchtet. Letztlich blieb der tödliche Unfall ungeklärt, falls es einer war. Nach seinem Biografen Wilfried Meichtry hatte Matter zuletzt an seinem Ruf als mehr oder weniger harmlose Stimmungskanone gelitten, wodurch er sich eingeengt und verkannt fühlte; er habe jedoch zugleich voller künstlerischer Pläne gesteckt, Opern eingeschlossen, und mit seiner Familie (drei Kinder) einen Wohnungswechsel vorbereitet. Daraus wurde nichts. Meichtry, offenbar ein Liebhaber von Gemeinplätzen und Worthülsen, auch wenn er das Gegenteil beteuert*, hält einen Selbstmord für unwahrscheinlich. Ähnlich scheint es die NZZ zu sehen, wenn sie von einem „misslungenen Überholmanöver“ des ambitionierten Künstlers und Fiat-Lenkers spricht.** Nebenbei behauptet das Blatt, Meichtrys Werk sei „unter der Schirmherrschaft“ der gestrengen Witwe Joy Matter entstanden, einer Lehrerin und „grünen“ Berner Stadträtin.

Der kalifornische Bluegrass/Countryrock-Musiker Clarence White (1944–73), streckenweise Mitglied der Birds und der Kentucky Colonels, wurde für sein Fingerpicking auf diversen Banjos und Gitarren bewundert. Er war 29 und Vater zweier Kinder, als er mit seinen Freunden um zwei Uhr morgens nach einer Session in Palmdale (bei Los Angeles) beim Einladen der Instrumentenkoffer oder Verstärker von einem angeblich betrunkenen Autofahrer, vielleicht auch einer Frau, tödlich verletzt wurde. Sein Bruder Roland kam beim selben Vorfall mit dem Leben davon. Einzelheiten, geschweige denn Belege sind nirgends zu bekommen, soweit mein Auge reicht.

Auch der nur mit Worten musizierende 35jährige Poet Rolf Dieter Brinkmann (1940–75) aus Vechta (bei Oldenburg) wurde überfahren. Ihn erwischte es im April 1975 als Fußgänger in London, wo er bei einem international besetzten LyrikerInnentreffen aufgetreten war. Angeblich mißachtete er beim Überqueren einer Straße den landesüblichen Linksverkehr. Er starb noch an der Unfallstelle. Spätestens durch diesen oft als „sinnlos“ beklagten Tod war der Weg für eine ausgedehnte Sinngebungs-Industrie frei, die den unerschrockenen „Erneuerer“ unserer Lyrik, den Schmied „freier Verse“ und sogenannter „Prosa-Gedichte“ (beides Arten schwarzer Schimmel) inzwischen als Kultautor etablieren konnte.

Der kärntener Politiker Karl Schleinzer (1924–75) könnte in mancher Hinsicht ein Vorläufer oder Vorfahrer von seinem schon früher behandelten Landsmann Jörg Haider gewesen sein. Dem Zweiten Weltkrieg und einer kurzen Gefangenschaft bei den Briten war Schleinzer, von Hause aus (Kreis Wolfsberg) Bauer, als Ex-Oberjungzugführer der HJ und Leutnant der Reserve entronnen.*** Nun brachte er es zum Führungskader der ÖVP. Als solcher schon einmal streckenweise Landwirtschaftsminister in Wien gewesen, war er zum Zeitpunkt seiner Heimfahrt von einem Fernurlaub in Griechenland Bundesparteiobmann (Chef) und Kanzlerkandidat seiner Partei. Am 19. Juli 1975 schwang sich der 51jährige in Wien in seinen privaten Ford Granada Richtung Kärnten. Er kam, auf der sogenannten „Gastarbeiterroute“, bis Bruck an der Mur, Steiermark, wo er ausgerechnet (frontal) mit einem türkischen Sattelzug zusammenstieß. Er starb noch am Unfalltag im Krankenhaus. Während der Spiegel (31/1975) von einem „selbstverschuldeten“ Karriereende sprach (etwa durch Übermüdung), behaupten einige andere Quellen, der Unfall sei nie völlig geklärt worden.

Aquiles Nazoa (1920–76), Sohn eines Gärtners, arbeitet sich vom Packer der Zeitung El Universal in Caracas über den Posten eines Korrektors zu einem Korrespondenten und Kolumnisten des Blattes hoch. Er wird ein beliebter satirischer Schriftsteller. Nazoa verhehlt seine Sympathien für das revolutionäre Kuba nicht. Man kennt ihn als Verdammer der Konsumgesellschaft und sogar der Luftverschmutzung in den Städten durch Autoabgase. Prompt erleidet er im April 1976 mit 55 Jahren zwischen den Großstädten Caracas und Valencia einen tödlichen Autounfall, als er gerade aufs Land fahren will, frische Luft tanken.**** Ob ihm Frau und Sohn bei diesem Ausflug Gesellschaft leisteten, verraten die Quellen nicht. Immerhin, der Sohn, Claudio mit Namen, geboren 1950, zufällig Komiker, außerdem Hobbykoch, scheint noch zu leben.

* Berner Zeitung, 14. April 2013
** 14. Mai 2013
*** Ingrid Böhler, NDB, Band 23, Berlin 2007, S. 58
**** Diccionario Enciclopedico de las Letras de America Latina, Caracas 1995



Matthes, Markus (1977–2011), Verteidiger seiner Heimat in der Grenzregion Afghanistan. Auf diesem Vorposten hatte der 33jährige Hauptmann der deutschen Bundeswehr am 25. Mai 2011 das Pech, mit seinem Gefechtsfahrzeug in eine „hinterhältige“*, von heimatfremden, fälschlich „Partisanen“ genannten Eindringlingen gelegte Sprengfalle zu geraten, wobei er sein Leben einbüßte. Dafür stieg er freilich noch mehr in der Achtung seines Freundes Robert Harting, der ihm seine eben erst in Südkorea (bei den sogenannten Olympischen Spielen) erkämpfte Goldmedaille widmete. Der amtierende Weltmeister im Diskuswerfen aus Cottbus, Kind des DDR-Leistungssportes, hatte zuvor schon durch rüde vorgebrachte Forderungen auf sich aufmerksam gemacht, endlich den Einsatz von Doping-Mitteln zu legalisieren. Beide Freunde waren sich stets darüber im Klaren, der Zweck heiligt die Mittel. Den Zweck der deutschen „Friedensmission“ in Afghanistan (54 deutsche Tote von 2001 bis Mai 2013) hatte im Mai 2010 Bundespräsident Horst Köhler nach einem Truppenbesuch in Afghanistan im Flugzeug Journalisten gegenüber ausgeplaudert: Große exportorientierte Länder wie Deutschland müßten um ihrer Interessen wegen, „zum Beispiel freie Handelswege“, notfalls auch zu militärischen Mitteln greifen. Ihm selbst blieb dann nur der Rücktritt.

* Reservistenverband, 30. August 2011


Mauch, Karl (1837–75), Afrikaforscher >Märklin, Theodor


Mazagg, Siegfried (1902–32), tiroler Architekt. Der Absolvent der Innsbrucker Staatsgewerbeschule machte vor allem durch einige öffentliche Bauten und (ländliche) Berghotels auf sich aufmerksam. Günstigerweise sah er auch noch blendend aus. Das half ihm freilich wenig bei einem Autounfall, den er, im Sommer 1932, mit 30 Jahren in der Landeshauptstadt Innsbruck erlitt. Bis ungefähr 1930 war Mazagg mit einem Motorrad zu seinen Baustellen gefahren, doch dann habe er sich, „als erfolgreicher und modebewusster Architekt“, einen Wagen Marke DKW F1 zulegen können, weiß seine Biografin Schlorhaufer.* Mit diesem schicken offenen Zweisitzer am 2. Juni zur Baustelle der Pension Bergheim in Berwang unterwegs, sei Mazagg an einer Kreuzung des Stadtteils Saggen zunächst gegen einen Kleinlaster, dann einen Baum geprallt. Am 13. Juni war er seinen schweren Verletzungen erlegen. Das Schicksal weiterer Beteiligter geht vermutlich aus verschiedenen damaligen Ausgaben der Innsbrucker Nachrichten hervor.

Als sich der Baseler Maler Werner Neuhaus (1897–1934) 1927 mit seiner frisch angetrauten Frau Hedwig Gfeller auf den Reckenberg bei Rüegsau im Emmental (Kanton Bern) zurückzog, begab er sich nach Ansicht einiger Experten in eine „Sackgasse“, da er sich vom sogenannten Expressionismus (Künstlergruppe Rot-Blau) auf eher naturgetreue Darstellungen verlegte. Die Wahrheit ist, er befand sich auf dem Weg in den Sarg. Am 20. August 1934 war er mit Entwürfen für die Glasfenster der mittelalterlichen St.-Blasius-Kapelle in Rüegsbach per Fahrrad auf dem Heimweg zur Grabenhalde (oberhalb Grünenmatt, Lützelflüh), wo er inzwischen mit seiner Familie im Neubau der Schwiegereltern wohnte und ein Atelier betrieb. Er kam freilich nur bis Rüegsau. Dort wurde der 36jährige Künstler von einem Militärlastwagen angefahren, der laut Anna Schafroth** von einem „betrunkenen“ Soldaten gelenkt worden war. Neuhaus landete im Bezirksspital von Burgdorf, wo er nach zwei Tagen starb. Er hinterließ, neben der Witwe, zwei kleine Mädchen, wobei er bereits einen dreijährigen Sohn durch Krankheit verloren hatte.

Zu den (meist komischen) Paraderollen des Wiener und Berliner Sängers und Schauspielers Max Pallenberg (1877–1934), Star bei Max Reinhardt, zählten etwa der „Eingebildete Kranke“ und der „Soldat Schwejk“. Am 26. Juni 1934 ging es weniger lustig zu. An diesem Tag soll der 56jährige Bühnenkünstler von Prag aus in Begleitung eines einheimischen Fabrikanten mit dem Piloten eines gemieteten Kleinflugzeuges zu einem Gastspiel in dem bekannten Kurort Karlsbad unterwegs gewesen sein, wo er schon früher geglänzt hatte. Kurz vor der Landung sei die Maschine auf dem Flugfeld wegen „Pilotenfehler“ zu Bruch gegangen.*** Offenbar kamen alle drei Insassen um. Pallenbergs Gattin, die Operndiva Fritzi Massary, war nachweislich nicht dabei. Das jüdische Paar hatte seit einem Jahr im österreichischen oder schweizer Exil gelebt. Massary soll ein Haus bei Lugano besessen haben, wo sie die Unglücksnachricht erfuhr. Sie ging bald darauf in die USA.

Auch im Fall des radfahrenden schweizer Künstlers Martin Imboden (1893–1935) hält es das Historische Lexikon der Schweiz (2007), wie schon bei Werner Neuhaus (2009), für überflüssig, auf sein vorzeitiges unglückliches Ende hinzuweisen. Imboden starb mit 41. Ursprünglich Tischler, hatte er um 1923, als Autodidakt, auf Fotografie umgesattelt. Er kam mit seinen Arbeiten, darunter sowohl Straßenszenen wie Studien von Tänzern, in etlichen Blättern zum Zug. Reportagereisen führten ihn bis Nordafrika. Dabei war er zunächst in Paris, dann in Zürich stationiert, wo er im August 1935 einen tödlichen Radunfall erlitten haben soll. Ein Fall für hartgesottene Detektive. Zwei Anfragen von mir blieben unerwidert.

Ähnlich ist über den Autounfall des argentinischen kommunistischen Soziologen und Schriftstellers Aníbal Ponce (1898–1938) einstweilen nichts Näheres zu erfahren. Ponce hatte zwei Europareisen hinter sich, dabei 1934 auch einen Besuch in der Sowjetunion, die er vermutlich verehrte. Ein Jahr darauf wird der aktive Mann im Zuge des Militärputsches von 1930 als Hochschullehrer (in Buenos Aires?) amtsenthoben, worauf er ins mexikanische Exil geht. Hier ereilte ihn 1938, laut spanischsprachiger Wikipedia, jener Autounfall, und zwar auf einer Straße zwischen Morelia (wo Ponce lehrte) und Mexiko City. In der russischen Wikipedia wird jedenfalls kein Anschlag geargwöhnt. Der 39jährige Emigrant starb an den Folgen seiner möglicherweise verkannten inneren Verletzungen.

* Bettina Schlorhaufer / Joachim Moroder (Hrsg): Siegfried Mazagg – Interpret der frühen Moderne in Tirol, Wien 2013, bes. S. 40
** Anna Schafroth (Hrsg): Werner Neuhaus 1897–1934. Maler zweier Welten, Ausstellungskatalog, Münsingen-Bern 1997
*** Kay Weniger: „Es wird im Leben dir mehr genommen als gegeben ...“, Lexikon der aus Deutschland und Österreich emigrierten Filmschaffenden 1933 bis 1945, Hamburg 2011, S. 386




Fortsetzung Mb–Mz
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