Donnerstag, 11. Februar 2016
Lexikon der Unfallopfer Ko–Kz

Kobell, Hendrik (1751–79?), Maler >Eggert Ólafsson


Koch, Friedrich C. L. (1799–1852), niedersächsischer Fabrikant, Absolvent der Clausthaler Bergakademie (im Harz), 1834 „Bergrat“ des Herzogtums Braunschweig. Koch besaß zuletzt mehrere Unternehmen und ausgedehnte Ländereien, soll sich aber immerhin „wohltätig“ in der Armenfürsorge (Kartoffel) und Auswanderhilfe (USA) stark gemacht haben. Seine Tochter Caroline heiratete sogar einen überseeischen Kolonisator, den Pastor Ferdinand Sievers, Frankenlust Township, Michigan. 1852, schon durch Erkrankung bei seiner jüngsten USA-Reise angeschlagen (Gelbfieber), erlitt der 53 Jahre alte Bergrat in seiner Glashütte in Grünenplan (bei Hildesheim im Leinebergland) einen tödlichen Unfall, als er in eine „Schwenkgrube“ stürzte. Nach freundlicher Auskunft des Delligsener Heimatvereins und weiterer Quellen handelt es sich dabei um Gruben, in oder über denen die Glasbläser ihre aus dem Ofen bezogene, mit „Pfeifen“ versehenen Glasballons unter Pendelbewegungen „aufbliesen“ und so zu bis zu 25 Kilogramm schweren Glaszylindern verlängerten. Zuletzt wurden diese Zylinder aufgeschnitten und zu (Fenster-)Scheiben „gebügelt“. Vielleicht war das Endprodukt auch in den Neubau der Günenplaner Kirche gewandert, den Koch gerade noch rechtzeitig vor seinem Ableben großzügig unterstützt hatte. Seine örtliche Fabrik ging später in den Jenaer/Mainzer Schott-Konzern ein, der gegenwärtig zu den größten Herstellern von technischen Gläsern und Glaswaren weltweit zählt. Soweit ich sehe, hat auch dieser „Marktführer“ nicht unbeträchtlich von der großdeutschen „Wende“ um 1990 profitiert, die Ostdeutschland teils zur Wüste, teils zum Spielzeugladen für niedliche Fachwerkhäuser machte.

Koenig, Werner (1963–2000). Der Sportler und Liebhaber des Films aus Bayern gründet 1991 mit einem Partner eine eigene Firma, die vor allem Musikvideos herstellt und mit Lizenzen handelt. Nebenbei macht der frischgebackene Filmproduzent einen akademischen Abschluß als Jurist. Ab 1997 kommen im Firmenprogramm selbstproduzierte Kinofilme hinzu, so 14 Tage lebenslänglich über einen gestolperten Staranwalt und 1999 Nichts als die Wahrheit mit Kai Wiesinger als Rechtsanwalt Rohm und Götz George als Dr. Josef Mengele. Beide Filme spielten ihr Geld ein; der letzte war jedoch umstritten. Realiter war der „Todesengel von Auschwitz“ Dr. Mengele, der als KZ-Arzt in großem Ausmaß über Tod und Leben entschied, Vergasungen überwachte und grausame medizinische Menschenversuche durchführte, 1979 in Brasilien beim Baden nach einem Schlaganfall im Meer ertrunken. Der Film dagegen schickt ihn als Greis ins zeitgenössische Deutschland, wo er sich stellt und sein damaliges Handeln vor Gericht zu rechtfertigen sucht. Dabei sammelt er Pluspunkte und sein Verteidiger Rohm, der sich nur schwer zu diesem Amt überwinden konnte, gerät ins Schwanken. Zwar plädiert er zuletzt dafür, Mengele unwiderruflich hinter Schloß und Riegel zu bringen, gleichwohl hat man dem Film verschiedentlich ein Ausweichen vor den wesentlichen Fragen seines Themas vorgeworfen. Andere lobten die unübertreffliche Gestaltung des psychologischen Ringens zwischen den beiden Hauptfiguren. Der Film erhielt einige Auszeichnungen.

Wie so viele seiner braunen Spießgenossen, war Mengele nie gefaßt worden. Möglicherweise ließ sich der schweizer Nationalrat Jean Ziegler just von der Debatte um Koenigs Film Nichts als die Wahrheit dazu anregen, am 19. März 1999 im Parlament eine „Einfache Anfrage“ an die Regierung seines Landes einzubringen, die sich auf jene Nie-Ergreifung des Massenmörders bezog. Näheres dazu habe ich in einem Artikel über Günther Schwarberg gesagt.

In den Wirtschaftsteilen der Presse wurde der junge „Lebemann“ Koenig als Held der deutschen „New Economy“ gefeiert. 1999 war seine börsennotierte Firma Helkon über 400 Millionen Euro wert. Dem Branchenführer Leo Kirch hatte er öffentlich den Kampf angesagt. Er ließ sich in Kapstadt eine Villa bauen und lud, wie einstmals Gunter Sachs, zu Parties auf Yachten ein. Gleichwohl war ihm immer mal wieder der Gerichtsvollzieher auf den Fersen, weil Koenig zu beschäftigt gewesen war, um fällige Mieten oder Rechnungen zu bezahlen. Unter Bekannten galt der smarte, wenn auch etwas großmäulige Armer-Leute-Bub vom Tegernsee als ehrgeizig und geltungssüchtig. Er habe unter dem Zwang gestanden, überall seine Größe zu beweisen. Selbst auf schnöden Schnee bezogen, blieb er sich treu: er versicherte einmal öffentlich, nichts gehe über das Gefühl, mit seinen Tritten oder Skiern „als Erster“ eine Schneedecke zu zeichnen – „zu entjungfern“, fügte er hinzu. Vielbeschäftigter Schürzenjäger war er selbstverständlich auch. Aus anderen Äußerungen Koenigs kann geschlossen werden, er habe danach gestrebt, auch noch im Sterben „ein geiler Typ“ zu sein. Als Sportler war Koenig vor allem dem Skifahren und dem Segeln zugetan; auf beiden Gebieten hatte er als junger Mann streckenweise zur deutschen Nationalmannschaft gezählt. 1993, im März, war er beim Skifahren in eine Lawine geraten, was er, mit fünffachem Beckenbruch, nur knapp überlebte. Er brauchte anderthalb Jahre, um wieder zu gesunden.

Das konnte ihn aber keineswegs bremsen: im November 2000 zog sich Koenig anläßlich einer Drehortbesichtigung in den schweizer Alpen nahe Verbier auf Skiern im Tiefschnee erneut eine Lawine auf den Hals. Dieses Mal starb er, mit 37. Vor der Abfahrt soll er Freunden per SMS mitgeteilt haben, er habe nachts davon geträumt, er werde bei dieser Abfahrt sterben. Regisseur Marcus Rosenmüller, Koenigs Freund seit der gemeinsamen Schulzeit, meinte später* lapidar: „Es hätte nicht zu Werner gepaßt, mit 80 im Altersheim zu landen.“ Der Schauspieler und Filmemacher Rolf Peter Kahl versicherte allerdings 2008 in seinem Blog, Koenig – den er trotz aller Schwächen sehr schätze – habe bei seiner letzten Abfahrt auch um das Risiko des „Neuen Marktes“ und die Talfahrt seines Filmimperiums Helkon gewußt. Sie endete 2002 in der Insolvenz.

* laut Focus, 47 (2000)


Kofta, Jonasz (1942–88), Künstler >Jendis, Matthias


Kogan, Claude (1919–59), Bergsteigerin >Brawand, Samuel


Köhlmeier, Paula (1982–2003), österreichische Schriftstellerin. Im August 2005 zeigt sich Martin Halter in der FAZ von einem Band mit Prosatexten Köhlmeiers beeindruckt, Maramba. Ihre Sprache sei kraftvoll aber diszipliniert, genau, lakonisch. Man rede und lebe unter ihren zumeist jugendlichen Protagonisten vor allem aneinander vorbei. Trotz einiger Unfertigkeiten, so Halter abschließend, sei es „ein großes Unglück für die deutsche Literatur“, wenn „das große Versprechen“, das in dieser Prosa liege, nun nicht mehr eingelöst werden könne.* Man muß dazu wissen, zwei Jahre vorher war die 21jährige Autorin selber einem Unglück zum Opfer gefallen. Sie hatte gerade ein Literaturstipendium des Landes Vorarlberg errungen. Sie lebte in Wien, wo sie als PR-Agentin und Filmvorführerin arbeitete, hielt sich aber öfter im Vorarlberger Städtchen Hohenems auf, wo ihr Elternhaus stand. Beide Eltern, Monika Helfer und Michael Köhlmeier, waren und sind SchriftstellerInnen. Am 22. August 2003 stieg Paula auf Wegen oder Pfaden, die ihr auch nach Auskunft ihrer nachgelassenen Prosa durchaus vertraut waren, in Begleitung einer gleichaltrigen Freundin zur Burgruine Alt-Ems oberhalb von Hohenems auf. Vielleicht war es regenglatt; vielleicht querten die Frauen Geröll. Gegen 17.00 Uhr rutschten sie beide aus und stürzten, sich mehrmals überschlagend, 50 bis 100 Meter tief auf einen Wanderweg ab. Paulas aus Lustenau stammende Freundin erlitt bei dem Absturz nur leichte Verletzungen und konnte um Hilfe rufen. Die Hohenemserin dagegen erlag im Krankenhaus noch in der Nacht ihren schweren Kopfverletzungen.

Obwohl oder weil sie überlebt hat, möchte man nicht unbedingt in der Haut der Freundin stecken, zumal sie offenbar die einzige Zeugin war. Daneben scheint hier die Problematik der Künstlerkinder auf. In Fällen, wo beide Eltern Künstler sind, findet sie selbstverständlich einen besonders guten Nährboden, weil sich gleich zwei komplizierte Persönlichkeiten zu ganz ungeahnten Verschlingungen steigern. Aber auch dessen ungeachtet haben es Künstlerkinder immer schwer. In der Regel lastet ein starker Druck auf ihnen, wobei es ziemlich einerlei ist, ob er durch den Vater, die Mutter, die MitschülerInnen, die Branche oder die sogenannte Öffentlichkeit ausgeübt wird oder ob ihn sich der Sprößling vor allem selber macht – weil er sich beispielsweise als Titus van Rijn oder Clemens Eich einbildet, die Münchener Pinakothek oder der Darmstädter Büchnerpreis stünden und fielen jetzt mit ihm. Im Eich des frühzeitigen Treppensturzes (siehe bei >Brandorff, Walter) versteckt sich möglicherweise auch eine Ohrfeige für Martin Halter: Was da vielleicht, falls das betreffende Künstlerkind bis dahin durchhält, zum Glück der Literaturfreunde gerät, verdankt sich nicht selten dem Unglück der betreffenden Künstlerkinder – schon zu deren Lebzeiten. Aus Maramba zitiert Karl Woisetschläger** Zeilen, die vom Hohenemser Schloßberg handeln. „Es ist ein Medizinberg. Ich ging den Zickzackweg nach oben. Die Gedanken fliegen weg und schnellen bei jeder Kurve wieder zurück. Ich kenne den Schlossberg in- und auswendig ..(..).. Der Berg ist sehr empfindlich. Bitte reden Sie leise und am besten monoton, dann hält Sie der Berg für einen Bienenschwarm ..(..)..Ich setzte mich auf die Bank ganz oben beim Aussichtspunkt und spuckte auf Hohenems hinunter ..(..).. Ich zündete eine Zigarette an und dachte an die Freunde, die ich eigentlich nicht hatte.“

Apropos Zigaretten. Immerhin erwähnt Halter vor seinem Schlußpathos den rastlosen, ihn an Ingeborg Bachmann gemahnenden Lebenswandel der jungen Autorin, die gern als „Multitalent“ bezeichnet wurde. Halter bescheinigt ihr ein sehr geringes „Talent zum Glück“ und behauptet: „Sie wollte sich kettenrauchend und schreibend selbst verzehren.“ Damit drängt sich aber noch ein weiterer Gesichtspunkt auf. Nach Auskunft auch anderer (überwiegend lobender) Rezensenten stellt Maramba weder eine Erzählung noch eine Sammlung von Erzählungen, vielmehr eine Art Anthologie eher bruchstückhafter Miniaturen dar. Paulas Eltern sollen dazu (im Nachwort) erklärt haben: „Die Geschlossenheit eines Romans entsprach nicht ihrem Lebensgefühl. Sie erlebte viel und erlebte schnell, und was sie erlebte, konnte für sich bestehen, und die Schönheit des Augenblicks, in dem auf den Bus gewartet wird, muß nicht in eine größere Dramaturgie gespannt werden.“ Das Wort muß klingt hier in meinen Ohren recht zwiedeutig und verräterisch. Hatte Paula es nicht nötig, die Dinge in eine größere Dramaturgie einzuspannen oder verstand sie es, diese Herstellung von Zusammenhängen, womöglich gar Welt- und Lebensentwürfen, selbstbetrügerisch zu vermeiden? Jedenfalls darf ich versichern, es ist verdammt schwer, die Dinge in eine größere Dramaturgie einzuspannen. Es ist leichter, ein Döschen mit Zahnstochern über dem Tisch auszukippen.

Köhlmeiers Landsmännin Christine Böhm (1954–79), eine Bühnen- und Filmschauspielerin aus Wien und gleichfalls „Künstlerkind“, erholte sich im Sommer 1979 am Lago Maggiore im Tessin. Sie hatte bereits in mehreren Filmen mitgewirkt, so 1976 an Fritz Umgelters Fernsehkrimi Ein Badeunfall, 1977 an Tod oder Freiheit, ein Kostümfilm nach Schillers Räubern, in welchem Böhm die Rebellenbraut Maria zu mimen hatte. Nun überkam sie ausgerechnet am letzten Urlaubstag, einem Sonntag, die Lust, mit zwei Freundinnen in einem „kristallklaren“ Bergsee oberhalb der Ortschaft Riveo zu schwimmen. Es war der 5. August 1979. Tags zuvor hatte BRD-Mittelstreckler Harald Schmid, Gelnhausen, etwas weiter südlich, in Turin, gerade einen neuen Europarekord über 400 m Hürden aufgestellt, 47,85 Sekunden. Die 25jährige „abenteuerlustige“ Wiener Schauspielerin dagegen erklimmt barfuß einen „turmhohen“ Felsen über einem Wasserfall, meldete die Krone am Dienstag.*** Plötzlich sei sie wohl an einer glitschigen Stelle ausgerutscht und „30 Meter tief den Wasserfall hinabgestürzt“. Badegäste am unteren See hätten sie nur noch tot aus dem Wasser ziehen können. Gleichwohl habe sich ihr Vater Maxi Böhm nach Erhalt der Unfallnachricht noch in der Nacht mit seinem Sohn Max ins Auto geworfen und sei in die Schweiz „gerast“. Das ist die richtige Reaktion, sage ich dazu. Die beiden kamen sogar heil im Tessin an. Neuer Europarekord.

Ein Jahr nach dem Tod seiner Schwester muß Max Böhm, geboren 1949, allerdings verdammt ungemütlich zumute gewesen sein, denn am 7. Mai 1980 soll er sich erschossen haben. Mit was er sich beschäftigt hatte, wird in den wenigen Erwähnungen des Vorfalls nicht mitgeteilt. Als Motiv wird der beliebte Gummigrund „Depressionen“ angeführt. Daran soll schon sein zumindest in Wien berühmter Vater Maxi gelitten haben, ein Schauspieler, Kabarettist und Komiker, der 1982 mit 66 Jahren einem Herzinfarkt erlag. Lustig war er also, der Senior, vor allem, als er drei Kinder zeugte.

Landsmännin Brunhilde Plank (1956–2001), Lehrerin, Gemeinderätin in Irdning, Steiermark, frischgebackene Nationalrätin und „Hoffnungsträgerin“ der SPÖ, wie ich lese, hatte es zu einer „Trekking-Tour“ nach Grönland getrieben. Am 31. Juli 2001 zog sie sich tödliche Verletzungen zu, als sie einen Abhang hinabstürzte. Näheres war einem Fernschreiben der örtlichen Polizei nicht zu entnehmen.**** Laut Nachruf im Standard verabschiedete sich das SPÖ-Frauennetzwerk mit einem Zitat Simone de Beauvoirs von der 45 Jahre alten Parteigenossin: „Die Unwissenheit ist eine Situation, die den Menschen ebenso hermetisch abschließt wie ein Gefängnis.“ Vielleicht hatte sie über die Rauhheiten Grönlands zu wenig gewußt?

Erst eine Woche früher war Planks Nationalrats-Kollege Jakob Pistotnig (1945–2001), ein Autohausbetreiber, Land- und Forstwirt und FPÖ-Politiker aus Kärnten, bei einem Arbeitsunfall umgekommen. Der 56jährige hatte sich bei Kirchbach in den Gailtaler Alpen zwecks Wegebau mit einem Radlader auf die Sausing Alm begeben. Dabei kam er mit seinem Baufahrzeug von der Straße ab und stürzte 20 Meter in die Tiefe, wo er gegen Abend tot aufgefunden wurde.***** Er hinterließ, wie Plank, zwei Kinder.

Der deutsche FDP-Politiker Jürgen Möllemann (1945–2003), unter Helmut Kohl streckenweise Minister und Vizekanzler, zuletzt von diversen Skandalen, Schwarzgeld- und anderen Betrugsvorwürfen, Aufhebung seiner Immunität als Bundestagsabgeordneter und der Aussicht auf Strafverfolgung gebeutelt, war auch leidenschaftlicher und erfahrener Fallschirmspringer. Um Mittag des 5. Juni 2003 schlug der 57jährige dreifache Vater bei Marl in Nordrheinwestfalen nach Absprung aus einem mit 10 Springern besetzten Flugzeug ungebremst auf einem Feld auf. Er starb auf der Stelle. Nach dem Bericht der Staatsanwaltschaft gab es mehrere Anhaltspunkte für Selbstmord – so war etwa der „Öffnungsautomat“ für den Reservefallschirm nicht eingeschaltet – aber die Behörde legte sich nicht fest, weil andrerseits keine Belege, zum Beispiel Ankündigungen, für einen Selbstmord vorhanden waren. Es könnte somit auch ein Unfall, ja sogar ein Mord gewesen sein. Die Debatte darüber ist verwickelt und wenig erbaulich wie immer.******

Auch im nächsten Fall dürfte ein Mordverdacht nicht abwegig sein. Robin Cook (1946–2005), Labour-Politiker aus Schottland, war noch unter Tony Blair (bis 2001) Außenminister gewesen. In dieser Eigenschaft hieß er auch den Überfall der Nato auf Jugoslawien gut. 2003 jedoch machte er seinen roten Haaren Ehre, als er die Unterstützung des Irak-Krieges ablehnte und aus Protest als Fraktionsvorsitzender seiner Partei zurücktrat. Für seine Abschiedsrede im Unterhaus bekam er tosenden Beifall. Am 6. August 2005 stürzte der inzwischen 59jährige in seiner schottischen Heimat bei einer Bergwanderung zum oder am 720 Meter hohen Ben Stack tödlich ab, angeblich, laut Autopsiebericht, aufgrund eines Herzinfarktes. Er befand sich wahrscheinlich mindestens in Begleitung seiner zweiten Ehefrau Gaynor. Einen Monat früher hatte Cook im Guardian erklärt, „Al Kaida“, der gerade Bombenanschläge in London angelastet worden waren, sei teils Mißgeburt, teils Hirngespinst der CIA. Er hatte zum Zeitpunkt seines Ablebens gute Aussichten, in das absehbare Kabinett Brown einzutreten. Eine kriminalistische Untersuchung seines unter ziemlich unklaren Umständen erfolgten Bergtodes fand nicht statt. Auf diesen Mangel und zahlreiche andere Ungereimtheiten weist ebenfalls die Webseite von Arbeiterfotografie hin.*******

Die schwarze US-Schriftstellerin Octavia E. Butler (1947–2006) aus Kalifornien hatte sich aus ärmlichen Verhältnissen zu einer erfolgreichen, auch preisgekrönten Science-Fiction-Autorin hochgearbeitet, litt aber zunehmend an „Schreibblockaden“, Bluthochdruck und Herzproblemen. Im Februar 2006, 58 Jahre alt, soll sie sich durch einen Sturz auf der Straße vor ihrem Haus in einem Vorort von Seattle, Bundesstaat Washington, wo sie seit dem Tod ihrer Mutter (1999) lebte, Kopfverletzungen zugezogen haben, denen sie noch am selben Tag erlag. Möglicherweise hatte sie einen Herzinfarkt erlitten. Ob Eisglätte im Spiel war, ist mir nicht bekannt. Butler lebte durchweg „zurückgezogen“, die geborene Einsiedlerin. Frühzeitig den Vater verloren, einen Schuhputzer, war sie als Kind schüchtern gewesen, fühlte sich schwach und machtlos. Deshalb habe sie diese Storys über „powerful people“ geschrieben, soll sie einmal gesagt haben. Dann schoß sie fast zur Körpergröße von 1,80 auf, was die Angelegenheit auch nicht gerade besser machte. KritikerInnen bescheinigen den Stories dieser schwarzen Hünin, wenn man das sagen darf, feministische und gar anarchistische Tendenzen. Spannend sind sie offenbar auch.

* 24. August 2005
** Die Presse, 5. Februar 2005
*** Neue Kronen Zeitung, Wien, 7. August 1979
**** Neue Kronen Zeitung, Wien, 3. August 2001
***** News.at, 24. Juli 2001
****** Arbeiterfotografie, Sommer 2007
******* Arbeiterfotografie, o.J.



Koinigg, Helmut (1948–74), Rennfahrer >Clark, Jim


Kolletschka, Jakob (1803–47), Wiener Pathologe und Gerichtsmediziner, seit 1843 Professor. Ohne seine Verdienste schmälern zu wollen, muß doch erwähnt werden, Kolletschka ist vor allem durch seinen frühen Tod (mit 43) berühmt. Nachdem er sich bei einer Leichenöffnung im Kreise seiner Studenten versehentlich mit dem Skalpell in den Finger geschnitten hatte, erlitt er eine Blutvergiftung, an der er am 13. März 1847 starb. Da sein findiger, freilich auch viel angefeindeter Freund und Kollege Ignaz Semmelweis von den Umständen her auf mangelhafte Hygiene im betreffenden Institut schloß, wurden später durch Kolletschkas Ableben wichtige Maßnahmen im Kampf gegen die Verunreinigung durch Bakterien errungen, angefangen beim Händewaschen. In etlichen Quellen wird die Fingerverletzung übrigens nicht dem Professor selber, sondern beteiligten Mitschnipplern, tolpatschigen oder lampenfiebrigen Studenten also, angelastet. Ich würde sagen, wüßten wir auch die Wahrheit (so wie etwa die Medical University of Vienna*), wäre Kolletschka immer noch mausetot.

Ob der Verunfallte Familie, vielleicht sogar ein angenehmes Gemüt hatte, ist mir nicht bekannt. Dafür wissen wir umso genauer, was diverse bequemliche oder mißgünstige Kollegen vom Gemüt des erwähnten Ignaz Semmelweis (1818–65) hielten, der zuletzt aus Wien geekelt worden und daher Professor in Pest war. Möglicherweise sorgten just auch sie, und nicht etwa Syphilis oder Alzheimer, dafür, daß der widerspenstige, oft recht aggressiv auf Gehör und Reform pochende „Antiseptiker“ im Sommer 1865 als „geisteskrank“ in die Landesirrenanstalt Döbling bei Wien gesteckt wurde. Zwei Wochen nach seiner Einweisung war er tot. Über die Umstände dieses weiteren verfrühten Ablebens (diesmal mit 47) kursieren ungefähr ein Dutzend sich widersprechender „Erklärungen“ – Beweise hat offenbar niemand. Offiziell bemühte man Zynismus: Todesursache „Blutvergiftung“, herbeigeführt durch eine Verletzung an der Hand, gerade so wie bei Kolletschka und zahllosen sogenannten „Kindbettfieber“-Patientinnen. Andere Verletzungen, die an Semmelweis' Leiche beobachtet worden sein sollen, deuteten freilich auf schwere Prügel hin. Einige Quellen schließen deshalb einen Totschlag**, vielleicht sogar Auftragsmord nicht aus. In Budapest benannte man 1969 eine Universität für Medizin und Sport nach Semmelweis.

Der junge Berliner Arzt und Bakteriologe Otto Obermeier (1843–73) hatte bereits die Erreger des „Rückfallfiebers“ entdeckt und dafür Lob eingeheimst. Dann brach in Berlin die Cholera aus und Obermeier fahndete nun nach deren, bereits ungefähr (als „Komma-Bakterien“) bekannten Erregern, um sie in diversen Proben von Erkrankten oder Verstorbenen nachzuweisen. Als er aufgrund der vorgeschriebenen Befristungen für Assistenzärzte mitten in der Epedemie Rudolf Virchows Abteilung an der Charité verlassen mußte und sich als Praktischer Arzt niedergelassen hatte, forschte er gleichwohl in seiner Privatwohnung an einem Mikroskop, das er möglicherweise hatte mitgehen lassen, und mit primitivem anderen Zubehör weiter. Das tat er ungerührt auch dann, als er Mitte August 1873 anhand ihm wohlbekannter Symptome feststellte, er habe sich mit Cholera infiziert. Jetzt hatte er immerhin seine eigenen Ausscheidungen, um Proben zu nehmen und unter sein Mikroskop zu schieben. Obermeier starb noch im selben Monat, 30 Jahre alt. Bedeutsame Schritte der Identifizierung der Cholera-Erreger und ihres Habitats, vor allem Flüsse und Abwässer, gelangen dann rund 10 Jahre später Robert Koch und dessen Assistenten.

Noch absonderlicher als der Fall Semmelweis stellt sich das Zwillings-Ende zweier prominenter Bayern dar: des Psychiaters Bernhard von Gudden (1824–86) und seines deutlich jüngeren Königs Ludwig II. von Bayern (1845–86). Dieser galt weithin als prunk-, vor allem bau- und bühnensüchtig (Schlösser, Richard Wagner), außerdem homosexuell, sodaß er so manchen Mitmächtigen oder Konkurrenten verständlicherweise ein Dorn im Auge war; sie konnten ja immer beteuern, es gehe nur darum, den Staatshaushalt (und nicht etwa den zusammengeraubten Schatz derer von Wittelsbach) vor dem Ruin zu retten. Jener galt auf seinem Fachgebiet als Kapazität, brachte aus Zürich Verdienste als Reformer der brutalen Verhältnisse in der Psychatrie mit und war günstigerweise seit 1873 Professor an der Münchener Universität und gleichzeitig Chef der Kreisirrenanstalt. Also lieferte Von Gudden, inzwischen neunfacher Vater und 62 Jahre alt, im Sommer 1886 buchstäblich über Nacht ein allgemein als „Gefälligkeitsgutachten“ bezeichnetes Dokument über die angebliche Verrücktheit Ludwigs, der daraufhin von seinen Ministern, die schon seit Längerem faktisch herrschten, abgesägt werden konnte. Am 9. Juni „entmündigten“ sie Ludwig und setzten seinen Onkel Luitpold als Nachfolger ein.

Am 11./12. auf Schloß Neuschwanstein „in Gewahrsam genommen“ und dann nach Schloß Berg am Starnberger See verfrachtet, rückte der gemeinsame Todestag des 40 Jahre alten Ludwig und seines neuen „Betreuers“ Von Gudden heran: der 13. Juni, Pfingstsonntag. Gegen Abend kam es zu einem erneuten Pfingst-„Spaziergang“ der beiden, nur dieses Mal ohne Pfleger=Wächter! Bald darauf wurden sie beide rund 25 Meter vom Seeufer entfernt aus dem seichten Wasser gefischt – als Leichen. Die (angeblichen) Aussagen von Bootsleuten, Bediensteten, Wächtern, Gendarmen nützen uns herzlich wenig, weil diese Leute bekanntlich bestechlich sind. Sie waren jedoch gut geeignet, die in Regierungskreisen bevorzugte Version des Seeufer-Dramas zu stützen, die übrigens die NZZ noch 100 Jahre später vertritt.*** Danach hatte Ludwig Flucht- oder Selbstmordversuch vor; als ihn Von Gudden daran hindern wollte, habe der König den viel älteren und kleineren Psychiater erwürgt, dann „sich selber ins Wasser gestürzt“ und dadurch, ob mit Absicht oder nicht, ertränkt.

Kritischere Kreise witterten dagegen ein Attentat auf den entführten Monarchen. Freilich ist ein umgekehrter Tatverlauf nur schwer vorstellbar: der kleine Professor habe, auftragsgemäß, seinen massigen, um 1,90 großen „Schützling“ erledigt und sich nach getaner Arbeit vor lauter Gewissensnot auch selber ins seichte Wasser geschmissen. Eher leuchtet eine Theorie ein, die sich zum Beispiel Roland Rottenfußer zu eigen gemacht hat, obwohl seine gute Darstellung**** des Falles ebenfalls daran krankt, sich zum Teil auf nichtüberprüfbare offizielle „Fakten“ zu stützen, etwa auf durch Wässerung stehengebliebene Uhren oder auf den „amtlichen“, angeblich von geschlagenen 12 Ärzten unterzeichneten Obduktionsbericht. Nach dieser Theorie stellte Ludwig für die Schmiede der Palast-Intrige eine Gefahr dar, weil er mitnichten „unzurechnungsfähig“ und sogar noch in Teilen des Volkes beliebt war. Um ihn also am Ausplaudern, am Widerstand oder gar am Wiederauferstehen als König zu hindern, sei er betäubt in einer Kutsche vom Schloß zur Unfallstelle am See verschleppt und dort umgebracht, etwa erdrosselt oder ertränkt worden. Bei dieser Verschleppung (Chloroform!) war Von Gudden vielleicht behilflich, doch dann wurde auch er beseitigt, von wem auch immer. Der Öffentlichtkeit wurde selbstverständlich die erwähnte halbamtliche Version mit dem Flucht- oder Selbstmordversuch einschließlich Zweikampf verkauft.

Die vielreisende Bühnenschauspielerin Charlotte Frohn (1844–88), gebürtige Hamburgerin, war in ihren letzten Jahren vermutlich in Berlin stationiert, denn dort leitete ihr Ehemann Anton Anno (nacheinander) verschiedene Theater. Ob sie ebendort, 43 Jahre alt, ihre tödliche Maniküre vornahm, läßt Ludwig Eisenberg***** so offen – möglicherweise weiß er es nicht – wie die Frage, ob sie Linkshänderin war. Frohn entfernte sich im März 1888 mit einer verunreinigten oder gar verrosteten Schere einen „Nietnagel“ am rechten Mittelfinger, zog sich dadurch eine Blutvergiftung zu und starb nach einigen Tagen, obwohl man inzwischen den ganzen Finger amputiert hatte. Um 1875 hatte Frohn das deutsche Hoftheater in St. Petersburg nach dreijährigem Engagement auf ärztliches Anraten verlassen: das rauhe Klima sei nichts für sie. Es ist natürlich auch denkbar, daß die todbringende Schere hilfsbereiterweise von ihrem Gatten betätigt wurde, nur würde diese Annahme schon wieder zu einer Mordtheorie führen.

An den eingangs behandelten Mediziner Kolletschka erinnernd, komme ich mit Hermann J. Pfannenstiel (1862–1909) zum Schluß. Der Kieler Gynäkologe, Sohn eines Berliner Bankdirektors, hatte immerhin schon einen später nach ihm benannten, häufig bei Unterleibsoperationen angewandten, „oberhalb der Schambeinfuge querverlaufend geführten Bauchdeckenschnitt“ erfunden, „der eine kosmetisch günstige Vernarbung garantiert“, wie mein Brockhaus erläutert (Band 17 von 1992). Bei diesem „Bikinischnitt“, wie er heute meist heißt, hätte möglicherweise auch Diva Frohn gern zugegriffen. Gegen sich selbst ging der bärtige, inzwischen 47 Jahre alte Professor im Sommer 1909 roher vor: indem er sich beim Operieren einer an einem „tubo-ovarian abcess“ leidenden Patientin in den Finger schnitt, vielleicht auch „stach“, wie M. Thiery schreibt.****** Wenige Tage darauf war der Operateur tot – Sepsis.

* o.J.
** Semmelweis Society International 2009
*** Klaus Vieli, NZZ, 14. Juni 1986
**** Hinter den Schlagzeilen, 13. Juni 2011
***** Großes biographisches Lexikon der Deutschen Bühne im XIX. Jahrhundert, Leipzig 1903, S. 294
****** Gynecological Surgery, Februar 2010



Komarow, Wladimir M. (1927–67), Kosmonaut >Freeman, Theodore


Komeda, Krzysztof (1931–69), Arzt und Jazzmusiker. Das frühe Ende des polnischen Pianisten und Komponisten (37) ist mit dem Tod seines Landsmanns Marek Hłasko (35) verknüpft, ein Schriftsteller. Auch diese Paarung könnte einigen Zündstoff bergen. Hłasko soll sich im Juni 1969 mit einer Überdosis Schlaftabletten in Wiesbaden umgebracht haben, nachdem ihn die Nachricht vom Tod seines Freundes Komeda erreicht hatte, der Ende April in Warschau einer Hirnblutung erlegen war. Der traurige Witz dabei: Beide hatten sich zu Beginn des Jahres in Los Angeles aufgehalten, wo Hłasko bereits seit 1966 lebte.

Komeda war von seinem Freund Roman Polański um Musik zu Rosmary's Baby gebeten worden. Der Film kam 1968 in die Kinos und wurde rasch berühmt. Daneben genießen einige Platten, die Komeda mit Kollegen aufnahm, darunter die LP Astigmatic, zumindest in Polen Kultstatus. Nun waren sowohl der Hollywood-Regisseur wie der im Januar 1968 zugereiste Komponist mit Schriftsteller Hlasko befreundet, der sich hier als Drehbuchautor versuchte. So ergab sich zwangsläufig manches Trinkgelage zwischen den drei Landsleuten und halben oder ganzen „Dissidenten“. Hłasko etwa war 1958 als „Verräter am Sozialismus“ in Polen verfemt worden. Er vagabundierte und randalierte anschließend als „der James Dean Osteuropas“ durch Westeuropa, sprach eifrig dem Alkohol zu und verheiratete sich beiläufig (1961) mit der deutschen Schauspielerin Sonja Ziemann, die mancher vielleicht aus Frank Wisbars Kriegsfilm Hunde, wollt ihr ewig leben von 1958 in Erinnerung hat. In LA war Ziemann wahrscheinlich schon nicht mehr mit von der Partie. Sie ließ sich 1969, in seinem Todesjahr, von dem hitzigen Hünen Hłasko scheiden.

Eben diesem soll im Dezember 1968, wohl bei einer Party oder einem feuchtfröhlichen Ausflug, ein folgenschweres Mißgeschick unterlaufen sein. Als der „bärenstarke“ Hłasko den schmächtigen Komeda im Überschwang auf die Arme nahm, um ihn wieder einmal hochleben zu lassen, kam dieser so unglücklich zu Fall, daß er mit dem Kopf aufschlug und über starke Schmerzen klagte. Nach Neujahr fiel Komeda trotz (oder wegen) einer Gehirnoperation ins Koma. Im April in ein Warschauer Krankenhaus überführt, starb er ebendort noch im selben Monat, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben. Während das Unglück nie amtlich geklärt wurde und die Angaben über die Umstände voneinander abweichen*, wird offenbar nirgends ein Verdacht auf böse Absicht geäußert. Von Hłasko überliefern mehrere Quellen die Ankündigung: „Wenn Krzysztof stirbt, gehe ich auch.“ Allerdings hatte er schon vor dem Mißgeschick Selbstmordversuche und Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken hinter sich. Und noch früher, mit Fünf, hatte er seinen Vater verloren.

Der Mitgründer der Rolling Stones Brian Jones (1942–69) überlebte seine Abdankung bei der weltberühmten Rockgruppe nur um wenige Wochen. Anfang Juni 1969 war es seinen Mitstreitern gelungen, sich „einvernehmlich“ von dem hellblonden, hübschen, wenn auch zunehmend durch Drogen und Medikamente zerrütteten Gitarristen zu trennen. Wie sich versteht, ließ er sich deftig „abfinden“. Doch schon nach der Nacht vom 2. auf den 3. Juli hatte Jones nichts mehr davon, weil er tot war. Er starb auf seiner Cotchford Farm in Hartfield, Sussex, die er erst im vorangegangenen Herbst erworben hatte. Hier lebte er mit seiner letzten Geliebten, der schwedischen Tänzerin Anna Wohlin. Nun hatten Jones und Wohlin Besuch vom Bauunternehmer Frank Thorogood und einer Begleiterin (Janet Lawson) bekommen. Angeblich wollte man sich über noch ausstehende Zahlungen an Thorogood wegen verschiedener Umbauten auf der Farm verständigen. Zu später Stunde habe man sich im farmeigenen Pool erfrischt. Dabei sollen Jones und Thorogood für ungefähr eine Viertelstunde allein und unbeobachtet gewesen sein. Als der Bauunternehmer ins Haus kam, um sich eine Zigarette anzuzünden, sei der Gastgeber von Lawson regungslos auf dem Grund seines Schwimmbeckens liegend erspäht worden. Als ein Arzt eintraf, konnte er nur noch den Tod des 27jährigen Rockstars feststellen. Nach offizieller Version, dem Bericht des Coroners folgend, war der bedröhnte, außerdem asthmakranke Jones unfallweise ertrunken. Andere Versionen nehmen einen Kampf zwischen Jones und Thorogood an, der von der Polizei vertuscht worden sei. Der Bauunternehmer erlag 1993 einem Krebsleiden. Der britische Musikjournalist Paul Trynka, der sich in einem neuen Stones-Buch mit dem Titel Sympathy For The Devil für den gefeuerten Brian Jones starkmacht, hält erstaunlicherweise nichts von der Mordtheorie.** Er glaubt an Unfall.

* Bert Noglik, Jazz-Zeitung, 2006/04, S. 13
** Deutschlandfunk, 24. Oktober 2015



Konrad, Robert E. (1926–51), schweizer Schriftsteller und Maler. Am 8./9. August 1951 kam es auf der Alpensüdseite nach Gewittern zu einer Unwetterkatastrophe mit sintflutartigen Regenfällen und Überschwemmungen, die Sachschäden in zweistelliger Millionenhöhe und drei Todesopfer forderte.* Zu den Toten zählte der 25jährige, damals noch kaum bekannte Künstler aus Zürich, der Verwandte in Bedano besucht hatte, einem tessiner Dorf nördlich von Lugano. Ein sogenannter „Murgang“, eine Art Lawine aus Schlamm und Geröll, soll das Haus verschüttet haben, in dem sich Konrad gerade aufhielt. Er war verheiratet und hatte ein Kind. Später wurden eine Buchausgabe (1961) und einige Ausstellungen zu seinem Gedenken veranstaltet.

Am Abend des 4. März 1977 wurde Rumänien von einem Erdbeben heimgesucht, das unter anderem in der Hauptstadt Bukarest für beträchtliche Zerstörungen sorgte. Hier zählten auch einige „Prominente“ zu den im Ganzen rund 1.500 Todesopfern, darunter der 51jährige Bühnen- und Filmschauspieler Toma Caragiu (1925–77). Dessen Stärke sollen komische Rollen gewesen sein. Habe ich die rumänische Wikipedia richtig verstanden, stieß Caragiu am verhängnisvollen Freitagabend in seiner Wohnung gerade mit einem Freund, dem Filmregisseur Alexandru Bocăneț, auf das Ende von jüngsten Dreharbeiten an, als das Gebäude ins Wanken geriet. Nach verschiedenen Quellen wurde dieser Freund, der erst 33 war, ebenfalls unter den Trümmern begraben. Ich erwähne ferner den Schriftsteller Anatol E. Baconsky (1925–77), der sich vom Kommunisten zum „Dissidenten“ gewandelt und während der 1970er Jahre eine recht rege Reisetätigkeit in Europa entfaltet hatte. Offensichtlich hatte er aber noch kein Einreiseverbot für sein Heimatland. Das war sein (und seiner Frau Clara) Pech. Zurück in Bukarest, geriet das Ehepaar just dem Erdbeben vom 4. März 1977 in die Klauen. Baconsky war 51.

Ein äußerst verheerendes Erdbeben sorgte erst unlängst für Schlagzeilen. Es ereignete sich am 12. Januar 2010 ausgerechnet in einem der am meisten ausgebluteten Länder des Planeten, in Haiti, und forderte wahrscheinlich um die 300.000 Todesopfer, ähnlich viele Verletzte und an die zwei Millionen Obdachlose. Vermutlich sind von den Betroffenen allenfalls ein Bruchteil irgendwo namentlich verzeichnet, und sicherlich keine armen Schlucker. Ich führe deshalb notgedrungen und stellvertretend einen hohen Politiker an, den früheren Biologen Micha Gaillard (1957–2010), den das Wall Street Journal als „a dogged fighter for democracy“ kennt.** Zwar hatte der hartnäckige Kämpfer erst kürzlich den Posten als Justizminister ausgeschlagen, doch dann erklärte er sich bereit, wenigstens eine Arbeitsgruppe zur (angeblichen) Reform des Rechtssystems zu leiten. In dieser Funktion hielt sich Gaillard, wohl 52 Jahre alt, gerade zu einer Besprechung im Justizministerium auf, als dieses aufgrund des genannten Erdbebens einstürzte.

* GraNat, o.J.
** 22. Januar 2010



Kopechne, Mary Jo (1940–69), Wahlkampfhelferin >Kelly, Grace


Koppy, Adam (1973–2013), US-Maschinenbau-Ingenieur, erfolgreicher Konstrukteur von Schweiß- und Fräsmaschinen, Förderanlagen und dergleichen. Der verheiratete bärtige 40jährige wohnte mit Frau und zwei Kindern in Jones, Michigan, wo er sich gerade erst selbstständig gemacht hatte. Am 26. Juni 2013 um Mittag wurde sein Wagen auf dem Pokagon Highway im nahen Dowagiac von der Seite her von einer 15jährigen Fahrerin gerammt, die ein Stoppschild mißachtet hatte. Dadurch geriet Koppy in den Gegenverkehr. Er starb noch am Unfalltag im Krankenhaus. Ein dritter Beteiligter wurde verletzt, wogegen die Jugendliche, die keinen Führerschein besaß*, mit dem Schrecken, vielleicht auch einem schlechten Gewissen davonkam. Vermutlich wurde sie angeklagt.

Der Autounfall, der den „investigativen“ US-Journalisten Michael Hastings (1980–2013) eine Woche früher in Los Angeles ereilte, war womöglich keiner. Hastings stammte aus einer Ärztefamilie im Staat New York. Ab 2002, nach seinem Journalistik-Studium in NYC, machte er sich rasch als Kriegsberichterstatter und Enthüller einen Namen, freilich auch unbeliebt. So hatten Berichte von ihm den US-General Stanley A. McChrystal zu Fall gebracht. Zuletzt hatte Hastings die Ausspionierung der BürgerInnen durch die Obama-Administration angeprangert. Ein Umstürzler war er allerdings nicht, sonst hätte er sich wohl kaum (2011) mit Elise Jordan verheiratet, einer ehemaligen Redenschreiberin von Außenministerin Rice. Vielleicht überschätzte er seine Bedeutung? Steigerte sich in Verfolgungswahn? Warf er sich wieder, wie früher, Drogen ein? Mitte Juni 2013, inzwischen 33, bekannte er Freunden gegenüber Angst um sein Leben; er arbeite an einer nächsten „heißen Geschichte“ (wohl über den neuen CIA-Chef Brennan), fühle sich überwacht und bedroht und müsse erst einmal untertauchen. Am frühen Morgen des 18. Juni brauste er (um 120 km/h) in Hollywood mit seinem nagelneuen silberfarbigen, mit Bordcomputer versehenen Mercedes C 250 über die nahezu verwaiste Highland Avenue, kam in Höhe des Hancock Parks jäh ins Schleudern und krachte ungebremst gegen eine Straßenpalme. Spätestens zu diesem Zeitpunkt explodierte der Wagen und ging in Flammen auf. Hastings verbrannte fast zur Unkenntlichkeit.

Hier und dort ist von Zeugen die Rede, die schon vor dem Aufprall Flammen gesehen oder einen Donnerschlag vernommen haben wollten. Der Motorblock habe sich auffällig von der Palme entfernt gefunden, rund 50 Meter, wird sogar in antiverschwörungstheoretischen Quellen wie Wikipedia (deutsch und englisch) eingeräumt. Der Autopsiebericht führt zwar „Spuren“ von Drogen an (Amphetamine, Marijuana), stellt jedoch fest, darin könne schwerlich die Ursache des „crashs“ gesehen werden.** Vielleicht ein Selbstmord? Von derlei früheren Versuchen sei nichts bekannt, habe ein Familienmitglied den Ermittlern erklärt, heißt es gleichfalls im Guardian. Im Gegenteil, Hastings habe sich für „unbesiegbar“ gehalten; er habe geglaubt, er könne von einem Balkon springen und sich dann unversehrt trollen. Hastings heftiger Tod ist bis heute umstritten – der Coroner erkannte damals auf Unfall.

Etwas später, am Samstagnachmittag des 30. November 2013, schoß der hauptberufliche Rennfahrer Roger R., 38, mit seinem roten Porsche Carrera GT durch die kalifornische Stadt Santa Clarita, die rund 50 Kilometer nördlich von LA liegt. Nach den amtlichen Berichten fuhr er ungefähr 150 bis 160 km/h. Erlaubt waren 72. Auch diese deutschstämmige Rakete, die nach den selben Berichten keine technischen Mängel aufwies, landete vor einem Baum und fing Feuer. Den Fotos nach war es diesmal keine Palme, vielmehr eine Art Eberesche. Allerdings starb R. nicht allein. Neben ihm hatte ein Freund gesessen, der 40 Jahre alte Hollywood-Star Paul Walker (1973–2013), der das Publikum in diversen „Actionfilmen“ und „Thrillern“ in Atem gehalten hatte. Auch Walker hauchte sein Leben (beide Männer noch am Unfallort) nicht ohne Ironie aus. 2010 hatte er nämlich die Organisation Reach Out Worldwide zur Unterstützung der Opfer von Naturkatastrophen gegründet. Zum Unfallzeitpunkt befand sich der blendend aussehende Wohltäter gerade auf der Rückkehr von einer Veranstaltung dieser Organisation, die zu Gunsten von Opfern des Taifuns Haiyan durchgeführt worden war. Passend hatte man für diese Veranstaltung die Form einer „Autoshow“ gewählt.***

Der Taifun hatte Anfang des Monats vor allem auf den Philippinen gewütet. Er sorgte für viele Tausend Tote und etliche Millionen Obdachlose. Übrigens war er, nach den Spitzenwerten, ziemlich genau doppelt so schnell wie R.s Porsche in Santa Clarita. Es gibt also immer noch viel zu tun.

* Fox 17, West Michigan, 27. Juni 2013
** Guardian, 21. August 2013
*** Süddeutsche Zeitung, 1. Dezember 2013



Kortenbach, Gertrud (1924–60), bergische Bildhauerin. Ihr letztes größeres Werk Engel von 1959, ursprünglich für eine private Grabstätte gedacht, ist als etwas fragwürdige Dauerleihgabe der Familie Konejung vor dem Kunstmuseum in Solingen-Gräfrath zu besichtigen. Die Bronzearbeit könnte Insektenfreunde an eine aus Evas Rückenwirbeln gearbeitete, inzwischen fleischlose Riesenlibelle erinnern. Vielleicht war das der Einfluß von Joseph Beuys, mit dem Kortenbach das Pech hatte, ab 1945 in der selben Meisterklasse der Düsseldorfer Kunstakademie zu stecken. Drei Jahre darauf kehrte sie in ihre Heimatstadt Solingen zurück, um sich in der elterlichen Metallfabrik (Kortenbach und Rauh) ein Atelier einzurichten. Die Bildhauerin soll auch in Holz und Elfenbein, zudem kunsthandwerklich und literarisch gearbeitet haben. Für Susanne Koch* zeugen Kortenbachs Werke von Feingefühl, Menschenliebe, Humor und „hoher Spiritualität“. Ihrer Schwester Hildegard zufolge ist die Künstlerin eine „Draufgängerin“ gewesen, nebenbei auch Reiterin. Andererseits hatte sie sich wohl mit dem Leben schwergetan und zeitweise in psychiatrischer Behandlung befunden.** Als die 36jährige Fachfrau für Metall am 8. April 1960 das schwere schmiedeeiserne Tor zum Park ihres Elternhauses öffnete, tat sie es vermutlich ganz normal. Aber dann zuckte sie zusammen, knickte vielleicht auch ein oder rutschte auf nassem Pflaster aus: der Torflügel hatte sich aus seiner Verankerung gelöst. Kortenbach wurde von ihm erschlagen. Das Unglück ist mit Hilfe der vorliegenden spärlichen Angaben nicht so leicht vorstellbar. Immerhin dürfte sich mancher sagen, er möchte damals weder der Wächter noch der Eigentümer dieses Tores gewesen sein.

* Solinger Tageblatt, 27. September 2014 (urspr. 2010)
** Remscheider General-Anzeiger, 22. Dezember 2014



Kotkow, Nikola (1938–71), Fußballer >Asparuchow, Georgi


Kottmann, Gottfried (1932–64), Ruderer & Polizist >Henneberger, Barbara


Krahl, Hans-Jürgen (1943–70), Rebell aus Frankfurt/Main. Den Adorno-Schüler und heimlichen „Chefideologen“ des SDS haben sehr wahrscheinlich weder Kriminalbeamte noch Geheimagenten auf dem Gewissen. Zu einer Gruppe in Paderborn unterwegs, verunglückte er bei Dunkelheit und Schneeglätte am 13. Februar 1970 auf einer Bundesstraße bei Diemelstadt in Nordhessen. Laut damaliger dpa-Meldung kam das Auto, in dem er mit vier anderen Personen saß, ins Schleudern und prallte gegen einen entgegenkommenden Lastwagen. Krahl, 27, sei auf der Stelle tot gewesen. Zu allem Unglück hatte er schon als Kind bei einem Bombenangriff ein Auge verloren. Ein zweites Todesopfer soll der 25jährige Franz-Josef Bevermeier aus Paderborn gewesen sein, der wenig später im Krankenhaus starb. Die drei anderen Insassen wurden verletzt. Zwar wird in der Agenturmeldung auch erwähnt, wer das Auto gefahren habe, doch es widerstrebt mir, diese Nennung zu wiederholen.

Die Strategen Claussen/Leineweber/Negt stocherten damals ausgiebig im Nebel. Sie stellten in ihrer gemeinsam verfaßten Grabrede* gleich zu Anfang fest: „Der Tod unserer Genossen Hans-Jürgen Krahl und Franz-Josef Bevermeier enthält nichts, was einer nachträglichen Mystifizierung fähig wäre. Er bezeichnet den brutalen und dürftigen Tatbestand eines Verkehrsunfalls, ein kontingentes Geschehen des Alltaglebens, das sich nur schwer in einen zwingenden Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Zuständen bringen läßt.“ Im großen Rest der Rede, die nicht nur wegen ihrer Länge einer Folter gleicht, kommen die drei Aktivisten dann wahrlich auf vieles zu sprechen, zum Beispiel die „bürgerlichen Verkehrsformen“, nur nicht mit auch nur einem Komma auf den modernen Straßenverkehr oder wenigstens auf die fragwürdigen Errungenschaften der Technik im allgemeinen. Für sie scheint die einst von Hitler und Porsche ungemein befeuerte Automobilisierung des deutschen Volkes system- und wertfrei und über Kritik erhaben zu sein. Aber so waren wir damals. Auch ich, zum Zeitpunkt dieser Beerdigung wohl schon Maoist, später Handwerker, bin stets viel Auto gefahren.

1973 soll Guru Krahl in Gerhard Zwerenz' Roman Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond eingegangen sein. Ob wenigstens Zwerenz glaubte, der titelgebende Umstand sei nicht unerheblich von jener Automobilisierung begünstigt worden, kann ich nicht sagen. Über Krahls Mitsterber Bevermeier ist zumindest im Internet buchstäblich nichts zu erfahren. Ich fürchte, fürs Argusauge der revolutionären Geschichtsschreibung war er schlicht zu klein.

Als Kulturredakteur des Ex-DDR-Massenblattes Junge Welt würde ich möglicherweise sagen, der auch als KuBa bekannte, stets linientreue ostdeutsche Parteidichter Kurt Barthel (1914–67), streckenweise 1. Sekretär des Schriftstellerverbandes und zuletzt Chefdramaturg in Rostock, wurde vom SDS umgebracht. Barthel hatte sich im Rahmen einer Gastspielreise am 12. November 1967 mit dem Rostocker Volkstheater und der Revolutionsrevue 50 Rote Nelken auch im Zoo-Gesellschaftshaus zu Frankfurt/Main eingefunden. Hier kam es vor rund 1.000 Zuschauern zu vom SDS angezettelten Tumulten, dem das Gebotene, so der Spiegel 48/1967, zu zahm war. Dabei erlitt der 53jährige Spielleiter, der allerdings schon länger krank gewesen sein soll, einen tödlichen Herzanfall.

Die beiden süddeutschen, für die miteinander konkurrierenden Parteien CSU und SPD tätigen Politiker Georg Brauchle (1915–68) und Werner Bockelmann (1907–68) kamen einträchtig auf der Autobahn Stuttgart–Karlsruhe zu Tode. Brauchle war zuletzt Zweiter Bürgermeister von München, Bockelmann bis 1964 Oberbürgermeister von Frankfurt/Main, anschließend Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städtetags gewesen. Sie waren 52 und 60 Jahre alt, als sie beide an einer Veranstaltung am Bodensee teilnahmen. Auf der gemeinsamen Heimfahrt in Bockelmanns Dienstwagen am 7. April 1968 gerieten sie nach einem Rückblick-Artikel der Frankfurter Rundschau bei Pforzheim in eine „Massenkarambolage“. Wie das Wetter und der Andrang waren und ob weitere Tote anfielen, ist weder diesem Artikel noch anderen Quellen zu entnehmen. Dafür soll sich eine FR-Leserbriefschreiberin eine pietätlose Anspielung auf das sprichwörtliche „Bad in der Masse“ geleistet haben, das PolitikerInnen schließlich liebten.

Im Luftraum der selben schwäbischen Gefilde, diesmal südlich von Stuttgart, beendete Konstantin Prinz von Bayern (1920–69) aus München ein Jahr darauf eine Karriere als Journalist, Buchautor und Politiker. Er saß bereits (für die CSU) im Bundestag. Als der 48jährige am 30. Juli 1969 in Gesellschaft eines Piloten und eines Freundes mit einem Privatflugzeug vom Typ Messerschmidt Bf 108 Taifun in Offenburg Richtung München aufbrach, lag Nebel über der Schwäbischen Alb.** Bei Hechingen – immerhin nicht in Hechingen, einer Kreisstadt von damals rund 16.000 EinwohnerInnen – ging die Maschine aus nicht näher erläuterten Gründen zu Bruch. Die drei Insassen kamen um. Laut Spiegel (32/1969) hatte die Maschine über keine Instrumente für Blindflug verfügt; vielleicht prallte sie deshalb gegen den knapp 1.000 Meter hohen Raichberg. Als jüngstes Buch des bayerischen Prinzen war soeben erschienen: Die Zukunft sichern.

Daß George W. Collins (1925–72), ein schwarzer „demokratischer“ US-Politiker aus Illinois, zuletzt Kongreßabgeordneter, mit Dorothy Hunt unter einer Decke steckte, ist eher unwahrscheinlich, aber sie saßen am 8. Dezember 1972 im selben Flugzeug. Am Zielflughafen Chicago streifte die Boeing-Linienmaschine aus Washington D.C. beim Landeversuch Bäume und Dächer und krachte in eine Kolonie von Einfamilienhäusern. Von 61 Personen an Bord starben 43, außerdem zwei AnwohnerInnen, nämlich Veronica Kuculich und ihre Tochter Theresa, wobei die Chicago Tribune nicht deren Alter angibt.*** Das waren 15 mal mehr Todesopfer als am Raichberg. Da sich nun einmal unter ihnen, neben dem 47jährigen Collins, auch die 52 Jahre alte Gattin des soeben enttarnten Geheimagenten Howard Hunt befunden hatte, kamen verständlicherweise Mutmaßungen über einen Anschlag auf. Als Feuerwehrleute Dorothy Hunts Gepäck einsammelten, machten sie große Augen, weil ihnen 10.000 Dollar Reise- oder Schmiergeld auf die Stiefel purzelten. Howard Hunt war ein Kopf der berüchtigten Watergate-Einbrecherbande Präsident Nixons gewesen und hatte ab 1972 wiederholt Schweigegeld beziehungsweise Spesen für untergetauchte Bandenmitglieder verlangt. Doch dem erwähnten Blatt und anderen Quellen zufolge nannte der offizielle Untersuchungsbericht als wahrscheinliche Unfallursache einen Fehler (des gleichfalls umgekommenen) Piloten und schloß „foul play“ entschieden aus. Anders etwa John Simkin.****

Im selben Jahr kam der aus steinreichem Hause stammende italienische Verleger und Partisan Giangiacomo Feltrinelli (1926–72) mit 45 Jahren am Boden um. Als Verleger waren ihm etliche einträgliche Fischzüge gelungen, so mit Pasternaks Doktor Schiwago und Che Guevaras Bolivianischem Tagebuch. Von Feltrinelli nahm auch die Erhebung eines Portraitfotos, das „Che“ zeigt, zur weltberühmten Ikone seinen Ausgang. Die deutsche Wikipedia behauptet, der kubanische Fotograf des Originals, Alberto Korda, habe dafür zumindest von dem geschäftstüchtigen Verleger aus Italien nie auch nur einen Cent gesehen. Ende 1969 ging der frühere Kommunist Feltrinelli in den „linksradikalen“, in Wahrheit mit Agenten der herrschenden Mächte durchsetzten Untergrund. Als er am 14. März 1972 bei Mailand die Fällung eines Hochspannungsmasten vorbereitete, sprengte er sich, nach offizieller Version, ungeschickterweise selbst in die Luft – sozusagen ein Arbeitsunfall. Allerdings mehrten sich rasch die Ungereimtheiten, von denen, Jahrzehnte später, sogar die Süddeutsche Zeitung spricht.***** Danach wurde der Partisan eher umgebracht, und zwar sozusagen geheimdienstlich.

* Krahl-Archiv
** Südwest Presse, 29. Oktober 2015
*** 8. Dezember 2012
**** Spartacus Educational, 1997/2014
***** Henning Klüver am 12. März 2012



Kramer, Gustav (1910–59), Biologe >Ylla


Kraus, Joseph Martin (1756–92), „Odenwälder Mozart“. Den Sohn eines kurmainzischen Beamten tötete seine Liebe zu seinem Herrscher und Arbeitgeber – allerdings nicht im Odenwald. Musikalisch begabt und ausgebildet, hatte er es nämlich 1878 an den Stockholmer Königshof und dort bald zum Kapellmeister Gustav III. gebracht. Da ihm dieser auch eine ausgedehnte Europareise ermöglichte, lernte Kraus solche Gurus wie Gluck und Haydn, ja sogar den Papst kennen. In Schweden komponierte, unterrichtete und organisierte Kraus emsig – „reine Zuchthausarbeit“, bis „der Schweiß nach Noten stinkt“, wie er in einem Brief nach Hause spottet.* Allein in der Sparte „Oper“ bringt er es in seinem kurzen Leben auf über ein Dutzend Werke. Als sein musikliebender Monarch, der schließlich auch noch einige Kriege zu führen hatte, etwa gegen Dänemark und Rußland, 1792 wieder einmal Zeit für die Hofoper fand, wurde von sparsüchtigen oder mißgünstigen Adeligen prompt ein Anschlag auf Gustav ausgeheckt. Am 16. März traf ihn auf einem Maskenball in der Stockholmer Oper ein Pistolenschuß in den Rücken, dem er einige Tage später, mit 46 Jahren, erlag. Wie zu erwarten war, setzte Kraus, in Kürze 36 Jahre alt, sofort eine Trauersinfonie und eine Trauerkantate auf – doch die Wahrheit war bitterer. Kraus soll sich Gustavs Ableben derart zu Herzen genommen haben, daß er noch kränker wurde, als er ohnehin schon war. Er litt bereits seit seinen Studentenjahren an Tuberkulose. Nun raffte ihn die Freveltat in der Oper auch selber hin: er verschied am 15. Dezember.

Erstaunlicherweise liest man über Kraus' persönliche Verhältnisse und seine Gemütszustände kein Wort; vielleicht hatte er keine. Dreher erwähnt lediglich, er habe bei seinem Tod „keine Nachkommen“ hinterlassen. Somit waren es unverwandte VerehrerInnen, die auf seinen am See Brunswiken errichteten Grabstein meißeln ließen: „Hier ruht das Irdische von Kraus. Das Himmlische lebt in seinen Tönen.“ Der Tod seines adeligen Gönners warf übrigens auch wieder eine Oper ab, die gut 60 Jahre später Verdi schrieb: Ein Maskenball. Und 2005/06 schließlich brachte die Stockholmer Ärztin und Musikerin Sara Åsbrink, die unweit dieser Grabstätte wohnt, zwei Töchter zur Welt – die sie Lovisa Eleonora Krausina und Sofia Josefina Elisabeth nannte.**

* Sabine Dreher, Bote vom Unter-Main, Sommer 2006
** Alexandra Stahl, Main-Echo, 20. Juni 2008



Krausz, Emil (1897–1930), Maler >Ashe, Arthur


Krawtschinski, Sergei M. (1851–95), russischer Revolutionär der „terroristischen“ Sorte, oft auch irrtümlich oder mit verleumderischer Absicht egalitäres Gedankengut betreffend als „Anarchist“ bezeichnet. In diesem Geiste verübte er im August 1878 ein berühmtes Attentat, indem er den Sankt Petersburger Polizeichef auf offener Straße mit einem Dolch erstach. Anschließend hielt Krawtschinski Flucht und Exil für ratsam. Er landete in London, wo er sich später vom „terroristischen“ Weg losgesagt haben soll. Er war vor allem publizistisch tätig und verkehrte auch mit Friedrich Engels. Diese Wandlung unterband jedoch nicht die Rache des Zufalls. Am 23. Dezember 1895 vormittags zu Fuß von seiner Wohnung, in der er mit seiner Gattin Fanny Markowna, einer Kaufmannstochter, und deren Schwester Anna zusammenlebte, zu einer Konferenz unterwegs, überhörte er offenbar einen Eisenbahnzug, der ihn erfaßte, als der Emigrant in London-Chiswick mit der Woodstock Road die Gleise überqueren wollte. Er starb anderntags im Krankenhaus, 44 Jahre alt. Wie damals die Times berichtete, versicherte der Lokführer, er habe angesichts des Fußgängers die Pfeife seiner Lok betätigt, doch Krawtschinski habe, so das Blatt, die Warnung mißachtet – ob er sie nun vernommen habe oder nicht. Eine gerichtliche Untersuchung erkannte auf Unfall. Ob Krawtschinski, in der Literatur auch unter seinem Kampfnamen Stepniak („Steppensohn“) bekannt, schwerhörig, krank, betrunken, verliebt oder tief in taktischen Gedanken war, wüßte heute vermutlich kein Mensch mehr zu sagen.


Kühnelt, Richard (1877–1930), gelernter Jurist aus Österreich, später Schriftsteller, zuletzt in Baden bei Wien. Gut fünf Jahre verbrachte der Sprößling eines Eisenbahngeneraldirektors allerdings abenteuernd in Amerika, wo er sich unter anderem als Tramp (Eisenbahnschwarzfahrer), Seemann, Sklavenaufseher, Goldschürfer und „Vaquero“ (Pferdehirt) betätigte. Bei der Arbeit mit halbwilden Pferden im südlichen Kanada kam ihm zugute, daß er in den Alpen streckenweise Kavallerieoffizier gewesen war. Wohl um 1910 wieder zu Hause, schlachtete Kühnelt seine Erlebnisse literarisch aus, etwa mit dem Erzählungsband Gold und bunte Menschen. Amerikanische Abenteuer, der nicht unbedingt glänzend, gleichwohl recht flüssig geschrieben ist. Daneben verfaßte er Dramen, hielt Vorträge und setzte sich gewerkschaftlich für Autoren ein. In der Gegend von Dawson City (Yukon/Alaska), wo Kühnelt zu den Pionieren eines Goldgräbercamps am Porcupine Creek gezählt hatte, war ihm einmal eine „uralte“ abgemagerte Indianerin über den Weg gelaufen, die ihm gegen eine Mahlzeit die Zukunft aus der Handfläche las. Er müsse sagen, alle Prophezeiungen der Alten seien „bis auf den heutigen Tag wortwörtlich“ eingetroffen, versichert er im erwähnten Buch.* Einzelheiten ihrer Vorhersagen nennt er nicht. Vielleicht verriet er sie seinen Angehörigen. Aber hätten sie ihm dann nicht im Herbst 1930 von seinem Besuch in Berlin abgeraten? Am 6. Oktober in einer Messerschmitt 20 der Lufthansa auf dem Rückweg nach Wien, stürzte die Maschine mit Kühnelt an Bord aus zunächst unbekannten Gründen** beim Landeanflug zum Zwischenhalt in Dresden über dortigen Schießständen ab. Sämtliche acht Insassen kamen um. Das Flugwetter sei gut gewesen. Jüngere Quellen sprechen von Windböen. Der 53jährige Abenteurer hinterließ Frau und zwei Töchter.

* Wien 1929, S. 120
** Neue Freie Presse, Wien, 7. Oktober 1930



Kuhnke, Klaus (1944–88), Musikjournalist >Ran, Avi


Kupala, Janka (1882–1942), Schriftsteller >Johnson, Ken „Snakehips“


Kurz, Robert (1943–2012), Schriftsteller >Ashe, Arthur



Fortsetzung L
°
°