Donnerstag, 11. Februar 2016
Lexikon der Unfallopfer K–Kn

Kägi, Hans Georg (1935–66), schweizer Maler. Nach einer Ausbildung an der Züricher Kunstgewerbeschule zunächst Zeichenlehrer an verschiedenen Schulen in Winterthur, machte sich Kägi 1962 als Künstler selbstständig. In seinen Arbeiten habe sich eine „prononcierte“ Eigenart „sowohl in der Tongebung wie in der Zuneigung zu skurrilen Menschen“ herausgebildet, heißt es im Winterthurer Jahrbuch 1968. Da war Kägi schon seit Monaten tot. Ein Portraitfoto zeigt einen grob modellierten Dunkelhaarigen mit Schnauzbart, dem jeder Künstlerhabitus abgeht – man würde ihn am ehsten für einen Maurer, Heizungsmonteur oder eben Bodenverleger halten. Denn als solcher ist Kägi an einem Oktobertag verunglückt.

Nach brieflicher Auskunft der Geschäftsstelle der Künstlergruppe Winterthur hatte Kägi im Wolfensbergquartier ein Gartenhäuschen erworben oder gemietet, das er in sein Atelier zu verwandeln gedachte. Für den fraglichen Tag hatte er seinen Freund und Künstlerkollegen Beni E. Trachsler (1925–2013) um Hilfe beim „Bitumieren“ des Fußbodens gebeten. Trachsler, im Hauptberuf Lokomotivführer, hatte aber erst nachmittags dienstfrei. Kägi fing schon mal an. Als sein Kumpel um zwei Uhr eintraf, fand er Kägi tot auf dem Boden vor. Wahrscheinlich sei dem Künstler von den „giftigen Dämpfen“ seines Materials benommen geworden, sodaß er sich in Bodennähe oder auf einem noch nicht behandelten Stück Fußboden ausstreckte, falls er nicht ohnehin gleich hingesunken war; dann sei er freilich prompt an den Ausdünstungen gestorben, weil sie sich, schwerer als Luft, gerade dort gesammelt hätten. Soweit ich mich unterrichtet habe, können sich Bitumendämpfe zwar leicht entzünden, aber als tödliches Gift taugen sie weniger gut. Vielleicht hatte Kägi entgegen der Vorschrift nicht für ausreichende Belüftung der Arbeitsstätte gesorgt. Oder er war bereits gesundheitlich schwer angeschlagen. Vielleicht hatte er seine Isolier- oder Estricharbeit auch mit einer ähnlichen, leider lebensbedrohlichen anderen Masse, Flüssigkeit oder Mixtur vorgenommen. Doch wie immer auch, mit 31 war er nur rund ein Drittel so alt wie sein vermutlich entsetzter Kumpel geworden.


Kahlo, Frida (1907–54), Malerin >Wiemken, Walter Kurt


Källén, Gunnar (1926–68), Physiker >Lema, Tony


Kalvenhaar, Annefleur (1994–2014), Radsportlerin >Decraene, Igor


Kamen, Kay (1892–1949), Geschäftsmann >Sarapo, Théo


Kanık, Orhan Veli (1914–50), Schriftsteller >Valgre, Raimond


Kapell, William (1922–53), Pianist >Knickerbocker, Hubert


Kastner, Manfred (1943–88), Bildender Künstler >Coluche


Kath, Terry (1946–78), Rockmusiker >Ace, Johnny


Kauffmann, F. A. (1891–1945), Schriftsteller >Bauschke, Erhard


Kauer, Walther (1936–87), Schriftsteller >Kirchberger, Martin


Kazura, Jewgeni (1937–67), Gewichtheber >Reding, Serge


Kean, Edmund (1787–1833), Schauspieler >Šitović, Lovro


Kelly, Grace (1929–82), US-Schauspielerin, seit 1956 durch Heirat „Fürstin“ von Monaco. Wenn FemBio behauptet, die vielbewunderte Blondine sei mit der neuen Rolle an Rainiers Seite auf Dauer wenig glücklich gewesen und habe sich zunehmend in Alkohol geflüchtet, wird kaum einer verblüfft sein. Filmen durfte sie nicht mehr. Sie wurde Mutter (dreifach) und Wohltäterin. Wie sich versteht, hatte sie, neben zahllosen anderen Bediensteten, einen Chauffeur. Dem hatte sie aber freigegeben, als sie am Vormittag des 13. September 1982 in Begleitung ihrer 17jährigen Tochter Stéphanie in ihrem Rover 3.500 von der Sommerresidenz Roc Agel aus auf kurvenreicher Straße längs der Mittelmeer-Steilküste Richtung Monaco brauste. Nach einem Gedenkartikel der WAZ* durchbrach der Wagen kurz vor der Ortschaft Cap D’Ail „mit überhöhter Geschwindigkeit und ungebremst“ eine Steinmauer, um 40 Meter tiefer im Garten des Bauern Sestio Lequio aufzuschlagen. Bald darauf seien „wilde Spekulationen“ ins Kraut geschossen. Streit im Wagen? Schlaganfall am Steuer, wie die (Leib-)Ärzte behaupten, nachdem Kelly anderntags im Krankenhaus gestorben ist? Zuviel Alkohol im Blut der 52 Jahre alten „Fürstin“? Oder sollte sie gar nicht selber am Steuer gesessen haben, vielmehr die minderjährige Tochter, die gerade erst verkündet hatte, sie wolle Rennfahrerin werden?

Jedenfalls gilt das Drama in den meisten Quellen als ungeklärt. Mit Gewißheit läßt sich nur sagen, die beim Absturz schwer verletzte Stéphanie nahm von ihrem jüngsten Berufstraum wieder Abstand. Sie eröffnete nach ihrer Genesung verschiedene Läden und versuchte sich immer mal wieder als Pop-Sängerin. Jetzt hat sie bereits die 50 überschritten und muß noch immer neuerschienene Bücher an die Wand werfen, in der ihre Beteuerungen über den Hergang der Katastrophe an der französischen Riviera unterstrichen oder entstellt werden. Um beiläufig selber in die Debatte einzugreifen, kommt mir das Stichwort „Streit“ noch am lebens- und adelsnahsten vor. Meine Variante hat den Vorteil, daß es bei ihr gar nicht darauf ankommt, wer gerade fuhr. In jedem Fall hätte sich die Wagenlenkerin jäh dazu entschließen können, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: die mißratene Tochter/Mutter und das verfehlte eigene Leben.

Die deutsche, dunkelhaarige Prinzessin Cecilia von Griechenland (1911–37) aus einem nordfriesischen Adelshause stürzte knapp fünf Jahrzehnte früher ebenfalls ab, wenn auch mit einem Flugzeug und gleich mit der ganzen Familie. Man war am 16. November 1937 von Hessen aus nach London aufgebrochen, um dort die nächste Adelshochzeit zu feiern, doch kurz vor einer Zwischenlandung in Ostende, Belgien, war der Ausflug vorbei. Die belgische Junkers-Linienmaschine mit 11 Personen an Bord streifte bei Nebel einen Fabrikschornstein, ging zu Boden und dort in Flammen auf. Es gab keine Überlebenden. Von der engeren Familie aus Hessen-Darmstadt starben neben der hochschwangeren 26jährigen Prinzessin deren Gatte Georg Donatus, seines Zeichens Erbprinz, Luftwaffenoffizier der Reserve und Anhänger der Jagd und des Automobils, ferner beider Söhne Ludwig und Alexander sowie deren Großmutter Eleonore. Das einjährige Töchterchen Johanna hatte man zu Hause gelassen. Da die Eltern noch in ihrem Todesjahr der NSDAP beigetreten waren, könnte man einen politisch begründeten Anschlag wittern, sogar aus den eigenen Reihen verübt. Schließlich war das Reiseziel eine feindliche Insel gewesen, Großbritannien. Doch der Staatsanwalt in Brügge erkannte auf Unfall aufgrund von Piloten- und Lotsenfehlern.

Kathleen Cavendish (1920–48), eine Schwester des späteren US-Präsidenten J. F. Kennedy, entstammte zwar keinem „echten“ Adel, angelte sich jedoch 1944 den Sohn eines englischen Herzogs zum Ehemann. Dieser „fiel“ allerdings schon wenige Monate nach der Hochzeit in Belgien für sein Vaterland. Also verlobte sich die junge Witwe mit einem Earl. Im Mai 1948 flog das Paar nach Paris, um sich von Kennedy senior, der sich gerade dort aufhielt, den Segen zur Hochzeit zu erbitten. Offensichtlich kam es auch heil an. Cavendish war inzwischen 28. Einmal in Frankreich, wünschten die beiden Flittrigen freilich zusätzlich einen kleinen Urlaub an der südfranzösischen Riviera zu verbringen, vielleicht in Monaco. Laut englischsprachiger Wikipedia hatte Earl Peter Fitzwilliam ein Kleinflugzeug mit zwei Piloten gechartert. Obwohl das Flugwetter am 13. Mai schlecht gewesen sei, habe er den Chefpiloten zum Start überredet. Südlich von Lyon in ein Unwetter geraten, stürzte die geschüttelte Maschine im dortigen Bergland ab. Vier Tote.

Michael LeMoyne Kennedy (1958–97) war ein Sohn von Robert F. Kennedy, dem Bruder JFK's. Er hatte sich vor allem als politischer Drahtzieher, Frauenverführer und Trinker versucht, ehe er sich, im Dezember 1997, in der Gebirgsstadt Aspen, Colorado, auf Skiern totfuhr. Es soll ein Unfall gewesen sein, hatte der 39jährige doch mit anderen Clanmitgliedern auf einer vereisten Piste „Ski-Fußball“ gespielt. Dabei prallte er, unbehelmt, kopfüber gegen einen Baum.

Die Fachfrau für Mode- und PR-Fragen Carolyn Bessette-Kennedy (1966–99) starb mit 33 zwischen Nachthimmel und Meeresgrund. Sie hatte sich von einem Sohn JFK's heiraten lassen, vielleicht ein Fehler. Dieser John F. Kennedy junior saß nämlich am 16. Juli 1999 am Steuer einer Piper Saratoga, die bei der Insel Martha's Vineyard (vor Massachusetts) in den Atlantik stürzte. Der studierte Jurist, Herausgeber eines Hochglanz-Magazins und Schwarm aller wahlberechtigten Witwen Nordamerikas habe keine Lizenz für Instrumentenflug besessen und daher, bei Dunkelheit und Dunst, die Kontrolle über seine Maschine verloren, meinten die UntersucherInnen. Mit an Bord war Carolyns ältere Schwester Lauren Bessette, die ebenfalls umkam. Zweck der Reise war auch in diesem Fall eine Hochzeit gewesen, die just auf der erwähnten Insel stattfand.

Martha's Vineyard ist ein Prominentenparadies. Zu ihrem Hauptort Edgartown zählt die kleine Nachbarinsel Chappaquiddick, die bereits 1969 durch einen anderen Kennedy Berühmtheit erlangte. Damals fuhr JFK's Bruder Edward, genannt Ted, eine Sekretärin und Wahlkampfhelferin seines anderen Bruders Robert, die er zu einer Party im kleinen Kreis eingeladen hatte, in den Tod. Angeblich gewillt, Mary Jo Kopechne (1940–69) zur letzten Fähre nach Edgartown zu bringen, stürzte er mit seinem Wagen im Lauf eines merkwürdigen „Umweges“, der ins Feld führte, um Mitternacht von einer Brücke in einen Gezeitenkanal. Er konnte sich befreien, ließ jedoch mindestens acht Stunden verstreichen, ehe er sich bei der Polizei meldete.** Die 28jährige dagegen ertrank oder kam sonstwie um. Es gab Blutspuren. Taucher hätten sie wahrscheinlich noch nach zwei oder drei Stunden lebend bergen können, da sie eine Luftblase im Wageninneren ausgenutzt hatte. Möglicherweise hatte „Senator“ Kennedy, damals 37, die acht Stunden dazu genutzt, Zwiesprache mit Gott zu halten oder wenigstens seinen Alkoholpegel absinken zu lassen. Die irdischen Richter faßten ihn dann mit Samthandschuhen an. Er wurde noch 75. Allerdings hatte der Chappaquiddick-„Skandal“ genug Staub aufgewirbelt, um Teds Ansehen empfindlich zu beschmutzen, weshalb er entgegen seinen damaligen Ambitionen nicht als pensionierter und selbstverständlich glorreicher US-Präsident vor seinen Schöpfer treten konnte. Jener Staub hat inzwischen auch etliche Bücher gefüllt, die mit verschiedenen, durchweg interessanten Theorien aufwarten.

* 12. September 2012
** Robert Sherrill im Spiegel 35/1974



Kelly, Wynton (1931–71), schwarzer US-Jazzpianist. Er galt als hervorragender Begleiter und nahm mit Stars wie Miles Davis, Dizzy Gillespie, John Coltrane auf, hatte aber auch eigene Gruppen. Mit dem Gitarristen Montgomery spielte sein Trio zum Beispiel (1965 life in dem gleichnamigen Club) die Platte mit dem hübschen Titel Smokin' At The Half Note ein. Kelly war Tabak- und Alkoholfreund, fröhlich, unkompliziert*, doch er litt an Epilepsie. Im April 1971 starb er auf Tournee im Westminster Hotel, Toronto, Kanada, infolge eines Anfalls, der in einem Herzinfarkt gipfelte. Vorher hatte er seiner Gefährtin, die in New York City geblieben war, bereits am Telefon gesagt, er fühle sich gar nicht wohl. Sie schlug ihm vor, hinunter an die Hotelbar zu gehen, wo notfalls Hilfe sei, doch man fand den 39jährigen auf seinem Zimmer, gestorben in wenig beneidenswerter, qualvoller Einsamkeit, wie ich mir vorstellen kann. What A Difference A Day Made

* Norman (Otis) Richmond aka Jalali im Dezember 2011


Kemp, Hal (1904–40), Jazzmusiker >Barnes, Walter


Kennedy, Michael LeMoyne (1958–97), Politiker >Kelly, Grace


Kertész, István (1929–73), Dirigent >Gaillard, Félix


Kılıç Arslan I. (1079–1107), antichristlicher Herrscher. Der einzige Verdienst dieses türkisch-scheldukischen Sultans, der bereits seinen Schwiegervater, den Piratenhäuptling Çaka Bey, hatte ermorden lassen, bestand wahrscheinlich darin, sein Sultanat mit Zähnen und Klauen – schließlich hieß er nicht umsonst Der Schwert-Löwe – gegen die Kreuzfahrerheere zu verteidigen. Daneben zog er selber gern auf Eroberung aus. 1107 hatte er das Pech, aus der von ihm besetzten Stadt Mosul (später irakisch) vertrieben zu werden. Auf dem Rückzug soll der ungefähr 27 Jahre alte Feldherr im Juli im Chabur ertrunken sein, einem Zufluß des Euphrat in Syrien. Die türkische Wikipedia behauptet (aufgrund eines Buches), sein üppig gepanzertes Streitroß habe ihn unter sich und in der Flut begraben. Danach war also das Pferd schuld. Allerdings zeigen Abbildungen auch ihn selber gern mit Wams und Pickelhaube, vielleicht auch Schnauzbart aus Eisen.

Der germanische Theologe Jordan von Sachsen († 1237) kam 130 Jahre später in der selben Gegend um. Er hatte es bis zum Nachfolger des Stifters des Dominikaner-Ordens gebracht, Sitz in Paris, reiste kreuz und quer durch Europa, und in seinem letzten Lebensjahr eben auch ins „Heilige Land“. Nachdem er die Jerusalemer Zweigstelle seines mächtigen Ordens mit seinem Besuch beglückt hatte, zerschellte sein Schiff auf der Rückreise bei Akkon an einem Felsen vor der östlichen Mittelmeerküste. Akkon war damals eine gerade für die Kreuzfahrer bedeutende Hafenstadt, und in einer dortigen Kirche seines Ordens wurde der Dominikaner-Chef, inzwischen um 50, auch beigesetzt. Er zählte zu den Ertrunkenen des Schiffbruchs. Da er unter anderen Sterblichen zahlreiche Wunder gewirkt hatte, sprachen ihn die Päpste später „selig“.

Der anti-osmanische „Dichtersoldat“ Michael Marullus († 1500), aus Griechenland stammend, jedoch lateinisch schreibend, endete mit ungefähr 42 Jahren wie der Sultan auf oder unter seinem Pferd, wenn auch in Italien. Er hatte sich mit seiner Gattin Alessandra Scala in Florenz niedergelassen, wo er, mal als glühender Verfechter der Kreuzzugsidee, mal als Verehrer von Ovid, Lukrez, Petrarca, zu beträchtlichem Ansehen bei diversen Fürsten, Päpsten und schönen Damen aus Medici-Kreisen kam. Botticelli portraitierte ihn um 1496. Im April 1500 ritt Marullus vom toscanischen Städtchen Volterra aus in voller Rüstung aus, um sich Streitkräften gegen Cesare Borgia anzuschließen. Doch er rannte sich bereits vorm Beginn der eigentlichen Kampfhandlungen im nahen Fluß Cecina fest. Dabei kann ich freilich nicht beurteilen, wie lang vielleicht die Fallstricke der Feinde waren, die er als Humanist sicherlich hatte. Angeblich hatte sich sein Pferd in Steinen oder Wurzelstöcken der gewählten Furt verfangen. Als Marullus es wütend antrieb, soll es prompt umgefallen sein. Da es dabei den „Dichtersoldaten“ unter sich einklemmte, habe sogar das Niedrigwasser der Furt ausgereicht, den Unglücklichen zu ertränken. Ob es Zeugen gab, und was von denen zu halten wäre, ist mir nicht bekannt.

Wie Jordan Sachse, brachte es der Jurist Karl von Miltitz († 1529) immerhin bis zum päpstlichen Notar und Nuntius, der 1518, von Rom aus, in seine Heimat gesandt wurde, um Luther und diesem gewogenen Herrschern Knüppel zwischen die Beine zu werfen, während er vorgab, sie mit Reliquien zu beschenken und wohlwollend mit ihnen zu unterhandeln. Später als Domherr von Mainz und Meißen die fetten Pfründe einstreichend, aber selten anwesend, reiste er weiter in allerlei unklaren Geschäften umher. Im November 1529 muß er per Schiff auf dem Main unterwegs gewesen sein, denn bei dieser Gelegenheit, wohl bei Hanau, ertrank er. Zwar weiß Heinrich August Creutzberg*, die Leiche des rund 40 Jahre alten Domherren habe sich erst nach drei Monaten (bei Frankfurt) gefunden, doch zu den Todesumständen legt er sich nicht fest. Unachtsamkeit des Schiffers, Trunkenheit, Selbstmord – dergleichen Behauptungen angeblicher Quellen weist er als „leere Kombinationen“ zurück, die keiner kritischen Betrachtung standhielten. Mit anderen Worten, wir wissen nichts.

* Karl von Miltitz. Sein Leben und seine geschichtliche Bedeutung, Freiburg i.Br. 1907, S. 109–11


Kim, Hyung-chil (1959–2006), Reitsportler >Reeves, Connie


Kinnear, Roy (1934–88), dicker britischer Schauspieler. Am Beginn seiner Theater- und Kino-Karriere hatte er Trottel gespielt, die Autoritäten verspotteten. Zuletzt, im September 1988, begab er sich entgegen von Warnungen aus Tierschutzkreisen bei Toledo, Spanien, wo der Streifen Die Rückkehr der Musketiere gedreht wurde, in den Sattel eines Pferdes, um den Musketier-Diener Planchet zu geben. Laut Independent* wog er gut 100 Kilogramm. Gleichwohl brach nicht das Pferd, vielmehr Kinnear zusammen: beim Preschen über die Alcantara-Brücke aus dem Sattel gekippt, landete er mit einem Beckenbruch und inneren Blutungen in einem Madrider Krankenhaus, wo er anderntags einen tödlichen Herzanfall erlitt. Der beleibte 54jährige ließ Frau und drei Kinder zurück. Prompt rangen diese der Firma Falconfilms sechs Jahre später 650.000 Englische Pfund ab (knapp zwei Millionen DM), weil man beim Galopp über die Brücke kein „Stunt-Double“ in Vertretung des „nervösen und unbeholfenen Reiters“ Kinnear eingesetzt hatte. Somit stellte sich diese Sparmaßnahme des Produzenten als Schuß in den Ofen dar. Möglicherweise wurde das 1994 erstrittene Geld in die Roy Kinnear Charitable Foundation gesteckt, die sich um junge Schwerbehinderte kümmert. Eine Tochter des Schauspielers, geboren 1972, zählt selber zu den Betroffenen.

Für die „Vielseitigkeitsreiterin“ Tina Richter-Vietor (1975–2007) aus Bremen waren die Deutschen Meisterschaften von 2007 in Schenefeld bei Hamburg (Anfang August) an Hindernis Nr. 2 zuende. Ihr neun Jahre alter Wallach Paulchen Panther verfing sich an einem in 1,10 Meter Höhe querliegenden Eichenstamm und überschlug sich. Während das Pferd überlebte, starb die 32jährige Reiterin noch am Unfallort, wohl durch Genickbruch. Die „Naturhürde“ mit der Eiche galt als leicht, Richter-Vietor als erfahren.

Fast haargenau das Gleiche gelang ihrem Sparten-Kollegen Sebastian Steiner (1987–2010), mehrmals österreichischer Juniorenmeister, im September 2010 bei einem Turnier in Montelibretti bei Rom mit seinem Wallach Cartago. Allerdings war Steiner erst 22. Nach seinem Todessturz überschlug sich auch das inzwischen eingestellte österreichische Magazin Pferdplus – mit peinlichen, an Dummheit kaum zu überbietenden Phrasen. „Der Tod eines jungen Menschen ist immer eine Tragödie, die fassungslos macht und der wir letztlich wortlos und ohnmächtig gegenüber stehen.“

Alle schlechten Dinge sind drei, wobei ich weißgott keine Vollständigkeit anzubieten habe: der Warendorfer Pferdewirt, Sportstudent der Bundeswehr und „Vielseitigkeitsreiter“ Benjamin Winter (1988–2014) verschenkte sein 25jähriges Leben auf Ispo in Luhmühlen bei Lüneburg an Hindernis 20 des Geländeritts, einem Oxer. Vorher hatte es auch schon ein Pferd erwischt, ein anderes, wie das Hamburger Abendblatt** wußte. „Der 15jährige Fuchswallach Liberal des Briten Tom Crisp brach nach einem absolvierten Hindernis tot zusammen und verstarb binnen weniger Sekunden.“ Über die beeindruckende Liberalität von Springpferden im Allgemeinen staunte ich bereits in meiner Kuhlotterie, siehe in der zweiten Hälfte des Beitrags.

* 4. Oktober 1994
** 14. Juni 2014



Kirchberger, Martin (1960–91), rheinhessischer Künstler. Seine Ader für Komik mündete in 28 Särgen. Der Absolvent der Offenbacher Hochschule für Gestaltung hatte sich bereits einen gewissen Namen mit „Aktionskunst“ und satirischen Kurzfilmen, vor allem der Sorte „Pseudo-Dokumentarfilm“, gemacht und seine eigene Produktionsfirma Cinema Concetta gegründet. Am 22. Dezember 1991, zwei Tage vor Weihnachten, hatte eine Meldung über einen Flugzeugabsturz bei Heidelberg die Redaktion der Rüsselsheimer Main-Spitze „zunächst nur kurz aufhorchen lassen“, wie Ralf Schuster 20 Jahre später in einem Gedenkartikel erwähnt. Das ist die richtige Einstellung von Presseprofis, sage ich dazu. Dann habe sich aber schnell der bedeutsame lokale Bezug des Unglücks herausgestellt, fährt Schuster fort. Kirchberger, bei der Main-Spitze wohlbekannt, hatte zu Zwecken satirisch geprägter Dreharbeiten in Frankfurt/Main eine historische DC3-Maschine mit seinem Team und einem Rudel LaienschauspielerInnen besetzt und in derselben das schöne Heidelberg angesteuert. Während des Flugs wurde bereits gedreht. Nicht zum Film gehörte freilich ein Donnerschlag gegen 12 Uhr: die Maschine war bei dichtem Nebel unweit der Neckarstadt gegen den Hohen Nistler geprallt, einen Berg des südlichen Odenwalds, und an ihm zerschellt. Die mehr oder weniger zerfetzten Leichen, die dann im Wald herumlagen, waren teils geschminkt. Es gab vier verletzt Überlebende. Unter den 28 Toten befanden sich neben Kirchberger, 31, die beiden Piloten, sodaß sich später ein Gerichtsverfahren erübrigte. Einer behördlichen Untersuchung zufolge war die 50 Jahre alte Maschine mängelfrei, allerdings überladen gewesen. Außerdem hätten die Piloten die Flüsse Rhein und Neckar verwechselt, während der Fahrt Interviews gegeben und die Maschine wahrscheinlich viel zu tief geflogen. Auch hätten sie auf Drängen des Regisseurs unzulässige Sichtbehinderungen durch Bekleben der Scheiben gebilligt.* Vielleicht hatten sie sich gedacht: wenn draußen sowieso schon Nebel ist …

Wie sich versteht, waren die BürgerInnen und KunstliebhaberInnen der Region bestürzt. Letztere riefen bald darauf die Cinema Concetta Filmförderung ins Leben, die zunächst nichts Dringlicheres zu tun hatte, als den durch Nebel verhinderten Film Bunkerlow des verstorbenen Regisseurs fertigzustellen. Worum es dabei ging und geht? Es handelt sich um eine Satire auf Kaffeefahrten. Man bietet dabei Privat-Bunker feil, von deren Bombensicherheit sich die Kunden vom Flugzeug aus überzeugen können, wenn ich alles richtig verstanden habe. Das Flugzeug selbst steht im Film offenbar nicht zur Debatte.

Dieses Werk wurde also gerettet. Ob die Concetta-Stiftung dann auch die Rechnungen für 28 Särge, vier Krankenhausbehandlungen und mindestens 70 THW-HelferInnen und Polizisten beglich, die für mehrere Tage an der Absturzstelle tätig waren, ist mir nicht bekannt. Einer Selbstdarstellung zufolge** sieht die als „wohltätig anerkannte“ und auch schon preisgekrönte Stiftung ihre Aufgabe darin, die Arbeit Kirchbergers weiterzuführen, das Andenken an die Opfer zu wahren „sowie ähnliche Filmarbeiten mit weitestgehend satirischem Inhalt zu fördern“. Zum Andenken zählte möglicherweise ein Holzkreuz, das für ungefähr 12 Jahre am Hohen Nistler stand. Das es allmählich verwitterte, wurde es Anfang 2014 durch ein Denkmal aus rotem Sandstein mit Inschrift ersetzt – von der Stadt Heidelberg.*** Ob die Stiftung wenigstens ein paar selbstkritische Erwägungen beisteuerte, die man nun dort im Walde vom Stein ablesen kann? Im ganzen Internet nicht eine Spur von dergleichen. Also weiter so, wohlan, Glück auf!

Der gelernte Bildhauer Otl Aicher (1922–91) aus Ulm, wo er 1953 die Hochschule für Gestaltung mitgründete, gehörte bald dem führenden Club der „Designer“ der Nachkriegsära an. Etliche Arbeiten von ihm, etwa die Pictogramme und Plakate für die Münchener „Olympiade“ von 1972, verschiedene Möbel- und Gerätegestaltungen, so für Braun, selbst einige Bucheinbände und Schriften, sind weltbekannt. Von der Kriegszeit her war Aicher sowohl antifaschistisch wie avantgardistisch gestimmt. Es war nur folgerichtig, wenn er sich (1952) mit Inge Scholl verheiratete, einer Schwester der bekannten jungen WiderstandskämpferInnen. Mit ihr hob er in Ulm auch die Volkshochschule aus der Taufe. Zudem engagierten sich beide bis zuletzt in der antimilitaristischen Bewegung der BRD, Stichwort Ostermarsch, damit auch am Rande des teils „kommunistischen“, teils „antiautoritären“ Lagers. In ihrem alltäglichen und häuslichen Verhalten repräsentierten beide das Antiautoritäre nach Auskunft vieler Zeugen allerding nur „rudimentär“, um ein Lieblingswort der Dutschke-Krahl-Zeit anzubringen. Hier fallen stattdessen die Adjektive fromm, streng, rechthaberisch, spießig. Das Paar hatte fünf Kinder. Um 1972 ließ es sich in Rotis bei Leutkirch (südlich von Memmingen im Allgäu) in einer ehemaligen Mühle nieder. Was beiden Aichers unter anderem hoch angerechnet wird, ist die treue Fürsorge um Tochter Eva, die 1953 mit dem sogenannten Down Syndrom auf die Welt gekommen war.

Eine andere Tochter, Pia Aicher (1954–75), wurde nur 20. Kurz nach ihrem schriftlichen Abitur sitzt die junge Frau neben ihrem Vater in dessen BMW; sie wollen, von Rotis aus, nach Ulm, wie mir ein Familienmitglied auf Anfrage mitteilt. Dann sei ein vor Otl Aicher fahrender Lastwagen ziemlich unvermittelt links abgebogen; Otl rast hinein. Pia, wohl unangeschnallt, sei mit dem Kopf gegen die Windschutzscheibe geknallt. Sie starb einige Tage darauf im Krankenhaus. Dort war auch ihr Vater gelandet, doch wurde er offensichtlich wieder hergestellt. Mein Gewährsmann sagt, er habe Aicher dort erstmals im Leben Weinen gesehen. In einem Buch von Otl Aichers Schwiegertochter Christine**** findet sich die Ergänzung, er habe im Krankenhausbett „wie ein verprügelter Gladiator“ gewirkt (S. 124), möglicherweise aus schlechtem Gewissen. Mehrere Zeitzeugen erwähnen, der untersetzte, bäuerisch-wurzelig wirkende Künstler, der seit Jahren wiederholt von Herzanfällen heimgesucht wurde (102), sei leidenschaftlicher Auto- und Motorradfahrer gewesen; er raste gern, „wie ein Verrückter“ (124). Seine Frau Inge habe jedoch, wegen Pia, nie einen Vorwurf gegen Otl gerichtet (155) – woraus man ja schließen kann, Vorwürfe wären vielleicht nicht ganz abwegig gewesen. Man muß hier freilich auch an das Sprichwort von den Steinen und dem Glashaus denken, fuhr doch Inge Scholl-Aicher selber eifrig Auto, und sie fuhr gelegentlich auch bei Otl auf dem Motorrad mit.

Otl Aichers Biografin Eva Moser***** schildert seinen ersten Unfall überhaupt nicht, falls ich es nicht übersehen habe. Sie erwähnt lediglich, Vater und Tochter hätten sich auf dem Weg zu Pias mündlichem Abitur befunden. Dann setzt sie hinzu: „Schuld im juristischen Sinne war Aicher sicher nicht, aber er war ein wilder Autofahrer, hatte viele Unfälle gehabt, zeitweise drohte ihm sogar der Führerscheinentzug, und von Sicherheitsgurten hielt er nichts.“ Er sei lange Zeit nur eingeschränkt arbeitsfähig gewesen; das Lenkrad habe ihn vor Schwererem bewahrt.

Damit zum zweiten Unfall. Ironischerweise kam der Herr der Rotismühle nicht durch sein eigenes Motorrad um. Wenn mich die Landkarten nicht täuschen, wird das ausgedehnte Mühlengrundstück von einer Kreisstraße durchschnitten. Am 26. August 1991, inzwischen 69, saß Aicher auf seinem kleinen, wenn auch „lärmenden“ Rasenmähtraktor, ist bei Moser zu lesen. Beim Zurücksetzen auf jene Straße habe Aicher ein sich näherndes Motorrad „überhört“, das deshalb auf ihn prallte. Dessen Fahrer sei „fast nichts“ geschehen. Aicher dagegen kommt mit schweren Hirnverletzungen ins Günzburger Krankenhaus, wo er am 1. September stirbt. Die in Ulm erscheinende Schwäbische Zeitung hat schon den Nachruf bereit, streift aber den Unfall nur noch kurz.****** Auch nach dieser Quelle stieß Aicher „rückwärts“ auf die in der Regel verkehrsarme Straße, als ihn das Motorrad erwischte. Somit hatte dessen Fahrer zufällig Glück im Unglück, wie man wohl sagen darf.

Auf einem Portraitfoto, das ihn vollbärtig und dick bebrillt zeigt, das dichte dunkle Haar zurückgekämmt, erinnert der schweizer Schriftsteller Walther Kauer (1936–87) vielleicht nicht zufällig an den älteren, bärbeißigen hessischen Kollegen Ernst Kreuder. Beide wandten sich, im Nachkriegseuropa noch selten, gegen einen „Fortschritt“, der unsere natürlichen Lebensgrundlagen, dabei auch deren Schönheiten zerstört. Kauers Pathos galt dabei aber nicht dem Kosmos, vielmehr dem Kleinen Mann. Ein Gastspiel im ostdeutschen Hort des Proletariats blieb erheiternd kurz.******* In seinem ausgezeichneten Roman Spätholz von 1976 zeigt sich das erwähnte Pathos lediglich angenehm gestutzt. „Held“ der Geschichte ist ein alter Tessiner Bergbauer, Rocco, der sich zunächst grimmig entschlossen gibt, seinen noch älteren Walnußbaum vor den Motorsägen der vom reichen Geschäftsmann Korten in Marsch gesetzten GemeindearbeiterInnen mit dem Gewehr zu verteidigen. Noch erfreulicher als seine Nüchternheit ist Kauers nahezu vollständiger Nicht-Avantgardismus in der Form dieses Romanes. Nur auf das zeittypische lümmelhafte Weglassen der Gänsefüßchen bei direkter Rede wollte er nicht verzichten, damit ihn keiner für so hinterwäldlerisch hielte wie etwa eine Berner Bäuerin, die sich Stöckelschuhe verkneift. Durch Verabschiedung der Gänsefüßchen beraubt sich ein Autor nicht nur wichtiger stilistischer Möglichkeiten; er verschlechtert „natürlich“ auch die Lesbarkeit seines Textes. Dies scheint allerdings im Spätkapitalismus der Sinn aller Reformen zu sein: Verschlechterung.

Kauer bewegte sich trotz einiger Literaturpreise zeitlebens, im Gegensatz zu Otl Aicher, am Rande des Existenzminimums. Er war eben Außenseiter. Mehrmals verheiratet, taugte er zum Familienleben wenig. Zuletzt lebte er mit einer Gefährtin westlich von Bern im romantischen Städtchen Murten (am gleichnamigen See), doch seine Fortschrittsfeindlichkeit konnte ihn nicht daran hindern, sich just wie der „innovative“ Designer öfter auf ein Motorrad zu schwingen. Ende April 1987, inzwischen 51, fuhr oder brauste Kauer am frühen Nachmittag von Bern nach Murten. Kurz vor der Ankunft in seinem Städtchen stürzte er und blieb mit tödlichen Verletzungen auf der Landstraße liegen. Da die Polizei nach brieflicher Auskunft von Kauers einzigem Kind Jakob keine Spuren von anderen Beteiligten fand, aber auch „keine gesundheitlichen Probleme vorlagen“, habe der Staatsanwalt eine Übermüdung des Fahrers und beispielsweise einen „Sekundenschlaf“ angenommen und die Ermittlungen eingestellt.

Jakob Kauer zufolge war sein Erzeuger in Murten so etwas wie ein „Stadtoriginal“ gewesen. Man habe ihn geliebt – oder gehaßt. Was Wunder, schließlich habe er gesagt oder geschrieben, was er dachte, da mache man sich nicht nur Freunde. Aber er sei kein „Stänker“ gewesen – was man von dem eingangs erwähnten Kreuder nicht unbedingt behaupten kann. „Oftmals einen über den Durst getrunken mit entsprechendem Gehabe, kannte man meinen Vater weit herum. Eine Fasnachtszeitschrift ohne seine Kommentare und Texte war wohl keine richtige Fasnachtszeitung.“ Auch sei er ein begnadeter Koch gewesen. Da kann man sich lebhaft vorstellen, wie der Gefährtin, die schon mal das Gemüse geputzt und das Fleisch eingerieben hat, das Geschirrtuch aus der Hand fällt, als sie nach Öffnen der Wohnungstür einem verdächtig gefaßt wirkenden Polizeibeamten gegenübersteht.

Der US-Journalist Jim Fixx (1932–84) hatte stets tüchtig zugelangt. Als er mit 35 Jahren jäh ein systematisches Lauftraining aufnahm, brachte er mindestens das Gewicht von Musketier-Diener Kinnear, siehe oben, auf die Waage, 100 Kilo. 10 Jahre später hatte er ungefähr 30 Kilo abgearbeitet, das Rauchen aufgegeben und an Marathonläufen teilgenommen. Sein 1977 erschienenes Werk The Complete Book of Running wurde ein Renner, er selber zum weltweit angebeteten Jogging-Papst. Weitere Werke folgten auf die Ferse. Radio- und Fernsehsender schätzten Fixx rasch als Zugpferd. Da war es verständlicherweise peinlich, als er 1984, inzwischen 52, auf seinem gewohnten täglichen Jogging-Kurs in Hardwick, Vermont, zusammenbrach und innerhalb von Sekunden einem Herzinfarkt erlag. Aber Gerichtsmediziner, Sportärzte und andere Fachleute des Geldverdienens wußten die Welt zu beschwichtigen. Fixx sei nicht in erster Linie am Joggen, vielmehr an seiner genetischen Mitgift, darunter Herzfehler, und seinem früheren ungesunden Lebenswandel gestorben. Ohne Joggen hätte er seinen Löffel vielleicht schon fünf Jahre früher abgegeben, sagten sie. Andere******** sagten „ja und nein“. Für alle Fälle hatte der fixe Guru bis zum letzten Atemzug nicht nur Luft, sondern auch Dollars geschöpft. Schließlich hatte er seinen zwei, später von ihm geschiedenen Gattinnen, ob dick oder dünn, vier Kinder gemacht. Oder sollte er seinen Zaster dem gemeinnützigen Jogging-Wege-Bau-Verein Hardwick o7 vermacht haben?

* Micha Hörnle in der RNZ, 22. Dezember 2011
** Rüsselsheimer Filmtage
*** Echo online, 30. Januar 2014
**** Christine Abele-Aicher (Hrsg.): Sammelband über Inge Aicher-Scholl Die sanfte Gewalt, Ulm 2012
***** Otl Aicher: Gestalter, Ostfildern 2011, S. 380 & 403
****** Gisela Lindner im Kultur-Teil, 2. September 1991
******* Andreas Petersen im Tages-Anzeiger, 19. Juni 2014
******** Lawrence K. Altman in der NYT, 24. Juli 1984



Kirchner, Herti (1913–39), Berliner Schauspielerin, seit dem Erscheinungsjahr ihres ersten Filmes Kampf um blond (1933) bis zu ihrem jähen Ende die oder eher eine Geliebte von Erich Kästner. Nach Birgit Ebbert* war die 25jährige Blondine betrunken, als sie in der Nacht zum 1. Mai 1939 in der Berliner Kleiststraße mit ihrem eigenen Auto parkende Fahrzeuge rammte und sich überschlug. Sie starb kurz darauf im Krankenhaus. Wenn sich die Hagener Autorin und Pädagogin Ebbert, die auch Soziologie studierte, davon „fasziniert“ zeigt, daß Kirchner bereits zu jener Zeit und in ihrem jugendlichen Alter einen Führerschein besaß, dämmert uns, wie hier die soziologischen Sympathien liegen. „Auch sonst war sie unglaublich fortschrittlich ...“ Kästner, der Kirchners letztem fortschrittlichen Akt mangels Anwesenheit entgangen war, soll diesen zum Anlaß genommen haben, nie mehr selber Auto, vielmehr nur noch Taxi zu fahren. Hinsichtlich des im kapitalistischen Sinne volkswirtschaftlichen Nutzens dürften sich beide Taktiken nichts nehmen. Kirchner, das Filmsternchen, das gerade an Heinz Rühmanns Seite in dem Werk Der Florentiner Hut geglänzt hatte, soll auch einige Kinderbücher verfaßt oder veröffentlicht haben. Die Frage, ob diese Texte mehr von ihr oder mehr von dem durch Schreibverbot gefesselten Kästner stammen, ist umstritten.

Der niederländische Schriftsteller Hendrik Marsman (1899–1940) war nicht mit Kästner, dafür mit dem Niederrheiner Albert Vigoleis Thelen und dessen Frau Beatrice befreundet. Marsmans Frau hieß Rien Barendregt. Im Zuge des Exils verkrochen sich beide Schriftsteller ab 1937 im schweizer Tessin, wo sie gemeinsam an Übersetzungen aus dem Portugiesischen ins Niederländische arbeiteten. Nach dem „Hitler-Stalin-Pakt“ vom 23. August 1939 hielten es die Ehepaare für geraten, sich über Bordeaux nach Portugal zu verziehen, wo zumindest die Thelens eine Einladung auf das Weingut oder gar Schloß des Schriftstellers Teixeira de Pascoaes hatten. Aus mir unklaren Gründen – möglicherweise, weil ihnen Spanien ein Durchreisevisum verweigerte, also gezwungenermaßen – hingen die Marsmans zunächst in Bordeaux fest und entschlossen sich dann, Portugal auf dem Umweg über die britische Insel anzulaufen. Also nahmen sie den Dampfer Berenice nach England. Prompt explodierte er (am 21. Juni 1940) im Ärmelkanal – ob aufgrund einer Torpedierung oder aber eines Kesselschadens, ist ungeklärt oder jedenfalls umstritten. Von 47 Menschen an Bord überlebten nur acht, darunter Marsmans Frau**, deren 40jähriger Gatte aber nicht. Die Thelens hielten sich, vom 1. September 1939 bis 1947, in der Tat in Portugal bei dem aristokratischen Berufskollegen auf.

Hundefreunde sind sich selbstverständlich darüber im Klaren, in Eric Knight (1897–1943) den Schöpfer des anhänglichsten Collies der Weltgeschichte vor sich zu haben: Lassie, 1938. Die ungemein erfolgreiche MGM-Verfilmung (mit den Kinderstars Roddy McDowall und Elizabeth Taylor) seiner Erzählung vom verschleppten treuen Hund verpaßte der US-Schriftsteller allerdings um wenige Wochen, weil er am 15. Januar 1943 als uniformierter Freiheitskämpfer im Range eines Majors mit einem Transportflugzeug der US-Army, das in geheimer Mission nach Afrika unterwegs war, bei Paramaribo in Südamerika über dem Urwald abstürzte. Sämtliche 35 Insassen sollen ums Leben gekommen sein. Major Knight war 45. Die Absturzursache gilt als ungeklärt.

Im selben Kriegsjahr 1943, am 2. Dezember, wurde ein britischer Bomber über Berlin abgeschossen, in dem auch der norwegische, 41 Jahre alte Kriegsberichterstatter und Schriftsteller Nordahl Grieg (1902–43) saß. Alle acht Insassen verbrannten. Grieg, schon im Spanienkrieg tätig, war Kommunist und treuer Anhänger der Sowjetunion gewesen. Sein 1952 vertontes Gedicht Til Ungdommen (An die Jugend) von 1936 soll bis heute vielgehört und -nachgesungen sein.***

* 11. Februar 2015
** laut niederländischer Wikipedia
*** Königlich Norwegische Botschaft, 17. September 2015



Kirkegaard, Ole Lund (1940–79), dänischer Lehrer und Kinderbuchautor. Da ihm die Schule im Grunde stets ein Greuel gewesen war, vor allem im schulpflichtigen Alter, begann Kirkegaard um 1967 damit, Kinderbücher zu verfassen und zu veröffentlichen, in denen er Solidarität mit sogenannten Problemkindern oder mit „Schwächlingen“ bekundete. Das Echo war enorm. Nach etlichen Auszeichnungen und Verfilmungen scheint Kirkegaard, soweit ich sehe, ein Dasein als hauptberuflicher Schriftsteller erwogen oder sogar (ab 1977) erprobt zu haben, doch zugleich war er, wohl vor allem unter der Last des Erfolgs und der entsprechenden Erwartungen, zunehmend dem Alkohol verfallen. Hinzu kam eine Scheidung von seiner Frau, mit der er zwei Töchter hatte. An einem Samstagmorgen Ende März 1979 wurde der inzwischen 38jährige Erfinder von beispielsweise Orla Frøsnapper (Orla Froschesser, 1969) und Pudding-Tarzan (1975) auf einem Kirchhof seines jütländischen Wohnortes Stenderup in einer Schneewehe entdeckt – erforen. Neben ihm eine Plastiktüte mit Schnapsflaschen und Lebensmitteln. Das riecht vielleicht stark nach Beweismitteln, doch einer 2010 erschienenen Biografie von Jens Andersen soll zu entnehmen sein, niemand wisse mit Sicherheit zu sagen, ob der ziemlich zerrüttete Künstler einem Unfall zum Opfer fiel oder aber „freiwillig“ aus dem Leben schied.

René Goscinny (1926–77), Mitschöpfer weltberühmter Draufgänger wie Lucky Luke und Asterix, machte anderthalb Jahre vor Kirkegaard in Paris bei einem ärztlich überwachten „Streßtest“ schlapp, der auf einem mit Pedalen ausgerüsteten „Heimtrainer“ vorgenommenen wurde. Der 51jährige Comic-Guru erlitt beim Trampeln einen Herzstillstand und war auf der Stelle tot. Angeblich war dabei sogar Goscinnys Gattin Gilberte zugegen, die sogleich eine Leiche in ihre Arme nehmen konnte. Zu Hause geblieben war seine 9jährige Tochter Anne. Wie sich versteht, gab es Vorwürfe gegen den testenden Kardiologen, weil er von Goscinnys erst soeben festgestellter Angina pectoris wußte und beim Test eine Klage Goscinnys über Beschwerden überging, jedoch keine gerichtlichen Schritte, soweit ich weiß.* Andere begnügten sich mit dem Seufzer, Goscinny sei eben das übliche rauchende und zu dicke Arbeitstier gewesen. Für BeobachterInnen des Weltgeschehens wie Dupuis sind die Goscinnys aber nicht selber schuld: ihr „internationaler Erfolg zwang sie“ dazu, Arbeitstiere und noch steinreicher zu werden. Dem war Kirkegaard auf halber Strecke ausgewichen, nehme ich einmal an.

* Jérôme Dupuis im November 2007, laut comedix


Kjeldahl, Johan (1849–1900), dänischer Chemiker, seit 1875 leitend im Kopenhagener Laboratorium der Brauerei Carlsberg tätig, in Fachkreisen vor allem durch seine 1883 erfundene, nach ihm benannte Methode der Stickstoffbestimmung berühmt. Ein Tod im Braukessel wäre in Kjeldahls Fall vielleicht am Schönsten gewesen. Doch der Tod ereilte den alleinstehenden Lebensmittelchemiker, der als scheu, wenn auch freundlich und hilfsbereit galt, im Juli 1900 beim Baden im Seebad Tisvilde (am Kattegatt), als Kjeldahl wahrscheinlich einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitt. Er war knapp 51.

Der Wiener Kommunal- und Sozialpolitiker Emil von Fürth (1863–1911) teilte Kjeldahls Schicksal 11 Jahre später, im August 1911, rund 20 Kilometer östlich von Tisvilde im Seebad Hornbæk – tödlicher Badeunfall. Er war knapp 48. Gattin Ernestine, bürgerliche Frauenrechtlerin, kam, sofern sie überhaupt anwesend war, offensichtlich mit dem Leben davon, denn sie wurde noch knapp 70 Jahre alt. Wer sich für Einzelheiten des Unfalls interessiert, wird unter Umständen fündig, wenn er das Wiener Stadt- und Landesarchiv mit einer gezielten Recherche beauftragt – pro angefangene halbe Stunde 35 Euro.

ZynikerInnen könnten behaupten, es sei immerhin angenehmer, in der vielbesungenen Moldau statt im Kattegatt zu ertrinken. Der tschechische Bildhauer Otto Gutfreund (1889–1927) hatte nach Kriegsteilnahme (oder besser: Internierung) auf Seiten Frankreichs und längerem Aufenthalt in Paris, wo er begierig kubistisch gefächerte Luft schnupperte, keineswegs Anlaß, sich als Künstler (so wie als Soldat) verkannt zu fühlen. Er bekam heimische wie ausländische Ausstellungen, eine Ehefrau und 1926 einen Lehrstuhl an der Prager Kunstgewerbeschule. Ein Jahr darauf, Anfang Juni, lag der 37jährige in der Moldau. Warum? Unfall beim Schwimmen, wie etwa das Prager Jüdische Museum behauptet, oder doch eher Selbstmord? Gutfreund galt als ängstlich, kontaktscheu, ein Bruder von Kafka vielleicht, und entsprechend bekümmert – ungefähr so wie sich 1912 seine Bronzebüste Don Quijote zeigt. Möglicherweise geht aus den Büchern, die in der tschechischen Wikipedia angeführt werden, Näheres hervor. Der Artikel selber kennt nur die übliche Phrase: „auf tragische Weise“ ertrunken.

Der Architekt Adolf Meyer (1881–1929), ursprünglich Tischler, war lange Jahre die „rechte Hand“ von Gropius, streckenweise auch Lehrer an dessen Weimarer Bauhaus gewesen. 1925/26 löste sich Meyer aus dem Schatten des Tyrannen Gropius und ging nach Frankfurt/Main, wo man ihn zum Baurat und nebenbei zum Lehrer an der Städelschule berufen hatte. In der Mainmetropole verewigte sich Meyer vor allem mit zwei Industriebauten. Wie Anette Seemann erwähnt*, war der Berlin-Weimarer Stararchitekt und grottenschlechte Zeichner Gropius dereinst beim Entwerfen neuer Objekte auf Meyer angewiesen gewesen, habe jedoch darauf bestanden, die gemeinsamen Entwürfe stets mit der Formel „Walter Gropius mit Adolf Meyer“ zu signieren. Meyer schluckte das und schuftete überall wie ein Pferd. Möglicherweise hatte er ja bereits an seinem per Geburt verordneten Allerweltsnamen zu leiden – wenn auch nicht sehr lange. Seemann zufolge ertrank der 48jährige im Juli 1929 bei einem Sommerurlaub vor der Nordseeinsel Baltrum, weil er „in eine Strömung geraten“ war. Über seine persönlichen Verhältnisse oder gar Gemütszustände ist nichts zu erfahren.

Zum Grab des Düsseldorfer kommunistischen Buchhändlers und Schriftstellers Rudolf Braune (1907–32), der für etliche linke Blätter schrieb und in seinem kurzen Leben zwei Romane veröffentlichte, wurde der Rhein. In einem jüngeren Verlags-Waschzettel heißt es dazu, ein Strudel habe ihn am 12. Juni 1932 bei Düsseldorf-Neukassel vor den Augen seiner Verlobten in die Tiefe gerissen, obwohl der 25jährige ein guter Schwimmer gewesen sei.**

* tabularasa, Nr. 37, 3/2009
** glotzi-verlag



Klein, Charles (1867–1915), Dramatiker >Campbell, Alexander


Knickerbocker, Hubert Renfro (1898–1949), US-Journalist, meist Auslandskorrespondent und Kriegsberichterstatter. Trotz seiner roten Haare war „Red“ Knickerbocker weder Kommunist noch Faschist. Der Sohn eines texanischen Geistlichen soll kühl, ja nahezu gleichmütig gewesen sein. Ein gutbezahlter Zuschauer, denn er schrieb – angeblich sachlich und stets phrasenlos – für renommierte bürgerliche Blätter. Den Spanischen Bürgerkrieg und den Zweiten Weltkrieg überlebte er. Aber dann, am 12. Juli 1949, saß er mit mehreren Kollegen in einer Linienmaschine von Jakarta nach Amsterdam. Beim Anflug auf Bombay krachte die Lockheed Constellation, wohl wegen Piloten- wie Lotsenfehlern, auf einen nebelverhangenen Hügel und riß alle 45 Insassen in den Tod. Der 51jährige Knickerbocker hinterließ vier Kinder und ein paar Bücher. Dagegen ist er nicht für die gleichnamige entsetzliche „Überfallhose“ verantwortlich, für die ich in meiner Kindheit ausgiebig gehänselt worden bin. Die Knickerbocker wurde nach dem Neu Amsterdamer (New Yorker) Helden einer englischsprachigen Satire des Jahres 18o9 benannt, der stets in „Schlumperhosen“ herumlief. Zu Lebzeiten des abgestürzten rothaarigen Journalisten war sie freilich, auch in den USA, durchaus beliebt und verbreitet. Was Knickerbocker beim Absturz gerade anhatte, dürfte dem Flugzeughersteller gleichgültig gewesen sein. Lockheed Martin, hauptsächlich Rüstungs- und Raumfahrtkonzern, macht gegenwärtig ungefähr 45 Milliarden US-Dollar Umsatz pro Jahr, die sich zu mindestens 75 Prozent der US-Regierung verdanken.

Ein Jahr später hatte auch der 40 Jahre alte polnischstämmige US-Architekt Matthew Nowicki (1910–50) in Indien zu tun. Er leitete gemeinsam mit Albert Mayer die Planungsarbeiten in der neuen Stadt Chandigarh, Punjab. Nowicki hatte die deutsche Besatzung Warschaus überlebt – um nun, am frühen Morgen des 31. August 1950, auf dem Rückflug in die Staaten bei Kairo mit der nächsten Lockheed Constellation abzustürzen. Die Maschine mit dem treffenden Namen „Star of Maryland“ hatte um Mitternacht ein in Brand geratenes Triebwerk verloren und ging beim Versuch der Notlandung in der Wüste unweit eines Dorfes zu Bruch. Sämtliche 55 Menschen an Bord kamen um. Neben einigen US-Managern soll sich ein ägyptisches Filmsternchen unter ihnen befunden haben. Kurz nach Nowickis Tod wurde in Raleigh, der Hauptstadt North Carolinas, wo Nowicki Hochschullehrer gewesen war, die eindrucksvolle Dorton Arena fertiggestellt. Bislang hat sie offenbar gehalten. Nowickis Frau Stanislawa lehrte (bis 1977) an der University of Pennsylvania ebenfalls Architektur.

Noch einmal zurück nach Indien. Über das Ende des jüdischen, vom Balkan stammenden US-Mathematikers Abraham Wald (1902–50) schrieb ich vor anderthalb Jahren an anderer Stelle: Wald galt bereits vor dem Zweiten Weltkrieg als bedeutender Statistiker, übrigens auch und gerade zum Nutzen der Rüstungsproduktion. 1941 wurde er Professor an der New Yorker Columbia University. Im Dezember 1950, inzwischen 48 Jahre alt und Vater zweier Kinder, war er in Begleitung seiner Frau Lucille in Südindien per Flugzeug zu einer Gastvorlesung unterwegs. In den dortigen Nilgiri-Bergen (Blauen Bergen) stürzte die Maschine ab. Ob es sich um einen Linien- oder einen Sonderflug handelte, geht aus meinen Quellen so wenig hervor wie die Unfallursache. In jedem Fall dürften, neben dem Ehepaar, noch weitere Tote angefallen sein, beispielsweise ein Pilot oder ein regierungsamtlicher Betreuer der Gäste. Namenlose Randfiguren der Weltgeschichte.

Die deutsche Wikipedia bescheinigt dem „klassischen“ US-Pianisten William Kapell (1922–53) sowohl ein „filmstarmäßiges Aussehen“ wie eine „glückliche Ehe“, nämlich mit der Berufskollegin Rebecca Anna Lou Melson (zwei Kinder). Naja, wer's glaubt ... Jedenfalls befand sich der überall als „brilliant“ ausgerufene Kapell auf dem Weg zum musikalischen Weltstar und konnte sich schon einiges herausnehmen. Als er nach Gastspielen in Australien von Sidney nach San Francisco abflog, versicherte er den Reportern, er werde nie mehr einen Fuß auf diesen mißratenen Kontinent setzen – er hatte ein paar ungünstige Kritiken bekommen. Allerdings setzte der 31jährige auch keinen Fuß mehr auf den amerikanischen Kontinent. Ehe die Douglas DC-6 mit 19 Personen an Bord in San Francisco landen konnte, prallte sie, am Morgen des 29. Oktober 1953, im Nebel gegen das kalifornische Kings-Gebirge. Es gab keine Überlebenden. Die Luftfahrtbehörde erkannte in ihrem Untersuchungsbericht auf Pilotenfehler beim Instrumentenflug. Einige VerschwörungstheoretikerInnen sprachen dagegen von einem Anschlag – der australischen Kritik.

Kapells Witwe wurde fast dreimal so alt wie er: sie starb 2012 mit 85 in New York City. Ihr Schicksal ist nicht uninteressant. So reichte sie bald nach dem Unfall Schadenersatzklage gegen zwei beteiligte Fluggesellschaften ein – und erstaunlicherweise sprach man ihr und den beiden Kindern 1964, nach zähem Ringen oder Warten, satte 924.396 Dollar zu. Aber ein Jahr darauf gab es drei lange Gesichter, als ein Berufungsgericht die Entscheidung kippte. Gleichwohl werden sich die Drei nicht am Rande des Hungertodes befunden haben. So hatte sich Anna Lou Dehavenon, wie sie nun hieß, schon 1955* zwecks zweiter Ehe einen Kunsthändler geangelt, mit dem sie noch einmal zwei Kinder in die Welt setzte. Zwar verlor sie auch diesen Gatten wieder, 1974 durch Scheidung, doch die Frau war ja nicht auf den Kopf gefallen. Jetzt sattelte sie von Pianistin und Hausfrau auf „urban and medical anthropologist“ um, worin sie 1978, mit 52, sogar einen Doktorgrad erwarb. Sie war in der Armen- und Wohnungslosenfürsorge von New York City tätig und nahm sich dabei auch genau jener alleinstehenden Frauen mit Kindern an, zu denen sie selber einst zählte, wie sie Journalistin Lynda Richardson gegenüber betont.** Aber auch hierin empfiehlt sich vielleicht ein gewisser Skeptizismus. Kapells Witwe stand ja nach dem Unfall keineswegs auf der Straße, und von den Platten, Aufnahmen und Tagebüchern des abgestürzten Stars konnte sie wahrscheinlich noch in hohem Alter zehren. Man darf nie vergessen, wie relativ alles ist. Für eine Pianisten-Witwe oder eine Journalistin der New York Times ist es wahrscheinlich schon bittere Armut, wenn sie ihre Kinder nicht in einem Mittelklasse-Automodell der jeweiligen Vorjahresserie, sondern nur in einem älteren Gebrauchtwagen zur Schule fahren können. Müßten die Sprößlinge gar laufen, wäre es Ruin oder Tod. Bei all den Autos auf der Straße!

Der italienische Dirigent Guido Cantelli (1920–56), gerade zum Musikalischen Direktor der Mailänder Scala berufen, stürzte wie Kapell in einer Douglas ab. Die Maschine aus Rom mit Ziel New York City hatte am 24. November 1956 bei nebligem Wetter gleich nach dem Abheben in Paris-Orly aus nie geklärten Gründen an Höhe verloren und ein Gebäude vom Rande des Flugfelds gestreift, ehe sie brennend zerschellte. Von 35 Insassen starben 34. Cantelli war nicht der Überlebende. Mit den Worten des SWR2 gesagt (2014), hatte der vielgefragte 36jährige den „Preis für eine internationale Karriere“ entrichtet, „die immer mehr das Leben im Jet-Set verlangt“. Was speziell das Dirigenten-Unwesen angeht, habe ich vor, mich dazu demnächst unter >Lully, Jean-Baptiste ausführlicher zu äußern.

* The Suffolk Times, 3. Juni 2012
** NYT, 2. Februar 2005



Knight, Eric (1897–1943), Schriftsteller >Kirchner, Herti


Knoespel, Hans-Robert (1915–44), Falkner >DeLong, George W.


Knoll, Hans (1914–55), Möbelfabrikant >Bischof, Werner



Fortsetzung Ko–Kz
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