Samstag, 6. Februar 2016
Ihr tut mir Leid
20 Jahre Rechtschreibreform

Erstveröffentlichung in Telepolis am 2. Februar 2016



Mit ihrer Nummer 15 des Vorjahres, erschienen im August 2015, schwenkte auch die oft erfreulich kritische, roteinge-schlagene Zweiwochenschrift Ossietzky ein. Sie schreibt jetzt ebenfalls „reformiert“. Sie wolle damit vor allem der Verwirrung aller schulpflichtigen und jüngeren LeserInnen vorbeugen, hieß es kurz und befremdlich zur Begründung. Die Zeit hätte dazu wahrscheinlich höflich angemerkt: endlich hat auch dieses Blättchen, nach uns Großen und der Jungen Welt, „klein beigegeben“. So steht es in einem Interview mit Ex-Kultusminister Zehetmaier, auf das ich noch zurückkommen werde.

Dafür fand am 1. August 2015, somit zufällig zur selben Zeit, ausgerechnet die FAZ zu ungewohnten antiautori-tären Tönen. In Gestalt ihrer Berliner Korrespondentin Heike Schmoll zog sie die niederschmetternde Bilanz eines „obrigkeitlichen Gewaltaktes der Kultusbürokratie“. Gemeint war eben die jüngste, ab 1996 eingeführte, „mehrere Milliarden teure“ deutsche Rechtschreibreform, die sich dann durch beflissene mehrmalige „Nachbesse-rungen“, so das widerliche Modewort, noch verheerender auswirkte, als sie schon vom Kern her war. Für gewisse Verlage und HerausgeberInnen von Wörter- und Schul-büchern, ja selbst von sogenannten Klassikern, stellte sie allerdings ein Segen dar. Duden und Wahrig etwa, kraft ihres quasi-amtlichen Monopols schon immer eine Kuh, die nie versiegenden Honig gab, bekamen nun auch noch goldene Hufe.

Für Schmoll hat die Reform zugleich für Chaos und Uniformierung gesorgt. Die neuen Schreibungen hätten zahlreiche Möglichkeiten feiner Unterscheidungen „sprachlich und gedanklich planiert“. Ähnlich äußerte sich kurz zuvor, am 30. Juli, Steffen Könau in der Mittel-deutschen Zeitung. Aus seiner Sicht hat die Reform nicht weniger als die Auflösung der sprachlichen Verbindlichkeit bewirkt. „Das Ergebnis ist jeden Tag auf Whatsapp, Face-book, Twitter und den Diskussionsforen der Nachrichten-portale zu besichtigen. Regellosigkeit ist die Regel. Nach dem Komma und all den anderen Satzzeichen stirbt die Grammatik, sterben Satzbau und der Anspruch, Gedanken geradeaus zu formulieren.“ Damit das Chaos perfekt wird, bieten Duden wie Wahrig in vielen Fällen Wahlmöglich-keiten an, setzen jedoch die Prioritäten unterschiedlich, sodaß sich die Konkurrenz jener beiden GralshüterInnen auch in den „Hausorthographien“ zahlreicher renom-mierter Blätter oder Anstalten fortsetzen kann, siehe etwa die Ankündigung der FAZ vom 2. Dezember 2006.

Das Reformergebnis „Orientierungslosigkeit“ könnte so manchem Hirten, der gern Schafe regiert, durchaus gefallen – und womöglich fällt es auch kaum mehr auf, weil ja den Schafen das Denken zunehmend von Compu-tern und Robotern abgenommen wird. Die werden immer „autonomer“. Bald werden sie die Texte nicht nur automatisch richtig, sondern automatisch selber schreiben. Das entlastet die Schafe. Nun finden diese die Muße, ihre sogenannte Übergewichtigkeit zu bekämpfen, indem sie wie die Affen in den Bäumen turnen. Man erwäge einmal, was uns seit zwei Jahrzehnten schon alles unter dem beflügelnden „fortschrittlichen“ Deckmantel der Reform übergebraten worden ist: lauter Rückschritte. Die Reform der Streitkräfte machte Deutschland, Frauen eingeschlos-sen, wieder kriegslüstern; die (Riester-)Reform der Rente machte die RentnerInnen ärmer und die Versicherungs-konzerne fetter; die Reform des Arbeitsmarktes – ich erspare mir das. Ich fürchte schon seit längerem, in kapitalistisch verfaßten Demokratien könnten sämtliche staatlich geleiteten „Reformen“ eigentlich nur zwei Ergebnisse haben: mehr Unterdrückung oder mehr Chaos. Wobei wahrscheinlich das zweite Ergebnis in vielen Fällen wiederum der Herbeiführung des ersten Ergebnisses dient.

Etliche BeobachterInnen, die wie Schmoll und Könau den inzwischen herrschenden „Wirrwar“ beklagen, erinnern an die einstigen Beteuerungen der ReformerInnen, ihnen liege vor allem die Vereinfachung der Rechtschreibung am Herzen. Ja eben – ihre Verflachung … Tatsächlich sei aber das Gegenteil eingetreten. So hat sich durch Mißbildungen wie „Missstand“ oder „Schifffahrt“, zottelhaarige Mammuts wie „Aftershavelotion“, Wendungen wie „einer steht Denkmal artig vor dem Bundeskanzleramt“ (also nicht etwa ungehorsam), Einsparung von Kommas, Angebot des Wählens zwischen Varianten und ganz allgemein die verstärkte Beliebigkeit in der Rechtschrei-bung die Lesbarkeit der Texte nicht erhöht, sondern verringert. Darin aber liegt eigentlich der Sinn einer allgemeinverbindlichen Rechtschreibung: sie will nicht etwa recht behalten, wie man bei ihrem irreführenden Namen denken könnte; sie will uns vielmehr entlasten. Indem sie Verkehr und Verständnis sowohl vereinfacht wie erleichtert, ermöglicht sie uns a) die Konzentration auf den Geist des Textes, b.) die Befassung mit anderen Aufgaben. Der Mensch hat ja weißgott Wichtigeres zu tun, als mühsam durch die jeweilige Variante der Rechtschreibung zu stolpern und sich dabei endlos Beulen und Kränkungen einzufangen. Oder als in den Bäumen zu turnen ...

Aber die ReformerInnen beteuerten auch, ihnen liege das Wohl unserer SchülerInnen am Herzen. Die Fehlerquote in den Diktaten und Aufsätzen sei viel zu hoch. Und nun – haben sie es geschafft? Ja, nach Auskunft verschiedener Studien, die Dankwart Guratzsch am 7. November 2013 in der Welt anführt, ist es den Reformern tatsächlich gelungen, die Fehlerquote im Schnitt zu verdoppeln. Kurz darauf, am 15. November, gibt Guratzsch im selben Blatt einen kurzen historischen Abriß der Reform und weist dabei die vielgehörte Lüge zurück, es habe ein breites Bedürfnis nach ihr gegeben. Vielmehr sei sie von einem Häuflein fanatischer Linguisten und unter Bemühung des Ost-West-Konfliktes losgetreten worden. Zeitgenössische deutschsprachige SchriftstellerInnen haben sie jedenfalls nie erbeten, wie wahrscheinlich schon hinlänglich die Latte von Namen unter der Frankfurter Erklärung von 1996 beweist. Aber gerade diese Fachleute wurden nun nicht etwa in die maßgeblichen Gremien der ReformerInnen gebeten. Vielleicht war die AkademikerInnenquote unter den SchriftstellerInnen noch zu niedrig.

Übrigens wird die Liste der UnterzeichnerInnen, aus alphabetischen Gründen, von Ilse Aichinger angeführt, die es allen (Schulbuch-)Verlagen ausdrücklich untersagte, ihre Texte für den Abdruck umzufrisieren. Ob sich die Verlage an dieses Verbot hielten und halten, steht auf einem anderen Blatt. Ich kann es kaum überprüfen, weil ich seit Jahrzehnten keinen Zugang mehr zu unserem Schulsystem habe. Am besten, man schafft es ab, dann erübrigt sich auch die Frage, für welche Rechtschreibfehler unsere Schulen Strafanstalten sein sollen. Der St. Gallener Schullehrer Stefan Stirnemann wies 2013 auf Verfäl-schungen von „Klassikern“ durch sogenannte renommierte Verlage hin. Die Stadtbücherei in Bad Dürrheim, Schwabenland, nahm im August 2015 auf Geheiß des Regierungspräsidiums eine deftige „Aussortierungsaktion“ vor, bei der es nur noch erstaunt, daß die betreffenden, zu wenig gelesenen oder aber falsch geschriebenen Bücher nicht sofort auf einem Scheiterhaufen landeten. Im Zeichen des erwähnten Ost-West-Konfliktes könnte man sich hier auch an die Stalinisten erinnert fühlen, die nach jeder Kehrtwende in der Generallinie eine rückwirkende Umschreibung der Geschichtsbücher verordneten. Einige Werke brockten sich ihre Ächtung wegen ungebührlichen „Wordings“ ein, weil in ihnen beispielsweise „Hexen“ oder 10 oder 20 kleine „Negerlein“ vorkamen. Aftershavelotion und Wording! Das ehrt die deutsche Sprache ohne Zweifel viel mehr als ein Neger. Solche hirnrissigen Zensurmaß-nahmen fördern mit der Geschichtslosigkeit und Unselbst-ständigkeit die Dummheit. Sie entsprechen übrigens dem bekannten Verfahren, unliebsame Parteien, zum Beispiel faschistische, zu verbieten, statt den Geist oder die Wirtschaftsweise zu bekämpfen, der oder die sie trägt.

Wen wundert es, wenn man selbstkritische Äußerungen im Lager der BefürworterInnen und VerwalterInnen der Reform mit der Lupe suchen muß. Bernd Busemann, damals Kultusminister in Niedersachsen, räumte im August 2004 in einer amtlichen Verlautbarung ein: „Sprache und Rechtschreibung sind etwas Fließendes, das man dem Volk nicht mit einem politischen Beschluss verordnen kann.“ Er tat es immerhin pflichtschuldig mit Doppel-s. Johanna Wanka, damals Kultusministerin von Brandenburg, ließ sich Ende 2005 von Spiegel-Journa-listen (Nr. 1/2006) das Eingeständnis abringen: „Die Kultusminister wissen längst, dass die Rechtschreibreform falsch war. Aus Gründen der Staatsräson ist sie nicht zurückgenommen worden.“ Hans Zehetmair, damals bayerischer Kultusminister, machte sich kürzlich, in der Zeit 31/2015, sogar persönliche Vorwürfe. „Die Nation wäre nicht zerbrochen, wenn wir nichts gemacht hätten. Wir hatten und wir haben drängendere Probleme.“ Doch das sind Ausnahmen. Am 16. November 2015 wies Albrecht Müller auf seinen Nachdenkseiten auf den Triumph der Tendenz in unseren westlichen „Demokra-tien“ hin, weder für wichtige Entscheidungen breite Zustimmung zu suchen noch die sich häufenden Fehlentscheidungen in wichtigen Fragen auch nur ansatzweise zu kritisieren, nachdem sie sich als Schlag ins Wasser erwiesen haben, oder gar ihre TrägerInnen zu bestrafen. Ich glaube jedoch, daß sich Müller noch Illusionen macht. Wenn er hier von „Fehlentscheidungen“ spricht, liegt er falsch. Noch nie haben Herrschende zuungunsten des Volkes „Fehler“ gemacht. Sie machen dies alles absichtlich. Riester wußte, wen er mit seiner Rente füttert, und Schröder/Fischer wußten, warum der Balkan mit Bomben zertrümmert werden muß. Wer von ihnen Selbstkritiken und Korrekturen erwartet, macht den Bock zum Gärtner. Und die Schafe schauen zu diesem Gärtner empor.

Sind wir schon bei Fehlern, möchte ich die Bemerkung wagen, auch so manche GegnerInnen der Rechtschreib-reform waren und sind nicht gegen sie gefeit. So berufen sie sich auffällig oft auf die „Logik“. Friedrich Georg Jünger (Sprache und Denken, 1962) hat mir jedoch schon vor Jahren eingebläut, Sprache habe keine Logik. Vielmehr sei sie ein Gebilde, das alle Logik, alle Exaktheit und alle Widersprüche umfaßt. Weit davon entfernt, sie zu besei-tigen, hilft sie „lediglich“, die Widersprüche aufzudecken. Wahr sind die Phänomene, nie dagegen ihre Namen. Eine Unterbindung mag etwas mit Fesselung zu tun haben; sie kann jedoch genauso gut oben stattfinden. Drei Jahr-zehnte, und wir fänden die Oberbindung normal. Gewisse bellende Vierbeiner statt dog oder Matz Hund zu nennen, ist weder natürlich noch logisch oder unlogisch. Es verdankt sich vielmehr einer willkürlichen, wenn auch stets gewachsenen gesellschaftlichen Übereinkunft.

Eignet aber der Sprache keine Logik, dann auch deren Schreibung nicht. Das ist nur logisch. In einer Erläuterung zum Wort „tragisch“ versichert mein antiquierter Brock-haus (Band 22 von 1993), es bedeute u.a. „schicksalshaft“. Mein sogar noch etwas älterer Duden (von 1983) schreibt dieses Wort jedoch ohne s, nämlich „schicksalhaft“. Man könnte vermuten, der damalige Brockhaus-Korrektor habe auf die Analogie mit „schicksalsgläubig“ oder „schicksals-schwer“ vertraut – zwei Wörter, die der genannte Duden in der Tat mit s schreibt. Alle drei Worte sind Adjektive und weisen nach dem fraglichen s oder nicht-s einen Konso-nanten auf. Aber Duden, der alte, schreibt sie verschieden. Nun will ich nicht ausschließen, eifrig studierte Linguisten, Grammatiker oder SprachwissenschaftlerInnen wüßten hier eine Regel oder deren Ausnahme aus dem Hut zu zaubern, die auch diese Unregelmäßigkeit „logisch“ erklärt. Alle Umtriebe dieser Art halte ich allerdings für von Doktorhüten gekrönte Haarspaltereien. Für mein Empfinden handelt es sich sowohl bei der Sprache wie beim Problem ihrer Schreibung um ein derart komplexes und letztlich unbegreifliches Phänomen, daß es sterblichen Menschen niemals gelingen wird, sie auf eine Weise handhabbar zu machen, die sogar Computer und Roboter begreifen. Das teilen Sprache und Schreibung natürlich mit vielen anderen Phänomenen. Gieße ich aber beispielsweise das Wort „Klima“ und meinen Hohn über die Weltreligion des 21. Jahrhunderts aus (die da Kampf dem Klimawandel heißt), komme ich niemals zum Ende. Oder ins Blatt.

Eine Abschweifung muß ich mir noch herausnehmen. Führte ich eben „dog oder Matz oder Hund“ an – wo bleiben denn dann die Hündinnen, bitteschön? Auf meiner Webseite behauptete ich bereits 2012, es wäre um 1995 ungleich notwendiger gewesen, Tonnen an Schaffenskraft und viele Millionen DM in den Versuch zu stecken, das grammatische Defizit hinsichtlich der Rolle der Frau zu beheben oder wenigstens das Bewußtsein für dieses Defizit zu schärfen. In dieser Hinsicht herrscht bis zur Stunde tote Hose. Nie ist das im Grunde soziologische Problem der patriarchalen Durchseuchung der deutschen Sprache auch nur annähernd so rege diskutiert worden wie die sogenannte Rechtschreibreform. Aber der Wildwuchs mit allen furchtbaren Binnen-I's, Binnen-Unterstrichen oder Binnen-Löchern gedeiht, und wenn wir so weitermachen, sind wir im 22. Jahrhundert nicht bei der nächsten Weltreligion, vielmehr bei der absoluten Unlesbarkeit angekommen.


Nachträgliche Anmerkungen

Zum eben verfluchten „Binnen-I“: Ich pflege in dieser Hinsicht einen persönlichen Kompromiß. Ich bringe das Binnen-I allenfalls in Wort-Situationen, wo es die gewohnte Grammatik nicht geradezu vergewaltigt und den Sprachfluß nicht furchtbar hemmt, und ich bringe es keineswegs mit Vollständigkeitsdrang, vielmehr lediglich, um immer mal wieder an „das andere Geschlecht“ und die offene Frage seiner grammatischen Behandlung zu erinnern. Ich sage also unter Umständen „LehrerInnen“, niemals jedoch „LinguistInnen“.

Zur eingangs angeführten Tirade Heike Schmolls gegen die quasi-preußische Ministerialmanier, in der uns die „Reform“ von der Kultusbürokratie verordnet wurde, passen ergänzend ein paar Sätze des Historikers und Essayisten Friedrich Dieckmann, die ich in einem inzwischen gestrichenen Beitrag anführte. Um 1790, bemerkt Dieckmann in seinem Buch Deutsche Daten von 2009, hätten sich Verleger und Autoren „auf der Basis neuster Sprachwissenschaft“ auf eine vereinheitlichte Rechtschreibung geeinigt, die sich in den folgenden 200 Jahren durchgesetzt und bewährt habe. Diesem „Konsens der Zuständigen“ – und nicht umgekehrt – seien die Schulen und Ämter gefolgt. Das umgekehrte, uns von den jüngsten „Reformern“ zugemutete Vorgehen wäre, so Dieckmann, „nicht bei Spaniern, Franzosen oder Engländern – in keinem vergleichbaren Kulturvolk“ möglich gewesen. / Aber den Deutschen, so wieder von mir, kann man ja sogar „Revolutionen“ verordnen, wie uns Bismarck, Ebert und Gauck bewiesen haben.


Verwünschung 2018

Ob reformiert oder nicht – unsere Rechtschreibregeln sind grundsätzlich zum Lachen. Schreibt man das eigentlich groß oder klein? Allein zum „lachen/Lachen“ bringt mein Duden (von 1983) Dutzende von Unterscheidungen, die man mühsam nachschlagen und erwägen muß. Neulich versuchte ich die Geheimnisse der je nach „Fällen“ und sonstwas unterschiedlichen Beugung (= Formverände-rung) von Eigenschaftswörtern, etwa „groß / größer / des großen“, zu ergründen, wobei es, laut Heringer, Gram-matik und Stil, Ffm 1989, auch noch mal „schwache“, mal „starke“ Endungen (und, im Reihungsfalle, „parallele Deklinationen“) gibt – nach zwei Stunden strich ich meine Groß- und Kleinsegel. Ich begreife es einfach nicht. Es ist die Groteske der Zivilisation, der Ausdifferenzierung, der Feinschmeckerei. Auf meiner Schweinsblaseninsel, siehe im nächsten Band, würden sie sich vor Lachen am Boden wälzen, wenn einer oder eine der Inselchronik mit solchen Spitzfindigkeiten zu Leibe rücken wollte. Für die Päpste der Rechtschreibung, führende ReformgegnerInnen eingeschlossen, meistens LehrerInnen, ist sie Pfründe und narzißtischer Jungbrunnen. Bei denen hat die Rechtschrei-bung die Stelle der „überwundenen“ Religion eingenom-men. Vergölte man unseren Schülern und Schülerinnen allein die Zeit, die sie aufs Rechtschreiben verwenden, wären sie schon nicht mehr auf Bafög oder Hartz IV angewiesen. Nähme man auch Schadenersatz für all die Kopfschmerzen, Magenkrämpfe, Gewissensqualen hinzu, die sich der Undurchsichtigkeit der orthographischen Phänomene verdanken, hätten sie bereits das „Ruhegeld“ eines Kultusministers oder doch wenigstens eines Lehrers, der mal vier Jahre im Bundestag absaß, im Sack.

Gewisse Vereinbarungen sind sicherlich unerläßlich, sonst läse der eine „Hütte“, der andere „Hüte“. Warum aber bekommt nur der Schuhladen einen sogenannten Deh-nungslaut, nicht dagegen die Schule? Und aus welchem Grund sollte die Großschreibung beider Einrichtungen unerläßlich sein? Oder die sorgsame Unterscheidung zwischen „manch gutem“ und „manch guten“ Buch beziehungsweise Büchern, je nach Genus, Kasus, Numeri und so weiter? Oder die Pflicht, zwischen zwei durch „und“ verbundenen Hauptsätzen ein Komma zu setzen? Der einzige Grund kann die Forderung nach Verständlichkeit, Klarheit sein. Oder gäbe es weitere unabdingbare Gründe? Aber ich fürchte, mit jener Forderung mischt sich sofort das Bedürfnis nach Auslegung, Abgrenzung, Profilierung, poetischer Gestaltung usw. ein. Um diese Flut einzudäm-men, bedarf es dann doch wieder des Katalogs oder Kanons, gerade wie in der Rechtsprechung, die sich bekanntlich unaufhaltsam aufbläht. Wahrscheinlich ist es ein Teufelskreis.

Jedenfalls in der deutschen Sprache, die bekanntlich zu den kompliziertesten Sprachen dieses Planeten zählt. Sind die Chinesen also weniger gebildet und feinfühlig als wir Nachfahren von Kaiser Wilhelm, Max Schmeling und Angela Merkel, soll doch das Chinesische wohltuend „flexionsarm“ sein? Oder als die Briten, die, soweit ich weiß, bei den meisten Wörtern und Wortarten völlig auf Beugung verzichten? Bauen wir schnell einen Beispielsatz. „Sie stellte den Krug in den Schatten eines Baumes und griff erneut zu ihrer geliebten Sense. – She placed the pitcher in the shade of a tree and reached for her beloved scythe again.“ Ja, das ist natürlich ärgerlich: wählen wir der Fairneß halber auch einen „Er“, müßten wir auch im Englischen nach ihrer/seiner Sense unterscheiden, also nach dem Geschlecht der handelnden Person. Wahrschein-lich ist der Beispielsatz ohnehin zu einfach. Man (!) hätte eine Miniatur aus meinem Reigen „Vor der Natur“ nehmen sollen. Ich fürchte jedoch, bei Poetischem oder Philoso-phischem versagen meine Englischkenntnisse. Vom Esperanto ganz zu schweigen.

Damit hat sich auch noch die leidige Geschlechterfrage in die kurze Erörterung eingeschlichen. Noch vor wenigen Jahrzehnten wurde der Deutsche nicht von ihr gequält. Der Schriftsteller und Kunstkritiker Karl Scheffler erwähnt in seinem 1946 veröffentlichten Lebensrückblick Die fetten und die mageren Jahre, zu Zeiten Kaiser Wilhelms habe im Berliner Westend von Freitag auf Samstag „jeder fünfte Mann“ das schmale braune Heft von Hardens Wochen-schrift Zukunft in der Hand gehalten. Die emanzipierten Damen mit den kecken Ponyfrisuren hielten es vielleicht zwischen ihren Füßen. Im 1967 veröffentlichten Roman Licht über weißen Felsen, der in einem US-IndianerInnen-Reservat spielt, dürfen Farmerin Mary Booth „Ratsmann“ für Ökonomie und Studentin Victoria „Dichter“ werden, ohne sich den Widerspruch der Autorin Liselotte Welskopf-Henrich einzuhandeln. Sie lebte in der DDR. 1991 (Band 15) versichert der wiedervereinigte Brockhaus nebelhaft, Emmy Noether sei als „die bedeutendste Mathematikerin“ des 20. Jahrhunderts anerkannt. Da dürfen wir rätseln, ob hier die männlichen Mathematiker schon einbezogen sind, was Noethers Bedeutung natürlich enorm erhöhte. Diesen Nebel darf sich heute zumindest in kritischen Kreisen keiner oder keine mehr leisten – und sei es, er oder sie mutierte dadurch zum Umstandskrämer oder zum steilen Zahn (Indianer- und Mathematiker-Innen).
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