Dienstag, 12. Januar 2016
Lexikon der Unfallopfer I–J

Ibargüengoitia, Jorge (1928–83), Schriftsteller >Girdler, William


Ibo (1961–2000), Schlagersänger >Mullins, Rich


Imboden, Martin (1893–1935), Fotograf >Mazagg, Siegfried


Imbrohoris, Jean-Pierre (1943–93), Schriftsteller >Garden, Antje


Imlay, Fanny (1794–1816), verwickelt mit >Shelley, Harriet und Percy Bysshe


Inselkammer, Jannik (1968–2014), Bierbrauer >Bucher, Gebhard


Inwood, Henry William (1794–1843), Architekt & Gelehrter >Bertero, Carlo


Ivčić, Tomislav (1953–93), Schlagersänger >Garden, Antje


Jablonskaja, Anna (1981–2011), Schriftstellerin >Aquino, Juliana de


Jánoš, Zdeněk (1967–99), Fußballer >Fernández, Rommel


Jantar, Anna (1950–80), Schlagersängerin >Cafrune, Jorge


Jarrell, Randall (1914–65), Schriftsteller >Jennings, Humphrey


Jars, Gabriel (1732–69), französischer Ingenieur und Metallurg. Diesem Befeurer der Industrialisierung stellte die Sonne ein Bein. Sprößling eines Lyoner Kupferminen-Direktors, hatte er sein Handwerk an der Pariser École Nationale des Ponts et Chaussées, der ältesten technischen Hochschule Europas, dann in zahlreichen Berg- und Hüttenwerken und ähnlichen Betrieben Europas erlernt. Aus England brachte er (1765) Anregungen zur Entwicklung eines Gußverfahrens mit, bei dem die bis dahin verwendete Holzkohle durch Steinkohlekoks ersetzt wurde. Kraft ihrer Überlegenheit setzten sich seine Koks-Gußverfahren sowie neuen Verfahren zur Kupferschmelze binnen weniger Jahre auf dem Festland durch. Daneben steuerte er Grundlagenarbeit zu jenen Verbesserungen französischer Rüstungsprodukte bei, die damals bekannten Ingenieuren wie Jean-Baptiste Vaquette (auch Artilleriegeneral) und André Fougeroux de Secval am Herzen lagen, und entwickelte außerdem großangelegte Pläne, das der Industrie und insbesondere dem Transport von Kohle dienende Netz aus Straßen und Wasserwegen im Raum Lyon zu vervollkommnen. Die Regierung belohnte Jars 1768, indem sie ihn zum „Titularmitglied“ der Akademie der Wissenschaften ernannte. Davon hatte er allerdings nicht mehr viel. Im August 1769 erlag Jars in Clermont-Ferrand den Folgen eines Sonnenbrands oder gar -stichs*, den er sich etwas weiter südlich bei Langeac zugezogen hatte. Dort hatte der 37jährige basaltische Formationen studiert, offensichtlich gar zu ausgiebig. Ob er Frau und Kinder oder wenigstens einen Geliebten hatte, geht aus meinen Quellen nicht hervor. Ein fürsorglicher älterer Bruder gab posthum Jars' Schriften in mehreren Bänden heraus.

Normalerweise wäre auch Florian Leopold Gaßmanns Leben (1729–74) dem Nützlichen geweiht gewesen: er sollte Krämer werden, in der nordböhmischen Stadt Brüx beispielsweise, wo sich sein Erzeuger als Goldschmied ernährte. Der Sprößling riß aber schon mit 12 oder 15 Jahren aus, um sich in Karlsbad die ersten eigenen Taler als Harfenist zu verdienen, rasch GönnerInnen zu finden und 1763, nach längerem Italienaufenthalt, als bemerkenswerter Komponist in Wien einzuziehen. Bald darauf heiratete er (drei Kinder). Da ihm selbst der damalige heilig-römische sogenannte Kaiser, Joseph II., gewogen war, hatte es Gaßmann 1772 bereits bis zum Hofkapellmeister gebracht. Zwei Jahre später, 44 Jahre alt, war er tot. Er habe bei seiner letzten Italienreise Pech auf der Rückfahrt gehabt, versichert C. F. Pohl rund 100 Jahre später.** Als die Pferde der Postkutsche scheuten, sei Gaßmann aus dem Wagen gesprungen, habe sich dabei jedoch in einer Kette verfangen. Die Pferde hätten ihn deshalb „eine weite Strecke“ fortgeschleift, „wobei dem Unglücklichen mehrere Rippen gebogen wurden. Seit jener Zeit kränkelte er, wurde endlich ganz bettlägerig und starb an der Wassersucht am 21. Januar 1774.“ Im umfangreichen Osterprogramm 2015 des Theaters an der Wien war Gaßmann mit der frühen Oper Die Vogelfänger und einem Oratorium von 1772 vertreten.

* Les Annales des Mines
** ADB, 1878, Band 8



Jendis, Matthias (1959–2009), literarischer Übersetzer. Der Niedersachse lebte, von wiederholten Aufenthalten in israelischen Kibbuzim abgesehen, in Göttingen, wo er bereits studiert hatte, Englisch und Geschichte, und wo er sich seit 1997 hauptberuflich dem Übersetzen englischsprachiger Literatur widmete. Und hier starb er auch. Nach Auskunft von Freunden und Kollegen erstickte der 49jährige in seiner Wohnung beim Essen an irgendeinem Brocken, der ihm im Hals steckenblieb. Er war allein. Ob Betrunkenheit im Spiel war, können sie nicht beurteilen. Selbstmord halten sie für unwahrscheinlich. Zwar litt Jendis seit Jahren an sogenannter „bipolarer Störung“, also einem Wechselbad aus Antriebslosigkeit und Hochstimmung, das ihn schon mehrmals veranlaßt hatte, aus freien Stücken Psychatrische Kliniken aufzusuchen. Doch er hatte als Übersetzer Fuß gefaßt, etwa mit Patrick O’Brian und Patricia Highsmith, ja für seine 2001 erschienene Neuübersetzung von Melvilles Moby Dick sogar manches Zeitungslob und einen Preis eingeheimst. In jüngster Zeit hatte er sich auch wieder auf Liebespfade begeben und dort gute Aussichten, heißt es im Bekanntenkreis. Man schätzte Jendris als gebildeten, begeisterungsfähigen, anständigen, ja „geradezu ritterlichen“ Menschen, wie Christa Schuenke in ihrem Nachruf schreibt.* Da hätte ein Tod durch Verschlucken beim Essen, im Volksmund auch „Bockwurstbudentod“ genannt, wohl eher zu König >Faruq gepaßt. Er ist aber leider keineswegs selten, wie ich lese, und kann den Menschen in bester Verfassung treffen.

Offenbar ist er auch nicht neu. Allerdings war der englische Dramatiker Thomas Otway (1652–85) keineswegs in bester Verfassung, vielmehr bettelarm und hungrig, als er im April 1685 mit einem eben ergatterten Geldstück zum nächsten Londoner Bäcker eilte, um sich ein noch warmes Brot zu kaufen und sogleich seine vermutlich verfärbten Zähne in dasselbe zu schlagen. Schon beim ersten Bissen habe sich der 33jährige tödlich verschluckt.** Mit einigen Lust- oder Trauerspielen hatte Otway durchaus Erfolg gehabt; sie wurden viel gespielt. Als Pechvogel hatte er sich vorher erwiesen, als er sich, frisch in London eingetroffen, selber als Schauspieler versuchte. Schon bei seinem ersten Auftritt wurde er derart von Lampenfieber geschüttelt, daß er die Sache wieder aufgab.

Der Warschauer Kabarettist und Lyriker jüdisch-ukrainischer Herkunft Jonasz Kofta (1942–88) war möglicherweise empfindlich angeschlagen, als er sich im Alter von 45 beim Essen verschluckte und an den Folgen starb. Nach den dürren, wahrscheinlich selbst für Jendis schwer übersetzbaren Quellen hatte man ihm vor einigen Jahren Krebs bescheinigt, den er allerdings eingedämmt zu haben glaubte. Der Sohn eines Mitgründers des polnischen Rundfunks war vor allem aufgrund „poetischer“ Schlagertexte beliebt und bekannt. Einige Songs nach seinen Texten wurden Hits. In einem Werk, das die Sender naturgemäß gern zu früher Stunde brachten, soll Kofta den Liebreiz eines Aufstehens im Morgengrauen besungen haben. Er selber, so heißt es***, sei selten vor Mittag aus dem Bett gekommen.

* Webseite des VdÜ
** Encyclopædia Britannica, Volume 20, 1911
*** Radio Muzyka Fakty



Jennings, Humphrey (1907–50), britischer Filmemacher. Er machte sich vorwiegend mit zumeist kürzeren, avantgardistisch beflügelten Dokumentarfilmen einen Namen. Als Patriot unterstützte er dergestalt auch die Anti-Hitler-Propaganda. Vor allem aber war der hochgewachsene, hagere, blonde und blauäugige Abkömmling eines Künstlerehepaars ein Freund des Fortschritts, voran der Technik, sonst wäre er wohl kaum Filmemacher geworden. Die deutschen Bomben überlebte er. Jennings hatte inzwischen geheiratet und zwei Töchter gezeugt, die allerdings (in London) nicht viel von ihm sahen. Als er im September 1950 von Athen aus einen Schriftsteller aufsuchen wollte, der vor der Küste auf irgendeiner Insel lebte, war er 43. Witzigerweise fand der Besuch im Rahmen von Dreharbeiten zu seinem jüngsten Auftragswerk statt: er sollte der European Economic Commission einen Dokumentarfilm über die europäische Gesundheitsvorsorge liefern, Arbeitstitel The Good Life, wie Jennings Tochter Marie-Louise berichtet.* Griechenland war das letzte europäische gesunde Land auf Jennings Liste. Womöglich führte der schreibende Insulaner ja sogar ein besonders gesundes Leben, mit täglich Barfußlaufen, Ziegenmilchtrinken und Homerlesen. Aber Jennings verpaßte den Mann, weil er auf das falsche Boot geriet. Dieses Boot setzte ihn auf der Insel Poros ab, wo der Mann gar nicht wohnte. Da Jennings jedoch einmal da war, lief oder stolperte er über die Klippen und sah sich tüchtig um. Dabei stürzte er unglücklich und zog sich schwere Verletzungen zu. Er sei kurz darauf in Athen gestorben, sagt die Tochter, und dort auch begraben worden. Sein jüngerer Bruder sei übrigens erst im Vorjahr verstorben, 2013 – mit 97.

Der angesehene US-Schriftsteller und Hochschullehrer Randall Jarrell (1914–65), zuletzt an der University of North Carolina in Greensboro beschäftigt, ging 1952 eine zweite Ehe mit einer jungen Frau ein, Mary. Offenbar gerann damit eine längere Periode heftigen Trinkens. 1953 rief ihn die New York Times als „one of the most gifted poets and critics of his generation“ aus. Sein 1960 veröffentlichter Gedichtband The Woman at the Washington Zoo brachte dem vollbärtigen „Dichter“ gar einen renommierten Preis ein. Nach Jeffrey Meyers' ausführlicher Darstellung** hatten ihm allerdings in der Zwischenzeit auch manche Verrisse und Schreibkrisen zugesetzt. Von der Drohung des Alters, wie andernorts oft zu lesen, sagt Meyers nichts. Jedenfalls begab sich Jarrell in psychologische Behandlung, die ihn streckenweise, wohl vor allem qua Aufputschmittel, schwungvoll, dann aber wieder niedergeschlagen sah. Für Meyers litt Jarrell letztlich an dem Üblichen: kaputtes Elternhaus und ein Maß fürs Leben aus Gummi. Die Mutter hatte ihn, nach einer Scheidung, als 11jährigen Knaben im Stich gelassen. Aus dem Knaben sei ein schwieriger, ausgesprochen eitler und auf unablässige Siege erpichter Mann geworden. Also ein schlechter Verlierer. Am 14. Oktober 1965 ist Jarrell in Chapel Hill, wo er sich in ärztlicher Behandlung befand, beim Anbruch der Abenddämmerung als Fußgänger ausgerechnet auf einem verkehrsreichen Highway unterwegs. Der 51jährige wird von einem ihm entgegenkommenden Auto erfaßt, das rund 70 km/h fährt, und nahezu auf der Stelle getötet. Sämtlichen Quellen zufolge erkannte der Coroner auf Unfall. Wobei die bequemsten Quellen den Coroner gar nicht erst erwähnen: es war eben ein Unfall. Viele Freunde, darunter der Lyriker Robert Lowell und die Philosophin Hannah Arendt, nicht jedoch Jarrells Gattin Mary, hielten dagegen einen Selbstmord für wahrscheinlich. Meyers ist sich in diesem Urteil sogar sicher.

Sowohl die Lokalpresse wie die New York Times*** hatten es gleich so gesehen. Die Polizei gehe von einem Selbstmord aus. Laut dem Ehepaar, das im fraglichen Wagen saß, sei ihnen der Schriftsteller schräg in die Bahn gelaufen oder gar gesprungen. Sein Kopf schlug dann gegen die Windschutzscheibe, die splitterte. Gleichwohl konnte sich Gattin und Erbin Mary mit ihrer hartnäckig verteidigten Unfall-Version sowohl auf den ärztlichen Totenschein wie auf den schon erwähnten Bericht des Coroners berufen. Allerdings hatte sich Coroner Allen H. Walker ausschließlich auf die Angaben des Polizeichefs, nicht auf eigene Untersuchungen gestützt. Etwas anders nahm sich, laut Meyers, der Autopsie-Bericht aus. Neben Jarrells schweren Unfallverletzungen führte er auch seine „mentale“ Krankengeschichte an, darunter auch ein erst kürzlich erfolgter Selbstmordversuch durch Schnitte am Handgelenk. Spuren von anderen akut bedrohlichen Krankheiten, aber auch von Drogengebrauch hätten sich nicht gefunden.

Meyers räumt ein, mangels Absichtserklärungen und anderen Dokumenten lasse sich nichts Eindeutiges über die Motive sagen, die diesen Selbstmord auslösten, den er für erwiesen hält. Vielleicht habe der Schriftsteller mehr oder weniger spontan oder im Wahn gehandelt, dabei vielleicht hoffend, die Sache sähe wie ein Unfall aus. Jarrell habe schon immer zu Extremen und krassen Kehrtwenden geneigt, wie auch sein unerbittlicher jäher Umschwung vom Alkohol zum Tee gezeigt habe. Für mich klingt diese Vermutung freilich wenig überzeugend, da Jarrell ja bereits einen offensichtlichen Selbstmordversuch hinter sich hatte. Welche Gründe sollten ihn dann zur Vertuschung des nächsten Versuchs bewogen haben? Etwa juristische oder versicherungstechnische?

Befremdlicherweise zeigt auch Meyers, wie so viele Zeitgenossen des Automobils oder der Lokomotive, kein Entsetzen über das für Jarrell angeblich „uncharacteristic involvement of Graham Kimrey and his wife, which risked their lives as he destroyed his own“. Schon diese Formulierung kommt mir befremdlich vor, spielte doch das Ehepaar im Auto, sofern es ein Selbstmord war und der kriminelle Grundcharakter des modernen Verkehrs ausgeklammert wird, eine absolut passive, ausschließlich leidtragende Rolle. Es setzte nichts aufs Spiel; ihm wurde vielmehr übel mitgespielt. Und zwar von einem angeblich empfindsamen Poeten und scharfsinnigen Kritiker.

Der französische Filmemacher Albert Lamorisse (1922–70), ursprünglich Fotograf, hatte mit kurzen Kinderfilmen begonnen, darunter der angebliche „Klassiker“ von 1956 Der rote Ballon, wandte sich aber später, wie Jennings, dem Dokumentarfilm zu. Als er mit 48 Jahren Luftaufnahmen zu einem Film über den Iran und seine Landschaft drehte, stürzte nahe Teheran sein Hubschrauber ab. In den spärlichen Quellen ist zu erfahren, Lamorisses Familie habe den Film vollendet und für dieses Werk sogar Lorbeeren eingeheimst. Dafür knausern die selben Quellen, wie so oft, mit Einzelheiten über den Absturz – mögliche, mehr oder weniger tote weitere Beteiligte eingeschlossen. Unwesentlich. Hat mit Lamorisse nichts zu tun.

* British Film Institute (BFI), 23. April 2014
** Virginia Quarterly Review (VQR), Juni 1982
*** 15. Oktober 1965



Jeske, Frank (1960–94), Fußballspieler >Garden, Antje


Jevons, William Stanley (1835–82), Volkswirtschaftler >Ginsberg, Adolf


Johnson, Ken „Snakehips“ (1914–41), schwarzer britischer Bandleader, gefallen im Dienst für die Kultur. Im Sommer 1940 hatte sich der Luftkrieg zwischen Deutschland und Großbritannien verschärft, wobei sich beide Seiten zumeist der Mühe enthoben, noch zwischen „militärischen“ und „zivilen“ Zielen zu unterscheiden. Allerdings hatte nicht Großbritannien den Zweiten Weltkrieg vom Zaun gebrochen. Und jener Verschärfung vorausgegangen waren die netten Überraschungsangriffe der deutschen Luftwaffe auf verschiedene polnische Städte, darunter Warschau, sowie, am 14. Mai 1940, auf Rotterdam. Allein den dortigen Bomben und Bränden, vor allem in der Altstadt, fielen 800 Menschen zum Opfer; 80.000 wurden obdachlos. Den ersten Angriff auf London flogen die Deutschen dann im September des Jahres.

Ein halbes Jahr darauf, genauer am Samstag den 8. März 1941, hat die Jazz- und Swingband The West Indian Orchestra einen Abendauftritt in ihrem Londoner Stammclub Café de Paris. Die Band ist bereits durch einige Schallplatten bekannt; sie gilt zudem als erste britische Formation dieser Art, die von einem Schwarzen geleitet wird: Ken „Snakehips“ Johnson. Der inzwischen 26jährige verdankt seinen Spitznamen „Schlangenhüfte“ selbstverständlich seiner Art sich zu bewegen. Er studierte zwar ursprünglich Medizin, nahm dann aber Tanzunterricht beim US-Choreographen Buddy Bradley und hob bald darauf, Anfang 1937, jene Band aus der Taufe, die nun, wie zahlreiche andere Londoner EinwohnerInnen, von einem deutschen Luftangriff ereilt wird. Auf das Gebäude des Nachtclubs fallen zwei Bomben. Unter den 34 Todesopfern befinden sich auch Ken Johnson und weitere Bandmitglieder. Hinzu kamen viele teils schwer Verletzte. Laut damaligem Bericht des Magazins Time, so eine reichbebilderte Webseite*, hatten die MusikerInnen gerade einen ihrer Hits gespielt, Oh Johnny. Man war den heulenden Luftalarm gewöhnt und ließ sich nicht unterbrechen, zumal der Club vermeintlich geschützt im Keller lag. Die Bomben waren jedoch durch einen Entlüftungsschacht genau aufs Clubparkett gefallen. Später berichtete Augenzeuge Ballard Berkeley, er habe den dunkelhäutigen Bandleader ohne Kopf gesehen, an den Tischen dagegen unversehrt und wie Statuen wirkende Tote, denen die gewaltige Explosion die Luft aus den Lungen gesogen hatte, zwischen ihnen Polizisten, Feuerwehrleute – und Plünderer, die versuchten, den gut betuchten Leichen die Ringe von den Fingern zu ziehen. Das Café de Paris wurde 1948 wiedereröffnet.

Der weißrussische Schriftsteller Janka Kupala (1882–1942) fiel möglicherweise Mördern zum Opfer. Er war bei Minsk, wo heute etliche Einrichtungen nach ihm benannt sind, auf einem von seinem Vater gepachteten Gut aufgewachsen und machte sich bald für die Idee der „nationalen Wiedergeburt“ stark. Auch die staatliche Universität in der Großstadt Grodno/Hrodna (an der Memel) trägt seinen Namen. Weißrußland, heute auch Belarus genannt, war traditionell ein gebeutelter Zankapfel zwischen Polen-Litauen und Rußland. Entsprechend nahm es immer neue Verformungen an. Zwar hatte der Zarismus 1905 das Druckverbot für weißrussische Schriften aufgehoben, doch dann kam der Bolschewismus, der Kupala zunehmend verfolgte, obwohl er offenbar treu zur Sowjetunion stand. 1930 soll er unter den Verhören und unter wohl eher an den Haaren herbeigezogenen Anschuldigungen zusammengebrochen sein und einen Selbstmordversuch begangen haben. Seine Frau habe ihn damals gerettet, heißt es auf einer Webseite des belarussischen Außenministeriums.** Mehr ist von der Gattin nirgends zu erfahren. Abgeschworen, mit einem Lenin-Orden versehen und gesundheitlich zerrüttet, verbrachte Kupala sein letztes Lebensjahr, nach der Einnahme von Minsk durch die deutschen Faschisten (Sommer 1941), zunächst in der Nähe der russischen Stadt Kasan an der Wolga, dann in Moskau. Hier, im allerdings luxuriösen Hotel Moskwa, das über Luftabwehr auf dem Dach und einen unterirdischen Zugang zur Metro verfügte, soll er im Sommer 1942, mit knapp 60, durch Sturz auf einer Treppe, vielleicht auch aus einem Fenster***, ums Leben gekommen sein. Während Lindner sowie mein Brockhaus (Band 12 von 1990) von Selbstmord sprechen, sagt das erwähnte Außenministerium, diese „Tragödie“ sei nie geklärt worden. Es kann also auch ein Unfall gewesen sein.

Die weiße, dafür dunkelblonde, im Übrigen gertenschlanke US-Jazz-Sängerin Marion Harris (1896–1944) überlebte jenen Luftkrieg, der die „Schlangenhüfte“ tötete, um noch zu Weltkriegszeiten an einer Zigarette zu sterben. Sie war 1931 nach London gegangen, wo sie auf etlichen Bühnen zu bewundern war, dabei selbstverständlich auch im Café de Paris. Ob sie mit Johnson Hüfte an Hüfte auftrat, ist mir nicht bekannt. Daneben war sie häufig im BBC zu hören und nahm weitere Platten auf. Sie galt damals als die erste Weiße, die Blues singen konnte. Gegen Ende der 1930er Jahre trat sie ab und heiratete den Theateragenten Leonard Urry. Als deutsche Bomben Anfang 1944 das Haus in der Londoner Rutland Street zerstörten, wo Harris mit ihrem dritten Ehemann wohnte, erlitt sie einen Schock, der sie angeblich bewog, umgehend in die USA zu reisen, um Behandlung und Genesung zu finden. Das war in jenen Zeiten gleichfalls nicht ganz ungefährlich, aber sie überlebte auch die Überfahrt. Am 23. April 1944 jedoch, allein in einem Zimmer des Hotels Le Marquis in New York City, schlummerte die 48jährige Ex-Diva ein, während ihre Zigarette noch brannte. Das war ihr Ende. Zumindest ihre beiden ersten Ehen sollen recht katastrophal verlaufen sein. Auf der schon erwähnten Nickel-Webseite* ist sie auf einem Foto von 1932 in einer Pose zu sehen, die womöglich großen Eindruck auf ihren zukünftigen dritten Gatten machte, den Theateragenten. Ob er tüchtig erbte?

Die Collyer-Brüder († 1947), nämlich Homer (65) und Langley (61), waren zwei exzentrische, zuletzt großes Aufsehen erregende Sammler in New York City – aber nicht etwa von Schallplatten oder Kubistischen Gemälden, sondern von „Müll“, wie viele Leute verächtlich meinten. Es soll sich am Ende um einen genau**** 103 Tonnen schweren Gerümpelberg gehandelt haben, den die Behörden nach dem makaberen Tod der Brüder aus deren gemeinsamen viergeschossigen Stadthaus in Harlem schleppten: Möbel, Teppiche, Geschirr, Musikboxen, Zeitungen, Elektrogeräte, Werkzeuge, Fahrräder, Boote und dergleichen in rauhen Mengen, selbst ein Ford-Automobil, freilich alles Sperrmüll. Haus und Auto hatten sie von ihren Eltern geerbt. Der kauzige Vater war immerhin Arzt gewesen, und selbst die Söhne hatten studiert. Doch mit der Erbschaft konnten sie verstärkt ihrer natürlichen Neigung zum Müßiggehen, Basteln, Eigenbröteln, Horten und Verrücktsein frönen. Sie stopften ihr vergleichsweise riesiges Haus, das allein eine für Nilpferde geeignete Vortreppe aufwies, mit Trödel oder Schrott voll, verbarrikaridierten es auch sonst und bauten sogar etliche „Fallen“ ein, die etwa durch Stolperdrähte ausgelöst werden konnten. Geld gaben sie kaum aus. Als Homer um 1933 erblindete und zudem vermehrt an Lähmungen litt, bestand Langleys wesentliche Beschäftigung darin, ihn mit den notwendigsten Lebensmitteln, will sagen: Körben voll Apfelsinen und Schwarzbrot mit Erdnußbutter zu versorgen, von denen er sich Heilung versprach. Zwar konnten die Brüder, aufgrund ihrer Erbschaft und Unbescholtenheit, von Behörden, Banken und Polizeibeamten nicht ernsthaft behelligt werden, doch dafür fühlten sie sich nicht ganz zu unrecht zunehmend von sensationslüsternen Journalisten verfolgt. Daher die Einrichtung der erwähnten Fallen. Langley selber führte das Dasein eines Dachses, der nur noch nachts durch das Viertel zu streunen und Trinkwasser oder weiteres Gerümpel in seinen Bau zu schaffen wagte. Auch Gas und Strom waren längst gesperrt. Wie sich versteht, verwahrloste der Bau zusehends; das Dach wurde löchrig, Zwischenwände stürzten ein.

Im März 1947 alarmierte ein Nachbar die Polizei, weil aus dem Bau der Brüder Leichengeruch dringe. Die Beamten knackten mühsam die Verrammelungen und begannen im Verein mit städtischen Arbeitern, Gerümpel auf die Straße zu schaffen, weil sie kaum einen Fuß vor den anderen setzen konnten. Für den Einstieg durch Fenster setzten sie Feuerwehrleitern ein. Auf der Straße häuften sich, neben dem Gerümpel, die Schaulustigen. Nach einigen Stunden entdeckten die RäumerInnen eine gekrümmt sitzende Person mit langem verfilzten grauen Haar, die nur einen Bademantel trug. Es war Homers Leiche, die allerdings noch nicht furchtbar stank. Die Ärzte stellten dann fest, der ältere Bruder war erst vor rund 10 Stunden schlicht verhungert und verdurstet, also offenbar nicht mehr versorgt worden. Da der Verwesungsgeruch nach wie vor in dem allmählich entrümpelten Haus stand, suchte man weiter. Tage später stieß man auch auf die Leiche des jüngeren Bruders, an der bereits die Ratten nagten. Langley lag auf dem Bauch. Auf seinem Rücken türmten sich vollgestopfte Koffer oder Schachteln und Zeitungspakete. Wie es aussah, war er auf dem Weg zu seinem hilfsbedürftigen Bruder durch einen der angelegten „Tunnel“ im Gerümpelberg gekrochen, dabei aber Opfer einer selbstgestellten Falle geworden, indem ihn herabstürzendes Zeug erschlug. Das wäre ein Lesefutter für Homer gewesen! 1942 hatte Langley einem Reporter, der sich nach dem Sinn der vielen Zeitungsbündel im Hause erkundigte, seelenruhig erklärt, er hebe die Zeitungen für seinen Bruder auf, damit dieser alles nachlesen könne, sobald er (durch die Apfelsinen) seine Sehkraft wiedererlangt habe. Nach der Bestattung der Collyer-Brüder wurde ihr Eckhaus aus Sicherheitsgründen abgerissen. Um 1960 schuf man an der selben Stelle ein bemerkenswertes Flächendenkmal, einen „Pocket-Park“, offiziell der Collyer Brothers Park, siehe Foto hier.

Die naturblonde US-Schriftstellerin, Tänzerin, Malerin und vor allem Schriftsteller-Gattin Zelda Fitzgerald (1900–48) endete mit 47 Jahren im Highland Mental Hospital in Asheville, North Carolina, auf gleichfalls eher unnormale Weise. Vielleicht war es der würdige Abschluß des zähen Ringens mit einem Verrückten, der bereits 1940 mit 44 einschließlich seiner Riesenschulden, seines hohen Alkoholgehaltes im Blut und seiner trügerischen Erinnerung an bessere Zeiten, nach neuerlichem Herzinfarkt, in der Kiste landete. Er hatte einen vorübergehenden Ruhm in den 1920er Jahren und so manchen sexuellen Eroberungsfeldzug hinter sich. Mit Zelda hatte er den Geschlechterkrieg eröffnet. Die Tochter eines hohen Richters in Alabamas Hauptstadt Montgomery hatte F. Scott Fitzgerald bereits mit 18 getroffen. Sie heirateten 1920, bekamen im nächsten Jahr ein Kind, spielten der Welt „das Glamourpaar“ der Epoche vor und schafften es nie, sich wieder voneinander zu lösen, obwohl ihre Partnerschaft einer „einzigen Schlacht“ glich, wie Zelda einmal schrieb. Geldgierig und gefallsüchtig waren sie beide.

Um 1930 versuchte sich Zelda als Künstlerin auf die eigenen Beine zu stellen. Im Ergebnis saß sie, vermutlich keineswegs gegen den Willen ihres lieben Gatten, einem Psychiater gegenüber, der ihr „Schizophrenie“ bescheinigte. Seitdem kam sie aus den Klapsmühlen kaum mehr heraus. Auch die Arbeit an eigenen Manuskripten mißlang ihr oder fand jedenfalls keine Anerkennung seitens des Literaturbetriebs. Dafür hatte sie früher mit zahlreichen Äußerungen, Tagebuchnotizen und ganzen Texten, wohl meistens ungefragt, zum Werk ihres Gatten beigetragen.***** Ihr Liebäugeln mit einer selbstständigen literarischen Karriere haßte er freilich mit ganzer Seele. Aber nun fraßen ja bereits die Würmer an ihm. In einer Märznacht 1948 brach in der Küche der erwähnten Klinik ein Brand aus, der sich durch den Schacht des Speiseaufzugs rasch in höhere Stockwerke ausbreitete. Zelda Fitzgerald zählte zu den neun Todesopfern dieser Katastrophe. Damit war sie endgültig verbrannt.

* Another Nickel In The Machine, 29. September 2009
** 2015
*** Rainer Lindner: Historiker und Herrschaft, München 1999, S. 356
**** Daniel Haas in der FAZ vom 23. Dezember 2010
***** Kirk Curnutt in der Encyclopedia of Alabama, 2007/2014



Johnston, David A. (1949–80), US-Vulkanologe >Cooke, Robin J. S.


Jón Páll Sigmarsson (1960–93), Kraftsportler >Reding, Serge


Jónas Hallgrímsson (1807–45), isländischer Schriftsteller und Naturforscher. Wenn man so will, nämlich durch nachträgliche Konstruktion, stand sein Leben unter einem schlechten Doppelstern. Zum einen erlitt der Landsmann und Vorgänger, den Jónas Hallgrímsson am meisten schätzte, mit 41 Jahren Schiffbruch auf seiner Hochzeitsreise: >Eggert Ólafsson (1726–68), wie weiter oben nachgelesen werden kann. Zum anderen hatte auch Jónas' Vater, ein Landgeistlicher und Bauer, auf dem Wasser Pech. Damals, im Sommer 1816, war der Knabe, der noch drei Geschwister hatte, Acht. „Kaplan“ Hallgrímur hatte sich im Verein mit zwei halbwüchsigen Nachbarssöhnen zwecks Fischen mit Kahn und Schleppnetz zum Bergsee Hraunsvatn begeben. Entweder konnte der arme Mann nicht schwimmen oder er verhedderte sich beim Kentern des Kahns im Netz; jedenfalls ertrank er, weil ihm seine beiden jungen Mitstreiter nicht beizustehen wußten. Dem Literaturwissenschaftler und Übersetzer Dick Ringler* zufolge war Jónas' Kindheit hart und wenig fröhlich. Da Jónas in späteren Versen von der „Liebe seines Vaters“ spricht, die er in jenem Bergsee für immer verlor, scheint sein Erzeuger jedoch kein Tyrann gewesen zu sein. Die Mutter, Rannveig, ermöglicht Jónas mit Hilfe von Verwandten den weiteren Schulbesuch. Neben Eggert verehrt er besonders deutsche Literaten, voran Schiller und Heinrich Heine. Zwar wird er seine natur- und landeskundlichen Arbeiten überwiegend nicht vollenden können, doch von seinen zahlreichen Gedichten gehen etliche in den Volksliederschatz seines Landes ein, ja heute gilt Jónas Hallgrímsson als bedeutendster romantischer „Dichter“ Islands überhaupt.

Von schwärmerischen Versen einmal abgesehen, behielt der mittelgroße, etwas gedrungene und großköpfige Isländer mit den braunen Haaren und Augen seine Gefühle allerdings meist für sich. Gleichwohl soll er ein redlicher und durchaus geselliger Bursche gewesen sein. Schon in seiner Schulzeit vorm Studium pflegt er Freundschaft mit seinen zukünftigen Mitgründern der patriotischen, aufklärerischen, dabei allen Themenbereichen geöffneten Jahresschrift Fjölnir (Vielfalt), die ab 1835 in Kopenhagen erscheint. An der dortigen Universität sattelt Jónas von Jura auf Literatur und Naturkunde um. Verschiedene Versuche, eine isländische Pfarrei und damit ein gesichertes Auskommen für die Arbeit als Literat und Forscher zu erlangen, scheitern. Ähnliches gilt für Eheanbahnungsversuche. Jónas war kein Frauenverächter, wie er schon als zeitweiliger Sekretär des Landvogts in Reykjavík bewiesen hatte. Obwohl das Städtchen zu jener Zeit keine 1.000 EinwohnerInnen aufwies, gab es regelmäßig Bälle, die auch Jónas eifrig besuchte. Freilich stellte er in ökonomischer Hinsicht für jede Heiratskandidatin lediglich eine Niete dar. Nach Ringler wurde der Poet mit dem Geologen-Hämmerchen zeitlebens von der Armut wie ein Hund begleitet. Dafür erschien er 2013 auf der höchsten isländischen Banknote: 10.000 Kronen, umgerechnet magere 70 Euro.

Immerhin kann sich Jónas ab 1838 federführend in ein verlockendes Forschungsprojekt knien, das von der Kopenhagener Abteilung der Isländischen Literarischen Gesellschaft finanziert wird. Man strebt eine umfassende naturkundliche Beschreibung der dänisch verwalteten Insel an. Neben Sichtung von Dokumenten stehen Exkursionen vor Ort auf dem Programm. Bei dieser Arbeit gelingen Jónas viele aufschlußreiche Beobachtungen. Doch schon am Beginn seiner vorwiegend zu Fuß oder zu Pferd vorgenommenen Forschungsreisen handelt er sich leider auch eine schwere Erkältung ein, die ihn zwar für Monate elend im Bette sieht, die aber nie ausheilt und die ihm deshalb das Lungenleiden beschert, das ihn die letzten Jahre plagen und schließlich zu seinem frühen Tod beitragen sollte. Das kühle Klima in seiner geliebten, oft für Wochen und Monate verhangenen Heimat versprach hier natürlich wenig Abhilfe.

Als Jónas Ende 1942 nach Kopenhagen zurückkehrt, fehlt ihm sogar das Geld für halbwegs gesellschaftsfähige Kleider. Er kümmert sich um seine Aufzeichnungen und um Fjölnir, die freilich kein Geld abwirft. Gesundheit, Stimmung, Gottvertrauen verschlechtern sich weiter. Die Arbeit an seinem großangelegten Werk „Beschreibung von Island“ geht über seine Kräfte. Dafür verfaßt er in dieser Zeit viele Gedichte. Ende Mai 1845, inzwischen 37, kehrt er abends heim. Die Wohnung im dritten Stock eines schmalbrüstigen Hauses der Sankt Peders Stræde hat er erst vor wenigen Wochen bezogen. Ob die geringe Vertrautheit mit der steilen Innentreppe, ob Betrunkenheit, ob allgemeine Schwächung – er stürzt und bricht sich ein Bein. Er schleppt sich in sein Bett und läßt sich erst am nächsten Vormittag in ein Krankenhaus bringen. Nach einigen Tagen Wundbrand erwägen die Ärzte eine Amputation des Beines, übersehen jedoch, daß sich bereits im ganzen Körper eine Blutvergiftung ausbreitet. Daran stirbt Jónas Hallgrímsson am 26. Mai.

* von der University of Wisconsin-Madison, 1996/98


Jones, Brian (1942–69), Rockmusiker >Komeda, Krzysztof


Jordan von Sachsen († 1237), Ordenschef
>Kılıç Arslan I.


Joseph Graf von Paumgarten zu Frauenstein
(† 1790) >Bernoulli, Jakob II.


Juh († 1883), Häuptling der Chiricahua-IndianerInnen, einer südlichen Apachen-Gruppe im Grenzgebiet USA/Mexiko, in der Zeit des verröchelnden indianischen Widerstands. Die Hochburg von Juhs Nachhutgefechten waren die „Blauen Berge“ der Sierra Madre. Zwar soll der „chief“ ein Hüne gewesen sein, doch dafür stotterte er. Sein enger Freund Geronimo, ein anderer, ungleich bekannterer Apachen-Häuptling, sprach oft an Juhs Stelle. Bei Überfällen oder Plünderungen gab Juh seine Anweisungen vorwiegend durch Handzeichen, was sich ja sowieso empfahl, zumindest bei Tageslicht. Er und seine Gefolgsleute hatten ein Leben in der „Reservation“ verweigert und beschäftigten sich stattdessen mit Raub- und Rachefeldzügen sowohl gegen zivile wie militärische Kräfte beider genannten Staatenbünde. Wahrscheinlich benötigten sie aber immer längere Gefechtspausen, um den Rausch des „Feuerwassers“ auszuschlafen, das ihnen die Yankees oder Spanier angedreht hatten. Ob Drogen auch bei Juhs Un- oder Umfall eine Rolle spielten, ist umstritten. Für die Weißen oder Sandgelben hätte das selbstverständlich gut ins schmachvolle Bild gepaßt, und entsprechend – „drunken“ – stand es damals in ihren Blättern. Andere erwogen auch einen schnöden Herzanfall oder sprachen vom üblichen Tod durch Ertrinken.

Halten wir uns kurzentschlossen an Joseph C. Jastrzembskis Darstellung* von 2007. Danach kam Juhs Gaul beim Rückzug von irgendeiner Strafexpedition in der Tat genau vor einem Fluß (wahrscheinlich dem Casas Grandes River) ins Stolpern. Oder er bockte einfach nur, weil wasserscheu. Jedenfalls landete Juh, der inzwischen knapp 60 gewesen sein dürfte, in hohem Bogen im wahrscheinlich eher flachen Wasser, wo er ungünstig aufschlug und sein Bewußtsein verlor. Seine beiden jungen Söhne, die ihn offenbar begleiteten, hätten es nicht vermocht, den Hünen über das Steilufer zu wuchten. So sei der eine Sohn um Hilfe gerannt oder geritten, während der andere sich mehr oder weniger krampfhaft bemühte, den Schädel seines Erzeugers über Wasser zu halten. Doch kaum sei Hilfe eingetroffen, sei der Bandenchef in die Ewigen Jagdgründe eingegangen. Warum, verrät der Historiker an der Minot State University in North Dakota nicht.

* The Apache Wars: The Final Resistance, New York 2007, S. 66


Junek, Čeněk (1894–1928), Autorennfahrer & Bankier >Bugatti, Jean



Fortsetzung K–Kn
°
°