Donnerstag, 10. Dezember 2015
Lexikon der Unfallopfer Gen–Gz

Gentry, Alwyn (1945–93), US-Botaniker aus Kansas. Sein besonderes Interesse galt den tropischen Trompetenbaumgewächsen, die er etwa in Südamerika, Südafrika und Madagaskar aufsuchte und dann publizistisch auschlachtete. Im Sommer 1993 war der 48jährige Forscher mit Kollegen und einem Leichtflugzeug auf Expedition in Ecuador unterwegs. Als die Maschine am 3. August bei Guayaquil, einer Großstadt unweit der Westküste, in heftige Windböen geriet und gegen einen wolkenverhangenen Bergrücken prallte, gab es drei Überlebende und vier Tote. Neben Gentry starben der 40 Jahre alte US-Ornithologe Theodore Albert III Parker (1953–93), der Präsident der lokalen Gruppe der Fundación Natura Eduardo Aspiazu Estrada und der Pilot Luis Raúl Mortensen Jiménez. Zu den Überlebenden zählte Ted Parkers Braut Jaqueline Goerck. Sie und eine einheimische Botanikerin schlugen sich trotz etlicher Verletzungen über Stunden hinweg durch die unwegsame Berglandschaft, bis sie DorfbewohnerInnen trafen, die für ihren Transport in ein Krankenhaus von Guayaquil sorgten – auch dieses wieder auf dem Luftwege, mit einer Maschine der Armee, wie Tomas Carlberg mitteilt.* Carlberg preist Parker, wegen dessen vorzüglichem Gehör und Gedächtnis, als den „Mozart der Ornithologen“, gibt aber auch zu, daß er nicht an Wagners Todessehnsucht litt. „Ted Parker was well aware of the extraordinary risks that he took by working in remote areas. However, he had no aspiration of becoming a martyr. The thing he feared most about doing field work was that he had to rely on small planes in order to reach many otherwise inaccessible sites.“ Aber vogel- und vielleicht auch ruhmessüchtig war er offensichtlich schon.

* in Fauna och Flora 106 (1), 2011, S. 37–42


Géricault, Théodore (1791–1824), Maler >Gilbert, Nicolas


Gerresheim, Lutz (1958–80), Herner und Bochumer „offensiver“ Profi-Fußballmittelfeldspieler. In einer Samstagnacht des Januars 1980 gerät der 21jährige „Sonnyboy“, der bereits als Star in den finsteren Ruhrpott leuchtet, auf der Rückfahrt von einem Mannschaftsbankett mit seinem grünen BMW 525 auf der angeblich spiegelglatten Bochumer Universitätsstraße ins Schleudern und prallt gegen einen Betonpfeiler. Seine Begleiterin überlebt. Ralf Piorr legt den Verdacht nahe*, Gerresheim sei nur deshalb nach fünf Wochen Koma im Langendreerer Knappschaftskrankenhaus gestorben, weil ihn die BergungsarbeiterInnen nach dem Herausschälen aus dem Wrack seines Prominentenschlittens bis zum Eintreffen des Notarztwagens auf den Seitenstreifen gebettet hätten. Denn bald darauf sei ein weiterer Pkw „auf der Eisplatte“ ins Schleudern geraten und „in den ungeschützten Körper des jungen Fußballers“ gekracht. „Hier erleidet Gerresheim seine fatalen Verletzungen.“ Die Verletzungen und Schreckensbilder der Begleiterin klammert Piorr aus Platzgründen aus. Dafür versichert er, Spekulationen über Alkohol und überhöhte Geschwindigkeit als Unfallursachen hätten sich als haltlos erwiesen. Damit sind der Offensivfußballer und sein Offensivwagen hinreichend entlastet: das Wetter, die Retter und ein fremder Verkehrsrowdy waren schuld. Den Letzteren hatte vermutlich Fortuna Düsseldorf geschickt.

Genau 35 Jahre später, im Januar 2015, endet Junior Malanda, 20 Jahre alter „hochtalentierter“ Mittelfeldspieler des Erstligisten VFL Wolfsburg, auf der Autobahn bei Porta Westfalica als Beifahrer (von zwei Kameraden) ausgerechnet in einem VW Touareg vor einem Baum. Das Wolfsburger Allradmonster** mit einer Spitze um 240 km/h gehörte Malanda. Ich weigere mich, den näheren Umständen nachzugehen. Es genügt, wenn mir von der Beileidsbekundung des Weltverbands-Präsidenten Joseph Blatter schlecht wird, der über diesen selbstverständlich „tragischen“ Unfalltod des dunkelhäutigen, in Belgien aufgewachsenen Jungstars in Schock und Trauer geriet.

Der legendäre britische Motorradrennfahrer Mike Hailwood (1940–81) wurde immerhin doppelt so alt wie die beiden Nachwuchsfußballer. Er starb noch nicht einmal im Dienst, war er doch schon vom aktiven Sport zurückgetreten, um sich hinfort als Motorradhändler zu betätigen. Er wohnte im Städtchen Tanworth-in-Arden bei Birmingham. Am Samstag den 21. März 1981 war er in dieser Gegend mit seinen Kindern Michelle und David in seinem Rover 350 unterwegs, weil jene, wie erzählt wird***, plötzlich Lust auf Fish-and-Chips bekommen hatten – wer weiß, Hailwood selber vielleicht auch. Das Essen wurde teuer. Es kostete der neunjährigen Michelle und ihrem 40 Jahre alten Vater das Leben, als sie auf der Rückfahrt bei Portway auf das Heck eines Lastwagens prallten, der wohl gerade illegalerweise in einer gesperrten Zone des Mittelstreifens wenden wollte. Nach Angabe der englischsprachigen Wikipedia ist dieser Truckfahrer deutlich billiger davongekommen: mit 100 Pfund Strafe, was damals ungefähr 450 DM entsprach. 450 DM für zwei Tote? Diese Ungereimtheit hindert aber die deutschsprachige Wikipedia nicht an der Feststellung, Hailwood sei „ohne eigenes Verschulden“ umgekommen – eine Feststellung, die auf zahlreichen Webseiten nachgebetet wird, allerdings nicht auf der sogenannten „offiziellen“ Webseite über den Helden der Rennfahrt.

1965 nach New York City gegangen, stieg der studierte Fotograf Chris von Wangenheim (1942–81) aus Bayern rasch zum Starfotografen in der Modebranche auf. Wie ich lese, inszenierte er in seinen Bildern Sex, Glamour und Gewalt – da ereilte ihn ja auf der Karibikinsel St. Martin, wo er im Frühjahr 1981 Urlaub machte, ein halbwegs würdiges Ende: Autounfall mit 39. Einzelheiten darüber sind nicht zu lesen.

Der SU-Eishockeyspieler Waleri Borissowitsch Charlamow (1948–81) war bis zum 27. August 1981 der wahrscheinlich brandgefährlichste Torjäger, den ZSKA Moskau jemals hatte. Torwart W. A. Tretjak sagte über ihn: „Seine Talente wurden ihm von Gott gegeben.“ Leider gab ihm Gott auch ein Auto – oder auch seiner Frau. Irina saß nämlich am Steuer, als das Ehepaar nebst Irinas Cousin Sergei Iwanow an besagtem Tag aus dem ländlich verbrachten Sommerurlaub zurückkehrte. Bei angeblich regennasser Straße geriet sie in einer Moskauer Vorstadt in den Gegenverkehr und stieß mit einem Lastwagen zusammen. Alle drei Insassen des Wolga-Pkws starben.**** Charlamow war 33.

Auch der 50 Jahre alte ungarische Schach-„Großmeister“ János Flesch (1933–83) hatte mit seiner Frau Pech. Das Ehepaar hielt sich Ende 1983 in England auf, weil der Gatte dort Tuniere hatte. Am 9. Dezember 1983 war es im Südosten der Insel bei Canterbury unterwegs. Daß auch in diesem (Un)Fall die Gattin am Steuer saß, Ildiko Tenyei mit Namen, behauptet lediglich eine von insgesamt fünf oder sechs wenig ergiebigen Quellen. Jedenfalls war auch bei Canterbury ein Lastwagen im Wege. Die zwei toten Touristen ließen zwei Kinder in der Heimat und Fleschs legendären Ruf als Blindsimultanspieler zurück.

* in der WAZ vom 25. Januar 2011
** „VW hat das Allradmonster Touareg aufgerüstet“, in: Die Welt, 17. Juni 2015
*** Motorsport Memorial 2012, Fish-and-Chips-Detail wohl nach The Canberra Times, 25. März 1981
**** Alexey Mosko auf RBTH am 11. Mai 2013



Gerulaitis, Vitas (1954–94), Tennisspieler >Torschin, Wiktor W.


Giersiepen, Elisabeth (1920–62), Historikerin >Bergen, Monika


Giese, Hans (1920–70), Sexualforscher >Steffen, Ernst S.


Gilbert, Nicolas (1750–80), antiaufklärerischer Schriftsteller aus gutbürgerlichem Hause in Lothringen. Ungefähr ab 1775, inzwischen in Paris eingetroffen, erwarb sich der junge Feuerkopf trotz eher bescheidener Wortmächtigkeit einige, auch finanzielle Gunsterweise durch Angehörige des herrschenden Adels. Sein unbeabsichtigtes frühes Ableben leitete er 1780 durch einen Sturz vom Reitpferd ein. Nach einer offenbar wenig hilfreichen Schädeloperation wieder ins Hôtel Dieu zurückgekehrt, wo er wohnte, soll er einige Tage später, zeitgenössischen Berichten zufolge, in einem Anfall epileptischer, egoistischer oder sonstwie „wahnsinnigen“ Art* einen Tresor- beziehungsweise Kasettenschlüssel verschluckt haben. Der Schlüssel habe sich in Gilberts Speiseröhre verhakt, worauf der 29jährige Emporkömmling, nach etlichen Stunden, elendiglich erstickt sei. Bei diesem Teil der Geschichte, ab der Heimkehr ins Hotel, könnte es sich freilich auch um eine Ausschmückung seiner aufgeklärten Widersacher handeln, gegen die Gilbert seinerseits kräftig vom Leder gezogen hatte. Die Kasette soll vor allem seine Manuskripte, daneben Geld oder Schatzbriefe enthalten haben. Im postmodernen Brockhaus (Band 8 von 1989) wird Gilbert schändlich übergangen. In seinem Heimatdorf Fontenoy-le-Château beherrscht er, als Standbild eines echten „Dichters“, den ganzen winzigen Rathausvorplatz.

Der US-Jurist und -Politiker Edward Hempstead (1780–1817) war zeitweise Vertreter des Staates Missouri im Kongreß zu Washington, wohl weil er unerschrocken an einigen Feldzügen gegen widerrechtlich in den Kontinent eingedrungene IndianerInnen teilgenommen hatte.** Anschließend betätigte er sich vorwiegend als Rechtsanwalt in St. Louis, Missouri, wo er auch eine Farm besaß. Ebendort fiel er, zur Schadenfreude gewisser Leute, Anfang August 1817 vom Pferd. An diesem Sturz starb er nach einigen Tagen, erst 37 Jahre alt. Da die erwähnte Farm nun einmal da war, begrub man ihn auf ihr.

Der US-Politiker William Wyatt Bibb (1781–1820), ursprünglich Arzt, mußte Hempsteads Schicksal in ähnlichem Alter teilen, hatte es aber vorher immerhin bis zum Gouverneur des neuen Bundesstaates Alabama gebracht. Zur Hauptstadt war damals Cahawba auserkoren worden, das recht zentral, zudem zwischen zwei großen Flüssen lag. Bibb betrieb mit Eifer die Errichtung eines dortigen Capitols, doch dessen Fertigstellung erlebte er nicht mehr. Das Pferd warf ihn im Frühjahr 1820 in der Nähe seiner im Autauga County gelegenen Plantage ab. Da er bereits an Tuberkulose litt, mag sich Spott verbieten. Offenbar hatte sich der 38jährige Staatschef noch durch Wochen mit den erlittenen Kopf- und Nierenverletzungen abzuquälen, ehe er im Juli das Zeitliche segnete.*** Man baute das Capitol pflichtbewußt zuende – und entschloß sich 1825 wegen des Hochwassers, das regelmäßig im neuen Capitol stand, den ganzen Regierungssitz kurzerhand nach Tuscaloosa zu verlegen. Bibb war tot; der Schildbürgerstreich lebte.

Das Schicksal, wegen rasch schwindender Trinkwasser- und Nahrungsmittelvorräte von einem mit Schiffbrüchigen überfüllten Floß in den Atlantischen Ozean gestoßen zu werden, blieb dem französischen Künstler Théodore Géricault (1791–1824) erspart. Über dieses historisch verbürgte Ereignis von 1816, das über 130 Todesopfer forderte und nebenbei zur Entlassung von rund 200 französischen Marineoffizieren und einem Minister führte, malte Géricault drei Jahre später sein vermutlich berühmtestes Bild Das Floß der Medusa. War die Erinnerung an die nationale „Tragödie“ einerseits peinlich, wurde doch andererseits auf diesem gemalten Floß derart theaterreif gelitten und gestorben, daß jedem Besucher des Pariser Salons von 1819 nur das Wasser im Munde nach einem vergleichbar schönen Tod zusammenlaufen konnte. Aber Géricaults eigentliches Metier war nicht die See. Aus wohlhabendem und reitbesessenen Hause stammend, stellten Pferde und Wettkämpfe oder militärische Maßnahmen mit Hilfe von Pferden das Lieblingssujet des malenden Dandys dar. Auch auf diesem Gebiet war er möglicherweise in ästhetischer Hinsicht stärker als in sportlicher. 1821/22 unterliefen dem bereits an Ischias leidenden Künstler drei Stürze vom Pferd, deren Folgen ihn, trotz oder wegen mehrerer Operationen, im Januar 1824 ins Gras beißen ließen. Er war 32 Jahre alt. Ironischerweise ging seinem letzten Atemzug ungefähr das qualvolle Siechtum voraus, das er einst auf jenes Floß verlegt hatte.

* Conversations-Lexicon oder encyclopädisches Handwörterbuch für gebildete Stände, Band 4, Leipzig (F. A. Brockhaus) 1815, S. 255
** US-Congress
*** Daniel S. Dupre in der Enzyclopedia of Alabama, 7. Januar 2008



Gilda (1961–96), Popsängerin >Bonvicini, Franco


Gillett, Amy (1976–2005), Radsportlerin. Im Sommer 2005 ließ sich die australische Meisterin des Jahres 2002 im Straßenradrennen nicht die Chance entgehen, einmal den sagenhaften, inzwischen von seinen bolschewistischen Knechtern befreiten Thüringer Wald kennen zu lernen. Sie reiste rechtzeitig genug zur beliebten Thüringen-Rundfahrt an, um sich noch „einfahren“ zu können. Das Auto einer deutschen 18jährigen, die gerade erst ihren Führerschein gemacht hatte, erwischte die australische Trainingsgruppe am 18. Juli auf der Zeitfahrstrecke zwischen Zeulenroda und Auma frontal. Die 29jährige Gillett war auf der Stelle tot. Einige schwerverletzte Mannschaftskameradinnen wurden mitsamt der Autofahrerin nach Jena in die Klinik geschafft – vermutlich per Hubschrauber.

Wie sich versteht, sprachen hohe PolitikerInnen den Angehörigen der tödlich verunglückten Hochleistungssportlerin umgehend ihr Beleid aus, so etwa Australiens Premierminister John Howard und Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus. Der Letztere hatte rund neun Jahre später die Gelegenheit, der Presse zu versichern, was seinen eigenen Unfall angehe, sei er davon überzeugt, Gott habe ihm in dem kritischen Moment auf der Skipiste beigestanden. Dafür danke er diesem Tag für Tag, und selbstverständlich schließe er auch das Unfallopfer C. und deren Familie in seine Gebete mit ein.* Der 41jährigen slowakisch-stämmigen, mit einem Steiermärker verheirateten Sportlehrerin und Mutter Beata Christandl hatte Gott dummerweise nicht beistehen können. Althaus, damals 50, war am 1. Januar 2009 mit ihr bei einer Abfahrt auf der österreichischen Riesneralm zusammengeprallt. Die einheimische Skifahrerin starb auf dem Transport ins Krankenhaus. Der schwerverletzte Ministerpräsident aus Thüringen – der im Gegensatz zu Christandl einen Helm getragen hatte – genas mit der Zeit, mußte sich aber, wegen Fahrlässiger Tötung, von ungefähr 40.000 Euro seines Vermögens trennen und außerdem empfindliche Karriereeinbußen hinnehmen. Er hing die Politik an den Nagel, faßte dafür aber (2010) als Manager beim Automobilzulieferer Magna Fuß. Ein Hersteller von Skistiefeln oder auch Skihelmen wäre ihm gar zu pietätlos erschienen.

Den 31jährigen Bahnradsportler Isaac Gálvez (1975–2006) aus Spanien, reich an Siegpokalen, ruhig im Naturell, erwischte es bei einer „Jagd“ im Genter Sechstagerennen. In der Nacht zum 26. November 2006, einem Sonntag, war er auf dem schräg gebauten Hallenrundkurs bei einem Überhol- und Ausscherversuch des Belgiers Dimitri De Fauw gestreift worden. Dabei verhakten sich wahrscheinlich, bei ungefähr 40 bis 50 Stundenkilometern Tempo, ihre Fahrrad-Lenker. Beide Sprinter stürzten, doch nur der Spanier brach sich an der oberen Bande der Bahn das Genick. Zudem bohrte sich eine Rippe in sein Herz, woran er auf dem Weg ins Krankenhaus verblutete. Drei Wochen vorher hatte Gálvez geheiratet.** Drei Jahre nachher wurde auch De Fauw tot aufgefunden: der erst 28jährige Berufskollege hatte sich umgebracht. Das werde ich im nächsten Lexikon behandeln.

Zwei Jahre nach Amy Gilletts Tod verbuchte Thüringen die nächste tote Radsportlerin, sogar eine einheimische. Allerdings nahm Liane Bahler (1982–2007), die aus Gotha stammte und wohl zuletzt in Erfurt wohnte oder jedenfalls trainierte, das Auto. 2003 war sie auf zwei Rädern deutsche Bergmeisterin geworden. Anfang Juli 2007, inzwischen 25 Jahre alt, steuerte sie in ihrem goldmetallicfarbenen Renault Kangoo den Flughafen von Frankfurt-Hahn an (im Hunsrück), weil sie an einem Rennen in Bergamo, Italien, teilzunehmen gedachte. Sie kam aber nicht aus Thüringen heraus. Zwischen Rudolstadt und Stadtilm geriet sie auf regennasser Straße ins Schleudern, worauf sie gegen einen Baum krachte. „Liane ging immer volles Risiko“, meinte später ihr Nürnberger Ex-Teamchef Jens Zemke laut Bild. Ihre Leiche wurde von der Feuerwehr aus dem Autowrack befreit.

2009, so hatte sie in den Medien verlauten lassen, sollte Jette Fuglsangs (1978–2009) Abschiedsjahr vom Straßenradsport sein. In den Jahren zuvor war sie Dänemarks erfolgreichste Radsportlerin gewesen. Im Juli 2009 hielt sie sich in den Französischen Alpen auf. Sie trainierte für ihre letzten Rennen. Laut dänischer Wikipedia stieß sie am 13. Juli bei einer Abfahrt bei Le Bourg-d'Oisans mit einem Camping-Bus zusammen. Zudem an eine Felswand geschleudert, erlag die 31jährige kurz darauf ihren schweren Verletzungen. Fuglsang war zuletzt für das dänische Damenteam High-End Sport gefahren. Wahnsinn.

* Focus 3. Januar 2014
** Leonie Specht am 11. November 2007 (S. 8)



Gilmer, Thomas Walker (1802–44), Sohn eines Farmers, Rechtsanwalt in Charlottesville, Virginia, dort auch kurzzeitig Gouverneur. Anschließend stieg Gilmer in der Bundespolitik auf. Am 19. Februar 1844 machte Präsident Tyler den Freund der Sklavenhalterei und der „Gebietserweiterung“ (Texas!) zum US-Marineminister. Dieser Triumph war Gilmer allerdings keine 10 Tage vergönnt. Am 28. Februar, einem erfreulich milden und sonnigen Wintertag*, unternahm das Kabinett mit dem Kriegsschiff USS Princeton eine Art Betriebs- und Agitprop-Ausflug auf dem Potomac River. Als man in diesem Rahmen unweit von Washington D.C. die Feuerkraft dieses modernen, schraubengetriebenen Dampfers demonstrieren, ja gleichsam unter Beweis stellen wollte, streikte ein Geschütz, indem es schon auf dem Schiff explodierte. Es war um 15 Uhr. Neben dem frischgebackenen Marineminster, 41, kamen dadurch Außenminister Abel P. Upshure, 53, drei weitere hochrangige Politiker oder Gäste sowie Armistead, der Sklave und persönliche Kammerdiener des lieben Präsidenten John Tyler um. Zudem fielen rund 20 Verletzte an. Tyler selber entging dem Platzregen der „scherzhaft“ Peacemaker genannten Kanone, weil er sich im verhängnisvollen Augenblick (mit zahlreichen anderen Lunchgästen) instinktsicher unter Deck aufgehalten hatte. Nach Gilmer wurden später, neben diversen Orten, zwei andere Schiffe der Marine getauft. Ob das half, könnte man sicherlich auch noch untersuchen.

Der Sohn eines Müllers Jan Perner (1815–45) war sowohl tschechischer Eisenbahnbauer wie Patriot. 1833 hatte er das Prager Polytechnikum, das er nur unter großen Entbehrungen besuchen konnte, als Ingenieur verlassen. Auf Schienenverkehr und Energiefragen spezialisiert, trug er in den folgenden Jahren, nach Beschäftigungen in Rußland und Polen, wesentlich zum Ausbau des Streckennetzes in Böhmen und Mähren bei. Ab 1842 leitete er den Bau der Eisenbahnstrecke von der mährischen Metropole Ölmütz nach Prag. Da er dies alles, die Schienenstränge wie die vorbeifliegenden Getreideschläge, gern in tschechischer Hand gesehen hätte, einerlei ob Gutsherrn- oder Bauernpranke, schloß er sich bald den wienfeindlichen Zirkeln der böhmischen Hauptstadt an, wobei sein Interesse genauso dem Aufbau eines tschechischen Nationaltheaters (Smetana!) wie dem Aufbau der tschechischen Industrie gegolten haben soll.

Leider war auch sein makaberes Ende theaterreif. Es geschah im September 1845 bei einer Reise auf just der erwähnten Eisenbahnstrecke, die erst wenige Wochen vorher eingeweiht worden war. Perner wollte seine Eltern besuchen, die in Pardubice wohnten. Man kann sich gut ausmalen, welche Zukunftsträume durch das Gehirn des 30jährigen Ingenieurs zogen, während er sich bei Choceň aus dem Fenster lehnte, den Fahrtwind mit allen Bartstoppeln genoß und die ersten Kinder mit Drachen durch die Stoppelfelder flitzen sah, die er vielleicht sogar aus der eigenen Kindheit kannte. Plötzlich ein Schlag: Perner war mit seinem Kopf gegen einen Pfeiler geprallt. Zwar konnte er in Pardubice noch auf eigenen Beinen aussteigen, doch dann brach er zusammen – und anderntags „war er eine Leiche“, wie 25 Jahre später ein Spaßvogel unter den Lexikografen schrieb.** Nach dem Zweiten Weltkrieg trugen IC- oder EC-Züge Perners Namen durch die Lande. Die Krönung etlicher Ehrungen erfolgte erst jüngst aus Anlaß des „200. Geburtstages“ des Verunglückten: die tschechische Nationalbank gab im Herbst 2015 eine silberne Gedenkmünze im Nennwert von 200 Kronen heraus, für die der hiesige interessierte Eisebahnfreund um 25 Euro auf den Tisch legen muß. Er kann dann auf der einen Münzseite Perners armen Schädel, auf der anderen Perners Todesstrecke betrachten. Er kann die Münze natürlich auch im Etui stecken lassen, das er schließlich mitbezahlt hat.

Auch der Erfinder William Bullock (1813–67) von der US-Ostküste diente der neuzeitlichen Beschleunigung. Er machte Druckmaschinen schneller – unter anderem durch erstmaligen Einsatz von Rollenpapier, das nach dem Einschießen beidseitig bedruckt wurde, beispielsweise mit der Nachricht von einem Vater, der Opfer des eigenen Sprößlings geworden war. Es geschah am 3. April 1867 in Philadelphia, Pennsylvania. Dort mühte sich Bullock im Druckhaus der große Zeitung Public Ledger bei der Einrichtung einer neuen Rotationsdruckmaschine damit ab, einen eher steifen Lederriemen auf ein Antriebsrad zu bringen – und wie sich versteht, war die Presse*** dabei. Als Bullock dem störrischen Ding durch einen Tritt mit der Schuhsohle beizukommen versuchte, geriet dummerweise gleich sein ganzes Bein in die Maschine. Offenbar hatte man sie, um Zeit zu gewinnen, nicht abgestellt. Zwar bekam der Erfinder immerhin sein Bein zurück, doch nur gebrochen, wenn nicht gar zermalmt. Zu allem Unglück stellte sich bald darauf ein Wundbrand ein, sodaß eine Blutvergiftung drohte. So sah man sich gut 10 Tage nach dem Unglück zur Amputation des Beines gezwungen. Dieser Verlust blieb Bullock erspart; dafür verlor er bei der Operation sein Leben. Er war ungefähr 54.

* Ann Blackman auf Military.com im September 2005
** Constantin von Wurzbach: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich, Band 22, Wien 1870, S. 34
*** Sebastian Leber, Der Tagesspiegel, 26. Januar 2015



Gilmullin, Lenar Illdussowitsch (1985–2007), Fußballer >Abe, Norifumi


Ginsberg, Adolf (1856–83), Sohn eines niedersächsischen, jüdischen Schulleiters. Es mangelte der Familie nicht an „Vermögen“, wie man ja sagt, doch dafür fehlte Ginsberg von Geburt an das Gehör. Er wurde Maler. Angeblich sind seine Werke sämtlich verschollen. Freilich können es nicht allzuviele gewesen sein, denn im Rahmen seiner wiederholten Italienaufenthalte wurde Ginsberg bereits mit 26 von den Knochenhänden „der Natur“ gepackt. Schlimmer noch: auch sein gleichaltriger Freund Gottlieb Boß (1857–83) aus Interlaken, ein bereits mehrmals ausgezeichneter schweizer Maler, der zuletzt in Rom tätig war, mußte daran glauben. Die Freunde hatten sich 1883 auf der beliebten Kur- und Ferieninsel Ischia im Golf von Neapel in der Villa Verde einquartiert. Dort wurden sie am Abend des 28. Juli, gegen 22 Uhr, „von der einstürzenden Zimmerdecke erdrückt“, wie es in einem zeitgenössischen Lexikon heißt.* Die Insel war von einem kurzen heftigen Erdbeben heimgesucht worden. Dabei wurden rund 1.200 Häuser zerstört, viele weitere beschädigt, und mehr als 2.300 Menschen getötet. Schwerverletzt wurde damals der spätere Philosoph Benedetto Croce, 17. Aber auch dessen Eltern und seine Schwester Maria kamen just unter den Trümmern der im meistbetroffenen Badeort Casamicciola gelegenen Villa Verde um. Croce wurde 86.

Der Brite William Stanley Jevons (1835–82), offenbar ein kurzhälsiger vollbärtiger Herr, übrigens mit einer Tochter des Manchester-Guardian-Gründers John Edward Taylor verheiratet und Vater dreier Kinder, war Professor der Nationalökonomie in London bis zwei Jahre vor seinem vergleichsweise frühen Tod. Er verfaßte etliche Bücher und erfand sogar ein sogenanntes Logisches Piano, das er von einem Salforder Uhrmacher bauen ließ. Wenn ich mich nicht täusche, handelte es sich im Kern um ein Shetland-Pony, das zwei Arten des Hufkratzens beherrschte, vor und zurück – also um einen frühen Computer. Dagegen sollen Jevons die öffentlichen Auftritte zunehmend zuwider gewesen sein. Einige Quellen lassen auch das beliebte Gummiwort „depressiv“ fallen, doch bei J. J. O'Connor / E. F. Robertson ist davon nichts zu lesen.** Sie sagen nur, aufgrund des genannten Widerwillens sowie des Wunsches, sich ausschließlich dem Schreiben hinzugeben, habe sich Jevons 1880 von seinem Londoner Lehrstuhl zurückgezogen. Leider habe sich jedoch sein Gesundheitszustand trotz vieler Erholungsurlaube zunehmend verschlechtert. Im Sommer 1882 in oder bei Hastings, einer Küstenstadt am Ärmelkanal, zur Kur, sei der 46jährige Logiker beim Schwimmen im Meer ertrunken. Wahrscheinlich sei dabei ein Schlaganfall im Spiel gewesen.

Was hat ein Nordhesse aus Homberg an der Efze um 1885 auf einer Südseeinsel nördlich von Australien zu suchen? Den Blauparadiesvogel? Nicht ganz unwahrscheinlich, schließlich befindet er sich in einem sogenannten „Schutzgebiet“. Oder den Baumfarn Cyathea hunsteiniana oder gar das Hunstein-Gebirge? Das mag glauben, wer sich unter der kaiserdeutschen Neuguinea-Kompagnie, in dessen Diensten Carl Hunstein (1847***–88) damals stand, einen Bienzüchterverein oder eine Wanderbühne vorstellt. Übrigens wurde diese feine koloniale=imperialistische Gesellschaft von dem Berliner Bankier Gerson von Bleichröder mitgegründet, Vater eines Georg von Bleichröder, den ich weiter oben behandelt habe, weil er ein Pferd umfuhr. Der Naturforscher, Sendbote Bismarcks und „Naturalienhändler“ Hunstein, über dessen Werdegang kaum ein Fingerhut voll zu erfahren ist, „fiel“ im März 1888, inzwischen 41 Jahre alt, an der Südspitze von „Neu-Pommern“ nicht etwa durch einen einheimischen Giftpfeil, vielmehr durch eine gigantische Flutwelle, heute Tsunami genannt. Ein Vulkanausbruch hatte die vorgelagerte Ritter-Insel versenkt und so die Springflut ausgelöst. Deren Wellen waren zwischen 12 und 15 Meter hoch. Neben Hunsteins Kumpane Paul von Below und einigen einheimischen Mitgliedern beziehungsweise Mauleseln ihrer Expedition kamen mindestens weitere 3.000 Menschen um.

Bei Von Below handelte es sich um einen erfahrenen Kaffeepflanzer, und just darin hatte der Zweck der Übung bestanden: „Landeshauptmann“ Freiherrn von Schleinitz hatte die beiden Kolonialbeamten beauftragt, an der Südspitze nach geeigneten Anbauflächen zu sehen und die erwünschte Kaffeeplantage, wenn möglich, gleich anzulegen.**** Diese Plackerei blieb ihnen also erspart. Dafür hatte es den Kaiser in Berlin, wen wundert es bei solchen außenpolitischen Schlägen ins Wasser, allerdings aufs Krankenlager geworfen, wie Dr. Klee in der selben Quelle zu berichten weiß.

Laut deutscher Wikipedia war der junge Hunstein (irgendwann) nach Amerika, dann weiter nach Neuseeland ausgewandert. Für die Neuguinea-Kompagnie habe er ab 1885 gearbeitet. Dazu, wie sich beide Schritte angebahnt haben mögen, findet sich nirgends ein Wort. Leider scheint auch das Heimatstädtchen Hunsteins, Homberg an der Efze, nicht schlauer zu sein. „Wann Carl Huhnstein nach Amerika ausgewandert ist, konnten wir nicht ermitteln. Einzelheiten über sein Leben als Naturforscher mit der Schreibweise Hunstein finden Sie im Internet unter Wikipedia. / Mit freundlichen Grüßen ...“ Ja, vielleicht – aber nicht über Hunsteins Beweggründe oder auch nur Gelegenheiten, sich der Naturforschung und der Kolonialpolitik zuzuwenden. Man weiß noch nicht einmal, was er an Schul- und sonstiger Bildung genoß, wenn überhaupt, und ob er beispielsweise vor seiner Auswanderung Schuster oder Pickelhaubenträger war. Nach einer anderen Internetquelle***** war er „Tüncher“, also dem Vater nachgeraten. Vielleicht entwich er um 1875 eben diesem Vater, daneben der Konkurrenz unter den Malern und dem Drohgespenst des Hungers, wie damals so viele.

* Carl Brun: Schweizerisches Künstler-Lexikon, Frauenfeld 1905–17, Band 1 von 1905, S. 180
** University of St Andrews, Scotland, September 2000
*** Geburtsdatum (4. Januar 1847) laut freundlicher Auskunft des Homberger Heimatkundlichen Archivs im November 2015. Danach war H. der Sohn von Maria (geb. Denner) und Conrad Huhnstein, einem Weißbindermeister. Er schrieb sich also ursprünglich mit h wie Huhn.
**** Neueste Mittheilungen, 7. Jahrgang, Nr. 49, 15. Mai 1888 (die NM waren ein Berliner Wochenblatt, eingestellt 1894)
***** Werner Hunstein (1928–2012), Heidelberger Mediziner: Hunstein-Familientafel. In dieser Tafel werden lediglich vereinzelte Vorfahren/Verwandte des Weißbinders mit „h“ geschrieben, er selber nicht. Ein mutmaßlicher älterer Bruder des Naturforschers, Conrad Hunstein, Schlosser, scheint ebenfalls in die Staaten ausgewandert zu sein.



Girdler, William (1947–78), US-Entertainer aus Louisville, Kentucky. Der erfolgreiche Regisseur und Produzent von einträglichem Unterhaltungsmüll, der Action-, Horror- oder SF-Film genannt wird, hatte vielleicht doch die feineren Fäden/Fallen der Zivilisation unterschätzt. Kaum 30 Jahre alt, stürzte er auf der Suche nach geeigneten Drehorten für sein nächstes Filmprojekt in oder nahe der philippinischen Hauptstadt Manila mit einem Hubschrauber ab. Die Rotorblätter hatten sich in Stromleitungen verfangen. Mit diesem „tragic crash“ hatte die Welt „a true martyr“ seines Handwerks verloren, wie auf der Startseite der „offiziellen“ Girdler-Webseite zu erfahren ist. Ob neben dem Zebra Killer (1974) aus der Prärie vielleicht auch der Pilot oder einheimische MüllsammlerInnen ins Gras beißen mußten, erzählen uns diese Offiziellen nicht. Es dürfte ihnen scheißegal sein.

Der türkische linke Schriftsteller Nevzat Üstün (1924–79), der sich nach dem Krieg eine zeitlang in Paris, später auch in Sowjetrußland aufgehalten hatte, soll mit 55 Jahren bei Bolu (etwa auf halber Autobahnstrecke zwischen Istanbul und Ankara) einen tödlichen „Verkehrsunfall“ erlitten haben. Möglicherweise kam dabei auch seine Ehefrau um. Ein Anschlag wird offenbar nicht geargwöhnt. Die mir verständlichen Quellen sind dürrer als Ziegenhaar. 1965 war Üstüns Sammelband mit Erzählungen Almanya Almanya (Deutschland, Deutschland) erschienen, der als erstes Werk zum Thema „türkische GastarbeiterInnen“ gilt.

Sanjay Gandhi (1946–80), Indiras Sohn, Politiker wie sie, die langjährige bambusharte Premierministerin Indiens. Zudem muß der Sprößling ein echter gewissenloser Maharadscha gewesen sein, wie man liest. Dummerweise gab er sein Lebenslicht bereits vier Jahre vor seiner Mutter ab, die einem Anschlag zum Opfer fiel. Der 33jährige stürzte im Sommer 1980 bei Neu Delhi mit einem eigenhändig gesteuerten Flugzeug ab, als seine von Augenzeugen verfolgten akrobatischen Versuche* die physikalischen Kräfte der Natur oder seines eigenen Gehirns überstiegen. Seinen einzigen Begleiter, Captain Subhash Saxena vom gemeinsamen Fliegerclub, riß er mit in den Tod.

Der Mexikaner Jorge Ibargüengoitia (1928–83) soll ein vielgelesener satirischer Erzähler und Dramatiker gewesen sein. Als er am 27. November 1983 in einer aus Paris kommenden Boeing 747 saß, die auf ihrem Linienflug nach Bogotá in Madrid zwischenlanden wollte, war er 55. Aufgrund von Fehlern der Piloten und der Madrider Flugsicherung, wie es später hieß, geriet die Maschine beim Anflug zu tief und zerschellte nahe der Stadt zwischen Hügeln. Von 192 Insassen starben 181. Neben Ibargüengoitia zählten auch dessen Berufskollegen Ángel Rama (57) aus Uruguay, dessen Ehefrau Marta Traba (53), eine argentinische Kunsthistorikerin, und der peruanische Schriftsteller Manuel Scorza (55) zu den Toten. Diese Autoren hatten streckenweise im Ausland gelebt oder gelehrt und waren nun auf dem Weg zu einem in Kolumbien stattfindenden Literaturkongreß gewesen. Wenn der Fortschritt Opfer kostet, dann bitteschön auch die Literatur.

Und die Musik. Der südafrikanische Pianist Marc Raubenheimer (1952–83), ein „Hoffnungsträger“ aller eingeweihten „Klassik“-Fans beziehungsweise der VermarkterInnen der „Klassik“, zog knapp zwei Wochen später, am 7. Dezember des Jahres, in Madrid gleich nach, nur umgekehrt: beim Abflug gen Santander, Nordspanien, wo er für ein Konzert erwartet wurde. Die Douglas DC-9, in der Raubenheimer saß, rollte bei dichtem Nebel auf die falsche Startbahn und stieß dort mit einer Boeing 727 zusammen, die ebenfalls gerade abheben wollte, Richtung Rom. Diese Maschine hatte Sekunden vor dem „crash“ bereits auf 200 km/h beschleunigt.** Auf dem rauchenden Trümmerfeld blieben im Ganzen 93 Tote und 30 Schwerverletzte zurück. Raubenheimer starb mit 31.

* The Sydney Morning Herald, 24. Juni 1980
** Der Spiegel, Nr. 50/1983



Givens, Edward (1930–67), Astronaut >Freeman, Theodore


Glicken, Harry (1958–91), Vulkanologe >Cooke, Robin J. S.


Glover, Robert Mortimer (1815–59), britischer Chirurg, Anästhesist und Fachschriftsteller. Glovers Fall ist reichlich undurchsichtig, obwohl seine Leiche wohlweislich geöffnet wurde, nachdem er in seiner Londoner Wohnung in unwiderruflichen Tiefschlaf gefallen war. Dabei mangelt es keineswegs an einer vergleichsweise gründlichen Quelle.* Ihr zufolge leistete der junge Mediziner neben seiner Praktizierung an Kliniken in Edinburgh, Newcastle und kurzeitig auch London als Forscher und Autor einige wichtige Beiträge zur Entwicklung seiner Fächer, insbesondere die pharmakologische und betäubende Wirkung von Chloroform betreffend. Sein Ruf in Fachkreisen war gut. Gleichwohl mag hier der Hase bereits im Pfeffer gelegen haben: im Chloroform.

Sodann könnte Glovers patriotischer Entschluß von 1855, seinen leidenden uniformierten beziehungsweise bandagierten Landsleuten im berüchtigten Krimkrieg als Militärarzt beizustehen, ein eher unguter Schritt gewesen sein. Zum einen holte er sich hier die Dysenterie, auch Ruhr genannt, zum anderen möglicherweise, wenn nicht schon früher, eine Sucht nach Chloroform und wohl auch Opium – Substanzen, mit denen er just die Ruhr, vielleicht auch seine Albträume über das auf der Krim stattfindende Gemetzel zwischen den Kämpfern diverser „Großmächte“ zu verscheuchen und außerdem weiß der Himmel welche persönlichen Kindheitsschäden zu übertünchen versuchte. Mit Kriegsende 1856, nach ungefähr einem Jahr, wieder in London zurück, geriet Glover offensichtlich stark aus dem Tritt. Zwar verfaßte er weiterhin Aufsätze, doch er war nicht mehr klinisch tätig und lieh sich zunehmend Geld für seinen Lebensunterhalt. Zur Krönung setzte er sich im März 1859 in den Kopf, ausgerechnet Sarah H. zu heiraten, eine 36jährige Näherin, die eben erst aus einer Irrenanstalt entwichen war. Nach einem kurzen „honeymoon“ in einem schäbigen Londoner Hotel landete die Angetraute auch wieder in der Anstalt – die Ehe war gescheitert, wie es scheint.

Als Glover, inzwischen 43, am frühen Abend des 9. April in seiner Wohnung von seinem Freund und Kollegen Frederick J. Gant besucht wurde und mit diesem einen Aufsatz, seine unglückliche Heirat und lateinische Gedichte erörterte, hatte er noch einen Tag zu leben. Gant zufolge unterbrach er das Gespräch wiederholt, um jeweils, ohne Erklärung, für wenige Minuten zu verschwinden – vielleicht aufs Klo. Schließlich sei er in Gants Beisein von Geistestrübung überwältigt worden und in ein Koma gefallen, aus dem er nicht wieder nennenswert erwachte. Am Abend des folgenden Tages war er trotz der Rettungsbemühungen von etlichen Kollegen tot. Die schon angedeutete Autopsie enthüllte eine vergrößerte Fettleber, schwere hämorrhagische Entzündungen der Magen- und Darmschleimhäute und noch fettere Spuren von Chloroform. Das hatte Gant bereits bei seinem Besuch und am Krankenlager mehr als deutlich gerochen.

Bald darauf fand eine Anhörung unter Coroner Thomes H. Wakley statt, der gleichfalls zu Glovers Kollegenkreis zählte. Wenn diese Jury auf „Unfall durch eine Überdosis Chloroform“ erkannte, möchte man zunächst ein Gefälligkeitsurteil wittern. Doch auch Defalque/Wright, die Autoren der Darstellung, halten sowohl einen Selbstmord wie eine Berauschung Glovers in Gegenwart eines geschätzten Besuchers für unwahrscheinlich. Vielleicht ließen sich seine wiederholten Rückzüge aus dem Zimmer und sein starker Genuß von Chloroform an diesem Abend durch akute Anfälle von Dysenterie erklären, was hieße, er habe Durchfall und Schmerzen durch heftiges Einpfeifen von Chloroform bekämpft. Das rüttelt allerdings, für mein Empfinden, nicht daran, daß er vermutlich hoffnungslos süchtig, zudem in einer alles andere als beruhigenden Gemütsverfassung war. Leider hat der angeführte Aufsatz in dieser Hinsicht wenig, ja eigentlich gar nichts zu bieten. Über die Jugend des Kaufmannssohns aus dem Städtchen South Shields bei Newcastle sei kaum etwas bekannt, bemerken Defalque/Wright, und das Gleiche scheint für seinen Charakter zu gelten, nennen sie doch nicht einen Zug desselben. Aber man soll nicht zu viel verlangen.

* R. J. Defalque / A. J. Wright: „The short, tragic life of Robert M. Glover“, in: Anaesthesia, Volume 59, Issue 4, S. 394–400, April 2004


Glover, Shelley (1986–2004), Skirennläuferin >Fehér, Miklós


Gluud, Hans (1875–1913). Der Sohn eines Bremer Tischlers wurde Seemann und Kapitän, fand jedoch seinen frühen Tod (mit 37) erst in der Luft: er wurde Luftschiffer im Dienste des Friedrich von Zeppelin, stationiert in dessen Friedrichshafener Werft am Bodensee, und damit zunehmend auch der kaiserlichen Marine. Im Oktober 1913 war es ihm, dem Luftschiffkommandanten, zunächst gelungen, LZ 18/L 2, das jüngste Produkt des greisen Zeppelins, ohne Zwischenfälle von Friedrichshafen nach Berlin-Johannisthal zu überführen. Erst bei einem neuerlichen Startversuch am 17. Oktober, der die Übergabe der 158 Meter langen Luftgurke an die Marine einleiten sollte, explodierte sie bereits in 200 Meter Höhe. Von 28 Menschen an Bord kamen 28 um. Es wären deutlich mehr gewesen, hätten die „technischen Mängel“, die man dann verantwortlich machte, noch mit dem Zuschlagen gewartet, bis das Luftschiff die ersten Johannisthaler Hausdächer streifte. Dabei hatte es sich weder um den ersten noch den letzten Schiffbruch eines Zeppelins gehandelt. Allein im Ersten Weltkrieg, der ja vor der Haustür stand, wurden knapp 90 Ungetüme gebaut, von denen rund 30 durch „Feindeinwirkung“, rund weitere 30 durch Unfälle verloren gingen. In einigen Fällen hatten sie wenigstens schon ihre Bombenlast auf England geworfen, sodaß man auf beiden Seiten des Ärmelkanals seufzen konnte, geteiltes Leid sei halbes Leid.

Immerhin, unter jenen 28 verkohlten Leichen auf dem Johannisthaler Rasen befanden sich auch die Überreste von Marine-Schiffbaumeister Felix Pietzker, 34, der die betreffende Luftgurke entworfen hatte. Ein Kanzleibuckel des sogenannten Kaisers schrieb Pietzkers Witwe Frieda, Mutter zweier Kinder: „Seine Majestät haben mich ferner Allerhöchst beauftragt Ihnen Allerhöchst sein wärmstes Beileid auszusprechen. Seine Majestät hoffen, daß es Ihnen und den Ihrigen ein Trost sein werde, zu wissen, daß Ihr Gatte in treuester Pflichterfüllung im Dienste des Vaterlandes einen ehrenvollen Tod gefunden hat.“*

* laut Peter-Philipp Schmitt, FAZ, 16. Oktober 2013


Glynn, Molly (1968–2014), Schauspielerin >Horváth, Ödon von


Godana, Bonaya (1952–2006), Politiker >Al Chalifa, Faisal


Goebel, Florian (1972–2008), Münchener Astrophysiker. Zwischen einigen jungen Riesenchampions blühen am Gebirge Roque de los Muchachos auf der Kanarischen Insel La Palma in rund 2.200 Meter Höhe mehrere fragiler wirkende große Gebilde, die tags wie nachts in zahlreichen Farben aufblinken können, je nach den Lichtverhältnissen. Das sind die Spiegelteleskope des dortigen Observatoriums. MAGIC II, Rekord-Durchmesser des Spiegels 17 Meter, war am 10. September 2008 noch nagelneu. Von ihm versprach man sich fette Beute auf der „Jagd nach Gammastrahlen aus den Tiefen des Universums“, wie Goebel einmal schrieb.

Der 35jährige vom Münchener Max-Planck-Institut für Physik war Projektleiter dieses jüngsten am „Felsen der Jünglinge“ gelegenen Teleskops, das kurz vor der Einweihung stand. Am genannten Tag soll er, vermutlich von Gerüsten oder Laufstegen aus, in rund 10 Meter Höhe mit letzten Arbeiten an der Kamera des Teleskops beschäftigt gewesen sein. Dabei sei er tödlich abgestürzt. Augenzeugen waren zum Unfallzeitpunkt offenbar nicht zugegen. Da ich lokalen deutsch-spanischen Blättern zwar die Ankündigung einer behördlichen Untersuchung, nicht jedoch einen Bericht über die Ergebnisse derselben entnehmen kann, wende ich mich mit der Bitte um entsprechende Auskünfte, Unterlagen oder Quellenhinweise per Email, Link auf mein werdendes LdU eingeschlossen, an Goebels letzten Arbeitgeber, das Münchener Institut. Dessen Verwaltungsleiterin teilt mir (am 30. November 2015) postwendend mit, „dass die Max-Planck-Gesellschaft Daten an Privatpersonen oder an juristische Personen, die kein berechtigtes Interesse daran nachweisen können, nicht herausgibt. / Mit freundlichen Grüssen ...“

Statt fruchtlos auf meiner Unbefugtheit herumzureiten, mache ich meine geschätzten drei oder vier LeserInnen auf den von der Dame verwendeten Begriff der Daten aufmerksam. Wer heutzutage, in einer Welt der schon nahezu unbegrenzten Ausspionierung des Bürgers irgendetwas zu verbergen hat, braucht es lediglich mit dem Nobelmarkennamen Daten zu versehen, dann ist er auf der sicheren Seite.


Goldsmith, Olivia (1949–2004), Bestsellerautorin >Majerus, Michel


Goscinny, René (1926–77), Comiczeichner >Kirkegaard, Ole Lund


Graf, Udo (1942–69), Unterwasserarchäologe >Farrow, Ernie


Granados, Enrique (1867–1916), spanischer Klaviervirtuose und Komponist. Als er am 24. März 1916, ein gefeiertes Gastspiel in New York und einen Kurzurlaub in London im Rücken, in Begleitung seiner Gattin Amparo auf dem britischen Kanalschiff Sussex Richtung Dieppe, Frankreich, unterwegs war, flößten weder seine vielbewunderte Tasten-Fingerfertigkeit noch sein eindrucksvoll gezwirbelter Schnurrbart den deutschen U-Booten hinreichend Schrecken ein. Sie schossen der Sussex mit Torpedos den Bug weg. An Bord hatten sich über 400 Personen befunden. Zwar ging das Wrack nicht unter, doch für rund 50 Passagiere war das Leben hier zuende. Daß sich darunter auch das Ehepaar aus Spanien befand, gilt überall als gesichert, obwohl die zwei Leichen nie geborgen werden konnten. Dafür widersprechen sich, auch Carol A. Hess zufolge*, die stets auf „Augenzeugen“ gestützten Erzählungen über die angeblichen letzten Minuten des Ehepaars. Mal hat er sich in die Fluten gestürzt, um sie zu retten (die laut Hess eine ausgezeichnete Schwimmerin war); mal umgekehrt. Einerlei, es war Liebe. Der 48jährige Musiker und seine überall alterslose Frau ließen sechs Kinder zurück. Laut Hess gelang es deren Vormündern, der deutschen Regierung eine Entschädigung von 666.000 Pesetas (ungefähr 500.000 Mark?) und sogar eine Entschuldigung abzuringen. Gleichwohl bleibt auch bei diesem Abschuß, wie schon im Falle der britischen Lusitania (1915, siehe >Campbell, Alexander), offen, ob nicht eine angelsächsische Provokation im Spiel war. Unter den Verletzten hatten sich etliche US-BürgerInnen befunden, und das Fährschiff war weder nennenswert bewaffnet noch eskortiert gewesen.

Einen ähnlichen Fall dürften wir in der Versenkung des britischen Dampfers City of Benares haben, der allerdings, mit gut 400 Personen an Bord von England nach Kanada unterwegs, Begleitschutz hatte. Er wurde am 18. September 1940, einen Weltkrieg später also, im Nordatlantik das Opfer deutscher Torpedos. Nach den Erinnerungen** des Verlegers Gottfried Bermann Fischer zählte auch ein Schwiegersohn seines edelsten Pferdes im Stall zu den 248 Toten. Thomas Manns Tochter Monika sei, „nachdem sie sich viele Stunden in der hochgehenden See an einer Planke über Wasser gehalten hatte“, gerettet worden, während ihr Mann Jenö Lányi (1902–40), ein ungarischer Kunsthistoriker, vor ihren Augen ertrunken sei. Nach anderen Quellen war die „Planke“ ein Rettungsboot gewesen. Jedenfalls wurde Monika Mann noch 81. Ihr Erzeuger soll sie nicht gerade innig geliebt haben.

Bermann Fischer erwähnt zudem den Fahrgast Rudolf Olden (1885–1940). Der bekannte kritische Berliner Schriftsteller, inzwischen 55 und auf der Flucht, habe sich nach der Torpedierung geweigert, seine Kabine zu verlassen, „müde des ewigen Kampfes“, sodaß er mit dem Schiff untergegangen sei. Auch Oldens dritte Ehefrau Ika Halpern kam um. Nach Marco Finetti*** verkündete Goebbels damals sogar, das Schiff sei nur wegen dieser einen mißliebigen Person zerstört worden, Olden. In der Tat hatte der ehemalige Offizier, nun als pazifistischer Journalist und Rechtsanwalt, darunter von Carl von Ossietzky, unermüdlich für seine „radikaldemokratischen“ Ideale gekämpft. Zuletzt war er, in London, Sekretär des deutschen Exil-PEN-Clubs gewesen, den er mitgegründet hatte. Vorsitzender dieses vor allem praktisch helfenden Schriftstellerverbandes war ein anderer berühmter Mann, Heinrich. Doch 1939/4o kam es im vermeintlichen Freundesland für Olden (und andere) knüppeldicke. Man betrachtete ihn nun als unerwünschten „feindlichen Ausländer“, steckte ihn zeitweilig sogar in ein bewachtes Lager, wo seine Gesundheit nur weiter zerrüttet werden konnte, und scheuchte ihn schließlich auf jenes Schiff Richtung USA. Es verließ Liverpool am 13. September.

* Enrique Granados. A Bio-Bibliography, New York 1991, S. 32
** BEDROHT–BEWAHRT, Frankfurt/Main 1967, hier TB-Ausgabe 1994, S. 284
*** ZEITmagazin, 21. September 1990



Grant, Clinton (1971–2014), Radsportler >Decraene, Igor


Green, Keith (1953–82), Popmusiker >Gaetano, Rino


Greif, Heinrich (1907–46), Schauspieler >Ashe, Arthur


Greth, Werner (1951–82), technischer Zeichner und Fußballprofi. Bis 1978 hatte der Flügelstürmer über rund 10 Jahre hinweg vorwiegend für verschiedene Zweitliga-Vereine gespielt, darunter auch im Ruhrgebiet. Anschließend arbeitete er in der Duisburg-Homberger Chemiefabrik der Firma Sachtleben – als was, bleibt unklar. Ebendort erlitt er Ende Oktober 1982 laut einem kurzen Zeitungsbericht* einen schrecklichen, geradezu makaberen Arbeitsunfall – falls es sich um einen solchen gehandelt hatte. Er stürzte gegen Mitternacht, also wohl auf Nachtschicht, in der Sandstrahlhalle des Unternehmens in einen offenbar größeren Behälter, der mit (vermutlich flüssigem) Stickstoff gefüllt war. „Bei einer Minus-Temperatur von 195,8 Grad“ sei der 31 Jahre alte „Arbeiter“ und „Junggeselle“ auf der Stelle tot gewesen. Zwei ältere Kollegen, die Greth retten wollten, wurden schwer verletzt. Man barg seine Leiche schließlich mit Hilfe von Isolierhandschuhen. Welcher Art die am Bottich ausgeführten Arbeiten gewesen seien und wer die Verantwortung für das Unglück trage, werde noch untersucht. Stickstoff, meist ein Gas, dient unter anderem bei der Herstellung von Düngemitteln; flüssiger Stickstoff als Kühl- und Vereisungsmittel oder als Quelle für später erwünschtes Gas.

10 Jahre früher hatte der oftmalige jugoslawische Fußball-Nationalspieler Vladimir Durković (1937/38–72) seinen Besuch eines „Kabaretts“, vielleicht auch nur Nachtclubs, in der schweizer Stadt Sion, Kanton Wallis, mit dem Leben bezahlt. Er war verheiratet, Vater zweier Kinder und neuerdings „Stopper“ beim örtlichen Club FC Sion, den alle Eingeweihten als schweizer Rekord-Pokalsieger kennen. Vorher hatte Durković schon streckenweise in der westdeutschen Bundesliga, dann für den französischen Club AS Saint-Étienne gespielt. Am frühen Morgen des 21. Juni 1972, einem Mittwoch, kam es vor besagter Vergnügungsstätte zu einem Streit zwischen dem 33 oder 34 Jahre alten Durković und einem gleichfalls jugoslawisch-stämmigen Berufskollegen einerseits und einem jungen Gendarmen andererseits, wie ich einem österreichischen Zeitungsbericht vom 23. Juni entnehme.** Danach befand sich der Beamte auf Urlaub und in Zivil, führte aber offensichtlich seine Dienstwaffe mit sich. Der Streit endete mit einem Bauchschuß für Durković. Der Fußballverteidiger brach zusammen. Immerhin habe ihn der Schütze umgehend eigenhändig ins Krankhaus gebracht – wo Durković anderntags starb. Dem Untersuchungsrichter Louis de Riedmatten soll der Gendarm erklärt haben: „Ich war betrunken, ich habe jemanden sinnlos getötet.“ Riedmatten ließ ihn festnehmen. Möglicherweise waren auch die Fußballer nicht mehr gerade stocknüchtern gewesen; gleichwohl darf wohl angenommen werden, es sei später zu einer Anklage und einer Verurteilung des Schützen gekommen.

* WAZ vom 27. Oktober 1982
** Volkszeitung, Klagenfurt, S. 12


Grieg, Nordahl (1902–43), Schriftsteller >Kirchner, Herti


Griffin, Eddie (1982–2007), Basketballer >Decraene, Igor


Grünewald, Isaac (1889–1946), Maler >Eugens, Arthur Fritz


Grzimek, Michael (1934–59), Tierschützer und -filmer >Ylla


Gudden, Bernhard von (1824–86), Irrenarzt >Kolletschka, Jakob


Guder, Karlheinz (1934–69), aus Gelsenkirchen stammender Schlosser, Maurer, Boxer und Räuber, dabei streckenweise in den USA erwerbstätig. Als sich um 1960 Guders Unvermögen abzeichnete, weder als Boxer noch als Promoter jemals das große Geld einzusacken, verlegte er sich zunehmend auf Aktivitäten in der verwandten Branche des Automatenknackens, Lohngeldraubes und Banküberfalls. Nach einem Gefängnisausbruch in Remscheid Ende Januar 1969 erneut in den Staaten, wird er Ende Oktober, inzwischen 35, in Yorba Linda, Südkalifornien, bei einem Raubüberfall auf eine Bar von dessen Inhaber „mit vier Revolverkugeln niedergestreckt“.* Vielleicht hatte Ex-Faustkämpfer Guder erneut auf Spielzeugpistolen gesetzt, wie schon zwei Jahre zuvor, als er, mit Komplizen, eine Dorfbank im Kreis Herford um knapp 20.000 Mark erleichterte. Nach dem Showdown bei Los Angeles begruben ihn offensichtlich vorhandene Angehörige als „big daddy“ auf einem nahen Friedhof in Glendale.**

* Gerhard Feix: Der Tod kam mit der Post. Aus der Geschichte der BRD-Kripo, Ostberlin, 2. Aufl. 1980, S. 226–36
** Find A Grave



Gutfreund, Otto (1889–1927), Bildhauer >Kjeldahl, Johan


Gutzler, Piper († 2015), neunjähriges US-Schulmädchen und Zwangsflugpassagier. Larry Wilkins, schon über 70, wohnt im südlichen Kentucky und dort östlich von Paducah, fast im Wald. An diesem Freitagnachmittag (es ist der 2. Januar 2015) macht er große Augen, nachdem er die Haustür geöffnet hat. Vor ihm steht ein kleines und schmächtiges Mädchen in Shorts. Dafür hat es keine Schuhe an und blutet an verschiedenen Stellen. Es entschuldigt sich und erklärt, seine Eltern seien tot – ob es hierbleiben könne.* Wilkins alarmiert die Polizei. Kurz darauf wird Sailor Gutzler, so heißt die dunkelblonde 7jährige, vorsorglich ins nächste Krankenhaus verfrachtet. Wie sich herausstellt, hat sie sich trotz Schock, Verletzungen, Kälte und unwegsamen Gelände zu dem abgeschieden gelegenen Haus der Gemeinde Suwanee durchgeschlagen. Von der Absturzstelle bis zu Wilkins hatte sie über einen Kilometer zu bewältigen. Sailor war die einzige Überlebende. Der Pilot der sechssitzigen Piper Seneca, ihr Vater Marty Gutzler, hatte einen Maschinenschaden gemeldet, dann war der Funkverkehr abgerissen.** An Bord befanden sich fünf Personen, die von Key West, Florida, nach Mt. Vernon in Illinois unterwegs waren, weil sie dort in der Nähe in dem Städtchen Nashville eine Möbelhandlung betrieben oder zur Schule gingen: neben dem steuernden Möbelhändler dessen Frau Kimberly, beide Ende 40, ferner Sailors zwei Jahre ältere Schwester Piper und eine 14 Jahre alte Kusine der Schwestern, Sierra Wilder. Jetzt lagen sie alle, außer Sailor, als Trümmer unter Trümmern. In Key West (bei Miami) waren sie vermutlich noch gemeinsam barfuß durchs Meer gepflügt.

Knapp drei Monate später, am 24. März, sorgt ein „crash“ in Mitteleuropa für 150 Tote. Verletzte gibt es nicht, weil keiner der Insassen überlebte. Ein Airbus aus Barcelona, Ziel Düsseldorf, war nach längerem „Sinkflug“ an den Französischen Alpen zerschellt. Der Vorfall ist ungeklärt. Es gab starken Verdacht darauf, der Co-Pilot der Maschine habe sie mit Absicht zum Absturz gebracht, doch dafür fehlen bislang die Belege. Zu den Fahrgästen zählten beispielsweise die im Ruhrgebiet lebende 33jährige Opernsängerin Maria Radner (1981–2015), ihr Ehemann Sascha Schenk und deren gemeinsames Söhnchen Felix, zwei Jahre alt. Im letzten Auftritt ihres Lebens hatte Altistin Radner in Barcelona die „Erda“ in Wagners Siegfried gegeben. Sie starb in rund 1.500 Meter Höhe. Dasselbe gilt ferner für eine ganze (10.) Schulklasse aus Haltern am See, Kreis Recklinghausen. Die 16 SchülerInnen und zwei Lehrerinnen des dortigen Joseph-König-Gymnasiums kehrten gerade von einem Schüleraustausch-Besuch in Spanien zurück. Usprünglich hatten sich 40 SchülerInnen für die einwöchigen Ferien beworben, hieß es in einem stern-Bericht.*** „Wer mitdurfte, wurde per Losverfahren entschieden.“

* NYDailyNews 3. Januar 2015
** CNN 6. Januar 2015
*** 26. März 2015




Fortsetzung H
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