Donnerstag, 10. Dezember 2015
Lexikon der Unfallopfer G–Gem

Gabl, Gertrud (1948–76), Skirennläuferin. 1972, als eine schlechte Saison hinter ihr lag, hängte die mehrmalige Weltcupsiegerin aus Österreich verärgert ihre Skistöcke an den Nagel und trat schon mit 23 Jahren von ihrem Profisport zurück. Aber sie hatte sich zu früh geärgert. Gemeinsam mit Alfons Büttner (40), einem Münchener Kaufmann, den sie bald nach ihrem Rücktritt geheiratet hatte, und dem Skilehrer Josef F. war die inzwischen 27jährige am Sonntag den 18. Januar 1976 um Mittag in ihrer engsten Heimat, nämlich am Arlberg bei St. Anton, Tirol, erneut auf Skiern unterwegs. Bei einer Abfahrt im Tiefschnee, außerhalb der Pisten, löste sich eine Lawine, die Gabl mitriß und verschüttete. Die beiden Männer konnten sich halbwegs über Schnee halten, kamen aber an die Verschüttete nicht heran. Skilehrer F., der vorausgefahren war, konnte sogar rechtzeitig „aus dem Lawinenstrich“ abbiegen, nachdem er in seinem Rücken den „Abbruch“ der Schneelast gehört hatte. Vermutlich bekam er später noch manches Donnerwetter zu hören. Da die Lawine sogar von St. Anton aus beobachtet worden war, wie anderntags die Presse berichtete, brachten drei Hubschrauber umgehend ein Rudel aus Rettungskräften, Gendarmen, Ärzten einschließlich sechs Lawinenhunden zum Unglücksort.* Wer das bezahlte, bleibt unerwähnt. Nach drei Stunden war Gabl ausgebuddelt – erstickt. Neben ihren nur leicht verletzten Begleitern ließ sie ein 17 Monate altes Kind zurück.

Ernst Wilhelm Sachs (1929–77), ältester Sprößling des Kugellager-Herstellers, Wehrwirtschafts- und SS-Obersturmbannführers sowie Bundesverdienstkreuzträgers Willy Sachs, übernahm die im Faschismus erblühte Schweinfurter Fichtel & Sachs AG 1958, zog sich aber knapp 10 Jahre später, inzwischen 38, wegen angeblichen Ungeschicks schon wieder aus deren Vorstand zurück, um sich hinfort, ähnlich wie sein jüngerer Bruder Gunter, mit voller Potenz und allen in die Schweiz geschafften Steuergewinnen dem Leben eines echten „Playboys“ zu widmen. Er hatte sich schon vorher, wie Gunter, zeitweilig im Kundenkreis der 1957 ermordeten „Edelhure“ Rosemarie Nitribitt aus Frankfurt/Main befunden. Neben Frauenschenkeln zählten Jagdflinten, Rennwagen und Skistöcke zu seinen Lieblingsspielzeugen. Am 11. April 1977 ließ sich der 47jährige, der Geld wie Schnee hatte, bei Val-d’Isère in den französischen Alpen in Begleitung eines Skilehrers und eines Bergführers von einem Hubschrauber auf einen 3.000 Meter hoch gelegenen Sattel des Col du Bouchets bringen, wodurch er die Mühen der Akklimatisierung an die Höhe einsparte, dafür die Jungfräulichkeit des dortigen Tiefschnees gewann.** Prompt geriet auch er, wie im Vorjahr woanders Gabl, bei der Abfahrt in eine Lawine. Nun brachte der Hubschrauber, während der Skilehrer eifrig grub, einen Arzt. Doch Sachs war schon erstickt. Es läßt sich bestimmt ein angenehmerer Tod denken, zum Beispiel der seines Vaters Willy, der sich 1958, mit 62 Jahren und somit reichlich spät, erschoß.

Der anarchistisch gestimmte französische Ethnologe Pierre Clastres (1934–77) unterlag dem Charme des Machtmittels „Automobil“. Clastres hatte sich besonders südamerikanischen „primitiven“ Gesellschaften und der Frage der politischen Macht beziehungsweise der Möglichkeit, sie zu verhindern, gewidmet. Seine wohl bekannteste Veröffentlichung ist die Aufsatzsammlung La Société contre l'État von 1974.*** Drei Jahre darauf, am 29. Juli 1977, kam der 43 Jahre alte Autor bei einem Autounfall im oder beim südfranzösischen Städtchen Gabriac (bei Alès) um. Paul Auster zufolge****, der sich offenbar auch nur auf Hörensagen stützen kann, war Clastres von der Straße abgekommen und einen Abhang hinuntergestürzt. Es sei eine Gemeinheit gewesen. Von wem oder was, läßt Auster offen. Der damals noch unbekannte US-Schriftsteller hatte 1976 eine englische Übersetzung von Clastres' erstem Buch Chronique des indiens Guayaki angefertigt, die allerdings erst 1998 erschien.

* Volkszeitung (Klagenfurt) 19. Januar 1976
** Spiegel 17/1977
*** deutsch Staatsfeinde: Studien zur politischen Anthropologie, Frankfurt/Main 1976
**** im Essayband Die Kunst des Hungers, Reinbek 2000



Gaetano, Rino (1950–81), italienischer Liedermacher. Die Klippen, die seine Lieder in harmonischer und melodischer Hinsicht vermissen ließen, versteckte er in ihren vorgeblich „leichten“ Texten, die dadurch ironische, zuweilen sogar bittere Züge bekamen. Als Ironie, nämlich auf seine nette schlacksige Erscheinung, konnte man auch die kehlige Ochsentreiberstimme des jungen Mannes aus Kalabrien auffassen, mit der er seine Lieder vortrug. Möglicherweise verleitete sie Tom Waits, der inzwischen schon erheblich älter als sein italienischer Kollege ist, zum Irrglauben, auch er selber, der Krächzer aus Kalifornien, habe das Zeug zu einer großen Bühnenkarriere.

Neben den Beatgruppen und Sängern wie Adriano Celentano und Bob Dylan schätzte Gaetano Beckett, Ionesco, Majakowski und spielte auch selber in Stücken von diesen mit. Er machte sich in Rom, wo er zur Schule gegangen war, einen Namen als Kabarettist und „Entertainer“ und schaffte es bald nach seinem aus dem Alltagsleben gegriffenen Hit Ma il cielo è sempre più blu (Aber der Himmel ist immer blau) von 1975 auch ins Fernsehen. Der Unterhaltungskünstler Gaetano nahm biedere Familienväter und glühende Anarchisten gleichermaßen für sich ein. Nach dem Schunkel-Preislied Aida (1977) legte er mit Nuntereggae più (Ich ertrage dich nicht mehr, 1978) eine Satire auf die korrupte Elite seines Landes vor. Mit Gianna (über Nachtleben und Ernüchterung) belegte er im selben Jahr den dritten Platz auf dem züchtigen San-Remo-Festival, auf dem damit erstmals das Wort „Sex“ gefallen war.

Als er drei Jahre darauf in Rom verunglückte, saß der 30jährige Sänger und Komponist allein in seinem neuen silberfarbigen Volvo 343. Möglicherweise oder sogar wahrscheinlich durch Übermüdung, vielleicht auch durch einen Schwächeanfall (Autopsie) aus der Spur gekommen, prallte Gaetano in den frühen Morgenstunden des 2. Juni 1981 gegen einen Kleinbus oder Lastwagen, fiel ins Koma und starb noch am selben Tag. Der „gegnerische“ Fahrer blieb offenbar unverletzt, führen doch einige Quellen, darunter die italienische Wikipedia, Aussagen von ihm an. Von Verdachtsmomenten oder gar Anklagen gegen ihn ist nichts zu lesen – dafür umso mehr von den üblichen Orakeln, der zugleich aufmüpfige wie erfolgreiche Künstler sei Opfer eines Anschlages geworden.

Die Prager Subkulturistin Jana „Honza“ (Hänschen) Černá (1928–81) war die Tochter der Journalistin Milena Jesenská und des Architekten Jaromir Krejcar, die beide vorübergehend dem Kommunismus (der SU) anhingen. Über die berühmte Mutter, zeitweise eng mit Kafka befreundet, habe ich bereits in meiner Arbeit über Mordopfer geschrieben (Kapitel 105), weil sie von den deutschen Faschisten verhaftet und ins KZ Ravensbrück gesteckt worden war, wo sie 1944 mit 47 Jahren umkam. Die kleine Honza war nach Jesenskás Verhaftung bei ihrem Großvater Jan Jesensky geblieben, einem stadtbekannten Zahnarzt. Er ermöglichte ihr den Besuch des Gymnasiums und einer Kunstschule. Als er 1945, kurz nach Kriegsende, starb und Honza eine Menge Geld hinterließ, war sie 17.

Zeitzeugin und Filmemacherin Nadja Seelich behauptet*, Honza habe den Geldsegen innerhalb eines Jahres mit ihren Freunden durchgebracht und überhaupt nie mit Geld umgehen können. Das war umso ungünstiger, als Honza vom kommunistischen Regime, ihrer Herkunft wegen, geschnitten wurde und sich mit unterschiedlichsten Gelegenheitsarbeiten, Kunstprodukten und wohl auch Bettelei über Wasser zu halten versuchte. Einige harmlose Geschichten brachte sie gelegentlich in der offiziellen Presse unter, während ihre in Untergrundverlagen publizierten Texte selbstverständlich kein Geld abwarfen, höchstens Ärger. Honza war viermal verheiratet und gebar fünf Kinder. Angeblich neigte sie zur Vernachlässigung ihrer Kinder und saß deshalb auch einmal für ungefähr ein Jahr im Gefängnis, 1962/63 in Pardubice. Laut Seelich muß sie das Urbild einer Punkerin gewesen sein: groß und massig, Hängebusen, strähniges dunkles Haar, Männerkleider und so weiter, dabei gern betrunken, wortbrüchig, lügenhaft und immer für grandiose Pläne, Aufregung, Ärger, aber auch Liebenswürdigkeiten und eigenwillige Texte gut. Ihre „samtigen Töne“ hätten zwischen Surrealismus, Marxismus und Obszönität vibriert, und es sei unmöglich gewesen, sie ihr nicht abzunehmen. Ich habe Seelich und noch eine andere Fachfrau brieflich gefragt, ob die Behauptung zuträfe, die schwierige und schwere Lebenskünstlerin habe ausgerechnet eine Bulldogge besessen, und was es übrigens mit dem Autounfall auf sich hatte, den sie am 5. Januar 1981 (in Prag?) mit 52 Jahren erlitten oder bewerkstelligt haben soll – keine Antwort.

Vielleicht darf man sagen, der britische Musiker und Komponist Cornelius Cardew (1936–81), Sohn eines Töpfers, zeitweise Assistent von Karlheinz Stockhausen in Köln, später in Berlin (1973) an der heldenhaften Verteidigung des teilweise besetzten Kreuzberger Hauses Bethanien beteiligt, habe zeitlebens zwischen Avantgardismus und Maoismus vibriert. Cardew hatte Piano, Cello und Komposition studiert. Seine materielle Basis waren nun Lohnarbeiten als Grafiker und Lehraufträge an Musikschulen von Rom über New York bis London. Hier nahm er 1968 die Gelegenheit wahr, am Morley College eine Klasse für experimentelle Musik zu eröffnen. Später jedoch, um 1975, inzwischen Autor des kämpferischen und selbstanklägerischen Buches Stockhausen Serves Imperialism, richtete er lieber einen Kurs für Politisches Lied am berühmten Goldsmiths-Institut (College und Kunstakademie) ein. 1979 war er Mitgründer der x-ten „antirevisionistischen“, dieses Mal streng an Albanien orientierten maoistischen Sekte der Insel, der Revolutionary Communist Party of Britain (Marxist-Leninist). Zwei Jahre darauf war er tot. Damals lebte er mit seiner dritten Ehefrau Sheila Kasabova in Leyton, East London. Am frühen Morgen des 13. Dezember 1981, einem Sonntag, sei der 45jährige, so heißt es, auf dem Fußweg von Stratford Station zu seiner Wohnung das Opfer eines Autofahrers geworden, der Fahrerflucht begangen habe. Die Straße war vereist, dunkel und unbelebt. Der Coroner erkannte später auf Unfall. Da der hit-and-run driver angeblich nie gestellt wurde, kamen hier und dort verständlicherweise Mordgerüchte auf.** Schon Cardews einstigem Schulleiter an der Londoner Royal Academy of Music war der hochbegabte, aber sehr „schwierige“ Jüngling (um 1955) ein Greuel gewesen: schüchtern, introvertiert, selbstbezogen, „für die meisten Menschen einfach abscheulich“. Es habe Cardew an Güte und Demut gefehlt. „Jeder war froh, als er ging.“

Zwar hatte der „Star der christlichen CD-Produktion“ Keith Green (1953–82) bereits im zarten Knabenalter (an der US-Ostküste) als Sänger und Pianist brilliert, doch dann drohte er auf die schiefe Bahn zu rutschen, weil er sich in den Genuß von Drogen, Freier Liebe und esoterischer Weisheitslehren stürzte. Seine Rettung scheint eine gewisse Melody gewesen zu sein, die er 1973 heiratete, und zwar kirchlich-christlich. 1979 erwarben die beiden eine ausgedehnte Farm in Lindale, Texas, sodaß sie ihr (angeblich gemeinnütziges) Unternehmen Last Days Ministries (LDM) beträchtlich erweitern konnten. Green war nämlich, wie Melody, erklärter Jünger von Jesus geworden und widmete sich hinfort der entsprechenden aufklärerischen Musik („O Lord, You're Beautiful“) sowie dem missionsdurchtränkten Samariterdienst an Armen und anderen Hilfsbedürftigen. Was Wunder, wenn auch Bob Dylan bald zu seinen Freunden zählte. Am 28. Juli 1982 war Dylan allerdings nicht mit von der Partie. An diesem Tag veranstaltete der 28jährige christliche Künstler für ein paar BesucherInnen einen Rundflug über sein knapp 57 Hektar großes Anwesen – der vorzeitig in einem Absturz endete. Alle 12 Insassen der sechs- bis achtsitzigen Cessna 414 kamen um: Green selber, seine Kinder Josiah (3) und Bethany (2), das Ehepaar John und Dede Smalley und dessen sechs Kinder sowie der Pilot Don Burmeister. Diesem wurde später die Schuld zugewiesen, weil seine Maschine um rund 200 Kilogramm überladen gewesen sei. Irgendein Fehler (den das Main-Echo übersehen hat***), muß sich auch in Greens Song „Gott breitet seine Arme aus“ befunden haben. Vielleicht sollte man aber auch nicht zu viel verlangen – immerhin bekamen alle Zwölf ein schönes christliches Begräbnis.

* in: Dagmar C. G. Lorenz (Hrsg): Contemporary Jewish Writing in Austria, University of Nebraska Press 1999, S. 282–86. Einen Dokumentarfilm Sie sitzt im Glashaus und wirft mit Steinen über C. legte Seelich 1992 vor.
** Richard Gott über John Tilburys Biografie, London Review of Books, Vol. 31 No. 5, 12. März 2009, Seite 9–11 (besonders vorletzter Absatz)
*** Green in Erlenbach, 26. November 2008



Gagarin, Juri (1934–68), Kosmonaut >Freeman, Theodore


Gage, Phineas (1823–60), US-Gleisbauarbeiter, dem ein schnödes Stopfeisen „das vielleicht berühmteste Trauma der Medizingeschichte“ einbrachte.* Die Sache trug sich im September des Jahres 1848 zu, als Gage erst 25 war. In der Nähe von Cavendish, Vermont, beim Gleisbau für die Rutland and Burlington Railroad eingesetzt, hatte er Bohrlöcher im Fels mit Schießpulver und anschließend mit Sand zu füllen. Dazu wurde jenes „Stopfeisen“ benutzt: ein rund ein Meter langer Metallstab von drei Zentimeter Durchmesser und 6 Kilogramm Gewicht. Als Gage den Stab am Unglückstag versehentlich in ein Loch stieß, in dem der Sand noch fehlte, schlug der Stab Funken und wurde durch die Explosion des Schießpulvers raketenähnlich fortgeschleudert. Da war freilich Gages Schädel im Weg. Der Stab durchbohrte diesen vom linken Auge her in steiler schräger Bahn und flog noch dem Wiederaustritt noch 20 Meter weiter.

Obwohl der junge Gleisarbeiter durch die Attacke ungefähr „eine halbe Teetasse voll“ an Gehirnmasse verloren hatte, büßte er erstaunlicherweise weder sein Leben noch auch nur sein Bewußtsein ein. Man schaffte ihn in den nächsten Gasthof und alarmierte die Ärzte, die Gage sogar mit Humor begrüßt haben soll. Das wildgewordene Stopfeisen hatte ihm zunächst „nur“ das linke Augenlicht geraubt. Der Wundkanal heilte mit der Zeit. Nach verschiedenen Zurschaustellungen des sensationellen Pechvogels (und seines Stopfeisens) soll Gage sogar wieder auf herkömmliche Weise erwerbstätig gewesen sein, dieses Mal als Postkutscher in Chile. Allerdings war eine unvorteilhafte Veränderung von Gages Persönlichkeit zu beklagen: er sei „ungeduldig, leicht erregbar, vulgär“ geworden. Das habe sich allmählich wieder gemildert, vielleicht wegen seiner „Integration“ ins gesellschaftliche Leben. Doch dafür suchten ihn zuletzt epileptische Anfälle heim, die sich rasch verstärkten. Daran starb er knapp 12 Jahre nach dem makaberen Unfall, mit 36 oder 37 Jahren, in San Francisco, Kalifornien, wo ihn seine Mutter aufgenommen hatte. Anschließend machten sich die Forscher über sein Hirn her. Wie sich versteht, war jene halbe Teetasse voll, die er verloren hatte, in den nächsten Jahrzehnten für die Ausfüllung zahlreicher Zeitschriften- und Buchseiten gut.

* Ronald D. Gerste, Neue Zürcher Zeitung, 9. September 2009


Gähler, Markus (1966–97), Skispringer >Ausserleitner, Paul


Gaillard, Félix (1919–70), französischer „radikalsozialistischer“ Politiker, 1957/58 kurzzeitig Regierungschef. Er stürzte, weil ihm angeblich die eigene Armee in Algerien wider seine Gesprächsbereitschaft durch Bombardierung der „Rebellen“ ein Bein gestellt hatte. Bis 1961 war der Sohn eines stein- oder kohlereichen Bergwerksbesitzers dann noch Vorsitzender seiner Partei. Er soll auch weiterhin (als Politiker) „glücklos“ gewesen sein, aber immerhin besaß er eine Yacht, Marie Guillon mit Namen. Im Juli 1970 ging sie im Ärmelkanal unweit der Insel Jersey unter. Nach damaliger Meldung der Palm Beach Post (Florida, USA)* war Gaillard zur britischen Küste unterwegs gewesen, und zwar in Begleitung von einem Freund und zwei Freundinnen, unter denen sich offensichtlich, von den Namen her, nicht Dolores, die Mutter seiner vier Kinder, befand. Wahrscheinlich seien alle vier Vergnügungsreisenden der Explosion eines an Bord befindlichen Gas-Zylinders zum Opfer gefallen. Auch der Spiegel meinte etwas später (30/1970), die Yacht sei „explodiert“. Da nirgends Trauer geheuchelt wird, dürfte ein Anschlag ausscheiden.

Aus wohlhabender und gebildeter jüdischer Familie stammend, hatte István Kertész (1929–73) als Knabe die bekannten Verfolgungen seitens deutscher und ungarischer Faschisten sowie diverse Luftangriffe überlebt – um mit 43 Jahren bei einem Freizeitvergnügen in Israel umzukommen. Kertész hatte nach dem Krieg in Budapest Musik studiert und war Dirigent geworden. 1957, nach dem gescheiterten antikommunistischen Aufstand und dem Einmarsch der Sowjetunion, ging er in den Westen und machte Karriere. Er dirigierte Starorchester in der ganzen Welt. Ab Herbst 1973 sollte der Kölner „Generalmusikdirektor“ zusätzlich Chefdirigent der Bamberger Symphoniker werden. Vorher reiste er nach Israel, um mit dem dortigen Philharmonic Orchestra zu arbeiten. Das war keine gute Idee gewesen. Mitte April 1973 zwischen seinen Terminen in der Nähe von Tel Aviv an einem unbewachten Strand ins Mittelmeer hinausgeschwommen, ertrank Kertész, weil er von einer starken Strömung überwältigt wurde. Seinem Mitschwimmer Takao Okamura gelang es dagegen, derselben Strömung zu widerstehen und sich an Land zu retten, wie damals eine, vielleicht auch schon die einzige Bamberger Lokalzeitung berichtete.** Zwei am Strand zurückgebliebene SängerInnen hätten Alarm geschlagen, doch selbst ein Polizeihubschrauber habe dem Dirigenten nicht mehr helfen können. Er sei erst nach 45 Minuten aus dem Wasser geborgen worden: tot. Weder der viertürmige Bamberger Dom noch ein minaretthoher Stapel von Einspielungen hatten Kertész, der drei Kinder zurückließ, im Mittelmeer genützt. Der japanische Baß-Sänger Takao Okamura, damals 41 und am Kölner Opernhaus engagiert, scheint noch zu leben. In seiner Badehose möchte wohl keiner gern gesteckt haben oder noch stecken.

Da die Komiker-Karriere Joe Flynns (1924–74) mit Bauchrednereien für Kameraden in der glorreichen US-Armee begonnen hatte, fand er mit seinem durchtränkten Gipsbein ohne Zweifel ein würdiges Ende (dagegen keine Ente, wie ich hoffe). Der Arztsohn aus Ohio war nach dem Krieg Schauspieler geworden und hatte sich vor allem in Rollen vertrottelter Autoritäten viele LacherInnen geschaffen. Bald stieg er in Kino und Fernsehen zum Star auf, zumal er trotz aller Komik stets Patriot blieb. Was Wunder, wenn er dann standesgemäß in Beverly Hills, Kalifornien, in einer Villa mit Swimmingpool residierte. In einer Julinacht 1974 muß der 49jährige trotz eines gebrochenen und deshalb mit Gips ummantelten Beines Erfrischung im Wasser gesucht haben, fanden ihn doch Verwandte bei Tage auf dem Grund seines Swimmingpools – ertrunken. Wahrscheinlich hatte er einen Herzanfall erlitten und war anschließend von seinem Gipsbein unter Wasser gezogen worden.*** Die Behörden hielten einen Verdacht auf „foul play“ für unangebracht.

Der irisch-britische Schriftsteller James Gordon Farrell (1935–79) war von College-Zeiten an mit Kinderlähmung (Polio) beziehungsweise deren Folgen geschlagen – schon ein Skandal für sich, wenn auch offiziell kein „Unfall“. Er studierte Französisch und Spanisch und betätigte sich anschließend, teils im Ausland, zunächst als Sprachlehrer, machte dann aber mit erzählender Prosa in Englisch auf sich aufmerksam. Dabei verschob sich sein Interesse vom Autobiografischen aufs Historische. So legte er 1970–78 eine Roman-Trilogie über den Zerfall des britischen Empires vor, den er keineswegs beklagt, vielmehr verspottet. Farrell soll erklärtermaßen nicht-avantgardistisch, dafür fesselnd geschrieben haben. Im Frühjahr 1979 bezog der 44jährige ein Häuschen auf der südwestlich von Cork gelegenen irischen Halbinsel Sheep's Head, offenbar allein. Er hatte ein neues Manuskript in Angriff genommen. Der ehemalige College-Rugby-Spieler war beileibe kein Frauenverächter, zumal er trotz seiner Krankheitsspuren ein charmanter Bursche gewesen sein soll. Er fürchtete sich jedoch vor den Fesseln seiner Geliebten und hielt jede bald durch Briefe auf Distanz, aber eben auch bei Sympathie.

Sein Sport, der ihm nebenbei so manche Pfanne füllte, war nun das Fischen. Einer zufälligen Augenzeugin zufolge****, Pauline Foley, angelte der Schriftsteller am 11. August des Jahres bei rauhem Wetter an der Küste der nahen Bantry Bay von umtosten Klippen aus. Wegen seiner Behinderung hatte er die Rute auch mit einem Arm eingeklemmt, was sicherlich nicht zu seiner Standfestigkeit beitrug. Mit dem anderen Arm habe er der Wanderin und ihren Kindern sogar kurz zugewunken. Dann habe er die Leine ausgeworfen – und sei wahrscheinlich ausgerutscht und aus dem Gleichgewicht geraten oder beides, jedenfalls als Folge davon ins aufgewühlte Wasser gefallen. Merkwürdigerweise habe er sich nicht gewehrt. Sein Kopf war noch über Wasser; Farrell blickte Foley an, winkte oder rief jedoch nicht. Dann sei er fortgespült worden. Man barg seine Leiche erste Tage später. Vielleicht hatte Farrell verhüten wollen, daß die Frau und deren Kinder bei Rettungsversuchen ebenfalls umkommen würden. Vielleicht war er aber auch, über seine Behinderung hinaus, durch einen Schock außer Gefecht gesetzt, wie seine Biografin Lavinia Greacen annimmt. Ein Selbstmord wird für unwahrscheinlich gehalten, weil Farrell gerade gut im Schreiben und im Geschäft war und die größten Erfolge noch vor sich hatte.

* Sonntag 12. Juli 1970. Das Unglück geschah wohl am Freitag.
** Fränkischer Tag, 18. und 19. April 1973
*** Jon C. Hopwood auf IMDb
**** Mike Collins / Richard Woods auf Cork University Press 8./7. Februar 2010



Gaillard, Micha (1957–2010), Politiker >Konrad, R. E.


Gailly, Étienne (1922–71), Leichtathlet >Ben Tifour, Abdelaziz


Gaines, Steve (1949–77), US-Gitarrist, seit 1976 bei der Southern-Rock-Band Lynyrd Skynyrd aktiv. Im folgenden Jahr, Mitte Oktober 1977, brachte die Band ihr jüngstes Album unter dem Titel Street Survivors heraus. Drei Tage nach der Veröffentlichung kamen vier Bandmitglieder, darunter Gaines (28) und seine Schwester Cassie (29), sowie zwei Piloten zu Tode – wenn auch nicht auf der Straße, so doch günstig genug, um die Absatzkurve der erwähnten Langspielplatte in höhere Luftschichten zu treiben. Die Band hatte sich mit im ganzen 26 Personen an Bord einer gecharterten Convair CV 240 auf einem Inlandsflug befunden. Bei Gillsburg, Mississippi, stürzte die Maschine über sumpfigem Gebiet in ein Gehölz, weil ihr das Benzin ausgegangen war. Der für den Abend geplante Auftritt der „Street Survivors“ in Baton Rouge, Lousiana, fiel aus.

Übrigens kam die Straße noch zu ihrem Recht. Keine zwei Jahre nach dem Unglück, im Februar 1979, wurde die 52 Jahre alte Mutter der Geschwister Gaines, die ebenfalls Cassie hieß, bei einem Autounfall getötet – zufällig nicht weit von dem Friedhof in Orange Park, Florida, entfernt, wo ihre Kinder Cassie und Steve bestattet worden waren. Prompt wurde auch sie dort begraben.* Vergessen wir aber Bob Burns nicht, Schlagzeuger und als solcher Gründungsmitglied von Lynyrd Skynyrd. Er starb am 3. April 2015 mit 64 Jahren, weil er in Cartersville, Georgia, von der Straße abgekommen und vor einen Baum gefahren war.

Der real existierende Sozialismus hielt mit. Im November 1978 waren die DDR-Rocker von Lift mit ihrem Wartburg in Polen unterwegs – Unfall bei Kalisz. Man stieß in einer flott genommenen Linkskurve mit einem entgegen kommenden Lastwagen zusammen. Henry Pacholski (1949–78) und Gerhard Zachar (1945–78), 29 und 33 Jahre alt, starben; Keyborder Michael Heubach wurde schwer verletzt. Man habe das Ereignis einige Monate später im Titel Am Abend mancher Tage „verarbeitet“, heißt es im Wikipedia-Artikel über die Band. Trifft diese Darstellung zu, besteht eine Verarbeitung eines bestimmten Vorfalls darin, sich mit Hilfe einer in die nebelverhangene Ostsee geworfenen Kette aus zahnfleischlösenden Gemeinplätzen so weit wie möglich von diesem Vorfall (und dem Straßennetz) zu entfernen.**

Der Ostberliner „klassische“ Komponist Frank-Volker Eichhorn (1947–78), trotz seiner Jugend mehrmals preisgekrönt, soll mit 30 Jahren bei einem Autounfall umgekommen sein. Wie gewohnt, werden die Einzelheiten verschwiegen.

* Find A Grave
** Lift in Erfurt 2012Songtext von Joachim Krause



Gálvez, Isaac (1975–2006), Radsportler >Gillett, Amy


Gameiro, Ruy Roque (1906–35), portugiesischer patriotisch und gigantisch gestimmter Bildhauer, der sich vor allem mit einigen monumentalen (steinernen) Denkmälern zu Ehren der fürs Vaterland „gefallenen“ Weltkrieger einen Namen machte. Mit jedem dieser Werke könnte man, falls man sie sprengte, ganze Kompanien erschlagen. Fürs eigene Ende bevorzugte der Sohn eines Malers aber mobile Maschinen. An einem Sonntag Mitte August 1935 mit Gattin Maria Helena Castelo Branco auf einem Motorrad heimwärts Richtung Lissabon unterwegs, prallte der 29jährige beim Städtchen Sintra in einer Kurve mit einem Automobil zusammen. Das Ehepaar starb. Das Schicksal der Gegenpartei wird nirgends erwähnt.


Gammon, Patricia, 47 oder 58, Großmutter >Fehér, Miklós


Gandhi, Sanjay (1946–80), Politiker >Girdler, William


Gandorfer, Ludwig (1880–1918), bayerischer Landwirt und Politiker, zunächst der SPD, dann ab 1917, als Kriegsgegner, der USPD. Seit 1912/13 war der Betreiber des ansehnlichen Zollhofs in Pfaffenberg, Landkreis Straubing, vollständig erblindet. Das verdankte er aber wider Erwarten nicht seiner bekannten Streitlust und Hitzköpfigkeit. Nach Richard Dill* soll ihm ein Ochse schon in jungen Jahren ein Auge ausgestochen haben. Den Verlust des zweiten Augenlichts habe seiner Familie zufolge eine Netzhautablösung aufgrund einer aus „Deutsch-Ostafrika“ mitgebrachten Malaria bewirkt. Dort hatte sich Gandorfer kurzzeitig (1904/05) als Farmer versucht. So galt er später überall als „der blinde Bauernführer“, und zumindest die erste Hälfte dieser Bezeichnung stimmte.

Für sein Gut, wie man wohl schon sagen kann, hatte Gandorfer einen Verwalter. Ab ungefähr 1915 war das Xaver Seitz, der drei Jahre darauf auch in dem (angeblichen) Unfallauto neben seinem Dienstherren sitzen sollte. Gandorfer hatte zudem eine Gattin, seit 1908. Diese Ehe mit Katharina Lang blieb jedoch kinderlos und womöglich nie vollzogen. Manche munkelten, wenn (der blinde) Gandorfer mit Eisner, dem Chef des jungen bayerischen „Freistaats“ (der bald darauf in der „Räterepublik“ münden oder besser stranden sollte) Arm in Arm durch das „befreite“ München gezogen sei, habe sich darin nicht nur Gandorfers Nähe zur Revolution ausgedrückt. In dieser Sicht drückte sich vermutlich Schwulenhaß aus. Vielleicht war Gandorfer zu Katharina einfach zu ruppig gewesen. Als ihm sein Erzfeind Karl Pracher, seines Zeichens Bezirksamtmann, 1905 einen Jagdschein verweigert, tut er es mit Verweis auf Gandorfers beachtliches Vorstrafenregister: „wegen Körperverletzung, also Rauferei, und Sachbeschädigung“, wie Dill schreibt. Durch den kleinen Zusammenstoß, der sich aus Prachers Weigerung in dessen Mallersdorfer Bezirksamt ergibt, kommen gleich noch einmal zwei Monate Gefängnis hinzu, wegen „Störung des öffentlichen Friedens“.

Für Johann Kirchinger** wurzelt die Wandlung des Großbauern Ludwig Gandorfer zum „Linken“ just in solchen, von Gandorfer so empfundenen „Willkürakten“ der Obrigkeit, und nicht etwa in seinem Glauben an den Sozialismus. Zudem sei er gegen 1918 hochverschuldet gewesen. Im Gegensatz zu seinem gleichfalls bekannten und begüterten, erheblich behutsamer taktierenden Bruder Carl habe der in Trennung von seinem Weib lebende, kinderlose Gandorfer also durch „die Revolution“ nicht viel zu verlieren gehabt. Was die Brüder teilten, war wohl die Wut auf die kriegsbedingten Abgaben und Einschränkungen, die selbst Agrarkapitalisten ins Fleisch schnitten. Allerdings hatte Ludwig Gandorfer „der Revolution“ auch nicht viel zu bieten, findet Kirchinger. Sein Einfluß unter der Landbevölkerung sei sehr gering gewesen. Die Sicherung der Versorgungslage (Land ernährt Stadt), die sich die Revolutionäre von ihm versprachen, hätte Gandorfer wahrscheinlich niemals gewährleisten können. Eisner habe vornehmlich auf den „symbolischen“ Wert Gandorfers und auf die Zugkraft des brüderlichen Namens gebaut. Konsequent sei er nach seinem, für viele „verdächtigen“ Unfalltod von Eisner & Genossen zum Ideengeber, ja zum „blinden Seher“ und selbstverständlich zum Märtyer der Revolution ausgerufen worden.

Sei es nun mit Gandorfers Motiven und Potenzen wie auch immer bestellt gewesen, jedenfalls stieg er im Laufe der Weltkriegsjahre auf. Sein Gutshof mauserte sich zum beliebten Treffpunkt der Revolutionäre; er selber zum engen Mitstreiter Kurt Eisners, den man nach den Münchener Aufständen am 8. November 1918 zum bayerischen Ministerpräsidenten erkor. Anders wie Eisner, der vier Monate darauf durch Anschlag ermordet wurde, kam Gandorfer aber bereits zwei Tage nach dem Umsturz, am 10. November, durch einen (angeblichen) Autounfall um. Andernfalls wäre der breitschultrige 38jährige „Bauernführer“ und vermeintliche Garant für die Lebensmittelversorgung des roten Münchens sehr wahrscheinlich Vorsitzender des „Zentralen Bauernrats“ geworden. Diesen Posten übernahm dann sein Bruder Carl. Genau aus diesem Grund, Sicherung der Ernährung, hatten sich, Dill zufolge, am Unfalltag sieben Personen in den vom Münchener Soldatenrat beschlagnahmten geräumigen, dreibänkigen Fiat des Prinzen Joachim Albrecht von Preußen gezwängt. Man sicherte diesem die Rückerstattung nach dem Ende der Überlandfahrt zu. Beide Vorhaben zerschlugen sich jedoch.

Hauptaugenzeuge der gewaltsamen Fahrtunterbrechung war Gandorfers schon erwähnter Gutsverwalter Seitz, der zu den immerhin sechs Überlebenden des Unfalls zählte. Nach Dill hat es sogar, wegen verschiedener Klagen auf Entschädigung, ein Gerichtsverfahren gegeben, doch seien die vorhandenen Unterlagen „durchaus lückenhaft“ – wobei nicht die geringste Lücke darin bestehen dürfte, daß der erlauchte Fiat nach dem Unfall, so Dill, verschwand und nie mehr auftauchte. Am frühen Vormittag des besagten Sonntags kam der Wagen kaum über Schleißheim hinaus, das im Norden nahe bei München liegt. Nach Seitz' Aussage ging Sebastian Scharrer, ein erfahrener Kraftfahrer, die Landstraße in „gehörigem Tempo“ an. Vor einer Kurve habe der Wagen plötzlich „einen Ruck bekommen“, worauf er hinten ins Schleudern geraten und gegen einen Alleebaum gestoßen sei. Dadurch seien die drei Männer auf der hintersten Sitzbank aus dem Wagen gestürzt. Der Wagen selber landete im Graben. Von den Gestürzten kam lediglich Gandorfer um – Schädelbruch. Er starb auf der Stelle. Zufällig war er die Hauptperson des Unternehmens gewesen.

Sogar Dill räumt ein, wenn auch mit anderen Worten, jeder kritische Kopf werde sich angesichts solcher Unfallmeldung fragen, ob die Revolution „nur“ zu schnell gefahren sei, oder ob ihr jemand ein weißbestrumpfes Bein gestellt habe. Kirchinger behauptet jedoch, eben Dill habe die „vor allem von dem Straubinger Heimatforscher Rupert Sigl kolportierten Gerüchte“, Gandorfer sei ermordet worden, „eindeutig widerlegt“. Offenbar baute Sigl*** auf Aussagen oder Gerüchte, wonach eine Leichenfrau von Anzeichen einer Schußwunde auf der Stirn des toten Gandorfers gesprochen hatte. Allerdings kommt mir Kirchingers Behauptung über Dills Eindeutigkeit mehr als kühn vor. Zur Stützung führt er einen Satz von Dill an, den man glatt für krank oder verunglückt halten könnte: „Alle Mordtheorien kranken daran, daß es zu viele Beteiligte gab, die nicht in eine Täter- oder Mitwissergruppe eingeordnet werden können.“ Ja nun – und wenn schon? Warum sollen sich unter den „vielen“ Beteiligten, ob innerhalb oder außerhalb des fürstlichen Fiats, nicht jede Menge Uneingeweihte befunden haben, deren Leben möglichen Attentätern scheißegal gewesen wären?

Selbstverständlich hätte ein Anschlag bei diesem (Un)Fall nichts Verblüffendes. Dill selber räumt sogar ein, Gandorfer habe ohne Zweifel zu den Personen gehört, die die abgesetzten Machthaber in Regierung und Militär am meisten fürchteten und haßten. Deshalb sei ihnen der bedauerliche Unfall sicher sehr gelegen gekommen. Das nun weist Kirchinger, übrigens Kirchengeschichtler an der Universität Regensburg, wiederum zurück. Gandorfers Tod habe der völkischen Rechten so gut wie keinen Nutzen gebracht: weil er ja ohnehin, wie schon gesagt, kaum Einfluß besessen habe und sofort durch seinen Bruder Carl ersetzt worden sei. In dieser Rechnung hat Haß keinen Platz. Oder die kaltblütige Erwägung: je mehr potentielle Staatsfeinde wir kaltmachen, um so besser. Sie bekundet nebenbei auch wenig Ahnung von dem rachedurstigen blutigen Wüten, das die „Weißen“ nach der Niederlage der Räterepublik an den Tag legten.

Gewiß scheidet ein Verdacht auf einen Saboteur unter den sieben Wageninsassen aus. Die Hochzeit des unbedenklichen Selbstmordattentates war noch nicht gekommen. Ähnlich skeptisch sollte man sicherlich auch Erzählungen über „weiße“ Heckenschützen oder BombenversteckerInnen aufnehmen, ist es doch recht unwahrscheinlich, daß es für einen Schuß oder eine Explosion, ja selbst für ein Reifenplatzen, nicht mehrere Ohrenzeugen gegeben hätte. Was aber nach einer Erklärung dürstet, sind mindestens zwei (angebliche) Tatbestände: Welchen rätselhaften „Ruck“ (so Seitz) erlitt der Wagen – und wie, warum und wohin verschwand er denn nur, dieser Wagen? Wobei wir noch nicht einmal wissen, in welchem Zustand er sich befand. Man kann lediglich darauf wetten, der gute Fürst hätte ihn am liebsten nicht als Wrack zurückerstattet bekommen. Es sei denn, sein Fiat war gut versichert.

* Richard Dill: „Ein Unfall, der gelegen kam“, in: Friedrich Weckerlein (Hrsg.): Freistaat!, München 1994, S. 146–56
** Johann Kirchinger: „Symbolische Politik in den Revolutionstagen. Die Stilisierung Ludwig Gandorfers zum Helden des Umsturzes von 1918/19“, in: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte (ZBLG), Band 75, München 2012, S. 843–66
*** 1984; wo, wird nicht gesagt, falls ich es nicht übersehen habe



Gardel, Carlos (c.1890–1935), argentinischer Tango-Star, Schwarm aller Frauen, vaterlos und ärmlich aufgewachsen in Buenos Aires, wo er bereits als Gassenjunge durch seine Singstimme aufgefallen war. Neben der Schule her bewährte er sich gelegentlich als Theaterkulissenschieber. Dann stieg der zunehmend „blendend“ aussehende Sohn einer unverehelichten Büglerin zum Bühnenkünstler auf und etablierte den Gesang im bis dahin instrumentalen Tango – und sich selber nebenbei im Fach Helden-Bariton. 1915 fing er sich im Rahmen eines kleinen Nachtclubstreites einen Pistolenschuß in die Brust ein. Da die Kugel, für alle Zeiten, in seiner Lunge steckenblieb, verlangte ihm die Fortsetzung seiner Karriere nicht wenig Disziplin ab. Um 1925 trat er bereits in Europa auf; bald darauf im Tonfilm. Seine wohl eher wenigen festen Liebschaften versuchte er geheim zu halten. Einige BeobachterInnen wären nicht verblüfft, wenn der Brecher unzähliger Frauenherzen schwul gewesen wäre, aber eine solche Unterstellung grenzt in Argentinien schon an Hochverrat.

Im Sommer 1935 befand sich Gardel auf einer Tournee durch die Karibik und das nördliche Lateinamerika. Am 24. Juni bestieg er in Medellín, Kolumbien, ein Charter-Flugzeug, das ihn mit seiner Truppe in die weiter südlich gelegene Großstadt Cali bringen sollte. Aus mir unbekannten Gründen mißlang der Start. Die Maschine kippte seitlich weg und stürzte auf ein anderes, geparktes Flugzeug. Beide Maschinen gingen in Flammen auf. Neben dem weltberühmten, ungefähr 45 Jahre alten Tangosänger und dem Piloten kamen etliche Musiker und andere BegleiterInnen um, darunter Gardels langjähriger Mitstreiter und Texter Alfredo Le Pera. Nicht zuletzt sollen sich kurz darauf einige erschütterte Fans umgebracht haben, so verehrt war der Mann. Die einen glaubten an Mord, die anderen an göttliche Vorsehung. An die Mobilität glaubten sie auch. Als Gardels Sarg in Buenos Aires zum Friedhof La Chacarita gefahren wurde, vermutlich per Automobil, sollen drei Millionen Menschen die Straßen gesäumt haben. Die Rinnsteine führten Tränenhochwasser, denn im Sarg lag ein abgestürzter, schwerreicher Aufsteiger.

Als wahre Stärke des britischen Wüstenhelden T. E. Lawrence (1888–1935), ursprünglich Archäologe, Leutnant und Geheimagent, soll sich die Schriftstellerei entpuppt haben. Jedenfalls wurde sein erstmals 1926/27 veröffentlicher und bald an die große Glocke gehängter autobiografischer Reise- und Kriegsbericht Die sieben Säulen der Weisheit schon um 1930 zu einer Säule der Weltliteratur ausgeformt. Der Autor hatte die Araber, im Interesse des Empires, erfolgreich zur Erhebung gegen die osmanische Herrschaft angestachelt und dabei die Führungsqualitäten eines echten Raubritters (auf Kamel) bewiesen. Nun glänzte die Säule seines Werkes vor allem von dem guten Licht, das Lawrence darin auf sich selber warf. Mit der Zeit kerbten allerdings etliche ForscherInnen ungefähr 1.000 Fragezeichen in die Säule, weil sie von Unwahrheiten wimmelte. Das mußte Lawrence, der sich inzwischen wieder in der Rolle des einfachen Militärangehörigen gefallen hatte, nur noch ansatzweise selber miterleben. 1935, kaum aus der Königlichen Luftwaffe verabschiedet, war er an einem Montag im Mai bei Wareham, Dorset, wo er ein Häuschen hatte und an Übersetzungen arbeitete, mit seinem Motorrad Brough Superior SS100 auf der Landstraße unterwegs. Dabei wollte er angeblich zwei Jungen auf Fahrrädern ausweichen, die er aufgrund eines Buckels in der Straße zu spät gesehen hatte. Beim Bremsen flog er über den Lenker und zog sich schwere Kopfverletzungen zu, denen er sechs Tage später in einem Militärhospital erlag. So gesehen, hatten zwei ungezogene Buben einen unschuldigen, erst 46 Jahre alten Wüstenfuchs zur Strecke gebracht. In einigen anderen Augen stiegen dagegen auch in diesem Fall böswillige Fallensteller auf, woran ich selber, mangels überzeugender Mordmotive, nicht glaube. Somit bliebe als Alternative nur noch die bekannte dritte Möglichkeit: er hat sich umgebracht, bei der man vermutlich, beflissen auf Motivsuche, rasch ins Uferlose geriete.

Ob jene Kinder oder Halbwüchsigen aufgetrieben und befragt wurden, könnte ich nicht sagen. Dafür habe ich den Eindruck, das Motorrad war länger als sein Fahrer. Hilde Spiel wies schon vor 55 Jahren* auf die Kleinwüchsigkeit des arabischen Napoleons hin, 1,65 Meter. Vielleicht hatte es ihn deshalb auf die Kamele gedrängt, wo er doch aus Wales nur Schafe kannte. Einige Quellen behaupten, nach Kriegsende habe er sich über das falsche Spiel gegrämt, das England und Frankreich (gegen die Türken) mit der arabischen Unabhängigkeitsbestrebung getrieben hatten – andere dagegen, er habe den Spielplan durchaus gekannt. Jedenfalls, so scheint es, war Lawrence mitnichten Rebell; er bewunderte starke Männer wie Mussolini, wahrscheinlich auch Hitler. Er grämte sich wohl eher über seine nicht untadelige Herkunft: der Vater, ein walisischer sogenannter Baron, hatte das Kindermädchen seiner eigenen Gattin geschwängert, mit der er offenbar nicht mehr zusammenlebte. So entstanden und in „wilder Ehe“ aufgewachsen, könnte der Sprößling gleichsam von Hause aus einerseits geltungssüchtig, andererseits insgeheim begierig nach Schattendasein, Selbstkasteiung oder ähnlichen Bestrafungen gewesen sein. In der Tat unterstellen ihm einige Quellen, er habe sich regelmäßig nach sadomasochistischer Art und Weise vergnügt. Dabei ist über sein Liebesleben so gut wie nichts bekannt. Spiel, die ihm mutig Verkrampftheit, Ruhmessucht und Verlogenheit bescheinigt, erwähnt als seine zeitweilige engste Vertraute die Gattin seines Freundes Bernard Shaw, Charlotte, die natürlich beträchtlich älter als Lawrence war. Ich könnte mir denken, im Grunde ermangelte es ihm an jeglicher inneren Festigkeit, auch Charakter genannt. Doch wie soll man sich dann seine unbestreitbaren Erfolge als Einfädler komplizierter geostrategischer Schachzüge und achtungsgebietender Beduinenführer erklären?

* Welt im Widerschein, München 1960, S. 103–7


Garden, Antje (1951–93), beliebte TV-Ansagerin und Moderatorin, zunächst beim DDR-Fernsehen, dann beim Nachfolgesender MDR. Hier zählte der ungefähr gleichaltrige Hans-Henry Wieczorek, Chef des Ressorts „sächsische Landespolitik“, zu ihren Kollegen, dem sich die mal blond-, mal rotmähnige, mit einem Schlagersänger verheiratete 42jährige im Mai 1993 wahrscheinlich, zu ihrem Schaden, zu blauäugig anvertraute. Sie begleitete ihn in seinem BMW zu nächtlicher Stunde vom Dresdener Presseball in die Diskothek Hollywood. Dabei geriet Wieczorek, der schon einiges getrunken hatte, auf der regennassen Bautzner Straße ins Schleudern und prallte mit rund 7o Stundenkilometern gegen einen Laternenmasten aus Beton. Während Garden, soweit ich weiß, noch in derselben Nacht starb, kam Wieczorek mit Verletzungen davon. Das scheint auch für das gerichtliche Nachspiel zu gelten. Andernfalls hätte der in Hannover ansässige Regionalverband Niedersachsen/Sachsen-Anhalt des bekannten gelblackierten Automobilfördervereins ADAC wohl kaum die Dreistigkeit besessen, 2005 ausgerechnet Wieczorek zu seinem Geschäftsführer zu bestellen. Dieser Posten hielt bis 2013, als der vielseitige Mann, inzwischen knapp 60, nach langen Querelen wegen (angeblicher) fragwürdiger Geschäftspraktiken im üblichen „beiderseitigen Einvernehmen“ seinen Hut nahm.

Auch der Witwer trieb es nicht schlecht. Knapp drei Jahre nach dem Tod seiner Frau, 1996, wurde Rainer Garden, der erwähnte Sänger und „Entertainer“, in Berlin wegen wiederholten Fahrens ohne Führerschein zu drei Monaten auf Bewährung verurteilt. Er hatte Tochter Maxi, 12, in seinem Ford Explorer zur Schule gefahren. Er zeigte sich reuig, bat jedoch mit der umwerfenden Erklärung um Verständnis, er habe an jenem Morgen das komische Gefühl gehabt, er müsse Maxi fahren, sonst passiere ihr etwas.*

Der Schöpfer von Romanen und Drehbüchern mit stark pornografischer, dabei vorzugsweise ruppiger Note Jean-Pierre Imbrohoris (1943–93), ein damals 50 Jahre alter Franzose, muß Mitte Dezember 1993 bei Montélimar, Südfrankreich, mit seiner gleichfalls schreibenden Gattin Nathalie Perreau, dem gemeinsamen Sohn und der 21jährigen Autorin Vanessa Duriès in einem Auto unterwegs gewesen sein, wie ich aus einem mageren Artikel der deutschen Wikipedia schließe. Das Auto verunglückte. Die genannten Insassen starben. Einzelheiten sind nirgends greifbar.

Dasselbe gilt für den nächsten Fall, wobei selbst die kroatische Wikipedia pietätvoll über die näheren Todesumstände schweigt. Der beliebte folkloristisch, patriotisch und vielleicht auch pazifistisch gestimmte Schlagersänger Tomislav Ivčić (1953–93) aus Zadar (an der dalmatinischen Küste) hatte sich zunehmend in die Politik eingemischt. Mit dem Sommer 1993 wäre er sogar ein „demokratischer“ Abgeordneter im Parlament seines erst kürzlich befreiten Landes gewesen, hätte ihm Anfang März in Zagreb nicht ein ärgerlicher Autounfall einen Strich durch die bereits realisierte Hochrechnung gemacht. Bei diesem Unglück fielen ebenfalls, wie in Südfrankreich, vier Tote an, Ivčić eingeschlossen.** Sicherlich hätte sich der zumeist als Schnauzbart abgebildete 40jährige im Zagreber Parlament sogleich für die Wiedereinführung des Pferdes, damit auch der entsprechenden Staatskarossen stark gemacht. „Er hinterließ seine Lieder, aber auch seine Frau Slavica und ihre gemeinsamen drei Kinder.“ ***

Der Fußballspieler Frank Jeske (1960–94), in seiner Hochzeit erfolgreicher „Torjäger“ des DDR-Oberligisten Stahl Brandenburg, war zuletzt bei Schwarz-Rot Neustadt/Dosse aktiv. Eben in dieser Gegend (nordwestlich von Berlin) kam es am Samstag dem 27. August 1994 auf der Rückfahrt von einem Auswärtsspiel, das im Städtchen Velten stattgefunden hatte, zu einem folgenschweren Autounfall. Laut Berichten der Märkischen Allgemeinen Zeitung (MAZ) flog ein mit drei schwarz-roten Ballkünstlern besetzter BMW 318 gegen 20 Uhr auf der Bundesstraße 102 zwischen Kampehl und Bückwitz aus einer Linkskurve, streifte Bäume, überschlug sich und blieb mit den Rädern nach oben auf einem Acker liegen. Fahrer R., 22, wurde schwer, Kamerad V., 30, nur leicht verletzt. Mannschaftskapitän Jeske war der einzige Tote, obwohl er hinten gesessen hatte. Der gelernte Werkzeugmacher, 34 Jahre alt und zweifacher Vater, hatte neuerdings ein Baugeschäft betrieben. Das blieb nun der Witwe, Karin. Das Ergebnis der polizeilichen Ermittlungen ist mir nicht bekannt. Jenes Baugeschäft dürfte eine Frucht der bekannten „Wende“ gewesen sein, wie auch R.s BMW.

Der stroh- bis aschblonde Rocksänger Alan Barton (1953–95) war zuletzt Frontman der britischen Popgruppe Smokie. Mitte März 1995 erlitt der Tourbus der Gruppe auf dem Weg zum Düsseldorfer Flughafen auf der Autobahn 4 bei Gummersbach Schiffbruch, wo er, von Eisglätte befördert und Hagelschauern begleitet, in eine Schlucht stürzte und sich mehrmals überschlug. Während Bartons MitstreiterInnen glimpflich davonkamen, zog sich der 41jährige Frontman (wo immer er auch gesessen haben mag) schwere Kopfverletzungen zu und starb nach einigen Tagen in einem Kölner Krankenhaus. Doch 2o14 tourt ein gewisser Dean Barton mit seiner Band The Spirit of Smokie durch Deutschland, und die Südwest Presse (vom 2. April) bescheinigt dem Sprößling verzückt „die gleiche rauchige Stimme“, die wir schon an Alan Barton liebten – na also. Er ist gar nicht wirklich tot. Allerdings würde ich seine Stimme eher brüchig nennen.****

* Berliner Kurier 10. Mai 1996
** Soweit ich einen Webbeitrag vom 4. März 2015 enträtseln konnte, steuerte I. einen Mercedes, der frontal mit einem BMW des Gegenverkehrs zusammenstieß – angeblich beim Versuch, einem Fußgänger auszuweichen.
*** ZADARdanas 7. Januar 2014
**** Living Next Door to Alice von 1972/77, hier gespielt in Norwegen 1992, drei Jahre vor dem Unfall



Garin, Wladimir W. (1987–2003), Schauspieler >Colby, William


Garrison, Arvin (1922–60), Jazzgitarrist >Hamerik, Ebbe


Gaßmann, Florian L. (1729–74), Komponist >Jars, Gabriel


Gaza, Wilhelm von (1883–1936), eigentlich von Gazen. Der Chirurg war zuletzt Professor und Klinikleiter an der Universität in Rostock, wo er auch, am 24. April 1936, mit 53 Jahren von einem Omnibus überfahren wurde und noch am selben Tag das Zeitliche segnete. So verkürzt, mag mancher zum Mitleid verleitet sein. Und in der Tat, Wilhelm Katner leistete sich 1964 in einem Lexikonartikel* im Wesentlichen genau diese Verkürzung, womit er stellvertretend für zahlreiche „seriöse“, nämlich unkritische Nachschlagewerke steht, die besonders im Fall von Faschisten gern und elegant lügen, indem sie deren faschistisches Wirken eben kurzerhand ausklammern. Das gilt übrigens auch für die von mir gelegentlich bemühte Brockhaus-Enzyklopädie der 19. Auflage, die in meinem Bücherschrank steht.

Die kritischen Töne übernehme ich im Falle Gazas (der im Brockhaus gar nicht erst vorkommt) von Michael Buddrus / Sigrid Fritzlar. Danach** nahm der Pfarrerssohn mit rund 30 freiwillig am Ersten Weltkrieg teil, in dessen Sanitätsdienst er es bis zum Oberarzt bringt. Ab 1928 in Rostock, werden unter seiner Leitung an der Universitätsklinik ab 1933, zwecks „Verhütung erbkranken Nachwuchses“, auch Zwangssterilisierungen vorgenommen. Im selben Jahr wird der Mediziner zusätzlich Mitglied der Flieger-SA, 1934 des NS-Lehrerbundes. Gaza war begeisterter Motorsportler zu Luft und zu Lande. 1927 erlitt er einen schweren Motorradunfall, der ihm, neben anderen Krankheiten, auf Dauer epileptische Anfälle sowie vorübergehenden Führerscheinentzug einbrachte. 1934 gesellte sich ein Autounfall hinzu, den Gaza aufgrund eines epileptischen Anfalls verursachte. Im selben Jahr hatte er Glück, als eine Anzeige wegen Fahrlässiger Tötung niedergeschlagen wurde: er hatte die Tochter des „Landesbauernführers“ Karl Seemann sozusagen totoperiert. Von diesen Sachverhalten liest man bei Katner so gut wie kein Komma; dafür stellt er Gazas Verdienste als Forscher in der Wundbehandlung heraus. Kollegen und Behörden versuchten damals wiederholt, Gaza mit Verboten, ja sogar durch Zwangspensionierung zu fesseln; das wurde aber noch zuletzt, im März 1936, mit Hilfe eines „Gutachtens“ des berüchtigten Berliner Professors Ferdinand Sauerbruch verhindert.*** Dafür kam dann im April der Omnibus.

* Neue Deutsche Biographie, 6 (1964), S. 110. Täusche ich mich nicht, war Professor Wilhelm Katner selber Mediziner, geb. ca. 1903. Was er wohl 40 Jahre nach seiner Geburt getrieben haben mag?
** Die Professoren der Universität Rostock im Dritten Reich, München 2007, S. 150/51
*** Damit hatte man den Bock zum Gärtner gemacht, wie sich allerdings erst deutlich nach dem Krieg zeigte, als dem zunehmend geistesverwirrten Sauerbruch etliche üble „Kunstfehler“ unterliefen. Näheres habe ich unter >Ashe, Arthur / Heinrich Greif behandelt.



Gehlen, Adolph Ferdinand (1775–1815), Apotheker, Chemiker, Privatdozent und Fachschriftsteller. 1806–10 war der Sohn eines norddeutschen Apothekers als Herausgeber für das in Berlin erscheinende Journal für Physik und Chemie verantwortlich. 1807 ging er nach München, wo ihn die Bayerische Akademie der Wissenschaften als Chemiker mit beträchtlichen Aufsichtsfunktionen einstellte. Das betraf zum Beispiel den heimischen Bergbau und die „königlichen“ Porzellanmanufakturen, für die er sogar Farben entwickelte. Da der König zu arm war, um seine Akademie mit geeigneten Arbeitsräumen auszustatten, war Gehlen gezwungen, seine Laborarbeiten in seiner Privatwohnung vorzunehmen. So oder so, habe der Umgang mit aggressiven Substanzen, darunter Blausäure und Arsenverbindungen, wohl schleichend seine ohnehin labile Gesundheit unterhöhlt, stellt Grete Ronge fest.* Den Rest gab ihm im Sommer 1815 eine akute Vergiftung aufgrund seiner Versuche mit Arsenwasserstoff, der Gehlen, noch keine 40, nach einigen qualvollen Tagen erlag. Prompt begann die Akademie noch in Gehlens Todesjahr mit dem Bau eines chemischen Laboratoriums.

In diesem schon wieder beinahe selbstmörderischen Zusammenhang düfte es gestattet, ja geboten sein, auch den Physiker Johann Wilhelm Ritter (1776–1810) zu würdigen, zumal er nicht nur öfter in dem erwähnten Journal Gehlens zu Wort kam, sondern den Junggesellen Gehlen zumindest zeitweise sogar in seiner Münchener Wohnung beherbergt hatte.** Ritter trat aufgrund allgemeiner Zerrüttung rund fünf Jahre vor seinem Mieter ab, und dies schon mit 33. Zwar hatte auch der Pfarrerssohn, wie Gehlen, mit der Pharmazie begonnen, doch nach dem Abschluß seiner Apothekerlehre in Liegnitz, Schlesien, im Jahr 1795 schrieb sich Ritter an der Universität in Jena ein und gab sich mit zunehmender Besessenheit seinen physikalischen Ahnungen und den romantischen Visionen hin, die in dem Städtchen von damals lediglich 5.000 Einwohnern kursierten. Ritter erforschte in seiner Studentenbude das Geheimnis elektrischer Ströme, speziell des Galvanismus. Inzwischen werden ihm etliche Entdeckungen oder Erfindungen auf physikalischem und chemischem Gebiet zugeschrieben, die damals wenigstens teilweise anderen Menschheitsbeglückern angeheftet worden waren, etwa das Spannungsgesetz (das angeblich „Voltaische“), die Trockensäule („von Zamboni“), den ersten Akku („Rittersche Ladungssäule“), die UV-Strahlung. Die Fachwelt schnitt den Anhänger Schellings überwiegend, obwohl er, mit Alexander von Humboldts Hilfe, etliche Abhandlungen in anerkannten Zeitschriften unterbringen und auch einige Bücher veröffentlichen konnte. Möglicherweise stellte sich Autor Ritter teils selbst ein Bein, weil er eine überfrachtete Weitschweifigkeit pflog, die jedes Senfkorn ins Naturphilosophische oder Metaphysische zu wenden suchte.

Nachdem sich Berufsaussichten in Jena und Gotha zerschlagen hatten, griff Ritter gerne zu, als man ihm (womöglich mit Gehlens Hilfe?) 1804/05 die Aufnahme in die bereits erwähnte Bayerische Akademie der Wissenschaften antrug. So zu Ehren und vermutlich auch einigen Forschungsgeldern gekommen, heiratete er gleich, nämlich seine langjährige Geliebte Dorothea Münchgesang, und verdammte die Gute zu vier Schwangerschaften. Wie man sich denken kann, reichte das Geld hinten und vorne nicht, zumal sich Ritter durch ein neues Interesse an Wünschelrutengängen und Erzpendeleien schon wieder anrüchig machte. Neben den Schulden setzten ihm in seiner von Hause aus ohnehin schlechten Gesundheit wahrscheinlich auch galvanische Selbstversuche, also Experimente mit elektrischen Strömen am eigenen Körper zu. Laut Jürgen Daiber hatte er damit bereits in Jena begonnen.*** Auch Daiber versichert, der im Alltag wortkarge Studioso sei ein sozusagen süchtiger Forscher gewesen, der sich seinen Witterungen zuliebe bedenkenlos mit Alkohol, Opium und eben auch elektrischem Strom vollpumpte. Dabei bediente er sich jener stromstarken „Voltaschen Säule“ (=Batterie), die 1800 von Alessandro Volta erfunden worden war. Daiber erläutert: „So begann er damit, eine Hand in ein Gefäß mit Wasser zu tauchen, das mit dem negativen Pol verbunden war, und schloß mit der anderen Hand den Stromkreis zum positiven Batteriepol.“ Bei diesen wahrlich prickelnden Selbstversuchen machte Ritter auch vor seiner Zunge und seinen Augäpfeln nicht Halt. Durch Beobachtung und Aufzeichnung seiner wechselnden Empfindungen bei ständigen „Umpolungen“ suchte er letztlich das unter Romantikern so beliebte Prinzip der „Polarität“ aller Dinge wie auch Novalis' Vermutung zu beweisen, auf höchster Seinsstufe fänden sich alle Gegensätze wieder aufgehoben. Auch das ultraviolette Licht, das er 1801 nachwies, hatte Ritter mit der Begründung vorausgesagt, schließlich müsse das ein Jahr zuvor von Herschel gefundene infrarote Licht von der anderen Seite des Spektrums eine Entsprechung haben.

Ritters Korrespondenz besteht zum Löwenanteil aus Bittbriefen an mögliche Mäzene. In seiner Münchener Zeit soll er so manchen Platin- oder Goldtigel, den er sich in der Akademie auslieh, zum Pfandleiher getragen**** und dann in Kaffee, Branntwein oder auch nur Brot umgesetzt haben. Möglicherweise hatte sich seine finanzielle Lage zusätzlich durch die damalige französische Besatzung verschlechtert. 1809 schickt er Frau und Kinder zu einem Freund nach Nürnberg, weil er sie nicht mehr ernähren kann. Körperlich und finanziell ruiniert, angeblich auch äußerlich völlig verwahrlost, stirbt er 1810 als 33 Jahre altes Wrack, unter dessen hochfliegenden Plänen sich die Gegensätze in der Tat aufgehoben hatten: zur Form des Sarges. Friedrich behauptet, mit der Nachricht von Ritters Tod habe Gehlen einen Lobpreis auf dessen „herrliches, seinen Freunden so überaus teures Gemüt“ in die wissenschaftlich-romantischen Kreise hinausgeschickt. Was wir uns unter einem solchen Gemütsgebilde vorzustellen haben, sagt Friedrich nicht.

Der US-Ingenieur und -Industrielle Robert Fulton (1765–1815) aus Pennsylvania, später in Manhattan, New York City, ansässig, steht bei seinen Landsleuten hoch im Kurs, weil er wesentliche Beiträge zur Entwicklung kommerziell und militärisch nutzbarer Dampfschiffe leistete. Er hatte bei mehreren Europareisen Anregungen gesammelt, heiratete und zeugte vier Erben. Anfang Februar 1815, inzwischen 49, mußte Fulton nach einem erfolgreichen Gerichtstermin in Trenton, der Hauptstadt von New Jersey, auf eine Fähre warten, die ihn ins nahe Manhattan bringen sollte. Er beschloß, die Zeit zu einer Inspizierung der letzten Arbeiten an seinem Dampfer Demologos zu nutzen. Es handelte sich um ein Kriegsschiff, das offenbar am Hudson lag und später, nachdem Fulton (ins Wasser) gefallen war, in USS Fulton umgetauft wurde – ihm zu Ehren, wie sich versteht. Fulton, der sich bei seiner Besichtigung leichtfertig auf Ufereis begeben hatte, brach ein und ertrank zwar nicht, zog sich aber eine Erkältung, dann Lungenentzündung zu, die sein Geschäftsleben am 23. Februar beendete.*****

Streng genommen, war Fulton also lediglich auf schnöde Weise im Bett gestorben. Ein Nachkomme von ihm, der US-Baseballspieler Cory Fulton Lidle, machte es am 11. Oktober 2006 in New York City besser. Der 34jährige Brecher der örtlichen Yankees prallte, das Steuer seines eigenen Flugzeuges in den Fäusten, vor einen Wolkenkratzer. Davon wird noch unter >Schmoker, Stefan zu lesen sein.

* Neue Deutsche Biographie 6 (1964), S. 132–33
** Christoph Friedrich in der PZ 27/2005
*** „Der elektrisierte Physiker“, in: Die Zeit, 3. September 1998
**** Armin Hermann: „Der einfachste, genialischste Mensch seiner Zeit“ (so Clemens Brentano über R.), in: Berliner Zeitung vom 2. Dezember 2002
***** Klaus J. Hennig in der Zeit, 9. August 2007




Fortsetzung Gen–Gz
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