Montag, 16. November 2015
Lexikon der Unfallopfer F–Foq

Fabritius, Carel (1622–54), niederländischer Maler. Ein Selbstportrait in Öl, um 1645 entstanden, zeigt den jungen Fabritius mit prächtigen und sicherlich auch echten braunen, schulterlangen Locken, schließlich war er kein Barockkönig. Immerhin, mit ungefähr 20 Jahren war er Schüler oder Mitarbeiter des Amsterdamer Meisters Rembrandt geworden und hatte sich kurz darauf auch schon verheiratet: mit Frau Aeltje Herrmensdr van Hasselt. Hat er auf seinem Selbstportrait gleichwohl keinen Grund zum Lachen, liegt es vielleicht daran, daß er 1642 sein erstes Kind und ein Jahr darauf, bei der Geburt des dritten Kindes, auch seine Frau verlor. Das dritte Kind starb ebenfalls. So nahm er seine ihm noch verbliebene Tochter Aeltje an die Hand und ging oder fuhr mit ihr in seine Heimatgemeinde Midden-Beemster zurück, wo sein Vater Schulmeister war. Der Ort auf dem Polder liegt rund 20 Kilometer nördlich von Amsterdam. Ob Fabritius weiter bei Rembrandt beschäftigt war, ist ungewiß. Jedenfalls plagen ihn öfter Geldsorgen, von denen ihn leider auch die Heirat mit der Delfter Witwe Agatha van Pruyssen im Jahr 1650 nicht erlösen kann. Vermutlich auf deren Wunsch läßt sich die Familie in Delft nieder (südlich von Amsterdam), wo sich Fabritius ab Oktober 1652 im Meisterbuch der St. Lukasgilde als Maler eingetragen findet. Niemand warnte ihn vor diesem Umzug. Auch die Delfter Kirchtürme tun es nicht, die sich nach der kommenden Katastrophe geradezu unverschämt aus den Ruinen und Aschehaufen recken werden.

Fabritius schafft in diesen drei oder vier Delfter Jahren nur wenige, aber heute hochgelobte, da über Rembrandt hinausführende Gemälde. Jeder sagt, er hätte ein ganz Großer werden können. Es kam nicht dazu, weil Delft am 12. Oktober 1654 um kurz nach 10 von einem Knall erschüttert wurde, der angeblich noch auf der 150 Kilometer entfernten Insel Texel zu hören war. Durch die Fahrlässigkeit des Arsenalverwalters Cornelius Soetenser, der die Schwarzpulvervorräte mit einer Funken sprühenden Laterne in Augenschein genommen hatte, war ein staatliches, eigentlich geheimes und auf die Engländer gemünztes Munitionsdepot im altehrwürdigen Pulverturm explodiert. Die Wucht des Delfter Donnerschlags – nach Angaben der Behörden durch rund 40 Tonnen Schwarzpulver bewirkt – zerstörte, neben dem Turm, 500 Gebäude der Stadt schwer bis vollständig und tötete, von den zahlreichen Verletzten einmal abgesehen, ähnlich viele EinwohnerInnen. Zu diesen zählte auch der 32jährige Fabritius, der in seinem Haus und Atelier in der Doelenstraat gerade den ehemaligen Küster der Delfter Oude Kerk Simon Decker portraitiert hatte. Zudem hielten sich, neben seinem Lehrling Martias Spoors, auch zwei Familienmitglieder im Haus auf, die in den Quellen unterschiedlich oder gar nicht benannt werden. Möglicherweise befand sich entweder seine Frau Agatha oder aber seine Schwiegermutter Judick van Pruyssen darunter. Alle fünf Anwesenden kamen um.

Daneben dürften, vom Küster-Portrait einmal abgesehen, etliche weitere, im Atelier verwahrte Arbeiten des Meisters verloren gegangen sein. Zu den wenigen Ausnahmen zählt der im Todesjahr entstandene Distelfink (Stieglitz), ein Ölgemälde, das heutzutage durch Reproduktionen massenhaft verbreitet ist. Der betrübte Vogel hat ein goldenes Kettchen am Bein – sein Schöpfer flog in die Luft. Die Szenerie mit den erwähnten frivolen Kirchtürmen wurde von Fabritius' Kollege Egbert van der Poel überliefert, der das Bild der Verwüstung damals auf über 20, meist ähnlichen Gemälden festhielt. Den Vordergrund bilden Leichen. Van der Poels Gemütszustand beim Malen möchte man nicht geteilt haben, denn unter den Todesopfern der Katastrophe befand sich auch ein Kind dieses Künstlers.

Nach den Forschungen des Münsteraner Fotografen und Kunsthistorikers Roland Pieper beruht die Namensgleichheit zwischen dem Delfter Maler, den das Schwarzpulver von der Erde tilgte, und dem österreichisch-deutschen Maler Carl Ferdinand Fabritius (1637–73) weder auf Ölfarbe noch auf Blut.* Es gab damals viele Schmiede oder Schmidts', die sich latinisierend „Fabritius“ nannten. Geboren in Warschau, absolvierte der Ferdinand-Fabritius eine Kunstmaler-Lehre in Wien. Später war er zeitweilig, durch Förderung seitens derer von Fürstenberg, bei Hofe in Mainz und im Westfälischen tätig, wo Fabritius etliche Landschafts- und Stadtansichten schuf, die als wichtige historische Quellen gelten. Seit 1670 wohnte er, mit Ehefrau und mindestens einem Kind, erneut in Wien, genauer in der dortigen Leopoldstadt. Hier wird er vom Kirchenbuch des St.-Stephan-Doms unter den Verstorbenen des Januars 1673 vermerkt, weil er sich „unversehens erschoß“, wie lediglich festgehalten wird. Immerhin, man schrieb schon deutsch. Wahrscheinlich war „versehentlich“ gemeint. Vielleicht hatte der wackere, wohl 35 Jahre alte Maler nach dem Auswaschen seines Pinsels seinen verrosteten Vorderlader geputzt, weil eine Wehrübung oder ein Aufstand ins Haus stand. Pieper meint jedenfalls, die Anführung des Dahingegangenen im Kirchenbuch spreche für ein christliches Begräbnis, was gleichzeitig bedeuten würde, man hatte ihn nicht als (frevelhaften) Selbstmörder eingestuft.

Die Explosion, die Elisabeth Katharina Smiřická von Smiřice (1590–1620) mit ungefähr 30 Jahren aller Sorgen enthob, fand in ihrem eigenen Keller statt – und war wohl auch selbstverschuldet. Die Dame stammte aus betuchtem böhmischem Adel und wuchs bei Prag im Schloß von Černý Kostelec (deutsch: Schwarzkosteletz) auf. Da sie sich aber schon als 17jährige mit einem proletarischen Liebhaber eingelassen haben soll, setzten sie ihre Eltern irgendwo anders auf Hausarrest. Daraus wurde sie 1619 von dem unerschrockenen Otto Heinrich von Wartenberg erlöst, der sich natürlich auch klingenden Lohn von seiner Liebesmühe erhoffte. Aber der mußte erst erstritten werden, weil inzwischen Elisabeths kleine Schwester Margareta Salomena, verh. Slawata, auf dem ganzen Erbe saß. Elisabeth und Otto ließen sich behelfmäßig im Schloß der nordböhmischen Kleinstadt Jičín (am Riesengebirge) nieder und bombardierten das Luder mit Forderungen oder Einigungsvorschlägen. Es wollte jedoch keinen Taler herausrücken und wandte sich schutzsuchend an König Friedrich in Prag. Der neigte ihr zu, nahm Otto in Haft und schickte der Schloßherrin von Jičín zum Ersatz eine ganze Kommission auf den Hals, die erst einmal den Vermögensstand und die Rechtslage des zerstrittenen Clans zu untersuchen wünschte. Dabei kam es nun, im Februar 1620, zu dem angedeuteten Unglück. Auch hier flog Schießpulver in die Luft: es war im Keller des Schlosses aufbewahrt worden. Nun stürzte das Schloß ein, vielleicht auch nur Teile desselben. Es gab 41 Tote und 14 Schwerverletzte.** Man vermutet, Elisabeth oder einer von ihren Mannen habe das Pulver, vermittels lichtspendender Fackel, gleichfalls so „unversehens“ entflammt, wie sich bald darauf Fabritius in Wien erschießen sollte. Da sich sowohl Elisabeth selber wie auch der Gatte ihrer Widersacherin, Heinrich Slawata, sowie etliche oder gar sämtliche Kommissionäre unter den Todesopfern befanden, ist ein hausgemachter Anschlag unwahrscheinlich. Jedenfalls fehlte es aufgrund der Katastrophe auch an Augenzeugen, wie es scheint. Die Angelegenheit gilt als ungeklärt.

Wenig später wurden Stadt und Umland von dem berühmten Herzog und Feldherrn Wallenstein aufgekauft, dessen Baumeister auch das beschädigte Schloß am Marktplatz in ihre Mangel nahmen. Im ganzen kam eine glanzvolle, riesig wirkende Residenzstadt heraus – wenn auch nur kurzzeitig, da der Herzog von Friedland, Mecklenburg und so weiter bekanntlich im Februar 1634 im nahen Eger einem mit der Lanze ausgeführten politischen Schachzug zum Opfer fiel.

* laut brieflicher Auskunft im März 2015. Zu Piepers Wirken siehe etwa Museen Paderborn
** Private Webseite Interregion Jičín, 1999



Fabritius, Carl Ferdinand (1637–73), Maler >Fabritius, Carel


Fagunwa, Daniel O. (1903–63), Schriftsteller >Summerville, Donald D.


Fangen, Ronald (1895–1946), Schriftsteller >Eugens, Arthur Fritz


Farrell, James Gordon (1935–79), Schriftsteller >Gaillard, Félix


Farrokhzad, Forough (1935–67), iranische Lyrikerin. Die Offizierstochter erfuhr einige Bildung, löste sich um 1955 aus einer frühen Ehe und begann Gedichte zu schreiben. Die einen verdammten, die anderen feierten die moderne, freizügige, sozialkritische, zufällig auch bildhübsche Autorin und Frau. Farrokhzad veröffentlichte mehrere Lyrikbände und arbeitete gelegentlich mit der Filmkamera. Sie reiste viel, darunter in Europa, hatte demnach nicht am Hungertuch zu nagen. Ihre letzte Reise beschränkte sich auf ihren Wohnort Teheran. Weil das wenig hermacht, heißt es in etlichen, vermutlich Wikipedia-geleiteten Darstellungen, sie habe (im Februar 1967) mit 32 Jahren einen Autounfall gebaut, weil sie den Zusammenstoß mit einem „Schulbus“ vermeiden wollte. Ich halte das keineswegs für undenkbar, ziehe aber die folgende persisch-englische Darstellung vor. Danach kam Farrokhzad in ihrem Jeep Station Wagon von einem angenehm verlaufenden Mittagsbesuch bei ihrer Mutter. An einer Kreuzung in Darrous (einem nördlichen Stadtteil von Teheran) versuchte sie (warum auch immer) einem ihr entgegen kommenden Fahrzeug („vehicle“) auszuweichen. Dadurch prallte sie vor eine Hauswand, wurde auf die Straße geschleudert, zog sich schwere Kopfverletzungen zu.* War sie am Ende zu schnell oder zu gedankenverloren gefahren? Oder ein Opfer des gegnerischen, rowdyhaften Fahrers? Solche Details (vom riesigen „Schulbus“ also abgesehen) werden nirgends mitgeteilt. Jedenfalls starb die Lyrikerin noch am Unfalltag. Damit war sie reif für den Aggregatzustand der Ikonen.

Ihren Bruder Fereydoun, Jahrgang 1938, habe ich nachträglich ins Register meiner Arbeit über Mordopfer aufgenommen. Der gefeierte schnauzbärtige Sänger und Schauspieler, oft in Radio und Fernsehen präsent, war nach Chomeinis antimonarchistischem Staatsstreich von 1979 ins Exil nach Deutschland gegangen, wo er einst Politikwissenschaft studiert hatte. Hier trat er weiterhin öffentlich gegen das Chomeini-Regime auf. Im August 1992 fand man die Leiche des 53jährigen in der Küche seiner Bonner Wohnung in einer Blutlache liegend. Angeblich wies sie zahlreiche Messerstiche auf. Die Tat gilt als ungeklärt, wird aber allgemein theokratisch gestimmten islamischen Kräften zugeschrieben. Vermutlich haßten sie Farrokhzad nicht nur wegen seiner demokratischen, sondern auch wegen seiner homosexuellen Neigung.

Der DDR-Lehrer Werner Moritz (1928–67), zuletzt Schuldirektor in Rogätz (nördlich von Magdeburg), starb nachweislich als Retter. Am 6. Juli 1967 befand er sich mit rund 250 anderen Fahrgästen in einem Personenzug von Magdeburg nach Thale im Harz, wo er an einer vogelkundlichen Tagung teilnehmen wollte. Der Zug wimmelte von Schulkindern, die sich auf ihr Ferienlager im Harz freuten. Sie alle kamen an diesem Tag nur bis Langenweddingen, das südlich von Magdeburg liegt. Dort gab es einen nicht ordnungsgemäß geschlossenen Bahnübergang, den gegen Acht gerade ein mit 15.000 Litern Leichtbenzin gefüllter Minol-Tanklastwagen benutzte. Die Dampflok des Zuges, 85 km/h schnell, da hier kein Halt geplant war, erfaßte den Lkw noch mit einem Puffer. Im Ergebnis kam es zu Explosionen und einer wahren Feuersbrunst. Kinder, die noch genug Luft hatten, schrien: „Es ist Krieg, es ist Krieg!“ Die Behörden gaben später 94 Todesopfer an, darunter der Benzinfahrer und 44 SchülerInnen. Es wären beinahe 12 oder 13 mehr gewesen, hätte sie Moritz nicht aus dem brennenden Zug gerettet. Dabei zog sich der 39jährige freilich schwere Verbrennungen zu, denen er anderntags in einem Magdeburger Krankenhaus erlag. 1995 benannte man seine Schule in Rogätz nach ihm. Er selbst hatte drei Kinder und deren Mutter hinterlassen. Schrankenwärter und Fahrdienstleiter wurden damals zu je fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Kaum entlassen, brachte sich der Schrankenwärter um.**

Bei seiner ersten großen Rettungstat war der 24 Jahre alte Leutnant der Roten Armee Alexei Berest (1921–70) aus dem Bezirk Sumy der nordöstlichen Ukraine noch mit dem Leben davongekommen, im Gegensatz zu Millionen anderen SU-Soldaten. Er hatte Berlin befreit. Im Morgengrauen des 1. Mai 1945 soll er sogar die bedeutungsschwerste der damaligen roten Flaggen gehißt haben, die auf der Kuppel des Berliner Reichstages, doch dann mußte Berest, bei den Ehrungen und in den Geschichtsbüchern, hinter zwei Kameraden zurückstehen – womöglich, weil er „minderer“, eben ukrainischer Abstammung war.*** Das war der Anfang seines absteigenden Astes. 1948 mußte er die Armee verlassen, der russischen Wikipedia zufolge wegen „Bigamie“. Er arbeitete anschließend in Rostow am Don, also unweit seines Heimatlandes, in leitender Stellung bei einer regionalen Behörde, die für Kinos oder Filmarbeiten zuständig war, wenn ich richtig verstanden habe. Fünf Jahre später wanderte er wegen (angeblicher) Veruntreuung staatlicher Gelder und Handgreiflichkeiten gegen seine BeschuldigerInnen für 10 Jahre ins Gefängnis. Davon brauchte er wegen einer Amnestie nur die Hälfte zu verbüßen. Anschließend war der gelernte Traktorist, der aus armer kinderreicher Familie stammte und schon mit 11 Jahren Vollwaise gewesen war, wieder als gewöhnlicher Arbeiter oder Kraftfahrer erwerbstätig, offenbar in einer großen Rostower Landmaschinenfabrik. Er muß in oder bei Rostow gewohnt haben, wohl mit Familie. Am 3. November 1970 kam der 49jährige Ex-Offizier um 19 Uhr mit seinem fünfjährigen Enkel Aljoscha zu Fuß vom Kindergarten, während der Schnellzug Moskau–Baku heranbrauste. Als Berest entsetzt sah, wie ein kleines Mädchen auf das Gleis lief, eilte er hinzu und zog es zurück, kam dafür freilich selber unter die Räder des Zuges. Er starb nach wenigen Stunden im Krankenhaus. 2005 ernannte ihn der amtierende Staatspräsident Wiktor Juschtschenko per Dekret posthum zum „Helden der Ukraine“.**** Ob das auch eine Spitze gegen Moskau war, das dem Verunglückten wahrscheinlich einiges Unrecht angetan hatte, kann ich nicht beurteilen.

* Iran Chamber Soceity, abgerufen Oktober 2015
** Mitteldeutsche Zeitung 5. Juli 2007
*** The Moscow Times 12. Mai 2000
**** Smolensk-Webseite, 2009



Farrow, Ernie (1928–69), US-Jazzmusiker aus Detroit, wo er auch, mit 40 Jahren, einen Schwimmbadunfall erlitten haben soll, dessen Einzelheiten wahrscheinlich auf immer in einigen US-Blättern des Jahres 1969 verborgen sind. Rein statistisch betrachtet, kostete ihn dieser Unfall ungefähr das halbe Leben. Farrow hatte mehrere Instrumente beherrscht, voran Piano und Baß, und war mit Stars wie Stan Getz, Yusef Lateef und Joe Henderson aufgetreten (alle Bläser). Ab 1964 hatte er in Detroit ein eigenes Quintett.

Bekannter wurde Farrows Halbschwester Alice, weil sie in jenen Jahren den Saxofonisten John Coltrane heiratete. Sie hatte mit sieben Jahren mit „klassischem“ Klavier begonnen, war aber als Teenager von Ernie zum Jazz bekehrt worden.* Nachdem ihr berühmter Ehemann 1967 an Krebs gestorben war, übrigens ebenfalls mit 40, widmete sich Alice der Nachlaßpflege und fernöstlich gestimmter Religiosität. Das Paar hatte drei Kinder, darunter John Coltrane junior (1964–82), der sich aufs Schlagzeug verlegte. Er konnte es kaum zur Meisterschaft bringen, weil er mit 17 oder 18 Jahren bei einem Autounfall umkam.** Auch in diesem Fall stehen mir keine näheren Angaben zur Verfügung.

Der Münchener Architekt und Bauforscher Helmut Schläger (1924–69), Sohn eines Lehrers, hatte sich im Laufe seiner Karriere, die ihn vor allem in Ägypten und Italien nach Altertümern graben ließ, der noch jungen Unterwasserarchäologie zugewandt, war also auch Taucher. Er untersuchte vor allem Häfen. Im Sommer 1969, inzwischen 45 Jahre alt und Vize-Direktor der römischen Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts, war er mit seinem erst 27 Jahre alten Assistenten Udo Graf (1942–69) mit der Untersuchung eines antiken Schiffwracks befaßt, das vor der italienischen Insel Lipari auf dem Meeresgrund lag. Dabei kamen beide um. Nach damaliger, auf Mitteilungen der römischen Polizei gestützten dpa-Meldung*** erstickten Schläger und Graf, weil ein Pumpenmotor ausgefallen war. Dadurch seien ihre Tieftauchausrüstungen, in knapp 100 Metern unter Wasser, von der Sauerstoffzufuhr abgeschnitten worden. Ein dritter tauchender Forscher habe sich retten können, weil er näher der Wasseroberfläche war. Im ganzen waren fünf deutsche und mehrere italienische Taucher an dem Unternehmen vor Lipari beteiligt, wobei es offenbar Spannungen in der Gruppe gab. Eine ausführliche Darstellung lieferte Marcus Prell, Berufsschullehrer und Flußarchäologe in Neuburg an der Donau, aus Anlaß des 30. Jahrestages.**** Danach sind die genauen Unfallursachen umstritten und wohl nicht mehr zu klären. So war etwa hinsichtlich der Geborgenen von abgetrennten oder fehlenden Atemschläuchen beziehungsweise Mundstücken die Rede. Doch wie auch immer, sei das Unglück jedenfalls von mangelhaften Sicherheitsvorkehrungen und anderen Nachlässigkeiten, zudem Komplikationen „zwischenmenschlicher“ Art begünstigt worden.

Die vulkanische Insel Lipari, nördlich von Sizilien nahe Messina gelegen, mißt ungefähr fünf mal acht Kilometer und ist noch von mehreren Zwerginseln umgeben. Neben einigen Fischerdörfern gab es auf Lipari seit ungefähr 1890 auch eine Strafkolonie, vornehmlich für „gemeine“ Verbrecher. Um 1924 kam noch eine winzige Künstlerkolonie hinzu, der feder- und pinselführend der schweizer Maler Edwin Hunziker angehörte, der dort sogar, in hohem Alter, starb.***** Wahrscheinlich wäre es nicht jedermanns Sache gewesen, sich aus freien Stücken unter Herrn Mussolinis Fuchtel zu begeben. Der südtiroler Rechtsanwalt Josef Noldin beispielsweise, Initiator der von Staats wegen mißbilligten, weil deutschsprachigen sogenannten „Katakombenschulen“, wäre lieber in Salurn geblieben. Er bekam fünf Jahre Verbannung aufgebrummt und landete Anfang 1927 unter Fußtritten auf Lipari. Dort hatten die Faschisten nämlich im Vorjahr eine bald darauf berüchtigte Strafkolonie für „Politische“ eingerichtet. Zwar wurde Noldin Ende 1928 amnestiert, doch er hatte sich ein malariaähnliches Fieber zugezogen, „Liparitis“ genannt. Dazu gesellten sich weitere komplizierte Krankheiten. Eine Ausreise zwecks ihrer Behandlung wurde dem unbeugsamen Rechtsanwalt allerdings verweigert. So starb er schon ein Jahr darauf, mit 41 Jahren, bei Bozen in einem Sanatorium.

Soweit ich weiß, war Lipari die flächenmäßig größte faschistische Strafinsel. Ende 1932 „beherbergte“ sie rund 38o Gefangene. Bis zum 29. Juli 1929 hatte sie zudem als die ausbruchssicherste Strafinsel gegolten, daher der Beiname „Teufelsinsel“. An diesem Tag gelang dem Republikaner Francesco Fausto Nitti, der bereits 1926, im Gründungsjahr der „politischen“ Strafkolonie, auf der Insel eingetroffen war, im Verein mit seinen Freunden Emilio Lussu und Carlo Roselli die Flucht. Er schildert die haarsträubenden Lebensbedingungen der Verbannten und sein Entkommen in einem Buch, das schon im folgenden Jahr auch auf deutsch erschien.******

Kaum hatte der schwarze US-Rocksänger Frederick „Shorty“ Long aus Alabama (1940–69), angeblich „a five-foot one-inch giant******* in the world auf soul“, mit dem Titel Here comes the judge (1968) seinen einzigen Hit gelandet, erlitt er (am 29. Juni 1969) mit seinem Kumpel Oscar Williams (1944–69) auf dem Detroit River in Michigan einen Bootsunfall, von dem nicht viel überliefert ist, soweit ich sehen kann. Das Boot kenterte, beide Musiker ertranken. Warum? Tut mir leid. Shorty Long war 29, Williams 25.

* Mark Stryker am 1. Oktober 2006
** The Guardian 17. Januar 2007
*** Süddeutsche Zeitung vom 11. Juli 1969
**** im Nachrichtenblatt Arbeitskreis Unterwasserarchäologie, Band 6, 1999, S. 72–75
***** Etienne Strebel, swissinfo.ch, 7. Juli 2010
****** Flucht, Potsdam 1930
******* knapp 1 Meter 55



Faruq (1920–65), von 1936 bis 1952 „König“ von Ägypten. Er hatte Geld wie Sand, viel Streit mit den Briten und liebäugelte zeitweise mit den deutschen Faschisten. Nach Nassers erfolgreichem Militärputsch geht der spiel- und Pepsi-Cola-süchtige, korrupte und trotz seiner Jugend (32) schon recht „korpulente“ Oberschürzenjäger ins italienische Exil – wo er sich zielstrebig weiter durch zahlreiche Büstenhalterverschlüsse und Hammelkeulen frißt. Am 18. März 1965 kurz nach Mitternacht, inzwischen 45, rund 130 Kilo schwer und pflichtbewußt von der 25jährigen üppigen Annemaria G. angeklimpert, kippt er im römischen Restaurant Ile de France unmittelbar nach dem üblichen fürstlichen Mahl, beim Rauchen einer Havanna, mit weit aufgerissenen Augen in seinem Sessel zurück und röchelte nur noch: Gehirnschlag, falls dem Spiegel (13/1967) zu trauen ist. „Wenige Minuten nach Zwei“ verschied der „Wüstling“ unter einem nahegelegenen, geräumigen Sauerstoffzelt, wie wiederum das Hamburger Abendblatt vom Tage wußte. Die Büstenhalter und Hammelkeulen hatten Faruq nie ruinieren können, weil er den Löwenanteil seines Vermögens – das seines Volkes also – vor seiner ersten erzwungenen Abdankung (in Kairo) wohlweislich in Sicherheit gebracht hatte, worin ihm noch viele Monarchen oder PolitikerInnen nacheifern sollten. Immerhin, dem Kairoer Zoo hatte er eine Elefantenschildkröte geschenkt. Aber selbst sie war nicht unverwüstlich. Sie verschied 2006 mit angeblich* 270 Jahren. Merkel weiß jetzt also, wo die Latte liegt.

* Zoodirektor Talaat Sidrak laut FAZ vom 8. April 2006


Fasting, Claus (1746–91), Schriftsteller >Bernoulli, Jakob II.


Fauser, Jörg (1944–87), Schriftsteller >Coluche


Favre, Louis (1826–79), Ingenieur >Bliss, Philip Paul


Fedtschenko, Alexei P. (1844–73), Forschungsreisender >Ruete, Rudolph Heinrich


Fehér, Miklós (1979–2004), ungarischer Fußballer in Portugal. Wie jeder Fabrikarbeiter weiß, tut man fast alles, um seinen Arbeitsplatz zu retten, zumal wenn er einem jährlich Millionensummen einbringt. Stürmer Fehér vom traditionsreichen Club Benfica Lissabon spielte also „auf Zeit“, nachdem sein Mitstreiter Fernando Aguiar am Samstag den 24. Januar im Auswärtspiel bei Vitória Guimarães eine halbe Stunde vor Abpfiff das erste Tor der Begegnung geschossen hatte. Aufgrund dieser offensichtlichen Zeitschinderei zeigte ihm der Schiedsrichter allerdings die bekannte, auch in diesem Fall wieder vom häuslichen Fernsehsessel aus zu genießende Gelbe Karte. Fehér quittierte die Verwarnung mit dem üblichen Grinsen und wandte sich ab. Plötzlich wand er sich freilich in Krämpfen, um gleich darauf der Länge nach (1,84) rücklings auf den Rasen zu schlagen – und zwar nicht nur wie, sondern nahezu tot. Der 24jährige hatte einen ernsten Herzinfarkt erlitten. Zwar konnte er noch einmal vorübergehend wiederbelebt werden, doch kurz nach Mitternacht ließ er in einem nahen Krankenhaus das harte Profigeschäft endgültig hinter sich.*

Im Vergleich zu der „großen Hoffnung“ des US-Skirennlaufes Shelley Glover (1986–2004) aus Madison, Wisconsin, wurde Fehér steinalt. Bei den alpinen US-Ski-Meisterschaften ihres Todesjahres hatte Glover (im März) den achten Platz im Slalom gemacht – als 17jährige. Am 5. Mai 2004 trainierte sie schon wieder fleißig, und zwar am über 2.700 Meter hohen Mount Bachelor, der bei Bend in Oregon liegt. Da dieser Berg keine vulkanischen Überraschungen mehr versprach, sorgte Glover selbst für ihren Tod: Trainingssturz, schwere Kopfverletzungen, drei Tage Röcheln und letzten Gewinn abwerfen im St. Charles Medical Center von Bend, Schlußapplaus. Prompt schufen ihre Eltern (wie ich vermute) die Shelley Glover Foundation zur Nachwuchsförderung. „Please join us supporting Shelley’s dream that all kids have a chance to ski, swim, and play soccer!“ Und sich auf diese unterhaltsame Art umzubringen … Ich vermute übrigens außerdem, daß Glovers Eltern keine FabrikarbeiterInnen sind.

Der Italiener Severino Bottero (1957–2006) galt als erfolgreicher Ski-Trainer in der Sparte Riesenslalom, zuletzt für Frankreichs Farben. Weihnachten 2005 hatte der wohl 48jährige (Angaben uneinheitlich) mit Frau und Tochter in Piemont, Norditalien, verbracht. Am Morgen des 2. Januars solo zum Trainingslager der französischen Olympiamannschaft (in den Savoyer Alpen) auf der Autobahn Richtung Genf unterwegs, kam Bottero bei Annecy auf angeblich vereister Fahrbahn ins Schleudern, überschlug sich mehrmals, landete in einem Graben und war auf der Stelle tot. Andere Autos waren nicht in den Unfall verwickelt.

Der 45jährige Ex-Baseball-Profi Chris Brown (1961–2006) traf am frühen Morgen des 30. November 2006 mit schweren Verbrennungen in einem Krankenhaus von Sugar Land ein, einer Stadt nahe Houston, Texas. Wie, war zumindest nach einem knappen Monat, als er diesen Verletzungen erlag, noch ähnlich offen wie die Frage, warum das seit Monaten leerstehende zweigeschossige Haus, das Brown in einer typischen Mittelklassen-Siedlung Sugar Lands besaß, kurz nach Mitternacht in Flammen aufgegangen war. Immerhin betrug der Weg von der Brandstelle zum Krankenhaus neun Meilen.** War der Schwerverletzte per Krankenwagen eingeliefert worden, hätte man es ja eigentlich wissen müssen. Schon aus dieser neun Meilen breiten „Lücke“ stinkt es zum Himmel.

Als die Feuerwehr in der Brandnacht bei dem lodernden Haus eintraf, konnte sie nur noch ein Übergreifen der Flammen auf Nachbarhäuser verhindern. Brown war bereits verschwunden – fall er je dagewesen war. Später sprachen die Behörden diplomatisch von „verdächtigen“ Umständen des Brandes, dem Brown wahrscheinlich zum Opfer gefallen war. Angeblich waren die ErmittlerInnen aufgrund der Verschlechterung von Browns Gesundheitszustand nicht mehr dazu gekommen, ihn zum Geschehen in der Brandnacht zu befragen. Er starb am 26. Dezember. Andere Augenzeugen des Brandes hatten sie nicht aufgetrieben. Sie vermuteten Brandstiftung. Verwandten soll Brown am Krankenbett (oder auf der Fahrt ins Krankenhaus?) versichert haben, er sei in Houston von Räubern überfallen, gefesselt und anschließend in sein leerstehendes Haus gebracht worden. Dann hätten die Übeltäter das Haus angesteckt.

Das Haus stand seit Monaten leer, weil Brown von seiner Frau Lisa verlassen worden war, eine neunjährige Tochter eingeschlossen. Da zog auch Brown woanders hin. Jetzt lag das Paar in Scheidung und rang um die Tochter. Auch aus diesem Grund hätte Brown sicherlich einen Batzen Geld gebrauchen können. Die Ratenzahlungen für sein mit Hypotheken belastetes Haus in Sugar Land hatte er bereits eingestellt; es stand vor der Zwangsversteigerung. Ob es nennenswert versichert war und entsprechend Geld abgeworfen hätte, bleibt unklar. Jedenfalls war Brown bereits vor dem angeblichen Raubüberfall ziemlich abgebrannt gewesen; von seinem Irak-Verdienst war nichts mehr da. Nach seiner vergleichsweise wenig erfolgreichen Karriere als Baseballspieler, zuletzt (bis 1990) bei den Detroit Tigers, hatte sich der knapp 30jährige Kampfsportler (denn Baseball ist kein Tischtennis) zunächst in Kalifornien und Texas in der Baumaschinen-Branche versucht, was ihn offenbar auch nicht reich machte. Dann, 2003, heuerte er bei der berüchtigten Kriegsgewinnler-Firma Halliburton an, die ihn bei mehreren Transport-Konvois durch den damals ebenfalls brennenden Irak als Truckfahrer einsetzte. Dabei geriet er wiederholt unter Beschuß, zudem in Sandstürme. 2005 kündigte er. Nachbarn aus Sugar Land meinten, diese Erfahrungen hätten Brown nach ihrem Eindruck „traumatisiert“ oder zumindest verstört. Wenn sein Ex-Sportskamerad Darryl Strawberry nach dem Brand jedoch beteuerte, Brown sei „kein gewalttätiger“ Mensch gewesen, muß man auch Strawberry für ziemlich verwirrt halten. Wer sonst als ein „gewaltbereiter“ Charakter wählt brutale Sportarten, ArbeitgeberInnen, Branchen, Abenteuer?

Möglicherweise ist der Fall „Chris Brown“ bis heute ungeklärt geblieben. Im Tatjahr legten sich die Behörden jedenfalls nicht fest, ob es ein Unfall, ein Verbrechen oder ein Selbstmord war. Die Suche nach (jüngeren) Quellen wird durch Browns Allerweltsnamen erschwert. Selbstverständlich sind auch Kombinationen denkbar, wie beim Baseball. So könnte Brown beim Versuch, einen zufällig ausgebrochenen Brand vorzutäuschen, selber Feuer gefangen haben. Oder seine Wut auf das nicht mehr gemeinsame Haus, vielleicht auch seine allgemeine Verzweiflung am Dasein oder am American Way of Life machten ihn für ein „dummes Versehen“ reif, bei dem er ziemlich sicher selber draufgehen mußte. Der Stoff ist für Romanciers freigegeben.

Der 21 Jahre junge britische Fußballprofi Mark Philo (1984–2006), Mittelfeldspieler der Wycombe Wanderers (bei London), rammte mit seinem silberfarbenem Vauxhall Astra Mitte Januar 2006 frühmorgens bei Wokingham (in derselben Gegend) nach einer Kneipentour, die ihn sturzbetrunken machte, einen Renault Megane des Gegenverkehrs. Dessen Fahrerin, die 47- oder 58jährige Patricia Gammon, starb auf der Stelle; Philo anderntags. Zwei Zechkumpanen kamen offenbar glimpflich davon. Obwohl beide am Unfall beteiligten Wagen zu schnell gefahren waren, lastete Coroner Peter Bedford die Katastrophe bei der offiziellen Anhörung Philo allein an. Damit, so anschließend ein Polizeibeamter, sei der Fußballer (durch seinen Tod) um maximal 14 Jahre Gefängnis gekommen. Vom Opfer Gammon wird berichtet, sie sei damals gerade wegen Komplikationen zu ihrer 29jährigen hochschwangeren Tochter gerufen worden und deshalb in Eile gewesen. Enkel James kam drei Tage nach dem Tod seiner Großmutter auf die Welt.*** Vorausgesetzt, er ist sämtlichen möglichen Krankenhausinfektionen und allen Schießereien auf dem Hof seiner Grundschule entgangen, dürfte sich James B. zur Stunde die ersten Gedanken darüber machen, welchen Beruf er in diesem Irrenhaus ergreift.

* The Guardian 26. Januar 2004
** Mike DiGiovanna und Miguel Bustillo: „A baseball star's death is shrouded in mystery“, Los Angeles Times, 28. Dezember 2006
*** getHAMPSHIRE 30. Mai 2006



Feld, Morey (1915–71), Jazzmusiker >Platschek, Hans


Feltrinelli, Giangiacomo (1926–72), Verleger >Krahl, Hans-Jürgen


Fenslau, Torsten (1964–93), Musikproduzent >Ennis, Skinnay


Ferch, Wilhelm (1881–1922), Komponist >Chung Ling Soo


Ferdinand Philippe d’Orléans (1810–42), Prinz >Bernoulli, Jakob II.


Fernandão (1978–2014), Fußballer >Deptuła, Leszek


Fernández, Rommel (1966–93), panamaischer Fußballstürmer in Spanien, zuletzt beim Erstligisten Albacete Balompié. Eben in der Nähe dieser kastilischen Stadt Albacete, im Bürgerkrieg zeitweilig Hochburg eines berüchtigten „revolutionären“, nicht mit Samthandschuhen vorgehenden „Politkommissars“*, prallte Fernández am 6. Mai 1993 nach einem Mittagessen unter Kameraden mit seinem stark beschleunigten Toyota Celica vor einen Baum. Daran starb er auf seiner nächsten Fahrt, der im Rettungswagen, während sein Begleiter und Cousin Ronny Rojo mit verschiedenen Knochenbrüchen am Leben blieb.** Man wird es allmählich müde, diesen hochbezahlten motorisierten Balltretern Aufmerksamkeit zu schenken, doch bezeichnend ist in diesem Fall: kaum hatte sich der in seiner Heimat sehr beliebte 27 Jahre alte „Star“ totgefahren, wurde das Estadio Revolución in Panama-Stadt in Estadio Rommel Fernández umbenannt. „Ihm zu Ehren“, wie es überall heißt. Er war jetzt wichtiger als die Revolution. Oder er stand jetzt für sie.

Albacete ist immer für Überraschungen gut. Zum Beispiel gibt es dort einen von der Nato genutzten Luftwaffenstützpunkt, auf dem am 26. Januar 2015, kurz nach dem Start, ein griechisches Kampfflugzeug des Typs F-16 abstürzte und eine kleine Feuersbrunst auslöste. Es gab 10 oder 11 Tote und mindestens doppelt soviele Verletzte, wie Süddeutsche und Guardian anderntags berichteten. Unter diesen Opfern des Unglücks oder des Militarismus' befanden sich erfreulicherweise, neben den beiden griechischen Piloten, ausschließlich Militärangehörige.

Von einer Ehrung in Nashville kommend, stürzte der 44jährige tunesisch-französische Gitarrist Marcel Dadi (1951–96), Virtuose des Fingerpickings und ein guter Bekannter von Chet Atkins und Eric Clapton, am 17. Juli 1996 im Verein mit 229 weiteren Personen bei New York City mit einer Boeing 747 in den Atlantik. Nach offizieller Darstellung war ein überhitzter Treibstofftank explodiert. Es gab keine Überlebenden.

Die Ehrung des tschechischen Sportlers Zdeněk Jánoš (1967–99) glich der von Fernández. Der hünenhafte und schwergewichtige Tscheche zählte zumindest in den frühen 1990er Jahren zu den besten Fußballtorhütern seines Landes. Am 15. September 1999 gegen Mitternacht mit seinem VW Passat und einer Geschwindigkeit von 150 Stundenkilometern in Prag unterwegs, geriet der 32jährige Keeper von Dukla Pribram (möglicherweise wegen eines ihm entglittenen Handys, nach dem er sich bückte) auf die Gegenfahrbahn, prallte gegen einen Stadtbus und starb noch an der Unfallstelle. Die Frage nach der Befindlichkeit des Busfahrers und seiner Fahrgäste erhebt sich in der deutschen und tschechischen Wikipedia (Oktober 2015) nicht. Vielleicht war es ein Geisterbus. Dafür erfahren wir von Jánoš' Belohnung: er wurde Ende 1999 posthum zur Persönlichkeit des Jahres im Tschechischen Fußball gewählt.

Habe ich einen Artikel von Jaromír Novák richtig enträtselt***, flog der Busfahrer zwar durch seine Windschutzscheibe auf den feindlichen Personenwagen, blieb jedoch weitgehend unverletzt. Ansonsten war der Bus, wohl wegen der späten Stunde, kaum besetzt. Zudem führt Novák den Eindruck eines Augenzeugen an, der Passat-Fahrer sei, „wie ein Marschflugkörper“, mit Absicht auf den Bus geprallt. Sollte dies zutreffen, hätte sich der von Berufs wegen erfolgsorientierte Fußballprofi doch eigentlich, zum Zwecke seines Selbstmordes, auch eine andere Tageszeit mit einem besser besetzten Bus aussuchen können.

Der belgische Jazzgeiger Jean-Pierre Catoul (1963–2001) soll mit 37 Jahren in Kraainem, einem Vorort von Brüssel, als Autofahrer Opfer eines von der Polizei verfolgten, betrunkenen anderen Autofahrers geworden sein.**** Ich nehme an, nach dem Unfall wurde man des Betrunkenen habhaft und hatte zudem noch die Leiche des Musikers.

* André Marty, moskauhöriger führender französischer Kommunist
** El País 7. Mai 1993
*** iDNES.cz 21. September 1999
**** LaLibre.be 23. Januar 2001



Ferry, Gabriel (1809–52), Schriftsteller >Fuller, Margaret


Feußner, Otto (1890–1934), Sohn eines Berliner Physikers und nach Studium in Marburg/Lahn ebenfalls Physiker, dabei seit Anfang Januar 1927 bei einem Hanauer technischem Unternehmen beschäftigt, der W. C. Heraeus Gmbh. Deren Geschäftsleitung gehörte inzwischen der Physiker Wilhelm Heinrich Heraeus an, der Feußner, dem dürftigen Wikipedia-Eintrag zufolge, „eine neue, eigenständige Abteilung, das Metallkundliche Laboratorium“, eingerichtet hatte, das speziell der Erforschung neuer Edelmetall-Legierungen gedient habe. Dort muß es im Juli 1934 einen Brand in einer Hochfrequenzanlage gegeben haben, bei dem Feußner, inzwischen 43, giftige Dämpfe einatmete, woran er einige Tage später starb.*

Feußners metallurgisch orientierte Arbeitgeberfirma sitzt, wie es aussieht, seit dem Gründungsjahr 1851 bis heute auf einem recht stetig wachsenden grünen Zweig. Vom Mitgeschäftsführer W. H. Heraeus heißt es bei Wikipedia, er sei am 1. Mai 1933 in die NSDAP eingetreten. 1939 sollen der Firma 1.000 MitarbeiterInnen angehört haben, die, soweit sie in den Krieg ziehen mußten, durch im Ganzen 1.500 ZwangsarbeiterInnen ersetzt, ansonsten verstärkt wurden. Nach dem Krieg habe sich Heraeus dem Wiederaufbau der zerstörten Werksanlagen gewidmet – das war ja sozusagen der Zweck der Unternehmung „Krieg“. Heraeus starb 1985 als 84jähriger. Heute beschäftigt die nach wie vor in Hanau residierende Heraeus Holding GmbH, als „Technologiekonzern mit den Schwerpunkten Edel- und Sondermetalle, Medizintechnik, Quarzglas, Sensoren und Speziallichtquellen“, über 12.000 Leute und zählt vom Jahresumsatz her (über 15 Milliarden Euro) zu den größten deutschen Familienunternehmen.

Übrigens stellt es auch Goldbarren her. Wahrscheinlich wurde es, aufgrund dieses Produktes, 2013 als Barrenhersteller des Jahres ausgezeichnet, weil es jeden zweiten Goldbarren immer schön an einen hier eintreffenden Flüchtling weiterreicht, der seine eigenen Barren (aus den Bergwerken Malis oder Tansanias) aus Gepäck- oder Zollgründen zu Hause gelassen hat.

* Nach freundlicher, wenn auch ungünstiger Auskunft des Hanauer Stadtarchivs (28. Oktober 2015) ging das Unglück weder in die Berichterstattung der damaligen Lokalpresse noch in die privaten und dienstlichen Todesanzeigen ein; nach den Letzteren sei Feußner „plötzlich und unerwartet“ verstorben – was ja noch nicht einmal gelogen wäre. Auch der standesamtliche Sterbeeintrag erwähne kein Unglück. Vermutlich wurde es vertuscht. Nach der „Versionsgeschichte“ des Wikipedia-Artikels beruhen die Angaben zu den Todesumständen des Physikers auf „Aufzeichnungen seiner Witwe Tala Feußner, geb. Aßmann“ – so ein (anonymer, jedenfalls nicht erreichbarer) Beiträger namens „Feussner“ (diesmal mit Doppel-s) am 16. Oktober 2014. Vielleicht ein Enkel.


Ficke, Georg (1912–64), Politiker >Eschenbach, Eberhard


Fischer, Gerhart (1894–1913), Verlegersohn >Balcke, Ernst


Fitzcarrald, Carlos F. (1862–97), Kautschukbaron >Borsig, Arnold


Fitzgerald, Zelda (1900–48), Schriftstellerin >Johnson, Ken „Snakehips“


Fixx, Jim (1932–84), Jogging-Papst >Kirchberger, Martin


Fleming, Eric (1925–66), Schauspieler >Schnitger, Heinrich


Flesch, János (1933–83), Schachspieler >Gerresheim, Lutz


Flynn, Joe (1924–74), Komiker >Gaillard, Félix


Fohr, Karl Philipp (1795–1818), süddeutscher Maler, zuletzt in Rom. Der Fall des 1650 gestorbenen Barockmalers Pietro Testa, den ich unter Valentin de >Boulogne behandelt habe, hat bereits angedeutet, wie gern das Ende einst Verunfallter mit einer Formel überliefert wird, die mehr verbirgt als erklärt: „ertrunken dann und dann im Tiber“. Aber jeder Ochse käut die Formel wieder. So auch im Falle des Wahlrömers Fohr, von dem sogar berichtet wird, er sei, mit 22 Jahren, beim Baden im Tiber ertrunken. Unter welchen näheren Umständen, ist jedoch, folgt man dem Mediziner und Essayisten Wolfgang Schmidt, nie untersucht worden. Alle vorhandenen Berichte stützten sich lediglich auf Hörensagen und Mutmaßungen, behauptet der 1932 geborene Facharzt für Innere Medizin und Physiologie, der den Fall offensichtlich sehr gründlich untersucht hat.*

Man hatte Fohrs Leiche, Schmidt zufolge, am vierten Tag nach dem Unglück gefunden, am 3. Juli 1818. Sie war zwei Gehstunden flußabwärts an einem Ufergebüsch hängen geblieben. Einige Künstler hatten in der Tat gebadet, zu viert wohl, und Fohr war unvermittelt und äußerungslos umgesackt und weggetrieben, obwohl er wahrscheinlich des Schwimmens mächtig war. Carl Barth, der gleichfalls schwimmen konnte, versucht ihn noch zu erreichen – vergeblich. Die Kameraden sind bestürzt oder geben sich jedenfalls so. Und nach dem Auftauchen der Leiche bekommt der junge Fohr, der damals schon mit dem bekannten Kreis deutsch-römischer „Nazarener“ um den Kollegen Friedrich Overbeck liebäugelte, noch am selben Tage, unter Verzicht auf eine Obduktion, ein erstaunlich, ja verdächtig prächtiges Begräbnis, während bereits die unterschiedlichsten Gerüchte über sein Ende durch die römischen Gassen und über die Tische des Künstlercafes Greco laufen. Fohr selber hatte die Stammgäste noch kurz vor dem Unglück auf einer Skizze für ein Ölgemälde festgehalten, deren Abbildung sich inzwischen in etlichen Büchern findet.

Fohr galt vor allem als begabter (romantischer) Landschafter. Sein Kunststudium in München hatte er 1816 abgebrochen, um noch im selben Jahr, von der „Erbprinzessin“ Wilhelmine von Hessen-Darmstadt unterstützt und seiner Dogge Grimsel begleitet, den damals schon beinahe unumgänglichen Fußmarsch gen Italien anzutreten. Vom Militärdienst war der schmale, etwas rachitisch gebeugte Fohr befreit worden. Seine vermutlich braunen oder blonden Locken trug er schulterlang. In Rom führt ihn Studienfreund Ludwig Ruhl sofort in die Künstlerkreise ein. Später überwerfen sich die beiden miteinander, tragen wahrscheinlich sogar, auf einem Kirchhof, ein Pistolen-Duell aus, wenn auch eher als Farce. Der Grund war laut Schmidt ein Streit um Grimsel, doch der arme Vierbeiner gab wohl eher einen schon länger gesuchten Vorwand ab. Schmidt sieht gewisse Anhaltspunkte dafür, daß Fohr und andere, darunter Ruhl, homosexuell gestimmt waren und mit entsprechenden Eifersüchten oder Enttäuschungen zu kämpfen hatten. Aber es gibt keine deutlichen Belege. Grundsätzlich fällt über Fohrs gesamtes Liebesleben oder -sehnen in sämtlichen, fragwürdigen zeitgenössischen Quellen kein Wort. Gewiß: er hat eine Dogge – besser als gar nichts.

Gleichwohl sieht Schmidt keine Anhaltspunkte für eine wirkliche Depression, die Fohr womöglich veranlaßt haben könnte, sich selbst (den Schwimmer) zu ertränken. Ebensowenig glaubt der Arzt jedoch daran, man habe Fohr, warum auch immer, am verhängnisvollen Badetag in den Tiber gestoßen oder auch nur beim Absaufen im Stich gelassen. Die Quellen erwähnen Krankheitsanzeichen und längere Krankenlager des Romgastes Fohr, die den Verdacht nähren, er habe sich, durch Mücken aus den dortigen Sümpfen beigebracht, mit einer Malaria abgeplagt. Damit war er in Rom zweifelsohne kein Ausnahmefall, aber nun kam an jenem heißen Junitag, vielleicht, das Bad im Tiber hinzu. Schmidt nimmt an, der auch innerlich erhitzte, zudem allgemein geschwächte Fohr sei im hüfthohen kalten Wasser auf Steinen ausgeglitten, rücklings ins Wasser gekippt, und dadurch habe er eine sogenannte „vagale Reaktion“ erlitten – laienhafter ausgedrückt: Schrecken, Schock, Bewußtseinsausfälle, Wasserschlucken, völliger Bewußtseinsverlust. Dabei sei er schon von der Strömung erfaßt worden und gleich darauf ertrunken. Die eingangs gerügte Formel ist also korrekt.

Zum Grab des US-Politikers Louis P. Harvey (1820–62) wurde der mächtige, schon durch seine vielen Zwillingsbuchstaben eindrucksvolle Tennessee River. Dadurch wurde die Amtszeit Harveys als Gouverneur des (nördlichen) Staates Wisconsin erheblich abgekürzt. Man hatte ihn am 6. Januar 1862 eingeführt, während ringsum gerade der sogenannte „Sezessionskrieg“ (gegen die abtrünnigen Südstaaten) tobte. Harveys größte Sorge galt zunächst den einheimischen verwundeten Soldaten der Unionsarmee, die auf zwei Lazarettschiffen des Mississippi- und des Tennessee Rivers litten. Er setzte sich an die Spitze einer Hilfstruppe mit Medikamenten und bereiste diese Flüsse. Dabei kam es, neben ergreifendem Jubel der kranken Landsleute, zum Unfall. Auf dem Tennessee bei Savannah unterwegs, wollte der Gouverneur am späten und regnerischen Abend des 19. April vom Dampfschiff Dunleith aus auf das Dampfschiff Minnehaha umsteigen, das sich mit seinem Bug dicht herangeschoben hatte. Solche Übertritte waren nicht ungefährlich, aber nach einigen Quellen durchaus üblich. Prompt rutscht der 41jährige hochrangige Samariter auf den Planken aus, stürzt in den stark strömenden Fluß und ward lebendig nie mehr gesehen. Man habe seine Leiche nach zwei Wochen 65 Meilen weiter stromabwärts aus dem Wasser gezogen.**

Der russische Philosoph und Literaturkritiker Dmitri Iw. Pissarew (1840–68) soll ähnlich wie Fohr unter unklaren oder umstrittenen Umständen beim sommerlichen Baden ertrunken sein. Pissarews Widersacher, dem er sich aber womöglich „freiwillig“ unterwarf, war nicht der Tiber, sondern der Golf von Riga. Dabei hatte es der antizaristisch gestimmte, unter anderem mit Kropotkin befreundete Mann schon vorher nicht leicht gehabt, verbrachte er doch die besten Jahre seines kurzen Lebens mal in einer Nervenheilanstalt, mal in Festungshaft. Bald nach seiner Entlassung entbrannte er, in St. Petersburg, in Liebe zu seiner zweiten Cousine Maria Markovich, geb. Vilinska, einer Schauspielerin, die unter dem Pseudonym „Marko Vovchok“ auch als Schriftstellerin Erfolg hatte. Mit ihr und ihrem Söhnchen fuhr der inzwischen 27jährige im Sommer 1868 in das lettische Seebad Jūrmala. Am 16. Juli ertrank er. Darya Pushkova behauptet***, wegen der Umstände nehme man allgemein einen Selbstmord an – ohne uns allerdings in diese Umstände einzuweihen. Wie es aussieht****, lief es mit Maria schlecht. In früherer Jugend hatte Pissarew, der auf Bildnissen durchweg etwas blass und eher bieder wirkt, bereits mit seiner ersten Cousine Schiffbruch erlitten: Raisa Koreneva, die die Ehe mit einem anderen Trottel oder Knechter vorzog.

Die Blässe, die Pissarew im Gesicht zeigte, hatte der Berliner Nationalökonom, Professor, Patriot und „Sozialpolitiker“ Adolf Held (1844–80) womöglich im Kopf. Man sollte lieber Marx oder Kropotkin lesen. Am 25. August 1880 steckte Held seinen Katheder-Schädel unfreiwillig, wie es aussieht, zu tief in den bei Bern gelegenen Thuner See. Er hatte in der Schweiz Ferien gemacht und eine Kahnpartie unternommen. Am Ausfluß der Aar soll sein Kahn gekentert sein, weil es dort „Stromschnellen“ gebe. Ob der 36 Jahre alte Held (!) allein war, wird nirgends mitgeteilt. Jedenfalls war er seit gut 10 Jahren verheiratet gewesen. Die Frau hieß Elise.

* Rom, Wien, die Musik und das Kranksein: Vier Essays, Hamburg 2012, S. 9–74
** Webseite der 2nd Wisconsin Volunteer Infantry Association
*** Russiapedia.rt.com 2005–11
**** Yuliya Shpachynska o.J.



Follen, Karl (1796–1840), Schriftsteller >Bertero, Carlo



Fortsetzung For–Fz
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