Donnerstag, 22. Oktober 2015
Lexikon der Unfallopfer E

Ebert, Friedrich A. (1791–1834), Bibliothekar und Mitbegründer der Bibliothekswissenschaft. Neue Berufe wie Düsenjägerpilot, Geigerzählerputzer oder MondspaziergängerIn zu erfinden, war im Grunde unumgänglich, weil ja unablässig Berufe aussterben, die bis dahin für tödliche Arbeitsunfälle und damit die Regulierung des Arbeitsmarktes sorgten. Einen Tod, wie er Ebert beschieden war, muß man heutzutage, wo alles am Bildschirm gelesen und verwaltet wird, bereits mit der Lupe suchen. Der Pfarrerssohn stand seit 1825 an der Spitze der Dresdener Königlichen Öffentlichen Bibliothek. „Am 10. November 1834 war er damit beschäftigt, mehrere Bücher wegzustellen; dabei fiel er aus beträchtlicher Höhe von der Bücherleiter und starb an den Folgen dieses Falles am 13. November“, war vor gut 100 Jahren in Richard Bürgers Biografie zu lesen.* Darüber scheint die Forschung bis heute nicht hinausgekommen. Bürger ist allerdings wahrheitsliebend genug um anzumerken, der 43 Jahre alte Pionier seines Faches sei bereits von beruflicher Hingabe, Ehekrach (Amalie geb. Hadenius, seit 1826 Ebert) und wiederholten Grippeanfällen geschwächt gewesen. Ebert auf der Leiter war sozusagen nur das Tüpfelchen auf dem i.

1883 zog der Fortschritt auch in die Universitätsbibliothek der kleinen Stadt Göttingen ein: die Bibliothek bekam einen Neubau und in diesem sogar einen Fahrstuhl. Anders wäre der studierte Klassische Philologe Gustav Löwe (1852–83), der sich bereits als Mitarbeiter an Ritschls großer Plautus-Ausgabe verdient gemacht, aber inzwischen seine Berufung im Bibliothekswesen gefunden hatte, womöglich noch in 200 Jahren nur in engsten Fachkreisen bekannt. In seiner Eigenschaft als Kustos der Universitätsbibliothek stürzte Löwe am 14. Dezember bei einer Begehung des Neubaus in den Fahrstuhlschacht** und starb zwei Tage darauf, ohne sein Bewußtsein wiedererlangt zu haben. Er war 31.

Der Wiener Dramatiker Hans Chlumberg (1897–1930) ist möglicherweise zu unrecht ziemlich unbekannt. Sein 1930 uraufgeführtes Stück Wunder um Verdun nimmt in antimilitaristischer Absicht den Schlachtfeldtourismus aufs Korn, woraus sich ein Riesenkonflikt zwischen den Lebenden und Millionen wiederauferstandener Kriegstoten ergibt. Von diesen möchten jene nichts wissen. Die merkwürdigste Satire gelang Chlumberg allerdings im selben Jahr bei einer in Leipzig stattfindenden Theaterprobe: er stürzte in den Orchestergraben. Das kostete dem 33jährigen Dramatiker das Leben.*** Er bekam in Wien die Chlumberggasse.

Knapp 60 Jahre später fand Chlumberg in Jean-Pierre Ponnelle (1932–88) tatsächlich einen Nachahmer. Der Sproß einer musisch gestimmten französischen Weinhändlerfamilie, in jungen Jahren bei der Résistance, hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg als Bühnenbildner und Opernregisseur einen Namen gemacht. Etliche seiner Inszenierungen wurden verfilmt. Allerdings hatte er sich, ob aus Theaterbesessenheit, Arbeitswut oder Ruhmsucht, auch stark verausgabt, sodaß er schon gesundheitlich angeschlagen war, als er im Sommer 1988, inzwischen 56, in Tel Aviv bei Proben zu Carmen in den ungesicherten Orchestergraben fiel. Wenige Wochen später erlag er den Folgen dieses Sturzes in einem Münchener Krankenhaus.

* Leipzig 1910, bes. S. 57–63
** laut Meyers Konversationslexikon von 1885–92, Band 17
*** laut Christa Karpenstein-Eßbach, in: Die streitbare Klio, Frankfurt/Main 2010, S. 120



Ebossé Bodjongo, Albert (1989–2014), Fußballer >Ben Tifour, Abdelaziz


Edwards, Duncan (1936–58), Fußballer >Bacigalupo, Valerio


Edwards, Mike (1948–2010), Cellist >Stobbs, Betty


Egger, Toni (1926–59), Bergsteiger >Brawand, Samuel


Eggert Ólafsson (1726–68), isländischer aufklärerischer, aber auch patriotischer Natur- und Sprachforscher. Ein Stubenhocker und Hasenfuß war dieser Gelehrte kaum. Schließlich stammte er von Bauern ab. Schon um 1750 soll er mit einem Kopenhagener Studienfreund erstmals den rund 1.500 Meter hohen einheimischen Vulkan Hekla erklommen haben, der als Tor zur Hölle galt. Das war freilich vor allem deshalb kühn, wenn nicht leichtsinnig, weil der Vulkan jederzeit ausbrechen konnte. Tatsächlich ist eine Ausbruchsserie aus den Jahren 1766–68 bekannt. Der Vulkan ist noch heute tätig. Ólafsson beglückte sein Volk mit wertvollen Reiseberichten und weniger wertvollen Gedichten – und mit der Geschichte seines würdigen vorzeitigen Endes. Kaum hat er sich nämlich 1768 mit seiner frischangetrauten Ehefrau Ingibjörg Guðmundsdóttir auf einem eigenen Hof niedergelassen, um sich, wie schon sein Schwager, gleichfalls als Landwirt zu versuchen, geraten die beiden Neuvermählten (Ende Mai) im „Breiten Fjord“ (an der isländischen Westküste) ausgerechnet auf dem Rückweg von ihrer „honeymoon“-Reise* mit zwei überladenen Booten in ein Unwetter und ertrinken im Meer. Ólafsson war 41.

Da der niederländische, auf Seestücke spezialisierte Maler Hendrik Kobell (1751–79?) wußte, wie Schiffbrüchigen zumute ist, fand er für sich selbst einen anderen Tod. Welchen, ist allerdings ähnlich unklar wie das Jahr seines Ablebens. Die Angaben in unterschiedlichen Quellen schwanken zwischen 1779 und 1799, immerhin 20 Jährchen. Zu Kobells Tod sagen viele Quellen gar nichts – das Übliche, das mich immer wieder erfreut. Andere Quellen, wie Meyers 1907, sprechen kurzangebunden oder nachforschungsfaul von einem Fenstersturz in Rotterdam, wo sich der Sohn eines Töpfereihändlers, nach einer ausgedehnten Englandreise, mit seiner Frau Anna Detert niedergelassen hatte.

Man vermutet natürlich sofort, dahinter lauere eine interessante Geschichte, doch selbst mit dem beinahe zeitgenössischen Biographisch Woordenboek der Nederlanden des A. J. van der Aa stochert man noch im Dunklen, zumal bei geringen Sprachkenntnissen.** Kobell sei in der Blüte seines Lebens von einem „heißen Fieber“ ergriffen worden und deshalb (?) aus einem eher hoch gelegenen Fenster auf die Straße gesprungen. Den Folgen dieser Tat sei er am 5. August 1782 erlegen, demnach mit 30 Jahren. Vielleicht plagte ihn das „heiße Fieber“ heftig genug, um ihn nach einem kräftigen Luftzug oder dem kühlen Grabesgrunde dürsten zu lassen; vielleicht quälte man ihn aber auch in einer Klapsmühle, wird doch behauptet, der Sprung sei ihm nur gelungen, weil er seinen „oppassers“ entkommen konnte, den Wärtern also. An Kobells schweißiger Stirn scheint eine ganze Pechsträhne geklebt zu haben. Sohn Jan Baptist, oft als Kobell II bezeichnet, wurde mit rund 36 Jahren auch nicht gerade alt. Der Utrechter Maler und Zeichner hatte sich, thematisch, auf Weidevieh verlegt. Er soll um 1778 geboren worden sein, und eben dieses Jahr wird als Sterbejahr Annas angegeben, seiner Mutter. Sie hatte mit ungefähr 26 abzutreten.

Der französische Marineoffizier Jean-François de La Pérouse (1741–88), der sich unter anderem schon in nordamerikanischen Gefechten bewährt hatte, war die Antwort seines Königs auf die Großtaten des Briten James Cook. Sie gelang nur unvollkommen. Ludwig XVI. hatte La Pérouse im Sommer 1785 zu einer Weltreise ausgeschickt. Anknüpfend an Cooks gefeierte Expeditionen, sollte er in Begleitung etlicher Wissenschaftler auf zwei Schiffen, die in Brest gen Südamerika in See stachen, vor allem den Pazifik und die dortigen Handels- beziehungsweise Raubmöglichkeiten erkunden. Tatsächlich hangelte sich die Expedition über Kalifornien, Alaska und Japan bis nach Australien vor. Doch als sie dort (im Frühjahr 1788) wieder ablegte, mit Ziel Neuguinea, verschwand sie zunächst spurlos in der Südsee. Es war drei Jahre nach ihrem Aufbruch, und Kapitän La Pérouse war inzwischen um 47.

Wie erst später festgestellt werden konnte, hatte er unweit der Salomoninseln Schiffbruch erlitten, wohl aufgrund eines tropischen Wirbelsturms. Sämtliche Seeleute und mitreisende Forscher der beiden Segler La Boussole und L'Astrolabe, ursprünglich um 220 Mann, gelten als verschollen, während sich Teile der Wracks 1826/28 bei den erwähnten Inseln fanden. Ja, in den Hütten mancher InsulanerInnen wurden sogar Gegenstände entdeckt, etwa Degen, Kanonenkugeln, Anker, die Dolmetscher De Lesseps, der 1787 in Kamtschatka (Rußland) von Bord gegangen war, als Gerätschaften der verschollenen Segler identifizierte. Jüngste Forschungen*** bestätigten überdies Berichte von Einheimischen, wonach sich ein Teil der Schiffbrüchigen zunächst an Land hatte retten können. Sie kamen teils in Kämpfen mit Insulanern, teils später beim Versuch um, die Südsee mit einem selbstgezimmerten Boot zu bezwingen.

* Encyclopaedia Britannica
** Haarlem 1852–78, Teil 3 (1858?), S. 516
*** Croixdusud



Eich, Clemens (1954–98), Schriftsteller >Brandorff, Walter


Eichhorn, Frank-Volker (1947–78), Komponist >Gaines, Steve


El Touni, Khadr Sayed (1915–56), Gewichtheber >Harvey, Leslie


Emeri, Andreina A. (1936–85), Politikerin >Hauser, Josef Wilhelm


Enhuber, Karl von (1811–67), Maler >Dankberg, Friedrich W.


Ennis, Skinnay (1907–63), US-Jazzmusiker. Der hellhäutige smarte Schlagzeuger, Sänger und Bandleader war in seiner Glanzzeit unter anderem im Kino und mit Komiker Bob Hope im Radio zu hören. Ab 1960 trat er dann in Hollywood hauptsächlich in Hotels auf, wo er angeblich auch umkam. Laut Chicago Tribune vom 4. Juni 1963 war ihm beim Speisen ein Batzen Roastbeef in die „windpipe“ geraten. Darauf fiel oder sank der 55jährige auf das Parkett des Restaurants, vermutlich unter Krämpfen. Bemühungen Erster Hilfe schlugen fehl. Mit Ennis war auch dessen einschmeichelnde, alles andere als trompetende Baritonstimme erstickt. Zumindest in jüngeren Jahren* soll der Sänger ein Hecht gewesen sein, daher sein ursprünglicher Spitzname Skinny. Das wurde dann von einer Plattenfirma wohlweislich zum etwas wohlbeleibter klingenden Phantasienamen Skinnay aufgepumpt. Von Hause aus (in Salisbury, North Carolina) hatte der Künstler Edgar Clyde Ennis gehießen.

Joe Maini (1930–64) dürfte Ennis zumindest vom Sehen gekannt haben, war der US-Jazzsaxophonist von der Ostküste doch in seinen 10 letzten Lebensjahren ebenfalls, wie Ennis, in Los Angeles aktiv. Er war ein begehrter Studiomusiker. In Gene Rolands Orchester The Band That Never Was habe er gleich neben Charlie Parker gesessen, schreibt Marc Myers.** Auch mit dem Trompeter und Verkehrsunfallopfer Clifford >Brown nahm Maini auf. Der Saxophonist mit dem clownesken Antlitz war stets zu Späßen aufgelegt, im Übrigen eifriger Drogen-Konsument wie fast alle in der damaligen Szene. Der „Schußwaffenunfall“, der möglicherweise keiner war, fand im Haus seines Kumpels Ray Graziano statt, der ebenfalls Saxophon spielte. Man munkelte bald von Selbstmord oder gar Mord; die meisten Quellen verbuchten den Vorfall in der undurchsichtigen Sparte Glücksspiel, als „Russisches Roulett“. In Grazianos Haus gab es eine Pistole, weil Rays Geliebte Daphne Spanner fürchtete. Diese Pistole pflegte Maini zuweilen in seine Scherze einzubeziehen. Am Todesabend, wie gewohnt „high“, wußte er angeblich nicht, daß sie geladen war oder hatte es vielleicht auch nur vergessen – jedenfalls soll sie beim Umherschwenken versehentlich ihn selbst getroffen haben, hart unter dem Ohr. Er starb kurz darauf im Krankenhaus.

Ob der 34jährige mit Ray allein am Tatort gewesen war, geht m.E. nicht klar aus den Aussagen seiner Tochter Tina hervor.** Die Gute war damals Sechs. Sie beruft sich in ihrem Bericht für Myers auf Darstellungen von Graziano, ihrer Mutter Sandra und Mainis Bruder Pat – sicherlich allesamt keine idealen Zeugen. Leider verlieren weder Myers, der Webseiten-Betreiber und Kolumnist, noch seine Email-Partnerin Tina ein Wörtchen darüber, was damals die Behörden zu diesem „Schußwaffenunfall“ sagten. Deshalb angeschrieben, teilt mir Myers (am 15. Oktober 2015) mit, er habe „no idea re the official firearms report. If you come across it, I’d love to know. / Best, / Marc.“ Ja, ich werde die Tage einmal beim Marshal von LA hereinschauen, sobald mein Pferd wieder gesund ist.

Der schwarze Jazzmusiker Denzil Best (1917–65) aus New York City war nicht vom Glück verfolgt. Schon in jungen Jahren sah er sich aufgrund eines Lungenschadens gezwungen, von der Trompete auf das Schlagzeug umzusatteln. Hinter diesem, so heißt es, habe er zumeist wie ein Ölgötze gesessen, ausgenommen seine die Besen rührenden Handgelenke. Man nannte ihn bald den „unhörbaren Drummer“. Doch selbst damit war um 1962 Schluß, weil ihn zunehmend Lähmungen befielen. Vielleicht hatte das mit einem Autounfall zu tun, den er um 1954 gehabt haben soll. Zur Krönung stürzte der Schöpfer des bekannten, ausgesprochen hurtigen Standardtitels Move (von 1948) in New York City auf einer U-Bahn-Treppe, woran er, mit 48 Jahren, starb.

Der Darmstädter Discjockey, Songschneider und Musikproduzent Torsten Fenslau (1964–93) soll etlichen „Klassikern des deutschen Techno“ ans Licht der Öffentlichkeit verholfen haben, darunter dem Titel Heute ist ein guter Tag zum sterben. Das war 1992 und damit nur geringfügig verfrüht. Im folgenden Jahr, genauer am Samstag den 6. November 1993, kam Fenslau auf der nächtlichen Fahrt von einer Geburtstagsparty, die in der bekannten Discothek Paramount Park in Rödermark stattfand, zu seinem nächsten Job (im Frankfurter Sendestudio der HR3 Clubnight) bei Darmstadt von der Fahrbahn ab, sodaß sein Mercedes 500 SL gegen einen Baum prallte. Seine Begleiterin überlebte. Angeblich hatte der 29jährige „übermüdet“ am Steuer sitzen müssen, sei er doch noch am Morgen für „Promotion“ in New York City gewesen. Jedenfalls war er kein Lahmarsch, wie ja auch der Wagen zeigte, den er fuhr.

* Kurzfilm Skinny Ennis And His Orchestra, USA, Warner Bros., 1941
** Marc Myers und Tina Maini auf JazzWax am 6. Juni 2010



Epstein, Brian (1934–67), fünfter Glückspilzkopf. Zu seinem Posten als Manager einer alsbald weltberühmten Pop-Musik-Gruppe kam der Sohn litauisch-englischer Eltern wie die Jungfrau zum Kind. 1954 wegen „psychischer Probleme“ – vermutlich eine Umschreibung für „Homosexualität“ – vorzeitig aus dem Wehrdienst entlassen, stieg er bald darauf in den Möbel- und Elektrohandlungen seines Vaters als leitender Mitarbeiter ein. Als er 1957 die Geschäftsführung des Liverpooler Ladens übernahm, der unter anderem Radio- und Fernsehgeräte anbot, stellte sich heraus, daß auch eine gutsortierte Schallplattenabteilung vorhanden war. Epstein hatte sich bis dahin nichts aus Pop-Musik gemacht; er bevorzugte klassische Musik, ansonsten interessierten ihn die Kulturzweige Modedesign und Schauspielkunst. Er war jedoch clever genug, um die Zeichen der Zeit zu erkennen, die auf solchen Sachen wie Living Doll von Cliff Richard oder Georgia on my mind von Ray Charles standen. Da drängte sich der Name einer bislang nur regional bekannten Pop-Gruppe, die freilich schon in Hamburg an der Seite von Tony Sheridan zu sehen und zu hören gewesen war, ganz natürlich auf.

Sein erstes Konzert mit The Beatles erlebte Epstein im Liverpooler Cavern Club am 9. November 1961, was er sogleich zu Anbahnungsgesprächen nutzte. Am 1. Februar 1962 hatte er einen Fünfjahresvertrag und damit eine Goldgrube, allerdings unter Umständen auch sein Todesurteil in der Tasche. Er verschaffte den vier „Rockern“ einen Plattenvertrag bei EMI/Parlophone, und ihre Verwandlung in geschniegelte Publikumslieblinge ging ebenfalls nahezu ausschließlich auf Epsteins Konto. Daneben managte er etliche andere vielversprechende Musikgruppen. In der Tat schien der Reiz seiner Aufgabe für den neuen Beatles-Manager in dem Maße zu verblassen, wie die vier Sittsamen mit den Pilzköpfen ein Welterfolg und eine sichere Bank wurden. Er leistete sich zunehmend verlustreiche Schnitzer, wie Fachleute meinen, nahm den Vieren aber ihre Weigerung übel, noch weiterhin auf Tournee zu gehen. Schon damals soll er einen Selbstmordversuch unternommen haben. Jedenfalls war das beiderseitige Verhältnis 1967 stark genug getrübt, um eine Verlängerung seines am 1. Februar auslaufenden Manager-Vertrages zu verhindern. Damit war Epstein gefeuert.

Freilich ist kaum anzunehmen, die Enttäuschung über diese Ausbootung sei der einzige Grund für die Überdosis Carbitral-Schlaftabletten gewesen, die der 32jährige Schwerreiche im August 1967 zu sich nahm. Man fand ihn nach Aufbrechen der Wohnungstür tot in seinem Bett in dem stattlichen fünfstöckigen georgianischen Wohnhaus in der Londoner Chapel Street, das er sich 1964 zugelegt hatte. Epstein war seit Jahren für Wutanfälle, Orgien und Depressionen gleichermaßen gut; er wurde zunehmend von Drogen und Glückspielen abhängig und wohl auch des öfteren von jungen Liebhabern erpreßt. Schwulsein war damals für Briten noch offiziell verboten.* So einfach, wie sich die Welt in einem frühen Hit seiner Schützlinge darbot, war sie offenbar nicht: „You know I love you / I'll always be true / So please, love me do ...“

Dem offiziellen Untersuchungsbericht zufolge war Epsteins Ende ein „Unfall“ gewesen, deshalb steht der Verblichene hier. Er habe stets viele Tabletten zu sich genommen, dieses Mal jedoch in Verbindung mit zuviel Alkohol. Die Gefahr, in der er damit schwebte, sei ihm nicht bewußt gewesen. Die Beatles hielten sich unterdessen im walisischen Städtchen Bangor auf und ließen sich von Guru Maharishi Mahesh Yogi unterweisen. Er empfahl ihnen eine Indien-Reise. Dem folgten sie.

* Elisabeth Vock auf Suite101, 7. Oktober 2013


Erlanger, Carlo von (1872–1904), Afrikaforscher >Bleichröder, Georg von


Eschenbach, Eberhard (1913–64). Hier wieder einmal ein Faschist, der erst mit Hilfe des demokratischen Straßenverkehrs zu seiner Strafe kam. Eschenbach war bis Kriegsende Kriminalrat und SS-Hauptsturmführer in Danzig, gleich nach dem Krieg Leiter der Mordkommission bei der Lübecker Kripo und ab 1947 Chef der Kripo in Flensburg gewesen.* Das damals noch übliche „Spruchkammerverfahren“ hatte ihn entlastet und damit bis in die Fußzehen und Haarspitzen hinein „entnazifiziert“. Prompt wurde er 1954 nach Wiesbaden ins BKA berufen, wo er sich im Range eines Regierungskriminalrats ausgerechnet Ausbildungsfragen widmete. 10 Jahre später, inzwischen zum „Oberregierungskriminalrat“ aufgestiegen, wurde der 51jährige das Opfer eines „ungewöhnlichen Verkehrsunfalls“, der sich im April 1964 gegen Mitternacht auf der Autobahn bei Darmstadt ereignete.** Zwei Kollegen, die auf dem Rücksitz saßen, und sogar der Fahrer des Dienstwagens kamen mit leichten Verletzungen davon. Von einem Lastzug auf der Gegenfahrbahn hatte sich ein vier Zentner schwerer Zwillingsreifen gelöst und war erstaunlicherweise über die Büsche und den Blendzaun des Mittelstreifens bis zur Kühlerhaube des Polizeiffahrzeuges geflogen. Eschenbachs vorderer Beifahrerplatz soll drastisch zusammengestaucht worden sein. Der BKA-Ausbilder und Vater dreier Kinder sei 13 Stunden nach dem Unfall gestorben. Der WK-Artikel spart nicht mit Lob auf Eschenbachs Wirken, wobei er freilich Eschenbachs Hauptsturmzeiten wohlweislich total ausklammert, wie man in diesem Fall vielleicht sagen darf.

Der Lehrer aus Bremen Georg Ficke (1911–64) wurde nicht wesentlich älter. Im „Dritten Reich“ Mitglied von NS-Lehrerbund und NSDAP***, schloß sich der schwerverletzt heimgekehrte Oberleutnant nach dem Krieg der Bremer SPD an. Auch er war, als „nicht betroffen“, entlastet worden. Im neuen bundesdeutschen Land Bremen brachte es Ficke bis zum Schulleiter, Gewerkschaftsvorsitzenden und Mitglied der Bürgerschaft (d.h. des Parlaments). Am Morgen des 24. Oktober 1964, einem Samstag, saß Ficke in einem Eilzug nach Osnabrück, weil er zu einer Gewerkschaftssitzung wollte. Diesem Zug fuhr schon auf einer Brücke in Bremen-Hastedt, Höhe Föhrenstraße, eine 130 Tonnen schwere Rangierlokomotive in die Flanke, deren Führer ein Halte-Signal mißachtet hatte. Es gab 10 Verletzte und sieben Tote, unter diesen der Postschaffner des zufälligerweise schwach besetzten Zuges**** – und Kriegsheimkehrer Ficke. Glück hatten BenutzerInnen der „rege“ befahrenen Bundesstraße 75, denn das starke Brückengländer hinderte mehrere Waggons daran, von der Brücke just auf die Straße oder die dortigen Straßenbahngleise zu kippen.*****

* Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich, Ffm 2005, S. 140
** Wiesbadener Kurier, 14. April 1964
*** Laut den Forschungen Helmut Gewalts, Mitglied der Hamburger Willi-Bredel-Gesellschaft, siehe Webseite ganz unten
**** Hamburger Abendblatt, 26. Oktober 1964
***** Zeitgenössische Fotos von H. T. Bick



Esono, Teclaire Bille (1988–2010), Fußballspielerin in Äquatorialguinea. Ein halbes Jahr vor ihrer bereits beschlossenen Teilnahme an der Frauenweltmeisterschaft 2011 in Deutschland erlitt die 22jährige Abwehrspielerin vom Club Bellas Artes im Nachbarland Kamerun, wo sie herstammte, auf der verkehrsreichen N 3 bei Edéa (zwischen den Großstädten Yaounde and Douala) zu nächtlicher Stunde einen tödlichen Autounfall, bei dem auch ihr Bruder Raymond Ewangue Arantes und der 41 Jahre alte Trainer und Manager Pablo Boyas ums Leben kamen. Außerdem wurde der Fahrer des bulligen Geländewagens Marke Toyota Prado schwerverletzt. Der Mann sei mit hoher Geschwindigkeit gegen einen geparkten Lastwagen gefahren, meldete das Regierungsblatt Cameroon Tribune online am 15. Dezember 2010. Später, bei den erwähnten Weltmeisterschaften, ging Äquatorialguinea schon in den Gruppenspielen mit 2:7 Toren unter. Bei dieser Veranstaltung (Endspiel in Frankfurt am Main) siegte ausgerechnet das Land der Toyotas, Japan.

Das letzte Spiel, das der 38jährige russische Sportlehrer und Fußballschiedsrichter Wladimir L. Pettai (1973–2011) leitete, fand am 14. Juni 2011 zwischen Dynamo Moskau und Rubin Kasan statt. Es war sein 100. Einsatz in der Ersten Liga. Keine Woche darauf starb er kurz vorm Erreichen seines Wohnortes Petrosawodsk, der Hauptstadt Kareliens. Seine aus Moskau kommende Linienmaschine der RusAir verfehlte am 20. Juni nach Mitternacht bei Nebel und Regen die Landebahn und zerschellte unweit von Wohnhäusern auf einer Autobahn, wo sie in Flammen aufging. Von den 52 Insassen der Tupolew Tu-134 überlebten sieben – Pettai nicht. Opfer am Boden wurden durch das bekannte „Wunder“ verhindert, wie die Wiener Krone wußte.* Ein Regierungsmitglied sprach diplomatisch oder vorsorglich von einem „Pilotenfehler bei schlechtem Wetter“.** Die russischen Tupolews gelten weithin als veraltet. Der ligaweit beliebte Schiedsrichter Pettai hinterließ Frau und zwei Kinder.

Das wiederholt ausgezeichnete Handballschiedsrichtergespann Bernd und Reiner Methe (1964–2011) aus Vellmar bei Kassel, von Natur aus Zwillingsbrüder, war am 11. November 2011 nach Balingen (südlich von Stuttgart) unterwegs, wo es das Heimspiel gegen den SC Magdeburg leiten wollte. Kurz vorm Ziel, auf gerader Strecke der B 463 bei Empfingen, gerieten die beiden jedoch mit ihrer Mercedes-Limousine, womöglich beim Überholen, auf die Gegenfahrbahn, wo sie mit einem Möbel-Lastzug zusammenstießen. Während die beiden Möbelfahrer „nur“ einen Schock erlitten, waren die bundesweit beliebten Pfeifenköpfe auf der Stelle tot. „Das ist an Tragik nicht zu überbieten“, faselte Balingens Trainer Rolf Brack laut SZ, die sich allerdings höflicher=opportunistischer ausdrückte als ich.*** Schiedsrichterchef Peter Rauchfuß**** mahnte Schritte gegen die vom „Kommerz“ diktierte „Terminhatz“ an, sollten die Zwillinge doch noch am selben Freitag nach Frankfurt/Main fahren, um zu einem Spiel in Ljubljana zu reisen, sprich zu fliegen. Was den Autounfall angeht, verzichtete die Staatsanwaltschaft auf eine Obduktion der Leichen.***** Nach rund drei Monaten stellte sie ihre Ermittlungen ein und erklärte, sehr wahrscheinlich habe ein Fahrfehler vorgelegen, also kein Fremdverschulden. Fahrfehler von wem, hat sie offenbar nicht verraten. Es waren eben Zwillinge, beide 47 Jahre alt und gleichermaßen an das Rad ihrer Zeit gekettet. Den Vogel der Berichterstattung schoß Focus Online ab.****** „Besonders tragisch: Die Magdeburger Handballer fuhren mit ihrem Bus an dem Unfall vorbei, ohne zu ahnen, dass die ihnen bekannten Referees dort verunglückt waren.“ Mit ihrem Pkw.

* 22. Juni 2011
** russland.RU, 21. Juni 2011
*** Süddeutsche Zeitung, 11. November 2011
**** aus der ehemaligen DDR, hauptberuflich PR- und Event-Manager einer Brauerei, Prost!
***** Berliner Kurier, 14. November 2011
****** 11. November 2011



Eugens, Arthur Fritz (1930–44), Schauspieler. Von Eugens ist nicht viel bekannt, obwohl er zwischen 1936 und 1942, als Knabe!, an über 20 Kinofilmen mitwirkte. Der Titelliste nach war er, in ideologischer Hinsicht, bestenfalls ein kleiner Heinz Rühmann, also keinesfalls ein Rebell. Eugens letzter Film, dessen Fertigstellung vermutlich schon von Kriegsanstrengungen bedroht war, trug ausgerechnet den Titel Ein Zug fährt ab. Regie: Johannes Meyer. Eugens, der inzwischen 13jährige Kinderdarsteller, starb am 18. Januar 1944 bei einem Eisenbahnunglück in Dahmsdorf, Märkische Schweiz, das heute zur Kleinstadt Müncheberg gehört. Ein aus Küstrin kommender D-Zug prallte im dortigen Bahnhof auf einen anderen Personenzug – 56 Tote und rund 160 zum Teil schwer Verletzte.* Vermutlich war Eugens nicht das einzige minderjährige Opfer – seiner Eltern, möchte man fast sagen. Ich nehme an, er lebte, in Ufa-Nähe, im Raum Berlin.**

Eugens Berufs- und wohl auch Gesinnungskollege Klaus Detlef Sierck (1925–44), Sohn von Berliner Theaterleuten, wurde nur geringfügig älter. Er spielte mit Begeisterung Kadetten, preußische Prinzen und vom NS-Staat erfolgreich umerzogene Stromer – und dann noch richtigen Krieg. 1943 eingezogen, „fiel“ er im März 1944 als knapp 19jähriger in der Ukraine. Dagmar Seifert behauptet***, der von seiner systemfreundlichen, inzwischen geschiedenen Mutter Lydia gemanagte Sprößling sei „in der Pubertät“ bei Goebbels in Ungnade gefallen, als „schwul“ geschnitten (auch aus bereits gedrehten Ufa-Filmen entfernt) und schließlich „an die Ostfront“ geschickt worden. Trifft das zu, könnte ich mir zum Beispiel denken, Schürzenjäger Goebbels hatte von Mutter Lydia einen Korb bekommen. Der Vater des Jungen hatte es dagegen 1937 vorgezogen, das ganze „Dritte Reich“ zurückzuweisen und gemeinsam mit seiner neuen jüdischen Ehefrau Hilde Jary in die USA auszuwandern, wo er als Filmregisseur Douglas Sirk Karriere machte. Wegen dieser Frau soll Lydia Sierck (geb. Brincken) gerichtlich ein Kontaktverbot ihres Sohnes zu dessen Vater durchgesetzt haben.**** 1958 sei das harte Schicksal seines Sohnes in Sirks vielgelobte Remarque-Verfilmung Zeit zu leben und Zeit zu sterben eingegangen, wo der junge, nicht ganz unschuldige Held noch kurz vor seinem an der Ostfront auf ihn wartenden Soldatentod eine erfüllte Liebe (mit Liselotte Pulver) erleben darf. Diese ganze familiäre Angelegenheit, Sirks merkwürdige Art der Wiedergutmachung eingeschlossen, wäre sicherlich nicht das langweiligste Kapitel, schriebe ich eine Sirk-Biografie.

Der kalifornische Bub Billy Laughlin (1932–48) hatte zwar schon mit acht Jahren (1940) beim Film debütiert und in etlichen erfolgreichen Kurzfilmen um Die kleinen Strolche sowie, neben Robert Mitchum und Simone Simon, in Joe Mays Kassenfüller Johnny Doesn't Live Here Any More mitgewirkt, aber dann, 1944, hielten ihn seine vernünftigen Eltern dazu an, erst einmal die Schule zu beenden. In der Tat soll „Froggy“ Laughlin (dicke Brille, schrille Stimme) das Schülerleben diesseits des Rampenlichts durchaus genossen haben – bis zum 31. August 1948. An diesem Tag, wohl gegen Abend, war der 16jährige mit einem gleichaltrigen Freund in La Puente (bei LA) per Cushman Motor Scooter unterwegs. Nach zeitgenössischen Presseberichten unternahm dieser heute witzig wirkende Motorroller auf dem „Valley boulevard“ eine jähe Art Kehrtwende, worauf ihn ein entgegenkommender Lastwagen umfuhr, der angeblich nicht mehr ausweichen konnte. „Froggy“ (von Frosch), der auf dem Rücksitz des Rollers gehockt hatte, starb kurz darauf im Krankenhaus. Freund W., der Fahrer des Rollers, kam mit leichten Verletzungen davon. Der 25 Jahre alte Lkw-Fahrer blieb unbelangt. Laut Sterbeurkunde sollen die beiden Teenager nicht oder nicht nur zum Vergnügen, vielmehr „while at work“ unterwegs gewesen sein – möglicherweise zwecks Zeitungszustellens.***** Am nächsten Tag standen sie selber drin.

Am 22. Mai 1946 erhob sich in Oslo eine Junkers-Maschine mit 15 Personen an Bord, die nach Stockholm reisen wollten. Sie kamen nur wenige Kilometer weit. Als ein Motor ausfiel, verlor die Maschine an Höhe, streifte Bäume und stürzte auf einer Insel des Oslofjords in den Garten eines (bewohnten?) Hauses. Erfreulicherweise hüpfte gerade keine zukünftige Kinderdarstellerin über den Gartenweg. Dagegen kamen 13 Insassen der Junkers um, darunter der 51jährige norwegische, christlich gestimmte Schriftsteller Ronald Fangen (1895–1946) und der vieldiskutierte avantgardistische schwedische Maler Isaac Grünewald (1889–1946) nebst dessen Gattin Märta, gleichfalls eine Malerin. Sie war 38, er 56.

* preussische-ostbahn.de
** Zwei Tage darauf, am 20. Januar, prallte in Porta Westfalica ein Schnellzug Aachen–Berlin auf einen anderen, stehenden Schnellzug. 79 Tote, 64 Verletzte. Das Unglück wurde einem Signal-Fehler des örtlichen Fahrdienstleiters angelastet. Dieser wiederum schimpfte auf die ständig aufheulenden Sirenen für Fliegeralarm, die ihn durcheinander gebracht hätten (Wilhelm Gerntrup im Mindener Tageblatt vom 20. Januar 2004).
*** im Magazin Der Hamburger, Heft 24, Herbst 2014
**** 3sat November 2011
***** The Little Rascals, Diskussion im Sommer 2013




Fortsetzung F–Foq
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