Mittwoch, 14. Oktober 2015
Lexikon der Unfallopfer D

Dadi, Marcel (1951–96), Gitarrist >Fernández, Rommel


Daffinger, Johann (1748–96), Porzellanmaler >Schobert, Johann


Dane, Cornelius (1956–2004), Schauspieler >Tucker, George


Daneš, Jiří Viktor (1880–1928), Geograph >Fuertes, Louis Agassiz


Daniloski, Antonio „cyx“ (1990–2010), Profi-E-Sportler aus Lüdenscheid, trotz oder gerade wegen seiner Jugend ein namhafter professioneller Counter-Strike-Spieler, also sozusagen ein Champion des Computer-Killerspiels. Seit 2007, da war er 17, beim Club mousesports unter Vertrag, errang Daniloski etliche internationale Erfolge, nebenbei auch mit der deutschen Nationalmannschaft. Er selbst wurde nicht in virtuellen Feuergefechten, vielmehr im Straßenverkehr gekillt. Für den 28. Juli 2010 hatte der inzwischen 20jährige Daniloski geplant, von Frankfurt/Main aus mit seinem Club zu einem Turnier in Shanghai zu fliegen, doch er verpaßte das Flugzeug. So reiste er, als Beifahrer, im Auto auf der A 45 zurück ins Sauerland, um es am folgenden Tag erneut zu versuchen. Allerdings kam er nicht zu Hause an, weil der Wagen, angeblich aufgrund eines Reifenschadens, in Höhe der Ausfahrt Lüdenscheid-Süd unter der Leitplanke durchraste und verunglückte. Beide Fahrzeuginsassen erlitten dabei schwere Verletzungen, doch nur Daniloski, soweit ich weiß, erlag ihnen kurz darauf im Krankenhaus. Am Steuer soll eine 22jährige Freundin des E-Sportlers gesessen haben.

Die 39jährige US-Cutterin Karen Schmeer (1970–2010), Tochter eines Rechtsanwaltes in Portland, Oregon, nahm lediglich als Fußgängerin am Killerspiel „Straßenverkehr“ teil, dies aber immerhin in einer Metropole des Killerspiels jeglicher Art, in New York City. Als sie am 29. Januar 2010 kurz vor 20 Uhr Ecke West 90th Street den Broadway (die bekannte Theater- und Kinomeile) zu überqueren versuchte, kam zufällig das von der Polizei gejagte Fluchtfahrzeug von Räubern vorbei, die soeben einen drugstore überfallen hatten. Dieses Räuberauto fuhr die Cutterin an und quetschte sie gegen parkende Fahrzeuge, „sending her groceries flying“, wie die New York Post erwähnte.* Bald darauf kam der Rettungswagen, in dem Schmeer starb. Deputy Inspector Kathleen O'Reilly räumte später ein, die wüste Verfolgung der Gangster durch ihre Leute sei überzogen, da zu gefährlich für Unbeteiligte gewesen.** Das Opfer Schmeer hatte zuletzt an Liz Garbus' Dokumentarfilm Bobby Fischer Against the World (2011) gearbeitet, deutscher Titel: „Zug um Zug in den Wahnsinn“. Fischer, 2008 einem Nierenleiden erlegen, spielte Schach.

* Stefanie Cohen, 31. Januar 2010
** Noah Kazis, Streetsblog NYC, 18. Februar 2010



Dankberg, Friedrich Wilhelm (1819–66), Berliner Tischler, Bildhauer und Stuckateur, der vorwiegend mit zuletzt fabrikmäßig hergestellten Ornamenten für Bauwerke erfolgreich war. Dankberg wird als umgänglicher biederer Mitbürger geschildert. Sicherlich wußte er auch, Lachen ist gesund. Laut der deutschen Wikipedia, die einen zeitgenössischen Artikel von Max Schasler anführt, wurde Dankberg Mitte Oktober 1866 bei der Lektüre einer Kritik der Berliner Akademieausstellung von einem Lachanfall übermannt, der sich prompt in einen Schlaganfall umwandelte. Der Verstorbene war gerade 47 geworden.

Den bayerischen Genre-Maler Karl von Enhuber (1811–67) erwischte trotz der Flinte seines 1861 geschaffenen Wachsamen Schusters eine Mücke an der Lippe. Dieser gemeine Stich soll dem bereits kränklichen beliebten Maler im Sommer 1867 den Rest gegeben haben. Er starb mit 55 Jahren in München.

Der Berliner Lehrer und „Philosoph“ Max Stirner (1806–56) hatte es, angeblich aus dem selben zoologischen Grunde, nur auf 49 gebracht. Offenbar eine wenig sympathische Art von Vorläufer und Bruder im Geiste Friedrich Nietzsches, hatte Stirner vorübergehend mit seinem Werk Der Einzige und sein Eigentum Staub aufgewirbelt. Dadurch wurden auch die Insekten auf ihn aufmerksam. Anselm Ruest beteuerte 50 Jahre später in einer Monographie (Berlin 1906, S. 81), Stirner sei „durchaus rüstig und gesund“ gewesen und habe stets mit einem hohen Alter gerechnet. Da habe ihn an einem Junitag unversehens „eine vergiftete Fliege in den Nacken“ gestochen, worauf er innerhalb weniger Tage von „allgemeinem Geschwulst“ dahingerafft worden sei. Aus war es mit dem Übermenschentum. Andere Quellen sprechen nicht gerade detailgetreuer von Insektenstich plus Infektion. Belege liefert auch hier, wie im Falle des bayerischen Heimatmalers, soweit ich sehe niemand.

Der deutschstämmige Historienmaler Emanuel Leutze (1816–68) versorgte die junge USA mit anfeuernden Bildnissen, voran das sechs mal neun Meter große Wandgemälde Westward the Course of Empire Takes Its Way von 1861, das Leutze, nach Vorstudien, in einem Treppenhaus des Kapitols (in Washington D.C.) schuf, wo es seitdem sowohl von der Größe des US-Imperialismus wie von der unheimlichen Tiefe deutscher Gefolgschaftstreue zeugt. Auch die Szene mit Mrs. Schuyler überzeugt. Während die beherzte Farmerin noch Petroleum und einen Negerjungen bemühen mußte, um ihr Weizenfeld vor den gefräßigen Briten zu schützen, genügte zum Ausbrennen des Künstlers im Sommer 1868 die Sonne. Schon seit Wochen unter schwüler Ostküsten-Bruthitze leidend, bricht der 52jährige in Washington D.C. nach einem Spaziergang zusammen und erliegt einem Hirnschlag. Für den Sommer 2016 hat Leutzes Kindheitsstadt Schwäbisch Gmünd eine Ausstellung anläßlich seines „200. Geburtstages“ angekündigt.


Darnell, Linda (1923–65), US-Filmstar, gern als „the girl with the perfect face“ bezeichnet. Bevor Darnell in der Nacht vom 9. auf den 10. April 1965, inzwischen 41 und nicht mehr sonderlich berauschend im Geschäft, im Wohnzimmer ihrer ehemaligen Sekretärin Jeanne Curtis (40) verkohlte, hatte sie sich ebendort im Fernsehen noch einmal selbst gesehen: in dem Streifen Star Dust (Sternenstaub) von 1940 aus den Anfängen ihrer Karriere. Freundin Curtis bewohnte ein Haus in Glenview, einem Vorort von Chicago, Illinois. Darnell war für zwei Wochen ihr Gast und hatte sich an diesem Donnerstagabend schon bei der Einkommenssteuererklärung helfen lassen. Der alte Film im Spätprogramm war die Belohnung. Anschließend legten sich die beiden Frauen im Schlafzimmer des Oberstocks zu Bett.

Gegen Drei wurden sie schon wieder geweckt: Curtis' 16jährige Tochter Patricia meinte, es rieche nach Rauch und Feuer. In der Tat, im unteren Stock schien es zu brennen. Die Frauen bewogen Patricia dazu, aus einem Schlafzimmerfenster in den Vorgarten zu springen, um sich in Sicherheit zu bringen und Hilfe zu holen. Die Tochter sprang. Während Curtis zusätzlich von der Fensterbank aus um Hilfe rief, drang Darnell aus unerfindlichen Gründen, wie Curtis später dem Coroner erklärte, ins brennende Erdgeschoß ein. Vielleicht wollte sie zur Eingangstür, wobei sie womöglich spätestens an dem erhitzten Drehknopf der Tür gescheitert wäre, oder ins Wohnzimmer, um eine persönliche Habe zu retten, beispielsweise eine Handtasche mit Geld und Dokumenten. Als die Feuerwehr eintraf, machte Curtis die uniformierten Männer (und Frauen?) sofort auf ihre verschwundene Freundin aufmerksam. Darnell wurde schließlich auf dem Fußboden des Wohnzimmers gefunden, mit furchtbaren Verbrennungen und bewußtlos. Sie starb anderntags im Krankenhaus. Vermutlich hatte sie der Rauch auf den Fußboden geschickt. Die Behörden hielten später einen im oder am Sofa entstandenen Brand durch unachtsamen Umgang der beiden erwachsenen Raucherinnen mit Zigaretten für wahrscheinlich. Sie nahmen Mutter und Tochter ihre Darstellung ab und erklärten den Vorfall zum Unfall.

Einige Quellen, die deutsche Wikipedia eingeschlossen, gefallen sich darin, uns etwas von dieser dann selbst zum Verhängnis werdenden Bemühungen Darnells zu erzählen, die Tochter ihrer Freundin zu retten, wobei Darnell „tragischerweise“ nicht gewußt habe, daß Patricia bereits in Sicherheit war. In den zeitgenössischen Berichten der Chicago Tribune* ist davon kein Komma zu lesen. Selbst wenn es diese Erzählung schon im Unglücksjahr gegeben haben sollte, kann sie eigentlich nur von einer das Frisieren gewohnten oder gerade abgebrannten (geldknappen) Ex-Sekretärin oder aber dem Reporter stammen, der sie interviewte.

Ähnlich legendenträchtig war das erzwungene Ableben des 40 Jahre alten, offenbar schwulen avantgardistischen US-Lyrikers und Kurators für Moderne Kunst Frank O'Hara (1926–66), der seit 1951 in New York City lebte. O'Hara kannte nicht Hinz und Kunz, aber Willem de Kooning, Franz Kline, Helen Frankenthaler, Jackson Pollock, Gregory Corso, Jack Kerouac, Allen Ginsberg, LeRoi Jones, John Ashbery und so weiter. Wie sich versteht, lockte sein frühes Ende gleichfalls wieder (moderne) Gedichte hervor. John Tranter aus Sydney erwähnt** einen Landsmann, für dessen Empfinden sich O'Hara sogar „sonnte“, als ihn, am Strand von Fire Island (bei New York), „eine Maschine umfuhr“. Demnach hatte sich O'Hara im Stehen gesonnt. In Wahrheit war er zur fraglichen Stunde müde und ziemlich betrunken, und es war ungefähr 2 Uhr 30 in der Frühe, also an diesem 24. Juli 1966, einem Sonntag, noch ziemlich dunkel am Strand. Ich halte mich beim Umreißen des Vorfalls an Tranters Webseite, wo er sich seinerseits auf eine 1993 erschienene Biografie aus der Feder Brad Goochs' stützt.*** Sehr ähnlich wird die Sache auch von Andrew Epstein von der Florida State University in Tallahassee dargestellt.****

Das Licht am damaligen Tatort belief sich im Wesentlichen auf zwei mal zwei Fahrzeugscheinwerfer. O'Hara und sein Freund J. J. Mitchell hatten sich nach einem Discobesuch zwecks Heimfahrt in ein bereits gut gefülltes Strandtaxi gezwängt, doch es blieb plötzlich liegen, weil ein Reifen platzte. Man stieg aus und vertrat sich die Beine, während der Fahrer einen Kollegen verständigte und seine Scheinwerfer wohlweislich nicht ausdrehte. Dabei entfernte sich nur O'Hara nennenswert vom Auto. Vielleicht wollte er Pinkeln oder über neue Verse meditieren. Die anderen Scheinwerfer gehörten zu einem sich nähernden Jeep, in dem der 23jährige Kenneth Ruzicka nebst seiner Flamme saß. Ruzicka war ein ortsbekannter Saisonjobber an dieser Urlaubsstätte. Er behauptete später, die Taxischeinwerfer hätten ihn geblendet. Auch deshalb sei er bemüht gewesen, das Hindernis in einem größeren Bogen zu umfahren. Doch dabei fuhr er O'Hara um.

Der Lyriker starb zwei Tage darauf im Krankenhaus. Möglicherweise hatte ihn Ruzicka nicht oder zu spät gesehen. Wie schnell und wie nüchtern Ruzicka fuhr, ist mir nicht bekannt. Jedenfalls kam es noch nicht einmal zu einer Anklage wegen Fahrlässiger Tötung. Ob die örtliche Polizei bemüht war, Ruzicka zu decken, kann ich nicht beurteilen. Einige AnhängerInnen des Lyrikers sehen das selbstverständlich so.

* Ausgaben vom 11. und 22. April 1965. Das Blatt gibt Darnells Alter mit 43 an, vermutlich ein Irrtum.
** John Tranter: A said death
*** Brad Gooch: City Poet: The Life and Times of Frank O’Hara, New York 1993
**** Andrew Epstein 2008



Davis junior, Douglas H. (1928–62), US-Maler >Sarapo, Théo


Davis junior, Owen (1907–49), US-Schauspieler, teils am Broadway, teils in Hollywood. Nach seiner Teilnahme am Zweiten Weltkrieg unversehrt nach New York City zurückgekehrt, betätigte sich Davis, Sohn des erfolgreichen Dramatikers Owen Davis senior, vor allem als Fernsehproduzent. Nebenbei frönte er offenbar dem Segelsport. Die Quellen sind leider dünner als Long Island. Bruce Eder zufolge* unternahm Davis im Mai 1949 an einem Wochenende im Sund mit einem namenlosen Freund eine Segeltour. Gegen Morgen von einem Schlingern des Bootes, das wahrscheinlich (nahe Hart's Island) eine Mole gerammt hatte, aus dem Schlaf gerissen und an Deck geklettert, habe sich dieser „Freund“ vergeblich nach seinem wachhabenden Segelpartner Davis umgeschaut: er war verschwunden. Als der Freund den Vorfall auf der nächsten Polizeistation gemeldet habe, sei just der Anruf eines Streifenpolizisten gekommen, zwei Fischer hätten eine Leiche aus dem Sund gezogen. Das war Davis, „ertrunken“ mit 41. Vom Zustand und dem Schicksal der Leiche ist so wenig zu erfahren wie schon von dem angeblichen Freund, dem Wetter und so weiter. Literatur wird nicht angeführt. Dafür betont Bruce, Davis sei „unmarried at the time of his death“ gewesen (also später dann nicht mehr), während zwei Wikipedias von Davis' Ehefrau Laina Muroni künden. Aber alle Welt – beziehungsweise „das Web“ – betet die Formel vom „Bootsunfall“ nach.

Davis' Landsmann und Berufskollege Gian-Carlo Coppola (1963–86), Sprößling eines bekannten Filmregisseurs, ereilte der beliebte „Bootsunfall“ bereits im Alter von 22. Man könnte auch von einer „Seilfalle“ sprechen. Sie war in der weitläufigen Ostküstenbucht Chesapeake Bay, Maryland/Virginia, gestellt – eine sportliche Gegend, in der 10 Jahre später sogar ein Ex-CIA-Chef umkam, William >Colby. Der junge Coppola war in schnelle Motorboote vernarrt. Ende Mai 1986 brauste er in der Rolle des Beifahrers mit seinem Berufskollegen Griffin O'Neal durch die Bucht. Sie waren beide in der Nähe an Dreharbeiten Francis Ford Coppolas beteiligt. Bei Edgewater nahm O'Neal die enge Durchfahrt zwischen zwei langsam fahrenden Booten aufs Korn – angeblich ohne zu sehen, daß diese Fahrzeuge durch ein Schleppseil verbunden waren. Während sich O'Neal noch in letzter Sekunde habe ducken können, wurde Beifahrer Coppola von dem Seil erfaßt und schwer aufs Deck geschlagen. Er erlag seinen Kopfverletzungen auf dem Weg ins Krankenhaus. Sein nur gering verletzter Kollege wurde verhaftet. Laut damaligem UP-Bericht hatte O'Neal noch nicht einmal eine Lizenz für das Motorboot besessen. Der Polizei machte er zunächst weis, Coppola habe am Steuer gesessen. Das wurde von mehreren Zeugen widerlegt. Später soll O'Neal sein „fahrlässiges“ Handeln bereut haben. Er kam mit 18 Monaten auf Bewährung und anderen geringen Bußen davon.

William Plummer erwähnt Behauptungen von Insidern, wonach O'Neal Ärger mit Coppola senior und die entsprechende Wut auf ihn hatte.** 2012, als inzwischen 47 Jahre alter Draufgänger, wanderte O'Neal doch noch in den Knast: 16 Monate, weil er in San Diego, Kalifornien, mit seinem Auto unter Drogeneinfluß einen anderen Verkehrsteilnehmer verletzt hatte. Der prominente actor war auch ein Waffennarr, und er muß zumindest in jüngeren Jahren durchaus viel Sinn für Racheakte besessen haben. 1992 war er behördlich abgestraft worden, weil er das in Santa Monica geparkte Auto seiner „treulosen“ Ex-Geliebten Lynn Marie Oddo durchlöchert hatte.*** Immerhin, sie saß nicht drin.

Der afrikanisch-deutsche Schriftsteller und Filmemacher Gaston Bart-Williams (1938–90) erlitt ausgerechnet in seiner Heimat, nämlich in Küstennähe bei Freetown, Sierra Leone, einen Bootsunfall, über den nichts Näheres herauszubekommen ist. In jungen Jahren als „Oppositioneller“ aus Sierra Leone geflüchtet, studierte Bart-Williams in Berlin Film und lebte später mit deutscher Ehefrau und zwei Kindern bei Köln, wo er unter anderem mit den Künstlern Michael Buthe und Wolf Vostell und dem WDR zusammenarbeitete. Vielleicht hatte er, inzwischen 52, im Sommer 1990 in seiner Heimat Ferien gemacht oder ein künstlerisches Vorhaben verfolgt. Sohn Patrice tourt als professioneller Reggae-Sänger durch die halbe Welt. Meine briefliche Bitte um Auskunft zu jenem „Bootsunfall“ blieb aus mir unbekannten Gründen unerhört. Immerhin spricht Patrice noch über seinen Vater, wie ich einem Interview**** von 2013 entnehme: „Er war sehr gelehrt, kultiviert, studiert und auch sehr streng. Ich war als Kind das absolute Gegenteil: wild, sportlich. Er hat mich auf Ausstellungen mitgenommen und mich mit Kunst, Büchern und unterschiedlichen Sichtweisen vertraut gemacht. Das hat mich sicher geprägt.“

* auf fandango.com
** People 11. August 1986
*** 10News 3. Februar 2012
**** taz 18. Dezember 2013



Davison, Liam (1957–2014), australischer Schriftsteller, 56, lebte mit seiner Frau Frankie, einer Lehrerin, in der Nähe von Melbourne, Victoria. Beide wurden neben 296 weiteren Insassen Opfer eines „Mysteriums der Luftfahrt“, das inzwischen seit rund 15 Monaten emsig unter dem Deckel gehalten wird: des wahrscheinlichen Abschusses der Boeing MH17 am 17. Juli 2014 in der östlichen Ukraine.


Daza, Marcos, Zirkusartist aus Kolumbien, am 1. April 2007 für den Zirkus Flic Flac in Dortmund tätig. Die siebenköpfige Hochseiltruppe hat ihre spektakuläre Pyramide gebaut und klettert, vom Beifall umtost, wieder zur Erde. Letzter auf dem Seil ist der wohl 36 Jahre alte* Kolumbianer. Plötzlich stürzt er aus neun Meter Höhe ab und schlägt auf den harten Boden. „Macht weiter!“ soll er vor seinem Abtransport geflüstert haben. Daza erliegt seinen schweren Kopf- und Rückenverletzungen knapp zwei Wochen darauf im Krankenhaus. Eine Untersuchung ergibt, man hatte unter ihm bereits das Sicherungsnetz entfernt und ein Spannseil gelöst. Durch den Ruck verlor Daza das Gleichgewicht und fiel. Ein dafür verantwortlicher, eben erst eingestellter Zeltarbeiter wurde 2009 vom Dortmunder Amtsgericht mit einer Geldbuße von 3.000 Euro, zahlbar an die Eltern des Kolumbianers, belegt. „Es ist schrecklich, daß das ausgerechnet mir passiert ist“, sagte der Kollege laut Bild. Hätte es lieber einem anderen passieren sollen?

* Die Angaben gehen bis 39


Dean, James (1931–55), Schauspieler >Bischof, Werner


Deaver, Sally (1933–63), US-Skirennläuferin. Die Arzttochter aus Philadelphia in Pennsylvania soll schon in ihrer Jugend als vielseitig begabte Sportlerin aufgefallen sein. Um 1950 konzentrierte sie sich auf Skirennen, war für mehrere Jahre Mitglied der Nationalmannschaft der USA und errang 1958 bei den Weltmeisterschaften in Bad Gastein, Österreich, die Silbermedaille im Riesenslalom. Sie blieb unverletzt. Freilich muß sie der Teufel geritten haben, trat sie doch bald darauf zurück, um auf Springreiten umzusatteln. Im August 1963 in Ambler, PA, beim Training vom Pferd abgeworfen, zog sich die 29jährige tödliche Verletzungen zu. Ihre Eltern stifteten (für den Bereich Slalom) den Sally Deaver Award.

Der ehemalige Rennreiter Jochen Wimmer (1915–61) starb erst als Beobachter seines Sportes. Auf welchen Erfolgen er thronte, ist nicht überliefert. Er wandte sich jedenfalls dem Journalismus zu und wirkte zuletzt als „Meistersprecher“ bei Radio- und Fernsehsendungen des Hessischen Rundfunks. Vielleicht fand hier, beim mitreißenden Kommentieren der jeweils sechsbeinigen Jagd nach Pokalen, seine entscheidende Verausgabung statt. Laut Hamburger Abendblatt fuhr der 46jährige am 27. Juli 1961 „auf der neuen Bäderstraße an der Ostsee“ keine 50 km/h, als sein Wagen jäh ausscherte und eine Böschung hinabstürzte: tödlicher Herzschlag am Steuer, wie ein Arzt befand.

Auch der niedersächsische Bauernsohn und Springreiter Hartwig Steenken (1941–78), der 1974 aus dem englischen Hickstead den Weltmeistertitel im Einzel (auf Simona) mit nach Hause genommen hatte, mußte zum Sterben den Straßenverkehr bemühen. Neben Pferden liebte er schnelle Autos und das Fußballspiel. Er war 36, als er am 12. Juli 1977 nach dem freizeitmäßig betriebenem Fußballtraining in der schweren Limousine eines Freundes mitfuhr. Der Freund steuerte. Es war schon Nacht. In Kaltenweide, keine Viertelstunde von Steenkes Hof in Mellendorf entfernt (bei Hannover), fuhr der Freund aus ungenannten Gründen gegen eine Mauer. Steenken erlitt schwere Kopfverletzungen, an denen er ein halbes Jahre darauf, im Koma liegend, starb. Da hatte er nichts mehr von dem ersten Profivertrag eines deutschen Springreiters, den er am 1. Juli 1977 unterschrieben hatte. Er wäre hinfort für den Mailänder Getränkehersteller Campari gesprungen.*

Ein anderer Niedersachse, Steenkens Kollege Hermann Schridde (1937–85), nahm den Luftweg. 1965 immerhin Europameister im Einzel geworden, übte Schridde nach seiner aktiven Zeit das Bundestraineramt im Springreiten aus. Nebenbei betrieb er in Meißendorf bei Celle, seiner Heimatstadt, die erste deutsche private Fallschirmspringer-Schule – Sprung mußte schon sein. Ebendort stürzte er Mitte Mai 1985, als Pilot, mit einem Sportflugzeug ab. Man zog den 47jährigen tot aus den Trümmern.

* Dieter Ludwig am 23. Juli 2010


Decamps, Alexandre-Gabriel (1803–60), Maler >Malibran, Maria


Decraene, Igor (1996–2014), belgischer Radrennfahrer, 2013 Junioren-Weltmeister im Zeitfahren (Florenz). Der 18jährige aus Waregem, Westflandern, galt als großes Talent und hatte für 2015 bereits einen Profivertrag in der Tasche. Es heißt, er habe voller Pläne gesteckt. Doch am 29. August 2014 nahm er in Zulte (ebenfalls bei Gent) an einer Geburtstagsfeier teil und machte sich in der Nacht ziemlich betrunken auf den Heimweg, offenbar zu Fuß. Dabei wurde der hübsche junge Mann mit der dunklen Mauspelzfrisur von einem Zug überrollt und getötet. Wie es aussieht, gab es weder Zeugen noch Ankündigungen. Die Staatsanwaltschaft wollte sich nicht festlegen, ob ein Unfall oder eine „Verzweiflungstat“ geschah. Die Familie wies die Selbstmordtheorie zurück.* Das machen Familien immer.

Für den farbigen US-Basketballer Eddie Griffin (1982–2007) wäre ein Fahrrad nicht das Richtige gewesen: er maß 2,08 Meter. Er fuhr eine Geländelimousine, abgekürzt SUV. Streckenweise ein Star, erlitt er in seiner Korbball-Karriere gleichwohl einen Knick, weil er sich zu oft betrank. Seit März 2007 ohne Verein, bemühte sich der 25jährige zuletzt darum, einen Ruf nach Europa zu bekommen. Doch da, am 17. August kurz nach Mitternacht und kräftig alkoholisiert, überfuhr er in seiner Heimatstadt Houston, Texas, mit seinem SUV, wie man in diesem Fall ja schreiben darf, einen Bahnübergang, obwohl bereits die Warnsignale tätig waren. Der schwere Wagen wurde von einem Güterzug erfaßt und geriet in Brand. Griffins konnte nur anhand seiner Zähne identifiziert werden, so verkohlt war er. Der Fall blieb ähnlich offen wie der von Decraene. Laut Howard Beck von der New York Times hinterließ Griffin allerdings eine dreijährige Tochter.

Drei Monate vor Decraenes Fußgängertod wurde der Ex-Bahnradsportler und amtierende Coach des Bike Smith Cycling Clubs aus Arima auf Trinidad und Tobago Clinton Grant (1971–2014) beim Training auf der Straße von einem Auto angefahren. Auch ein Schützling erlitt Verletzungen. Der 42jährige Coach starb kurz nach dem Unglück in einem Krankenhaus der Hauptstadt Port of Spain. Angeblich hatte sein Tod den guten Nebeneffekt, sowohl staatliche wie private Initiativen zum Schutze der radfahrenden BürgerInnen des karibischen Inselstaates auszulösen. Ich plane, dies in meinem nächsten Sommerurlaub zu überprüfen. Vielleicht sollte ich vorsichtshalber nicht mit dem Rad hinfahren, vielmehr im SUV.

Die 20jährige niederländische Radsportlerin Annefleur Kalvenhaar (1994–2014) vom Allgäuer Team Focus XC starb nur wenige Tage vor Decraene, allerdings im Wettkampf. Bei der Qualifikation zum Mountainbike-Weltcup prallte sie in den französischen Alpen beim Zeitfahren gegen die Kante einer Holzbrücke und überschlug sich bergabwärts. Ihre Weiterfahrt (nach Grenoble) fand im Hubschrauber des Rettungsdienstes statt. Sie erlag ihren schweren Hirnblutungen am folgenden Tag.

* Grenzecho.net am 5. September 2014


Dedjuschko, Alexander W. (1962–2007), Schauspieler >Liedtke, Tanja


Delbrück, Werner (1868–1910), Kurdirektor >Pilâtre de Rozier, Jean-François


DeLong, George W. (1844–81), US-Polarforscher. Der Marineleutnant aus New York City hatte sich schon 1873 an einer Expedition in vereiste Gefilde beteiligt, die nach den verschollenen Polaris-Forschern suchte. Zudem sammelte er entsprechende Erfahrungen als Kapitän von Walfangschiffen. Im Sommer 1879 brach der knapp 35jährige in San Francisco mit dem Dampfschiff Jeannette und 32 Mann Besatzung zu einer Nordlandfahrt auf, die zunächst nur den Zweck hatte, den Verbleib des Forschungsschiffes Vega zu klären. Handys gab es ja noch nicht. Als er an der sibirischen Küste erfuhr, die Vega habe ihre Fahrt nach geglückter Überwinterung fortgesetzt, entschloß sich DeLong, einmal so weit vorgedrungen, den Nordpol anzusteuern. Dieser Ehrgeiz, wohl von Befehlen aus Washington D.C. gedeckt, sollte die Mannschaft der Jeannette noch teuer zu stehen kommen. Zwar war die Reise vom Verleger des New York Herald finanziert worden, sodaß es nicht an Geld mangelte – dafür jedoch zuletzt an Nahrung. Wahrscheinlich wurde der Nordpol erst 1909, wenn nicht später, erstmals von Menschen erreicht.

Im September 1879 fror die Jeannette in der Nähe der Herald-Insel im Eis des Arktischen Ozeans ein. Bis das Schiff, aufgrund der Eisdrift, mürbe und leck genug war, um zu sinken, vergingen anderthalb Jahre, in denen die kühnen Leute gegen das Wetter und die Schäden ankämpften. Aber vermutlich hatten sie auch so manche Robbe und so manche öde Stunde totzuschlagen. Immerhin entdeckten sie damals die sogleich nach ihrem Anführer getauften De-Long-Inseln. Nach dem Untergang der Jeannette im Juni 1881 machte sich die Besatzung mit drei Booten in Richtung des rund 800 Kilometer entfernten Lenadeltas auf – allerdings zunächst zu Fuß. Sie hatte die Boote zu schleppen. Im September versuchte sie in drei Gruppen von den Neusibirischen Inseln zum Festland überzusetzen. Ein Sturm trennte die Gruppen. Das Boot unter der Führung von Leutnant Chipp ging verschollen. Das Boot unter Führung von Ingenieur Melville erreichte Anfang 1882 das Lenadelta, wo sich die Männer mit Hilfe von einheimischen (jakutischen) Jägern ins Trockene retten und wieder aufrappeln konnten. Als zwei Leute aus dem dritten, von DeLong geführten Boot zu ihnen stießen, machten sie sich nach deren Angaben auf die Suche nach dem Rest der Besatzung. Tatsächlich stießen sie noch im Lenadelta auf die letzten Lager der Gruppe – doch sie waren ausschließlich von einem knappen Dutzend Leichen bevölkert.

Von dem inzwischen 37jährigen DeLong war zunächst nur eine erfrorene Hand zu erblicken, die in einiger Entfernung von der darauf freigelegten Feuerstelle aus dem Schnee ragte – man nimmt allgemein an, auf diese Art habe er mögliche Suchtrupps auf das letzte Lager hinweisen wollen. Dicht neben DeLongs Leichnam fand sich sein Tagebuch. Danach waren die Männer schon vor Monaten schlicht verhungert – ihr Chef selber wahrscheinlich um den 1. November 1881. Seine Aufzeichnungen wurden später von DeLongs Frau Emma veröffentlicht.

Der Südpol wurde erstmals Ende 1911 von einem Menschen erreicht, nämlich dem Norweger Roald Amundsen. Das wußten aber der britische Marineoffizier R. F. Scott und seine Leute noch nicht, als sie im Januar 1912, schon halb tot, die letzten Kilometer in Angriff nahmen. Dann sahen sie die schwarze Fahne, die Amundsen zurückgelassen hatte – und ärgerten sich ohne Zweifel noch schwärzer. Die fünfköpfige Zweitentdeckercrew war rund fünf Wochen zu spät gekommen. Ihr Rückweg war des Ehrgeizes katastrophale Strafe. Alle Fünf kamen elendig in Eis oder Schneesturm um, darunter als Jüngster der 28jährige Henry R. Bowers (1883–1912), genannt „Birdie“ aufgrund seiner schnabelförmigen Nase. Der rothaarige stämmige Schotte soll nur um 1 Meter 60 groß, doch ein Leuchtturm an Zuversicht gewesen sein. Vielleicht starb er im Glauben, als Pinguin wiedergeboren zu werden.

Im selben Jahr 1912 wurde das zuletzt sehr entbehrungsreiche Leben des britischen Leutnants Belgrave E. S. Ninnis (1887–1912) durch einen Gletscherspalt abgekürzt, der sich im antarktischen Dämmerlicht jäh vor ihm und seinen Schlittenhunden aufgetan hatte. Sie stürzten in die Tiefe. Die verzweifelten Rufe seiner Expeditionskollegen Douglas Mawson und Xavier Mertz (1882–1913) vom Rand der Kluft aus ließ der 25jährige unerwidert. Er hatte den Löwenanteil des Proviants bei sich gehabt. Später aßen Mawson und Mertz, ein Schweizer, die Hunde auf – was auch dem 30jährigen Alpenbewohner den Tod bescherte, weil er als strenger Vegetarier die Nahrungsumstellung nicht verkraften konnte. Expeditionschef Mawson, von Hause aus Geologe, legte einen „legendären“ einsamen Marsch über Hunderte von Meilen zum Basislager zurück und hatte dort auch noch allein zu überwintern, da das Expeditionsschiff Aurora bereits abgesegelt war. Später wanderte sein Gesicht auf die australische 100-Dollar-Note. Mawson starb erst 1958 mit 76. Vielleicht hatte ihm die Bibliothek seines Hauses im südaustralischen Adelaide gute Ratgeber der Sorte Die Überwindung des Polarkreises und der Schuldgefühle oder Mentales Training geboten, wie man heute dazu sagen würde.

Auch der Polarforscher Hans-Robert Knoespel (1915–44) starb vor seinem Führer. Der Sohn eines Hof- oder Parkeigentümers in Schwelm, Westfalen, war ein vielseitiger Mann. Neben den (geographischen) Polen, dem Vaterland und der Ornithologie liebte er insbesondere Greifvögel. In den 1930er Jahren bei der Vogelwarte Rossitten, Ostpreußen, und im Riddagshäuser Reichsjägerhof Hermann Göring (bei Braunschweig) als Falkner beschäftigt, nahm er auch an Expeditionen in Nordeuropa, Island und Grönland teil. Sie galten vornehmlich der Erforschung des weißen Gerfalken, beiläufig wohl auch der roten Stellungen. Ab Herbst 1938 wirkte Knoespel, neben einem Biologie-Studium in Breslau, im „sudetendeutschen“ (tschechischen) Riesengebirge am Aufbau der 1.400 Meter hoch gelegenen Forschungsstation „Goldhöhe“ und beim Versuch mit, solche ausheimischen, gefangenen Wildfalken einzubürgern. Nach dem meteorologischen Ereignis „Kriegsausbruch“ meldete sich Knoespel freiwillig für den Marine-Wetterdienst. In diesem Rahmen war er um 1942 an der Errichtung von Wetterstationen auf Spitzbergen östlich von Grönland beteiligt. Zur Besatzung dieser Stationen zählten sowohl Wissenschaftler wie Soldaten. Die eigentlich unwirtliche Inselgruppe Spitzbergen, formell unter norwegischer Oberhohheit, stellte einen beliebten Zankapfel zwischen den Weltkriegsparteien dar. Zwei Jahre darauf, im Sommer 1944, empfahl es sich jedoch, auch die von Knoespel geleitete Station „Kreuzritter“ im Liefdefjord „freiwillig“ zu räumen, allerdings vor dem Abzug in die Luft zu sprengen. Dabei erwischte es leider den 28jährigen Stationschef selber.* Er wurde vor Ort begraben. Das deutsche U-Boot fuhr ohne ihn ab. Wie einem Nachruf** der Zeitschrift Polarforschung zu entnehmen war, hinterließ Knoespel eine über alles geliebte Frau. Nun liege er für ewig unter jener Wirkungsstätte, der er alle Kraft geopfert habe, „um für Deutschland bleibende Werte zu schaffen.“

* Rupert Holzapfel 1951 (S. 91)
** Theodor Guspietsch 1945 (S. 25–27)



De Man, Herman (1898–1946), Schriftsteller >Sebastian, Mihail


Depardieu, Guillaume (1971–2008), französischer Schauspieler. Bestandtteil seines bunten, sicherlich rebellischen, jedoch für mein Empfinden wenig vorbildlichen Werdegangs waren eine Schießerei (neun Monate auf Bewährung) und ein Motorradunfall. Dieser führte ihn im Oktober 1995 zwecks Operation am Knie in ein Krankenhaus. Ein vor ihm fahrendes Auto hatte einen Koffer verloren. Aus dem Krankenhaus brachte Depardieu das Bakterium MRSA mit nach Hause – Infektion. Er fütterte es mit starken Schmerzmitteln, hielt daneben am gewohnten Drogenkonsum fest, unterzog sich 17 weiteren Operationen und ließ das Bein im Juni 2003 amputieren. Nun hatte er als Einbeiniger – der gleichwohl weiter vor der Kamera stand – noch fünf Jahre zu leben. Im Oktober 2008 erlag der 37jährige in Garches bei Paris einer Lungenentzündung, die abzuwehren offensichtlich seine noch vorhandenen Kräfte überstieg.

Was Deutschland betrifft, haben wir derzeit* mit jährlich rund 500.000 Krankenhausinfektionen und 10.000 bis 15.000 durch sie bewirkten Todesfällen zu rechnen. Man stirbt also nicht unbedingt, leidet aber oft langwierig an seiner unbestellten Infektion. Viele denkbare Schutzmaßnahmen fallen den sattsam bekannten „Kostengründen“ zum Opfer – und die Behandlung der Infizierten, siehe Depardieu, ist dann dreimal oder dreißigmal so teuer. Aber die Gesundheitsindustrie verdient. Eine andere denkbare Schutzmaßnahme wäre es gewesen, wenn der prominente Schauspieler Gérard Depardieu, Jahrgang 1948, darauf verzichtet hätte, Kinder in die Welt zu setzen. Aber so vorbildlich war er nicht. So sandte er seine „tödlichen Blicke“ gegen den Taugenichts von Sprößling aus, wie dieser einmal in einem Interview behauptete, und wagte schon nicht mehr, die Fernsehnachrichten einzuschalten.

Der Sprößling hat dann auch wieder vorsorglich ein Kind gezeugt, mit einer Berufskollegin. Die gemeinsame Tochter müßte jetzt 15 sein. „Mein Meisterwerk“, soll der stolze Vater einmal dazu gesagt haben. Ob das Mädchen selber ähnlich begeistert ist?

Die Schauspielerin Melek Diehl (1976–2008) wurde im Dezember 2008 in Berlin von einem vorschriftswidrig schnell fahrenden Auto erfaßt, dessen Fahrer flüchtete. Die knapp 32jährige hatte nach Proben auf dem Mittelstreifen der Konstanzer Straße gestanden, ihn womöglich auch schon mit einem Schritt verlassen. Andere AutofahrerInnen, die später zum Teil als Zeugen auftraten, sahen sie durchaus und verhielten sich entsprechend umsichtig, nicht dagegen der Täter, der sie mit seinem Golf gleichsam „unterfahren“ habe. Sie wirbelte durch die Luft, lag in einer Blutlache auf dem Asfalt, starb noch an Ort und Stelle. Zuletzt hatte sie ausgerechnet in Rosa von Praunheims Film Rosas Höllenfahrt mitgewirkt, der 2009 in die Kinos kam. Am fraglichen Feierabend wollte sie gemeinsam mit einer Freundin kochen und dafür jenseits der Konstanzer Straße Gemüse einkaufen. Der mehrmals vorbestrafte Täter, ein 30jähriger Autohändler ohne gültigen Führerschein, dafür mit dickem Strafpunktekonto in Flensburg, wurde gefaßt und glimpflich mit gut drei Jahren Gefängnis bedient.

Miriam Christmann (1966–2008), Fernseh-Moderatorin, zuletzt beim Stuttgarter SWR angestellt, 41 Jahre alt, gelernte Schneiderin, Kostümbildnerin und Image-Stylistin, auch selber „hübsch“, wie alle Berichte meinen, veranstaltet Mitte Mai 2008, wohl an Pfingsten, mit ihrem gleichaltrigen Lebensgefährten, dem Tontechniker Timo Richter (Erscheinung unbekannt), auf der häuslichen Terrasse in der Schwarzwaldgemeinde Forbach einen Grillabend zu zweit. Anschließend stellen die beiden den Grill ins Haus und gehen schlafen, wie vermutet wird. Laut Express.de** geschah beides, das Abstellen und das Schlafengehen, im selben ebenerdigen Raum des Hauses, während Hund Samy später im Obergeschoß entdeckt worden sei, und zwar noch lebendig. Nachdem die beiden BewohnerInnen am Dienstagvormittag nicht an ihren Arbeitsstellen erschienen waren, fand die Polizei sie in jenem Erdgeschoßraum, Richter im Bett, Christmann auf dem Boden, beide in Schlafanzügen – und tot. Offenbar seien sie im Laufe der Nacht vom farb-, geschmacks- und geruchslosen Kohlenmonoxid noch glimmender Holzkohle vergiftet und erstickt worden. Die Presseberichte sprechen einmütig vom „tragischen Unfall“ der beiden „Promis“. Einzig Express.de tritt naheliegenden Doppelselbstmordgerüchten mit dem Sprecher der Staatsanwaltschaft Baden-Baden Michael Klose (50) entgegen: „Wir haben keinerlei Anzeichen auf Suizid oder Fremdeinwirkung festgestellt.“

* laut Charité, Berlin 2015
** 23. Mai 2008



Depoorter, Richard (1915–48), belgischer Radrennfahrer. Das Bündnis zwischen Radsport und Automobilindustrie wirkt sich mitunter nicht nur in den Reihen des gemeinsamen Feindes (der FußgängerInnen) schädlich aus. Im Juni 1948 startete Depoorter, gerade erst Fünfter der Luxemburg-Rundfahrt geworden, bei der Tour de Suisse. Vor der vierten Etappe von Thun nach Altdorf lag er sogar an aussichtsreicher Position für Platz 2 der Gesamtwertung. Doch oberhalb von Wassen (Kanton Uri) führte die vierte Etappe dummerweise durch den gekrümmten und zudem schlecht beleuchteten Tunnel im Fedenwald. In diesem Tunnel fand der 33jährige belgische Radrennfahrer durch einen Sturz sein Ende.

Bei einer Autopsie in seinem Heimatland stellte sich allerdings entgegen dem Zeugnis des Unfallarztes Davide Staffieri und offizieller Verlautbarungen heraus, daß Depoorter nicht durch den Sturz selber und die dabei erlittenen Kopfverletzungen umgekommen war. Vielmehr fand man verdächtige Rippenfrakturen, die an Autoreifen denken ließen. Dann brachen auch Augenzeugen ihr Schweigen: Der gestürzte Rennfahrer war von einem belgischen Begleitfahrzeug überfahren worden. Nach Aussage des Sanitäters Adolf Huber hatte damals Rennleiter Carl Senn persönlich auf einer Vertuschung des wahren Unfallhergangs bestanden, wie Rolf Gisler-Jauch in einem Aufsatz* berichtet, der im Staatsarchiv Uri liegt. Nun kam es zu einem Gerichtsverfahren in Brüssel und zu langwierigen Rechtsstreitigkeiten. Dabei blieben die schweizer SpurenverwischerInnen freilich unbehelligt, wenn ich mich nicht irre. Dafür wurde der Fahrer des belgischen Begleitfahrzeugs, Louis Hanssens, zu einem Monat Gefängnis und der Leistung von anderthalb Millionen Belgischer Franken Schadenersatz verurteilt. Diese Summe (höchstens 40.000 Euro) kam bei Depoorters Witwe allerdings erst neun Jahre nach dem Tod ihres Mannes an, 1957. Später (1998?) wurde dem Ort des Unglücks der Name Depoorter-Tunnel verliehen.

Zum gemeinsamen Feind von Radfahrern und Fußgängern haben manche BürgerInnen den Hund erklärt. Ich kann da kaum mitreden, bin ich doch als Radler in einigen Jahrzehnten erst einmal von einem mit mir wettlaufenden Köter in die Wade gebissen worden, ohne dadurch zu Fall oder gar zu Tode zu kommen. Anders Portugals bekanntester Radrennfahrer Joaquim Agostinho (1943–84), der hier stellvertretend auch für die nichtprofessionellen und entsprechend wenig beachteten zweirädrigen Opfer des wichtigsten Vierbeiners der Erde stehen mag. Der 41jährige „Publikumsliebling“ stürzte im Sommer 1984 kurz vorm Ziel der fünften Etappe der 10. Algarve-Rundfahrt, weil ihm ein freilaufender Hund in die Quere kam.** Darauf erlag er in einem Lissaboner Krankenhaus seinen schweren Kopfverletzungen. Es folgten ein nationaler Aufschrei und drei Jahrzehnte, in denen Portugal, wie ich vermute, weder die Hunde- noch die Autohaltung nennenswert eingeschränkt hat.

Das Auto, das dem belgischen Ex-Radrennfahrer Rudy Dhaenens (1961–98) an einem Aprilsonntag in 1998 zum Verhängnis wurde, war sein eigenes. Er hatte das Rennen schon mit 31, zwei Jahre nach seinem Straßenweltmeistertitel von 1990 (in Japan) aufgegeben, angeblich wegen Herzproblemen, und nun war er zum Ziel der Flandern-Rundfahrt unterwegs, weil ihn Eurosport als Kommentator angeheuert hatte. Der Job platzte, als der 36jährige bei Aalst, Ostflandern, „somehow lost control of his car“, wie sich die New York Times auszudrücken beliebte.*** Dhaenens kam von der Straße ab, prallte gegen einen Strommasten und starb anderntags im Krankenhaus. Er hinterließ Frau und zwei Kinder. Von Selbstmord ist nirgends die Rede – obwohl ihn die FAZ schon 1991 zum „Weltmeister von der traurigen Gestalt“ ausgerufen hatte.

Beth Bonner (1952–98) war eigentlich eine einst erfolgreiche US-Langstreckenläuferin, die inzwischen an der Schreiner University in Kerrville, Texas, als Lehrerin und Trainerin wirkte. Eben in dieser Gegend wurde sie 1998 als Radfahrerin „struck by an 18-wheel truck“, wie Joe Henderson in einer Kolumne erwähnt.**** Daran starb sie, mit 46. Henderson zählt noch etliche andere „Two-Wheel Tragedies“ auf, darunter auch ein Fall mit Hund ...

* hier als pdf
** Eurosport 9. Mai 2015
*** NYT 9. April 1998
**** Runner's World Mai 1999


Depping, Janina (1978–2013), Autorennfahrerin >Batsiua, Tyoni


Deptuła, Leszek (1953–2010), polnischer Politiker. Am 10. April 2010 zählte der 57 Jahre alte Tierarzt und Abgeordnete im Warschauer Parlament zu einer Delegation um Staatspräsident Lech Kaczyński, die in einer Regierungsmaschine nach Rußland flog, um an den Feiern zum 70. Jahrestag des sogenannten „Massakers von Katyn“ (bei Smolensk) teilzunehmen. Als die Tupolew 154 M mit 96 Menschen an Bord zur Landung auf dem Militärflugplatz Smolensk-Nord ansetzte, herrschte dichter Nebel. Die Maschine streifte Bäume und zerschellte am Boden. Es gab keine Überlebenden. Damit war dem polnischen Staat sozusagen die gesamte Spitze abgebrochen. Allerdings fand sich rasch Ersatz und Polen läßt bis zur Stunde nicht locker, Nato-Raketen gen Rußland zu richten.

Man nimmt heute überwiegend an, zu dem eigentlich unverantwortlichen Landeanflug sei die Crew von anwesenden Befehlsgewaltigen gedrängt worden. Hinzu kamen wohl einige Fehler der Piloten, vielleicht auch der russischen Lotsen. Ein Anschlag gilt als unwahrscheinlich. Wie sich versteht, schoben und schieben sich die alten Erzfeinde Polen und Rußland die Schuld an dem Absturz gegenseitig zu. Immerhin scheint bislang niemand anzuzweifeln, daß im Frühjahr 1940 in einem Wald beim Dorf Katyn mehrere Tausend gefangene polnische Offiziere von sowjetischen NKWD-Leuten erschossen=ermordet worden sind. Die sowjetische, oft grausame Herrschaft über Polen beziehungsweise weite polnische Gebiete war übrigens, wenn mich nicht alles täuscht, eine Folge des gloriosen Hitler-Stalin-Pakts.

Anderthalb Jahre später wurde die mexikanische „Exekutive“ (in ihrem erbitterten Kampf gegen Drogenbosse oder politikverdrossene BürgerInnen) geschwächt, weil der 45jährige amtierende Innenminister Francisco Blake Mora (1966–2011) am 11. November bald nach dem Start (in Mexiko City) mit sieben anderen Staatsdienern in einem Hubschrauber abstürzte. Nach offizieller Verlautbarung war es ein Unfall. Das Flugzeug sei, wohl wegen Nebels, vom Kurs abgekommen und gegen einen Hügel geprallt. Merkwürdig nur, daß Blake Mora innerhalb von sechs Jahren schon der dritte mexikanische Sicherheitschef oder Innenminister war, der auf dem Luftwege abzutreten hatte. Als Ramón Martín Huerta am 21. September 2005 bei Mexiko City mit einem Hubschrauber verunglückte, hatte es neun Tote gegeben, und das wurde am frühen Abend des 4. November 2008 noch vom Unfall Juan Camilo Mouriños überboten. Sein Regierungs-Learjet mit gleichfalls neun Personen an Bord war auf dem Weg zum Flughafen der Hauptstadt gewesen. Dabei sollen sich die Piloten zu dicht an eine vorausfliegende Boeing gewagt haben, weshalb die Regierungsmaschine von deren Luftwirbeln erfaßt und im Sturzflug in der Stadt niedergegangen sei. Sie zerschellte auf einer belebten Kreuzung eines Geschäftsviertels. Dadurch fielen, neben den neun Insassen, noch einmal sieben Tote, außerdem rund 40 Schwerverletzte und etliche Autowracks an. Die Szene stand in Flammen. Ich kann mir vorstellen, das ganze Viertel nahm sich wie im Krieg aus – und in diesem befindet sich Mexiko ja auch. Seit vielen, vielen Jahrzehnten.

Einige brasilianische StadtbewohnerInnen hatten am 13. August 2014 Glück. Bei angeblich schlechtem Wetter näherte sich gegen 10 Uhr vormittags eine mit sieben Personen besetzte Cessna dem Militärflughafen von Santos. Sie stürzte aus bis heute unklaren oder umstrittenen Gründen in eine Wohnsiedlung des Stadtteils Boqueirão. Wie durch das berühmte „Wunder“ kam es hier „am Boden“ lediglich zu sechs Verletzten. Unter den sieben Toten, sämtlich WahlkämpferInnen der sozialdemokratischen PSB, befand sich voran der 49 Jahre alte, als „links“ geltende Politiker Eduardo Campos (1965–2014), nicht dagegen dessen Anwärterin auf die Vizepräsidentschaft des riesigen Landes, wie Ossietzky-Korrespondent Wolf Gauer bemerkt.* Die „schillernde“ Tochter eines Kautschuksammlers, Ex-Kommunistin und Ex-Grüne Marina Silva, inzwischen Priesterin der sehr einflußreichen (evangelikalen) „Pfingstlersekte Assembléia de Deus (Versammlung Gottes)“, habe „ausnahmsweise“ nicht in dem Privatjet gesessen. Durch das Unglück rückte sie, an Campos' Stelle, zur Bewerberin um die Präsidentschaft auf. Zwar wurde die Blackbox der Cessna geborgen, nur sei das Gerät leider „stumm“ geblieben – möglicherweise trotz, möglicherweise wegen einer sogenannten „Expertenkommission“, die nach dem Unglück, so Gauer, hastig aus den USA angereist war.

Wir können noch kurz in Brasilien bleiben. Gut zwei Monate vor „Hoffnungsträger“ Campos kam der kaum minder bekannte Fußballschuhträger Fernandão (1978–2014) bei einem Luftverkehrsunfall unweit seines in Aruanã (rund 300 km westlich der Hauptstadt Brasilia) gelegenen Landsitzes um. Der 36jährige einstige Stürmer, anschließend Vereinsmanager, saß mit vier Einheimischen, darunter ein Stadtrat aus Palmeiras de Goiás, in einem Hubschrauber, der kurz nach dem mitten in der Nacht erfolgten Start, ansonsten aus ungenannten Gründen auf das Ufer des Rio Araguaia fiel – offenbar wie ein Stein. Der Hubschrauber brach auseinander. Obwohl er nicht brannte, gab es keine Überlebenden. Am Steuer hatte ein pensionierter Oberst gesessen, Milton Ananias.**

* Nummer 22/2014
** a redação 7. Juni 2014



Dhaenens, Rudy (1961–98), Radrennfahrer >Depoorter, Richard


Diallo, Bakary (1979–2014), Filmemacher >Mbiahou, Lorenzo



Dias, Antônio Gonçalves (1823–64), Schriftsteller >Friedländer, Alexander


Diehl, Melek (1976–2008), Schauspielerin >Depardieu, Guillaume


Diener, Nelly (1912–34), Flugbegleiterin >Quimby, Harriet


Dittmar, Georg F. C. (1795–1817), Student >Bertero, Carlo


Dorléac, Françoise (1942–67), französische Schauspielerin. Mancher dürfte sie beispielsweise als Terese aus Polanskis Film Wenn Katelbach kommt (1966) kennen. Ein Jahr darauf war Dorléac 25. Älter wurde sie nicht, weil sie im Juni 1967 in einem gemieteten Renault 10 von Saint-Tropez zum Flughafen von Nizza jagte. An einer Autobahnabfahrt streifte ihr Wagen einen Masten, überschlug sich und fing Feuer. Sie verbrannte in dem Wrack. Übrigens war sie eine Schwester von Catherine Deneuve, die noch lebt.

Die Karriere des bekannten blonden US-Leinwand-Busenwunders Jayne Mansfield (1933–67) endete erst mit 34. Bis dahin hatte sie fünf Kinder geboren, von denen drei auf dem Rücksitz schliefen, als sie in Begleitung ihres damaligen Liebhabers Sam Brody, einem Rechtsanwalt, nachts auf einem Küsten-Highway in Louisiana Richtung New Orleans fuhr. Die von Ronnie Harrison gelenkte Buick-Limousine prallte mit Karacho auf das Heck eines Trucks, den Mansfields 20jähriger Fahrer möglicherweise kaum gesehen hatte. Angeblich hingen nämlich neben natürlichen Nebelschwaden Dunstwolken über der Straße, die eine mobile Mückenbekämpfungsmaschine von sich gab, die vor dem Truck gefahren war.* Während die drei Erwachsenen auf den Vordersitzen des Buicks sofort tot waren, überlebten die Kinder mit geringen Verletzungen. Sicherlich erwartete sie noch ein großartiges Leben. Mansfields Vater war gestorben, als Jayne Drei gewesen war.

Im selben Jahr kam die 36jährige britische Schauspielerin June Thorburn (1931–67) im südenglischen Hügelland mit 36 anderen Insassen bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Es gab keine Überlebenden. Die in Malaga gestartete Maschine der Iberia Airlines, aus ungeklärten Gründen zu tief geflogen, erlegte auch 65 weidende Schafe und verfehlte verschiedene Wohnhäuser nur knapp.** 1961 hatte die offenbar eher vielseitige Schauspielerin am Streifen Don't Bother to Knock mitgewirkt, in deutschen Kinos als „Herein, ohne anzuklopfen“ vorgeführt. Eigentlich hatte so bereits 1954 ein Roman von Ernst Kreuder gehießen, nur ohne Komma. Aber Variierung ist ja beliebt. Donald „Don“ Campbell etwa, Mitgründer der Campbell Aircraft Company in Berkshire und zum Unfallzeitpunkt ihr Direktor, hatte vorwiegend Tragschrauber hergestellt, im Gegensatz zu Hubschraubern. Campell landete ebenfalls hinter der Schafweide und büßte sein tatkräftiges Leben ein.

Der 35 Jahre alte Sohn eines berühmten Filmschauspielers Dean Paul Martin (1951–87), Tennisspieler, Schauspieler und kalifornischer Air-Nationalgardist, prallte am 21. März 1987 bei Schneesturm mit seinem Phantom-Jäger auf eine Granitwand am Mount San Gorgonio. Dieser ist, mit rund 3.500 Metern, der höchste Berg in Südkalifornien. Neben Captain Martin, der offensichtlich gleichfalls zu tief geflogen war, kam auch dessen 39 Jahre alter Beiflieger Captain Ramon Ortiz um. Major Steve Mensik tröstete die Presse*** mit der Versicherung, „they never knew what hit them“.

* Zeitzeuge Bob Walker
** The Fernhurst Society
*** The Pittsburgh Press 26. März 1987



Douglas, Johnny (1882–1930), Sportsmann >Pilâtre de Rozier, Jean-François


Drusus (der Ältere) (38–9 v. Chr.), römischer Germanenschreck. Wie sein späterer Ehrenname Germanicus bereits andeutet, leistete der kurz vor Christus geborene Heerführer wesentliche Beiträge zur Ausweitung des Römischen Reiches gen Nord- und Ostseeküste. Dabei lag seine Operationsbasis in den drei gallischen Provinzen, denen er, mit Sitz im heutigen Lyon, als Statthalter vorstand, woran ihn offenbar keine Asterixe und Obelixe hindern konnten. Zwischen 12 und 9 v.Chr. stieß er mit seinen Legionen über Rhein, Lippe, wahrscheinlich auch Weser und Elbe vor. Wenn er noch nicht einmal das „Alter“ Alexander des Großen erreichte, liegt es angeblich nicht an den Keulen unserer wackeren cheruskischen oder chattischen Vorfahren, vielmehr fiel der 29jährige Recke beim Rückmarsch an einem möglicherweise zu heißen, drückenden Augusttag an der Saale, wohl im Raum Magdeburg, vom Pferd und erlag den dabei erlittenen, unter Historikern umstrittenen Verletzungen im römischen „Sommerlager“ Castra Scelerata, wo er seinen letzten Atemzug am 14. September des Jahres Neun tat. Nach der kriminalistischen Untersuchung von Matthias Bode* dürfte dieses Römerlager nördlich von Kassel an Weser oder Leine gelegen haben.

* ZHG Nr. 117/118 der Jahre 2012/13, S. 1–16


Dubovský, Peter (1972–2000), Fußballer >Colby, William


Duchesne, André (1584–1640), Historiker >Boulogne, Valentin de


Dudow, Slatan (1903–63), mindestens für seinen Kinofilm Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt? von 1932 bekannt. Der bulgarisch-stämmige kommunistische Regisseur wirkte, vom Exil in Frankreich und der Schweiz abgesehen, hauptsächlich in Berlin, dabei nach dem Krieg für die DDR und deren Babelsberger Studio DEFA. Sein letzter Film Christine blieb unvollendet. Nachdem sie im Juli Außendreharbeiten im östlichen Brandenburg erledigt hatten, sei der 60jährige am Abend des 12. Juli 1963 in Begleitung seiner Hauptdarstellerin Annette Woska mit seinem Wagen völlig übermüdet Richtung Berlin aufgebrochen, schreibt Filmexperte Ralf Schenk. Für Dudow, dem Schenk zufolge ständig die Augen zuzufallen drohten, endete diese Reise schon in Fürstenwalde in einem Sarg. Die junge Woska habe für einige Wochen im Koma gelegen. Statt uns mit Einzelheiten des Unfalls zu belästigen, kennt Schenk den Schuldigen: es war der weltweit beliebte Befehlsnotstand, das Diktat der Sachzwänge eingeschlossen, wenn nicht gar die DEFA-Direktion persönlich! Die hatte nämlich erst kürzlich im Sparwahn beschlossen, „personengebundene Chauffeure auf ein Minimum zu reduzieren“.*

Ich will noch ein paar andere Stimmen anführen. Das ZK der SED nahm in seinem Nachruf auf Dudow eine angemessen künstlerische Warte ein: Schuld war die „Tragik“ … des Autounfalls.** Dagegen soll Angelica Domröse in ihrer Autobiografie von 2003, also im selben Jahr wie Schenk, geäußert haben, Dudow habe sich 1963 „trotz nachgewiesener Fahruntauglichkeit ans Steuer eines Mercedes gesetzt und einen Unfall verursacht“, an dessen Folgen er gestorben sei.*** Am Genausten und Ungeschminktesten äußert sich der Berliner Jörg Opel, den verwandtschaftliche Bande mit dem Dreh- und Unfallort verbinden. Danach haben jene Außendreharbeiten in Heinersdorf stattgefunden. Dieses zwischen Steinhöfel und Müncheberg gelegene Dorf hatte mit einem („volkseigenen“) Gutshof zahlreiche Landwirtschaftslehrlinge (Statisten!) und ein „Schloß“ genanntes Herrenhaus zu bieten. Opel schreibt zu Dudows Abtritt, der Regisseur sei damals „nach einer durchzechten Nacht auf der Friedensbrücke in Fürstenwalde“ aus eigenem Verschulden „gegen einen Brückenpfeiler geprallt“, gibt freilich keine Belege an.**** Auf Nachfrage teilt er mir freundlicherweise mit, er habe sich in diesem Punkt, vor längerer Zeit, auf mündliche Berichte von Einheimischen gestützt. Dokumente hat er nicht.

Die Stadt Fürstenwalde/Spree liegt südlich von Heinersdorf auf halbem Wege an der Autobahn Frankfurt/Oder–Berlin. Also gut möglich, daß sich Dudow und Woska in der Tat auf der Heimreise nach Berlin befanden, wie Schenk geschrieben hat – ob nun müde oder angetrunken oder beides ...

An Dudows Christine war damals auch der 34 Jahre alte Schauspieler Günther Haack (1929–65) beteiligt, als Luftschaukelarbeiter Georgi und einer von etlichen Geliebten der titelgebenden Landarbeiterin. Dagegen war er nicht an Dudows Autounfall beteiligt – noch nicht. Das kam zwei Jahre später. Mit seinem 33jährigen Kollegen Manfred Raasch (1931–65) und wohl noch anderen DDR-BühnenkünstlerInnen saß er im Juni 1965 vor oder nach einem Auftritt im Bitterfelder Kulturhaus (die Quellen widersprechen sich) in einem Auto, das zwischen Delitzsch und Leipzig auf der F 184 verunglückte. Fahrer soll der „unter Alkoholeinfluß“ gestandene Regisseur Hans Knötzsch gewesen sein, der deshalb später vor Gericht kam.***** Raasch und Haack erlagen ihren Unfallverletzungen. Raasch, unter anderem beliebter Sänger von sogenannten „Seemannsliedern“, hatte 1963 die Single Die Liebe ist immer an Bord / … dann ist mein Glück gemacht herausgebracht, Amiga Nr. 4 50 406. Als Bundesverkehrsminister würde ich diese Scheibe gleich zwischen dem Autopiloten und der Innenraum-Überwachungskamera zwangsweise in alle Neuwagen einbauen lassen.

Während man Starregisseur Dudow brutal den Chauffeur gestrichen hatte, konnte sich der gelernte Schlosser und Lokführer Helmut Scholz (1924–67) bis zum letzten Atemzug durch die Gegend fahren lassen, soweit sie umzäunt war. Als sein Chauffeur im März 1967 aus mir unbekannten Gründen Scholzens „schwere“ und sicherlich einige Devisen fressende „Regierungslimousine“, so der hämische Spiegel (15/1967), an der Autobahnabfahrt Beelitz (südlich von Berlin) in einen „Trümmerhaufen“ verwandelte, war Scholz erst 42 – und gleichwohl seit 1959 sowohl stellvertretender Generaldirektor der Deutschen Reichsbahn wie Vize-Verkehrsminister der DDR. Der schwerverletzte Fahrer des Verdienten Eisenbahners Scholz überlebte möglicherweise. Der Unfall soll sich nachts ereignet haben. Entsprechend sieht die Quellenlage aus.

* film-dienst 14/2003
** Neues Deutschland 14. Juli 1963
*** Luzifer 8. Mai 2014
**** Webseite schloss-heinersdorf.info 2014/15
***** Neues Deutschland 25. Januar 1966



Duehring, Cindy (1962–99), MCS-Aktivistin >Torschin, Wiktor W.


Duncan, Isadora (1877–1927), Tänzerin >Curtis, Natalie


Dunn, Ryan (1977–2011), Stuntman >Balaban, Alper


Durković, Vladimir (1937/38–72), Fußballer >Greth, Werner



Fortsetzung E
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