Donnerstag, 1. Oktober 2015
Richard Jefferies
Falls Ihnen der Name dieses Schriftstellers nichts sagt, was ich fast befürchte, kann ich Sie beruhigen: es gibt schlim-mere Bildungslücken. Mir fiel er sogar in Gestalt einer etwas speckig glänzenden und bereits aus dem Leim gehenden Erstausgabe in der Originalsprache in die Hände, die mich vor allem dadurch faszinierte, daß ich bis dahin nicht wußte, was ein „poacher“ ist. Von Nachschla-gewerken her erwartet man in Jefferies 1879 in London* erschienenem Werk The Amateur Poacher eher einen Kranz aus Blumen, Tannenzapfen und Schmetterlingen, tatssächlich sind es jedoch Jagdgeschichten. Der Bauern-sohn bezieht sie aus seiner Kindheit, die er im südwest-lichen englischen Hügelland bei Swindon in der Grafschaft Wiltshire verbrachte. Offenbar fand er als Halbwüchsiger kein größeres Vergnügen, als Kaninchen, Hasen, Forellen oder Barschen und zahlreichen Vögeln nachzustellen, etwa Fasanen, Rebhühnern, Tauben, Schnepfen. Allerdings mag, neben dem Jagdfieber, auch die Not im Spiele gewesen sein, war doch Jefferies Alter nur ein kleiner Farmer. Entsprechend führt der Autor allerlei absonder-liche halb- oder ganzprofessionelle Wilderer (poacher) vor, was nicht völlig ohne Reiz ist. Dabei läßt er die durch Malthus oder Engels berühmte Soziale Frage weitgehend auf sich beruhen. Der Löwenanteil des Landes gehört eben den „Herren“, das war schon immer so. Sie machen auch die Politik. Soweit er nicht umhin kommt, Mitjäger, gipsys („Zigeuner“) oder andere Mitmenschen zu erwähnen, verfängt sich Jefferies nie in der nächsten interessanten Frage, was sie ihm, außer Spießgesellen oder Konkur-renten, vielleicht noch bedeuten könnten. Für mein Empfinden bleiben seine eher holprig verfaßten Prosa-Oden auf „the morning on the hills, when hope is as wide as the world“, ziemlich hohle Gebilde. Kurz, weder als Natur- noch als Sozialphilosoph und schon gar nicht als Psychologe trifft der Autor auch nur einmal ins Schwarze. Von Thoreau ist er einen Atlantik entfernt – wahrschein-lich sogar von Gissing.

In seinem vier Jahre später veröffentlichten schmalen Werk The Story of My Heart (Geschichte meines Herzens) bemüht sich Jefferies, jene Hohlheit mit dem bekannten „kosmischen Bewußtsein“ zu füllen, mit dem uns später noch, auf deutscher Seite, Leute wie Rudolf Steiner und Ernst Kreuder benebeln werden. Um das Maß voll zu machen, besitzt er auch noch die selbstironisch ange-strichene Frechheit, das Werk im Untertitel als My Autobiography auszugeben. Über den Bauernbuben, Schuljungen, Dorfreporter und Londoner oder Swindoner Journalisten, der sich mit seinen ländlichen Skizzen nur mühsam über Wasser halten konnte, erfährt man in dieser inbrünstigen Offenbarung des Jefferies kein Komma. Stattdessen hören wir von seiner felsenfesten Überzeu-gung, die Weltgeschichte habe noch nicht ihr letztes Wort gesprochen, hinter den Phänomen steckten ungeahnte Möglichkeiten, das Entdecken habe gerade erst begonnen. Was wünscht er denn zu entdecken? Eben das „kosmische Bewußtsein“. Es soll ihm derart weit ums Herz werden, das ihn keine Hautpore mehr an die Ernüchterungen oder gar Erniedrigungen erinnern kann, die jener Bauernbub und Schuljunge vermutlich zu erleiden hatte, wenn man den Andeutungen seines gleichfalls merkwürdigen Anwaltes Edward Thomas traut. Danach zog sich der wenig kräftige und wenig geliebte Knabe schon früh in das Schnecken-haus seiner vom Kuckucksruf und den Hummeln gewebten Träumereien zurück. Mit 20 wurde der Nachwuchs-Mystiker mit der Tochter eines benachbarten Bauern verlobt, die er mit 26 sogar geheiratet haben soll. Mehr ist dann von dieser Frau (Jessie Baden) nicht mehr zu erfahren. Der vollbärtige Gatte, laut Thomas ein angenehm schlichter, bescheidener Mitbürger, also immerhin kein alle Welt nervender Prediger, kränkelte und erlag mit 38 Jahren der übelsten Erscheinung seiner Zeit, der Tuberkulose. Zwei Jahre vorher, 1885, war sein drittes Kind an einer Gehirnhautentzündung gestorben. Dagegen soll die Mutter und Witwe noch über 70 geworden sein.

Mit welchen Geschmacksnerven Thomas der Prosa Jefferies, neben der unverzichtbaren Feierlichkeit, Schönheit und Glanz abgelesen hat, ist mir aufgrund meiner Einblicke völlig schleierhaft geblieben. Soweit ich sehe, liegt Jefferies auf deutsch lediglich mit einem Buch vor. Darin hat man die Geschichte meines Herzens mit dem Hauptteil seines sogenannten utopischen Romanes After London oder Der Rückfall in die Barbarei vereint.** Der zweite Text schildert ein nach großen, weiß der Teufel warum ausgebrochenen Feuersbrünsten verwildertes und gleichsam re-feudalisiertes England, von dem kein Mensch, geschweige denn ein Literaturfreund zu sagen wüßte, was es eigentlich soll. Für Jefferies ist es die Gelegenheit, einen selten fruchtlosen, abwegigen Sumpf-landtext vor seiner kaum vorhandenen Leserschaft auszubreiten. Mit Geschichten, Handlungen, Konflikten im herkömmlichen Sinne hat Jefferies diesen Roman nicht im Ausmaß von auch nur einer Entenfeder befrachtet. Sollte es in London einen renommierten Literaturpreis für Langweile geben, hätte ihn Jefferies unbedingt verdient. Das würde sich doch prima mit der Bemerkung des Herausgebers Rathjen decken, Jefferies größte Bedeutung für die Literaturgeschichte liege womöglich gar nicht in seinen Schriften selbst, sondern in deren Wirkung auf den englischen Landschaftsschriftsteller, Literaturkritiker und Lyriker Edward Thomas.***

Wohlgemerkt: nicht in den Schriften selbst! Vielmehr werden literarische Werke, wie man aus Rathjens verräterischem Hinweis schließen darf, vor allem deshalb geschaffen, um eben in der Literaturgeschichte Bedeutung zu erringen oder um zumindest auf einen Literaturkritiker, Lyriker oder Herausgeber zu wirken.

* bei Smith, Elder, & Co., 15 Waterloo Place
** Herz & Barbarei. Mit einem Nachwort von Edward Thomas herausgegeben von Friedhelm Rathjen, Edition ReJoyce 2005
*** „Gefallen“ 1917, mit 39 Jahren, gleich nach dem Übersetzen auf einem Schlachtfeld bei Arras, Nordfrankreich, wohl durch deutschen Brustschuß.

°
°