Dienstag, 22. September 2015
Lexikon der Unfallopfer Cle–Cz

Cless, Rod (1907–44), US-Jazzmusiker (Klarinette und Saxophon). Ab 1944 war Cless regelmäßig mit der Dixilandband seines Freundes Max Kaminsky (Trompete) im New Yorker Pied Piper Club zu hören, wenn auch nur bis zum 8. Dezember. Vom Auftritt zurückgekehrt, stürzte der 37jährige beim Aufstieg zu seiner Wohnung rücklings über das Treppengeländer, vermutlich mitten in der Nacht. Er starb an den Folgen. Cless hatte eine nicht zustande gekommene Hochzeit hinter sich und laut Kaminsky eine Menge Alkohol in sich. Laut Frederick J. Spencer warf sich Kaminsky später vor, Cless – der dies abwehrte – nicht zwangsweise nach Hause begleitet zu haben.*

Spencer behandelt etliche weitere tödliche Unglücksfälle unter Jazzmusikern, die mir aber zu weit führen. Ich picke nur Eddie Vincent (1878–1927) heraus. Als ihm nach einem Auftritt beim Abwärtssteigen auf einer wackligen Treppe sein Posauenkasten zu entfallen droht, hascht er nach ihm – und fällt prompt hinterher. Vincent war Ende 40. Als Tat- und Sterbeort vermute ich Chicago, wo der Posaunist bei Freddie Keppard's Jazz Cardinals spielte. Ob er ebenfalls zu viel Alkohol oder Ähnliches im Blut hatte, soll nicht bekannt sein.

Der Trompeter Clifford Brown (1930–56), der Pianist Richie Powell (1931–56) und dessen Gattin Nancy, die am Steuer saß, kamen im Sommer 1956 bei einem Autounfall nahe Bedford, Pennsylvania, ums Leben. Die beiden schwarzen Jungstars waren von Philadelphia aus zu einem Auftritt in Chicago unterwegs gewesen. Bei Dunkelheit und strömendem Regen geriet der Wagen ins Schleudern, prallte gegen einen Baum und fiel auch noch eine Böschung hinab. Der arbeitssame, hilfsbereite und angeblich völlig drogenfreie Brown war 25, Powell 24. Der Schock in der Ostküsten-Jazzgemeinde war groß.

Allerdings war er nicht sonderlich nachhaltig. Ruhm durch Rockmusik ist ohne ein weltweites Netz unterschiedlichster Transportmittel, darunter Rundfunkwellen, Tourbusse und Laserstrahlen, undenkbar. Der 22 Jahre alte Texaner und Rock'n'Roller Buddy Holly (1936–59), vor allem Sänger, Gitarrist und Schöpfer des Hits Peggy Sue, spielte das letzte Konzert seines Lebens am 2. Februar 1959 im Surf Ballroom des Städtchens Clear Lake bei Mason City, Iowa. Anderntags machte er sich im Verein mit seinem Kollegen Ritchie Valens (1941–59) und dem 28 Jahre alten Disc-Jockey The Big Bopper (1930–59) auf den Weg zu seinem nächsten Auftritt in Fargo, North Dakota. Den unzuverlässigen, nicht mehr beheizbaren Tourbus oder andere Autos verschmähend, bestiegen sie in Mason City ein Kleinflugzeug. Sie kamen nur wenige Meilen weit. Schuld sollen ein Schneesturm und Navigationsfehler des gemieteten Piloten Roger Peterson (21) gewesen sein. Der Absturz seiner rotlackierten Beechcraft Bonanza in ein verschneites Maisfeld kostete auch Peterson das Leben. Glückspilz des Tages war Hollys Gitarrist Tommy Allsup, Jahrgang 1931. Der Mann lebt zur Stunde immer noch. Valens, noch keine 18 Jahre alt, hatte sich erkältet und Allsup gebeten, ihm seinen Platz im Flugzeug abzutreten. Allsup habe darauf zum Mittel des Münzwurfs gegriffen – und verloren. Also kam der blutjunge Valens für ihn um.

Spätestens seit diesem 3. Februar – „the day the music died“, so Don McLean 1971 in seinem Schlager American Pie – mutierte das Maisfeld der Rock- und Popmusik zur Goldgrube und zur Pflanzstätte anbetbarer Ikonen. Der nächste Day-the-music-died stellte sich 1963 in Tennessee ein, was ich bereits unter >Anglin, Jack behandelt habe. Viele weitere solcher Tage folgten; Rock- und Popmusik sind so wenig totzukriegen wie Profifußball. Wenn sich demnächst ein Mensch (oder ein Roboter) dazu entschließt, die nächste Atombombe zu werfen, werden auf Milliarden Computern perfekt gestylte Musikvideos laufen, bis die Computer geschmolzen sind.

Auch der Song Three Stars von Eddie Cochran (1938–60) ist dem legendären Flugzeugabsturz in Iowa geweiht. Ein Jahr zuvor hatte der US-Rockmusiker aus Minnesota die Welt und etliche „covernde“ Kollegen unter anderem mit dem Stück Summertime Blues (1958) beglückt. Als Cochran im April 1960, erst 21 Jahre alt, mit seiner Geliebten Sharon Sheeley im Taxi von Bristol nach London fuhr (Strecke per Auto knapp 200 Kilometer), hatte er, wie es der Zufall so will, gerade das Stück Three Steps to Heaven aufgenommen, das sich verständlicherweise ebenfalls sogleich als Hit erwies. Der Musiker zog sich nämlich auf dieser kostspieligen Anreise zum Flughafen Heathrow tödliche Kopfverletzungen zu, weil das rasant fahrende Taxi zwischen Bath und Chippenham aufgrund eines platzenden Reifens gegen einen Laternenpfahl prallte. Cochran wurde von der Hinterbank durch die aufspringende Wagentür nach draußen geschleudert. Zurück blieben der unverletzte Tourmanager Pat Thomkins, Cochrans schwerverletzter Freund Gene Vincent, Cochrans Geliebte mit Becken- und Halswirbelbruch und der unverletzte 19jährige Taxifahrer George M., der seines Berufes, womöglich auch seines Lebens, nie wieder froh wurde. Jedenfalls entzog man ihm, neben 50 Englischen Pfund, für 15 Jahre die Lizenz.

Die Schauspielerin Gisela von Collande (1915–60), Tochter eines Kunstmalers und Schwester des Schauspielers und Filmregisseurs Volker von Collande, war zunächst an Berliner Theatern aufgestiegen. Im sogenannten „Dritten Reich“ mischte sie dann auch kräftig im Kino mit, dabei keineswegs nur in angeblich unverfänglichen Schmarren um die Liebe, sondern auch in erklärten NS-Agitprop-Streifen über Verräter (1936) und dergleichen. Sie verriet auch 1945 nichts und setzte ihre Karriere in der sogenannten „Demokratie“ mutig fort. Ihr letzter Film, mit den männlichen Zugpferden Hansjörg Felmy und Hanns Lothar voran, war das Alpenbauerndrama An heiligen Wassern von 1960, in dem sie Felmys Mama spielt. Im Oktober des Jahres ist die 45jährige mit ihrem hellblauen Volkswagen solo von München nach Hamburg unterwegs. In einer berüchtigten abschüssigen Autobahnkurve zwischen Pforzheim und Karlsruhe gerät sie, bei nasser Fahrbahn, mit „weit über“ den vorgeschriebenen 100 Stundenkilometern ins Schleudern und, sich überschlagend, auf die fünf Meter tiefer liegende Gegenfahrbahn, wo sie aus dem Wagen geschleudert wird. Sie starb noch am Unfallort. Einige Sekunden früher verunglückt, wäre Von Collandes Volkswagen auf ein Polizeifahrzeug gefallen, das sich gerade näherte. Das war also Glück im Unglück: man mußte nicht mehr schlechtgelaunt auf die Polizei warten. Und mehr noch, kam kurz darauf auch ein katholischer Geistlicher zufällig vorbei, wußte das Hamburger Abendblatt (vom 24. Oktober) seine LeserInnen zu trösten. Der habe der im Sterben liegenden Schauspielerin, sozusagen einer Kollegin, „den letzten Segen gegeben“.

Ein schwarzer Vibraphonespieler, der zu Clifford Browns Jugendfreunden zählte, folgte dem Trompeter knapp fünf Jahre später, an einer Bartheke in Indianapolis, Indiana, sitzend, auf noch dümmere Weise ins Grab: Lem Winchester (1928–61) aus Wilmington, Delaware. In dieser mittelgroßen Stadt an der US-Ostküste war er noch bis zum Vorjahr hauptberuflich Polizeioffizier gewesen. Freunde schildern ihn als sanft, nachsichtig, hilfsbereit und – zumindest in der dortigen „African American community“ – entsprechend beliebt. Ab 1957 brachte Winchester in wechselnden Besetzungen eigene Alben heraus. Die Kritik sah ihn auf dem Weg zum eigenständigen Ausdruck. Drei Monate nach der Einspielung seiner letzten Platte With Feeling auf Tournee, fiel ihm (am 13. Januar) an der erwähnten Bartheke sein einstiger Brotberuf ein, worauf ihm ein sowohl ihm selber wie uns vertrauter Revolvertrick mißglückte, auch „Russisches Roulett“ genannt. David Arnold zufolge** war Winchester dieses Mal nicht mit dem gewohnten Revolver versehen, sodaß er die leeren Kammern der Trommel verfehlte und ausgerechnet die einzige mit einer Patrone gefüllte Kammer abschoß. Auf diese Weise, Revolver an der Schläfe und jede Wette einen Lampenschirm überm Kopf, blies sich der 32 Jahre alte Musiker also etwas mutwillig, möglicherweise auch lebensmüde, das eigene Lebenslicht aus. Er hinterließ Frau, Kinder und fünf Alben. Näheres oder Korrigierendes werden wir vielleicht in Kürze von Winchesters Landsmann und Kollegen Scott Davidson erfahren.

Der griechische avantgardistische Komponist Jani Christou (1926–70), Sohn eines Schokoladenfabrikanten und einer Dichterin, später unter anderem Schüler der Pianistin Gina Bachauer und Jünger Ludwig Wittgensteins, bei dem er zeitweise studierte, fand mit 44 ein wenig zartbitteres Ende. Ob er selber oder aber seine Frau Theresa*** am Steuer saß, entzieht sich meiner Kenntnis. Die beiden erlitten am späten Abend des 8. Januar 1970 in Athen einen Autounfall. Sie hatten gerade mit Freunden Janis 44. Geburtstag gefeiert, 8. Januar. Nun war der Wagen, der sie nach Hause bringen sollte, ins Schleudern geraten und vor irgendein Hindernis geprallt. Nicht auszuschließen, daß Christous noch in letzter Sekunde, bevor er verschied, ein Gedanke an seinen Bruder und Mentor Evanghelos durchzuckte. Der war bereits 1956 einem Autounfall zum Opfer gefallen, wohl in Zürich, wo er an C. G. Jungs Institut studierte. Logik und Psychologie – was habt ihr da wieder getrieben?

* Jazz and Death: Medical Profiles of Jazz Greats, University Press of Mississippi, Jackson, USA, 2002, S. 200 & 204
** Current Research in Jazz 2 (2010)
*** oder Theresia, geb. Horemi, eine Malerin



Cline, Patsy (1932–63), Rocksängerin >Anglin, Jack


Cochran, Eddie (1938–60), Rockmusiker >Cless, Rod


Cohn-Vossen, Elfriede (1909–57), Ärztin >Marxen, Herbert


Colby, William (1920–96). Kommt einem zu Ohren, ein hochrangiger Geheimdienstler habe einen tödlichen Unfall erlitten oder Selbstmord begangen, dürfte es grundsätzlich kaum verfehlt sein, mit geschlossenen Augen darauf zu tippen, er sei entweder von der Konkurrenz oder aber von den eigenen Leuten umgebracht worden. Schließlich kennt so ein Typ naturgemäß viele unschöne Geheimnisse und hat sich in seinem langen erfüllten Berufsleben vielleicht bei zwei Präsidenten beliebt, aber bei Tausenden, die weder Präsident der USA noch Direktor der CIA waren, unbeliebt gemacht. Eben hier liegt in Colbys Fall das Problem: in der Länge. Der alte Haudegen war nämlich schon 1976 als oberster US-Schlapphut abgesetzt worden und inzwischen 76 Jahre alt, als er Ende April 1996 unweit seines Marylander Wochenendhäuschens das Zeitliche segnete. Mit anderen Worten, GegnerInnen von Mordtheorien wird es in diesem Fall leicht gemacht auszurufen, der gute Greis habe doch sowieso schon mit einem Bein in der Kiste gestanden!

Angeblich hatte ihn am frühen Abend des 27. April die Lust überkommen, vorm Schlafengehen noch eine kleine Nachtwanderung mit seinem Kanu zu unternehmen. Colbys eher bescheidenes Häuschen lag rund 50 Meilen südlich von Washington D.C. am Zusammenfluß von Wicomico- und Potomac-River in Rock Point, und zwar unmittelbar am Wasser. Es ist ein Freizeit-, Segler- und Jäger-Paradies. Gleich gegenüber hatte Colby Cobb Island vor der Nase, wo sein Segelboot im Yachthafen lag. Er fuhr diese kleine Insel stets mit seinem Kanu an. Eben dieses Kanu fand sich am 28. April nur ein paar Hundert Meter von Colbys Häuschen entfernt am Ufer der Bucht – während Colby selber einstweilen fehlte.

Nimmt man alle per Internet erreichbaren Quellen zusammen, steht man vor einem Muschelgericht, das aus ungefähr 50 Arten von Insekten, Fischen und Säugetieren besteht. Ich werde mich deshalb im folgenden an eine Darstellung der Tatbestände oder der angeblichen Tatbestände halten, die Zalin Grant 2011 aufgrund einer eigenen, und wie mir scheint, recht sorgfältigen Untersuchung vorgelegt hat.* Das ist nicht ohne Wagnis, weil es sich bei Grant um einen durchaus CIA-freundlichen Autor handelt. Er war Agent dieses Clubs zu Vietnamzeiten und mit Colby persönlich bekannt. Er schildert diesen als freundlichen, ordnungsliebenden, etwas farb- und humorlosen und eher scheuen, wenn auch willensstarken Mann. Colby habe jede Menge Feinde gehabt, auf allen Seiten, doch er habe es immer abgelehnt, sich zu verbarrikadieren. Sogar die beiden Türen seines Landhäuschens seien an jenem Samstag, da er verschwand, unverschlossen gewesen. Der 76jährige hatte auf Cobb Island sechs Stunden an seinem Segelboot Eagle Wing II gearbeitet und konnte eigentlich nur müde sein. Aber er ging nichts ins Bett; er lag neun Tage später unweit der Stelle, wo man sein Kanu entdeckt hatte, mausetot im Uferkraut. Der Autopsiebericht sprach von einem Herzinfarkt oder Schlaganfall, der den alten Mann ins Wasser kippen ließ, wo er ertrunken sei. Es sei ein Unfall gewesen. Grant dagegen sagt, als das im Radio kam, habe er es schon 1996 nicht geglaubt.

Es gab von Colbys Verschwinden weder Augenzeugen noch Menschen, die von der Absicht eines abendlichen Paddelausfluges gewußt hätten. Colbys zweite Gattin Sally Shelton, erheblich jünger als er, hielt sich gerade zu einem Besuch in Houston, Texas, auf. Mit ihr hatte er ungefähr um 19 Uhr telefoniert. Auch seinem Gärtner Caroll Wise, mit dem er wenig später kurz plauderte, erzählte Colby nichts dergleichen. Für 20 Uhr 30 war die Dunkelheit zu erwarten. Als der einheimische Handwerker und Seemann Kevin Akers am Sonntagmittag das Kanu fand, lag es auf der Seite und war halb mit Sand gefüllt. Paddel und Schwimmweste fehlten. Dafür war am Bug erstaunlicherweise ein Abschleppseil befestigt. Akers schleppte das Kanu in den nächsten Yachthafen. Unabhängig davon verständigte eine argwöhnische Nachbarin, die Colbys Gewohnheiten kannte, am Nachmittag die Polizei. Wie schon erwähnt, war das Haus nicht verschlossen. Radio und Computer liefen. In der Küche lag Colbys Brieftasche mit Geld und zahlreichen Ausweisen. Dafür fehlte das Kanu. Von Colbys Vergangenheit wußte die Polizei nichts. Sie tippte auf den üblichen betagten Selbstmörder. Entsprechend lässig fielen die ersten Untersuchungen aus. Der Eßtisch in der verglasten Veranda, mit geöffneter Flasche Wein, sah nach Unterbrechung einer Abendmahlzeit aus – das erweckte zunächst keinen Verdacht. Die systematische Suche nach Colby begann erst am Montagmorgen. Über Tage hinweg erblickte man weder den Ex-Agentenchef noch dessen Schwimmweste, die er stets im Kanu mitzuführen pflegte. Verblüffenderweise wurde Colbys Leiche am darauffolgenden Montag kaum 4o Meter entfernt von der Fundstelle des Kanus entdeckt. Dieser Uferstreifen war per Auto erreichbar. Taucher hatten ihn längst abgesucht und die Hubschrauber hatten ihn in der verstrichenen Woche x-mal überflogen. Zudem wurde Grant von Akers auf einen ortsbekannten Strudel aufmerksam gemacht, der Colbys Kanu unweigerlich mit an Land gespült hätte, wenn er wirklich auf der Höhe ins Wasser gekippt wäre, wo nun seine Leiche lag. Akers hielt die Sache für faul.

Nach Grants Berechnung hatte sich Colby am verhängnisvollen Samstagabend ungefähr um 20 Uhr 30 zum Abendmahl niedergelassen. Eben da war es gerade Nacht geworden. Nach dem Autopsiebericht war er ein bis zwei Stunden nach seiner Mahlzeit von dem Herzanfall ereilt worden und ertrunken. Grant zufolge hat aber niemand von der angeblichen Gefährdung der Gesundheit Colbys gewußt, auch seine Frau nicht. Im Gegenteil, der alte Mann sei erstaunlich rüstig gewesen. Zudem hält Grant viele Aussagen und Formulierungen des Autopsieberichtes, nach Rücksprache mit diversen Fachleuten, für fragwürdig. Selbst ein Beteiligter, John Smialek, habe ihm bestätigt, aufgrund der Untersuchung der (neun Tage alten) Leiche könne weder mit Sicherheit gesagt werden, er habe einen Herzanfall erlitten, noch er sei ertrunken. Dafür hätten Grant mehrere Befragte versichert, eine neun Tage alte Wasserleiche sähe weitaus schlimmer aus als die von Colby, wie sie auf Fotos zu sehen war. Sie tippten auf höchstens zwei Tage Aufenthalt im Wasser. Das deckte sich mit Akers Überzeugung, aufgrund der bekannten Gezeiten- oder Strömungsverhältnisse wäre hier ein Ertrunkener schon in kurzer Zeit an Land gespült worden, nicht erst nach neun Tagen.

Nach Grants Theorie wurde Colby an jenem Abend per Auto entführt, andernorts möglichst spurenlos ermordet und erst nach einer guten Woche zum Strand geschafft. Das Kanu brachten die geschätzt vier bis fünf MörderInnen mit eigenem Boot zum vermeintlichen Unfallort. Das Tau vergaßen sie. Hätten sie Colby an der Bucht getötet, hätten sie kaum den Befund des Autopsieberichts vortäuschen können, der nach Bootsunfall (oder Selbstmord) ausssah. So ließen sie die Leiche erst einmal eine Woche verwesen, was ja die Untersuchung erschwerte und sozusagen einen verwässerten Befund versprach.

Über die mutmaßlichen Motive der TäterInnen, Zeitpunkt eingeschlossen, verliert Grant kein Wort. Er beläßt es bei der erwähnten allgemeinen Versicherung, Colby habe es wahrlich nicht an Feinden gemangelt. Man fragt sich allerdings, warum RächerInnen oder ZeugenbeseitigerInnen den guten Colby erst 76 Jahre alt werden lassen und erst auf sein arbeitssames Vorbereitungswochende der Segelsaison 1996 warten, ehe sie ihn um die Ecke bringen. Einige Quellen werfen einen anderen UnFall ins Spiel, den ich hier lediglich streifen will. 1953 soll der 43jährige Biochemiker und Mitarbeiter von US-Army und CIA Frank Olson durch die Scheibe eines geschlossenen Fensters des New Yorker Wolkenkratzers Hotel Statler freiwillig in den Tod gesprungen sein. Auch dieser Mann, Tage vor seinem Tod seinerseits heimlich unter LSD gesetzt, hatte viel und vielleicht zuviel gewußt, vorzüglich über Folter und den Einsatz von „Wahrheitsseren“ in diversen „Kalte-Kriegs“-Aktionen oder jedenfalls Programmen der CIA. 1994 ergaben sich bei einer von einem Sohn Olsons erzwungenen Exhumierung der Leiche Anhaltspunkte für ein Gewaltverbrechen. Die erwähnten Quellen behaupten nun, daraufhin habe der New Yorker Staats- oder Rechtsanwalt Stephen Saracco die Einberufung einer „Grand Jury“ für 1996 durchgesetzt, vor der auch Colby erscheinen sollte – weshalb er schleunigst beseitigt worden sei. Die englische Wikipedia behauptet freilich im Gegenteil, Saracco habe erklärt, die Argumente oder Beweismittel seien zu schwach, um eine solche Jury zu beantragen. Diesem Wirrwarr gehe ich einstweilen nicht auch noch nach.

Selbstverständlich glaube ich gern, Colby sei auch im Fall Olson ein gewichtiger Mitwisser gewesen. Damals, nach dem Zweiten Weltkrieg also, hatte Colby von Stockholm und Rom aus tüchtige Agentenarbeit geleistet, dabei auch für die berüchtigte geheime Nato-Mörderbande Gladio, die er mitaufbaute. Er war ein führender „Kalter Krieger“, dem sogar Kollege Grant ein eher geringes Maß an menschlicher „Wärme“ bescheinigt. Später war Colby, wie Grant, in Saigon stationiert (Vietnamkrieg), und schließlich, von 1973 bis 1976, Direktor der CIA. Anschließend machte er ein eigenes Rechtsanwaltsbüro auf und gab sich seiner 24 Jahre jüngeren zweiten Ehefrau oder seiner Segelyacht hin. Über Colbys Gemütsverfassung „im Ruhestand“ macht sich Grant verständlicherweise so wenig Gedanken wie über Mordmotive: gar keine. Nebenbei versäumt er es mitzuteilen, ob der alte Segler am Ende Nichtschwimmer war. Es mag ja sein, der Pensionär legte Hand an sich selbst, weil diese doch gar zu blutbefleckt war und zu sehr auf sein Gewissen drückte. Dafür ließ er sogar gut die Hälfte seines Lieblingsgerichtes Venusmuscheln und ein kaum angerührtes Glas Wein auf dem Eßtisch in der Veranda stehen. Dann begab er sich mit einem Röhrchen Tabletten, dafür ohne Schwimmweste, zu seinem Kanu. So ähnlich sollen es in der Tat ein paar BeobachterInnen sehen, darunter, wen könnte es verwundern, Colbys Sohn Carl. Bringen wir Nachsicht auf, er ist eben ein guter Sohn. Zalin Grant dagegen muß als Verschwörungstheoretiker bezeichnet werden – er hält es allen Ernstes für wahrscheinlich, Oberverschwörer Colby sei ermordet worden!

Der slowakische Profifußballer Peter Dubovský (1972–2000), in seiner Heimat wiederholt Torschützenkönig, war anschließend weniger erfolgreich in Spanien tätig – bis er 2000, inzwischen 28, bei einem Sommerurlaub in Thailand einen Wasserfall hinabstürzte. Angeblich hatte er lediglich versucht, den Wasserfall zu fotografieren. Er starb im Kreiskrankenhaus von Surat Thani wegen seines Blutverlustes und schwerer Hirnverletzungen.

Dem 16jährigen russischen Musikschüler und Jungfilmstar Wladimir W. Garin (1987–2003) wurden die Bannkraft eines Filmtitels und das „Remake“ einer Mutprobe zum Verhängnis. Im Juni 2003, als der bald darauf preisgekrönte Spielfilm Die Rückkehr bereits in den ersten Kinos lief, ging er unter Freunden und Freundinnen beim Baden und Feiern bei Sosnowo, rund 70 Kilometer nördlich seiner Heimatstadt Petersburg, auf die Anstachelung ein, noch einmal den Schneid zu beweisen, den er vor rund einem Jahr in derselben Gegend beim Drehen der Eröffnungsszene gezeigt hatte. Garin war von Kind auf wasserscheu gewesen, hatte sich aber überwunden: er lernte eigens Schwimmen, verzichtete auf ein „Double“ und sprang aus 10 Meter Höhe, von einem Turm aus, drehbuchgemäß in den Ladogasee. Als er den Sprung nun so ähnlich wiederholte, erlitt er wahrscheinlich in den gefährlich eiskalten Strömungen dieses Sees** einen Krampf in den Beinen und versank. Taucher fischten seine Leiche drei Tage später aus dem Wasser.

Etwas weiter westlich liegt dem Finnischen Meerbusen der sogenannte Stockholmer Schärengarten*** gegenüber, beides Ostsee. Hier erlitt der bekannte schwedische Jazzpianist Esbjörn Svensson (1964–2008) fünf Jahre später, ebenfalls im Juni, einen Tauchunfall. Svensson war 44, verheiratet, zweifacher Vater – und seit rund einem Jahr lizensierter Sporttaucher. Am Unglückstag war er auf der Insel Ingarö in Stegnähe an einem „Gruppentauchgang“ beteiligt und blieb aus etwas undurchsichtigen Gründen als einziger Teilnehmer leblos auf dem Meeresgrund. Der Tauchlehrer und andere bargen ihn. Nach vergeblichen Wiederbelebungsversuchen erklärten ihn Klinikärzte noch am selben Tage für tot. Die Behörden hätten später, auch aufgrund der Obduktion, auf „Unfall“ erkannt, melden einige Quellen. Svenssons Mitstreiter sprachen von einer Luftleitung seines sogenannten „Trockentaucheranzuges“, die sich (unter Wasser) gelöst habe.**** Wolfram Goertz***** und andere sahen eine merkwürdige, ja gespenstische Parallele zwischen dem jüngsten, eben erst fertiggestellten Album Leucozyte des Esbjörn Svensson Trios und der gruseligen Unterwasserwelt, die den verstorbenen Gruppenchef magisch angezogen hatte. „Dieser Jazz, den es nach Svenssons Unfall nicht mehr geben wird, will kaum mehr unterhalten, mitnichten gefallen. Er zerstört sich selbst.“ Magnus Öström, der Schlagzeuger der Pop- und PR-starken Jazzgruppe, meinte zum Unterwasserabgang des Pianisten: „Besser so als bei einem Autounfall.“

* „Who murdered the CIA chief?“, pythiapress.com 2011
** Die Angaben über den Unglücksort sind bunter als eine geblümte Badehose. Der Guardian etwa (12. September 2003) spricht von einem unauffindbaren „Sinovetskoye lake“, der wahrscheinlich eine unterirdische Verbindung zu „Loch Ness“ hat. Allerdings soll die Region Leningrad, eine Art Bundesland, neben den beiden Mammutseen Ladoga und Onega mindestens 1.800 kleinere Seen zu bieten haben. Da kann man sich schon mal irren.
*** Dieses Küstengebiet ist mit ungefähr 24.000 Inseln gespickt.
**** Thomas Lindemann in der Welt vom 8. September 2008
***** Zeit Online 4. September 2008



Coleen (2006–10). Sie starb mit drei. Ihre Berufswünsche sind nicht bekannt. Vielleicht wäre sie Gärtnerin, Hartz-IV-Empfängerin oder Diät(en)planerin eines Erfurter Landtagsabgeordneten geworden. Sie stammte aus dem nordthüringischen Oldisleben, einem Nachbardorf von Sachsenburg, wo sie an einem Freitagnachmittag Ende Mai 2010 ihre 44jährige Tante besuchte, die ihr Haus nicht mit Kindern, dafür mit vier American Staffordshire Terriern teilte. Zum Tatzeitpunkt hielt sich das Kind im Haus, die Tante im Garten auf. Aus ungeklärten Gründen jäh von den Kampfhunden angefallen, flüchtet sich Coleen in die Arme ihrer ebenfalls im Haus anwesenden Urgroßmutter, die das kleine Mädchen zu schützen sucht, aber zu Fall kommt. Die 72jährige Frau wird von den Hunden schwer verletzt, das Mädchen buchstäblich zerfleischt. Es stirbt an Ort und Stelle, noch ehe der alarmierte Rettungswagen eintrifft.

Die Hunde, die keinen Zwinger besaßen, wurden noch am selben Tag von einem Amtsarzt eingeschläfert. Wie sich herausstellte, waren sie nicht angemeldet gewesen.* Einige entsetzte DorfbewohnerInnen bekannten, sie hätten schon seit langem vor den kurzhaarigen bulligen Tieren Angst gehabt. Eine Gutachterin bezeichnete die vier Kampfhunde als „tickende Zeitbomben“. Trotzdem kam die illegale Hundehalterin ein Jahr darauf vorm Amtsgericht Nordhausen wegen „fahrlässiger Tötung“ mit einem Jahr Haft auf Bewährung und 80 Stunden gemeinnütziger Arbeit davon. Ihr Verteidiger hatte sogar auf Freispruch plädiert.**

Nach Pressemeldungen registrierten die Ordnungsämter Thüringens für das folgende Jahr 2011 genau 482 „Beißangriffe“ von Hunden unterschiedlichster Rassen. Dabei seien in 281 Fällen Menschen verletzt worden, 73 von ihnen schwer. Daneben wurde ein 62jähriger Hofbewohner, im November desselben Jahres, in Wülfingerode, Kreis Nordhausen, von seinem eigenen Dobermann getötet. Er hatte ihn am späten Abend noch einmal aus dem Zwinger auf den Hof gelassen, wohl aus Gefälligkeit, zwecks Auslauf. Da fiel ihn der kurzhaarige schwarzbraune Wächter an. Das hatte schließlich den gleichen therapeutischen Effekt, für den Hund.

* Thüringer Allgemeine, 25. Mai 2010
** Spiegel Online, 31. März 2011



Coleman, Bessie (1892–1926), Pilotin >Quimby, Harriet


Coleman, Vincent (1872–1917), kanadischer Eisenbahner. Er gehört zu meiner Sorte der beim Retten Verstorbenen. Er war Fahrdienstleiter des Bahnhofs am Hafen in Halifax. Diese Stadt an der kanadischen Ostküste diente der Entente während des Ersten Weltkriegs, zumal nach Kriegseintritt der USA, als wichtiger Nachschubhafen für die in Europa kämpfenden Verbündeten. Hier stieß am 6. Dezember 1917 der französische Frachter Mont Blanc, der Munition für Bordeaux geladen hatte, mit einem norwegischen Schiff zusammen. Es gab zunächst einen harmlos erscheinenden, wenn auch eindrucksvollen und deshalb vielbegafften Brand auf dem zum Kai treibenden Frachter und bald darauf, nach knapp 20 Minuten, eine gewaltige Explosion, die mit ihren Druck- und Flutwellen den ganzen Stadtteil Richmond in Schutt und Asche legte. Noch in 70 Kilometer Entfernung gingen Fensterscheiben zu Bruch. Über der Hafengegend stand ein Mammutpilz aus Staub und Ruß.

Die Katastrophe sorgte für knapp 2.000 Tote und erheblich mehr Verletzte. Es wären noch deutlich mehr gewesen, hätte der frischeingeweihte Fahrdienstleiter Coleman nach dem Zusammenstoß der Schiffe, wie schon die Besatzung des Mont Blanc, reuelos die Flucht ergriffen. Stattdessen kehrte der 45 Jahre alte Angestellte der Canadian Government Railways in sein Büro zurück und verständigte etliche Bahnhöfe des Umlandes per Telegrafenleitung über die drohende Gefahr. Tatsächlich wurden auf diese Weise mehrere Züge noch rechtzeitig gestoppt. Coleman dagegen wurde von der Explosion ereilt. Man zog seine Leiche nach einigen Tagen unter den Trümmern des Bahnhofs hervor. Wie sich versteht, blies man seine Heldentaten später gern auf; somit kann ich nicht unbedingt für den Wortlaut seiner Alarmmeldung an die Nachbarbahnhöfe garantieren: „Hold up the train. Ammunition ship afire in harbor making for Pier 6 and will explode. Guess this will be my last message. Good-bye boys.“

Man muß sich klarmachen, daß Coleman auch durchaus zu seinem Häuschen hätte rennen können, lag es doch keine 700 Meter vom Bahnhof entfernt. Vielleicht wäre es ihm dann auch noch gelungen, im Verein mit Gattin Frances und vier Kindern aus Richmond zu entkommen. Wie man gesehen hat, zog er es vor, auswärtige Bahnhöfe zu alarmieren. Sein Häuschen wurde von der Explosion ebenfalls zerstört, doch seine Angehörigen, wenn auch teils verletzt, überlebten.* Vielleicht war Coleman fromm; vielleicht war er aber auch einfach mehr klassen- als familienbewußt. Er soll ein aktiver Gewerkschafter gewesen sein. Wahrscheinlich hatte er sich auf dem Bahnsteig für etliche Sekunden unter Gewissensqualen zu winden. Conlin behauptet jedenfalls, nachdem sie ein ausgeschickter Seemann auf die drohende Explosionsgefahr aufmerksam gemacht hatte, seien Coleman und sein Chef, der Bahnhofsvorsteher William Lovett, zunächst im Begriff gewesen, sich gemeinsam zu verdrücken. Coleman habe jedoch auf dem Absatz kehrt gemacht, um dem Telegrafenapparat jene nützliche und griffige Botschaft einzugeben. Was aus Lovett wurde, verrät der Marinehistoriker nicht.

Nebenbei hatte Colemans Warnung, die dem Telegrafisten das eigene Leben kostete und sicherlich Hunderte andere rettete, den Nutzen, die Außenwelt überhaupt zu alarmieren und so das Eintreffen von Medizinern und anderen Hilfskräften erheblich zu beschleunigen. Conlin betont selbstverständlich den Umstand, daß zum Beispiel der Hafenbetrieb schon nach einer Woche wieder aufgenommen werden konnte. The show must go on: Die Munition muß raus.

* Dan Conlin für Maritime Museum Nova Scotia, April 2014


Collande, Gisela von (1915–60), Schauspielerin >Cless, Rod


Collins, George W. (1925–72), Politiker >Krahl, Hans-Jürgen


Collyer-Brüder († 1947), zwei Sammelwütige >Johnson, Ken „Snakehips“


Coltrane, John junior (1964–82), Schlagzeuger >Farrow, Ernie


Coluche (1944–86), angeblich „linker“ französischer Komiker, vor allem durch Kinofilme, Fernsehsketche, eine provokative Bewerbung um das Amt des Staatspräsidenten (1980) und verschiedene Wohltätigkeiten bekannt. Mitte Juni 1986 bei herrlichem Wetter mit seinem Motorrad bei Grasse an der Côte d’Azur unterwegs, stieß der nun 41 Jahre alte dickliche Wuschelkopf, wohl auf offener Landstraße, mit einem Lastwagen zusammen – Genickbruch. Der Fahrer des Lkw's kam offenbar glimpflich davon. Habe ich richtig verstanden, hatte er das Motorrad zu spät gesehen, sodaß sich beide Fahrzeuge nicht mehr ausweichen konnten. Albert A. soll in den folgenden Jahrzehnten schwer an seiner Rolle bei diesem stinknormalen Verkehrsunfall gelitten haben. Von seinem Kontrahenten heißt es erstaunlicherweise, er sei keine 60 gefahren. Doch wes Geistes Kind er war, dürfte Coluches allgemeine Begeisterung für den „Motorsport“ hinlänglich beweisen. 1983 nahm er an der menschenfreundlichen Rallye Dakar teil, die ich schon weiter oben gewürdigt habe. Am 29. September 1985, ein knappes Jahr vor seinem Tod, stellte er auf der italienischen Teststrecke Pista di Nardò einen neuen Geschwindigkeits-Rekord über einen Kilometer mit stehendem Start auf. Er kam mit einer 750er Yamaha OW 31 auf 252,087 km/h. Laut Spiegel (26/1986) besaß der „Motorradnarr“ 11 Maschinen. Da verblüfft es wenig, wenn sich seine Hinterbliebenen, darunter zwei Söhne, und Produzenten auf Jahre hin in erbitterten Verteilungskämpfen aufzureiben hatten.

Der 24 Jahre alte kalifornische Rock-Bassist Cliff Burton (1962–86) hatte am 27. September 1986 Glück im Spiel und Pech beim Schlafen. Er war mit seiner Band Metallica in der Nacht per Tourbus von Stockholm nach Kopenhagen unterwegs. Es hatte sich eingebürgert, die beiden Schlafkojen durch Kartenziehen zu verteilen; wer gewann, durfte wählen. Burton zog gegen Kirk Hammett Pik-As und entschied sich für die obere, vermeintlich komfortablere Koje. Gegen Sieben in der Frühe, in der Nähe von Ljungby, wurde er jäh durch ein zerberstendes Busfenster nach draußen geschleudert und wenig später unter dem Bus begraben, als dieser auf die Seite fiel. Der Bus war aus ungeklärten Gründen, möglicherweise wegen einer dünnvereisten Stelle, von der Autobahn abgekommen und nach hektischen Stabilisierungsversuchen des Fahrers in den Graben gekippt. Burton starb offenbar auf der Stelle. Alle anderen Insassen zogen sich höchstens leichte Verletzungen zu. Die Polizei vermutete aufgrund der Spuren zunächst, der Fahrer sei am Steuer eingenickt, doch dieser beteuerte seine Unschuld und entging einer Anklage.

Das Ende des „Untergrund“-Schriftstellers Jörg Fauser (1944–87) ist gleichermaßen legendär wie ungeklärt. In der Nacht nach seinem 43. Geburtstag, am 17. Juli 1987, wurde er auf einer Autobahn bei München als Fußgänger von einem Lastwagen erfaßt. Der Sohn von Künstlern, neuerdings ordentlich verheiratet und sogar Redakteur bei Enzensbergers schicker Transatlantik, hatte eine Kneipentour hinter sich, war entsprechend betrunken und vermutlich zu abgebrannt, um ein Taxi zu bemühen. Auch seine grundsätzliche enge Nähe zu Drogen, Rockmusik, Überlandstreicherei und Kriminalliteratur war bekannt. Möglicherweise beging er Selbstmord. Als Journalist war er natürlich auch immer für Enthüllungen gut; manche glauben deshalb, er sei aus dem Verkehr gezogen worden. Biograf Ambros Waibel (2004) zieht sich in einem Gespräch* mit dem vieldeutigen Satz aus der Affaire: „Das war ein Unfall, aber der war schon irgendwie angelegt.“

Der unangepaßte („surrealistische“), angeblich auch verfolgte DDR-Künstler Manfred Kastner (1943–88) lebte in Stralsund und auf Rügen. Ebendort, bei Juliusruh, kam er im Sommer 1988 bei einem Autounfall um. Kastner war 45. Stralsund benannte geschickterweise einen Weg nach ihm, das erinnert die Leute nicht sofort an den Autounfall. Zu diesem um nähere Auskünfte gebeten, schreibt mir eine Berliner Kunsthistorikerin im September 2015, sie könne und möchte mir diesbezüglich nicht helfen. „Es gibt keine zuverlässigen Quellen, was zur Folge hat, dass alle möglichen Legenden in der Luft hängen, was ich nicht unterstützen will. Außerdem ist mir nicht ganz klar, was ein Lexikon der Unfallopfer erreichen soll und kann.“

Ein ähnlicher Untergrundler und Frühsterber wie Fauser könnte der russische Rocksänger Alexander Baschlatschow (1960–88) gewesen sein. Kaum hatte er erste Festivalerfolge gefeiert, fiel er, am Morgen des 17. Februar 1988, mit 27 Jahren aus dem Fenster seiner im achten Stockwerk gelegenen Leningrader Wohnung. Man nimmt freilich an, eher sprang er. Schließlich hatte Baschlatschow genug Probleme: mit dem autoritären Regime, der Alkoholsucht, dem Leben überhaupt und wahrscheinlich auch dem Schreiben (neuer Songs). Angeblich wurde der tödliche Vorfall nie genau untersucht.

Der DDR-Maler Gerhard Altenbourg (1926–89) zählte wie Kastner zu den Unangepaßten und wurde entsprechend geschnitten – und er endete auch wie der Kollege von der Insel Rügen. Allerdings scheint in seinem Fall niemand Böses zu wittern. Altenbourg, nach 1959 (Documenta II!) im Westen recht hoch gehandelt, eigenbrötelte mit seiner Schwester im ererbten Elternhaus, einer „verwunschenen“ kleinen Villa mit Garten am Rand von Altenburg, Ostthüringen, und vermutlich nannten die beiden zuletzt auch ein Automobil ihr eigen. Ende Dezember 1989 kam es bei Meißen in Sachsen auf angeblich glatter Straße zu einem Zusammenprall zweier Autos, der zu vier Toten führte, darunter der 63jährige Künstler, der Beifahrer gewesen war.** Seit 2006 schmückt sich die Kreisstadt Altenburg mit einer Gerhard-Altenbourg-Straße.

* Interview Berlin 2009
** Ostthüringer Zeitung, 3. Mai 2014



Condivi, Ascanio (1525–74), italienischer Maler, Lokalpolitiker und Autor. Vor allem war er Mitverfasser einer Biografie seines Lehrers Michelangelo, die 1553 in Rom erschien, ehe sich der junge Maler wieder in sein unweit der Adriaküste gelegenes Heimatstädtchen Ripatransone verzog. Ein weiterer, nicht unwichtiger Co-Autor an dem Werk war sehr wahrscheinlich Meister Michelangelo persönlich, der auf diese Weise etlichen bedauerlichen Verzerrungen entgegentreten konnte, die sich der bekannte Kunstschriftsteller Vasari herausgenommen hatte. Nach Michelangelos Meinung hatte Michelangelo genial und untadelig zu sein. In Wahrheit war er ein komplettes Ekel, so jedenfalls Egon Friedell.* Das schloß selbstverständlich auch die Gehässigkeit gegen Kollegen=Konkurrenten ein. Mit Schüler Condivi dagegen, ein eher kleines Licht, trat wohl ein klassischer Lobhudler als „Biograf“ auf, falls ich Giorgio Patrizi** nicht mißverstanden habe. Kaum war Condivi wieder in der Heimat eingetroffen, angelte er sich (1556) als Ehefrau den Backfisch Porzia Caro, 15, eine Nichte von Michelangelos Freund Annibal Caro. Das war ein Literat, der ebenfalls an jener schöngefärbten Biografie mitgewirkt hatte. Condivi ging jetzt vor allem in verschiedenen öffentlichen Ämtern und dabei auf, seiner Gattin sechs Kinder zu machen. Die Altersgrenze 50 erreichte er nicht mehr. Am 10. Dezember 1574, laut Patrizi ein Gewittertag, muß er nördlich von Ripatransone weiß der Himmel warum und mit wem unterwegs gewesen sein, denn dort ertrank er beim Versuch, das Hochwasser führende Flüßchen Menocchia zu überqueren.

Das gleiche Schicksal erlitt Thomas Linley junior (1756–78) mit 22. Der englische Musiker hatte frühzeitig begonnen, als Geiger, Konzertmeister und Komponist in die Fußstapfen seines im Londoner Musikleben mittonangebenden Erzeugers zu treten. Im Sommer 1778 weilte er mit seinen Schwestern als Gast des Duke of Ancaster in Grimsthorpe Castle, Lincolnshire, wozu auch ein See gehörte. Am 5. August mit zwei Freunden auf Kahnpartie, kam ein Sturm auf. Der Kahn kenterte, Linley ertrank. Das Ergehen und die Rolle der Freunde wird in den mir zugänglichen Quellen nicht beleuchtet. Aus dem Londoner Morning Chronicle vom 11. August wird lediglich zitiert, mit dem blutjungen Linley junior sei die Gesellschaft um ein „vorzügliches Schmuckstück seines Berufstandes“ gekommen und überhaupt „eines tüchtigen und wertvollen Mitgliedes beraubt“ worden. Ein anderes „Wunderkind“, den gleichaltrigen Wolfgang Amadeus Mozart aus Wien, den Thomas 1770 in Florenz getroffen hatte, traf der Verlust vielleicht nicht ganz so stark.

Ein Unglück kommt selten allein. Ein jüngerer Bruder des „englischen Mozarts“, Samuel Linley (1760–78), war begabter Sänger und Oboist, entschied sich jedoch für eine militärische Laufbahn. Mit 18 Jahren Offiziersanwärter bei der Marine, zog er sich schon bei seiner ersten Fahrt ein Fieber zu, dem er Ende desselben Jahres 1778 in London erlag. Sein mit Kanonen bestückter Segler war HMS Thunderer gewesen. Auf diesem gezimmerten „Sturm“ oder „Donner“ hätte Samuel selbst ohne Feindeinwirkung ohnehin nur eine geringe Lebenserwartung gehabt: das Kriegsschiff geriet im Oktober 1780, keine zwei Jahre darauf, bei Jamaika in einen verheerenden Hurrikan. Alle Mann gingen über Bord. Die „Königliche Marine“ verlor auf einen Schlag 13 Schiffe. Im ganzen forderte dieses berüchtigte Unwetter mindestens 20.000 Todesopfer.

Wenn man so will, war Samuel Linley in jenem verdammt stürmischem karibischem Oktober auf HMS Thunderer gleichsam durch den Fähnerich Nathaniel Cook (1764–80) vertreten. Der Sohn des berühmten Kapitäns James Cook kam schon mit 15 oder 16 um.

Eine Art früher „Muckraker“, heute „investigativer Journalist“ oder „Whistleblower“ genannt, muß der republikanisch gestimmte, wenn auch nicht vorurteilslose gebürtige Schotte James T. Callender (1758–1803) gewesen sein. 1793 entzog er sich drohender Strafverfolgung in die USA, wo er zunächst am damaligen Regierungssitz Philadelphia, später in Richmond, der am James River gelegenen Hauptstadt von Viginia, wirkte. Von hier aus legte er sich im neuen Jahrhundert durch Enthüllungen im Richmond Recorder selbst mit seinem ehemaligem Gönner Thomas Jefferson an, dem bekannten Tabakpflanzer und Sklavenhalter, neuerdings (1801) US-Präsident. Callender war im Auftrage Jeffersons über dessen Konkurrenten Adams hergezogen und dafür sogar kurzzeitig (bis zum Präsidentenwechsel) ins Kittchen gegangen. Nun nahm sich Callender Jeffersons heimliche, gleichwohl kinderreiche Liebschaft mit Sally Hemings vor, der Sklavin von dessen Gattin Martha. Das war wohl eine Vergeltung für Jeffersons Weigerung, dem entlassenen Sträfling und Märtyrer auf den Thron des Postmeisters von Richmond zu hieven. Als freilich 1798 Callenders eigene Frau an Gelbfieber gestorben war, hatte er die gemeinsamen Kinder im Stich gelassen und war nach Richmond abgetaucht. Der Mann war also recht schillernd, entsprechend umstritten, aber immer öfter blau. Einmal hieb ihm ein Rechtsanwalt, den er einst bemüht hatte, sogar den Spazierstock auf den Schädel. Es soll aber keine Feindeinwirkung im Spiel gewesen sein, als der unter Whiskey schwankende Callender, inzwischen um 45, am 17. Juli 1803 in den James River fiel und ertrank.

* Kulturgeschichte der Neuzeit, einbändige Ausgabe München 1974, S. 217
** Dizionario Biografico degli Italiani, Volume 27 (1982)



Cook, Nathaniel (1764–80), Seemann >Condivi, Ascanio


Cook, Robin (1946–2005), Politiker >Köhlmeier, Paula


Cooke, Robin J. S. (1938/39–79), australischer Vulkanologe, zuletzt „Senior“ am Rabaul Volcano Observatory in Papua-Neuguinea. Wer wollte die Opfer von Vulkanausbrüchen zählen und würdigen? Allein der berühmte Ausbruch des Vesuvs bei Neapel am 24. August 79 n.Chr., der mehrere antike Städte verschüttete, darunter das bekannte Pompeji, kostete im ganzen um 5.000 Tote. Ich nenne nur noch den Ausbruch des Mont Pelée auf Martinique am 8. Mai 1902, wahrscheinlich der verlustreichste im 20. Jahrhundert: je nach Schätzung 30.000 bis 40.000 Tote. Laut Wikipedia führte er zu gründlichen Untersuchungen und Überwachungen, die den Beginn der modernen Vulkanologie bezeichnen.

Was den 40 Jahre alten Australier Cooke angeht, der als erfahrener, sorgfältiger und uneigennütziger Wissenschaftler galt, traf er am 7. März 1979 in Begleitung seines einheimischen Kollegen Elias Ravian (34) auf der Vulkaninsel Karkar, Papua-Neuguinea, ein, weil von ihr eruptive Tätigkeit berichtet worden war. Als sich die beiden am folgenden Morgen nicht per Funkgerät meldeten, schickte man einen Suchtrupp aus.* Der Regenwald am Vulkan Bagiai war verkohlt. Die beiden Forscher lagen tot in ihrem Camp, von einer 15 Zentimeter dicken Schicht aus ursprünglich heißer Asche bedeckt. Es hatte in der Nacht mehrere Explosionen gegeben. Dabei waren auch zahlreiche, bis zu einem Meter Durchmesser starke Gesteinsbrocken auf dem Land oder im Wasser niedergegangen. Der Tod der Forscher ging aber möglicherweise auf das Konto ausströmender Gase.** Ihre Leichen wurden per Hubschrauber nach Rabaul gebracht.

Die Todesrate unter Vulkanologen soll sogar die von Bombenentschärfern und Löwendompteuren übersteigen. Ein Jahr darauf, und zwei Jahre nach seiner Promotion, erwischte es den 30jährigen US-Vulkanologen David A. Johnston (1949–80) im Dienst – ein Dienst, der grundsätzlich, wie ich doch stark vermute, von einer jeweils anders zusammengesetzten Wolke aus Gemeinnützigkeit, Wahrheitssuche, Abenteuerlust und Profilierungssucht getragen wird. Johnston hatte „bis zuletzt“ auf seinem Beobachtungs- und Meßposten in gut neun Kilometer Entfernung vom 2.500 Meter hohen Mount St. Helens im Süden des US-Bundesstaates Washington ausgeharrt. Am Morgen des 18. Mai 1980 „war es soweit“. Johnston setzte noch eine entsprechende Meldung an seine Kollegen ab; dann wurde er, sehr wahrscheinlich, von einer Art Sturmflut aus Asche, Lava und heißen Gasen geradezu weggeschwemmt. Seine Leiche wurde nie gefunden. Im ganzen forderte die Kastrophe, obwohl Evakuierungen angeordnet worden waren, 57 Menschen das Leben, dazu vielen Tausend Tieren. Die angerichtete Verwüstung betraf ein Gebiet von ungefähr 20 mal 30 Kilometern. Man hatte die voraussichtliche Stärke des Ausbruchs erheblich unterschätzt. Laut Spiegel Online (7. Oktober 2004) war die Energie von 500 Hiroshima-Atombomben freigesetzt worden.

Beim geschilderten Unglück an der Westküste hatte Johnstons junger Kollege Harry Glicken (1958–91) Glück (allerdings auch Schuldgefühle), weil er kurz vorm Ausbruch den Platz mit Johnston getauscht hatte. Glickens Stunde kam am 3. Juni 1991, als er 33 war, in Japan – und leider nicht nur seine. Auf der dortigen Insel Kyushu brach der Vulkan Unzen aus und schickte einen „pyroklastischen“ Strom aus, dem sage und schreibe 42 Wissenschaftler, Journalisten und Feuerwehrleute zum Opfer fielen. Sie hatten offensichtlich mit dem Feuer gespielt.*** Der fragliche, selbstverständlich ziemlich heiße Strom meint eine Lava, die hohen Gasanteil hat. Angeblich kann er bis 700 km/h erreichen; am Unzen soll er mit knapp 100 durch das Lager der BeobachterInnen geflossen sein. Jedenfalls war er schneller als sie.

* Robert Wallace Johnson: Fire mountains of the islands, Canberra 2013, S. 246–50, online hier
** Australian National University, Canberra 2014
*** Laut Martin Kunz, Focus Online vom 1. August 1994, räumte Stanley Williams von der Arizona State University einmal ein: „Ich bin mir der Gefahr bewußt. Aber irgendwie wird man danach süchtig.“ Von Hubertus Breuer, Spiegel 24/2001, ist zu erfahren, der bekannte Experte Maurice Krafft aus Frankreich habe davon geträumt, eines Tages in einem hitzefesten Kanu einen Lavastrom hinabzufahren. Krafft und Gattin kamen ebenfalls am Unzen um. Ohne Kanu.



Cooper, Tommy (1921–84), Komiker >Tucker, George


Copas, Cowboy (1913–63), Rocksänger >Anglin, Jack


Coppola, Gian-Carlo (1963–86), Schauspieler >Davis junior, Owen


Cortini (Paul Korth) (1890–1954), Magier >Vierne, Louis


Crescentini, Federico (1982–2006), Fußballer >Mestre-Ferreras, Audrey


Cresta, Broc (1987–2012), Rodeo-Reiter >Reeves, Connie


Crispin, Alexander († 2013), Tiger-Trainer >Brancheau, Dawn


Cullen, Michael J. (1884–1936), Supermarktbetreiber >Berg, Alban


Curie, Pierre (1859–1906), Physiker >Zola, Émile


Curtis, Natalie (1875–1921), US-Ethnographin. Die studierte Musikerin aus wohlhabendem Hause in New York City erwärmte sich 1900 bei einer Reise durch Arizona für die IndianerInnen und insbesondere für deren Musik. Sie sammelte, forschte, veröffentlichte, fand GönnerInnen und rief in ihrer Heimatstadt sogar eine Musikschule für afro-amerikanische Kinder ins Leben, denn sie hatte ihre Forschungen auf den „schwarzen Kontinent“ ausgeweitet. Behilflich war ihr unter anderem ihre Freundschaft mit dem zeitweiligen US-Präsidenten Theodore Roosevelt, der mehr Verständnis als seine „Indianerbehörden“ gezeigt haben soll. Das Echo auf Curtis' Arbeit war ermutigend. Im Oktober 1921 fand sie viel Beifall bei einer Vorlesung, die sie an der Pariser Sorbonne hielt. Wenige Tage später stieg die 46jährige in derselben Stadt aus einer Straßenbahn, wurde von einem Auto erfaßt und war nach zwei Stunden tot. Der Maler Paul Burlin, seit 1917 ihr Ehemann, kam aus Marsailles, wo er ein Atelier unterhielt, mit dem Zug.* Zu einer Leiche.**

Eine Landsmännin von Curtis beförderte ihren Verkehrstod sechs Jahre später im selben Gastland mit Hilfe ihres langen wehenden Seidenschals: die berühmte Tänzerin Isadora Duncan (1877–1927), die vielen Anhängern auch als bewundernswerte Rebellin und Feministin gilt. Sie zog durch alle europäischen Metropolen und gabelte dabei zahlreiche Geliebte beiderlei Geschlechts auf, darunter der steinreiche Nähmaschinenerbe Paris Singer und der beträchtlich jüngere russische Lyriker Sergei Jessenin. Dieser wird uns später bei den Selbstmördern (1925) wiederbegegnen. Seine Ex-Geliebte starb zwei Jahre nach ihm mit 50 Jahren in Nizza, als sie (am 14. September) mit ihrem Freund Benoît Falchetto, einem Autonarren, eine Ausfahrt in einem offenen Sportwagen antrat. Der erwähnte wehende Schal verfing sich schon bei der Anfahrt des Wagens in den Radspeichen eines Hinterrades oder an der Hinterachse, sodaß Duncan entweder noch auf dem Beifahrersitz erdrosselt wurde oder aber sich den Hals brach, als sie draußen auf dem Pflaster aufschlug. Das ist umstritten. Genauso statten die Quellen sie mal mit einem roten, mal mit einem weißen Schal aus. Am heftigsten tobt der Streit über das Unfallauto. Die deutsche Wikipedia betont, es habe sich keineswegs um einen Bugatti, vielmehr um einen Amilcar gehandelt, versäumt es freilich, diese Betonung mit einem Beleg zu unterstreichen. Jürg Zbinden dagegen bemerkt, die Frage sei so umstritten wie ungeklärt.***

Mehr Einigkeit herrscht über einen Autounfall, der sich schon 1913 in Paris zugetragen hatte. Duncans Kinder Deirdre (6) und Patrick (2) saßen mit Duncans Kindermädchen in einem Wagen, der am leicht abschüssigen Seine-Ufer Halt gemacht hatte. Als der Chauffeur ausstieg, um mal nach dem stotternden Motor zu sehen oder den Wagen wieder anzukurbeln, unterließ er es, die Handbremse anzuziehen. Der Wagen rollte in die Seine, die Kinder und ihre Betreuerin ertranken. Deren Name und Alter ist nicht in Erfahrung zu bringen – unwichtig.

* Michelle Wick Patterson: Natalie Curtis Burlin: A Life in Native and African American Music, University of Nebraska, 2010, S. 323
** Burlin blieb in Frankreich, wurde über 80, verlor aber schon im frühen Alter sein Augenlicht – als Maler.
*** Neue Zürcher Zeitung 7. Mai 2014



Cybulski, Zbigniew (1927–67), der „polnische James Dean“, meist mit Sonnenbrille, aber, mit 39, nicht am Steuer eines schnellen Autos, vielmehr auf Bahnsteig 3 des Breslauer Hauptbahnhofs tödlich verunglückt. Der polnischen Wikipedia zufolge hatte er gerade Dreharbeiten am Streifen Morderca zostawia ślad (Der Mörder hinterläßt eine Spur) hinter sich, erschienen im selben Jahr 1967. Nun hatte er sich von Marlene Dietrich verabschiedet, die er offenbar außerdienstlich im Rahmen ihrer damaligen Konzertreisen durch den „Ostblock“ getroffen hatte, und wollte, wie schon so oft und vermutlich mit Ziel Warschau, auf seinen bereits anfahrenden Zug springen. Dabei rutschte er auf dem Trittbrett aus und fiel unter den betreffenden Zug. Er starb am selben Tag im Krankenhaus.


Cyrano de Bergerac (1619–55), französischer Raufbold und Schriftsteller. Man sollte immer mal wieder an den großen Totschläger Krieg erinnern. Im 17. Jahrhundert beispielsweise tobten allein in Mitteleuropa unzählige Schlachten, die später dem „Achtzigjährigen Krieg“ (um die Niederlande) oder dem bekannten „Dreißigjährigen Krieg“ zugeordnet wurden. Eine Begleiterscheinung beider Kriege war der sogenannte „Französisch-Spanische Krieg“ der Jahre 1635–59, der mal in den Pyrenäen, mal in der Picardie ausgetragen wurde. Ebendort, im Nordwesten Frankreichs, schlug sich um 1640 ein junger Pariser Hilfs-Adeliger mit, der bis dahin vor allem als Dandy und Duellist, weniger mit seinen Versen und seiner angeblich monumentalen Hakennase geglänzt hatte: Cyrano de Bergerac.* Nach der zweiten Verwundung quittierte er den Kriegsdienst und ging nach Paris zurück. Hier warf er sich nicht nur aufs Tanzen und Fechten, sondern zudem auf breitgefächerte Studien, darunter der Astronomie und der Alchemie. Grundsätzlich litt er unter Geldnöten, möglicherweise auch an einer Syphilis-Erkrankung. Eine kleine Erbschaft vom verstorbenen Vater war rasch durchgebracht.

Als Frucht seiner Studien wie seiner angeblich vornehmen Herkunft vermischten sich in Cyranos Positionen freigeistige mit konservativen Anwandlungen, was sich auch in seinen Schriften niederschlug. 1652 als eine Art Edeldomestik in den Dienst des Herzogs und Offiziers Louis d'Arpajon getreten, widmete er diesem seine Ende 1653 uraufgeführte Tragödie La Mort d’Agrippine (Der Tod der Agrippina). Das historische Stück im Stile Corneilles erregte vor allem durch etliche religionskritische Tiraden Aufsehen und Anstoß. In der Tat lassen einige Literaturgeschichtler Cyrano als einen bemerkenswerten Vorläufer der Aufklärer des 18. Jahrhunderts gelten, während ihn gewisse Literaturfreunde zu den höchstverehrungswürdigen Erfindern des Science-Fiction-Romans zählen. Spätestens 1650 hatte Cyrano nämlich einen zweiteiligen Roman in Angriff genommen, der sein Hauptwerk werden sollte, L'autre monde (Die andere Welt). Sein Ich-Erzähler berichtet von seiner Fahrt zum Mond und zur Sonne und von seinen Erlebnissen mit den dortigen Bewohnern, wobei er diesen philosophische, naturkundliche, religiöse und gesellschaftspolitische Ansichten in den Mund legt, deren Äußerung auf Erden von Strafe bedroht war. Während Cyrano den Mond-Teil noch vollenden konnte, blieb der Sonnen-Teil unabgeschlossen. Daneben veröffentlichte er 1654 einen Sammelband mit kleineren Prosaarbeiten, aus denen später sogar Molière schöpfte.

Im selben Jahr ereilte ihn allerdings ein Mißgeschick, das wieder mal alle tragisch, einige zudem einen Mordanschlag nennen. Die Umstände, unter denen ihm im Stadtpalast seines Brotherren ein Balken auf den Kopf fiel, sind bis heute ungeklärt. Falls dies überhaupt der Fall war ... Ein Jahr später starb Cyrano mit 36 Jahren – ob an dem Balken, einem gegnerischen Holzprügel oder vielleicht doch an Syphilis, ist ebenfalls nicht bekannt. Nach einigen Quellen hat es der „Dandy“, in sexueller Hinsicht, mit beiden Geschlechtern getrieben. Da man ihm ein kirchliches Begräbnis gewährte, muß er sich vor seinem Tod noch mit der Kirche arrangiert haben. Damit war sein Seelenheil gerettet. Zu seinem Ruhm trug 1897 sein Landsmann Edmond Rostand mit der romantischen, in Versen gesetzten Komödie Cyrano de Bergerac bei, die auch wiederholt verfilmt wurde.

1994 erblickte im Schwabenland ein Hengst die Welt, der sich einige Jahre später als Cyrano de Bergerac unter dem Hintern des bekannten Springreiters Franke Sloothaak wiederfand. Er starb 2009 – der Hengst. Im Saarländischen gibt es seit ungefähr 2000 eine Hundezucht, die der erwähnten profilierten Nase des Duellisten Cyrano ziemlich Hohn spricht. Sie züchtet unter dem Titel „... von Cyrano de Bergerac“ Möpse.

* Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 4, Leipzig 1906 (!) versichert, Cyrano habe in seinem kurzen Leben „mehr als 1.000 Duelle“ bestanden. Die meisten davon hätten sich an seiner Nase entzündet.


Czisch, Franz (1908–56), Politiker & Kaufmann >Bischof, Werner



Fortsetzung D
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