Dienstag, 22. September 2015
Lexikon der Unfallopfer C–Cla

Cafà, Melchiorre (1636–67), maltesischer Bildhauer in der Nachfolge Berninis. Hat man je von einer Statue oder Säule aus Marmor gehört, die zu Ehren schier unzählbarer Gefallener der industriellen Arbeitswelt auf einem öffentlichen Platz oder Friedhof errichtet worden wäre? Dabei sterben ja auch die Soldaten nur im Dienst. Aber sie gelten nicht als Opfer von Arbeitsunfällen, sie gelten als Helden.

Um als Opfer eines Arbeitsunfalls nachhaltige Aufmerksamkeit zu erregen und beispielsweise in die Kunstgeschichte einzugehen, muß man schon als Tiepolo vom Deckengerüst im Treppenhaus der Würzburger Residenz fallen oder wenigstens wie Cafà in der Gießerei des römischen Petersdoms verunglücken, falls es so war. Damals, im September 1667, soll der 31 Jahre alte Barock-Bildhauer von der Insel Malta, der neuerdings an einer Altar-Dekoration für die St. John’s Co-Cathedral in Valletta arbeitete, bereits am Beginn einer großen Karriere gestanden haben. Schon war sie vorbei, stürzte sich doch von einem Gerüst oder Podest aus ein schweres Gußmodell auf Cafà, das ihm tödliche Verwundungen beibachte. Der Berliner Kunsthistoriker Rudolf Preimesberger führt dazu Quellen an, wenn ich richtig sehe*, und zieht einen Anschlag durch andere Karrierewillige offenbar nicht in Betracht.

Cafà hatte eine Vorliebe für Heilige aller Art, bei seiner Zunft und seiner Zeit vielleicht nichts Ungewöhnliches. So hatte er gerade erst die Glorie der Heiligen Katharina von Siena für die Kirche Santa Caterina a Magnanapoli in Rom vollendet: ein riesiges reliefartiges Altarbild, das dort von zwei Säulen aus weißgeädertem schwarzem Marmor flankiert wird. Es drückt ohne Zweifel Hoffnung aus – kaum dagegen die Erwartung, der oberste Schöpfer stelle einem harmlosen Nacheiferer ein Bein. Ferner zählte eine Marmorskulputur für das Grab der Märtyrerin und Missionarin Rosa von Lima zu Cafàs letzten Arbeiten. Laut Preimesberger wurde sie erst nach seinem Tode gen Amerika verschifft.** Die verrückte Dame, schon 1617 just in Cafàs Alter vor lauter Entsagung oder Liebe zu Gott von der Menschheit gegangen, wurde von Papst Clemens IX. Rospigliosi am 15. April 1668 im Petersdom „seliggesprochen“. Sicherlich hatten ihm seine spanisch-peruanischen Gewährsleute alles haarklein erzählt. Kurz darauf wurde sie auch zur ersten Heiligen der „Neuen Welt“ erklärt. Zur ersten christlichen Heiligen, genauer gesagt. Später gesellten sich Weibsbilder wie Calamity Jane, Evita Perón, Marilyn Monroe zu ihr. Auch Hillary Clinton rechnet sich noch Chancen aus.

* Dizionario Biografico degli Italiani Band 16 (1973)
** Humboldt 2015



Cafrune, Jorge (1937–78), populärer argentinischer Liedermacher, Erforscher und Demonstrator der Gaucho-Kultur. Zwar trat der Gitarrist und Sänger stets mit mächtigem dunklen Vollbart und Riesenhut auf, doch hielt er dem mit seiner eher sanften Stimme einigermaßen die Waage. Cafrune hing dem linken Flügel des Peronismus an, wodurch er dem seit 1976 herrschenden Obristenregime unter Videla verständlicherweise ein Dorn im Auge war, wie auch Rundfunkverbote und drohende Äußerungen des Ex-Ministers und McCarthy-Abziehbildes López Rega deutlich machten. Es konnte aber nie bewiesen werden – auch durch seine Tochter Yamila nicht, die sowohl Sängerin wie Rechtsanwältin wurde – daß der 40jährige Volkssänger am Abend des 31. Januar 1978 in Begleitung seines Freundes Fino Gutiérrez in eine Falle geritten war.

Die beiden waren zu Pferd von der Plaza de Mayo in Buenos Aires nach dem rund 750 Kilometer nordwärts gelegenen Städtchen Yapeyú aufgebrochen, wo sie, nach ungefähr 25 Tagesritten, an geplanten Feierlichkeiten zum 200. Geburtstag des dort geborenen argentinischen Nationalhelden José de San Martín teilzunehmen gedachten. Doch schon auf der ersten Etappe war ihr gleichermaßen romantisches wie publikumswirksames Unternehmen zu Ende. Bei Benavídez, einem nördlichen Vorort der Hauptstadt, wurden sie auf der Ruta Provincial 27 am späten Abend von einem Lastwagen angefahren, von dem sie nicht viel mehr als zwei Scheinwerfer gesehen hatten. Cafrune zog sich durch Sturz und Huftritte Verletzungen zu, denen er noch in derselben Nacht in einem Hospital der nahen Stadt Tigre erlag. Als Fahrer stellte sich ein junger Mann namens Héctor Emilio Díaz heraus, der später angeblich freigesprochen wurde. Somit hatte es sich um einen bedauerlichen Unfall gehandelt. Die mir erreichbaren Quellen geizen mit Einzelheiten; möglicherweise schneidet hier ein Zeitungsartikel* von Juan Carlos Kreimer noch achtbar ab. Cafrunes Geschichte soll wiederholt verfilmt worden sein – ich nehme einmal an, jeder Film wartet mit einer anderen Unfall- oder Mordversion auf.

Ähnlich undurchsichtig und umstritten stellt sich das Ende des „afghanischen Elvis“ Ahmad Zahir (1946–79) dar. Der westlich orientierte Politikersohn und Popmusiker zog als inbrünstiger Sänger und Akkordeonspieler die Bewunderung der Massen, nicht jedoch des anfänglich sowjetisch gestützten Daoud-Regimes auf sich. Nach offizieller Leseart kam er am 14. Juni 1979, genau an seinem 33. Geburtstag, nördlich von Kabul auf einer Gebirgsstraße im Hindukusch durch einen Autounfall um. Die näheren Umstände sind mir nicht bekannt. Zahir hinterließ ungefähr 30 Alben und Sohn Rishad, der im Elvis-Presley-Land USA lebt und auch wieder Musik macht.

Der belgisch-flämische Schlagersänger Louis Neefs (1937–80), manchen vielleicht durch seinen bekanntesten Titel Margrietje in Erinnerung, hatte mit 43 Jahren eine Frau (Liliane) und zwei Söhne: Günther (15) und Ludwig (18). Der ältere Sohn hatte am Weihnachtstag 1980 Glück, weil er sich zwecks Skiurlaub in Frankreich befand. Die restliche Familie war im Auto Richtung Mechelen unterwegs, wurde jedoch auf dem Stadtring von Lier (bei Antwerpen) von einem anderen Wagen „angefahren“, so jedenfalls die noch immer recht allgemeine Formulierung eines Gedenkartikels der Gazet van Antwerpen vom 25. Dezember 2010. Während Günther mit einem Schädelbruch überlebte, waren die Eltern nicht zu retten. Günther trat später trotz der schweren Verletzung in die Fußstapfen seines Vaters und wurde ebenfalls Sänger, Ludwig Politiker. Da sich der Letztgenannte 2012 aus der Politik zurückzog und dafür verstärkt dem Immobilienhandel widmete, ist es unwahrscheinlich, daß er sich einst für die Abschaffung des modernen Straßenverkehrs eingesetzt hatte. Wie wollten wir ohnedem unsere ganzen Immobilien erreichen?

Die in Posen aufgewachsene Polin Anna Jantar (1950–80), ursprünglich Szmeterling mit Nachnamen, entpuppte sich im Laufe der 1970er Jahre als publikumswirksame sozialistische Schlagersängerin. Sie gewann auch auf Festivals im Ausland etliche Preise. Als sie im März 1980 aus den USA zurückkehrte, wurde der Szmeterling zerquetscht. Das Flugzeug „Mikołaj Kopernik“, in dem Jantar saß, ging mittags kurz vor der Landung in Warschau zu Bruch. Wahrscheinlich war an der russischen Maschine ein Turbinenschaden aufgetreten. Dem Piloten Pawel Lipowczan wurde der erfolgreiche Versuch gutgeschrieben, seine Maschine an bewohnten Häusern vorbei zu bugsieren. Er kam ebenfalls um. Mit Lipowczan und der 29jährigen dunkelhaarigen Künstlerin Jantar, die eine Tochter, die spätere Sängerin Natalia Kukulska, zurückließ, starben 85 weitere Menschen. Sollte an der Himmelspforte zufällig ein stets zu Scherzen aufgelegter Engel Wache geschoben haben, begrüßte er Jantar vielleicht mit dem Titel ihres Liedes Najtrudniejszy pierwszy krok von 1973: „Der erste Schritt ist der schwerste“. Oder er spielte aus dem Internet ein offensichtlich zeitgenössisches Musikvideo ein, in dem Jantar ihr Lied Za wszystkie noce** zwischen nagelneuen Autos und Flugzeugen, ja sogar als Pilotin in einer Flugzeugkanzel vorträgt.

* Página/12, 1. Februar 2009
** „Für all die Nächte“



Caliandro, Cosimo (1982–2011), Mittelstreckler aus der süditalienischen Provinz Brindisi. Caliandro war verheiratet, hatte zwei Söhne und lief für die Polizeisporttruppe Fiamme Gialle. Am 10. Juni 2011 fuhr er allerdings Motorrad. Dabei soll der 29jährige Leichtahtlet ausgerechnet in seiner Heimatstadt Francavilla Fontana „die Kontrolle“ über seine Yamaha R6 „verloren“ haben. Er bremste jäh, stürzte und schlidderte mit der Maschine rund 25 Meter über den Asfalt, ehe er zwischen ihr und einem geparkten Fahrzeug eingeklemmt, ja nahezu zermalmt wurde. Er starb am Unfallort.

Der gebürtige Tiroler Guntram Brattia (1966–2014) war weder Polizist noch Sportler, vielmehr ein beiderseits der Donau vielbeschäftigter Schauspieler und Theatermann. Allerdings soll sich sein Gespür für Melancholie mit starkem Draufgängertum gepaart haben. Sein letzter Intendant, Martin Kusej vom Münchener Residenztheater, wagte sogar die proletarische Rede von einem „Temperamentsbolzen, der unbeirrbar seinen Weg ging“ – vielleicht auch in Anspielung auf den Arbeiter Stanly Kowalski aus Endstation Sehnsucht, den Brattia vor einiger Zeit in Frankfurt am Main gegeben hatte. Brattias Weg endete am 19. September 2014 um ein Uhr nachts an einer Autobahnausfahrt östlich von München. Der 47jährige, laut Theaterkritikerin Christine Dössel weder krank noch lebensmüde, wohnte damals mit Frau und drei Kindern auf dem Lande bei Markt Schwaben. Dort kam er dieses Mal aber nicht an, weil er an besagter Stelle mit seinem Motorrad Marke Aprilia Dorsoduro auf den ihm entgegen kommenden BMW einer 50jährigen prallte. Während die Frau erstaunlicherweise mit leichten Verletzungen davonkam, fand Brattia den Tod. Beide Fahrzeuge waren kaum noch zu erkennen. Worin die Behörden (später) die „Unfallursache“ sahen, ist mir nicht bekannt.

Nachdem es gekracht hatte, rühmte ihn sein Kollege Alexei Voyevoda als echt professionellen, großen Athleten. „He didn’t fear death.“ Gemeint war Bobanschieber Nikolai N. Chrenkow (1984–2014), der Rußland bereits beim Einfahren von zwei Europameisterschafts-Silbermedallien geholfen hatte. Da sollte man vermuten, der 29jährige Wuchter sei im Dienst unter die Kufen geraten. In Wahrheit war er am 2. Juni 2014 in der sibirischen Region Krasnojarsk mit seinem Auto zu seinen Eltern unterwegs gewesen, die er mal wieder besuchen wollte. Dabei kam es jedoch, wohl beim Überholen, zu einem Frontalzusammenstoß von Chrenkows Honda Accord mit einem anderen Auto, dessen Fahrer leider mitumkam. Ob dieser den Tod ebenfalls nicht gefürchtet hatte, verriet Voyevoda der Moscow Times nicht.*

* 2. Juni 2014


California, Randy (1951–97), Rockmusiker >Bonvicini, Franco


Call, „Cactus“ Jack (1923–63), Discjockey >Anglin, Jack


Callender, James T. (1758–1803), Journalist >Condivi, Ascanio


Campbell, Alexander (1871–1915), Londoner Spirituosengroßhändler, der vor allem durch Whisky reich wurde. Dabei stammte Campbell aus einem schottischen Dorf, das eher durch seine Wasserfälle bekannt geworden ist, also nicht durch Schnapsbrennerei oder gar durch seinen abstoßenden Namen: Killin. Im Frühjahr 1915 wollte der Killinianer, inzwischen dreifacher Vater und 43 Jahre alt, nach einer ausgedehnten Geschäftsreise durch Asien und Australien von New York City aus wieder nach Hause fahren. Obwohl er an „Dschungelfieber“ litt und zwar Golfspielen, aber nicht Schwimmen konnte, hielt er öffentliche Warnungen seitens der deutschen Weltkriegspartei vor gewissen Seereisen für eine Ente.* So nahm er den britischen kombinierten Liniendampfer und Kreuzer RMS Lusitania, kam aber nie in Liverpool an, weil das luxeriöse Riesenschiff (76.000 PS) am 7. Mai vor der irischen Südküste von einem deutschen U-Boot torpediert und versenkt wurde. Der killinianische Schnapskönig zählte zu den rund 1.200 Todesopfern dieses „Zwischenfalls“, der so berühmt wie umstritten ist. Allerdings herrscht heute weitgehend Einigkeit darüber, die Deutschen hatten gewarnt und die Lusitania hatte Unmengen an Munition als Fracht an Bord. Umstritten ist, ob „man“ – von Churchill bis zum letzten britischen Schlapphut – das angebliche Passagierschiff bewußt ins offene Messer laufen ließ oder gar lotste, um einen raschen Kriegseintritt der USA zu fördern. Immerhin befanden sich unter den Todesopfern der Katastrophe 124 US-BürgerInnen. Der bis dahin mäßigend wirkende US-Außenminister Bryan mußte abdanken, doch der Kriegseintritt seines Landes ließ noch zwei Jahre auf sich warten.

Den US-Eisenbahnkönig Cornelius Vanderbilt habe ich andernorts wiederholt gestreift. Alfred Gwynne Vanderbilt (1877–1915) war ein Urenkel des berühmten Tycoons. Für den 37 Jahre alten Millionär, Playboy, Segler und begeisterten Fuchsjäger war es unerläßlich, sich am 1. Mai 1915 in New York City an Bord der RMS Lusitania zu begeben, weil er in London den Vorsitz bei einem Pferdezüchterkongreß zu führen gedachte. So haben wir, die Deutschen oder die Briten, auch Vanderbilt und seinen Kammerdiener Ronald Denyer auf dem Gewissen. Andererseits boten wir ihnen die Chance, sich als echte gentlemen zu erweisen, wie die Quellen durchgehend versichern. Die beiden Herren hätten vielen Frauen und Kindern in die Rettungsboote geholfen und sie hätten sogar ihre Schwimmwesten abgetreten. Es ist natürlich denkbar, daß Denyer ohnehin Vanderbilt und dieser das high life satt hatte.

Ich möchte abschließend nur noch Mr. Charles Klein (1867–1915) erwähnen, weil er britischer Staatsbürger war und einen Klumpfuß besaß, wie Byron. Klein lebte allerdings seit Jahren in die Staaten, wo er sich als Bühnenautor und Berater von Theaterleitern einen Namen gemacht hatte. Beim Schiffsuntergang war er 48. Als man seine Leiche nach Tagen aus dem Atlantik fischte, konnte sie angeblich lediglich wegen jener „alten“ Verunstaltung sicher identifiziert werden, wegen des Klumpfußes. In leiblicher Hinsicht hatte den Ärmsten wahrlich das Pech verfolgt. Eine Wunschkarriere als Schauspieler war in seinen jungen Jahren vor allem an seiner (namensgemäßen) geringen Körpergröße und seinem starken Lampenfieber gescheitert. Recht so, wenn er sich aufs Schreiben von Schauspielen verlegte – allerdings kann ich die Güte seiner Werke nicht beurteilen.

* The Lusitania Resource


Campos, Eduardo (1965–2014), Politiker >Deptuła, Leszek


Campos, Marco (1976–95), Autorennfahrer >Clark, Jim


Camus, Albert (1913–60). Sein Fall legt den tröstlichen Gedanken nahe, selbst ein weltberühmter Schriftsteller könne das Pech haben, mit seinem Verleger Schiffbruch zu erleiden. Das heißt, um genau zu sein, war Michel Gallimard „nur“ der Cousin von Robert Gallimard, dem damaligen Leiter des renommierten Pariser Verlagshauses. Michel war wie sein Freund Albert Ehemann und Vater, wobei ich allerdings nicht weiß, ob er auch ähnlich viele Geliebte wie Camus besaß. Die Familien Gallimard und Camus hatten also die letzten Weihnachtsferien ihres Lebens nahe beieinander in Südfrankreich verbracht. Nun wollte Camus ohne Anhang nach Paris zurück, ließ aber Michel Gallimard zuliebe seine Zugfahrkarte verfallen. Es war der 4. Januar 1960. Gallimard hatte sich nämlich erst kürzlich einen „letzten Schrei“ namens Facel Vega zugelegt. Wahrscheinlich war das der Ausgleich für den Literaturnobelpreis, den kürzlich nicht Gallimard, vielmehr Camus erhalten hatte, das beste Pferd im Stall. Die nur für wenige Jahre gebauten schnittigen, jedoch zum Teil über 300 PS starken Vega-Limousinen der in Paris ansässigen Firma Facel S.A. waren damals so ungefähr das Exklusivste, das man fahren konnte. Camus stieg also zu. Es heißt, es sei ein trüber Tag gewesen. Sie nehmen die Nationalstraße 6. Bei Villeblevin sieht sich ein Lastwagenfahrer mit rund 150 Sachen von einem dunkelgrünen Geschoß überholt. Doch plötzlich habe das Geschoß „Walzer getanzt“ – der Vega gerät ins Schleudern, wohl aufgrund eines geplatzten Reifens. Dann prallt er gegen eine Platane, wirbelt durch die Luft und zerschellt an einer zweiten Platane. Beifahrer Camus, 46 Jahre alt, war sofort tot, Gallimard, um 43, starb eine Woche darauf. Madame Gallimard und ihre Tochter auf der engen Rückbank überlebten. Auch der Hund Floc der Familie Gallimard hatte da noch gehockt. Er ward aber nie mehr gesehen, er gilt als verschollen. Wo käme die Weltliteratur hin, wenn sie nicht ihre Mysterien hätte?


Cankar, Ivan (1876–1918), slowenischer Schriftsteller aus dem Raum Ljubljana (Laibach), Sohn eines armen, dafür kinderreichen Schneiders. Nach seinem „tragischen“ frühen Ableben sollen ihn ungefähr alle kulturpolitischen Lager seines Landes für sich reklamiert haben, wodurch er sich letztlich zum „größten Nationaldichter“ seines Landes erhoben sah – er erlebte es nur nicht mehr mit. Dank Förderern hatte der junge Cankar das Abitur machen und in Wien ein Studium des Maschinenbaus aufnehmen können, das er freilich bald zugunsten des hauptberuflichen Schreibens an den Nagel hängte. Ab 1909 lebte er wieder in Ljubljana. Als Sozialdemokrat und Fürsprecher eines eigenständigen südslawischen (jugoslawischen) Staates außerhalb der habsburgischen Monarchie schrieb Cankar ungeschminkt vom Elend des Volkes, dabei nicht ohne Sinn für Komik der kafkaesken Art. Er verfaßte vorwiegend erzählende Texte. Im Lebenswandel drückte er sich um Ehe und andere Etiketten. Seine letzte Geliebte war Milena Rohrmann, die ihn dann auch nach seinem verhängnisvollen Treppensturz ins Krankenhaus schaffen ließ.

Nach freundlicher Auskunft des Wiener Mediziners und Slowenisten Erwin Köstler, Übersetzer* einer in Klagenfurt erscheinenden deutschen Gesamtausgabe der Werke Cankars, sind die Todesumstände durch zeitgenössische Zeugnisse (von France Dobrovoljc, Lojz Kraigher u.a.) recht gut belegt. Cankar wohnte damals am Kongreßplatz. Eines Abends Ende Oktober 1918 kam er mehr oder weniger betrunken von einem Treffen mit Freunden zurück und stolperte im Treppenhaus, worauf er rücklings in den kleinen Innenhof des Gebäudes fiel und sich eine Verletzung am Hinterkopf zuzog, die man zunächst als Prellung abtat. Nach vorübergehender vermeintlicher Genesung stellten sich aber epileptische Anfälle und immer neue Schwächeanzeichen ein. Wahrscheinlich waren durch den Sturz Gehirnblutungen, vielleicht sogar ein Schädelbruch erfolgt. Diese Verletzungen verpaarten sich freilich mit einem allgemein schlechten Gesundheitszustand des abgemagerten und nervlich zerrütteten Schriftstellers. Dabei hatten sicherlich auch Kaffee, Tabak und Alkohol eine beträchtliche Rolle gespielt, also ungefähr die „Heilmittel“ von Cankars historischem Unfallgenossen Dr. >Bontekoe, der (1685) vielleicht nur auf einer Teelache ausgeglitten und von der Stiege gefallen war. Unter all diesen Belastungen „versagte“ Cankars Herz am 11. Dezember, rund sechs Wochen nach dem Mißgeschick im Treppenhaus. Er starb mit 42.

Im Gegensatz zu Cankar brachte es der peruanische „modernistische“ Schriftsteller Abraham Valdelomar (1888–1919) nicht auf Banknoten oder Briefmarken, obwohl er sogar kräftig in der Politik mitmischte. Liberal oder sozialdemokratisch orientiert, versuchte er sich teils als Leiter oder Redakteur von Periodika, teils unmittelbar als Politiker. So unterstützte er Guillermo Billinghurst, der 1912 Staatspräsident, aber zwei Jahre darauf schon wieder gestürzt wurde. Für ihn verbrachte der gutaussehende Valdelomar auch ein Jahr als Diplomat in Rom, was seiner Neigung zum Dandytum sicherlich sowohl entsprach wie zuträglich war. Für manche literarischen BeobachterInnen scheint Valdelomar, den sonst so gut wie keiner kennt, der „Oscar Wilde der Anden“ zu sein. 1914 heimgekehrt, wird er für kurze Zeit als angeblicher Verschwörer gegen die Putschregierung verhaftet, kann sich dann aber offenbar mit dem Regime arrangieren und ihm sogar als Sekretär des Präsidenten des Ministerrates dienen. Daneben ist er regelmäßiger Mitarbeiter der Zeitung La Prensa, bis er sich, Anfang 1918, mit deren Chef Glicerio Tassara überwirft. Die spanische, auf Sanchez** gestützte Wikipedia spricht diesbezüglich gar von einem geplanten Duell zwischen den beiden Streithähnen, wegen Meinungsverschiedenheiten oder angeblicher Zensur? Das würde natürlich vorzüglich ins Wilde Muster passen. Anschließend unternimmt Valdelomar, noch unversehrt, Vortragsreisen im ganzen Land. Im Spätsommer 1919 wird er „zum Repräsentanten der Region Ica beim Congreso Regional del Centro ernannt“, wie es heißt – vielleicht eine Art Bundesrat oder Beirat des Bundesrats. Ica ist Valdelomars Heimatregion, wo er in der Küstenstadt Pisco aufgewachsen war, wohl in mittelständischer Familie, schrieb er sich doch nach dem Abitur in Lima bei der Universität San Marcos ein, ohne freilich einen Abschluß zu machen.

Man wird diese ganzen akademischen wie parlamentarischen Spielereien nicht überbewerten, wenn man bedenkt, wem Peru beziehungsweise dessen Produktionsstätten gehörten und daß Frauen und „Analphabeten“=Indios auch sonst nichts zu melden hatten. Valdelomars Reformeifer kann sich ohnehin nicht mehr lange austoben: Schon am 1. November 1919, wenige Wochen nach dem Antritt seines neuen Amtes, strauchelt der 31jährige in Ayacucho, der 2.700 Meter hoch gelegenen Hauptstadt der gleichnamigen Region und Sitz des erwähnten Kongresses, als er bei einer nächsten Tagung, vielleicht beim festlichen Empfang, im Dunkeln eine steile Außentreppe aus Stein hinabeilt. Er stürzt sechs Meter tief auf einen Haufen aus Steinen und bricht sich die Wirbelsäule. Nach zwei Tagen stirbt er. Seine Hast war womöglich der Gier nach einer Injektion Morphin (Sanchez) oder einem Zug Opium geschuldet, so Mónica Bernabé. 1911 hatte Valdelomar einem seiner Romane den Titel Die Stadt der Süchtigen gegeben. Er schrieb in allen Gattungen. Bernabé scheint in ihrer Arbeit Valdelomars homosexuelle und nomadische Züge zu betonen.*** Es lebe das Dandytum.

* TransStar Europa, Juni 2014
** Luis Alberto Sanchez: Valdelomar o la Belle Époque , Lima, 3. Auflage 1987
*** „Dandismo y rebeldía en el Perú: el caso de Abraham Valdelomar“, 2003



Cantelli, Guido (1920–56), Dirigent >Knickerbocker, Hubert


Capadrutt, Reto (1912–39), medaillenschwerer Bobfahrer aus der Schweiz. Während Bobanschieber Chrenkow bekanntlich (s.o.) erst im vergleichsweise hohen Alter von 29 Jahren außerhalb der vereisten Betonkanäle seines „Sportes“ unter die Räder kam, fiel Capadrutt, 26, sozusagen im Dienst, nämlich bei den Weltmeisterschaften von 1939, die für den Viererbob in Cortina d’Ampezzo, Italien, für den Zweierbob in Sankt Moritz, Graubünden, ausgetragen wurden. Nach einer Kurzmeldung der Mariborer Zeitung vom 7. Februar des Jahres hatte sich der schweizer Zweier in einer Kurve der Rennbahn überschlagen. Capadrutt sei sofort tot gewesen, sein Mitstreiter dagegen „unversehrt“ geblieben. Dieser Glückspilz wird auf keiner Webseite namentlich genannt. Was Capadrutt angeht, war er laut einer „Totentafel“ in Heft 2 der damaligen Allgemeinen schweizerischen Militärzeitung Leutnant der Artillerie gewesen. Als „neutraler“ Schweizer hätte er ja wahrscheinlich vom Zweiten Weltkrieg, der gerade heraufzog, ohnehin nichts gehabt.


Caragiu, Toma (1925–77), Schauspieler >Konrad, Robert E.


Cardei, Luis (1944–2000), Tangosänger >Ashe, Arthur


Cardew, Cornelius (1936–81), Komponist >Gaetano, Rino


Carr, James (1777–1818), US-Politiker, bis 1817 Kongreßabgeordneter für Massachusetts. Ein Jahr darauf, am 24. August 1818, bewies der 40jährige den Familiensinn, den manche später im Falle des kanadischen Eisenbahnbeamten Vincent >Coleman vermissen könnten. Mit Frau und Töchterchen per Dampfschiff auf dem Ohio in Kentucky unterwegs, fiel Carrs neun Jahre alte Tochter Mary bei Louisville über Bord. Carr sprang sofort hinterher; immerhin war er zeitweilig Beamter auf hoher See gewesen. Doch beide ertranken, Vater und Tochter. Selbst ihre Leichen wurden nie gefunden. Der Ohio, bei Cairo in den Mississippi mündend, dürfte bei Louisville mindestens einen Kilometer breit sein. Sowohl die damaligen Wetterverhältnisse wie denkbare Rettungsversuche bleiben in den spärlichen Quellen unerwähnt.


Cassignard, Georges (1873–93), Radsportler >Malibran, Maria


Cassin, John (1813–69), Ornithologe >Harnier, Wilhelm von


Catoul, Jean-Pierre (1963–2001), Jazzgeiger >Fernández, Rommel


Causer, Tamsin (1974–2006), Fallschirmspringerin >Majerus, Michel


Cavendish, Kathleen (1920–48), Schwester JF Kennedys >Kelly, Grace


Cecilia von Griechenland (1911–37), Prinzessin >Kelly, Grace


Cerdan, Marcel (1916–49), Boxer >Sarapo, Theo


Černá, Jana „Honza“ (1928–81), Lebenskünstlerin >Gaetano, Rino


Chaffee, Roger Bruce (1935–67), Astronaut >Freeman, Theodore


Chaland, Yves (1957–90), Zeichner >Paião, Carlos


Chance, John Barnes (1932–72), Komponist >Brooks, Randy


Chapman, Ray (1891–1920), US-Baseballer >Montaigne, Arnaud de


Charest, Micheline (1953–2004), TV-Produzentin >Majerus, Michel


Charlamow, Waleri B. (1948–81), Eishockeyspieler >Gerresheim, Lutz


Charlotte Amalie von Hessen-Wanfried (1679–1722), auch Fürstin von Siebenbürgen, nachdem sie mit 16 (in Köln) dem steinreichen Antihabsburger Franz II. Rákoczi aus Ungarn angetraut worden war. Anschließend soll sie sich, ungefähr im Dreieck Budapest / Paris / Petersburg, eines rastlosen und ausschweifenden Lebenswandels befleißigt haben. Er vermutlich auch, nur nicht mit ihr. Charlotte endete als 43jährige Überflüssige in Paris, wo sie sich wegen heftiger Schmerzen im Februar 1722 einen Zahn ziehen ließ. Es folgten Eiter und Fieber, und den Rest gaben ihr dann, neben dem berüchtigten Aderlaß, verschiedene „Gesichte“, die sie gehabt haben soll. Zwei Tage nach ihrem Zahnarzttermin war sie tot. 1755 war auch die (katholische) Landgrafenlinie Hessen-Wanfried-Rheinfels ausgestorben, womit das Werrastädtchen Wanfried (bei Eschwege) seinen Rang als Residenzstadt einbüßte. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Wanfried zu allem Unglück auch noch für Jahrzehnte unter seiner zufälligen Lage im mitleiderregenden „Zonenrandgebiet“ zu leiden. Daraus befreite es Germanenhäuptling Helmut „Birne“ Kohl mit seiner gefürchteten Keule … die er auf Thüringen sausen ließ.

Werfen wir noch einen Blick auf Saint Thomas. Es handelt sich um die bei Puerto Rico gelegene Hauptinsel der US-Jungferninseln in der Karibik. In den kolonialen, auch durch brave Dänen genutzten Zeiten um 1600 bis 1900 gedieh sie vor allem durch Sklaven- und Rumhandel. Zudem war sie ein beliebtes Nest für Seeräuber. Dänemark verkaufte die Insel – die einst durch Kolumbus & Co. entvölkert und gestohlen worden war – 1917 an die USA. Damit trat es auch Charlotte Amalie an die Yankees ab, die Haupt- und Hafenstadt von Saint Thomas, die inzwischen unter Kreuzfahrern als Einkaufs- und Fotoparadies gehandelt wird. Dafür kann aber die Zahnschmerzen-Amalie nichts. Der Stadtname bezieht sich vielmehr auf Charlotte Amalie von Hessen-Kassel, die eine Art Großtante von jener gewesen sein dürfte. Man hatte diese Tante 1667 an den dänischen Kronprinzen Christian verheiratet. Gut 20 Jahre später soll ein einflußreicher Pirat so nett gewesen sein, die Hauptstadt, die bis dahin mal als Christiansfort, mal als Taphus* bezeichnet worden war, der Dänen-Amalie zuliebe in Charlotte Amalie umzutaufen. So heißt die Stadt noch heute.

* wohl der zahlreichen Kneipen wegen, von „Tap Hus“ her, Haus mit Hahn, Zapfstelle


Charvouris, Marinos (1729–82), Ingenieur >Pilâtre de Rozier, Jean-François


Chase, Bill (1934–74), Jazzmusiker >Christowa, Pasha


Chausson, Ernest (1855–99), französischer Komponist aus wohlhabendem Hause, Schüler von Massenet und Franck, schätzte auch Wagner, führte in Paris einen begehrten Salon für KünstlerInnen aller Art. Zu seinen Freunden zählte Debussy. Sein Poème für Violine und Orchester, op. 25, wohl das bekannteste Werk Chaussons, schrieb er für den gefeierten belgischen Geiger Eugène Ysaye, der damit bei seinen Konzertreisen zuverlässig Beifall einheimste. Wenige Jahre nach der Vollendung dieser „Sinfonischen Dichtung“, im Juni 1899, wurde Chausson wahrscheinlich seine Radfahrlust, möglicherweise auch seine angebliche Neigung zu „Depressionen“ zum Verhängnis. Der 44 Jahre alte vollbärtige, dafür stirnblanke Gatte der deutlich jüngeren Pianistin Jeanne Escudier und fünfache Vater radelte während einer Sommerfrische in der Kleinstadt Limay (rund 50 Kilometer westlich von Paris), wo er ein Haus besaß, eine abschüssige Straße hinab, prallte gegen eine Mauer oder Hauswand und war auf der Stelle tot. Der Vorfall ist ungeklärt, die Selbstmordtheorie hat wenig Anhang. Die junge Witwe kam noch auf über 70.

Auch Chaussons Lehrer César Franck (1822–99) hatte Unfallpech, wenn auch erst mit 67. Er zog sich im Sommer 1890, ein Jahr nach der Uraufführung seiner D-Moll-Sinfonie*, in Paris bei einem Zusammenstoß seiner Pferdedroschke mit einem Pferdeomnibus Kopf- und Fußverletzungen zu, deren Folgen zumindest dazu beigetragen haben dürften, daß er wenige Monate später, im November, einer Brustfellentzündung nichts mehr entgegen zu setzen hatte. Er starb in seinem Haus am Boulevard du Montparnasse.

* die m.E. keine gute Sonate aufwiegt, vor allem nicht Francks eigene Sonate in A-Dur für Violine (oder Flöte) und Klavier von 1886


Chitalu, Godfrey (1947–93), Fußballer >Bacigalupo, Valerio


Chlumberg, Hans (1897–1930), Dramatiker >Ebert, Friedrich A.


Chmielnik, Jacek (1953–2007), Schauspieler >Harvey, Leslie


Chrapek, Jan (1948–2001), polnischer katholischer Geistlicher, Medienfachmann, Hochschullehrer, Günstling des Vatikans. In seinen jüngeren Jahren hatten ihn, mit offensichtlicher Unterstützung durch den Staatssozialismus seines Landes, etliche ausgiebige Reisen durch halb Europa und ganz Nordamerika geführt, aber das hatte er unbeschadet überstanden, sonst wäre er 1999 nicht Bischof von Radom geworden, einer Stadt von der Größe Kassels, die rund 100 Kilometer südlich von Warschau liegt. Die Karriere des frommen, inzwischen 53 Jahre alten Mannes endete am 18. Oktober 2001 auf der Autobahn bei Stare Siekluki nahe Radom. Er hatte sich auf der Heimreise von Warschau aus befunden. Ob sein Wagen von ihm selbst, einem Bediensteten, einem Freund, einer Frau, einem Autopiloten oder gar von noch höheren Mächten gesteuert worden war und ob vielleicht noch dritte Volks- und Glaubensgenossen zu Schaden kamen, verraten die Internetquellen nicht. Die Webseite des Bistums Radom verschwendet in ihrem Portrait des Verblichenen einen kurzen Satz über den Vorfall, der demnach vor allem wieder einmal „tragiczną“ war.


Chrenkow, Nikolai N. (1984–2014), Bobfahrer >Caliandro, Cosimo


Christandl, Beata († 2009), Sportlehrerin >Gillett, Amy


Christian II. (1583–1611), Kurfürst >Fortunat, Eduard


Christmann, Miriam (1966–2008), TV-Moderatorin >Depardieu, Guillaume


Christou, Jani (1926–70), Komponist >Cless, Rod


Christowa, Pascha (1946–71), auch Pasha Hristova geschrieben, bulgarische Sängerin aus Sofia. Mit ihrer mal strahlenden, mal glutvollen Stimme hatte sie ihren „Durchbruch“ als 21jährige auf dem Internationalen Schlagerfestival von 1967 in der russischen Stadt Sotschi am Schwarzen Meer erzielt. Das paßte zu ihren dunklen Haaren, die sie meistens kurz und eher züchtig enganliegend trug. Wie sich versteht, sah sie auch im übrigen hinreißend aus. Nichts mehr von den Reißbrettern, zwischen denen sie, als gelernte technische Zeichnerin, womöglich versauert wäre. Man hatte ihr, angeblich nur aufgrund ihrer stimmlichen Begabung, den Besuch einer Schule für Unterhaltungsmusik gestattet. Jetzt erobert sie als Gesangsolistin des Orchesters Sofia die ihr erreichbare Welt. Mit unverfänglichen Stücken wie Eine bulgarische Rose oder Wehe, Wind, wehe bringt sie alle verhärteten Herzen des „Ostblocks“ zum Schmelzen. Und haben Mann und Frau jemals eine derart versunken lächelnde Rose gesehen? Ihre Kollegin Mimi Ivanova sagte später, auf der Bühne sei Pasha Herrscherin gewesen, im Privatleben dagegen scheu und zartfühlend. Aus zerbrochener Familie kommend, war Pasha bei ihrer Großmutter aufgewachsen, mit der sie, der englischen Wikipedia zufolge, auch das Bett geteilt hatte. Die Großmutter ermöglichte ihr Geigenunterricht, und Pasha hing sehr an ihr. Aber eines morgens erwachte die halbwüchsige Enkelin an der Seite eines kalten, steifen Leichnams und lernte das Gruseln.

Am 21. Dezember 1971 ist sie selber daran. An diesem Tag soll die Hristova nach Algier fliegen, um an Bulgarischen Kulturtagen mitzuwirken. Doch die Maschine kommt in Sofia kaum in die Luft, berührt nach einer heftigen seitlichen Windböe mit einer Tragfläche die Piste, zerschellt und geht in Flammen auf. Von den 73 Insassen sterben 32*, darunter die 25jährige Schlager- und Chansonsängerin und ihr zweites, noch ungeborenes Kind. Dieses Ungeborene stammte von ihrem Orchesterleiter Nikolay „Fucho“ Arabadzhiev, mit dem Pasha, nach einer ersten gescheiterten Ehe, zusammengelebt hatte. Er starb an ihrer Seite. Die Untersuchungsberichte geben Wartungsfehler als Unglücksursache an, die möglicherweise nicht aus Fahrlässigkeit, sondern mit Bedacht erfolgt seien, um die Aufdeckung krimineller Machenschaften zu verhindern. Die Angelegenheit bleibt undurchsichtig. Der Schlager Eine bulgarische Rose wurde 2000 in Hristovas Heimatland zum „Lied des Jahrhunderts“ erkoren. Es heißt, es gebe wahrscheinlich keinen Bulgaren, der das Lied nicht kenne. Entgegen einer vom westdeutschen Nachkriegsschlager geprägten Erwartung wird die bulgarische Rose nicht der bezaubernden Sängerin oder deren Liebstem, vielmehr dem Besucher Bulgariens überreicht. Er möge sie als schöne Erinnerung mitnehmen, an die Berge und Seen des Landes, und „an jeden von uns“. Das Lied hält die Gemeinschaft hoch.

Drei Jahre später erwischt es ungefähr die Hälfte von Chase, so ursprünglich der Spitzname für einen Jäger. Ab 1970 war es der Name einer vom Trompeter Bill Chase (1934–74) gegründeten US-Jazzrock-Gruppe. Von Texas aus, wo sie am vierten Album der Gruppe gearbeitet haben, wollen einige Chase-Mitglieder am 9. August 1974 in einer gecharterten Piper Comanche nach Jackson, Minnesota, fliegen, um sich an einem Konzert zu beteiligen. Sie geraten unweit des Zieles in schlechtes Wetter und stürzen ab. Die Gerichte urteilen später: „Pilotenfehler“. Mit Chase und drei weiteren Bandmitgliedern kamen auch die beiden Piloten um. Es gab keine Überlebenden. Trompeter Chase war 39, Co-Pilotin Linda Swisher 26.

* laut Joan Kolev, Radio Bulgarien 14. Februar 2015, während die englische Wikipedia 30 Tote angibt


Chua, Tony (1954–2009), Sportfunktionär >Marchi, Otto


Chung Ling Soo (1861–1918), US-Magier und nur getürkter Chinese. Mit ihm eröffne ich eine zwanglose, übers Alphabet verstreute Folge der Abgänge verschiedener Piaffen, wie ich sie heimlich zu nennen pflege. Gemeint sind KünstlerInnen oder ÜberredungskünstlerInnen (sogenannte PolitikerInnen), denen ein Ende beschieden war, das sich die zuletzt dahinsiechende Diva Edith Piaf eigentlich auch für sich selbst gewünscht hatte. Sie würde am liebsten „mitten im Singen auf der Bühne zusammenbrechen, um nie mehr aufzustehen“, soll sie einmal versichert haben.*

Für Chung stellte ein solches Ende sozusagen eine leichte Übung dar. Der berühmte Zauberer aus den Staaten, einst ein schnöder Schlosser namens William E. Robinson, hatte sich um 1900 kurzerhand auf die Asienwelle seiner Zeit geschwungen und damit, als Wunder wirkender „Chinese“, Karriere gemacht. Knapp 20 Jahre darauf, inzwischen 56 Jahre alt, starb er in London im Dienst, weil er beim sogenannten Kugelfang auf der Bühne des Wood Green Empire Theaters versehentlich tatsächlich durch die Brust geschossen wurde. Wie die HerausgeberInnen Gisela und Dietmar Winkler im Sammelband Das große Hokuspokus** dokumentieren***, erkannte die gerichtliche Untersuchung, die sich auch auf Fachleute Scotland Yards stützte, entgegen zahlreichen Mord- und Selbstmordgerüchten auf Unglücksfall. Der Magier pflegte die vom Publikum gezeichnete Kugel mit Hilfe eines doppelbödigen Bechers unbemerkt an sich zu nehmen und zu vertauschen, ehe das Gewehr geladen wurde. So war er imstande vorzugeben, er habe die aus dem Gewehr abgefeuerte Kugel mit einem Steingutteller vor seiner Brust „abgefangen“ – falls die Nummer klappte. Diesesmal jedoch versagte die Umleitvorrichtung im geschickt präparierten Gewehr, wie die Untersuchung ergab. Während normalerweise beim Abschuß lediglich Pulver explodierte, ohne Schaden anzurichten, wurde nun aufgrund einer durchgerosteten Schraubenverbindung tatsächlich jene eingetauschte Kugel abgefeuert, mit dem das Gewehr vor den gebannten Augen des Publikums geladen worden war. Sie zerriß Robinson alias Soo die Lunge. Er starb am Morgen nach der abendlichen Vorstellung (vom Samstag, den 23. März 1918) in einem Londoner Krankenhaus. Den Grund seines Todes erfuhr er nicht mehr.

Auf einem Manuskript des deutsch-rumänischen Lehrers, Chorleiters, Organisten und Komponisten Wilhelm Ferch (1881–1922), der im Heidedorf Bogarosch (bei Hatzfeld/Jimbolia) aufgewachsen war, fußt die bekannte „Hymne der Banater Schwaben“, das Chorwerk Mein Heimatland, Banaterland. Ferch verfaßte das Manuskript wenige Wochen vor seinem Tod. Dieser ereilte ihn im Juni 1922, als er „in voller Fahrt“ auf der Orgelbank der Budapester Matthiaskirche saß. Ob der 41jährige konzertierte oder nur übte, sei dahingestellt. So oder so erlitt er einen Herzschlag.

Den aus wohhabender Genfer Kaufmannsfamilie stammenden Zauberkünstler, Sammler und Gelehrten seines Faches Adolphe Blind (1862–1925) erwischte es wenigstens in seiner Heimat. Es geschah an einem Spätsommertag des Jahres 1925 im Schlößchen von Bossey unweit des Genfer Sees, wo der selbsternannte „Professor Magicus“ bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung glänzte. Das Publikum habe zunächst an einen Scherz geglaubt und applaudiert, versichert Peter Ravert.**** Blind hatte soeben einen Zauberspruch deklamiert, um ein rohes Ei aus einem kleinen schwarzen Beutel im Nichts verschwinden zu lassen. Doch vor dem Ei verschwand der 53jährige Künstler: er sackte lautlos auf der Bühne zusammen und war auf der Stelle tot – Herzschlag. Ob bei diesem Zusammenbruch wenigstens das Ei, ob in- oder außerhalb jenes schwarzen Beutels, überlebte, verrät Ravert nicht.

Vom weltberühmten Entfesselungskünstler, Magier, Muskelmann und Werbetrommler in eigener Sache Erich Weisz alias Harry Houdini (1874–1926) aus den USA war unter anderem die Prahlerei bekannt, er könne jeden von Männerfäusten geführten Schlag in den Unterleib allein durch Anspannung seiner Bauchmuskulatur unbeschadet überstehen. Bei einer Vorstellung, die er im Oktober 1926 in Montreal, Kanada, gab, suchten ihn ein paar Studenten in seiner Garderobe im Princess Theatre auf. Dabei versetzte ihm der Student Jocelyn Gordon Whitehead mehrere Hiebe in den Bauch, auf die der 52 Jahre alte Meister wahrscheinlich nicht gefaßt war. Zudem hatte er seit einigen Tagen ohnehin schon an Bauchschmerzen gelitten. Obwohl ein Arzt, den Houdini nun endlich wegen der zunehmenden Schmerzen bemühte, eine Blinddarmentzündung diagnostizierte, sagte er seine nächste Vorstellung im Detroiter Garrick Theater nicht ab. Es wurde die letzte Vorstellung Houdinis. Fünf Tage später, und neun Tage nach den verhängnisvollen Fausthieben, war er in einem Detroiter Krankenhaus einem Blinddarmdurchbruch erlegen. Seine Assistentin und Witwe Bess, eine deutschstämmige frühere Varietétänzerin, konnte die Verdoppelung der Lebensversicherungssumme erwirken, weil man ihren Anwälten in der Meinung beipflichtete, jene Schläge des studentischen „Testers“ seien für das Ableben des Künstlers ursächlich gewesen. Es ist freilich nirgends zu lesen, Whitehead sei vor Gericht gezerrt worden. Wahrscheinlich hätte er ohnehin mit Erfolg auf Houdinis großmäulige General-Einladung verwiesen, ihn tüchtig in den Bauch zu boxen. Aber vielleicht hatte Whitehead wenigstens Gewissensbisse? Man besorge sich bitte das nicht weniger großmäulig betitelte Buch Don Bells The Man Who Killed Houdini, das 2004 in Montreal erschienen ist.*****

Wie sich versteht, gab es Mordverdächtigungen genug, und in diesem Fall sind sie auch nicht ganz abwegig, weil Houdini in seinen letzten Jahren einen regelrechten „Feldzug gegen den Spiritismus“ führte, wie Milbourne Christopher schreibt. Der Künstler entlarvte dabei zahlreiche sogenannte Medien als BetrügerInnen. Allerdings dürfte ein begründeter Mordverdacht gegen die Studenten deren Wissen um Houdinis Unterleibsbeschwerden erfordern – unwahrscheinlich. Man hat zudem spekuliert, der todkranke Magier sei in der Klinik von einem spiritistisch gestimmten Arzt vergiftet worden. Es ist immer schöner, wenn ein sogenanntes Genie nicht durch einen dummen Zufall vom Erdboden verschwindet. Sondern eben durch Hexerei.

* Jens Rosteck: Édith Piaf, Berlin 2013, S. 388. Die Sängerin wird uns noch bei etlichen verunfallten Geliebten wiederbegegnen, darunter ihr zweiter Gatte >Sarapo.
** Ostberlin 1981
*** Will Dexter: The Riddle of Chung Ling Soo, 1955/1973
**** in der FAZ vom 1. Oktober 2009
***** Verlagswerbung



Ciocâltea, Victor (1932–83), Schachgroßmeister >Tucker, George


Clark, Jim (1936–68), siegreicher britischer Autorennfahrer, Werbeträger für Lotus und Tabak, obwohl er Nichtraucher gewesen sein soll. Mit 32 Jahren hatte er bereits 25 Grand-Prix-Siege und zwei Weltmeistertitel (in der Formel 1) eingefahren. Ohne seinen Unfalltod im Frühjahr 1968 wäre die Latte seiner Erfolge wahrscheinlich am Eigengewicht zerbrochen. Der Sohn eines schottischen Schafzüchters, seit 1967 in Paris stationiert, kam auf dem nordbadischen Hockenheimring, bei Regen und angeblich wegen Reifenschadens, von der Piste ab und fuhr gegen Bäume. Wenn die deutsche Wikipedia mit Bedauern feststellt, es habe keine unmittelbaren Augenzeugen gegeben, „da an dieser Stelle keine Zuschauer standen“, möchte man der Vollständigkeit halber ergänzen, im gegenteiligen Falle hätte es womöglich ebenfalls keine Augenzeugen mehr gegeben.

Einige Jahre später, beim Großen Preis der USA in Watkins Glen, New York, unterlief dem 25jährigen Formel-1-Fahrer Helmut Koinigg (1948–74) aus Österreich ein symbolträchtiges tödliches Mißgeschick. Mit seinem Surtees TS16 gegen die Leitschiene geprallt, lösten sich die Bolzen der unteren beiden Stahlbänder der Leitschiene aus den Halterungen, sodaß der Wagen hindurchschoß, wobei allerdings das noch vorhandene obere Stahlband den Rennfahrer geradewegs köpfte. Damit hatte er ohne Zweifel den Körperteil verloren, den man beim Motorsport am wenigsten benötigt.

Der 23jährige Engländer Tony Brise (1952–75) war zwar ebenfalls schon einige Formel-1-Rennen gefahren, doch es erwischte ihn, im Verein mit fünf Teamkameraden, Ende November 1975 in der Luft. Damals kehrte eine von Rennfahreras Graham Hill persönlich geflogene Piper Aztec, die diesem auch gehörte, aus Frankreich zurück. Beim Versuch, in dichtem Nebel auf dem Londoner Flughafen Elstree zu landen, ging sie drei Meilen vorher auf dem Golfplatz von Arkley zu Bruch. Ich nehme an, von dieser anderen Sportart kam niemand zu Schaden, weil die Schläger wegen des Nebels ruhten. Auch Hill hatte sich gerade vom aktiven Wettkampf zurückgezogen, trat aber noch als Rennstalleiter auf. Bei dem Flugzeugabsturz – der auch ihm das Leben kostete – war er genau doppelt so alt wie sein mit Hoffnungen behängtes junges Pferd Brise: 46.

Die Rallye Dakar, seit 1978 Jahr für Jahr durchgeführt, ist grundsätzlich für alle Motorsportarten offen. Die Strecken, durch Wüsten, Flüsse, Ortschaften geführt, sind verschieden lang, derzeit um 9.000 Kilometer. 2012, anläßlich des Motorradunfalls des Argentiniers Boero, siehe unten, räumte Süddeutsche.de ein, diese weltweit bekannte und beliebte, neuerdings in Südamerika ausgetragene Veranstaltung habe schon „so viele umgebracht, daß keiner mehr den genauen Überblick hat.“ Es handle sich schätzungsweise um rund 60 TeilnehmerInnen, ZuschauerInnen und BerichterstatterInnen, somit bei jedem „event“, grob gerechnet, zwei Menschen. Zu diesen Opfern zählte 1986 bereits der Gründer der Veranstaltung, der französische Allround-Rennfahrer Thierry Sabine (1949–86). Witzigerweise kam er, 36 Jahre alt, außer Konkurrenz um. Als er die Rallye-Route mit einigen gewichtigen Begleitern im Hubschrauber abflog, zerschellte dieser bei einem Sandsturm an einer Düne in Mali. Es gab im Ganzen fünf Tote, darunter der 33jährige Popsänger Daniel Balavoine (1952–86), ein Landsmann und Sportfreund des Rallye-Chefs. An beiden Franzosen wird der wohltätige Zug herausgestrichen; so soll der angeblich links gestimmte Musiker Wasserpumpen für die WüstenbewohnerInnen dabeigehabt, Sabine dagegen schon früher ein Krankenhaus in Dakar, Senegal, gestiftet haben. Da waren sie dummerweise an der falschen Stelle abgestürzt.

Der brasilianische Rennfahrer Marco Campos (1976–95) war 19 Jahre alt, als er im Herbst 1995 bei einem „Duell“ auf einer Piste bei Nevers, Frankreich, in die Luft und gegen oder über eine Begrenzungsmauer geschleudert wurde. Er starb anderntags in einem Pariser Krankenhaus. Sein Rennstallchef Adriano Morini meinte: „I trained him myself … He was one oft the best.“*

* The Independent vom 17. Oktober 1995


Clark, Spencer (1987–2006), US-Rennfahrer aus Las Vegas, Nevada. Er teilte mit Campos Besessenheit und Alter. Im Mai 2006 hatte er rund 3.500 Kilometer weiter östlich trainiert, in North Carolina. Auf seinem Heimweg packte den 19jährigen Yankee das Pech, bei Albuquerque in New Mexico mitsamt seines nicht von ihm gesteuerten Trucks und seines aufgebockten Rennwagens von einer Windböe erfaßt zu werden. Auch sein Fahrer, der bullige 28jährige Andrew Phillips, früher Footballspieler, kam dabei auf der Stelle um. Beide Männer waren aus der Kabine geschleudert worden.

Den dänischen Rennfahrer Christian Bakkerud (1984–2011) ereilte der Tod auf der Straße erst nach seiner Abdankung. Der 26jährige Motorsportler, inzwischen Manager bei einer Reederei, verunglückte am frühen Morgen des 10. September 2011 mit seinem silberfarbigem Audi RS6 Quattro auf einer Londoner Stadtautobahn, wobei erfreulicherweise kein anderer Mensch, ja noch nicht einmal ein Pferd zu Schaden kam. Wie es aussieht, hatte er in einem weitläufigem Kreisel eine Abfahrt verpaßt, war stattdessen, mit ungefähr Tempo 125, über eine Begrenzungsmauer geschossen und drei Meter tiefer unweit eines Rad- und Reitweges gelandet, mit dem Dach zuerst. Laut Mail Online kam Bakkerud von einer Geburtstagsfeier. Eine Blutabnahme sei nicht erfolgt. Er starb anderntags im Krankenhaus. Im August 2012 erklärte Westminster Coroner Shirley Radcliff die Angelegenheit zum Unfall. Der blonde „high-performance driver“, so Radcliffs Bezeichnung, hatte seine Renn-Karriere 2010 beendet, wohl wegen zu geringer Erfolge, jedenfalls nicht, um sein Leben zu retten, wie man nun an seinem zertrümmertem „high-performance car“ sah. Die Wagen dieser teils angebeteten, teils gefürchteten Audi-Serie bringen um 500 PS und eine „Spitze“ um 250 km/h. Sie beschleunigen wie der Blitz.

Auch der argentinische Motorradrennfahrer Jorge Martínez Boero (1973–2012) „fiel“ auf Heimaterde – buchstäblich. Der 38jährige stürzte auf der bereits erwähnten Rallye Dakar, die dieses Mal von der argentinischen Küstenstadt Mar del Plata nach Lima ging, wenige Stunden nach dem Start zwischen zwei Ortschaften beim „Sprung“ über eine Bodenwelle. Nach Zählung des Tagesspiegels war er Opfer Nr. 61 des zu diesem Zeitpunkt rund 35 Jahre alten Langstreckenrennens. Nr. 60 sei im Vorjahr ein einheimischer Landarbeiter gewesen. Der 42jährige Marcelo Reales, so andere Blätter, war damals mit seinem zerbeulten Kleinlaster dem Toyota Eduardo Amors in die Quere gekommen. Der argentinische Rennfahrer, 48, und sein Beifahrer blieben unverletzt, dank ihrer gesponserten guten Panzerung. Wie sich versteht, erhoben sich auch nach Boeros Unfall von 2012 wieder mahnende Stimmen, aber der „legendäre“ Ex-Autorennfahrer Hans-Joachim Stuck, inzwischen 61 und „Motorsport-Repräsentant“ der Firma Volkswagen, nahm laut René Hofmann* kein Blatt vor den Mund und winkte ab: „Wenn man zum Kaffeetrinken fährt, kann auch etwas passieren.“ Mit dieser dummdreisten Feststellung liegt er leider nicht falsch, sie lenkt aufs System. Es handelt sich um das Mobilitätssystem des einzigen Märtyrers, der diesen Planeten bevölkert, des Menschen. Hofmann behauptet, wenige Stunden vor seinem Todessturz habe Motorradrennfahrer Boero „getwittert“: Ich werde alles geben. Was uns nicht tötet, macht uns härter. Nach dem Absturz Thierry Sabines wies der Spiegel (4/1986) darauf hin, der Rallygründer habe sich gerne „Jesus“ nennen lassen.

Schließen wir schleunigst mit einem Witz. Er stammt von der Rallye Dakar des Folgejahrs, 2013. Als sich der 25jährige Thomas Bourgin (1987–2013), ein französischer Kollege von Boero, am 10. Januar mit seinem Motorrad zum Start der siebten Etappe begab, kam ihm bei Calama, Chile, ein Polizeifahrzeug entgegen. Sie stießen zusammen. Bourgin starb noch am Unfallort. Vorher hatte es beim selben Rennen schon zwei tote unbeteiligte Fahrgäste und sieben Schwerverletzte in Tacna, Peru, gegeben. Ein Begleitfahrzeug des Teams Race2Revocery hatte zwei Taxis gestreift oder gerammt.

* wie schon oben auf Süddeutsche.de am 2. Januar 2012


Clastres, Pierre (1934–77), Ethnologe >Gabl, Gertrud



Fortsetzung Cle–Cz
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