Montag, 24. August 2015
Lexikon der Unfallopfer Bol–Bz

Boldt, Erich (1933–61), Sprengmeister >Higgins, Richard W.


Bonner, Beth (1952–98), Leichtathletin >Depoorter, Richard


Bontekoe, Cornelius (1647–85), holländischer Mediziner. Als Knabe hatte er noch Dekker geheißen, wie sein Vater Gerrit Jansz. Da jedoch an dessen, je nach Quelle, Lebensmittelgeschäft oder Gastwirtschaft in Alkmaar ein Schild mit einer gefleckten Kuh hing, nannte sich Cornelius später mit Zunamen Bontekoe=Buntekuh. Den Grund der Umbenennung kennt auch Stan Verdult nicht.* Bemüht man die Brechstange, weht einen aus jenem Schild bereits der Duft von Heilkräutern an. Auch sonst erscheint die Umbenennung keineswegs abwegig, wenn man den bunten, ja sogar schillernden Werdegang des jungen Mannes bedenkt, der bald als „Tee-Doktor“ Aufsehen erregte, also zusätzlich auch noch einen Spitznamen angeheftet bekam.

Bontekoe, Anhänger von Descartes und von heute sogenannten „Naturheilverfahren“, hatte sich vor allem auf die Empfehlung damals noch wenig verbreiteter (und entsprechend teurer) Drogen wie Tee, Kaffee, Kakao und Tabak verlegt. Diese Arznei- und Genußmittel waren zu seiner Zeit so umstritten wie Bontekoe selber. Wahrscheinlich praktizierte er nach seinem Medizinstudium in Leiden nicht zufällig an wechselnden Orten. Zwar hatte er aufgrund seiner neuen drogistischen Behandlungen viel Publikumszuspruch, aber auch viel Ärger mit Kollegen oder Apothekern, die fanden, er grabe ihnen und ihren eigenen, angeblich jeweils individuell zugeschnittenen Mixturen sozusagen das Wasser ab. Bontekoe ging zwei Ehen ein, die in Tod der Gattin und Scheidung endeten, und verfaßte mehrere diagnostische Bücher, die ihm fast aus der Hand gerissen wurden. 1681 zunächst in Hamburg niedergelassen, stieg er im folgenden Jahr in die Schar der Leibärzte des in Berlin residierenden brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm auf und wurde dazu Professor in Frankfurt/Oder. Doch schon 1685, mit ungefähr 37 Jahren, nimmt er in Berlin ein jähes Ende – er stürzt auf einer Treppe und stirbt daran. War auch hier zuviel Tee im Spiel?

Bei der von Bontekoe in der Regel empfohlenen Dosierung schwanken die Quellen ebenfalls. Mal soll er seinen Patienten lediglich 50, mal 200 Tassen täglich, wahlweise acht bis zehn „Näpfchen“ pro Stunde (Kemper) verordnet haben. Manche skeptischen, vielleicht auch nur mißgünstigen Zeitgenossen hielten Bontekoe ohnehin eher für einen Agenten der holländischen Ostindienkompanie als für einen Arzt. Kemper behauptet**, wie viele Kartesianer habe Bontekoe scharf zwischen Leib und Seele getrennt und jenen als Maschine mit einem Blutkreislauf aufgefaßt, die im Grunde einfach zu bedienen und zu warten sei. Er habe alle Krankheiten auf den im Alter zunehmenden „Scharbock“ oder „Skorbut“ zurückgeführt, weshalb er auch nur noch ein Heilmittel benötigte – eben zum Beispiel das Schmier- und Treibmittel Tee. Auch Kemper merkt Unlauteres an, wenn er versichert, Bontekoe sei an den Tee-Importen nach Deutschland „beteiligt“ gewesen. Fest steht jedenfalls, daß der Holländer entscheidend dazu beitrug, die oben aufgezählten Genußmittel am Berliner Hof einzuführen. Nach Noack/Splett half seine Verordnung von Tee sogar, das Nierenleiden des Kurfürsten höchstpersönlich „spürbar“ zu mildern.*** Dafür scheiterte Bontekoe selber, wenn nicht am üppigen Teegenuß, an der Tücke des Objekts.

Die einzige mir bekannte Quelle, die die näheren Todesumstände nicht mit der Formel vom „Treppensturz“ übergeht, kam 1892 als schmales Buch in Amsterdam heraus.**** Danach hielt sich Professor Bontekoe am Todestag, von Frankfurt/Oder kommend, besuchsweise in Berlin und im Hause des kurfürstlichen Kunstmalers Jacob Vaillant auf, wo gespeist – und möglicherweise auch viel Tee getrunken wurde. Täuscht mich das Niederländische nicht, wurde Bontekoe in diesem Hause, nachdem er einmal Austreten gegangen war, von einem Diener am Fuße einer Treppe in einer Blutlache gefunden. Er hatte sich einen Schädelbruch zugezogen und konnte nicht mehr gerettet werden. Wahrscheinlich sei er auf der ihm unvertrauten Treppe gestolpert und anschließend so schwer abgestürzt, daß er zu Tode kam.

* 2011 auf seiner Spinoza-Webseite
** Hans-Georg Kemper: Komische Lyrik – lyrische Komik, Tübingen 2009, S. 56
*** Lothar Noack / Jürgen Splett: Bio-Bibliographien. Brandenburgische Gelehrte der Frühen Neuzeit. Berlin-Cölln 1640-1688, Berlin 1997, S. 65–72
**** C. W. Bruinvis: Cornelis Bontekoe, de theedoctor, Verlag Elsevier, 13 Seiten



Bonvicini, Franco (1941–95), italienischer Comiczeichner. „Bonvi“, so später sein Künstler- und Kosename, hatte bereits als Jugendlicher gern gezeichnet, was immer ihm „vor die Flinte kam“. Dann brachte er es im Rahmen seines Wehrdienstes bis zum Oberleutnant in einer Panzertruppe. Gleichwohl blieb er links und pazifistisch gestimmt. Allerdings hatte er inzwischen einen Narren an der Wehrmacht gefressen, wie auch sein bekannter Comic Sturmtruppen bezeugt, der sich über die in Italien kämpfenden Nazitruppen lustig macht. Die ersten Streifen davon erschienen, nach einigen Arbeiten für den Trick- und Werbefilm, 1968 und schlugen gleich ein.

Bonvi wird berühmt, vermutlich auch wohlhabend. In Bologna, wo er sich um 1980 mit seiner Frau Mariangela Villani niederläßt und zeitweise für eine Liste von ehemaligen Kommunisten im Stadtrat sitzt, kennt den oft zerstreut wirkenden, „schrulligen“ Zeichner* und zweifachen Vater jedes Kind. Doch ebenhier wird er mit 54 Jahren Opfer des ganz normalen, unmilitärischen Straßenverkehrs – an dem er sich vorübergehend nicht mit seinem BMW 520 beteiligt. Die Sache kam so. Bonvi war am 9. Dezember 1995 als Gast in einer Fernsehsendung eingeladen (bei der er sich witzigerweise für Unterstützung seines an Krebs erkrankten Kollegen Roberto Raviola alias Magnus stark zu machen gedachte). Als er das Fernsehstudio, wohl schon bei Dunkelheit, nicht auf Anhieb fand, parkte er seine eigene Limousine in der Via Bentini gegenüber einer Bar, um sich nach dem Weg zu erkundigen. Als er wieder aus der Bar trat, wurde er beim Überqueren der Straße von einem aus Ravenna stammenden Citroen Pallas erfaßt und schwer verletzt. Der Satiriker zu Fuß verschied noch in der selben Nacht im Krankenhaus. Kollege Magnus folgte ihm ein Jahr darauf, mit 56.

Vom ersten weiblichen Popstar Argentiniens Gilda (1961–96), die ihre Cumbia-Rythmen trotz dunkler Mähne mit Engelsgesicht und süßer Stimme vorzutragen pflegte, ist zu lesen, sie werde von vielen Fans bis heute „wie eine Heilige“ verehrt und angebetet – wohl auch deshalb, vermute ich, weil sich die populäre Sängerin aus Buenos Aires schon so jung, mit 34 Jahren, auf dem im ganzen Volk beliebten asfaltierten Altar des Fortschritts opfern ließ. Günstigerweise will man in ihrem Unglücksgepäck eine frische Demo-Kasette gefunden haben, auf der sie im Acapella-Gesang versicherte, „no es mi despedida“ – dies sei nicht ihr Abschied ... So lebt sie denn in vielen Dummköpfen weiter. Ihr Schein-Abschied trug sich frühabends am 7. September 1996 zu, als sie auf der Nationalstraße 12 nach Chajarí (nördlich der Hauptstadt) unterwegs war. Ihr Tour-Bus stieß mit einem Lastwagen zusammen, und zu den Todesopfern zählten auch die Mutter und die Tochter Mariel der „charismatischen“ Sängerin sowie drei Musiker und der Busfahrer. Nach dem Ereignis schnellten die Verkaufsziffern von Gildas Platten binnen weniger Tage in Andenhöhe. Das war der Trost für ihr jüngeres Kind, das Söhnchen Fabricio, das zu Hause geblieben war.

Der 45 Jahre alte US-Rockgitarrist Randy California (1951–97) aus Los Angeles, früher streckenweise Mitstreiter von Jimi Hendrix, begann das Neue Jahr 1997 (am 2. Januar) gemeinsam mit seinem 12jährigen Sohn Quinn mit einem Bad im Pazifik vor der Insel Molokai, Hawaii, wo Californias Mutter Bernice Pearl lebte. Dabei gerieten die beiden in eine tückische Gezeitenströmung. Während es California, der überall als ausgesprochen liebenswürdig beschrieben wird, noch gelungen sein soll, seinen Sohn aus der Gefahrenzone zu „schieben“, sei er selber aufs offene Meer hinausgezogen worden, hieß es in den Presseberichten. Quinn überlebte; Californias Leiche wurde nie gefunden. Augenzeugen gab es offenbar nicht.

Der nicht-avantgardistisch gestimmte, zumindest früher wohl auch linientreue weißrussische Komponist und Lehrer am Minsker Konservatorium Uladsimir Soltan (1953–97), nach dem Erfolg seiner Oper König Stachs wilde Jagd mit dem „Staatspreis“ seines Landes geehrt (1990), soll einige Jahre darauf, mit 44, bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen sein.

* Martelli Giancarlo am 11. Dezember 1995 im Corriere della Sera, S. 13


Borsig, Arnold (1867–97). Der junge studierte Fachmann für Bergbau und Hüttenwesen kannte keine Angst vor Erwerbslosigkeit, weil er eine von seinem Großvater August gegründete Berliner Lokomotiv- und Maschinenfabrik, die auch Hütten- und Grubenbetriebe umfaßte, in seinem Rücken beziehungsweise unter sich wußte. Er übernahm die Leitung der Borsig-Werke, gemeinsam mit seinen Brüdern Ernst und Conrad, im Jahr 1894. Zudem fürchtete Borsig keine Grubenunglücke. 1897, noch keine 30, wird er, wohl bei einer Besichtigung, nebst fünf anderen Personen das Opfer einer Gasexplosion in der oberschlesischen Hedwigswunschgrube nahe Gleiwitz, heute Gliwice. Die in dieser Gegend benötigten, mit Hilfe einiger Tausend ausländischer ZwangsarbeiterInnen gefertigten „Kriegslokomotiven“ oder andere Zurüstungen lieferte sein Unternehmen ein paar Jahrzehnte später. Am 10. Dezember 1940, gegen Mittag, konnte man in den Berliner Borsig-Werken, so lärmend wie es dort auch sonst zuging, sogar exklusiv einer Rede des damaligen deutschen Reichskanzlers lauschen. Laut Spiegel war er dabei von Scheinwerfern, Rundfunkmikrofonen und „Geschützrohren“ umgeben.*

Männer wie Borsig oder der weiter oben behandelte Tunnelbauer Favre waren vom Kaliber des peruanischen Kautschukbarons Carlos Fermín Fitzcarrald (1862–97), den Cineasten aus Werner Herzogs Spielfilm Fitzcarraldo von 1982 kennen, wo ihn Klaus Kinski spielt. Fitzcarrald verstand es, Tausende von Indios, als Zapfer an den Gummibäumen, in seine Schuldknechtschaft zu bringen und ganze indianische Stämme gegeneinander aufzuwiegeln, so daß er trotz seines Größenwahnsinns steinreich wurde. Doch er war erst 35, als sein Schiff Adolfito im Sommer 1897 in Stromschnellen des Urubambas (in Südperu am Ostfuß der Anden) auf einen Felsen lief und kenterte. Es hatte Schienen für eine von Fitzcarrald geplante Bahnstrecke geladen. Zwei Tage später zog man Fitzcarralds Leiche aus dem Fluß – die Schienen womöglich nie.

* 1. Juni 2010


Boß, Gottlieb (1857–83), Maler >Ginsberg, Adolf


Both, Andries (1612/13–42), Maler >Boulogne,
Valentin de


Both, Pieter (1568–1615), niederländischer Admiral und Unterwerfer ferner Landstriche. Both war erstmals 1599 zu den Ostindischen Inseln gesegelt und ebendort von seinen Rohstoff und Gewürz liebenden Auftraggebern gut 10 Jahre darauf in den Mastkorb oder Sattel eines „Generalgouverneurs“ gehievt worden. Auf Java, bei der späteren indonesischen Hauptstadt Batavia (Djakarta), ließ Both eine Festung errichten, sodann streckte er seine mit Krallen bewehrten Fühler nach diversen Sultanaten aus und bekämpfte die Spanier oder Portugiesen, die sich insbesondere auf den sagenhaften, nach Muskat und Gewürznelken duftenden Inseln der Molukken festzusetzen suchten. Gegen Ende 1614 zog er jedoch im internen Karrierekampf den Kürzeren: man berief ihn, von Amsterdam aus, zugunsten des Kaufmanns und Reeders Gerard Reynst ab, worauf er sich auf einer Flotte von vier Seglern wieder Richtung Heimat ausschiffte.

Both sollte die Heimat nicht wiedersehen. An ihrem Ankerplatz vor Mauritius (bei Ostafrika) wurden drei Schiffe der Flotte, auf denen sich auch der ungefähr 46 Jahre alte Ex-Gouverneur befand, Anfang März 1615 von einem Sturm zerstört. Zwar habe Both noch Land erreicht, heißt es*, doch aufgrund seiner Erschöpfung habe er dort sein Leben ausgehaucht. Daraufhin, oder später, war man auf Mauritius so nett, den zweithöchsten, eindrucksvoll geformten Berg der Insel nach Both zu benennen, den Pieter Both also.**

Es ist wieder einmal bezeichnend, daß in den Internetquellen kaum ein Wörtchen über die Seeleute verloren wird, die Boths Schicksal teilten. Wahrscheinlich kam ein Großteil der Flottenbesatzung um. Man wäre niemals auf die Idee gekommen, auch nur einen Maulwurfshügel nach dieser beträchtlichen Menge zu benennen, falls Mauritius Maulwurfshügel zu bieten hat. Damit möchte ich nicht behauptet haben, diese Seeleute hätten ihren Kapitän in charakterlicher Hinsicht um jene acht Meter Vorsprung überragt, die Weihönig dem 828 Meter hohen Piton de la Petite Rivière Noire bescheinigt. Man erfährt auch nicht, wie es Boths vermutlich mitreisender Gattin Sophia van Duverden van Voort und den gemeinsamen Kindern des Paares erging, ursprünglich vier oder fünf.*** Möglicherweise gibt hier Peter Rietbergens Studie De eerste landvoogd Pieter Both (Zutphen 1987) genauere Auskunft. Ein weniger zartbesaiteter Historiker (als ich) könnte freilich auch argumentieren: Was soll die Anteilnahme für des Unterwerfers Brut, die erfahrungsgemäß zu mindestens 50 Prozent in dessen Fußstapfen getreten wäre, wenn nicht sogar trat?

* in der niederländischen Wikipedia
** Heribert Weihönig 2014
*** VOC-Seite 2015



Bottero, Severino (1957–2006), Skiläufer >Fehér, Miklós


Boucher, Hélène (1908–34), Pilotin >Quimby, Harriet


Boulogne, Valentin de (1590/91–1632). Der Sohn eines französischen Malers ging um 1613 nach Rom und verlegte sich, an seinen Zeitgenossen Caravaggio und Manfredi orientiert, auf Genreszenen, die vorwiegend Musikanten, Glücksspieler, WahrsagerInnen und anderes zechendes Volk zeigen, das einander über den Tisch zieht. Boulogne soll auch selber oft betrunken, zuweilen außerdem, als Hehler, in Diebstähle verwickelt gewesen sein. Passend meldet die englische Wikipedia, sein frühes Ende im Sommer 1632 mit wohl 41 Jahren sei wahrscheinlich einem Bad im Brunnen nach einer durchsoffenen und durchqualmten Nacht zu verdanken. Nicht, daß er ertrunken wäre; vielmehr habe sich der begabte Künstler bei diesem Erfrischungsversuch eine tödliche Erkältung oder Lungenentzündung zugezogen. Belege dafür nennt das Internet-Lexikon nicht. Vielleicht schüfe ein Blick in eine italienischsprachige Monografie Klarheit.*

Über die literarischen Leistungen des französischen Schriftstellers und Hauptmanns der Artillerie Philippe Habert (1604?–37) ist so gut wie nichts zu erfahren. Den Nachschlagewerken genügt es zumeist, auf Haberts Sitz in der geheiligten Akademie zu verweisen, Nr. 11. Für Antimilitaristen halten sie noch den Leckerbissen von Haberts Ende bereit: gerade einmal Anfang 30 (die Angaben schwanken), wurde er, abseits allen Schlachtgetümmels, im Sommer 1637 unter Gebäudetrümmern begraben, als im (belgischen) Hennegau ein Munitionsdepot in die Luft flog. Vermutlich fielen bei dieser Explosion eines Tempels des Todes auch noch ein paar „einfache“ Leichen an, aber die saßen nicht in der Akademie. Der kursiv gesetzte Titel gehört zu einem hier und dort gepriesenen Gedicht, das der junge Kriegshandwerker einst ahnungsvoll verfaßt hatte. Ein ähnlich heftiges und jähes Ende wird uns beim niederländischen Maler Carel Fabritius wiederbegegnen, der knapp 20 Jahre später umkam.

„Dann gedachte ich des André Duchesne [1584–1640], des Vaters der französischen Geschichtsschreibung. Die Not vertrieb ihn aus Paris, und auf seinem Gütchen in der Champagne, wohin er sich flüchten mußte, starb er schließlich an einem Sturz von einem hochbeladenen Heuwagen.“ Das ist natürlich eine packende Geschichte, die so manchem gar noch die Tränen des Mitleids in die Augen treiben könnte. Sie war rund 150 Jahre nach dem schrecklichen Ereignis bei Nicolas Chamfort zu lesen.** Ob sie allerdings der Wahrheit näher kam als etwa der Kardinal Richelieu einem an der Forke schwitzenden Bauernknecht, darf nach meinen Einblicken in leider überwiegend französischsprachige Quellen doch stark bezweifelt werden. Der Kardinal hatte den Geografen und Historiker in den königlichen Dienst gehievt. Welche Not Duchesne da gebeutelt haben soll, ist mir schleierhaft.

Freilich sind mir, wegen der Sprachlage, auch die Einzelheiten des schweren Straßenverkehrsunfalls, der ihn im Frühsommer 1640 am südlichen Stadtrand von Paris ereilte, etwas undurchsichtig geblieben. Wie es aussieht, ging der wahrscheinlich 56 Jahre alte und eher beleibte als abgemagerte Geistesarbeiter tatsächlich zu Fuß, wobei er auch noch eine Handkarre geschoben haben könnte. In meiner Phantasie war diese bestenfalls mit schmutziger Wäsche beladen, die Duchesne seiner Gattin beziehungsweise deren Mägden zu verehren gedachte, die im „Gütchen“ auf ihn warteten. Dafür plante er sein Wägelchen dann für den Rückweg mit einem Berg von Schinken und einem Weinfäßchen zu füllen, die ihm das Quellenstudium und Bücherschreiben in seiner Stadtwohnung erleichtern würden. Duchesnes „Gütchen“ lag im Städtchen Verrières, damit rund 15 Kilometer südwestlich der Pariser Innenstadt. Doch am verhängnisvollen Maitag kam Duchesne, bei Bourg-la-Reine, unter einen weiteren, ihm auch weit überlegenen Wagen. Ob eine Heufuhre und welche Fahrtrichtungen im Spiel waren, könnte ich nicht sagen. Jedenfalls wird der Fuhrmann (wurde er je belangt?) als tollkühn oder rücksichtslos geschildert. Der „Vater der französischen Geschichtsschreibung“ stürzte und wurde wohl auch noch von einem Hinterrad des feindlichen Fuhrwerkes zermalmt. Laut französischer Wikipedia*** erlag er bereits auf dem Krankentransport „nach Hause“ den inneren Blutungen, die er sich durch diesen schamlosen Angriff des Dritten oder Vierten Standes zugezogen hatte.

Der niederländische Maler Andries Both (1612/13–42) endete, mit ungefähr 30 Jahren, nicht in einem römischen Brunnen, obwohl er sich im Verein mit seinem Bruder Jan mehrere Jahre im Mekka der Kunstseligen aufgehalten hatte. Als sie im März 1642 auf der Heimreise in Venedig Station machten, nahmen sie eines Abends an einer „Gesellschaft“ teil, wie von Wilhelm Schmidt zu erfahren ist.**** Auf dem nächtlichen Heimweg von diesem Vergnügen sei Andries „unversehens“ in einen Canal gefallen und ertrunken, „bevor man ihm zu Hülfe kommen konnte.“ Sein Bruder Jan, um 1620 geboren und somit deutlich jünger, landete zwar unversehrt wieder in seiner Heimatstadt Utrecht und machte durch wirkungsvoll „italienisierte“ Landschaften auf sich aufmerksam, doch soll er bereits 1652 ebenfalls das Zeitliche gesegnet haben, wahrscheinlich durch Krankheit. Er wurde demnach nicht nennenswert älter.

Der Kreis schließt sich mit dem aus der Toscana stammenden Maler Pietro Testa (1611?–50), der vor allem mit grafischen Arbeiten (Zeichnungen und Radierungen) zu religiösen/mythologischen Themen glänzte. Bei aller zeitüblichen Theatralik spricht aus diesen Arbeiten doch eine ungeschönte Bitterkeit, die möglicherweise beiläufig auf das vorzeitige Ende ihres Schöpfers vorausweist. Testa hatte sich bereits als Jüngling, zum Zwecke seiner Ausbildung, nach Rom begeben, wo er sich unter anderem mit Pier Francesco Mola und Nicolas Poussin anfreundete. Ebendort soll er, mit knapp 40 Jahren, im Tiber ertrunken sein. Warum, ist umstritten. Während sich die frühen Biografen beeilten, von einem bedauerlichen Unfall zu sprechen, um nicht an Testas Seelenheil und dem christlichen Begräbnis zu rütteln, das ihm der katholische Klerus bewilligt hatte, neigt Ann Sutherland Harris***** zu der Annahme, er habe sich umgebracht. Sie führt zum einen jüngste Enttäuschungen in Testas Karriere ins Feld. So wurde ein lukrativer Auftrag, die Apsis der Kirche San Martino auszumalen, nach einigem Hin und Her zurückgezogen. Dafür waren Testas Fresken in der Kapelle St. Lambert in Santa Maria dell'Anima, wenn nicht bereits beseitigt, so doch von Zerstörung bedroht. Nebenbei lag im zweiten Fall der liebe Kollege Jan Miel auf der Lauer, weil doch auch er sehr hübsche Fresken zu malen verstand. Zum anderen verweist die US-Kunsthistorikerin von der University of Pittsburgh, Pennsylvania, auf unheilschwangere Züge in Testas letzten Arbeiten. Neben „vielen pessimistischen Bemerkungen“ in Testas nachgelassenen Schriften sei hier an seine Radierung Il suicidio di Catone von 1648 und seine unabgeschlossene Arbeit am Sujet Selbstmord der Dido zu erinnern.

Übrigens ist Testas nahezu nackter, mit dem Dolch im Bauche rücklings aufs Bett gelagerte Recke Cato von einer Schar ausgesprochen hämisch wirkender Überlebender umgeben, die meinen Satz von der „ungeschönten Bitterkeit“ mitgeboren hat. Man wäre nicht erstaunt, wenn der Dolch nicht von Cato, vielmehr, zum Beispiel, von Jan Miel geführt worden wäre. An Mord verschwendet Sutherland allerdings keinen Gedanken. Sie vertraut Testas Zeitgenossen und Kollegen Passeri, demzufolge „Pietro was found drowned in the Tiber in the early spring of 1650, near the church of Santi Romualdo e Leonardo de' Camaldolesi“. Na und? Das ist schon als Beschreibung des Leichenfundes höchst ungenau und besagt darüber hinaus noch gar nichts über den Ort des Todes und nur wenig über die Umstände des (angeblichen) Ertrinkens dieses begabten Künstlers. Hier bietet sich das Projekt eines x-ten Historischen Romanes an – greifen Sie zu.

* Marina Mojana: Valentin de Boulogne, Mailand 1989
** Maximen, Ausgabe Ein Wald voller Diebe, Nördlingen 1987, Seite 121
*** die sich ihrerseits auf den um 1645 erschienenen Artikel „Sur la mort d'André Du Chesne“ von Charles Samaran stützt, siehe etwa Persee 137/1979
**** Allgemeine Deutsche Biographie, Band 3 (1876)
***** „Notes on the Chronology and Death of Pietro Testa“, in: Paragone Nr. 213, Mailand November 1967, S. 35–70



Bourgin, Thomas (1986–2013), Motorradrennfahrer >Clark, Spencer


Bowen, Bob (1965–2010), Jazzmusiker >Sivertsen, Kenneth


Bowers, Henry R. (1883–1912), britischer Südpolzweiter >DeLong, George W.


Boxberger, Jacky (1949–2001), französischer Langläufer. Als solcher war Boxberger, um 1980, durchaus erfolgreich gewesen, doch als er mit 52 Jahren in Ostafrika (genauer im Tsavo-East-Nationalpark, Kenia) den Elefanten traf, nützten ihm auch seine mehrfachen nationalen Meistertitel über 10.000 Meter oder im 25-km-Straßenlauf nichts. Er hatte sich in Begleitung von Frau, Tochter und Videokamera nach einem Picknick – wohl entgegen der üblichen Unterweisung – von seiner Reisegruppe entfernt. Plötzlich entdeckte er das mächtige Tier und machte sich daran, es zu filmen. Es soll ebenfalls allein, also abseits der Herde gewesen sein. Es griff den Franzosen an, packte ihn mit dem Rüssel, schmetterte ihn mehrmals gegen einen Baum und zertrat ihn anschließend – dies alles vor den Augen der beiden Frauen, die den Zwischenfall immerhin, rein körperlich betrachtet, unbeschadet überstanden.*

* Laut Meldung der L’Humanité vom 13. August 2001. In der französischen Wikipedia ist die Tochter ein Sohn: Jerémy. Tatsächlich scheint es einen (1987 geborenen) Läufer namens Jeremy Boxberger zu geben.


Brain, Dennis (1921–57), Musiker >Pollock, Jackson


Brammer, Philipp (1969–2014), Schauspieler & Bergsteiger >Reifenberg, Ernst Robert


Brancheau, Dawn (1969–2010), US-Tiertrainerin, insbesondere von Meerestieren. Schwertwale zum Beispiel sind die größte Art der Delphine, um acht Meter Länge. Ihren Beinamen „Killer- oder Mörderwal“ verdanken die schwarzweiß gefärbten Säuger ihren wenig zimperlichen Jagdmethoden. Sie ernähren sich hauptsächlich von Fischen und Robben. Welchen Beinamen sie umgekehrt den Menschen, insbesondere den nordamerikanischen Marinesoldaten, verliehen haben, ist bislang noch nicht erforscht. Normalerweise greifen die Schwertwale, auch Orcas genannt, Menschen so gut wie nie an. Dagegen häufen sich solche Angriffe, seit sich die Meereszoos häufen. Unsereins fühlte sich möglicherweise in solchen kommerziell betriebenen Aquarien, wo einem Sprünge nach dem Futter und andere „Kunststücke“ abverlangt werden, auch nicht sonderlich wohl, und die Delphine sollen alles andere als Dummköpfe sein. So wurde die 40jährige erfahrene „Tiertrainerin“ Brancheau am 24. Februar 2010 bei einer Show im SeaWorld-Meereszoo in Orlando, Florida, durchaus geschickt vom über fünf Tonnen schweren Orca-Männchen Tilikum am Arm gepackt, dann vom Beckenrand gewaltsam ins Wasser gezogen und ertränkt. Da war die Bestürzung groß. Ende 2013 brach ein ehemaliger Kollege des Opfers, der 47 Jahre alte John Jett, im Spiegel eine Lanze für die gefangenen Meerestiere.* Jett erwähnt nebenbei, daß die Schwertwale von den Zoobetreibern systematisch mit Medikamenten zugedröhnt werden – gerade wie es das US-Kriegsministerium mit seinen Marinesoldaten hält.

US-Dompteur Alexander Crispin (2013) hatte es mehr mit vierbeinigen Landbewohnern, am liebsten mit Tigern. Anfang Februar 2013 mit dem Zirkus Suarez in der Kleinstadt Etchojoa des mexikanischen Bundesstaates Sonora zu Gast, wurde der 35jährige während seines Auftritts von einem Bengal-Tiger angegriffen, zu Boden gerissen und dann vor allem am Hals schwer verletzt. Es gelang, ihn zu befreien und ins Hospital von Huatabampo zu schaffen, wo er allerdings kurz darauf starb. Einige Zuschauer flüchteten vor Entsetzen aus dem Zelt. Andere rissen geistesgegenwärtig ihre Videokamera ans Auge. Die Filme können im Internet genossen werden.

Da es in Deutschland vergleichsweise wenig Gelegenheiten gibt, beim Wandern oder Schwimmen von einer giftigen Schlange gebissen zu werden, entschloß sich Dieter Zorn (2013) um 1980 zu einer Laufbahn als Schlangenbändiger, weil er die Tiere auf diese Weise immer um sich haben würde. Er zog mit einer Reptilien-Show, die auch Pythons, Skorpione, Vogelspinnen und Echsen umfaßte, durch Europa und überstand rund drei Jahrzehnte unbeschadet. Im Juni 2013, als ihn endlich die eigene Aspisviper nicht mehr verschmähte, war er schon 53 Jahre alt, trug einen fuchsroten Rauschebart zur Glatze und gastierte gerade im südfranzösischen Dorf Faugères. Die Viper biß ihn mehrmals, ehe es ihm gelang, sie wieder in ihr Vivarium zu verfrachten. Zwar nahmen sich sofort Sanitäter seiner an, aber auch deren Blutgerinnungsmittel richtete hier nichts aus: Zorn erlitt noch am Unglücksort einen Herzstillstand. Die Presse wies anderntags genüßlich auf Zorns erklärtes Firmenleitmotiv hin, dem Publikum die Angst vor Schlangen zu nehmen.

Sollte mein Einleitungssatz zu diesem Eintrag etwas polemisch geraten sein, dann deshalb, weil sich im gesamten Internet nicht eine Angabe zu Zorns Herkunft und frühem Werdegang findet. Das schließt auch seine Webseite ein, die er, gerade wie die Show, gemeinsam mit seiner Partnerin Uschi Kallus betrieb. Diese Seite trägt den Vermerk © 2013 und steht nach wie vor im Netz.** Auch von Zorns Ableben ist auf ihr soviel wie über seine Geburt und seine Ausbildung zu erfahren: nichts. Einigen Quellen zufolge hatte Kallus damals zur Ehrenrettung der Schlangen behauptet, bei dem Herzversagen sei eine „seltene Allergie“ im Spiel gewesen. Das mußte sie wohl auch sagen, sonst hätten die Sanitäter sie auf das anleitungsreiche Kapitel von Zorns Webseite „Von einer Viper gebissen? Was nun?“ gestupst.

* Nr. 45/2013 vom 4. November 2013
** reptiles-show.eu, abgerufen August 2015



Brandenstein, Manuela (1957–2004), Schauspielerin >Marchi, Otto


Brandorff, Walter (1943–96), österreichischer „Fantasy“-Autor, vornehmlich Horror. Die Webseite seines Verlages preist „ein Werk voller Gräßlichkeiten und Boshaftigkeiten, schnörkelloser Humor vom Feinsten“. Trifft das zu, hatte Brandorff natürlich völlig recht, wenn er sich weigerte, im Bett zu sterben. Er verbrannte in der Nähe seines Wohnhauses in einem Hubschrauber.

Robert N. Bloch zufolge* liegt das Haus abgeschieden an einem Hang bei Wolfsberg in Kärnten – der kleinen Stadt, in der Brandorff, Sohn eines Vermessungsingenieurs, auch aufwuchs. Seine Mutter war wenige Tage nach der Geburt gestorben. Der Halbwaise besucht eine heimische, zuchtvolle Klosterschule und studiert Jura. Zwar geht er nebenbei den unterschiedlichsten, möglicherweise eindrucksstarken Hilfsarbeiten nach, doch am Ende steht, teils in der Landeshauptstadt Klagenfurt, eine Bilderbuchkarriere des „Doktors“ als Gerichts- und Finanzbeamter. 1980 hat er es bereits zum Leiter des Wolfsberger Finanzamtes gebracht. 1991 ernennt ihn der Bundespräsident zum Wirklichen Hofrat. In das alte, jedoch instandgesetzte Bauernhaus am Hang zieht Brandorff mit Frau und Sohn 1993. Zwischenzeitlich überwindet er eine lebensbedrohliche Krebserkrankung – nüchtern wie er war, hatte sich der (heimliche) Horror-Schriftsteller bereits von seinen Kollegen im Amt und der Welt überhaupt verabschiedet, aber er wurde geheilt. 1995 ließ er sich pensionieren. Allerdings war er noch, neben dem Schreiben, „im Vorstand einer Privatstiftung“ tätig, so Blochs Bezeichnung. Dabei seien öfter „Inspektionsflüge“ angefallen, und so auch am 8. August 1996, als sich bei Wolfsberg, kurz nach dem Start, wegen Nebels der angedeutete Hubschrauberabsturz ereignet habe. Die Presse habe ausführlich über den spektakulären Unfall berichtet. „Man sieht Fotos der Verunglückten. Nur einer fehlt: Walter Brandorff. Noch im Tod bleibt er unnahbar.“

Soweit Bloch, soweit es den Unfall betrifft. Die Anzahl der Verunglückten nennt er nicht. Aber die Sache mit den Fotos stimmt. Jedenfalls trifft es auf die vielgelesene österreichische Kronen Zeitung zu, die mir freundlicherweise zwei Artikel geschickt hat, die am 9. und 10. August 1996 erschienen. Nach dieser Darstellung herrschte am Unglückstag im Bezirk Wolfsberg in der Tat dichter Nebel, überdies starker Regen. Um seine fünf Fahrgäste, eine Abordnung der in St. Andrä ansässigen Firma Kostmann, plangemäß ins östliche Ungarn zu befördern, riskierte der Pilot des Hubschraubers offenbar einen Blindflug, geriet dabei schon im engen Lavanttal zu tief, schlug unweit der Südautobahn, der Stadt Wolfsberg und deren großer Nachbargemeinde St. Andrä eine 100 Meter lange Schneise in den Wald und endete in einer „Flammenhölle“, wie das Blatt schreibt. Von den im Ganzen sechs Insassen starben fünf, darunter der Pilot der Klagenfurter Firma Goldeck-Flug, die mit der Firma Kostmann verbandelt sei. Der Pilot habe als erfahren gegolten. Die Abordnung bestand aus Spitzenmanagern und Geschäftsfreunden des Bau-, Rohstoff- und Transportunternehmens Kostmann, das nach meinen Recherchen rund 180 MitarbeiterInnen und Niederlassungen bis nach Rumänien hat. Der mißglückte Flug nach Ungarn galt, laut Kronen Zeitung, einem „firmeneigenen Schotterwerk“. Ja, um Schotter scheint es in der Tat nicht unwesentlich zu gehen, wird doch der mitverstorbene, 53 Jahre alte Dr. Brandorff als „Finanzberater“ der Firma Kostmann bezeichnet.

Ich lasse dahingestellt, wem oder welchen Beweggründen wir Blochs „objektiv“ schonende Darstellung der Unglücksumstände zu verdanken haben. Immerhin scheint sie dem Wesen seines Gegenstandes adäquat, wenn wir nun wieder Bloch folgen. Danach muß der Finanzbeamte und Schriftsteller aller Welt gegenüber, Frau und Sohn eingeschlossen, ein wahres Buch mit sieben Siegeln gewesen sein. Seine Frau A., laut Bloch eine Malerin, versichere allerdings, sie habe die Wortkargheit und Verschlossenheit ihres Mannes nie gestört. Sie nennt ihre Ehe mit Brandorff „glücklich“. Von seinem Schreiben weiß sie angeblich nichts. Sogar Fotos sind kaum vorhanden – was Wunder, wenn selbst die Kronen Zeitung in dieser Hinsicht ins Leere griff ... Einmal sieht man Brandorff unscharf als Urlauber an einem Biertisch: mit Kinnbart, wohlgescheitelt, goldrandige Sonnenbrille, Zigarette rauchend – ein Spießbürger wie all die anderen Wolfsberger SpießbürgerInnen, deren Geheimnisse ihm freilich als Finanzamtsvorsteher bestens bekannt waren, wie sogar Bloch anmerkt. Ein erheblicher Unterschied, auf den ich vielleicht noch kurz zurückkommen sollte.

Bloch schätzt Brandorff als mißtrauischen Zeitgenossen ein, der sich selbst – und seine ihn bedrückenden bitteren Erfahrungen oder Alpträume – lieber in literarischem Gewande einer anonymen Leserschaft vorstellte, als sich handfester Nähe und Geselligkeit auszusetzen. Kommerzielle Interessen habe er dabei nicht verfolgt. Wahrscheinlich sei er noch nicht einmal auf „Publicity“ und Nachruhm ausgewesen. Das würde ihn denn von Berufskollegen wie Stephen King unterscheiden. Aber in sonstiger moralischer Hinsicht dürften ihn keineswegs Welten von dem Großverdiener und Zyniker aus den USA getrennt haben. Oder von unseren Ministern, die ihre Entlassungsurkunden regelmäßig noch am selben Tage in die Stechuhren von Unternehmen der Privatwirtschaft stecken, mit denen sie sowieso schon seit Jahren zu tun hatten, in ihrem Öffentlichen Amt.

Meinen flüchtigen Eindruck vom Schauspieler und Schriftsteller Clemens Eich (1954–98) habe ich bereits vor einigen Jahren, unter E, in diesem ABC gegeben. Da er seine Texte, im Gegensatz zu seinen Eltern Ilse Aichinger/Günter Eich, stets in eine Düsternis hüllte, die für Komik, Selbstironie oder sonst eine Frechheit nicht den geringsten Durchschlupf bot, ist es vielleicht nur konsequent, wenn auch Clemens Eichs Ende bis heute ziemlich im Dunklen liegt. Es beläuft sich in den mir erreichbaren Quellen auf die Formel, der 43jährige sei im Februar 1998, nach mehrtägigem Koma, den Folgen eines Sturzes auf einer Treppe der Wiener U-Bahn erlegen. Tageszeit und sonstige Umstände dieses Sturzes werden so wenig genannt wie die körperliche und seelische Verfassung des Gestürzten. Von jener Düsternis her läßt sich nur ganz allgemein vermuten, der Sohn so prominenter Eltern sei von der Verfehltheit der Welt inclusive der eigenen Existenz geradezu durchdrungen gewesen. Seine Veröffentlichungen waren teils beweihräuchert, teils verhöhnt worden. Mehrere Quellen gestatteten sich angesichts der Unfallmeldung den zaunpfahldicken Wink auf zahlreiche Passagen in Eichs 1995 erschienenen Roman Das steinerne Meer, die vom Tod und von Todeserwartung sprechen. Sogar ein tödlicher Sturz (offenbar im Gebirge) werde eindringlich beschrieben: „Plötzlich ist der Ton weg. Nur noch ein Nachhallen. Nichts. Wie ein Sack, der in die Tiefe fällt. Der Aufprall. Ein Klatschen. Ein Zerschellen.“

Erstaunlicherweise widerfuhr dem Literaturwissenschaftler und Journalisten Richard Reichensperger (1961–2004) sechs Jahre später ein sehr ähnliches Schicksal wie Eich. Auch Reichensperger, seit Jahren als „Sekretär“, nämlich als Vertrauter und Berater Ilse Aichingers bekannt, starb mit 43, starb in Wien – und starb „an den Folgen eines Sturzes“. Bloß die Treppe fehlt in den Meldungen. Die Welt spricht von einer „Kopfverletzung“ des schmalen wuschelköpfigen Mannes, der sich, Elfriede Jelinek zufolge, stets flink, doch mit Anmut zu bewegen verstand. In Jelineks Nachruf heißt es zu dem Unfall (falls es einer war) diplomatisch und nichtssagend, Reichensperger sei „fast genauso gestorben“ wie Eich. Selbstverständlich kannten sich die beiden Männer – eine andere Frage ist, welche Gefühle sie einander entgegenbrachten. Darauf geht Jelinek nicht ein. Gerfried Sperl vom Wiener Standard, für den Reichensperger regelmäßig geschrieben hatte, unterstreicht, wie Jelinek, die Hilfsbereitschaft des Verstorbenen auch nicht-prominenten Menschen gegenüber, wobei Reichensperger günstigerweise nicht nur ein glänzender Schreiber, sondern auch ein „Börsenspezialist“ gewesen sei**, der offenbar öfter Treffer erzielen konnte. Es mag natürlich sein, daß er manchmal oder einmal auch schieflag und sich in großer Bedrängnis sah, etwa wegen akuter Verschuldung oder weil er sich ohnehin schon an ihm anvertrauten Geldern vergriffen hatte. Aber das ist reine Spekulation, wie ich betonen möchte. Als ErfinderIn eines Kriminalromans täte ich gleich noch zwei Morde dazu.

* „Walter Brandorff – ein bitterer Erzähler des Grauens“, Beitrag im ARCANA. Magazin für klassische und moderne Phantastik, Nr. 1 (2002)
** derStandard.at 29. April 2004



Brattia, Guntram (1966–2014), Schauspieler >Caliandro, Cosimo


Brauchle, Georg (1915–68), Politiker >Krahl, Hans-Jürgen


Braune, Rudolf (1907–32), Schriftsteller >Kjeldahl, Johan


Brawand, Samuel (34), schweizer Bergbauer & Bergführer, am 20. August 1902 während eines Gewitters auf dem Gipfel des Wetterhorns (rund 3.700 m) tödlich vom Blitz getroffen. Sein vierjähriger Sohn war erfreulicherweise noch nicht dabei. Dafür kamen, neben Brawand, dessen Berufskollege Fritz Bohren (31) und beider Schützlinge Robert (31) und Henry Fearon (29) aus Irland um.* Der schreckliche Vorfall trug allerdings nicht zur Erleuchtung von Brawand jun. bei, der ebenfalls Samuel hieß. Junior wurde zunächst Bergführer wie Papa und heftete sich einige alpenländische „Erstbesteigungen“ an den Filzhut. Dann stieg er, als Sozialdemokrat, zum National- und Regierungsrat auf. Er starb erst 2001 mit 103 in Grindelwald.

Damit möchte ich eingeräumt haben: nicht jeder Bergsteiger stirbt zu früh. Er nimmt ein solches Schicksal jedoch inkauf – damit auch die Lasten, die er seinen sogenannten Lieben sowie dem Gesundheits- und Rettungswesen diverser Länder aufbürdet. Der Österreicher Toni Egger (1926–59) war 1957 bei der Erstbesteigung des „Sechstausenders“ Jirishanca in den peruanischen Anden dabei. Zwei Jahre darauf, mit 32, „bezwang“ er (angeblich) den weiter südlich gelegenen spitzen Granitberg Cerro Torre in Patagonien, der zwar nur halb so hoch ist, jedoch in Fachkreisen als ausgesprochen harte Nuß gilt. Diese „Leistung“ wird bis heute angezweifelt, da sie niemand beweisen kann. Eggers damaliger Mitstreiter Cesare Maestri behauptet, neben Egger selbst habe die Eislawine, die beim Abstieg vom Gipfel ein Seil durchtrennte, auch die Fotokamera mit der Beweisaufnahme mit in die Tiefe gerissen. Heute hätte man, auf Handyzuruf, einfach einen Hubschrauber mit einer Zeugenkommission an Bord zum Gipfeltermin bestellt, dann wäre das nicht passiert. Die Fachwelt zeigte sich freilich großzügig, indem sie einen benachbarten, ebenfalls schwierigen Gipfel Torre Egger taufte. Im Übrigen läßt sie bis zum heutigen Tage nicht locker, dem Zeigefinger Gottes und dem Fingerreiben des einen oder anderen „Sponsors“ zu folgen, der sicherlich auch die erforderlichen Handys, Hubschrauber und Grabsteine bereithält.**

Die moderne Frau hält mit. 1954 stellte die französische Modezeichnerin Claude Kogan (1919–59) am Cho Oyu (im Himalaya) mit 7.600 Metern einen Höhenweltrekord für Frauen auf. Fünf Jahre später, wohl mit 40, kam sie im selben Gebirge unter eine riesige Lawine, die außerdem eine belgische Kameradin und zwei einheimische Begleiter erstickte. Ihr Gatte Georges Kogan, ein belgischer Bergnarr, war bereits 1951 hopsgegangen, offenbar gleichfalls „im Dienst“, in Südamerika. Das hatte sie aber nicht beirren können. Prompt wurde in der Großstadt Villeurbanne (bei Lyon) eine Grundschule nach der emanzipierten Dame benannt, die Ecole Claude Kogan. Früh übt sich, was ein Meister werden will – beispielsweise so einer wie der bekannte südtiroler Gipfelguru Reinhold Messner, der 2010 das Werk On Top. Frauen ganz oben auf den Buchmarkt warf.

Ich werde noch unter anderen Buchstaben auf mehr oder weniger willkürlich ausgewählte Leichen der Zunft zurückkommen.*** Im Ganzen müssen es ja Zehn-, wenn nicht Hunderttausende sein. 2011 sind beim „Bergsport“ allgemein allein in den schweizer Alpen (einschließlich Jura) 151 Menschen zu Tode gekommen. Insgesamt gerieten dort im betreffenden Jahr 2.644 Menschen in „Bergnot“ und setzten solcherart die Rettungsmaschinerie in Gang.**** Feinde des „Bergsports“ hört man sich immer mal wieder fragen: Warum machen die das? Die Antwort gab der Politiker, Bankier und Alpinist Ruedi Schatz (1925–79) aus St. Gallen am Beispiel seines Landsmanns Seth Abderhalden (1926–60), der mit 34 in der Nordflanke des Säntis (Ostschweiz) in einer „Schneebrettlawine“ umkam: „Er lebte für die Berge.“ Wahrscheinlich wachsen sie dadurch besser.

Ruedi Schatz selber schaffte 20 Jahre mehr. Dann „bezwang“ ihn die Urnäsch. Das ist ein appenzeller Flüßchen, das just am Fuße des Säntis entspringt. Im „Wildwasser“ der Urnäsch kam der 54jährige Schatz beim Kanufahren um. Es ist schon fast zum Lachen. Man wundert sich nicht, wenn auch der rheinische (Kölner) Künstler und Höhenrauschler A. F. Gruenwald, der sich Johannes Theodor Baargeld (1892–1927) genannt hatte, sein Leben, mit 34, in der Bergen ließ. Er verunglückte bergsteigend am Mont Blanc. Im Hauptberuf, als Künstler, war Baargeld „Dadaist“ gewesen.

LeserInnen, die es gern philosophisch-poetisch haben, aber messnersche Vollbärte hassen, werden wahrscheinlich schon bei Leo Maduschka (1908–32) fündig, der 1932 mit seiner Zeitschriftenserie Bergsteigen als romantische Lebensform aufhorchen ließ. Just im selben Jahr, Anfang September, rückte der 24jährige bayerische Bergsteiger, Nietzsche-Anhänger, Einsamkeits-Apostel und Schriftsteller der Civetta Nordwestwand der Dolomiten auf den Leib – wo er aufgrund eines Wettersturzes, in einen Felsspalt verkeilt, über Nacht erfror.

* Fritz Balmer, Jungfrau Zeitung (Thun), 19. August 2002
** Gerhard Pirkner, dolomitenstadt.at, 13. Januar 2015. Ende Februar bliesen Ponholzer und Ortner ihre „Egger-Rehabilitations-Tour“ am Cerro Torre ab, angeblich wegen Schlechtwetter.
*** Etwa >Reifenberg, Ernst Robert
**** klettern.de 13. März 2012



Breaux, Zachary (1960–97), Jazzmusiker >Becker, Detlef


Breitbart, Siegmund (1887?–1925), Kraftsportler und Bühnenkünstler. Ob der Athlet, den jede Berliner Göre als Eisenkönig kannte und bewunderte, im Sommer 1925 trotz der Bemühungen des berühmten Berliner Medizinprofessors August Bier mit 32, 38 oder gar erst 42 von einem rostigen Nagel zu Fall gebracht wurde, wird wahrscheinlich nie aufzuklären sein. Er selber, Siegmund Breitbart, nennt in seinen damals erschienenen Erinnerungen 1887 als das Jahr, in dem er das trübe Licht des Lodzer Ghettos als Sohn eines jüdischen Schmiedes erblickte. Leider packte der alte Grobian selbst seine Liebsten nicht mit Samthandschuhen an. Vermutlich entschloß sich Sohn „Sische“ auch deshalb, ein ausgesprochen starker Mann zu werden.

Zwar schoß Breitbart keineswegs zum Hünen auf, doch hatte er eine wohlproportionierte Heldengestalt zu bieten, trainierte Tag und Nacht und verrichtete seine einfallsreichen Bersekerarbeiten auf der Bühne oder im Manegensand stets mit gewinnendem Lächeln. 1921, nach etlichen Jahren als Fabrikarbeiter und Wanderartist, kam er im Berliner und Hamburger Zirkus Busch groß heraus. Er fuhr in Gladiatorenrüstung als Wagenlenker ein, zerbrach jedes Hufeisen, das ihm das eine oder andere Dienstmädchen aus dem Parkett reichte, stieß mit dem Schädel, statt Fußbällen, dicke Pflastersteine fort, zerbiß Ketten mit den Zähnen oder ließ sich, rücklings auf einem Nagelbrett liegend, den mächtigen Brustkorb mit einem Amboß beschweren, den junge Burschen aus den hinteren Rängen mit Vorschlaghämmern bearbeiten durften. Alle blonden Wertheim- oder KaDeWe-Verkäuferinnen himmelten Breitbart an. Auch der junge Berthold Brecht war begeistert. In vielen jüdischen Synagogen wurde für die Auftritte des verehrten „Muskeljuden“ gebetet. 1923 gastierte Breitbart bereits in Wien und in den USA. Im selben Jahr blieb er, laut Daniela Gaudings Darstellung*, trotz einer Geldstrafe wegen angeblich tätlicher Beleidigung „moralischer Sieger“ im Kampf mit seinem erbitterten Konkurrenten Erik Jan Hanussen, einem „Hellseher“ und Trickkünstler, der ihn des Betruges bezichtigt hatte. Breitbart ließ sich sogar auf eine Wette um eine ihm von Hanussen gestellte, kaum überprüfbare Kette ein – Breitbart zerbiß sie vor den Augen der Wiener Presse. Den Wetteinsatz spendete er der Wiener Rettungsgesellschaft.

Obwohl er bald auf großem Fuß lebte, Auto, Dogge und mindestens 10 weitere Hunde sowie einen jungen Löwen eingeschlossen, soll Kraftprotz Breitbart bis zuletzt ein herzlicher und stets hilfsbereiter Zeitgenosse gewesen sein. So wird von regelmäßigen Armenspeisungen in der 1923 vollendeten, säulenbewehrten Villa Breitbart im Oranienburger Ortsteil Friedrichsthal berichtet, wo der Künstler mit seiner Gattin Emilie und dem Adoptivsöhnchen Oskar wohnte. Auch bedürftigen Juden griff er mit Spenden unter die Arme. Ihm selbst war nach einem Ritzer nicht mehr zu helfen. Wieder einmal Nägel mit der bloßen flachen Hand in Bohlen schlagend, trieb er sich am 26. Juli 1925 bei einem Auftritt in der polnischen Stadt Radom aus Versehen einen Nagel bis ins Knie. Wie sich erst nach Tagen und Wochen zeigte, war dieser Nagel nicht keimfrei gewesen. Der letzte Gladiator überlebte die Blutvergiftung trotz Beinamputation nicht und starb im Oktober in einem Berliner Krankenhaus.

Bei seinem Begräbnis konnte der kleine Adass-Jisroel-Friedhof in Berlin-Weißensee den Andrang der Trauernden kaum bewältigen. Der Grabstein nennt als Geburtsdatum Breitsteins den 22. Februar 1893 – möglicherweise eine Fälschung. Wenn ja, war es sicherlich die einzige, die sich das Lager Breitbart in der ganzen glorreichen Bühnenlaufbahn gestattete.

* Siegmund Sische Breitbart, Berlin 2006


Brinkmann, Rolf Dieter (1940–75), Lyriker >Matter, Mani


Brise, Tony (1952–75), Autorennfahrer >Clark, Jim


Brooke, Rupert (1887–1915), Lyriker >Buri, Max


Brooks, Randy (1919–67), weißer US-Jazztrompeter. Brooks Beginnen war vielversprechend, trat er doch bereits mit acht Jahren als Trompeter auf: im Trio mit seinen Eltern bei der Sanforder Heilsarmee. Aber das konnte ihn nur vorübergehend zum Liebling der Götter machen. Brooks ging nach New York City, wo er sich, ab 1944, mit eigener Swingband rasch eine Anhängerschaft erwarb. Von dem Gross-Lawrence-Titel Tenderly, seiner wohl bekanntesten Aufnahme, wurden über eine Million Exemplare verkauft und, im Laufe der Zeit, zahlreiche Varianten eingespielt. 1950 jedoch, gerade ein Jahr mit der Chefin einer „Girlsband“ Ian Ray Hutton verheiratet, ereilte Brooks in Los Angeles der erste Schlaganfall. Damit war seine Karriere vorbei. Die vielverehelichte Hutton wandte sich 1957 dem nächsten Gatten zu. Brooks kehrte in seinen Heimatstaat Maine zurück, wo er 1958 den nächsten Schlaganfall erlitt. Ein Jahr darauf gab ihm eine tödliche Rauchvergiftung den Rest: in der Stanforder Wohnung des inzwischen 48jährigen war ein Brand ausgebrochen. Vielleicht hatte Brooks unachtsam gekocht oder geraucht. Von Mordverdacht ist nirgends die Rede.

Umstrittener ist das Ende des finnischen Komponisten Unto Mononen (1930–68), der vor allem den Tango seines eher nördlich gelegenen Landes prägte. Er hatte zeitweise eine eigene Band (mit Akkordeon und blonder Sängerin), worin er Gitarre spielte. 1950 konnte er seinen ersten Titel an eine Plattenfirma verkaufen. 1955 schrieb er sein berühmtestes Stück Satumaa (Märchenland), das nach einigen Anlaufschwierigkeiten eine regelrechte Tangowelle über Finnland warf. Gleichwohl verfiel der Komponist zunehmend dem Alkohol. Mit 37 Jahren soll er sich im Städtchen Somero, wo er wirkte, eigenhändig erschossen haben – möglicherweise aus Versehen. Die finnische Wikipedia hält einen Unfall für wahrscheinlicher als einen Selbstmord, weil Mononen die Angewohnheit besessen habe, mit seiner Pistole (die er offensichtlich besaß) zu spielen. Andere Einzelheiten werden nicht genannt. Dieses Spiel scheint übrigens in Kreisen von PopmusikerInnen besonders beliebt zu sein; siehe etwa >Ace, Johnny und Terry Kath.

Der US-Komponist John Barnes Chance (1932–72) wurde, wie es aussieht, Opfer sowohl seiner Hundeliebe wie seiner Rücksichtnahme auf potentielle Opfer seiner Hunde. Er bewohnte ein Haus mit Hinterhof oder Garten in Lexington, der größten Stadt Kentuckys, wo er seit 1966 Hochschullehrer war. Chance selber hatte Musik in seinem Heimatstaat Texas studiert, hatte Erfahrungen als Orchesterpauker und als Arrangeur für Orchester der US-Army gesammelt und stand nun, mit knapp 40 Jahren, im Begriff, sich unter die namhaftesten Komponisten sinfonischer Blasmusik einzureihen. Da entschloß er sich Mitte August 1972, jedenfalls Angaben der Ridgewood Concert Band (aus New Jersey) zufolge*, in seinem Hinterhof („backyard“) oder Garten ein Zelt zu errichten. Vielleicht stand die übliche Geburtstagsfeier (mit Blasmusik) an, oder Chances Buben wünschten ferienhalber die UreinwohnerInnen des Landes zu spielen, falls er welche hatte. Bei diesem Geschäft berührte der Komponist mit einer Zeltstange aus Metall versehentlich den Elektrozaun, mit dem er seine Hunde in die Schranken gewiesen hatte. Da der Zaun in Betrieb war, erlitt Chance einen tödlichen elektrischen Schlag.

Auch den reise- und austauschfreudigen Musiker Peter Trunk (1936–73), für Joachim Ernst Berendt der beste deutsche Jazzbassist seiner Zeit, erwischte es in den Staaten. Nach Darstellung** seines Schwagers Patrick Pitelli kam er an Silvester 1973 in New York City auf dem Weg zum Abendessen um, als Pitellis Wagen von einem anderen, betrunkenen Fahrer gerammt wurde. Auch die Frau von einem Vetter Pitellis verlor bei diesem Unfall ihr Leben. Alle Beteiligten kamen zunächst ins Krankenhaus. Der 37jährige Trunk hinterließ seine Frau Stella Banks, eine Jazzsängerin, die von da an schwer unter dem Verlust des geliebten Mannes gelitten haben soll, bis sie 2008 verschiedenen Krankheiten erlag.

* Webseite 2015
** Laut freundlicher Auskunft des Weimarer Jazzbassisten und Musikhochschullehrers Manfred Bründl, dessen Quartett Silent Bass 2011 ein Trunk und Banks geweihtes Album mit dem Titel Tip of the Tongue vorlegte.



Brown, Chris (1961–2006), Baseballspieler >Fehér, Miklós


Brown, Clifford (1930–56), Jazztrompeter >Cless, Rod


Brown, Ron (1941–96), Politiker >Voos, Joachim


Browning, David (1931–56), Wasserspringer >Zürner, Albert


Bubeck, Wilhelm (1850–91), Architekt >Bliss, Philip Paul


Bucher, Gebhard (1954–2013), österreichischer Edel-Gastronom, zuletzt vor allem in Südhessen tätig, als Eigentümer, Teilhaber oder Geschäftsführer zahlreicher Betriebe der Branche. Er erstickte am 6. Juli 2013 in der Wiesbadener Paulinenstraße in seinem geparkten schwarzen Audi 6 Avant, bei geschlossenen Fenstern und laufender Klimaanlage, an ausströmendem Kohlendioxid eines undichten Trockeneisbehälters, wie unter anderem die Obduktion ergeben haben soll. Die sechs Kisten mit Eis, die er eben erst in seinem Restaurant Käfers im Wiesbadener Kurhaus eingeladen hatte, waren für ein Festival auf Schloß Johannisberg im nahen Rheingau bestimmt, wo Bucher ebenfalls ein Restaurant betrieb. Man wurde auf das Unglück aufmerksam, weil es aus dem Wagen „qualmte“. Die Polizei erblickte keine Anzeichen für Mord oder Selbstmord. Es wird vermutet, der 58jährige „Promi-Koch“ war von erster Benommenheit zum Anhalten und Einbiegen in eine Parkbucht bewogen und dann von dem heimtückischen Gas übermannt worden.

Der Herr mit dem wohlklingenden Namen Friso von Oranien-Nassau (1968–2013) war zweiter Sohn des sogenannten niederländischen Königspaares, studierter Luft- und Raumfahrttechniker, auch Wirtschaftswissenschaftler, außerdem Manager in der segensreichen Finanz- und Uranbranche und vermutlich nicht arm wie eine Kirchenmaus. Im Februar 2012 gönnte sich der Prinz einen Skiurlaub in Vorarlberg, Österreich, kam dabei, abseits der offiziellen Skipiste, unter eine Lawine, dann in die Innsbrucker Universitätsklinik. Er hatte sich, wie es in der Presse hieß, vor allem schwere Hirnschäden zugezogen, sozusagen neue. Diesen erlag er im August 2013 im Den Haager Schloß Huis ten Bosch. Er war 44 und hinterließ Frau und zwei Kinder.

Der bayerische Brauerei- und Immobilienunternehmer Jannik Inselkammer (1968–2014) schaffte ein Jahr mehr. Ihn erwischte die Lawine im März 2014 beim sogenannten „Heli-Skiing“ in den kanadischen Selkirk Mountains. Bei dieser exklusiven Art des Skisports läßt man sich von einem Hubschrauber („Heli“) auf einen Berg fliegen, um dann von dort aus in unberührtem Tiefschnee abzufahren. Die Lawinen und die ökologischen Kollateralschäden sind im Preis inbegriffen. Bei der Trauerfeier in der Münchener Jesuitenkirche St. Michael wäre um ein Haar auch noch Domdekan Prälat Lorenz Wolf, ein Freund des Verstorbenen, verunglückt. Laut Süddeutscher Zeitung* sprach er in Richtung der Hinterbliebenen: „Ich stehe auf schwankendem Boden – was soll ich Ihnen sagen, liebe Frau Inselkammer? Wenn so etwas passiert, dann gehen uns die Worte aus, dann überfällt uns der Schmerz.“

Buchers Kollege Darío Barrio (1972–2014) war durch ein Madrider Prominentenlokal und als spanischer „Fernsehkoch“ bekannt. Er kam im Juni 2014 mit 41 Jahren durch einen Akt der Solidarität im Rahmen des „Extremsport“-Festivals El Yelmo in Andalusien um, wo er mit einem sogenannten „Objektsprung“ auftrat. Die Sache wird auch als „Base-Jumping“ bezeichnet. Dabei muß man mit einem Fallschirm im Gepäck, gelegentlich auch in einem „Flügelanzug“ („Wingsuit“) steckend, von einem festen Objekt abspringen, etwa einem Wolkenkratzer oder auch nur einem schnöden Hochhaus, siehe unten. Bei solch einem Sprung war ein Jahr zuvor, in den schweizer Alpen, der Fernsehmoderator Álvaro Bultó gestorben, dem Barrio nun den eigenen Sprung widmete. Wie gleichfalls der Süddeutschen Zeitung zu entnehmen war**, sprang der Starkoch von einem steilen Burgberg aus in die Tiefe, jedoch habe sich sein Fallschirm (der beim Landen offenbar in jedem Fall benutzt wird) nicht geöffnet. Damit hatte Barrio Bultó eingeholt. Neben Hunderten von anderen Besuchern wurde Barrios gefaßtes Scheitern – „Das Leben dauert einen Wimpernschlag“ – von seinen beiden Söhnen verfolgt, fünf und sieben Jahre alt. Was den Hauptberuf ihres Vaters angeht, so heißt es überall, er habe großen Wert auf gesunde Ernährung gelegt.

Der 38jährige, in der Szene gefeierte schweizer „Extremsportler“ Ueli Gegenschatz war 2009 bei Zürich vom sogenannten Sunrise Tower in den Tod gesprungen, der keine 90 Meter hoch ist. Zwar hatte Gegenschatz einen Werbevertrag mit dem Getränkehersteller Red Bull im Rücken, doch dann kam ein unvorhergesehener Windstoß, der seinen Fallschirm aus dem Gleichgewicht brachte. Daraufhin stürzte Gegenschatz aus rund 20 Meter Höhe ab. Man täte gewiß nicht unrecht, all solche Heldentaten ins Lexikon der SelbstmörderInnen zu verbannen, aber die Grenzziehung bleibt immer schwer. Ein Mensch, der sich über Jahre hinweg hartnäckig mit Red Bull, Weinbrand oder Wodka vollkippt, nimmt seinen Tod, nach allem, was wir wissen, kaum weniger bewußt in Kauf. Auch in seinem Fall entstehen der Volkswirtschaft beträchtliche Kosten, und auch in seinem Fall gucken die Kinder zu. Vorausgesetzt, man glaubt an „Willensfreiheit“, sollte man allen „Extremsportlern“ zumindest anrechen, daß sie weder Duckmäuser noch Heimlichtuer sind. Das Gegenargument liegt auf der Hand: sie sind Exhibitionisten.

* Thomas Soyer am 29. März 2014
** Katarina Lukač am 8. Juni 2014



Büchner, Georg (1813–37), Schriftsteller >Ashe, Arthur


Buckley, Jeff (1966–97), Rockmusiker >Ran, Avi


Bugatti, Jean (1909–39), Designer, Fabrikant und Fahrer berühmter schneller Automobile. LeserInnen des A-Teils sind bereits über das Schicksal der Tänzerin Lena Amsel unterrichtet, die sich 1929 bei Paris in einem Bugatti überschlug. „Monsieur Jean“, seit 1936 Leiter der im Elsaß (bei Straßburg) gelegenen väterlichen Automobilfabrik, erwischte es 10 Jahre darauf, als er unweit der Fabrik auf der Landstraße zwischen Duttlenheim und Entzheim im eigenen Testwagen einem angeblich „unvorsichtigen“ Radfahrer ausweichen wollte. Sein Bugatti 57 C Tank hatte „weit über“ 200 Sachen drauf!* In dieser Gemächlichkeit prallte der 30 Jahre alte Werksleiter gegen einen Baum. „Der explodierende Benzintank setzt den Baum und eine nahe Mühle in Brand, Monsieur Jean wird aus dem Rennwagen geschleudert und ist sofort tot.“ Die baumlose Stelle sah sich später durch eine Stele getröstet, die das Gedenken an den vorbildlichen Verkehrsteilnehmer Jean Bugatti bis zum heutigen Tage wachhält. 1963 wurde die Fabrikation in Molsheim eingestellt. Was blieb, war der legendäre Ruf, und siehe da, 1998, im Antrittsjahr des „rotgrünen“ Kanzlers Gerhard Schröder, ging die Marke Bugatti auf das deutsche Volk beziehungsweise die Volkswagen AG über.

Wir bleiben noch bei der beliebten Marke. Einige Jahre früher hatte sie für den ersten Toten des bei Bonn gelegenen sagenumwobenen Nürburgrings gesorgt. Bis heute fielen auf dieser Rennstrecke, in rund 90 Jahren, nach den verbreiteten Schätzungen ungefähr 400 Tote an, die Verletzten wieder einmal nicht gerechnet. Der bislang frischeste Tote war womöglich ein 49jähriger Fan aus den Niederlanden, auf den am 28. Mai 2015 der Nissan Nismo GT3 des Briten Jann Mardenborough zugeflogen kam. Der Wagen landete auf dem Dach, der Rennfahrer trainiert schon wieder. Damit zu Čeněk Junek (1894–1928). Dieser Pionier schädigte keine Zuschauer, jedoch durch seinen Fortgang die Weltwirtschaft, war er doch, außer Geschwindigkeitssüchtiger und Schloßbesitzer (in Humburky, Ostböhmen), Direktor der Prager Creditbank gewesen. Der 34jährige Autonarr verunglückte Mitte Juli tödlich, als sein Bugatti 35 B kurz vorm sogenannten „Bergwerk“ in einer Rechtskurve des damals noch jungfräulichen und 28 Kilometer langen Schmucks der Eifel, dem Ring also, von der Bahn abkam und gegen eine Mauer prallte. Sein Heimatland widmete ihm eine Grundschule und ein Oldtimer-Rennen.

Der gelernte Zweiradmechaniker Emilio Materassi (1894–1928) aus dem Raum Florenz biß im selben Jahr mit 33 Jahren in Monza (bei Mailand) ins Gras. Er war nur kurzzeitig Werksfahrer bei Bugatti gewesen, denn Anfang 1928 stellte er seinen Rennstall auf eigenhändig frisierte Wagen der Marke Talbot um. So bewehrt, baute er schon im Spätsommer beim Großen Preis von Italien den bis dahin fettesten Unfall in der Geschichte des Automobilrennsports, als sein Talbot Darracq 700 in Runde 17 auf der Start-Ziel-Geraden ausgerechnet den Bugatti Giulio Forestis stupste und dadurch in mächtigem Satz, über Schutzgräben und Zäune hinweg, in die Tribüne sprang. Je nach Quelle, nahm Materassi 21 bis 27 ZuschauerInnen mit in den Sarg. Foresti hatte Glück; er starb erst 1965 mit knapp 80.

Wir kommen von Mussolini zu Hitler. Bekanntlich war der deutsche Faschismus schon deshalb erträglich, wenn nicht gar segensreich, weil er die vielen Erwerbslosen, die sich der Kapitalismus (oft in Millionenhöhe) dauerhaft leistet, für immerhin ein Dutzend Jahre von der Straße holte – beispielsweise durch den Bau von Autobahnen. Auf ihnen konnte sich dann der Krieg unter den Volksgenossen, gegen die Natur und gegen Belgier oder Polen austoben – auf daß auch diese Barbaren „der Weltgeltung der deutschen Motoren- und Automobilfabrikation“ inne würden, von welcher Bernd Rosemeyer (1909–38), so Adolf Hitler beim Quasi-Staatsbegräbnis des wieder einmal tragisch Verunglückten, „einer der allerbesten und mutigsten Pioniere“ gewesen war.

Im Gegensatz zum Führer war er sogar blond. Der 1909 geborene Sohn eines Kleinfabrikanten im Emsland hatte sich schon früh für Technik und insbesondere Zweiräder begeistert. Ab 1930 Motorradrennfahrer auf NSU und DKW, sattelte er 1935 endgültig auf vier Räder um und wurde Werksfahrer bei Auto-Union in Chemnitz und Horch in Zwickau. Er fuhr neue, schwer zu beherrschende 16-Zylinder-Mittelmotorwagen, und zwar erfolgreich. Schon 1936 wurde er Europameister, wobei auch sein Teamgefährte Hans Stuck das Nachsehen hatte. Im selben Jahr heiratete Rosemeyer die bekannte Fliegerin Elly Beinhorn, so daß die deutschen Blätter „flächendeckend“ in strahlendes Hochzeitslächeln getaucht waren. Doch zwei Jahre darauf verließ ihn das Glück. Am 28. Januar 1938 wird der 28jährige auf der vorübergehend gesperrten Reichsautobahn Frankfurt–Darmstadt beim Versuch, sich den Geschwindigkeitsrekord zurückzuholen (um 430 km/h), von einer Windböe erfaßt. Sein Audi Union Typ R (12-Zylinder-Motor mit 560 PS) überschlägt sich; Rosemeyer wird in ein nahes Kiefernwäldchen geschleudert und haucht sein Leben aus. Wiederholte Warnungen vor den Wetterverhältnissen, selbst von der Auto-Union-Rennleitung und seinem anwesenden Konkurrenten Rudolf Caracciola von Mercedes, hatte der blonde SS-Hauptsturmführer sozusagen in den Wind geschlagen.**

Angeblich besaß Rosemeyer den genannten Titel lediglich „ehrenhalber“, hatte also nie an Übungen in Polizeischulen oder an Besuchen von jüdischen Kaufmannsläden teilgenommen. Rosemeyer wirkte unpolitisch – allein durch sein sportliches Vorbild. Zeitzeuge Victor Klemperer widmet dem „einprägsamsten und häufigsten Bild“ des nazistischen Volksheldentums, nämlich dem mit Sturzhelm, Brillenmaske und dicken Handschuhen vermummten Rennfahrer, im Eingangskapitel „Heroismus“ seiner LTI (1947) eine ganze Seite, wobei er sowohl den „Todessturz“ Rosemeyers wie das Erinnerungsbuch von dessen flugbesessenen Gattin Elly Beinhorn Mein Mann, der Rennfahrer hervorhebt. Dieses Werk, noch im Todesjahr 1938 auf den Markt geworfen, erlebt bis heute Neuauflagen. Klemperer schrieb, mit den „muskelbeladenen nackten oder in SA-Uniform steckenden Kriegergestalten der Plakate und Denkmünzen“ jener Jahre teilten die motorisierten Helden oder Heldinnen den „starren Blick, in dem sich vorwärtsgerichtete harte Entschlossenheit und Eroberungswille“ ausdrückten.

Was Wunder, wenn dieser Blick, angesichts von ungefälscht um 10 Millionen deutschen Arbeitslosen, nach wie vor hoch im Kurs steht. Ein blühender Volkswagen-Zweig präsentierte der Welt 2000 die Designstudie eines Supersportwagens, der selbstverständlich Audi Rosemeyer getauft wird. Rosemeyers Heimatstadt Lingen hat zwar noch nicht ihren Bahnhof, aber schon einmal ihre Bahnhofstraße geopfert, die seit geraumer Zeit Bernd-Rosemeyer-Straße heißt. Außerdem kann sie den MSC Bernd Rosemeyer vorweisen, der sich im Mai 2012 anschickte, „erneut den Mythos Bernd Rosemeyer aufleben zu lassen“, wie die lokalen Medien jubelten. Der Club richtete zu diesem Zwecke wieder ein Bernd Rosemeyer ADAC Oldtimer Treffen aus. Unter den Tausenden, die auf dem Marktplatz die rund 100 vorgeführten Edelkarossen bestaunten, befand sich auch der eigens aus München angereiste 74jährige Orthopäde und Sportmediziner Prof. Dr. med. Bernd Rosemeyer jun., „selbst begeisterter Oldtimerfan“. Elly Beinhorn, Jahrgang 1907, hatte ihn im November 1937 geboren. Sie wurde erstaunlicherweise 100 Jahre alt. Obwohl er seinen Vater nie kennenlernte, ist der Professor gleichermaßen auf beide Elternteile stolz, wie er 2014 dem ZDF erzählt. Sie seien besondere, idealistische, vorbildliche Menschen gewesen.*** Er selbst hat zwei Söhne. Der eine davon, Manager bei Audi, heißt auch wieder Bernd.

Zu den Idolen der deutschen, aus selbstangebauten Trümmerbergen sprießenden Wirtschaftswunderzeit zählte ein Motorsportler von Adel: Wolfgang Graf Berghe von Trips (1928–61). Während er 1953 sein erstes Rennen noch auf einem VW-Käfer bestritten hatte, drang er in den folgenden Jahren über Porsche und Mercedes bis in den glorreichen Rennstall Ferrari vor. Im September 1961 benötigte der 33jährige Hemmersbacher Schloßherr (in Kerpen an der Erft, bei Köln) nur noch einen Sieg, um Weltmeister der Formel 1 zu werden. Er leistete beim Großen Preis von Italien in Monza ganze Arbeit. Als sein Ferrari auf einer Geraden ins Schleudern kam und deshalb gegen den seitlichen Erdwall und anschließend gegen die Drahtabzäunung vor den Zuschauern prallte, schloß er, ähnlich wie einst Materassi, noch ein Schock Fans mit ein: 15 wurden getötet, 60 verletzt. Berghe von Trips bekam es nicht mehr mit, weil er aufgrund eines Genickbruchs auf der Stelle tot war. Trotz dieses bitteren Strichs durch die Rechnung wurde der tote Graf hinter seinem Teamkollegen Phil Hill immerhin noch Zweiter der laufenden Weltmeisterschaften. Prompt kürten ihn die deutschen Sportjournalisten zum Sportler des Jahres 1961, damit es der deutschen Jugend nicht an jenen, von Dr. med. Rosemeyer beschworenen Vorbildern mangele.

* Hans-Jörg Götzl, Auto Motor Sport 16. Februar 2014
** Ralf Klee und Broder-Jürgen Trede: „Rekordjagd in den Tod“, Spiegel Online 25. Januar 2008
*** zdf.de 30. März 2014



Bühler, Georg (1837–98), Indologe >Hamerik, Ebbe


Bullock, William (1813–67), US-Erfinder >Gilmer, Thomas W.


Burger, Anthony (1961–2006), Pianist >Sivertsen, Kenneth


Buri, Max (1868–1915), schweizer Maler aus dem Kanton Bern. Seit 1903 war Buri im Dorf Brienz ansässig, wo er sich, unmittelbar am See, ein stattliches Haus kaufen konnte – vermutlich mit Hilfe seiner Schwiegereltern, ist er doch seit 1898 mit der Tochter eines Mühlenbesitzers Frieda Schenk verheiratet. Buris plakativ vorgetragene Szenen aus dem ländlichen Alltag wühlen keinen Schmutz und keine Probleme auf. Komik haben sie kaum. Sie tragen ihm jedoch Kunden und etliche, auch internationale Auszeichnungen ein, die ihn bekannt und wohlhabend machen. Lange genießen kann er das nicht. Im Mai 1915, während woanders Weltkrieg tobt, fällt der 46jährige nicht, wie es naheliegend gewesen wäre, in den Brienzersee, vielmehr unweit davon in Interlaken, wo er angeblich seine Frau und die gemeinsame Tochter Hedy abholen möchte, vom Landungssteg in die Aare. Dieser Fluß verbindet hier Brienzer- und Thunersee. Vielleicht waren Mutter und Tochter auf einem Linien- oder Ausflugsdampfer unterwegs gewesen. Zudem besaß das Städtchen schon damals Bahnanschluß. Was nun den Kunstmaler angeht, behauptet Gertrude Zimmerli, er sei „infolge eines Schwindelanfalles“ vom Steg ins Wasser gekippt.* Buri stirbt kurz vor Mitternacht im nahen Hotel du Lac an Herzversagen. Mehrere Quellen sprechen eindeutig von einem Unfalltod. Wir glauben es, hat doch sein Landsmann Eugen Ruch versichert: „Er konnte über eine Unwahrheit ebenso erbost sein wie über ein nicht gelungenes Bild.“ Ruch schildert Buri** als „herbe Malerseele“ mit Hängeschnauzer, gesellig und trinkfreudig. Da liegt Schwindel fern.

Der englische Dandy und Lyriker Rupert Brooke (1887–1915), vom Berufsgenossen Yeats als „bestaussehender junger Mann“ der britischen Insel gepriesen, war möglicherweise bisexuell gestimmt, litt jedoch mit Sicherheit an Verfolgungswahn, was neben etlichen Freunden oder Kollegen auch das Alter betraf. Da bot sich eine militärische Lösung geradezu an. Nachdem man ihn Anfang 1913 endlich als Professor ans King's College in Cambridge berufen hatte, wo er einst selber (Altphilologie) studiert hatte, ging er mit „Kriegsausbruch“ zur Königlichen Marine. Allerdings wurde er nie in Schlachten verwickelt. Stattdessen machte ihm angeblich eine Mücke den Garaus. Vom vielen Kreuzen im Mittelmeer auf dem Truppentransporter Grantully Castle bereits durch Sonnenstich geschwächt***, soll er Ende April 1915 an Bord eines französischen Krankenhausschiffes, das die griechische Ägäis-Insel Skyros anlief, einer durch Mückenstich bewirkten Blutvergiftung erlegen sein. Man begrub ihn noch am Todestag in einem Olivenhain der genannten Insel. Es geschah dem 27jährigen Unterleutnant eigentlich recht, hatte er seinen größten Ruhm zu Lebzeiten doch mit ein paar Sonetten erzielt, die den (vaterländischen) Krieg verherrlichten.

Der englischen Schriftsteller Edward Thomas (1878–1917) war in erster Linie als Kritiker, dabei gern auch als Anwalt sogenannter Talente hervorgetreten, darunter prompt Rupert Brooke, zudem der seltsame Erzähler und Essayist Richard Jefferies, der mit 39 an Tuberkulose gestorben war. Thomas ging zur Artillerie. Kaum war er im Frühjahr 1917 an der Front in Frankreich eingetroffen, wurde er, laut jüngsten Forschungsergebnissen****, in der Schlacht bei Arras durch einen Schuß in die Brust getötet. Seiner Witwe Helen (drei Kinder) hatte man einen sowohl ihn wie sie schonenden Rückstoß einer von ihm geworfenen Granate aufgebunden, dessen Druckwelle sein Dichterherz zum Schweigen gebracht habe. Auch Thomas starb mit 39.

* Sikart 1998/2015
** in der schweizer Monatsschrift Du, 8/1948
*** laut Michael Gassenmeier, in: Theo Stemmler (Hrsg): Krieg und Frieden in Gedichten, Tübingen 1994, S. 182
**** Dalya Alberge, Mail Online, 16. Mai 2015



Burkei, Ralph (1956–2008), Gauner >Babajew, Rafiq


Burnette, Johnny (1934–64), Rockmusiker >Hamerik, Ebbe


Burton, Cliff (1962–86), Rockmusiker >Coluche


Butler, Octavia E. (1947–2006), Schriftstellerin >Köhlmeier, Paula


Butt, Archibald (1865–1912), US-Militärberater >Hartley, Wallace



Fortsetzung C–Cla
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