Montag, 24. August 2015
Lexikon der Unfallopfer Bed–Bok

Beer, Johann (1655–1700), Schriftsteller, Komponist und Schütze. Die zuletzt genannte Eigenschaft sollte ihm zum Verhängnis werden. Der Gastwirtssohn und Klosterschüler aus dem oberösterreichischen Attergau besuchte in Regensburg, wo sein (evangelischer) Vater Marktschreiber geworden war, das Gymnasium. Er war früh sowohl der Musik wie der Literatur zugetan. Dank eines Stipendiums des Regensburger Rates konnte er, in Leipzig, Theologie studieren, doch schlug er bald die höfische Laufbahn ein und brachte es darin, in Halle und später in Weißenfels, bis zum Konzertmeister und Bibliothekar der Herzöge von Sachsen-Weißenfels, bevor ihn Anfang August 1700 ein in etlichen Quellen hartnäckig als „Jagdunfall“ bezeichneter Vorfall aufs Sterbelager warf. Obwohl er komponierte und allerlei Erzählungen verfaßte, darunter immerhin etliche, offensichtlich an Grimmelshausen geschulte „Schelmenromane“, kann Beer wohl eher dem Volk als der Obrigkeit zugeschlagen werden. Dem Volk blieb er auch mit seiner Heirat von 1679 treu, denn seine 19jährige Braut Rosine Elisabeth Brehmer war die bereits verwaiste Tochter des Hallischen Gastwirtes Zum Schwarzen Bären – aus der Bärgasse, die unweit des Marktes und der Kirche Unserer lieben Frauen lag und liegt.

Damit zu den Jagdtrophäen. Beer vermeldet seinen erwähnten Unfall noch eigenhändig in seinem wertvollen Tagebuch, das später von Adolf Schmiedecke herausgegeben worden ist.* Danach fand am 18. Juli 1700 im Rahmen des Weißenfelser Schützenfestes das übliche Vogelschießen statt. Dabei löste sich jedoch aus der „Flinthe“ eines „Haubtmanns“ namens Barthen „unvorsichtiger Weise“ ein Schuß, der nicht den aufgepfählten hölzernen Vogel, vielmehr sowohl Beer wie einen gewissen Heinrich Davied Gartthoff „auf das allergefährlichste“ verwundete. Beer schien also keinen Anschlag zu argwöhnen – es war ein Versehen. Während Beer seinen Verletzungen nach gut zwei Wochen erlag, ist das Schicksal Gartthoffs nicht bekannt.

War bei Beer kein Mörder im Spiel, dann womöglich ein Kindheitstrauma? Beer hatte geschlagene 15 Geschwister und dann selber immerhin 11 Kinder, obwohl er nur 45 wurde und überdies in manchen Untersuchungen seiner moralisierenden Satiren als „Weiberfeind“ angeprangert wird. Ich nehme an, von diesen 11 blieben einige auf der Strecke. Entsprechend waren schon mindestens zwei von Johanns Brüdern, Abraham und Gottlieb, gleichfalls durch Unglücksfälle umgekommen, als Beer um fünf Jahre alt gewesen war. Franz Speta hält es aufgrund der Schilderung im Tagebuch für wahrscheinlich, daß sich die Knirpse am Samen der Herbstzeitlosen vergriffen und vergiftet hatten.** Zudem wird heute, laut Wikipedia, von einigen Autoren vermutet, Beers Schußwaffenunfall sei nicht ohne Beziehung zu jenem Unglück gewesen, das ihm ja durchaus – ihm, dem zufällig überlebenden Mitstromer in den Wiesen – nachhaltig wirkende Schuldgefühle oder andere Ängste beigebracht haben könnte. Demnach hätte sein irrer Blick mehr oder weniger absichtlich eine Kugel aus „Haubtmann“ Barthens Schießprügel gesaugt? Das hätte Sigmund Freud oder seinen Verballhornern bestimmt gefallen.

Wenn nicht, bliebe gleichwohl offen, wie Beer jenes frühe Überleben mit Gott, seinem „hochgelobten“ obersten Dienstherren, ausgemacht hatte. Vielleicht wußte es noch nicht einmal seine Frau. Im Tagebuch scheint er Gottes auswählend rettende Rolle lediglich als „wunderlich“ zu bezeichnen. Vielleicht hatte Gott aufgrund seiner vielen Aufgaben rund 40 Jahre gebraucht, um im Falle Beer seinen Irrtum einzusehen und den am Fließband Kinder zeugenden Wüterich endlich von der Erde zu tilgen.

* Johann Beer. Sein Leben von ihm selbst erzählt, Göttingen 1965. Zitate laut freundlicher Auskunft von der Leiterin des Weißenfelser Stadtarchivs, Silke Künzel.
** Beiträge zur Naturkunde Oberösterreichs, 9/2000, S. 47



Begich, Nick (1932–72), US-Politiker (der „Demokraten“), zuletzt Kongreßabgeordneter für Alaska, gilt seit einem Inlandsflug von Anchorage nach Juneau als verschollen. Der Flug (vom 16. Oktober 1972) fand im Rahmen des Kampfes um die Wiederwahl Begichs in den Kongreß statt. Neben dem Piloten Don Jonz befanden sich Wahlkampfhelfer Russel Brown und der Kongreßabgeordnete aus Louisiana Hale Boggs an Bord. Auch von ihnen sowie von der Cessna 310 fehlt bis heute jede Spur. Begich wurde zwar wiedergewählt, sogar mit absoluter Mehrheit, doch das war natürlich gegenstandslos, weil der 40 Jahre alte Mandatsträger trotz vieler Gebete nicht wieder auftauchte. Den Sitz übernahm sein unterlegener Konkurrent Don Young von den „Republikanern“.

Mit diesem Vorfall war die Geschichte der Flugfahrt um ein „Mysterium“ reicher. Das damalige Flugwetter soll nur unwesentlich schlechter als kürzlich bei Mailand, auf Malaysia oder in der Ukraine gewesen sein: Low clouds, fog, drizzle (niedrige Wolken, Nebel, Nieselregen), schreibt eine Quelle. Die Flugzeit der Strecke beträgt rund drei Stunden. Begichs Cessna verschwand wahrscheinlich auf halber Strecke in einem Gletschergebiet. Eine Suche über fünf Wochen hinweg blieb erfolglos.

Begich hinterließ, neben seiner Frau, sechs Kinder. Von diesen heißt eins auch wieder Nick. Nach einem jüngeren Internet-Forumsbeitrag* behauptete Nick Begich junior später öffentlich, es sei wichtiges Beweis- bezw. Vergleichsmaterial beseitigt worden. Nun darf der Junior sicherlich als befangen gelten, zumal er sich, als Forscher und Autor, mit mahnenden Schriften über Parapsycholgie, psychologische Kriegsführung (auch aus dem Weltall heraus) und Bewußtseins- und Gedankenkontrolle hervorgetan haben soll, die auf Wikipedia-Niveau unter den beliebten Begriff „Verschwörungstheorie“ fallen. Andererseits ist der Sohn natürlich nicht der einzige, der Unheil wittert, da es dafür naheliegende Gründe gibt. So soll Begich senior unliebsamer Vertreter der Rechte der Eingeborenen Alaskas gewesen sein. Vor allem aber war der mitverschollene Boggs ein bekannter Gegenspieler Präsident Nixons und früher, 1963/64, Mitglied der Warren-Kommission zur „Aufklärung“ des Attentats auf Präsident John F. Kennedy gewesen. Boggs soll die „Einzeltäter-Theorie“ abgelehnt und auf eigene Faust weiter ermittelt haben. Auf den Kennedy-Clan komme ich noch zurück.

Im Grunde kam auch die junge kubanische Florettfechterin Nancy Uranga Romagosa (1954–76), Olympiateilnehmerin in Montreal 1976, aus politischen Gründen um. Noch im selben Jahr an einem Turnier in Guyana beteiligt, wurde die 22jährige, mit 23 anderen Teammitgliedern, am 7. Oktober Opfer eines verheerenden Zeitbombenanschlages von Exilkubanern, die später, in Venezuela, sogar verurteilt wurden. Die Linienmaschine des Flugs Cubana 455 war kurz nach ihrer Zwischenlandung in Bridgetown, Barbados, mit 73 Personen an Bord ins Karibische Meer gestürzt. Es gab keine Überlebenden. Für die Castro-Regierung steckte die CIA hinter den verurteilten Tätern, wofür sich, wie fast immer, zahlreiche Anhaltspunkte, aber niemals hieb- und stichfeste Beweise fanden.

* der sich offenbar auf einen ZDF-Beitrag stützt, der allerdings nicht mehr abrufbar ist, siehe 3. Juni 2005


Behrangi, Samad (1939–67), Schriftsteller >Schnitger, Heinrich


Beich, Ole (1955–91), Rockmusiker >Ran, Avi


Bellery-Desfontaines, Henri (1867–1909), Künstler >Wilke, Rudolf


Benndorf, Werner (1912–45), Schriftsteller >Bauschke, Erhard


Ben Tifour, Abdelaziz (1927–70), algerisch-französischer Fußballspieler und -trainer, bis 1958 erfolgreicher und begehrter Stürmer oder „Regisseur“ verschiedener französischer Spitzenmannschaften, dann schlagartig boykottiert, da er das Nationalteam der algerischen Befreiungsfront verstärkt hatte. Zukünftig war der zierliche, elegant spielende Schnauzbart in und für Algerien aktiv, zuletzt als Trainer der Nationalmannschaft und des prominenten Clubs JS Kabylie aus Tizi Ouzou. Er kam im November 1970 mit 43 Jahren um, als er auf der Autofahrt von seinem Wohnort Algier nach Tizi Ouzou tödlich verunglückte. Einzelheiten sind nicht bekannt.

Dafür machte Ben Tifours Club im August 2014 durch einen Stein von sich reden, der – mit zahlreichen anderen Gegenständen – kurz nach einer Heimspiel-Niederlage des JS Kabylie gegen USM Alger (1:2) auf den Platz flog und den dunkelhäutigen 24 Jahre alten Kameruner Albert Ebossé Bodjongo (1989–2014), Stürmerstar des Heimspielclubs, so schwer am Kopf verletzte, daß er kurz darauf im Krankenhaus starb. Hinter dem Hagel von Wurfgeschossen auf die in die Kabinen flüchtenden Spieler der Heimmannschaft sollen enttäuschte Fans gesteckt haben. Zwar hatte just Ebossé das Tor zum Ausgleich erzielt, doch das war beim Abpfiff schon vergessen. Möglicherweise ist der „Publikumsliebling“ auch aus nächster Nähe angegriffen und erschlagen worden, wie später die BBC meldete.* So oder so dürfte die Wahrscheinlichkeit hoch sein, die wütenden Fans seien nicht nur aus sportlichen Gründen enttäuscht gewesen. USM ist ein reicher Hauptstadtclub.

Der Belgier Étienne Gailly (1922–71) ist der berühmteste Marathonläufer seines Landes, errang er doch bei der in Großbritannien veranstalteten „Olympiade“ des Jahres 1948 die Bronzemedaille, nachdem er den Zielort, das Londoner Wembley-Stadion, sogar als erster Teilnehmer des Marathons betreten hatte. Völlig entkräftet, fiel er dann mehrmals auf die Aschenbahn; es hätte nicht viel gefehlt, und er wäre schon damals gestorben. Im Hauptberuf war die Sportskanone jedoch Fallschirmjäger und Offizier der belgischen Streitkräfte, und für diese Eigenschaft ist Gailly erheblich weniger berühmt, obwohl er wacker gegen die deutschen Faschisten gekämpft hatte. Einige Jahre später sah er sich aufgerufen, auch dem „Kommunismus“ die Stirn zu bieten, und zwar in Korea, wo das Nato-Mitglied Belgien den großen Bruder USA, genannt UNO, unterstützte. Im November 1951 ebendort auf eine Mine getreten, kehrte Gailly mit einem verkrüppelten Fuß in die Heimat zurück. Mit dem Dauerlaufen war es damit vorbei, vermutlich auch mit dem Fallschirmspringen. Wie er sich die nächsten 20 Jahre durchs Leben schleppte, ist nirgends in Erfahrung zu bringen. Dann soll er, Anfang November 1971 und fast 49 Jahre alt, am See Genval (südlich von Brüssel) von einem Auto angefahren worden sein. Erst dadurch kam er zu Tode.

* 18. Dezember 2014


Berest, Alexei (1921–70), Soldat >Farrokhzad, Forough


Berg, Alban (1885–1935), Wiener Komponist, Sohn eines wohlhabenden Exportkaufmanns. Mit dem Uraufführungserfolg seiner Oper Wozzeck (nach Georg Büchner, 1925) war der fürs Empfinden zahlreicher Musikfreundinnen hinreißend aussehende Schüler von Arnold Schönberg und vorzügliche Pianist zu Ruhm und noch mehr Geld gekommen. So legte er sich von den Tantiemen für dieses um einen abgerissenen Soldaten geranktes Werk gleich ein Sport-Cabriolet der Firma Ford zu. Außerdem stellte sich mit dem „Durchbruch“ Hanna Fuchs-Robettin ein, Schwester des Schriftstellers Franz Werfel, zudem Gattin eines Prager Industriellen – sie wurde Bergs Geliebte. Verheiratet war er, seit 1911, mit einer gewissen Helene Nahowski. Doch nach rund 10 Jahre währendem Eiertanz, genau am „Heiligen Abend“ des Jahres 1935, erlag der 50jährige Komponist in Wien einer Blutvergiftung, die nach den offiziellen Verlautbarungen auf ein durch Insektenstich (in den Rücken) bewirktes Furunkel zurückzuführen war. Der Schriftsteller Soma Morgenstern, einst mit Berg eng befreundet und 1976 in New York City verstorben, soll freilich in seinen Erinnerungen* behaupten, die Blutvergiftung verdanke sich dem Geiz der Gattin Helene, die das Furunkel unfachmännisch aufgeschnitten, also Pfusch betrieben habe. Das ist natürlich mit Vorsicht zu genießen, bietet sich Helene für Dritte doch gerade dazu an, mit Schmutz beworfen zu werden. Sehr wahrscheinlich eine uneheliche Tochter des Kaisers Franz Joseph I., wurde sie zunächst Opernsängerin, dann Frau Berg, und als dieser vielgeliebte Mann unter der Erde lag, hatte sie bis an ihr Lebensende (1976) alle Hände voll zu tun, sich als die übliche Zensorin der Hinterlassenschaft Bergs und der Veröffentlichungen über ihn zu betätigen.

Während sich Gelehrte wie die Mathematiker Euler und Bernoulli (siehe weiter unten) beim russischen Zaren im „Paradies“ wähnten, wurden die Hausfrauen des Freien Westens wenig später mit dem Supermarkt beglückt. Als Erfinder dieser preisbrecherischen Stätte gilt der irischstämmige Yankee Michael J. Cullen (1884–1936), der seinen ersten großen Laden, mit Riesenerfolg, 1930 in New York City eröffnete. Er nannte ihn in aller Bescheidenheit King Kullen. Cullens Expansion (17 Filialen) konnte sechs Jahre darauf nur gewaltsam gestoppt werden: der 52jährige Preisbrecher starb an den Folgen einer Blinddarmoperation.

* Alban Berg und seine Idole, Berlin 1995 posthum


Berg, Bob (1951–2002), Jazz-Saxofonist >Zámbó, Jimmy


Bergen, Monika (1941–62), Berliner Schauspielerin, Tochter der Volksbühnen-Schauspielerin Erna Breitsprecher. 1962 war Bergen drauf und dran, sich sowohl auf der Bühne (in Wismar) wie im Film (bei der DEFA) von ihrem Ruf als Kinderstar zu lösen, als sie Ende August an den Folgen eines bei Kyritz geschehenen Verkehrsunfalls ums Leben kam, wie einer Kurzmeldung der Märkischen Volksstimme vom 24. August 1962 zu entnehmen ist. Auf die näheren Umstände des Ereignisses geht die sozialistische Zeitung mit keinem Komma ein – wo käme da das Volk hin! Ohne Autos möglicherweise! Immerhin führt sie mehrere Titel aus der Filmografie der „jungen Künstlerin“ an, darunter, 1960 herausgekommen, Die heute über 40 sind. Bergen schaffte genau die Hälfte: 20.

Die DDR-Wirtschaftshistorikerin Elisabeth Giersiepen (1920–62) war Professorin zunächst in Ostberlin, dann in Jena, wobei sie wahrscheinlich in Weimar wohnte. Im September 1962, mit 42 Jahren, soll sie „an den Folgen eines Autounfalls“ gestorben sein. Wann, wo und wie dieser Unfall stattfand, ist nirgends zu lesen. Vielleicht knatterte sie mehrmals wöchentlich zwischen Weimar und Jena hin und her, weil sie, wie ihr Staat, bemüht war, den Westen auch in der Frage der sogenannten Mobilität einzuholen oder gar zu überholen. Ich tröste mich mit dem Gedanken (und erspare mir Recherchegebühren an Dritte), daß Giersiepen sehr wahrscheinlich keinem Mordanschlag zum Opfer fiel, steht sie doch in dem Ruf, stets eine partei- und linientreue Wissenschaftlerin gewesen zu sein. So soll sie um 1957 ihrem Lehrer Jürgen Kuczynski öffentlich „Abkehr vom Marxismus“ vorgeworfen haben.

Zum Ersatz stoße ich bei meiner – noch gebührenfreien – Internetrecherche auf einen 1994 geborenen Kim Alexander Giersiepen aus Radevormwald (bei Köln), der nicht fett gedruckt werden darf, weil er noch zu leben scheint. 2012, mit 18 Jahren, erlitt er auf dem bei Zwickau gelegenen Sachsenring einen Unfall, der ihn für etliche Wochen ins Krankenhaus beförderte. Damals soll er für KSW-Motorsport, einen Formel-Masters-Stall aus Döbeln, gefahren sein. Diese Stadt liegt in der Nähe von Chemnitz, früher Karl-Marx-Stadt. Der junge, in Radevormwald geborene Mann ist Rennfahrer. Seine ersten Worte nach dem Erwachen aus der Operationsnarkose (Klinikum Chemnitz, zwei Lendenwirbel gebrochen, Längsbänder gerissen) seien gewesen: „Wann geht’s weiter?“, so seine BetreuerInnen, darunter offenbar auch Kims Vater Birger.* Neuerdings scheint Giersiepen junior, inzwischen 21, für RWT Racing in der GT-Sparte zu fahren. Für 2015 sind Teilnahmen (mit einer Callaway Corvette) auf Hockenheimring (Juli) und Nürburgring (Oktober) geplant.

Vielleicht war Elisabeth Giersiepen zufällig die Groß- oder Urgroßmutter gewesen? Vielleicht hatte sie ebenfalls, wenn auch nur im Nebenberuf, Rennen auf dem Sachsenring gefahren? Für den Sieg des Sozialismus?

Der italienische Katholik Enrico Mattei (1906–62), ein hochgewachsener, stets elegant wirkender Mann, war Patriot und Antifaschist, aber auch knallharter Unternehmer und Politiker. Im Oktober 1962 zerschellte er, 56 Jahre alt, mit seinem Privatflugzeug bei normaler Wetterlage in den mit Zypressen und Lorbeerbäumen gespickten Fluren der Lombardei. SkeptikerInnen waren nicht verblüfft, hatte Mattei doch als Chefmanager der staatlichen Erdölgesellschaft Agip/Eni sogar den global führenden Ölkonzernen des Freien Westens das Fürchten beigebracht. Er hatte die algerischen UnabhängigkeitskämpferInnen unterstützt und gute geschäftliche Beziehungen zu SU und China gepflogen. Beim Absturz seiner MS.760 Paris in der Gegend von Mailand kamen auch sein Pilot, Irnerio Pertuzzi, und der Time-Life-Journalist William McHale um. Offiziell waren zunächst, wenn nicht das Wetter, „technische Defekte“ schuld. Später wurde teils unverblümt von einem Anschlag auf die Maschine gesprochen, so 1986 von Ex-Ministerpräsident Fanfani. Um 2000 strengten Angehörige Matteis und jenes US-Journalisten in Pavia einen Prozeß gegen den Bauern Mario Ronchi an, der als Augenzeuge der Presse gegenüber zunächst von Anzeichen einer an Bord erfolgten Explosion gesprochen, dann jedoch den Schwanz eingezogen hatte, nachdem er offensichtlich bestochen worden war. Dieses Verfahren wurde 2003 „mangels Beweisen“ eingestellt.

Drastischer noch ist die Sache mit dem Journalisten Mauro de Mauro, der 1970 den Filmregisseur Francesco Rosi zum „Fall Mattei“ mit Recherchen unterstützen wollte und deshalb nach Sizilien reiste, wo sich der Politiker zuletzt aufgehalten hatte. Von dieser Recherchenreise kam De Mauro nie zurück; er gilt als verschollen. Der geständige Ex-Mafioso Gaspare Mutolo behauptete 1994, der angereiste Journalist sei damals sogleich entführt und noch am selben Tage erdrosselt worden. Diese und viele andere Angaben finden sich bei der Buchautorin Renate Igel.** Ihr Buch läßt sich auch fast als LbZ jener zwei Jahrzehnte der „Strategie der Spannung“ in Mitteleuropa lesen, als Lexikon beseitigter Zeugen. Dabei werden die unerwünschten Zeugen auffallend oft mit Hilfe fingierter Autounfälle aus dem Verkehr gezogen. Hätte es um 1880 keine wackeren Pioniere mit Interessen der schnelleren Fortbewegung oder Profitmaximierung gegeben, wäre das Auto gleichwohl erfunden worden, nämlich von Geheimdiensten oder anderen kriminellen Organisationen, eben als Zeugenbeseitigungsgerät.

Ich bleibe noch kurz bei Flugzeugen. Schon zu Beginn des Jahres 1962 wollte der Gouverneur von Montana Donald Grant Nutter (1915–62) in der Kleinstadt Cut Bank (nahe Kanada) eine Rede halten, weshalb er in der Landeshauptstadt Helena eine Maschine der US-Army bestieg. Sie stürzte bald nach Abflug im Wolf Creek Canyon ab, weil ein blizzard (Schneesturm), so die englische Wikipedia, einen Flügel der Maschine abgerissen hatte. Nun, das kommt vor; vielleicht war es so. Zu Mattei behauptet die deutsche Wikipedia bis zur Stunde (Juli 2015), sein Flugzeug sei „während eines Sturms“ zu Bruch gegangen. Der muß nahezu geräuschlos gewesen sein, da ihn keine andere Quelle vernahm, die englische Wikipedia eingeschlossen. Mit dem 46 Jahre alten Nutter kamen fünf weitere Politiker oder Militärs ums Leben. Selbst Nutter war ein Militär, nämlich im Zweiten Weltkrieg, als junger Spund also, ein erfolgreicher Bomberpilot gewesen – und jetzt mausetot im Wolf Creek wegen irgendeiner blöden Rede!

Gegen Jahresende folgte Nutter, neben zwei weiteren Insassen, der 45jährige kalifornische Kongreßabgeordnete Clement Woodnutt Miller (1916–62) durch einen Absturz seiner Piper Avalanche bei Eureka im Norden seines Landes – angeblich auch in diesem Fall im Dienst und bei Sturm.

* Laut Remscheider General-Anzeiger, aktualisiert 17. Dezember 2014. Zum Artikel ein Foto, das Kim mit Eltern und kleiner Schwester zeigt, alle strahlend, denn: „Die Familie ist stolz auf den schnellen Sohn und Bruder.“
** Terrorjahre. Die dunkle Seite der CIA in Italien, München 2006, S. 74–82



Berghe von Trips, Wolfgang Graf (1928–61), Autorennfahrer >Bugatti, Jean


Bergsträßer, Gotthelf (1886–1933), Orientalist >Lewi, Jerzy


Berhault, Patrick (1957–2004), Bergsteiger >Reifenberg, Ernst Robert


Bernoulli, Jakob II. (1759–89), schweizer Diplomat und Naturwissenschaftler. Als Sproß einer berühmten Baseler, vor allem aus Mathematikern bestehenden Gelehrtenfamilie, die über die entsprechenden Referenzen und Verbindungen verfügte, hatte es Bernoulli keine große Mühe bereitet, 1786 ins Paradies der Gelehrten*, nämlich in den engsten Gunstbereich des in St. Petersburg regierenden Zaren einzudringen. Er wurde zunächst Assistent, dann Vollmitglied der dortigen Akademie der Wissenschaften, außerdem Professor für Mathematik und zugleich Lehrer am kaiserlichen Kadettenkorps. Davon hatte er freilich nicht mehr viel, obwohl er auf Anraten von Freunden darauf verzichtete, sich einer von Moulovsky befehligten Expedition über die Meere als Schiffsastronom anzuschließen. Dafür sei seine Gesundheit zu schwach, sagten sie Moritz Cantor zufolge.**

Auch Rudolf Mumenthaler erwähnt die Anfälligkeit des Mathematikers, die ihm schon nach einjährigem Aufenthalt ein lebensbedrohliches Fieber eingebracht habe. Wieder leidlich auf den Beinen, vermählte sich Bernoulli Ende April 1789 mit Charlotte Euler, einer Enkelin des berühmten Mathematikers Leonhard Euler, und verbrachte die folgenden Wochen des ungewöhnlich heißen Frühsommers mit Lotte und wechselnden Gästen überwiegend in einer „Datscha“, die außerhalb des Stadtzentrums, unweit der „Apothekerinsel“, am Ufer der Newa lag. Laut Mumenthaler pflegte er von dort aus mehrmals täglich zu seiner „privaten“, kaum einen Kilometer entfernten Badestelle zu gehen, um zu schwimmen und sich zu erfrischen. Am 3. Juli, nach dem Mittagessen, verfuhr er in Begleitung seines Schwagers Niklaus Fuss nicht anders. Doch dieser muß plötzlich vom Ufer aus mit Entsetzen feststellen, daß Bernoulli, nach dem er sich umgesehen hat, im Begriff ist, „mit starrem Blick“ unterzugehen! Fuss kann ihn mit Mühe bergen und aufs Ufer ziehen, doch die alarmierten Ärzte treffen vor einer Leiche ein. Den 29 Jahre alten, seit sieben Wochen glücklich Verheirateten habe offensichtlich im Wasser der Schlag getroffen, wohl wegen der Hitze im Verein mit einem eben erst gefüllten Magen. So hatte sich Bernoullis „schwache Gesundheit“ auch ohne Seereise gerächt.

Kreisschulinspektor Ferdinand von Meggenhofen (1760–90) war keineswegs Bade-, vielmehr Jagdfreuden nachgegangen, als er Ende Oktober 1790, mit 30 Jahren, in der Gegend von Braunau, Oberösterreich, im Inn ertrank. Immerhin, er mußte sich dabei nicht mehr verfolgt sehen. Fünf Jahre früher hatte der studierte Jurist (Ingolstadt), inzwischen Regimentsauditor im oberbayerischen Burghausen, beträchtliche Schwierigkeiten mit der Obrigkeit des Kurfürstentums Bayern bekommen, weil er seit mehreren Jahren aktives Mitglied des antiklerikalen, in Maßen auch antiautoritären Geheimordens der Illuminaten war. Ein Auditor war eine Art Gerichtsreferendar. Der Geheimorden fühlte sich wie sein zeitweiliges Flaggschiff Freiherr Adolf von Knigge der Aufklärung verpflichtet, ging jedoch schon nach wenigen Jahren im selbstangelegten Sumpf der „Rechthaberei“, „Eitelkeit“, des „mystischen Formelkrams“ und der „Wichtigtuerei“ unter, wie jedenfalls Egon Friedell befindet.*** Der enttarnte Meggenhofen wurde damals vom Dienst suspendiert, ja er wurde gar, so Uwe Puschner, „auf unbestimmte Zeit in das Münchener Franziskanerkloster eingewiesen, um dort 'auf den rechten Weg der Tugend' zu gelangen“, allerdings aufgrund eines Gnadengesuches (und schon früherer Distanzierung vom Orden) bereits nach einem Monat Haft amnestiert.****

Über diese leidvollen Erfahrungen verfaßte Meggenhofen einen aufschlußreichen, schon damals vielgelesenen und -gerühmten Bericht (Meine Geschichte und Apologie), der erstmals 1786 erschien. Meggenhofen verteidigt darin vor allem seine „Menschenrechte“ auf Meinungsfreiheit und Entfaltung der Persönlichkeit. Ende 1787 konnte er dann, nach vergeblicher Stellensuche in Wien, den erwähnten Inspektorenposten übernehmen: im kaiserlichen Kreisschulamt zu Ried, Innviertel, Oberösterreich. Wie glücklich er damit war, entzieht sich meiner Kenntnis. Ende Oktober 1790 nahm er jedenfalls die Einladung seines ehemaligen Obersten, des Joseph Graf von Paumgarten zu Frauenstein, zu einem Jagdvergnügen an; es ging auf Wasservögel. Am späten Nachmittag des 26. Oktobers, einem Dienstag, setzte die achtköpfige Jagdgesellschaft mitsamt ihrer Ausbeute bei leichtem Hochwasser unweit von Ering in einem Kahn über den Inn, um in das jenseits, in Bayern gelegene gräfliche Landgut Stubenberg zu gelangen – und vermutlich tüchtig zu spachteln und zu bechern, was uns Walter Geiring***** aber nicht verrät. Schon war das andere Ufer „in greifbarer Nähe“ (25 Meter!), als der Kahn einen aus dem Wasser ragenden Wurzelstock rammte und dadurch kenterte. Während sich sechs der Verunglückten retten konnten, kamen ausgerechnet der Gastgeber, seines Zeichens sogar Reichsgraf, und unser Schulinspektor Meggenhofen zu Tode.

Der norwegische Schriftsteller Claus Fasting (1746–91), der sich nach Kopenhagener Studien- und Redakteursjahren wieder in seiner Heimatstadt Bergen niederließ, gehört in zeitlicher Hinsicht gewiß hierher – aber sonst? Fastings Aufnahme läßt sich nur rechtfertigen, wenn wir ihn im Sinne meiner Einleitung zu diesem Lexikon als bemerkenswerten Grenz- oder Grauzonenfall auffassen. Der vorzügliche Pianist, nachweisliche Hypochonder und ungewöhnlich belesene Pfarrerssohn wird aufgrund seiner literaturkritischen und herausgeberischen Tätigkeit im Geiste der französischen Aufklärung und des dänischen Historikers Sneedorff (einem „echten“ Unfallopfer, wie wir gleich sehen werden) zu den Wegweisern der modernen norwegischen Prosa gezählt, bekam jedoch selber sowohl in wirtschaftlicher wie offenbar auch in psychologischer Hinsicht nie ein Bein auf den Boden. Er hatte sich immer mal wieder mit geisttötenden Verlegenheitsarbeiten notdürftig über Wasser zu halten; selbst seine gelegentlich in Kopenhagen aufgeführten Dramen und mehrere Zeitschriftenprojekte erwiesen sich als Unfälle. Erst vier Jahre vor seinem Tod gelang es Fasting nach hartnäckigen Bewerbungen, einen Sitz im städtischen Magistrat und die dafür vorgesehene Vergütung von 400 Rigsdalern jährlich zu ergattern, doch ob er nun ausgerechnet damit sein Selbstbewußtsein stärkte, darf bezweifelt werden. Zuletzt krönte der ungefähr 40jährige Freund und Förderer der Literatur seine Mißgriffe, indem er sich in seine 13 Jahre alte Privatschülerin Alette Sophie verliebte, was diese sogar mit großer Leidenschaft erwidert haben soll. Zu allem Unglück war freilich auch noch Henrica Rohde in ihn vernarrt, die Mutter Alettes, eine Witwe. Das Drama endete zunächst damit, daß die eifersüchtige Mutter ihre Kinder zusammenraffte und Bergen den Rücken kehrte, wobei sie es anschließend nicht versäumte, Fasting öffentlich als schamlosen Verführer anzuprangern. Bald darauf, 1790/91, soll er zwei schwere Gichtanfälle erlitten haben, die ihm, mit 45 Jahren, den Rest gaben.

Makabererweise folgte der dänische Historiker Frederik Sneedorff (1760–92) seinem Bewunderer Fasting nach einem Jahr ins Grab, obwohl er erst 31, also beträchtlich jünger als der angebliche Sittenstrolch aus Bergen war. Mit 28 hatte es Sneedorff bereits zum Außerordentlichen Professor an der Kopenhagener Universität gebracht. Daneben unternahm er etliche Reisen, die ihn durch halb Europa führten. Seine Briefe von diesen Reisen wurden viel gelesen, vermutlich auch von Fasting. Am 14. Juni 1792 befand sich Sneedorff im Rahmen eines Englandbesuches auf der Fahrt nach Penrith, Grafschaft Cumbria. Als die Pferde seiner Postkutsche plötzlich scheuten und durchgingen, wollte er sich durch Absprung retten, landete aber unglücklich auf seinem Kopf und erlitt einen Schädelbruch, an dem er anderntags starb. Dies als Beleg für die Feststellung zu nehmen, die Verkehrsunfälle hätten nicht erst mit dem Auto begonnen, wäre aber verfehlt, weil nicht ein Zunftkollege des Verunglückten zu wissen scheint, warum die Postkutschengäule scheuten. Vielleicht war in einer nahegelegenen Textilfabrik gerade eine von diesen frühen Dampfmaschinen explodiert.

Fast genau das gleiche Schicksal widerfuhr am 13. Juli 1842 unweit von Paris dem genau gleichaltrigen ältesten Sohn des französischen „Königs“ Louis-Philippe, Ferdinand Philippe d’Orléans (1810–42): scheuende Kutschpferde, Absprung, Schädel auf Pflaster, aus. Der einzige Unterschied: durch diesen wahrscheinlich übereilten Sprung des „liberalen und sehr populären Prinzen“ kam die gesamte französische Thronfolge ins Wanken. Klaus Malettke behauptet, eigentlich sei es dem Kutscher gelungen, den Wagen „unter Kontrolle“ zu halten.****** Der Prinz hatte zu panisch reagiert.

* Rudolf Mumenthaler: Im Paradies der Gelehrten, Zürich 1996, Badeunfall S. 13–14, Sonstiges S. 234–40
** Allgemeine Deutsche Biographie, Band 2 (1875)
*** Kulturgeschichte der Neuzeit, 1927–31, hier einbändige Ausgabe München 1974, S. 694
**** Uwe Puschner in Neue Deutsche Biographie 16 (1990)
***** am 6. September 2012 auf nachrichten.at. Nach freundlicher Auskunft von Uwe Puschner, Historiker in Berlin, deckt sich Geirings Darstellung mit Angaben in Friedrich Samuel Mursinnas Werk Leben und Charakter berühmter edler Männer, die 1790 verstorben sind, Halle 1792, Artikel über Meggenhofen S. 149–54.
****** Die Bourbonen, Band 3, Verlag Kohlhammer 2009, S. 192



Bertero, Carlo G. L. (1789–1831), Arzt und Botaniker aus Piemont, Norditalien. Habe ich die dürren Quellen richtig verstanden, muß Bertero, nach dem ein ganzer Strauß von Pflanzen* benannt ist, streng genommen als verschollen gelten, da niemand Genaues über sein Ende weiß. Vermutlich sank er mit 41 Jahren auf den Grund des Pazifischen Ozeans. Republikanisch gestimmt, vielleicht auch nur von Napoleon begeistert, hatte er sein Heimatland schon 1816, als junger Mann, mit Frankreich vertauscht. Von dort aus ging er, zunächst als Schiffsarzt, in alle Welt. Er bereiste insbesondere die Westindischen und Pazifischen Inseln sowie Chile, und da er sich bereits als Turiner Medizinstudent für toxische Pflanzen interessiert hatte, galt sein Augenmerk vorwiegend der jeweiligen Flora. Im April 1831 von Tahiti nach Valparaiso unterwegs, dürfte er, mitsamt seiner jüngsten Pflanzensammlung, Schiffbruch erlitten haben. Jedenfalls kam sein Schiff nie in Chile an.

Der in Gießen aufgewachsene, patriotisch-demokratisch gesinnte Jurist, Hochschullehrer, „glänzende“, für manche BeobachterInnen auch „weihevolle“ Redner und Aktivist der Burschenschaftsbewegung Karl Follen (1796–1840) hatte als Mittel der nationalen Befreiung unter anderem „Tyrannenmord“ gerechtfertigt. Deshalb wurde er nach dem Attentat auf den Mannheimer Gelehrten August von Kotzebue 1819 als zumindest „geistiger“ Anstifter des jungen Mörders verdächtigt und verfolgt, denn dieser, der Theologiestudent Karl Ludwig Sand, hatte in Jena zu seinen Mitstreitern oder Jüngern gehört. Follen flüchtet sich zunächst nach Basel, dann Neuengland, wo er 1824 – noch unbeschadet eintrifft. Vier Jahre darauf verheiratet er sich. Möglicherweise war das in erster Linie eine Maßnahme der Tarnung: schließlich hatte es Follen, nun Charles mit Vornamen, schon immer mit „Jünglingsbünden“ gehabt. In seiner neuen Heimat unterstützt er den Kampf gegen die Sklaverei, fördert das Turnen im Sinne Jahns und wird Prediger der Unitarier. Am 13. Januar 1840, inzwischen 43 Jahre alt, will er von New York City aus zur Einweihung einer unitarischen Kirche in Lexington (bei Boston) fahren, doch sein gleichnamiges Schiff Lexington geht vor Long Island, rund vier Stunden nach dem Losmachen, in Flammen auf. Von 143 Menschen an Bord überlebten lediglich vier – Follen war nicht unter ihnen. Laut Ernst Rose hatte die Welt einen „Feuerkopf“ und „unbedingten Idealisten“ verloren, der der Sache der Freiheit stets „unter Hintansetzung aller praktischen und materiellen Erwägungen“ gedient hatte.** In der Tat hatte sich Follen durch sein Engagement wiederholt renommierte Ämter verscherzt, zuletzt in Cambridge an der Harvard-Universität. Dafür bewilligte ihm die Stadt seiner Gymnasialjahre eine Straße, die im Dreieck zwischen Universitätsbibliothek, Schiffenberger Weg und dem Gelände des Männerturnvereins 1846 CR Gießen liegt.

Der Seitenraddampfer Lexington verkehrte damals zunutzen des berüchtigten Reeders und „Eisenbahnkönigs“ Cornelius Vanderbilt und aller Fortschrittsfreunde, die auf die jeweils „schnellste“ Verbindung aus waren, als Linienschiff zwischen NYC und Boston. Am Unfalltag wurde der erkrankte Schiffsführer von einem Kapitän i.R. vertreten. Dazu gesellten sich Fehler aus früheren Umrüstungen und zahlreiche andere Fahrlässigkeiten in Fragen der Sicherheit. Jedenfalls war gegen Abend am mit Holz verkleideten Schornstein ein Feuer ausgebrochen, das nicht gelöscht werden konnte. Neben den Passagieren hatte der Dampfer 150 Ballen Baumwolle geladen. Das Schiff brannte lichterloh, während sich das Wasser des Atlantiks als eiskalt erwies. Es gab eine amtliche Untersuchungskommission, aber keine juristischen Folgen, soweit ich weiß.

Ein Witz für sich muß die Sache mit den drei vorhandenen Rettungsbooten gewesen sein. Da man unfähig gewesen war, die Kessel im Maschinenraum abzustellen, wurde gleich das erste Boot, nachdem es zu Wasser gelassen worden war, in ein Schaufelrad des Dampfers gesaugt. Ausgerechnet in dieses Boot war zuvor, wohl durch ein Mißgeschick, George Child gefallen, der erwähnte Kapitän i.R.. Die ganze Bootsbesatzung kam um. Bei den beiden anderen Booten waren die Zugseile falsch berechnet; dadurch schlugen die Boote mit dem Heck zuerst ins Wasser, worauf sie sofort sanken.

In meinem Artikel über das Mordopfer Koetzebue erwähnte ich einen Vorfall aus dem Juni 1817, der den designierten Mörder Sand stark mitgenommen haben soll: damals ertrank sein 21jähriger, aus Schwaben stammender Freund und Kommilitone Georg F. C. Dittmar (1795–1817) beim Baden (in Erlangen?) vor seinen Augen, ohne daß er ihm, wie behauptet wird, hätte helfen können. Genaueres weiß ich leider auch jetzt nicht. Vermutlich finden sich mehr Angaben zu diesem Unglück in der Literatur über Sand.

Während das Schiff, mit dem der Pflanzenjäger Bertero im Pazifik verschwand, eher eine Nußschale gewesen sein soll, galt der britische, mit Segeln bestückte Raddampfer SS President bei seiner Jungernfahrt 1840 als größtes Schiff der Welt. Doch schon Mitte März des folgenden Jahres geriet er auf der Rückreise von New York City nach Liverpool vor Kanada in einen heftigen Sturm und ward nie mehr gesehen. Er hatte auf dieser Fahrt über den Atlantik, je nach Quelle, 109 bis 136 Menschen an Bord, darunter den vielreisenden irischen Schauspieler und Theatermann Tyrone Power (1795–1841), der 45 oder 46 Jahre alt war.

Zwei Jahre darauf kam der britische, „klassizistisch“ orientierte Architekt und Gelehrte Henry William Inwood (1794–1843), wahrscheinlich im März, mit 48 Jahren bei einem unaufgeklärten Schiffsuntergang in der Nähe von Spanien um.

* Laut Isabella Spada Sermonti über 260: Dizionario Biografico degli Italiani, Band 9, Rom 1967
** Neue Deutsche Biographie 5 (1961)



Bessette-Kennedy, Carolyn (1966–99), Schwester des US-Präsidenten >Kelly, Grace


Best, Denzil (1917–65), Jazzmusiker >Ennis, Skinnay


Bevermeier, Franz-Josef (1945–70), wohl Student >Krahl, Hans-Jürgen


Bhabha, Homi Jehangir (1909–66), Atomwissenschaftler >Lema, Tony


Bhandari, Madan Kumar (1952–93), Politiker >Voos, Joachim


Bhanot, Neerja (1962–86), Flugbegleiterin >Becker, Detlef


Bibb, William Wyatt (1781–1820), US-Politiker >Gilbert, Nicolas


Binninger, Dieter (1938–91), Erfinder >Voos, Joachim


Bischof, Werner (1916–54), Fotograf. Durch seinen Militärdienst im Zweiten Weltkrieg war der angesehene schweizer Mode- und Werbefotograf auf ein anderes Sujet gestoßen: das Leid bedrohter oder verelendeter Menschen. Er veröffentlichte nun dokumentarische Fotos in der Presse, ab 1949 im Rahmen der engagierten Pariser Bildagentur Magnum. Für diese Agentur war schon Gerda Taro tätig gewesen, die 1937, mit 26 Jahren, an der Front im Spanienkrieg unter die Räder beziehungsweise Panzerketten kam und die bei mir unter den Mordopfern (Kapitel 91) eingeordnet ist. Bischofs eindringliche Bilder von diversen Kriegs- und Hungerschauplätzen fanden weltweite Verbreitung. Allerdings standen sie mit ihrer gekonnten Ästhetik oft im Widerspruch zu dem Elend, das sie zeigten – ein grundsätzliches Problem. Ab 1953 durchstreifte der zukünftige „Klassiker der Schwarzweißfotografie“ den amerikanischen Kontinent. Gefechte in Indochina hatte Bischof überlebt, aber hier, in den peruanischen Anden, traf den 38jährigen das Unfallpech. Am 16. Mai 1954 in einem Chevrolet Station Car mit dem Geologen Ali de Szepessy-Schaurek und dem einheimischen Chauffeur Luis Delgado unterwegs, kam der Wagen am Cerro Peña del Aguila (bei Cajamarca) in einem Ort namens „Adlernest“ von der Straße ab und stürzte in eine Schlucht. Alle drei starben. Wenige Tage nach dem Unglück gebar Bischofs Frau Rosellina, wohl in Zürich, ihren zweiten Sohn Daniel. Der erste, Marco, heute Bischofs Nachlaßverwalter, war damals knapp vier.

Wie wohl fast jeder weiß, war James Dean (1931–55) begehrtes Objekt von Fotografen. Der US-Filmschauspieler verlor sein erst 24jähriges Leben in Kalifornien als Fahrer eines deutschen Autos – er fuhr einen silberfarbenen Porsche 550 Spyder. Ich nehme einmal an, die Firmenhintergründe seiner vierrädrigen Rakete waren Dean ähnlich wenig bekannt und wichtig wie zahlreichen Wirtschaftswunderdeutschen auch. Das Volkswagenwerk in Wolfsburg war um 1940 unter der Leitung Ferdinand Porsches mit Hilfe jener Gelder aus dem Boden gestampft worden, das die Faschisten den zerschlagenen Gewerkschaften geraubt hatten. Eckart Spoo behauptet (2013), Ingenieur und „Wehrwirtschaftsführer“ Porsche habe damals „so viele Fremdarbeiter, Arbeitssklaven, auch KZ-Häftlinge“ bekommen, wie er nur haben wollte. Dieses Projekt VW war nämlich Hitlers Herzenssache gewesen. Als es 1945 vorübergehend lahmgelegt wurde, machte sich Porsches Schwiegersohn Anton Piëch vor den bösen Russen nicht ohne rund 10 Millionen Reichsmark im Rucksack nach Zell am See in Österreich dünne. Dort besaß der Clan seit 1941 eine erholsame Zufluchtstätte in Gestalt eines Gutshofes. Ferdinand Porsche muß eine unglaublich gute Witterung oder aber blendende Beziehungen besessen haben, schlug man doch jetzt das Salzburger Land der US-Besatzungszone zu. Ob Schwiegersohn Anton dort beim Wandern auch einmal im nahen Städtchen Mittersill einkehrte und dem Schwiegersohn Benno des aus Wien vor den Russen geflüchteten Komponisten Anton Webern (s. weiter oben) die Hand schüttelte, dürften bestenfalls drei oder vier Eingeweihte wissen.

Im selben Jahr 1955 – als Dean bei der Anfahrt zu einem Rennen in Salinas bereits auf dem Highway verunglückte – starb der aus Deutschland eingewanderte New Yorker Möbelfabrikant Hans Knoll (1914–55) gleichfalls bei einem Autounfall. Allerdings war er bereits 41. Er hatte sich den US-Markt für „Designermöbel“ erobert, weil er ohnehin über gute Beziehungen zu all den aus Deutschland geflüchteten „Bauhäuslern“ verfügte, etwa Marcel Breuer, Walter Gropius, Mies van der Rohe. Die Rechte an dessen weltberühmter Ikone Barcelona-Sessel, geschaffen 1929, erwarb Knoll erst 1953. Der unter dem Banner „Fortschritt/Avantgarde/Innovation“ segelnde und Geld einstreichende Ikonenhändler hatte inzwischen, nach dem Krieg, damit begonnen, Niederlassungen mit „Schauräumen“ in aller Welt zu gründen. Das hatte, was ihn persönlich anging, freilich schon an einem Oktobertag des Jahres 1955 in Kuba ein Ende, als er, angeblich auf „bussiness trip“, mit einem Lastwagen zusammenstieß. Wie es der Zufall so will, fuhr der blonde und blauäugige Hüne Knoll, der aus einer schwäbischen Tischler- und Polstererfamilie stammte, ebenfalls Porsche, so jedenfalls (beleglos) die englischsprachige Wikipedia. Das Steuer seines Möbelimperiums übernahm seine Witwe Florence, die einst beim Architekten Eliel Saarinen studiert hatte. Zwei Jahre darauf heiratete sie den Bankier Harry Hood Bassett. Mit Knoll hatte sie sowieso schon „in Scheidung“ gestanden. Der hatte sich, Jan Logemann zufolge*, auf seiner Geschäftsreise durch die von Herrn Batista geleitete Zuckerrohrinsel von einer jungen Geliebten begleiten lassen, der Knoll auf diese Weise ebenfalls den Abtritt von der Erde versüßen konnte. Knoll habe auch in Kuba bereits einen showroom besessen, dazu noch die Aufgabe, die US-Botschaft neu einzurichten. Wie nun jene genauso tote Begleiterin hieß, verrät uns Logemann nicht. Was ist schon so ein Spielzeug gegen einen echten Designerstuhl? Ob ihr wenigstens die Leute um Castro, Che und Cienfuegos (1959) ein Denkmal setzen ließen? Weil sie, vielleicht, einen transnational tätigen Kapitalisten zum Tode verführt hatte?

Liest man die spärlichen Berichte über den süddeutschen „linken“ CDU-Politiker Franz Czisch (1908–56), der mit 48 Jahren im Stuttgarter Straßenverkehr verunglückte, könnte man glatt einen Mordfall wittern. Als TäterInnen böten sich lokale Neidhammel, aber auch Bonner Erzfeinde des Ahlener Programms an. Wie es aussieht, war der „halbjüdische“, zudem sozialistisch gestimmte studierte Jurist Czisch bereits um 1933 so sehr angeeckt, daß ihm eine akademische Laufbahn versperrt war. Stattdessen stellte er sich im Verein mit seiner frischangetrauten Ehefrau Katharina (1934) am Schwäbisch Gmünder Marktplatz hinter den Tresen der einzig noch verbliebenen (nicht „arisierten“) Filiale der väterlichen Kette von Süßwarengeschäften. Um Kriegsdienst und Zwangsarbeit kam das Ehepaar irgendwie glücklich herum. Nach Kriegsende setzten sich die beiden MitgründerInnen einer Schwäbisch Gmünder Ortsgruppe der CDU vor allem für die „Vertriebenen“ ein, die offenbar massenhaft in der Stadt eintrafen und beispielsweise Unterkünfte benötigten – die die Alteingesessenen lieber für sich behalten hätten. Hier winken die bekannten Interessensgegensätze und Feindschaften. 1946 wurde Franz Czisch, als „nicht vorbelasteter“ engagierter Einwohner, zum Oberbürgermeister der östlich von Stuttgart gelegenen Kreisstadt bestimmt. In dieser Eigenschaft sorgte er unter anderem für die Beseitigung des auf dem Marktplatz stehenden Kriegerdenkmals, ohne Zweifel eine Heldentat. Im Zuge der nächsten lokalen Wahlen 1948 kam es freilich zu starken Anfeindungen gegen die Czischs. So habe man (Schaufenster?-)Scheiben eingeschlagen und das Auto der Czischs in die Rems (den örtlichen Fluß) befördert, ist beim Redakteur der Gmünder Tagespost Michael Länge zu lesen.**

Zum neuen Oberbürgermeister wurden Parteifreunde Czischs gewählt, zunächst Franz Konrad, der trotz oder gerade wegen seiner Nazi-Vergangenheit fast zwei Drittel der Stimmen einheimste, jedoch nicht den Segen der US-BesatzerInnen fand, dann Hermann Kah. Wahrscheinlich hielten sich die freundschaftlichen Gefühle dieser MitstreiterInnen Czisch gegenüber sehr in Grenzen. Der abgewählte Franz Czisch, streckenweise sogar als „Kommunist“ beschimpft, wird von vielen Bekannten geschnitten, zieht sich aus der Politik zurück und eröffnet auswärts weitere Filialen seines Süßwarengeschäfts, so auch in Stuttgart. 1956 zieht die Familie (fünf Kinder) eben dort hin, doch schon im Oktober wird Czisch von dem erwähnten, so schnöden wie haarsträubenden Unfall ereilt. Laut Auskunft seiner Tochter Barbara, Jahrgang 1942, wurde ihm an einer Straßenkreuzung die Vorfahrt genommen. Während der Schuldige unverletzt blieb, erlag Czisch am 4. Dezember einer Embolie aufgrund eines nicht oder zu spät erkannten Trommelfellrisses. Die Stuttgarter Zeitung (vom 6. Dezember) registrierte den Verlust dieses Mitbürgers in vier kleingedruckten Zeilen.

Immerhin hat man sich in Schwäbisch Gmünd im Laufe der Zeit zu einigen Ehrungen für den von vielen Bürgern ungeliebten Nachkriegsbürgermeister Czisch durchgerungen, etwa zu einer Gedenktafel am ehemaligen Geschäftshaus, zur obligatorischen Benennung einer Straße – und zum Kriegerdenkmal. Auch von diesem schlechten Scherz berichtet Länge***, der sich wiederum auf Aussagen des ältesten Czisch-Sohnes Reinhart stützt. Damals, als er sie abreißen ließ, habe Franz Czisch den städtischen Bauhof angewiesen, die aus Bronze gegossene, mordslange, ursprünglich den „Gefallenen“ des Ersten Weltkrieges geweihte Säule einschmelzen zu lassen. Sie wurde jedoch auf dem Güterbahnhof eingelagert. Kaum war Czischs Amtszeit 1948 beendet, zog man sie hervor und pflanzte sie, auf dem Marktplatz, wieder an der ihr vertrauten Stelle auf. Nun ehrte (und ehrt sie bis zur Stunde) die „Gefallenen“ beider Weltkriege. Einzige Veränderung darüber hinaus: man hatte den Schöpfer des 1935 entstandenen Werkes, Wilhelm Jakob Fehrle, vorher gebeten, den mit Hakenkreuz bewehrten Adler, der die Säule gekrönt hatte, durch den Erzengel Michael zu ersetzen, also durch einen Engel mit Schwert. Das tat er. Schließlich war es Jacke wie Hose; die Feinde wechseln, der Staatsschutz bleibt.

Im selben Jahr 1956 gab es einen Verlust auf der anderen Seite – wie wohl trotz niedrigem Informationsstand behauptet werden darf. Der aus Leipzig stammende, bereits im „Dritten Reich“ ausgesprochen vielgelesene „Unterhaltungsschriftsteller“ Arthur-Heinz Lehmann (1909–56) hatte sich nach dem Krieg, in den er zumindest streckenweise als Soldat der Wehrmacht eingegriffen hatte, mit seiner Frau Steffi unweit der Grenze zu Bayern in den tiroler Bergen niedergelassen, wo er unaufhaltsam weiter Bücher der Kragenweite Heftchenroman ausspie, zudem den Schwingen-Verlag (Kufstein/Wien/Rosenheim) betrieb. Lehmanns ungefähr pferdeschwanzlange Werkliste deutet auf mindestens vier große Leidenschaften des Autors hin: für kriegerische Auseinandersetzungen unter Männern, für Frauen, für Pferde und schließlich ganz allgemein für Menschen blauen Geblüts. Lehmanns erfolgreichstes Werk soll der 1939 erschienene Roman Hengst Maestoso Austria gewesen sein. Darin verliebt sich ein besonders in Lipizzianer vernarrter Reitlehrer in eine ungarische Gräfin, die selbstverständlich ebenfalls Pferdenärrin ist. So gehört ihr die edle Stute Deflorata – ungelogen. Von ihr selber schweigen wir lieber. Der Reißer wurde 1956 sogar verfilmt, wobei das Traumpaar von Paul Klinger und Nadia Gray gespielt wurde.****

Außerdem taucht in Hermann Kugelstadts Besetzungsliste eine Elfie [Elfriede] Weißenböck auf. Nach Kurzmeldungen des Spiegels (39/1956) und des Hamburger Abendblatts (30. August 1956) hatte die 23jährige Filmschauspielerin, die ohnehin im Begriff stand, die nächste Gattin des genau doppelt so alten Lehmanns zu werden, neben ihm im Wagen gesessen, als sie gemeinsam zur Premiere des Filmes nach Hannover zu reisen gedachten. Sie kamen jedoch, auf der Autobahn Salzburg–München, lediglich bis Prien, das am Chiemsee liegt. Nach Behauptung des Spiegels hatte Lehmann den Wagen (auf einer Autobahn?) „gegen einen Baum gesteuert“. Warum, verrät das Wochenblatt nicht; schließlich brauchen spätere Doktoranden auch noch etwas zu tun. Von Weißenböck heißt es im Hamburger Abendblatt, sie sei bei diesem Verkehrsunfall schwer verletzt worden. Wie alt wurde sie? Und wie glücklich?

* 8. Juni 2011
** Psychology 2011
*** Sondernummer der Gmünder Tagespost zum Stadtjubiläum, Juli 2012, S. 38
**** Briefmarke mit Filmplakatausschnitt



Blackley, Martin (1976–2002), Sportler >Mestre-Ferreras, Audrey


Blagin, Nikolai Pawlowitsch (1899–1935), Testpilot >Valier, Max


Blake Mora, Francisco (1966–2011), Politiker >Deptula, Leszek


Blanchard, Sophie (1778–1819), Ballonfahrerin >Pilâtre de Rozier, Jean-François


Bleichröder, Georg von (1857–1902), jüdischer Bankier aus Berlin. Um 1895 erstand er mit Hilfe der vom Vater geerbten Millionen (Bankhaus S. Bleichröder, Unter den Linden) im heutigen Erftkreis (bei Köln) ein Schloß nebst Gestüt, schwänzte so manche Aufsichtsratssitzung und gab sich in seinen letzten Lebensjahren lieber der Pferdezucht hin. Neben möglichst schnellen Pferden galt seine Leidenschaft Automobilen. Im Juni 1902 nach einem Parisbesuch mit der Eisenbahn in Düren eingetroffen, schwang sich der schnauzbärtige 44jährige hinter das Steuer seines dort abgestellten Wagens, um nach Schloß Lechenich zurückzukehren. Nach zeitgenössischen Berichten, die der Erftstädter Archivar Frank Bartsch zusammengetragen hat*, pflegte der „Baron“ die rund 22 Kilometer lange Strecke in lediglich 16 bis 17 Minuten zurückzulegen, das wären im Schnitt knapp 80 Sachen. Man bedenke, wir befinden uns im Jahr 1902. Bleichröders „rasendes“ Automobil war unter den Einheimischen „gefürchtet“; Klagen habe er mit Drohungen erwidert. Am 11. Juni krachte es dann. Zwischen Herrig und Lechenich, unweit des sogenannten Herriger Bäumchens, kam dem knatternden Pferdenarren ein Pferdefuhrwerk entgegen. Das Pferd scheute, stellte sich quer – Bleichröder fuhr hinein. Man schaffte ihn ins Schloß, wo er seinen schweren Verletzungen kurz darauf erlag. Die Lokalpresse betonte Bleichröders „eigenes Verschulden“ an der Katastrophe. Der Kutscher kam offenbar mit dem Leben davon, doch das Pferd möchte man, an Bleichröders Stelle, der die Pferde ja so sehr liebte, nicht gesehen haben. Ob der Kutscher Schadenersatz forderte, ist nicht bekannt. Ähnlich stumm ist es um Bleichröders persönliche Verhältnisse bestellt. Es heißt, der unverheiratete Baron habe sein Schloß lediglich als Sommersitz genutzt, ansonsten vorwiegend in Berlin gelebt.

Erstaunlicherweise wurde Bleichröders Unfalltod sogar vom Kaiser (Wilhelm II.) zum Anlaß genommen, vor der „Gefahr für Menschen und Thiere“ zu warnen, die vom Automobil ausgehe, und „strengste“ Geschwindigkeitsbeschränkungen vorzuschlagen. Erstaunlich, weil Bleichröders Vater Gerson Vertrauter Bismarcks und ein wichtiger Finanzier des preußischen Militarismus gewesen war. Aber bekanntlich waren solche staatsoberhäuptlichen Rügen an die Adresse der Beschleunigungswütigen ohnehin nicht anders in den Wind gesprochen wie etwa die Milliarden Appelle gegen die Kriegsgefahr, mit denen man inzwischen alle auf den Weltmeeren kreuzenden Flugzeugträger füllen könnte.

Der Ornithologe Carlo von Erlanger (1872–1904), gleichfalls von blauem Geblüt, hatte sich bereits im Park der elterlichen Villa Carolina für die Vögel erwärmt. Vater Wilhelm, Jurist aus einer Frankfurter Bankiersfamilie, auch Jägersmann, hatte sich im nahen Ingelheim (bei Mainz) niedergelassen, wo er durch fleißige Ankäufe zum größten Grundbesitzer des Rhein- und Weinstädtchens geworden war.** Den Sohn drängte es nach Studium und Militärzeit (Leutnant der Reserve) in die Ferne. Damit hatte er gute Aussichten, in Afrika zu sterben, doch überstand er nicht weniger als drei Expeditionen, die ihn zuletzt bis zum Äquator (in Somalia) geführt hatten, unbeschadet – um einen Tag vor seinem 32. Geburtstag in Salzburg durch einen Autounfall umzukommen. Die Sache ging durch die Wiener und Ingelheimer Presse, weil der junge Baron von Erlanger als Naturforscher einige Veröffentlichungen und Sammlungen sowie einen in Berlin stattgefundenen Gedankenaustausch mit dem Kaiser vorzuweisen hatte: dort hatten sich beide Herren 1902 auf der Deutschen Geweihausstellung getroffen. In Salzburg saß Von Erlanger zwei Jahre darauf, am 4. September 1904, neben seinem chauffierenden Vetter in einem Automobil, das in einer Kurve am Hotel Kaiserin Elisabeth mit einer „Tramway“ zusammenstieß. Besonders die Ingelheimer Presse unterstrich nur zu gern die Behauptung des Vetters, der Lokomotivführer der gemeingefährlichen Dampfstraßenbahn habe es versäumt, „das an dieser Stelle unbedingt notwendige Glockenzeichen“ zu geben. Die „Tramway“ fuhr dem Baron so heftig in die Seite, daß er noch am Unglückstag verstarb. Wohl hätte dessen Erzeuger kaum finanzielle Gründe gehabt, einen Rechtsstreit zu fürchten, zumal er ja Jurist war, aber davon ist in den Quellen nicht die Rede. Der verstorbene Filius kam unter beträchtlicher Anteilnahme in die Ingelheimer Familiengruft.

Unter Medizinern ist der Neurologe Carl Wernicke (1848–1905) zumindest für seine Entdeckung des „sensorischen Sprachzentrums“ (daher auch: Wernicke-Areal) bekannt, die ihm bereits in jungen Jahren gelang. Vor seinem verhängnisvollen Radurlaub, der ihn und einen ihn begleitenden Assistenzarzt an Pfingsten 1905 längs durch den Thüringer Wald führen sollte, leitete er die Nervenklinik in Halle. Bei Gräfenroda war der Urlaub vorbei. Wie der Arnstädter Anzeiger am 16. Juni des Jahres meldete, begegnete den beiden Radwanderern auf der Landstraße ein schwerbeladenes (vermutlich von Pferden gezogenes) Holzfuhrwerk. Beim Versuch, diesem auszuweichen, sei der durchaus langsam fahrende, übrigens vollbärtige 57 Jahre alte Herr Professor mit seinem Rade wahrscheinlich an einen Stein geprallt und dadurch „so unglücklich gerade vor das Hinterrad des Wagens“ gestürzt, „daß dasselbe ihm über Brust und Kopf hinwegging und ihn lebensgefährlich verletzte.“ Er wurde ins nahe Gasthaus Zum wilden Geratal geschafft, wo er freilich trotz ärztlicher Fürsorge nach zwei Tagen verstarb. Die persönlichen Vorlieben oder Familienverhältnisse Wernickes, der auch als „Geheimrat“ bezeichnet wird, bleiben in den Quellen unerwähnt. Wie jedoch zu lesen ist, hatte er seine Erkenntnisse auf dem Gebiet der Aphasie (durch Hirnschädigung erworbene Sprachstörung) vornehmlich durch Untersuchungen an Unfallopfern gewonnen.

* Kontinuität und Wandel auf dem Lande. Die rheinpreußische Bürgermeisterei Lechenich 1815–1914, Weilerswist 2012
** Angelika Schulz-Parthu: Carlo von Erlanger, Ingelheim 2004, bes. S. 4 und 24



Blind, Adolphe (1862–1925), schweizer Magier >Chung Ling Soo


Bliss, Philip Paul (1838–76), frommer US-Komponist. Am 29. Dezember 1876 kämpfte sich der Pacific Express von Erie aus durch die verschneiten Bundesstaaten Pennsylvania und Ohio. Aber der Schnee war noch nicht das Schlimmste. Vor der Stadt Ashtabula führte eine erst vor rund 10 Jahren errichtete schmiedeeiserne Fachwerkbrücke über die Schlucht des Ashtabula Rivers, Spannweite 47, Höhe im Schnitt 20 Meter. Als der mit rund 150 Personen besetzte Zug sie befuhr, brach sie aufgrund von Konstruktions- und Baufehlern, wie sich später herausstellte, zusammen und riß den Zug mit sich in die Tiefe. Wegen der Öfen in den Waggons ging er sofort in Flammen auf. Die Hitze des Infernos ließ selbst die Eisdecke des Flusses schmelzen; etliche in den Trümmern eingesperrte Insassen ertranken. Andere verbrannten oder brachen sich das Genick.

Im ganzen wurden 92 Menschen getötet, über 60 verletzt. Den für Bau und Wartung der Brücke verantwortlichen Chefingenieur der Lake Shore & Michigan Southern Railway, Charles Collins, fand man drei Wochen später mit einer tödlichen Schußwunde am Kopf in seinem Bett auf. Man sprach von Selbstmord aus Gewissensnot. Allerdings wiesen der Tatort und andere Umstände einige offensichtliche Ungereimtheiten auf, die die New York Times noch knapp zwei Jahre später veranlaßten, ein „foul play“ zu vermuten, also einen vertuschten Mord.* Vielleicht wollte jemand Racheengel spielen oder Enthüllungen vor dem amtlichen Untersuchungsausschuß verhindern. Collins' Vorgänger Amasa Stone, Mitkonstrukteur der Brücke und dann zum Direktor der Eisenbahngesellschaft aufgestiegen, brachte sich 1883, knapp sieben Jahre später um. Beide Männer – juristisch nie belangt – sollen in der Tat stark an Schuldgefühlen und Selbstzweifeln gelitten haben.

Zu den Todesopfern aus dem Zug zählten der 38jährige Komponist und Evangelist Philip Paul Bliss und dessen Frau Lucy, von der das Alter, mal wieder, nicht überliefert ist, weil sie keine Rolle spielte. Bliss aus Pennsylvania, ein Sohn der Unterschicht, hatte sich in seiner Jugend ziemlich zeitgleich für Musik und Religion erwärmt. Nun zog er schon seit etlichen Jahren mit methodistischen oder presbyterianischen Erweckungspredigern im Nordosten umher, schrieb viele fromme Lieder, teils auf eigene Texte. Als sein Waggon über die Brücke ratterte, hatte er vielleicht gerade über so etwas wie Eine feste Burg ist unser Gott nachgedacht. Den Gospelsong Hold the Fort, von Erzählungen des Majors Daniel Webster Whittle aus dem Bürgerkrieg inspiriert, hatte er bereits geschrieben. Oder er beugte sich im Abteil gerade zu einem Kind vor, deutete mit dem Daumen auf seine eigene Brust und erklärte dem Kind unter Kopfnicken: Jesus Loves Even Me. So der Titel eines anderen Bliss-Liedes.

Das Unglück, dem der schweizer Architekt Wilhelm Bubeck (1850–91) zum Opfer fiel, ähnelt dem eben geschilderten in vielem so sehr, daß ich mich kurz fassen will. Dieses Mal überspannte die eiserne Fachwerkbrücke die Birs. Am 14. Juni 1891 hatte der Zug erst vor einigen Minuten Bubecks Heimatstadt Basel verlassen, wo der 40jährige inzwischen die Allgemeine Gewerbeschule leitete. Vielleicht fuhr er in Urlaub oder lediglich, wie zahlreiche andere Fahrgäste, zu einem großen kantonalen Sängerfest, das in Münchenstein stattfand. Als ein Gutteil des Zuges kurz vor Erreichen des dortigen Bahnhofs mitsamt der Münchensteiner Birsbrücke in den angeschwollenen Fluß stürzte, waren im Ergebnis 73 Tote und 171 Verletzte zu beklagen. Schuld gab man sowohl baulichen Mängeln wie groben Fahrlässigkeiten, die sich die (private) Jura-Simplonbahn-Gesellschaft als Betreiberin der Strecke geleistet hatte. Die Katastrophe erregte weltweites Aufsehen. Über Bubecks familiäre Verhältnisse geben meine Quellen keine Auskunft.

Den Bau der Gotthardbahn hatte Bubeck noch überlebt. Daran war er, nach seinem Architekturstudium in Stuttgart, 1873/74 vorübergehend als Assistent im Hochbaubüro beteiligt gewesen. Vielleicht hatte er mit Louis Favre (1826–79) sogar gelegentlich einen Kognak gekippt – den schweizer Ingenieur erwischte es damals ausgerechnet im „eigenen“, nahezu fertiggestellten Gotthardtunnel. Zu diesem Zeitpunkt war der gelernte Zimmermann als oberster Tunnelbaumeister, der den Zuschlag für das Mammutprojekt aufgrund recht abenteuerlicher Versprechungen erhalten hatte, bereits vom finanziellen wie auch gesundheitlichen Ruin bedroht. Seine Angestellten sehen ihn förmlich von Woche zu Woche altern. Am 19. Juli 1879, ein halbes Jahr vorm (erfolgreichen) Durchstich des Tunnels, der die Kantone Tessin und Uri auf rund 15 Kilometer Länge verbindet, bricht der weißhaarige 53jährige bei einem nächtlichen Kontrollgang mit einer geplatzten Hauptschlagader im Bauch zusammen – aus. Die berüchtigte „Gründerzeit“ hat einen ehrgeizigen, schlitzohrigen, weitgehend gewissenlosen sogenannten Unternehmer weniger. Neben Favre kostete das Bauwerk mindestens 177 minderrangigen verunglückten Mitarbeitern das Leben, von unzähligen Verletzten und Erkrankten ganz zu schweigen. Die Arbeitsbedingungen waren verheerend. Bei einem Polizeieinsatz gegen Streikende fielen (1875) vier Tote an.**

* NYT, 24. November 1878
** Konrad Kuoni, NZZ FOLIO, Juli 1995



Bocăneț, Alexandru (1944–77), Filmregisseur >Konrad, Robert E.


Bockelmann, Werner (1907–68), Politiker >Krahl, Hans-Jürgen


Bockhorn, Dieter (1938–83), Reeperbahn-Fürst >Baker, Chet


Böder, Volker (1965–2012), Geodät. Der Hamburger Vermessungsingenieur und Hochschullehrer starb im Dienst. Er war zuletzt schwerpunktmäßig mit der „Optimierung der Sensorik des hydrographischen Forschungsschiffes Level-A“ seiner Universität befaßt. Im Sommer 2012 testete die vierköpfige Besatzung des vergleichsweise kleinen Schiffes, das man eher Boot nennen würde, im Auftrag des baselstädtischen Bau- und Verkehrsdepartements neue Instrumente zum Ausmessen der Schiffahrtsrinnen im Rhein. Dabei stieß die Level-A am 23. August in Höhe der Baseler Schwarzwaldbrücke mit einem belgischen Gütermotorschiff zusammen; sie wurde überfahren und kenterte. Die Besatzung ging über Bord. Neben dem Bootsführer, Kapitän Harro Lüken, kostete der Unfall auch dem 47 Jahre alten Hamburger Professor und Vater zweier Kinder das Leben. Er starb anderntags im Krankenhaus. Das „gegnerische“ Fahrzeug, ein immerhin rund 100 Meter langes, bald haushohes Frachtschiff, hatte einen Lotsen an Bord: zum einen wegen der Brücke, zum anderen weil die Fahrrinne wegen Bauarbeiten verengt und nur für „Einbahnverkehr“ zugelassen war. Wahrscheinlich hätte der Frachter Vorfahrt gehabt, was hieße, das Forschungsboot hätte sich gar nicht in der Fahrrinne aufhalten dürfen.*

Wenig früher endete ein Musiker im Meer. Der portugiesische Pianist und Komponist (vorwiegend Jazz, Filmmusik) und Fotograf Bernardo Sassetti (1970–2012) war am 10. Mai 2012 westlich von Lissabon mit seiner Kamera an der Küste unterwegs, als er, offenbar als Fußgänger, bei Cascais von dort gelegenen Klippen in die Tiefe stürzte. Nach Aussagen von Freunden hatte der 41jährige, der verheiratet und zweifacher Vater war, Fotos für ein geplantes Buch schießen wollen. Das JazzEcho betont, Sassetti sei ein anerkannter und erfolgreicher Künstler gewesen und spricht (ungeprüft) von einem Unfall. Die Rettungskräfte hätten drei Stunden gebraucht, um Sassettis Leichnam aus dem aufgewühlten Meer zu bergen.** Die sogenannte offizielle Webseite beschränkt sich in ihren Angaben zum Ableben des Künstlers auf das Datum, falls ich nichts übersehen habe.*** Sterben muß schließlich jeder. Eine Unverschämtheit.

Stellvertretend für viele hundert Menschen, die Jahr für Jahr aus vermutlich recht anderen Gründen als Sassetti im Meer enden und die gleichermaßen als Unfall- wie als Mordopfer aufgefaßt werden können, möchte ich hier auf die 21 Jahre alte afrikanische Sportlerin Samia Yusuf Omar verweisen, siehe Kapitel 191. Sie starb ebenfalls 2012, bei Malta im Mittelmeer.

* Martin Regenass in der Basler Zeitung vom 4. September 2012
** 14. Mai 2012
*** casa



Bodrow, Sergei S. (1971–2002), Filmregisseur >Majerus, Michel


Boero, Jorge Martinez (1973–2012), Motorradrennfahrer >Clark, Spencer


Bohlen und Halbach, Claus von (1910–40), Krupperbe und Hitlersoldat, aufgewachsen in der bekannten Essener Villa Hügel. Nach dem sogenannten „Anschluß“ Österreichs (im Frühjahr 1938) war das dritte Kind von Berta und Gustav Krupp endlich in der Lage, die Leitung der Berndorfer Metallwarenfabrik und die Führung Sita von Medingers zu übernehmen, die zufällig aus dem österreichischen Adel kam. Er heiratete sie – Ende September, und machte ihr gleich einen Sohn. Das war auch höchste Zeit gewesen, weil schon im folgenden Jahr ein Krieg ausbrach, den eigentlich keiner gewollt hatte. Zwar fiel der Oberleutnant der Luftwaffe Claus von Bohlen und Halbach nicht an der Front (er war bereits in Polen mit dabei gewesen), jedoch in der Eifel, wo er Anfang 1940, als Pilot, eine neue Atemschutzmaske zu testen hatte. Bei einem Flug am 10. Januar versagte sie leider, wohl wegen Vereisung, so gründlich, daß Von Bohlen, noch keine 30, in Ohnmacht – und seine Messerschmitt Bf 109, beim Dorf Metterich (bei Bitburg), in einen Wald fiel. So hatte der Faschismus einen Märtyrer mehr. Von Bohlen bekam (1957) im Wald einen Gedenkstein, den sich noch heute jeder erwandern kann. Im übrigen war das neuentwickelte einsitzige Jagdflugzeug aus Bayern schon durchaus erfolgreich bei der berüchtigten Legion Condor in Spanien und beim erwähnten Überfall auf Polen eingesetzt worden – dort vermutlich noch mit Cläuschen. Wie ich lese, ist der Grad des Heldentums beziehungsweise der Begünstigung deutscher Oligarchen-Sprößlinge unter Fachleuten umstritten.*

* Luftwaffe-Forum April 2007


Böhm, Christine (1954–79), Schauspielerin >Köhlmeier, Paula


Bohnke, Emil (1888–1928), Komponist >Fuertes, Louis


Bokelmann, Christian L. (1844–94), Berliner Maler >Hellqvist, Carl Gustaf


Böken, Jenny (1989–2008), Jungsoldatin der Deutschen Marine. Die knapp 19 Jahre alte Sanitätsoffiziers-
anwärterin geht am 3. September 2008 unter bis heute umstrittenen Umständen vor Norderney auf einem bekannten sogenannten Schulschiff über Bord und ertrinkt in der Nordsee. Alle Welt, Wikipedia wie immer voran, faselt mal wieder von einem „tragischen“ Vorfall. Wenn hier aber etwas tragisch war, dann die folgenden Entschlüsse Jennys: 1. sich ihre Brötchen ausgerechnet emanzipatorisch, nämlich als Soldatin zu verdienen, 2. ihre Ausbildung ausgerechnet im Geiste des schreibenden Seehelden Gorch Fock (in der zweiten Hälfte des Beitrags) vornehmen zu lassen, 3. die Ranghöhe anzustreben, die es Arschlöchern gestattet, als Dr. der Germanistik oder als Oberstabsärztin der Marine gebührend auf alle anderen Arschlöcher herabzusehen.

Das Unglück geschah in mäßig stürmischer, ansonsten stockdunkler Nacht bei Fahrt unter vollen Segeln. Augenzeugen gab es angeblich nicht. Ein Kamerad sah bloß einen Schatten über der Reling des Oberdecks verschwinden und zog daraus die beinahe richtige Schlußfolgerung: Mann über Bord. Trotz sofortiger Rettungsmaßnahmen wurde die junge blonde „Kadettin“ aus dem Raum Aachen, die zur vierstündigen, 25köpfigen Segelwache vor Mitternacht gezählt hatte, erst nach rund 11 Tagen bei Helgoland, 120 Kilometer entfernt, aus dem Meer gezogen, von einem Fischerei-Forschungsschiff, natürlich als Leiche. Sie war noch bekleidet, aber die Schnürstiefel fehlten. Bei der Obduktion fand sich in der Lunge der angeblich Ertrunkenen erstaunlicherweise nicht ein Tropfen Wasser. Die Eltern bezweifelten die Güte der Rettungsmaßnahmen und verwiesen in den folgenden Jahren auf weitere (angebliche) Ungereimtheiten, bissen mit ihren juristischen Anstrengungen jedoch auf Granit.

Für die Behörden, darunter die Kieler Staatsanwaltschaft, war es ein Unfall, möglicherweise auf Übermüdung oder sonst einen Schwächeanfall der Wache schiebenden Kadettin zurückzuführen. Für eine Straftat hätten sich keine Anhaltspunkte gefunden. Dagegen wurden „dienst- und strafrechtliche Ermittlungen“ gegen einen Kapitänleutnant eingeleitet, der sich im Internet, auf Böken gemünzt, über „die dümmste Methode, aus dem Leben zu scheiden oder sich unfruchtbar zu machen“, verbreitet hatte, wie der Tageszeitung Die Welt am 20. Juli 2012 zu entnehmen war. Er spielte damit auf die Tatsachen, vielleicht auch nur Gerüchte an, wonach Böken damals an Unterleibsschmerzen und Schlaflosigkeit gelitten habe und erst am Unglückstag vom Schiffsarzt wieder diensttauglich geschrieben worden sei. Francois Duchateau zufolge* sind inzwischen, nach Böken, auch etliche Beweismittel über Bord gegangen, darunter Dokumente aus der Krankenakte, aber auch Bökens Unterwäsche und ihr privates Tagebuch. Der Fall bleibe „mysteriös“. Im Umfeld ist von Bökens Ruf als wenig attraktives und eher unsportliches Objekt der Begierde beziehungsweise des Mobbings die Rede. Vielleicht befand sie sich bereits in dem Krieg, für den sie gerade erst ausgebildet wurde. Das hieße, jemand habe sie zur Verhütung unschöner Enthüllungen über besonders derbe Schiffssitten über die Reling springen lassen, oder aber, sie habe dasselbe Resultat „freiwillig“ erzielt.

Ein Unglück kommt selten allein. Im April 2009, ein halbes Jahr nach Bökens Tod, baut ihre Mutter einen Autounfall, bei dem sie schwer am Bein verletzt wird und Bökens jüngere Bruder sogar seinen rechten Arm einbüßt. Außerdem hatten sich die Eltern schon wenige Wochen nach Bökens Beerdigung voneinander getrennt; die Ehe wurde geschieden.

Wieder etwas später, am 7. November 2010, stürzt die 25 Jahre alte Kadettin Sarah Seele am Vormittag beim „Aufentern“ in der Takelage aus 27 Metern Höhe auf das Deck der uns inzwischen vertrauten Gorch Fock. Diesmal lag das Schulschiff im Hafen von Salvador da Bahia in Brasilien. Seele starb am Unfalltag im dortigen Krankenhaus. Auch sie soll nicht gesund, beispielsweise ausreichend schwindelfrei gewesen sein. Außerdem hatte sie bestenfalls 1,58 Meter gemessen und damit eigentlich nicht den Zugangsbestimmungen entsprochen. An beiden buchstäblichen Fällen aufgehängt – denen von Böken und von Seele – äußert Ferdinand Knauß** im Hinblick auf die „Tauglichkeits“-Prüfungen bei Marine und Bundeswehr überhaupt einen starken Verdacht auf sachfremde oder sonstwie unlautere Motive bei den jeweiligen Verantwortlichen, sprich auf Korruption. Trifft das zu, wären die entsprechenden Vertuschungsbemühungen natürlich nicht sonderlich verblüffend. Auch bei Seeles Sturz konnte die Staatsanwaltschaft keine Fahrlässigkeiten Dritter erblicken.

* Artikel in der Welt vom 22. Oktober 2014
** Artikel in der Wirtschaftswoche vom 23. Oktober 2014




Fortsetzung Bol–Bz
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