Montag, 24. August 2015
Lexikon der Unfallopfer B–Bec

Baargeld, Johannes Theodor (1892–1927), Künstler & Bergsteiger >Brawand, Samuel


Babajew, Rafiq (1937–94), aserbaidschanischer Pianist, Komponist und Orchesterleiter im Bereich Jazz. Am 19. März 1994 explodierte im ersten Waggon eines U-Bahn-Zuges in Baku eine ferngezündete Bombe, der auch der erfolgreiche, 56 Jahre alte Jazzmusiker zum Opfer fiel, der sich, zwecks Aufnahmen mit seinem Rundfunk- und Fernsehorchester, auf dem Weg zum Studio befunden hatte. Die Bombe war unter einer Sitzbank versteckt. Im Ganzen gab es 14 Tote und 49 Verletzte. Nun dürfte es sich grundsätzlich sicherlich verbieten, Terroranschläge als Unfälle aufzufassen, aber mit Babajew hatte es an diesem regnerischen Tage eine besondere Bewandtnis, wenn ich die russische Wikipedia richtig verstanden habe. Dort wird ein Freund zitiert. Danach war Babajew bis dahin nie mit der Metro gefahren, habe er doch ein Auto besessen. Doch nun sprang das verdammte Auto nicht an. Nach einigen Flüchen rannte Babajew, den vorgesehenen Aufnahmetermin im Nacken, auf die Straße, um ein Taxi zu nehmen – kein Taxi hielt an. Da sah er schließlich keine andere Möglichkeit mehr, als zur nächsten Metrostation zu eilen, um einen Zug zu nehmen – „das erste und letzte Mal in seinem Leben“.

Ungleich mehr Opfer forderte eine Anschlagsserie, die am 26. November 2008 die indische Riesenstadt Mumbai erschütterte. Ein Ort der Anschläge, die sowohl mit Bomben wie mit Feuerwaffen durchgeführt wurden, war das Luxushotel Taj Mahal Palace, das auch von betuchten Deutschen gern aufgesucht wurde. Tourist Ralph Burkei (1956–2008) bemühte sich, dem Inferno als Fassadenkletterer zu entkommen, doch dabei stürzte er auf ein Vordach ab. Der 51jährige zog sich schwere Verletzungen zu und starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Nun war Burkei, Sohn eines bayerischen Bauingenieurs, nicht irgendwer, wenn auch kein Musiker. Er hatte sich recht durchtrieben als Medienunternehmer, Kommunalpolitiker (CSU) und Funktionär im Profifußball betätigt und dabei auch geballte Vorwürfe unsauberer, sozusagen eher ungemeinnütziger Machenschaften* eingehandelt, ohne freilich je hinter Gittern zu landen. Von diesen Rufschädigungen und Anfeindungen versuchte er sich in Mumbai gerade zu erholen. Dabei stand ihm seine Geliebte Ute B. bei, die den Anschlag verwundet überlebte. Mit seiner Gattin Claudia habe er in „offener Ehe“ gelebt, heißt es.

Was Burkeis Ämter als Präsident, Aufsichtsratsmitglied oder Schatzmeister von Fußballclubs wie VfB Leipzig und TSV 1860 München angeht, bekommt man eine wahrscheinlich nicht an den Haaren herbeigezogene Ahnung von seinem Wirken, wenn man sich ein jüngst erschienenes Buch von Jens Berger zu Gemüte führt: Der Kick des Geldes. Oder: Wie unser Fußball verkauft wird, Frankfurt/Main 2015. Allein das Kapitel über die „Subventionierung“ von supermodernen Fußballarenen läßt einem die Haare eher zu Berge stehen. 2006 fiel für Burkei, Delegationsleiter des Münchener Clubs, nebenbei ein Besuch im Vatikan ab. Trotz zweistündigen Wartens habe er es allerdings nicht geschafft, auf die Papst-Empore gelotst zu werden, ist dem Nachruf der Süddeutschen zu entnehmen. Doch er habe berichtet: „Wenigstens habe ich eine schöne Monstranz für meine Kapelle in Grünau [im Almtal, Oberösterreich] gekauft.“ Die können seine Erben jetzt anbeten.

* siehe etwa Süddeutsche Zeitung 17. Mai 2010


Bachmann, Ingeborg (1926–73), Schriftstellerin >Platschek, Hans


Bacigalupo, Valerio (1924–49), italienischer Fußballtorhüter. Die Vorherrschaft des Automobils wird oft mit dem Argument kritisiert, seine massenhafte Benutzung unterstütze die Vereinzelung des modernen Menschen. Da hat die Luftfahrt doch eine ganz andere Dimension. Torwart Valerio Bacigalupo, 25, zum Beispiel steht hier nur stellvertretend für seine Mannschaft vom AC Turin, damals Spitzenclub des italienischen Profifußballs. Sie wurde am 4. Mai 1949, auf dem Rückflug von einem Auswärtsspiel, nahezu vollständig vernichtet, weil die Maschine kurz vor Turin bei starkem Nebel gegen eine Kirche prallte, die den Wallfahrtshügel Superga noch heutzutage krönen soll – wenn auch nur als mahnende Ruine. Von den 31 Menschen an Bord überlebte nicht einer. Am Trauerzug durch Turin beteiligten sich dann ungefähr 500.000 Menschen, darunter sicherlich viele Gläubige, ob an Gott, den Fußball oder die Mobilität. Der Glückspilz des AC Turin hieß Sauro Tomà, damals 23. Der Verteidiger und Stammspieler hatte aufgrund einer Knieverletzung gerade pausiert, somit an dieser Flugreise nicht teilgenommen. Er beendete seine Karriere 1955 – offenbar ohne Absturz.

Der als großes Talent gefeierte Außenläufer von Manchester United Duncan Edwards (1936–58) kam mit 21 Jahren in München um. Er hatte mit seiner Mannschaft ein erfolgreiches Auswärtsspiel bei Roter Stern Belgrad hinter sich. Wegen technischer Probleme und Schneematsch auf der Startbahn mißlang es der Maschine, die 44 Menschen an Bord hatte, am 6. Februar 1958 nach dem Auftanken in München wieder abzuheben. Sie brach durch eine Gärtnerei, zerschellte und fing Feuer – 23 Tote, ähnlich viele Schwerverletzte. Neben Edwards verloren sechs weitere Fußballer des englischen Clubs ihr Leben.

Ähnlich verlief der Unfall einer Boeing 707 beim Landeanflug auf Brüssel am 15. Februar 1961, nur die Opferzahl war beträchtlich höher. Zu den 72 Insassen, die sämtlich umkamen, zählte eine vollständige, mit Betreuern und Angehörigen 34köpfige Nationalmannschaft der USA, die eigentlich an der in Prag stattfindenden Eiskunstlauf-Weltmeisterschaft teilnehmen wollte, darunter beispielsweise die Schwestern Maribel (20) und Laurence Owen (16) und deren Mutter und Trainerin, die ebenfalls Maribel hieß. US-Präsident John F. Kennedy, noch keine vier Wochen im Amt, konnte gleich mit einer Kondolenz glänzen. Wie sich versteht, gedachte er auch eines einheimischen, belgischen Landwirts, den es ebenfalls erwischt hatte, weil er sich sträflicherweise auf seinem Acker befand, als die Maschine zu landen versuchte.

Der 26jährige Michail Iwanowitsch An (1952–79), Mittelfeldspieler des usbekischen Fußballclubs Pachtakor Taschkent, flog am 11. August 1979 mit seiner Mannschaft nach Minsk. Bei Dneprodserschynsk, Ukraine, prallten sie mit einem anderen Flugzeug zusammen – 178 Tote, keine Überlebenden. Inzwischen hat man sich in der Ukraine an solche Vorfälle gewöhnt.

Die letzte Niederlage der aus niederländischen Profifußballern mit Wurzeln in der ehemaligen Kolonie Suriname (bei Brasilien) gebildeten Auswahlmannschaft Kleurrijk Elftal kam in der Nacht vom 6./7. Juni 1989 kurz vorm Ziel. Die 15 Sportler, darunter der 22jährige Stürmer des RBC Roosendaal Wendel Fräser (1967–89), waren zu einem Turnier in Übersee eingeladen, das zur Förderung des surinamischen Fußballs beitragen sollte. Ihre Linienmaschine, eine Douglas DC-8, stürzte beim Landanflug auf Paramaribo ab, der Hauptstadt Surinames. Je nach Quelle, fielen 176 bis 179 Tote an.

Dieses Mal hieß der Glückspilz Jos Luhukay. Er war nicht dabei, weil er in jenen Tagen zufällig ein Relegationsspiel mit seinem Verein VVV Venlo zu bestreiten hatte. Seit 2012 Trainer von Hertha BSC Berlin, gestand der inzwischen 49jährige einem Bild-Redakteur*, er habe sich noch lange nach diesem „furchtbaren“ Ereignis in kein Flugzeug getraut. Jetzt fliegt er wieder – im Verein mit den einen oder anderen Schützlingen. Im Moment, 2015, sucht er sich gerade neue, weil ihm Hertha wegen Potenzschwächen den Laufpaß gegeben hat.

Der ungemein torgefährliche sambische Fußballer Godfrey Chitalu (1947–93), zuletzt als Trainer tätig, war als trickreicher Hitzkopf bekannt. Freilich hätte ihm auch die größte Besonnenheit nichts am 27. April 1993 genützt, als er mit der von ihm betreuten Nationalmannschaft Sambias, die im Senegal erwartet wurde, bei Libreville mit einer Militärmaschine unweit der Küste in den Atlantischen Ozean stürzte. Mit dem 45jährigen Cheftrainer kamen, angeblich wegen technischer Probleme und einer falschen Reaktion des Piloten auf diese, alle Insassen um: 30 Tote.

Am 7. September 2011 gab fast die vollständige Eishockey-Mannschaft des russischen Spitzenclubs Lokomotive Jaroslawl schon gleich nach dem Abheben Richtung Minsk den Schläger ab. Ihre Maschine mit 45 Personen an Bord streifte, bei ruhigem und klaren Herbstwetter, einen Funkfeuermast und zerschellte genau am Ufer eines Armes der Wolga, wo sie gleichwohl in Brand geriet. Es heißt, der Pilot (oder Co-Pilot) habe die Jak-42 versehentlich abgebremst. Zu den Pechvögeln zählte beispielsweise, neben beiden Piloten, der vielgerühmte, 30 Jahre alte schwedische Torhüter Stefan Liv (1980–2011), den sich Lokomotive erst im Mai unter den Nagel gerissen hatte. Es gab nur einen Überlebenden, den 52 Jahre alten Bordingenieur Alexander Sisow. Ihn konnte man schwer verletzt aus dem Wasser bergen. Er habe „Schädel-Hirn-Verletzungen sowie Verbrennungen an 15 Prozent der Körperoberfläche und der Atemwege“ erlitten und sei in einer Moskauer Klinik mehrfach operiert worden.** Seine heutige Verfassung ist offenbar nicht bekannt oder aber uninteressant. Dafür gestehen einige russische Quellen den enormen Druck ein, der aufgrund der jüngeren privatwirtschaftlichen Flugbedingungen auf dem Flugpersonal laste.

* 29. Juni 2012
** Rußland-Aktuell 13. Oktober 2011



Baconsky, Anatol E. (1925–77), Schriftsteller >Konrad, Robert E.


Bader, Christophe (1972–93), „Separatist“ aus dem Berner Jura. Der 1978 gebildete schweizer Kanton Jura ist französisch und katholisch geprägt. Es gab in der Folge aber auch im Berner Jura, Bestandteil des benachbarten Kantons Bern, starke Kräfte, die sich von Bern, teils bis zum heutigen Tag, benachteiligt und bevormundet fühlen und die lieber Bestandteil des französischsprachigen Kantons Jura wären. Dies war natürlich ein geeigneter Boden für „militante“ Jugendliche des Berner Juras, die sich vor allem in der Bewegung Béliers zusammenfanden, auf deutsch: der „Widder“ oder „Rammböcke“. So ein junger Bock war auch der Gastwirtssohn und Metzgergeselle Bader aus dem Dorf Lamboing. Ein Freund, mit dem er damals die Wohnung teilte, schildert ihn als „Draufgänger“. Für den 6./7. Januar 1993 schwebte Bader angeblich* ein Bombenanschlag auf das Berner Rathaus vor. Ob er dabei – falls es so war – einvernehmlich oder aber auf eigene Faust handelte, ist umstritten. Dagegen liegt sein Mißgeschick auf der Hand. Als Bader nämlich am frühen Morgen, möglicherweise sowieso bereits durch Verschlafen verspätet, in der Berner Altstadt in seinem Wagen saß, auf den rechten Augenblick zum Losschlagen wartete und derweil das Autoradio einschaltete, flog der Wagen in die Luft, weil der von Bader mitgeführte Sprengsatz vorzeitig explodiert war. Ob Zufall oder nicht, war der Unglückstag gerade sein 21. Geburtstag gewesen. Ein tolles Geschenk.

* Stefan von Bergen, Berner Zeitung, 20. Oktober 2013


Bahler, Liane (1982–2007), Radrennfahrerin >Gillett, Amy


Baker, Chet (1929–88), US-Jazztrompeter. Zumindest die Fachwelt war nicht verblüfft, als diese hagere, einst film-, nun eher sargreif aussehende Berühmtheit des Bebop in einer Maiennacht des Jahres 1988 zerschlagen auf dem Bürgersteig vorm Amsterdamer Prins Hendrik Hotel gefunden wurde. Baker war zeitlebens von seiner Drogensucht gebeutelt worden, voran nach Heroin. Zu allem Unglück sollen ihm kalifornische Dealer einmal die Zähne eingeschlagen haben, so daß er hinfort an Kieferproblemen litt, für einen Trompeter natürlich besonders bitter. Da sich sowohl in seiner Leiche wie in seinem im 2. Stock gelegenen Zimmer der berüchtigten Absteige Spuren von „Stoff“, dafür nirgends Anhaltspunkte für ein Gewaltverbrechen fanden, erkannten die Behörden auf Unfall. Vielleicht war die 58jährige Bläser im Drogenrausch aus seinem Hotelzimmerfenster gefallen, oder auch beim Versuch abgestürzt, mangels Haustürschlüssel (aufgrund eines gegen ihn ergangenen Hausverbotes) das besagte Fenster über das Fallrohr der Regenrinne zu erreichen – so die Version von Bakers letztem Pianisten Michel Graillier. Diese Version war wohl der Jugendzeit des Toten geschuldet, in der sich Baker, statt Cowboy in Oklahoma zu werden, bei der glorreichen US-Army als Soldat und Orchestermusiker versucht hatte.

Freilich liegt auch der oft geäußerte Verdacht auf Selbstmord nahe. Von seiner Gattin Carol und zwei Kindern lebte Baker seit Langem getrennt. Auf den verqualmten Bühnen lehnte er mehr wie ein Wrack im Tran am jeweiligen Barhocker. Ich weise gleichwohl hartherzig darauf hin, daß die Drogensucht nicht nur die Gesundheit beeinträchtigt, sondern auch Unsummen an Geld verschlingt, die vielleicht woanders sinnvoller eingesetzt wären. Und sie verleitet den Süchtigen zu jeder Art Prostitution, wie auch Baker durch zahlreiche Mitwirkungen „unter Niveau“ unterstrichen haben soll. Vielleicht fand er vorm Abspringen vom Fensterbrett, falls es so war, er sei jetzt tief genug gesunken.

Ähnlich ungeklärt der Fall des Hamburger Drogenliebhabers und Nachtclubbetreibers Dieter Bockhorn (1938–83), der allerdings weniger durch künstlerische Leistungen, dafür ab 1973 mit der fotogenen Ex-Kommunardin Uschi Obermaier glänzte. Der grad wie Baker sowohl hagere wie einkommensstarke „Reeperbahn-Fürst“ hatte die langmähnige Berliner Dünne weiß der Teufel warum betören und erobern können und gondelte nun mit ihr in hippiemäßig bemalten Kleinbussen durch die jeweils „angesagten“ Zonen der Welt. Als letzte gemeinsame Station sollte sich Mexiko herausstellen. Am 31. September 1983 unweit des Badeortes Cabo San Lucas solo, angeblich rasend eifersüchtig und sturzbesoffen mit einem kraftvoll beschleunigtem Motorrad unterwegs, prallte Bockhorn, wohl 45 Jahre alt, auf einen ihm entgegenkommenden Truck. Für Obermaier, Jahrgang 1946, war es ein Unfall. Jedenfalls gelang es ihr, das Ereignis zu verwinden, wie ihre jüngsten Medienaktivitäten bezeugen.


Bakkerud, Christian (1984–2011), Autorennfahrer >Clark, Spencer


Balaban, Alper (1987–2010), deutsch-türkischer Fußballer, aufgewachsen in Gemmingen bei Heilbronn. Wie es aussieht, hatte der begabte Außenstürmer nach Anfangserfolgen, die ein Engagement beim türkischen Spitzenclub Fenerbahçe Istanbul einschlossen, nicht mehr ganz „die Erwartungen erfüllt“, wie in solchen Fällen die gnadenlose Formel der Sportreporter lautet. Er wurde zuletzt, trotz seiner Jugend, nur noch als Leiharbeiter im Dritteklassenbereich herumgereicht. Im Frühjahr 2010 war der dunkelhaarige „Youngster“ (22) laut seinem „Berater“ Ronny Zeller und dem Südwestecho der Badischen Neusten Nachrichten* wieder bei Vereinen des deutschen Profifußballs im Gespräch. Doch alle Aussichten, so vorhanden, zerschlugen sich am Montag den 5. April. An diesem Tag war Balaban am frühen Morgen, noch bei Dunkelheit, mit seinem Auto und einem vier Jahre älteren Bekannten auf der Bundesstraße zwischen Karlsruhe und Heilbronn unterwegs. In Bretten geriet er bei einem waghalsigen Überholmanöver ins Schleudern, dann auf die Gegenfahrbahn, wo er mit einem anderen Wagen zusammenstieß. Dessen vier Insassen wie auch Balabans Begleiter erlitten mehr oder weniger schwere Verletzungen. Balaban selber kam mit schwersten Hirnschäden in ein Karlsruher Krankenhaus, wo er nach einer Woche starb. Der Reisegrund von ihm und seinem Begleiter wird nicht genannt. Da sich der Unfall aber in der Nacht von Sonntag auf Montag ereignete, darf wohl eine Vergnügungsreise angenommen werden. Auch im zweiten Wagen saßen jüngere Leute. Beide Wagen sollen über der in Bretten vorgeschriebenen Höchstgeschwindigkeit von 70 km/h gelegen haben.

Ähnlich erging es zwei Jahre darauf einem 31 Jahre alten australischen Sprinter, ein durchaus erfolgreicher Mann, zweimaliger Landesmeister über 200 Meter und Vater dreier Kinder. In gewisser Weise war Daniel Batmann (1981–2012) auch zum Fürchten. Am frühen Morgen des 26. Juni flog er unweit des Äquators und der nordaustralischen Küstenstadt Darwin mit seinem roten Sedan aus einer Kurve des Arnhem Highways, prallte gegen eine Kanaleinfassung („culvert“), überschlug sich und landete rund 10 Meter von der Fahrbahn entfernt in einem Getreidefeld. Nach erster Einschätzung der Polizei waren hohe Geschwindigkeit und Alkohol im Spiel.

Vermutlich konnte sich Batmanns Stufenhecklimousine, so sportlich sie auch gewesen sein mag, nicht mit dem Porsche 911 GT3 des US-Schauspielers und -Stuntmans Ryan Dunn (1977–2011) messen, der sich nur wenig früher als Batman totfuhr. Dunn nahm gleich noch seinen Freund und Kollegen Zachary Hartwell mit. Nach einigen Quellen ist das keineswegs hintersinnig zu verstehen, vielmehr habe Dunn am frühen Morgen des 20. Juni 2011 freundlicherweise beabsichtigt, Hartwell nach einem gemeinsamen Barbesuch in Dunns Wohnort West Chester (bei Phildadelphia, Pennsylvania) nach Hause zu fahren. In einem Waldstück der West Goshen Township kam sein Porsche jedoch von der Schnellstraße ab, prallte gegen einen Baum, fing Feuer und sorgte dadurch auch für einen kleinen Waldbrand. Die Polizei meinte, Dunn habe an einer Stelle, die eine Höchstgeschwindigkeit von 90 vorschreibe, 212 bis 225 km/h draufgehabt, außerdem 1,96 Promille Alkohol im Blut. Ob sich auch Dunns Wagen, wie der von Batman, überschlug, wüßte ich trotz gewissenhaften Quellenstudiums nicht zu sagen, aber die Medien überschlugen sich ohne Zweifel. Offenbar war der TV-Star bei aller Welt beliebt gewesen. Jetzt war die Welt untröstlich. Teile des Porsche-Wracks werden noch heute als Reliquien gehandelt. Während Dunn mit seinem braunen Vollbart und seinen listigen Äuglein eher wie ein Flößer vom Ohio wirkte, der kein Wässerchen trüben kann, hätte man bei Hartwell eigentlich wissen müssen, woran man ist: der 30jährige Kollege war Irakkriegs-Veteran.**

* Artikel vom 10. und 14. April 2010
** Cliff Renfrew auf radar am 21. Juni 2011



Balavoine, Daniel (1952–86), Popsänger >Clark, Jim


Balcke, Ernst (1887–1912), Berliner Student, Freund des später hochgelobten Lyrikers Georg Heym (1887–1912). Beide Genannten starben mit 24 Jahren. Auch die Berliner Lufttemperatur des 16. Januar 1912 dürfte für beide ungefähr gleich gewesen sein, knapp 14 Grad Minus. Im Wasser war es vermutlich nicht nennenswert wärmer. Die beiden waren zur Havel gefahren, Schlittschuhlaufen. Balcke stand damals im Begriff, sein Studium der Romanistik und Anglistik an der Berliner Universität abzuschließen. Sein Busenfreund Heym, der mit seinem ihm aufgezwungenen Dasein als angehender Jurist unzufrieden war und kurz vor dem Fehler stand, eine Offizierslaufbahn einzuschlagen, hatte im Jahr zuvor bei Rowohlt einen Gedichtband veröffentlicht. Wenige Jahre später wurde Heym von allen „Experten“ unter die Gipfel der deutschsprachigen Lyrik des 20. Jahrhunderts eingereiht. Allerdings hatte sich damals auch der junge Balcke schon als „Dichter“ versucht. Und bei dem Ausflug stürzte er gegen 14 Uhr nicht weniger tief als sein Freund. Bei Schwanenwerder hatte sich in der Strommitte plötzlich eine Öffnung vor einem von ihnen aufgetan, die man für die Wasservögel ins Eis gehackt hatte. Offenbar konnte der betreffende Läufer diesem Loch nicht mehr ausweichen, stolperte, fiel hinein. Der andere versuchte ihm vielleicht zu helfen – und kam dabei ebenfalls um. Beide Freunde wurden Tage später tot aus der Havel gefischt.

Von Augenzeugen ist in den Quellen, die das Internet bietet, nie die Rede.* Gleichwohl wissen die meisten von diesen Quellen genau: Balcke war zuerst verunglückt, nämlich mit dem Kopf auf den Rand des Eislochs geschlagen, während Heym erst ertrank, als er den Freund herauszuziehen trachtete. Es macht sich einfach zu gut. Wer wollte noch an einem Gipfel der Lyrik vorübergehen, den eine versuchte Lebensrettung krönt? Wobei nicht selten auch Details beweiskräftig sind. So versichern einige Quellen, Heyms Mütze, eine gelbe oder blaue vielleicht, habe sich unmittelbar neben dem Eislochrand gefunden! Und nicht etwa Balckes rote oder bunt geringelte Mütze. Nur die Mütze von Heym behielt Oberwasser und Beweiskraft.** Was freilich die jungen Männer angeht, wühlte sie jener „Todeskampf der Farben“, von dem Balcke in seinem Gedicht Sturm geschrieben hatte, beide nicht mehr auf.

Gerhart Fischer (1894–1913), ältestes Kind des bekannten Berliner Verlegers Samuel Fischer, wird mit erst 19 Jahren, gleichfalls in Berlin, von einer Typhusinfektion dahingerafft, vielleicht durch verunreinigte Nahrungsmittel. Einzelheiten sind mir nicht bekannt, dürften aber aus der Literatur über seinen Vater hervorgehen.

* Laut Spiegel 23/1960 war sich die Berliner Zeitung anderntags noch nicht einmal über den genauen Unfallort sicher. Man vermutete ihn lediglich in dem Eisloch Höhe Schwanenwerder/Kladow, weil es die einzige freie Stelle des zugefrorenen Wannsees gewesen sei. Der Wannsee ist Teil der Havel.
** Möglicherweise führen der Herausgeber der „Hamburger Gesamtausgabe“ Karl Ludwig Schneider oder der jüngste Heym-Biograf Gunnar Decker (2011) schlagendere Belege oder Argumente an?



Balfour, James Melville (1831–69), schottisch-neuseeländischer Ingenieur. Bei Balfour wäre man nicht verwundert, wenn er, mit 38 Jahren, aus Turmhöhe in sein Grab gefallen wäre, gilt der tatkräftige und lichtvolle Pfarrerssohn doch als Errichter und Hüter des Rings aus Leuchttürmen, der seine Wahlheimat Neuseeland seit rund 150 Jahren schmückt. 1863 mit Frau und Kind im Lande eingetroffen, hatte es Balfour drei Jahre später bereits zum Marine Engineer, Inspector of Steamers and Superintendent of Lighthouses der aus zwei großen Inseln bestehenden britischen Kolonie gebracht. Das Unheil nahte sich dem Mann im Dezember 1869 durch das schlechte Vorbild seines Busenfreundes und Kollegen Thomas Paterson, mit dem er einst in Edinburgh gemeinsam die Schulbank gedrückt hatte. Der geringfügig ältere Schulfreund, als Ingenieur auf Eisenbahn-, Straßen- und ausgerechnet Brückenbau spezialisiert, war am 15. Dezember (auf der Ostseite der Südinsel) von Dunedin nach Timaru unterwegs, um den Behörden die Pläne für eine Brücke über den Fluß Rangitata zu unterbreiten, doch als seine Postkutsche eine Furt des schmalen, wenn auch Hochwasser führenden Kakanui Rivers in Angriff nahm, kippte sie um und gab Paterson den Fluten preis. Außer ihm soll eine junge Frau namens Ross ertrunken sein. Das Unglück unterstrich die Dringlichkeit des Baus von Brücken, die bekanntlich ähnlich sicher sind wie Leuchttürme oder Wolkenkratzer; ich verweise auf >Bliss.

Inspector Balfour, wahrscheinlich in Wellington am Fuß der Nordinsel zu Hause, hielt sich damals gerade in Timaru auf, um Arbeiten an der dortigen Hafenanlage zu überwachen. Wie sich versteht, war er sofort entschlossen, zu Patersons Beerdigung zu reisen, weshalb er am 19. Dezember im Verein mit sieben anderen Fahrgästen versuchte, bei schwerer See mit einem „whale boat“ das Küstenschiff SS Maori zu erreichen, das außerhalb des Hafens vor Anker lag. Prompt geriet dieses Boot in Seenot, so daß die Maori ein Rettungsboot aussandte, das die Bedrängten aufnahm. Das Rettungsboot hatte das Mutterschiff schon so gut wie erreicht, als es von einer Sturzwelle gegen die Schiffswand geschleudert wurde und kenterte, wie The Press, ein in Christchurch, Canterbury, erscheinendes Blatt, anderntags berichtete. Für zwei Insassen kam jede Hilfe zu spät: einer davon war Balfour, der Herr der Leuchttürme, der andere Mr. Smallwood, Kassierer der Union Bank, von dem weiter nichts überliefert ist. Somit endet allein diese Zwerggeschichte mit vier Toten.

Der deutsche Forschungsreisende Friedrich Mook (1844–80), vor allem Ägyptologe, früher Theologe und zeitweise Vikar, ertrank mit 36 Jahren unweit von Jericho beim Versuch über den Jordan zu setzen.


Balogh, Fritz (1920–51), tschechisch-deutscher Fußballspieler, torgefährlicher „Halblinker“, seit Kriegsende beim Oberligisten VfL Neckarau, einem erfolgreichen Mannheimer Vorortclub. Mit eben diesem Verein am 14. Januar 1951 auf der Rückreise von einem Auswärtsspiel beim FC Bayern München, fiel (oder sprang) der 30jährige Stürmer aus unbekannten Gründen gegen 21.30 Uhr in der Nähe des Bahnhofs Nersingen (bei Ulm) aus dem fahrenden Zug und war vermutlich auf der Stelle tot. Er hatte einen Schädelbasisbruch erlitten. Man nahm zunächst einen Unfall an, doch niemand weiß Genaues: Baloghs buchstäblicher Fall ist bis heute ungeklärt.

Nach damaligen Presseberichten* hatte der 30jährige zuletzt mit seinen Kameraden im Speisewagen gesessen und diesen, vielleicht zum Austreten, verlassen. Als sie ihn bald darauf, beim Eintreffen in Ulm, vermißten, setzte die Bahnpolizei eine Suche in Gang und fand nur noch Baloghs Leiche neben den Gleisen, etwa 700 Meter vom Nersinger Bahnhof entfernt.

Keine zwei Monate vorher hatte Balogh die Ehre des ersten Länderspiels gehabt. Der kleingewachsene, aber enorm flinke und trickreiche, auch hübsche junge Fußballer, der in Neckerau mit Frau und Tochter lebte, war vor allem in Süddeutschland beliebt und gefeiert. Bundestrainer Sepp Herberger soll große Stücke auf ihn gehalten haben. In München hatte es allerdings, an jenem eiskalten Januartag, ein 3:5 gesetzt. Angenommen, Balogh hatte in München einen Elfer verschossen, gab es im Speisewagen wahrscheinlich nicht viel zu lächeln.** Und wie es bei Balogh zu Hause oder gar in seinem Herzen aussah, wird vermutlich ebenfalls ungern ausgeplaudert.

* Gedenkartikel von Wolfgang Scheerer in der Südwest Presse, 20. Januar 2011
** Portraitfoto



Bangert, Heinrich (1610–65), Schulmann und Historiker in Norddeutschland. Als Bub vom Waldecker Lande hatte Bangert zunächst die traditionsreiche Korbacher Landesschule besucht, dann in Marburg Theologie studiert. Aber auch diese vorsorgliche Maßnahme ersparte dem späteren Rektor des Lübecker Gymnasiums Katharineum nicht das Unglück, das ihn im Sommer 1665 traf. Da erlag der 55jährige den Folgen eines Beinbruchs, den er sich bei seiner Rückkehr aus dem Kurort Bad Pyrmont „durch einen Fall aus dem Wagen“ zugezogen hatte, so Wilhelm Mantels gut 200 Jahre später.* Genaueres verrät auch das Genealogische Register der Stadt Lübeck nicht**, wie mir das dortige Stadtarchiv freundlicherweise (im März 2015) mitteilt. Ehefrau Maria überlebte die Kur. Ein Mordverdacht hängt nirgends in der Luft. Ich nehme stark an, bei dem Unglückswagen hatte es sich um eine Pferdekutsche gehandelt, so daß vielleicht die Pferde vor dem möglicherweise gefürchteten Pädagogen scheuten und bereits seinen Versuch einzusteigen vereitelten. Dann, in Lübeck eingetroffen, kam noch die Kurpfuscherei an dem Bein hinzu. Sie schnitt unter anderem Bangerts Arbeit an einer Lübecker Stadtgeschichte ab.

Ähnlich soll es just zur Zeit Wilhelm Mantels' dem kurhessischen Tabakfabrikanten und liberalen Politiker August Rühl (1815–50) ergangen sein. In den revolutionären Märztagen des Jahres 1848 war er zum Oberbürgermeister von Hanau (bei Frankfurt) gewählt worden. Zwei Jahre darauf zur Kur, vielleicht auch nur zur Sommerfrische bei Verwandten im waldeckischen Bad Arolsen, erlitt der erst 35jährige Vater mehrerer Kinder ebendort einen etwas rätselhaften tödlichen Reitunfall. In diesem buchstäblichen „Fall“ sind Einzelheiten durch einen Brief bekannt, den Adolf Schreiber, ein in Arolsen ansässiger Schwager von Rühls Gattin Natalie, am 20. Juli 1850, kurz nach dem Unglück, an den Hanauer Obergerichtsanwalt Adolph Manns richtete.***

Danach hatte ein Grüppchen von Verwandten einen Ausritt zu einem „Vergnügungsort“ geplant. Natalie Rühl war nicht anwesend. Ihr Gatte, offenbar leidenschaftlicher, keineswegs unerfahrener Gelegenheitsreiter, bestand darauf zu reiten. Schreiber gab ihm ein bekanntermaßen verläßliches, „frommes“ Pferd, wie er sich ausdrückt, und überzeugte sich, daß alles in Ordnung war: Sattelgurt, Zaumzeug und dergleichen. Während Schreiber und weitere Herren und Damen eine Kutsche bestiegen, galoppierte der begierige Rühl schon auf der Allee Richtung Helsen voraus, womit er dem Gaul auch das „Wagengerassel“ ersparen wollte. Doch wenige Minuten darauf und schon nach der ersten Alleebiegung erblickten die Wageninsassen den abgeworfenen (oder abgesprungenen) Reiter rücklings ausgestreckt im Straßengraben, während das Pferd wohl weiter brav der Allee gefolgt war. Die Spuren, sagt Schreiber, deuteten auch kein Scheuen des Pferdes an. Zudem habe Forstmeister Von Stockhausen später berichtet, er habe Rühl in „normalem Galopp“ vorbeireiten gesehen. Doch jetzt war er bewußtlos. Verletzungen konnten die sofort alarmierten Ärzte nicht entdecken. Aber ihre hilfreich gedachten Maßnahmen fruchteten nichts. Wenn Schreiber hier „Aderlaß, Blutegel, Eisumschläge“ nennt, könnte man sich geradezu fürchten ... Nach wenigen Stunden mußten die Ärzte den Tod Rühls feststellen. Laut Schreiber hielten sie eine „Blutergießung im Innern des Gehirns“ für wahrscheinlich, wobei ein solcher Hirnschlag bereits für Rühls Sturz vom Pferd gesorgt haben konnte. Augenzeugen des Unglücks gab es offenbar nicht.

Gut zwei Jahre nach dem Lübecker Schulrektor Bangert erwischte es den französischen Gelehrten, Weltreisenden und Schriftsteller Jean de Thévenot (1633–67), der bereits bis Indien vorgedrungen und dabei einigen unfreundlichen Seeräubern über den Weg gelaufen war, endgültig im Alter von 34 Jahren in Persien. In der dortigen Hafenstadt Bandar Abbas (am Persischen Golf) war er nämlich im Frühsommer 1667 „durch Verunglückung“, wie er noch selber berichtet, „von meinen Pistolen einen / das man nach meiner Aussteigung an Land / nicht losgespannt hatte“, am Oberschenkel verwundet worden.**** Wahrscheinlich hatte er für diese eher lächerliche Verwundung in der Folge keine fachmännische Behandlung gefunden, erlag er ihr doch Ende November bei Miyana im nordwestlichen Persien, nachdem er gen Täbris, dem Zentrum des persischen Aserbaidschan, aufgebrochen war. Der vielsprachige Thévenot wird für seine Achtung vor fremden Völkern und Gebräuchen und die entsprechende Unvoreingenommenheit gelobt. Nicht zuletzt soll er wesentlich zur Einbürgerung der Kaffeebohne in seinem Heimatland beigetragen haben.

* Allgemeine Deutsche Biographie, Band 2 (1875)
** bearbeitet von Johann Hermann Schnobel, Handschrift 817/2
*** aufbewahrt im Stadtarchiv Hanau, Bestand K 16 Rühl
**** Deß Hn. Thevenot Reysen In Ost-Indien, Dritter Theil, Frankfurt am Main 1693, S. 225



Barnes, Pete (1962–2013), britischer Hubschrauberpilot. Am 16. Januar 2013 gegen Acht war der 53 Jahre alte erfahrene Flieger, der unter anderem im Rettungsdienst, beim Film und im Prominententransport tätig war, bei ortstypischen Wetterverhältnissen (Nebel oder jedenfalls schlechte Sicht) über London unterwegs, um einen Fahrgast abzuholen. Daraus wurde nichts. Barnes verfing sich im Ausleger eines Baukranes, der im zentralen Bezirk Vauxhall neben dem St. George Wharf Tower stand. Der Hubschrauber fiel oder trudelte auf die verkehrsreiche Wandsworth Road und fing Feuer. Neben dem Piloten kam der 39jährige Fußgänger Matthew Wood um. 13 weitere Personen wurden verletzt, mehrere Kraftfahrzeuge zerstört. Focus online wußte anderntags zu melden, Barnes habe auch an dem 2002 veröffentlichten James-Bond-Film Stirb an einem anderen Tag mitgewirkt. Der Evening Standard ergänzte dies durch ein Gespräch mit der 38 Jahre alten Rebecca Dixon, der Mutter von Barnes' zwei Kindern, bei dem sie versicherte: „He was always smiling and making other people feel happy, valued and important.“ Beides hätte man Wood sagen müssen.

Etliche Quellen, wohl auf den offiziellen Untersuchungsbericht der Air Accidents Investigation Branch (AAIB) gestützt, betonen, jener Fahrgast, ein Geschäftsmann, habe sogar vor dem Unglück per Handy wiederholt bei Barnes Zweifel angemeldet, ob man bei diesem schlechten Wetter überhaupt fliegen solle. Das habe Barnes abgewiegelt. Aber welche Quelle will man nun wiederum für diese Behauptung haben, wenn nicht den Geschäftsmann? Es ist immer wieder dasselbe. Ein bestimmter Fahrer wird zum Sündenbock gemacht, damit man nur nicht das Verkehrswesen antasten muß, dieses ganze irrsinnige System.

Woods im Kopf, wagt man kaum von den rund 1.130 Toten und doppelt so vielen Verletzten zu reden, die gut drei Monate später, am 24. April 2013, in der Nähe von Dhaka in Bangladesch anfielen, als der neungeschossige Gebäudekomplex Rana Plaza einstürzte, der unter anderem mehrere Textilfabriken beherbergt hatte. Als Ursache der Katastrophe wurde später hauptsächlich „grobe Fahrlässigkeit“ der Erbauer wie der Betreiber des Gebäudes und, natürlich, die übliche Korruption im Lande angeführt, bei der Tellerminen zu Kuchenformen erklärt werden. Mindestens 2.400 Verletzte! Mangels Namen von Todesopfern sei die übel verwundete, damals 25 Jahre alte Näherin Shila Begum erwähnt, die ein Jahr darauf in Hamburg um Verständnis und Beistand warb.*

Mitte August 2015 trug sich eine ähnlich verheerende und versumpfte Geschichte in der sogenannten, früher angeblich „sozialistischen“ Volksrepublik China zu. In der Hafenstadt Tianjin bei Peking flogen Container oder Speicher mit Chemikalien in die Luft, die möglicherweise illegal, jedenfalls grob fahrlässig gelagert worden waren. Dafür betätigte sich die staatliche „Informationspolitik“ sorgsam filternd und wand sich wie eine Aspisviper, wenn ich hier auf das Ende des Reptilienbändigers Dieter Zorn anspielen darf, siehe weiter unten. Die Aspisviper ist eine Giftschlange. Teile des Hafengeländes und angrenzender Wohngebiete standen für Tage in Flammen. Man schätzte zunächst um 150 Tote und mindestens 700 Schwerverletzte. Ein kleiner Trost für Nichtpatrioten: allein von Volkswagen wurden im Hafen 2.700 nagelneue Fahrzeuge zerstört, wie n-tv.de am 20. August meldete.

* Philip Faigle/Marcel Pauly in der Zeit vom 22. April 2014


Barnes, Walter (1905–40), US-Bandleader. Der dunkelhäutige Jazzmusiker lernt sein Handwerk in Chicago. Er spielt Klarinette und Saxophon, bringt es aber bald zum Leiter einer Bigband, die auch in New York City oder Cicero, Illinois, auftritt, wo Al Capones Bruder Ralph den Cotton Club betreibt. In den 1930er Jahren, nach Plattenaufnahmen, dehnt Barnes seine Tourneen in die Südstaaten aus. 1938 umfaßt sein Orchester 16 MusikerInnen. Als Walter Barnes & His Royal Creolians am 23. April 1940 im Rhythm Club in Natchez, Missisippi, auftreten, stehen zufällig ein paar Leute weniger auf der Bühne. Der Club liegt in einer aus Holz gebauten ehemaligen Kirche. Fenster und Hinterausgang sind versperrt. Als Rauch aufkommt, fällt dem 34jährigen Bandleader möglicherweise die Sache mit dem Titanic-Orchester ein: er läßt, wie später behauptet wird, weiterspielen, um eine Panik unter den dicht gedrängten TänzerInnen zu vermeiden. Die letzten Töne des Stückes Marie sollen von Trompeter Paul Stott zu hören gewesen sein. Neben acht oder 10 Bandmitgliedern (je nach Quelle), darunter Barnes und die Sängerin Juanita Avery, fordert das Feuer noch knapp 200 andere Todesopfer. Die meisten sind vom Rauch vergiftet oder von Flüchtenden niedergetreten worden. Weitere der über 700 anwesenden Personen tragen teils schwere Verletzungen davon. Lediglich zwei Musiker überleben die Katastrophe: der Schlagzeuger Walter Brown und der Bassist Arthur Edward. Brown tritt nie wieder auf. Das Unglück geht in etliche Songs ein, darunter Natchez Fire von John Lee Hooker.

Den Leiter eines streckenweise sehr populären Swing-Orchesters Hal Kemp (1904–40), Fotos zufolge ein schmalgesichtiger smarter Weißer, erwischte es im selben Jahr im kalifornischen Straßenverkehr. Kurz vor Weihnachten von Los Angeles zu einem Auftritt in San Francisco unterwegs, stieß sein Wagen frontal mit einem anderen Auto zusammen. Kemp erlag seinen Verletzungen zwei Tage später im Krankenhaus, 36 Jahre alt. Die Einzelheiten des Unfalls verraten die Quellen nicht, aber zu den erfolgreichsten Aufnahmen des Hal-Kemp-Orchesters soll der Titel „Got A Date With An Angel“ zählen.

Am selben 21. Dezember 1940 kommt „the first cowgirl“ Lucille Mulhall (1885–1940) in Oklahoma unweit der eigenen Ranch ebenfalls bei einem Autounfall um.

Einen Tag darauf kracht es erneut in Kalifornien. Von einem Jagdausflug in Mexiko kommend, überfährt der 37 Jahre alte Schriftsteller Nathanael West (1903–40), nach Ansicht vieler Fachleute Autor des besten Buches über die „Traumfabrik“ in Hollywood*, mit seinem Ford Station Wagon in El Centro ein Stoppschild und nimmt einen Pontiac auf die Hörner. Seine 26jährige Gattin Eileen McKenney und beider Hund Julie sind mit von der Partie. Der Hund überlebt.**

* The Day of the Locust, 1939
** Silvae am 17. Oktober 2010



Barrientos Ortuño, René (1919–69), bolivianischer Pilot, Fallschirmspringer, General und Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Militärputscher und in der Zeit, da Che Guevara erschossen wurde, „Präsident“ des ausgesaugten und umkämpften Andenstaates. Barrientos wurde fast 50, was in seinen Breiten schon als beachtliche Leistung gelten muß. Dann stürzte er, im April 1969, in oder bei Cochabamba mit einem von ihm selbst gesteuerten Hubschrauber ab. Beide Todesfälle, von Guevara wie von Barrientos, erfolgten in der Cordillera Oriental, den östliche Anden. Allerdings sind nur die Umstände des ersten Todesfalls geklärt: der gefangene Guevara wurde, am 9. Oktober 1967, auf wohl fernmündlich erteilten Befehl aus La Paz hin, wo Barrientos, Ovando und vermutlich ein paar Experten der CIA regierten, ohne Gerichtsverfahren in einem Dorfschulhaus hingerichtet. Was Barrientos' Absturz angeht, soll sich der gute Mann, offizieller Verlautbarung zufolge, mit seinem Hubschrauber kurz nach dem Aufstieg in Telegraphendrähten verheddert haben, wenn ich einen Gedenkartikel der in Tarija erscheinenden Zeitung El País vom 27. April 2005 nicht mißverstanden habe. Am Boden geriet der Hubschrauber dann in Brand. Vielleicht waren es jene Drähte gewesen, mit deren Hilfe Barrientos damals den Hinrichtungsbefehl erteilt hatte. Andere Blätter wettern gegen die „kriminelle“ Untat, durch die ihr Idol beseitigt worden sei, wittern also den üblichen Anschlag. Marcus Kenzler nennt den Akt, der Barrientos 1969 von der politischen Bühne und der Erde fegte, kurzerhand einen „Staatsstreich“.* Von dieser Sorte folgten, allein in Bolivien, noch viele.

* Der Blick in die andere Welt, Berlin 2012, S. 412


Barrio, Darío (1972–2014), Koch >Bucher, Gebhard


Barthel, Kurt (1914–67), Schriftsteller >Krahl, Hans-Jürgen


Barton, Alan (1953–95), Rocksänger >Garden, Antje


Bart-Williams, Gaston (1938–90), Künstler >Davis junior, Owen


Baschlatschow, Alexander N. (1960–88), Künstler >Coluche


Basedow, Carl von (1799–1854), Mediziner >Ashe, Arthur


Basel, Alfred (1876–1920), österreichischer „Kriegsmaler“. Nach den spärlichen Angaben der Wiener Kunsthistorikerin Liselotte Popelka* kam Basel aus einer Wiener Fabrikantenfamilie und studierte an der dortigen Kunstgewerbeschule. Bei dieser Herkunft ist anzunehmen, er habe den „Kriegsausbruch“, wie so viele Kollegen, durchaus begrüßt. Als Oberleutnant der Reserve steht er zumindest streckenweise an der Front, was seine Kriegslust gedämpft haben mag. Ab Herbst 1815 „wegen Krankheit“ als untauglich erklärt, findet er, im Range eines Hauptmanns, Unterschlupf in der Kunstgruppe des kaiserlichen Kriegspressequartiers, wo er, als Maler, möglicherweise eine gewisse Narrenfreiheit genießt. Jedenfalls bleibt er dem vorgeschriebenen Generalthema dieser teils namhaften Künstler auch nach der Kapitulation treu. Obwohl realistisch gehalten, muten Basels Kriegsszenen dem Betrachter keine anklägerische Leidenschaft zu; im Gegenteil, sie wirken seltsam verspielt. Was jedoch die Front nicht schafft, vollbringt in seinem Fall das edle Waidwerk: laut Popelka erliegt der 43jährige den 24. Jänner 1920 in Dickenau, Gemeinde Türnitz, Nordösterreich, den Folgen eines Jagdunfalls. Genaueres ist nicht in Erfahrung zu bringen.

Über die Kunsthistorikerin ist schon beinahe mehr als über den Künstler bekannt. Nach einer Notiz der Wiener Universität** ist die 83jährige, „schon sehr gebrechliche“ Liselotte Popelka Ende Juni 2014 in ihrer Wohnung in Wien-Döbling von der Feuerwehr tot aufgefunden worden. Nachbarn hatten die Rettungskräfte wegen eines, wie sich herausstellte, in Popelkas Küche gegen Mitternacht entstandenen Schwelbrandes alarmiert, der immerhin gelöscht werden konnte. Ob das ebenfalls ein Unfall war?

* Vom „Hurra“ zum Leichenfeld, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung, Wien 1981, S. 16
** Institut für Kunstgeschichte



Bassett, Charles (1931–66), Astronaut >Freeman, Theodore


Batman, Daniel (1981–2012), Leichtathlet >Balaban, Alper


Batsiua, Tyoni (1981–2004), nauruische Gewichtheberin, zahlreiche regionale Rekorde. Angeblich stand Batsiua sogar kurz davor, den so beliebten wie erfolgreichen Kraftsport ihres wenig bekannten Südsee-Inselstaates im Sommer 2004 bei den sogenannten Olympischen Spielen in Athen zu vertreten. Die verbreitete Annahme, auf Inseln wie Nauru kröchen noch heutzutage hauptsächlich Riesenschildkröten überland, ist selbstverständlich so falsch wie herabsetzend. Auf Nauru gibt es diese Tiere gar nicht. Die ungefähr vier mal fünf Kilometer messende Insel hat, bei knapp 10.000 Einwohnern, vielmehr schon ein Straßennetz von über 40 Kilometer Länge zu bieten. Im Klartext: Man fährt inzwischen auch auf Nauru Auto, Frau offenbar auch. Jedenfalls wurde Batsiua, die 22jährige Gewichtheberin und Hoffnungsträgerin der Republik, am 1. Februar 2004 im Distrikt Denigomodu in den Unfall einer solchen „Auto“ genannten Kraftmaschine verwickelt, der sie ins Krankenhaus beförderte, wo sie nach einigen Tagen starb – falls der Artikel der deutschsprachigen Wikipedia keine Ente in die Welt setzte, führt er doch weder Einzelheiten noch Quellen seines Wissens an. Einer Anfrage, die ich per Email ans „Informationsministerium“ der am britisch-australischen Imperialismus orientierten Inselrepublik richtete, war kein Echo beschieden. Entweder war die Entfernung zu groß oder mein Englisch zu schlecht oder es wurden gerade alle Hände und Bäuche beim Fischen gebraucht.

Liegt Philipp Reich, Autor des verlinkten Artikels*, richtig, wurzelt die sonderbare Leidenschaft der nauruischen InsulanerInnen fürs Gewichtheben nicht in ihrer ebenfalls auffallenden Neigung zur Fettleibigkeit. Diese verdanken sie einem vorübergehenden Wohlstand aufgrund intensiven Abbaus und Verkaufs von Phosphat im vergangenen Jahrhundert. Der jähe Reichtum verleitete sie dazu, sich nur noch das Fastfood und den Nestle-Fraß einfliegen zu lassen, den sie aus dem neuartigen Fernsehen kannten. Er brachte „natürlich“ auch die Autos auf die Insel, die ohne Zweifel erheblich zur Beförderung der Fettleibigkeit beitrugen. Auslöser der Stemmwelle seien dagegen ungeplante, gegen 1990 im benachbarten Australien erzielte sportliche Erfolge eines gewichthebenden Insulaners namens Marcus Stephen gewesen, der rasch NachahmerInnen fand und später, von 2007–11, sogar Präsident der Republik war. Batsiua wird von Reich nicht erwähnt.

Im Fall der noch etwas jüngeren Sportlerin Giselle Salandy (1987–2009) ist die Quellenlage besser. VerfechterInnen einer konsequenten Emanzipation der Frau müßte eigentlich das Herz im Leibe lachen: Diese Frau ist dunkelhäutig, lebt in dem karibischen Zwergstaat Trinidad und Tobago, erkämpft sich als junge Boxerin mehrere Weltmeistertitel, ohne dabei ihre fotogenen Gesichtszüge einzubüßen – und dann kracht die 21jährige auch noch, am 4. Januar 2009, auf einer Stadtautobahn von Port of Spain, wie schließlich schon so viele Männer, mit ihrem von ihr selbst gesteuerten Toyota Yaris gegen einen Betonpfeiler! Sie hatte sogar eine Begleiterin: Tamar Watson, Fußballerin der Nationalmannschaft. Watson kam mit schweren, aber nicht tödlichen Verletzungen davon. Sie brach sich unter anderem beide Beine ... Was die tote Boxerin angeht, versicherte Sportminister Gary Hunt, sie sei ein Symbol, ein großer Faktor und Motivator („an icon, a great contributor and a motivator“) gewesen – weshalb die Regierung bereit sei, für die Kosten ihres Begräbnisses aufzukommen.** Vermutlich sorgte die Regierung zudem für die Schönheitsreparatur des Betonpfeilers.

Den thüringschen Großen Inselsberg (916 m) habe ich, als Ansicht von Norden her, vor der Haustür, aber als Wanderer, ob zu Fuß oder per Rad, komme ich selten über ihn hinaus. Das war insbesondere am 10. August 2013 mein Glück. Damals war am Südfuß des Inselsbergs eine Hölle los, die sich Wartburg-Rally nennt. Bei der 54. Ausgabe dieses Motorsportereignisses „verlor“ mal wieder jemand „die Kontrolle“ über seinen Wagen, wie hinterher in der Thüringer Allgemeine zu lesen war. Der 270 PS starke Mitsubishi Evo 9 eines (nieder-)sächsischen Top-„Damenteams“ kam zwischen Steinbach und Brotterode bei „hoher Geschwindigkeit“ von der dort kurvenreichen Landstraße ab und prallte gegen einen Baum. Der Wagen habe sofort Feuer gefangen, heißt es. Möglicherweise auch der Baum. Während die 34jährige Pilotin Janina Depping (1978–2013) noch ein paar Tage in der Jenaer Universitätsklinik durchhielt, starb Beifahrerin Ina Schaarschmidt (29) gleich an Ort und Stelle, im schönen Thüringer Wald.

Die 33 Jahre alte spanische Automobilrennfahrerin María de Villota (1980–2013) erlag in Sevilla den Folgen eines Unfalls, den sie vor gut einem Jahr, im Sommer 2012, als Testfahrerin für einen britischen Formel-1-Rennstall auf einem Militärflugfeld bei Cambridge erlitten hatte. Der Unfall hatte ihr vor allem Hirnverletzungen und den Verlust eines Auges eingebracht. Das hinderte sie aber nicht daran, sich in der Kommission des Internationalen Automobilverbandes für „Frauen im Motorsport“ zu engagieren und an ihrer Autobiografie mit dem Titel Das Leben ist ein Geschenk zu arbeiten. Offenbar kein Dokument der Reue, denn dem Nachruf der FAZ*** zufolge „liebte und lebte“ Villota den Motorsport und versicherte einmal, wenn sie wiedergeboren würde, würde sich auch ihre Geschichte wiederholen. Vielleicht meinte sie ja damit nur, niemand entkäme seinen Erbanlagen. Sie war die Tochter der „spanischen Rennfahrerlegende“ Emilio de Villota, Jahrgang 1946. Die Legende lebt noch und betreibt einen Rennstall. Ein Romancier würde die diversen Pisten und Rollbahnen, die seine Hauptfiguren verbinden und trennen, wahrscheinlich vordringlich als psychologische Ebene auffassen.

* auf watson.ch am 23. Juli 2014
** Trinidad and Tobago News 4. Januar 2009
*** vom 11. Oktober 2013



Bauschke, Erhard (1912–45), Überlebenskünstler. Als die Nazis dem Leiter des Berliner Orchesters James Kok im Frühjahr 1935 die Arbeitserlaubnis entzogen, weil derselbe – der Rumäne Kok – durch unliebsame Äußerungen, unsittlichen Jazz und fragwürdige Herkunft aufgefallen war, wählte das Orchester just Erhard Bauschke zum neuen Chef. Jetzt konnten die BühnenkünstlerInnen „rein arisch“ nach Rügen fahren, um den dortigen Urlaubsgästen das „Dritte Reich“ zu verschönern. Bauschkes Orchester, streckenweise mit dem singenden weiblichen Kinderstar Carmen Lahrmann an der Rampe, soll die beliebteste Swing-Band Berlins gewesen sein. Zum Repertoire zählten Knüller wie Blinde Kuh, Für eine Nacht voller Seligkeit und Warum ist die Banane gelb?

Es wäre also nur mit der Brechstange möglich, den geschmeidigen Tänzer und Musiker Bauschke (Klarinette und Altsaxophon) dem deutschen Widerstand zuzuschlagen. Trotzdem hätte man ihm eine weniger zynische Belohnung für seine Leistung gegönnt, als Musiker den Faschismus und dann als Soldat auch noch den Krieg zu überstehen. Als das Tanzorchester 1940 „kriegsbedingt“ aufgelöst und dessen Leiter zur Wehrmacht eingezogen wurde, war Bauschke ungefähr 28. In Norwegen soll er eine Band der Luftwaffe geleitet haben. Weitere Einzelheiten liegen im Nebel, doch schaffte es Bauschke offenbar, unverwundet zu bleiben. Das Kriegsende erlebte er bereits als amerikanischer Gefangener. Er wurde aufgrund seiner wertvollen Fertigkeiten, wie ich vermute, rasch entlassen, trommelte eine neue Combo zusammen und trat nun im Raum Frankfurt/Main in Clubs der US-Armee auf. Im Oktober 1945 geschah das Mißgeschick. Als der inzwischen 33jährige Unterhaltungsmusiker nach einem Auftritt hinter einem mit Instrumenten beladenen Lastwagen stand oder gerade hinter diesem hervortrat, wurde er tödlich von einem US-Jeep erfaßt.

Der schwäbische Kunstpädagoge und Schriftsteller Fritz Alexander Kauffmann (1891–1945) überlebte das Kriegsende um keine zwei Wochen. Zuletzt Hochschullehrer in Halle, hatten ihn die Nazis gleich 1933 zwangspensioniert, obwohl er keineswegs kommunistisch, vielmehr konservativ gestimmt und dem elitären Formdenken der Jahrhundertwende verpflichtet, ansonsten unpolitisch war. So zog er sich, immerhin bei vollen Bezügen, wieder nach Ebersbach an der Fils (bei Stuttgart) zurück, wo seine Familie seit 19o5 ihre aus Kloster Denkendorf verlegte Nahrungsmittelfabrik betrieb. Das Unternehmen stellte vor allem Essig, Senf, Likör und Gurkenkonserven her und wurde inzwischen von Kauffmanns Bruder geleitet. Dort, in einem Neubau der Fabrik, hatte sich der mit der Kunsthistorikerin Gertrud Gradmann verheiratete Ästhet Fritz Alexander unterm Dach ein Studio zum Lesen und Schreiben eingerichtet. Neben Kunsttheoretischem entstand hier vor allem sein autobiografisch geprägter, auf Kauffmanns Kindheit im Kloster fußender Roman Leonhard, der erst 1956 posthum erschien. Für den in Esslingen lebenden Lektor und Literaturwissenschaftler Thomas Scheuffelen hat der in einem „kriegswichtigen“ Betrieb gewissermaßen hinter Gurkenfässern und Senftöpfen verborgene Kauffmann mit diesem, nicht ganz beendeten Manuskript ein klar, genau und eindringlich geschriebenes „geheimes Hauptwerk der inneren Emigration“ hervorgebracht.* Vielleicht hat es Kauffmann auch geholfen, die Demütigung durch die „Entfernung aus dem Schuldienst“ zu überwinden und sich nebenbei über den allmählichen Verfall einer ländlichen Unternehmerfamilie zu trösten, der übrigens, in der Realität, eine „Verstoßung des Vaters aus Familie und Firma“ einschloß. Karl Kauffmann soll zum Prassen und zu „enttäuschungsbedingten Wutausbrüchen“ geneigt haben; vielleicht geschah es ihm recht.**

Wenn Kauffmann sein ohne Zweifel recht rückwärtsgewandtes Werk über den Knaben Leonhard nicht mehr ganz vollenden konnte, lag es genauso unzweifelhaft am Fortschritt. Mit der offiziellen Ebersbacher Webseite, Sparte Stadtmuseum Alte Post, ausgedrückt, hatten die EbersbacherInnen „nach dem Bau der Eisenbahn Mitte des 19. Jahrhunderts und mit dem Aufkommen des motorisierten Individualverkehrs im 20. Jahrhundert“ zu lernen, „auch mit den Nachteilen des Verkehrs zu leben.“ Für Kauffmann, inzwischen 53, war die Lektion am 19. Mai 1945 vorbei.

Die Berichte über den Unfallhergang sind naturgemäß spärlich und eher unzuverlässig. Man bedenke, wir befinden uns in den unmittelbaren Nachkriegswirren, wo es weder Polizei noch Lokalzeitungen, dafür umso mehr Sorgen gab. Nach einem Gespräch, das 1996 (!) mit Kauffmanns Schwägerin Margarethe geführt worden ist***, hatte sich der Schriftsteller hilfsbereiterweise erboten, drei Ebersbacher „Fremdarbeiterinnen“ mit einem Firmenwagen zum Göppinger Bahnhof zu bringen, wo sie noch einen Zug nach Italien zu erwischen hofften, von dem man Wind bekommen hatte. Bei Uhingen sei Kauffmann jedoch ein Konvoi von US-Militärfahrzeugen entgegengekommen, aus dem gerade ein Gefangenentransporter geschert sei, wohl zum Überholen. Mit diesem Transporter sei Kauffmanns Wagen frontal zusammengestoßen. Für Kauffmann und eine Insassin endete dieser Unfall tödlich. Eine andere Insassin erlitt einen Kieferbruch. Diese Italienerin, eine Frau Dr. Curti, sei später noch einmal zu Besuch in Ebersbach gewesen.

Ein Historiker könnte Zeugin Kauffmann sicherlich mühelos wegen Befangenheit ablehnen ('nicht mein Schwager, die Amis waren schuld!'), aber genauso wäre die Annahme voreingenommen, der Schwager sei, des Zuges wegen, gerast oder sonstwie leichtsinnig gefahren. Vielleicht würde der Historiker sein Heil in den Akten der damaligen BesatzerInnen Süddeutschlands suchen – in der Hoffnung, diese Akten, falls überhaupt vorhanden, seien nicht frisiert. Kurz, die Aussicht auf Wahrheitsfindung ist denkbar gering. Tatsache ist, der Zweite Weltkrieg hatte bereits für zigmillionen Tote gesorgt, und jetzt waren es, eher unauffälligerweise, wieder zwei Tote mehr.

Zum Ausgleich schnell den sächsischen Lektor und Erzähler Werner Benndorf (1912–45) – offenbar ein bündisch bis faschistisch gestimmter Ekstatiker (Arabische Glut, 1936), der im Sommer 1941 in den Krieg gezogen war. Kaum aus der Gefangenschaft nach Leipzig zurückgekehrt, kam der 33jährige ebendort am 18. Dezember 1945 bei einem Verkehrsunfall unter die Räder, „den – nach nicht mehr verifizierbaren Angaben – ein Fahrzeug der sowjetischen Besatzungsmacht verursacht haben soll“, wie bei Horst Denkler**** zu lesen ist.

Das SU-Konto kann mit Friedo Lampe (1899–1945) aufgestockt werden. Dieser Lektor und Schriftsteller, der zumeist, ähnlich wie Kauffmann, Kreuder, Horst Lange, unter dem großen Dach der Firma „Innere Emigration“ zu finden ist, war aufgrund einer krankheitsbedingten Gehbehinderung um zwei Weltkriege herumgekommen. Zuletzt in Berlin ausgebombt, fand er – keine Angst, er war schwul – bei der Autorin Ilse Molzahn, die er als Lektor betreute, in Kleinmachnow Unterschlupf. Dort geriet er am 2. Mai 1945 – dem letzten Tag der „Schlacht um Berlin“! – auf einem Waldweg in eine Kontrolle durch sowjetische Soldaten, die ihn vielleicht mit einem flüchtigen SS-Mann verwechselten, weil er dem Foto in seinem Wehrpaß nicht mehr ähnlich sah. Angeblich erschossen sie den 45jährigen. Zeugen, Beweise, Geständnisse oder dergleichen werden in den mir zugänglichen Quellen nicht genannt.

Um das verblüffende, in Mittersill herbeigeführte Ende des Wiener Schönberg-Schülers Anton Webern (1883–1945), der bei Kriegsende bereits 61 war, ranken sich die Legenden wieder einmal in allerlei Varianten, für jeden Geschmack etwas, sogar für unbelehrbare RaucherInnen. Mittersill ist ein Städtchen im Tal der Salzach, bei Zell am See. Hier hatte der Komponist mit seiner Frau Minna im März 1945 „vor den Sowjets“ Zuflucht gesucht, die ihm kurz zuvor, in Rußland, den dort als Hitlersoldat dienenden Sohn ermordet und inzwischen Wien aufs Korn genommen hatten. Am Abend des 15. September 1945 hielt er sich in der Wohnung seiner Tochter Christine auf, die mit Mann und Kindern eine Bleibe im Hause der Familie Fritzenwanger gefunden hatte. Die offizielle Webseite Mittersills***** bevorzugt die Variante mit der Zigarre, weil sie recht zu Herzen geht. Wahrscheinlich fußt sie hauptsächlich auf Minna Weberns Erzählung. Danach war ihr Gatte gegen 22 Uhr rücksichtsvollerweise vor die Tür getreten, ehe er sich eine Zigarre ansteckte, die ihm übrigens just Benno Mattel, der Schwiegersohn, geschenkt haben soll. Im Haus schliefen in einem Zimmer die Enkel, deren Träume der Komponist nicht verräuchern wollte, während im anderen Zimmer Verhandlungen über etwas anrüchige „Geschäfte“ zwischen Mattel und zwei Yankees stattfanden, bei denen Webern ebenfalls nur gestört hätte. Also trat er vors Haus. Dieses war aber offenbar bereits von Soldaten der neulich eingerückten U. S. Army umstellt. Und als Webern, ob ahnungslos oder tollkühn, die Zigarre entzündete – da fielen in der Dunkelheit drei Schüsse, und Webern war tot.

Nach anderen Darstellungen, die sich vor allem den Forschungen Hans Moldenhauers verdanken dürften******, war die liebe Christine mit einem gestandenen Nazi verheiratet, der sich am besagten Abend, die Zeichen der Zeit erkennend, mit eingefallenen Yankees über Schwarzmarktgeschäfte zu verständigen suchte. Er hatte sich freilich zwei Lockspitzel ins Haus geholt. Diese waren bewaffnet, nahmen Mattel fest – und im Zuge dieser Verhaftung gab der eine Lockspitzel jene drei Schüsse ab, weil er sich, in der Dunkelheit, von Mattels Schwiegervater bedroht oder gar angegriffen fühlte. Dieser Mann hieß Raymond Norwood Bell, wie auch Zeit-Autor Heinz-Klaus Metzger bestätigt.******* Lockspitzel Bell, aus North Carolina stammend, war im „Hauptberuf“ Koch der Stabskompanie des 242. Infanterieregiments der 42. Division (der berühmten „Rainbow-Division“) der US-Armee. Angeblich erhielt er als Strafe für sein nervöses, übereiltes Handeln vor dem Haus der Fritzenwangers drei Tage Stubenarrest. Er soll später nachhaltig unter Gewissensbissen gelitten und sich bereits mit 41 Jahren (1955) im Alkohol ersäuft haben.

Was aus dem umtriebigen Benno Mattel wurde, scheint noch ziemlich im Dunklen zu liegen. Metzger erwähnt, der braune Schwarzhändler habe später, wie so viele, eine neue Wirkungsstätte in Argentinien gefunden. Dem Fragesteller „Monteavaro“ aus dem Axis History Forum zufolge******** hatte Mattel vorher, wie auch seine Gattin Christine, ein Jahr im Gefängnis gesessen. Dieser offenbar recht beschlagene Diskutant behauptet weiter, der 1917 geborene Mattel sei bereits mit 14 Jahren Mitglied der NSDAP geworden. 1938 soll er sich zum Kreisleiter der SS (wohl eine Verwechslung M.s mit der Partei) in der Stadt Perchtoldsdorf, vielleicht auch Mödling (beide bei Wien) aufgeschwungen haben. Im selben Jahr habe er sich mit der jüngsten, 1919 geborenen Tochter des Komponisten Webern verheiratet. Man darf wohl annehmen, daß die politische Rolle Mattels sowohl der Tochter wie dem Schwiegervater im Kern bekannt war. Mehr noch, hatte Webern, trotz der Attacken gegen seine „entarteten“ Werke, wiederholt seine Sympathien für die auf Österreich übergegriffenen Bestrebungen des „Dritten Reiches“ bekundet. Andererseits war er mit vielen Juden befreundet. Möglicherweise wußte er mit dem Zusammenbruch dieses Reiches nicht mehr ein noch aus. Der kosmopolitische Autor Michael Stein********* hält es deshalb für keineswegs abwegig zu vermuten, an jenem verhängnisvollen Abend in Mittersill habe Webern Bell, wenn auch vielleicht nur „instinktiv“, in der Tat angegriffen – nämlich von dem Wunsch geleitet, sich ein für allemal seiner heillos verhedderten Lage zu entledigen: indem er sich töten ließ.

* „Hinter Gurkenfässern und Senftöpfen“, Esslinger Zeitung, Pfingsten 1996
** Laut Kai Kauffmann, in: Ferchl/Harbusch/Scheuffelen: Literarische Spuren in Esslingen, Esslingen 2003, S. 137–45
*** Maschinenschriftliches Skript, Juli 1996, Stadtarchiv Ebersbach
**** Werkruinen, Lebenstrümmer, Tübingen 2006, S. 74
***** Stadtgemeinde Mittersill, Artikel Anton Webern, abgerufen Juli 2015
****** Hans Moldenhauer: The Death of Anton Webern: A Drama in Documents, New York 1961
******* Zeit 15. September 1995
******** Monteavaro 2007. Möglicherweise hat M. unter anderem in den Erinnerungen des 1923 geborenen Schönberg-Enkels Arnold Greissle-Schönberg geblättert, wo sich ähnliche Angaben über Mattel finden: Arnold Schönberg's European Family, Kapitel 4, Abschnitt Bombed Out (im letzten Drittel der Webseite)
********* bodyliterature 15. Januar 2013



Bavis, Mark (1970–2001), US-Eishockeytrainer, 31, am 11. September 2001 neben seinem älteren Kollegen Garnet Bailey in einer Boeing sitzend, die sie von Boston nach Los Angeles bringen sollte. Diese Maschine krachte in den Südturm der Twin Towers in New York City, womit die beiden, wie rund 3.000 andere Menschen, Opfer der berüchtigten, bis heute nicht aufgeklärten 9/11-Anschläge geworden waren, die ich so zumindest gestreift haben will.


Bayern, Konstantin Prinz von (1920–69), Politiker >Krahl, Hans-Jürgen


Becker, Detlef (1963–82), Bankkaufmann, zuletzt bei der Sparkasse in Koblenz angestellt. Wir werden immer mal wieder Menschen begegnen, die ihr Leben in ihrer Eigenschaft als Retter anderer Leben verloren – oder verloren haben sollen. All diese Geschichten sind natürlich mit Vorsicht zu genießen, weil der Drang des Menschen, andere Menschen zu verklären ungefähr ähnlich groß wie sein Drang ist, sie schlechtzumachen. Einen frühen Vertreter der als Samariter gefallenen ErdbewohnerInnen haben wir etwa in Dimitri II. († 1289). Dieser georgische König unter Mongolenherrschaft bekam seinen Beinamen der Selbstaufopferer, weil er sich angeblich todesmutig nach Movakan in den Palast des herrschenden Khan Arghun begab, um Verleumdungen entgegenzutreten und dem georgischen Volk angedrohte furchtbare Strafen von demselben abzuwenden. Der Khan rieb sich die Hände und ließ den ungefähr 30 Jahre alten Konkurrenz-König enthaupten. Später sprachen die Popen den Gemeuchelten heilig. Dies widerfuhr nun Becker zwar nicht, aber man zog doch überall den Hut vor ihm, zumindest rings um Koblenz. Diese Geschichte geht folgendermaßen.

Am 5. Oktober 1982 wurde die Überwachungskamera in der Sparkasse am Koblenzer Schenkendorfplatz durch zwei schreckliche Räuber aus ihrer Langweile gerissen. Der eine von ihnen, nach Presseberichten schon mit 16 Jahren Mörder seines Onkels, soll später auch noch „Superbulle“ in der polizeilichen Elitetruppe SEK in Köln, also eigentlich auf der falschen Seite gewesen sein. Jedenfalls nahm das Gespann für fast 15 Stunden neun Geiseln und erpreßte dadurch eine Beute von 1,2 Millionen DM. Um auch noch ein flottes Fluchtfahrzeug gestellt zu bekommen und die Zusicherung auf „freies Geleit“ zu erzwingen, schoß einer der Räuber dem 19jährigen „Freiwilligen“ Detlef Becker, Bankkaufmann im heimgesuchten Geldinstitut, aus 10 Zentimeter Entfernung in die Kniekehle. Laut Spiegel* hatte sich der blutjunge Mann freiwillig als Objekt der brutalen Einschüchterung angeboten, laut deutscher Wikipedia anstelle einer ursprünglich dafür vorgesehenen weiblichen Geisel. Aus beiden „Befunden“ machte die örtliche Rhein-Zeitung knapp 30 Jahre später in einem Gedenkartikel kurzerhand die Feststellung, Becker habe sich bei dem Vorfall „als Geisel zur Verfügung gestellt und damit die Freilassung seiner Kollegen“ erreicht.**

Nun war er jedenfalls angeschossen. Während ihn ein Vermittler (Pfarrer) nach draußen zum Krankenwagen schleppte, durften die Räuber aufgrund dieses Warnschusses in Begleitung von zwei Geiseln den bereitgestellten BMW besteigen. Immerhin überstanden diese Geiseln, zu denen sich unterwegs noch ein Postbeamter zu gesellen hatte, die Flucht unbeschadet. Becker dagegen, der sich wahrscheinlich in der Tat freiwillig zum Krüppel hatte schießen lassen, erntete für seine Selbstlosigkeit sogar den Tod: nach knapp zwei Wochen erlag er im Krankenhaus einer Thrombose und einer Lungenembolie. Während die Räuber bald nach dem Überfall gefaßt und später zu hohen Haftstrafen verurteilt wurden, kam Beckers Verwandtschaft, soweit ich sehe, mit einer Klage wegen eines ärztlichen „Kunstfehlers“ nicht zum Zug. Becker war das einzige Kind seiner Eltern gewesen. Man verlieh ihm posthum das Bundesverdienstkreuz. Ex-Polizist Gerhard Benoit, zur Tatzeit 36, sattelte übrigens als eingesperrter Büßender erneut um: er wurde Ikonen-Maler und peilte für das voraussichtliche Jahr seiner Haftentlassung (2006) prompt einen Umzug in die berühmte griechische Mönchsrepublik auf der Halbinsel Athos an.*** Ob es dazu kam, verrät das Internet nicht. Dafür möchte ich wetten, Benoit hat im Kittchen auch eine schöne Ikone von Dimitri dem Selbstaufopferer gemalt.

Im Gegensatz zu seinem Hund Feldmann, der ihn bei der ganzen zielstrebigen Landstreicherei treu begleitet hatte, durfte der Journalist und Buchautor Michael Holzach (1947–83) den Aufstieg seines 1982 erschienenen Reiseberichtes Deutschland umsonst. Zu Fuß und ohne Geld durch ein Wohlstandsland zum „Kultbuch“ nicht mehr erleben. Ein Jahr darauf, Ende April 1983, in Begleitung einer Fernsehredakteurin bei Dortmund mit der Motivsuche für eine geplante Verfilmung des Berichtes befaßt, rutschte Holzachs Hund an einer betonierten, tückisch glitschigen Uferböschung ab und landete in der Emscher. Holzach, ein hochgewachsener, blendend aussehender und sicherlich auch sportlicher Kerl, sprang ihm nach, weil er offenbar befürchtete, Feldmann sei diesen Fluten nicht gewachsen. Er konnte dem Hund aber nicht mehr helfen, weil er selber von der starken Strömung mitgerissen wurde und mit dem Kopf gegen einen Betonpfeiler schlug. Der 36 Jahre alte zukünftige Kultbuchautor ertrank. Dagegen konnte sein Hund von der Feuerwehr gerettet werden. Immerhin, Holzach hatte den Mischling dereinst aus dem Tierheim befreit.

Was Holzach selber angeht, weisen Kollegen darauf hin, er habe lieblose Eltern, überhaupt, trotz Wohlstand, eine unglückliche Kindheit gehabt, Internat in Holzminden eingeschlossen. So sei seine Wanderung auch ein Versuch der Selbstfindung, wohl auch ein Bußgang gewesen. Dieser scheint sich am 5. Januar 1983, als Holzach erstes Aufsehen mit seinem Bericht erregt hat, mit der Abfassung eines Testamentes fortzusetzen. Laut Jörg Burger**** vermacht er darin sein ganzes Vermögen an Brot für die Welt, „auch die zukünftigen Einnahmen aus den Büchern“. Gut drei Monate später ist er tot. War er womöglich Hellseher? Oder lediglich seines Lebens müde? Hermann Beckfeld behauptet in einem jüngsten Gedenkartikel*****, Holzach habe die Emscher in seinem Buch von 1982 nicht nur als „Köttelbecke, als dreckigsten Fluß Deutschlands“ bezeichnet; er habe sie auch für ein „Verderben bringendes Todesgewässer“, einen „toten Fluß“, gar für ein Totenreich gehalten, das zu „meinem eigenen Grab werden wird“.

Die Inderin Neerja Bhanot (1963–86) war Tochter eines Journalisten (der Hindustan Times), wurde jedoch selber Flugbegleiterin. Vielleicht hatte sich so mancher, der nur ihre glänzende Erscheinung sah, in ihr getäuscht – darunter Bhanots Gatte, von dem sie sich nach einer arg frühen Ehe getrennt hatte. Sie war eine Illustriertenschönheit und wurde nun als „Sicherheitsprofi“ trainiert, aber dann „als Kellnerin getarnt“, um mit dem Luftfahrtmagazin Austrian Wings zu sprechen. Ihre Feuerprobe kam rasch. Am 5. September 1986 war die knapp 23jährige Kabinenchefin eines Pan-Am-Linienfluges (Nr. 73) von Mumbai/Bombay nach New York City. In Karatschi zwischengelandet, brachten vier (angeblich palästinensische) Attentäter die Maschine, die rund 380 Personen an Bord hatte, in ihre Gewalt, nicht jedoch die Crew, die aufgrund einer telefonischen Warnung just durch Bhanot durch eine Deckenluke entkommen konnte. Damit war die eigentliche Entführung vereitelt. Es folgte ein viele Stunden währendes „Geiseldrama“, das in einem kleinen Blutbad endete. Aber es gab eben „nur“ 20 Tote. Unter ihnen Bhanot, die sich, nach all der Tapferkeit und Besonnenheit, die sie in jenen zermürbenden Stunden gezeigt hatte, zuletzt im Kugelhagel schützend vor drei Kinder warf. Sie wurde posthum mit Rühmungen und Auszeichnungen überschüttet. 2004 kam eine indische Briefmarke zu ihrem Gedenken heraus.

Laut Nachruf der New York Times hatte der aus Texas stammende dunkelhäutige US-Jazzgitarrist Zachary Breaux (1960–97) bereits 1988, bei einer Tour durch Italien, einen Mann vorm Ertrinken gerettet. Damals lebte Breaux in New York City, wo er durchaus erfolgreich mit bekannten Musikern zusammenarbeitete. Doch knapp 10 Jahre später klappte es nicht mehr, als er eine Schwimmerin erspähte, die vor Miami Beach mit den Wogen des Atlantiks kämpfte. Breaux kraulte in ihre Richtung, wurde aber selber von einer gefährlichen Strömung erfaßt. Nachdem ihn Dritte auf den Strand ziehen konnten, starb er an Herzversagen. Damit kamen Ende Februar 1997 sowohl die 66 Jahre alte Eugenia Poleyeff, die er hatte retten wollen, wie der 36jährige Musiker um. Breaux hatte mit Gattin Frederica und drei Töchtern in Florida Urlaub gemacht. Man weiß natürlich nicht, ob er nicht schon angeschlagen war. Sein jüngstes Album Uptown Groove, auf dem er unter anderem „Never Can Say Goodbye“ versichert, hatte er gerade noch einspielen können. Weit entfernt von aller Seenot, plätschert diese Musik dahin wie der Marktbrunnen, der in unseren Breiten vor den Fachwerkrathäusern zu stehen pflegt.

Frederica Breaux hatte das berühmte Glück im Unglück. 2009 gelang es ihr, wenn auch nur nach zähem Rechtsstreit, der Küstenstadt Miami Beach beziehungsweise deren Versicherung fünf Millionen Dollar Schadenersatz zu entwinden, weil es damals an Warnschildern und offiziell eingesetzten „lifeguards“ gefehlt habe. Witwer Israel Poleyeff, übrigens ein Rabbi, bekam 750.000 Dollar für seinen Schmerz.******

* 2. Mai 1983
** Ulrike Krickau am 17. März 2010
*** F. A. Heinen im Kölner Stadt-Anzeiger, 14. Mai 2005
**** ZEITmagazin 42/2010
***** RuhrNachrichten.de, 2. Mai 2015
****** Dr. Shezad Malik am 20. Dezember 2009




Fortsetzung Bed–Bok
°
°