Donnerstag, 2. Juli 2015
Lexikon der Unfallopfer An–Az

An, Michail Iwanowitsch (1952–79), SU-Fußballer >Bacigalupo, Valerio


Anders, Peter (1908–54). Mit 46 Jahren stand der Tenor der Hamburgischen Staatsoper, verheiratet, drei Kinder, „im absoluten Zenit seiner Laufbahn“, wie ein ungenannter Rundfunkautor* zur „Geburtstagsfeier“ (100) in Platitüden singt. „Das Debüt in Bayreuth war schon fixiert.“ Da ereilte Anders, im September 1954 nach einem Auftritt in Westfalen, zwischen Hannover und Hamburg der bekannte „tragische“ Tod, doch war dieser immerhin auch „spektakulär“. „Anders selbst saß am Steuer und hat ein Überholmanöver offenbar nicht richtig eingeschätzt: Der Mercedes 300 überschlug sich und prallte an einen Telegrafenmast.“ Sein Beifahrer überlebte, allerdings teilt uns der Gedenkbeitrag nicht mit, in welchem Zustand. Anders jedoch hatte sich unwiderruflich der Chance beraubt, „der überragende Tristan seiner Zeit“ zu werden.

Die deutsche Wikipedia besitzt die Unverschämtheit, den Umstand, daß Anders' Karriere wesentliche Schübe im deutschen Faschismus erfuhr, noch nicht einmal anzudeuten. Dafür erwähnt sie abschließend, 1976 habe auch dieser verdiente deutsche Künstler (meine Worte) seine Straße bekommen, nämlich in Berlin-Neukölln. Der angeführte Funkautor teilt diese Unverschämtheit nicht – oder nicht ganz. Welche Worte er zu Anders' Ergehen in der Vorkriegszeit findet, ist ebenfalls zitierenswert:
„Heidelberg, Darmstadt, Köln wurden dann zu den eigentlichen Anfangsstationen seiner Karriere, parallel dazu aber wurde er schon ab 1933 auch zu einem neuen Plattenstar aufgebaut, eigentlich mehr als ungewöhnlich für einen absoluten Anfänger, doch war das damals eine Frage der politischen Umstände. Schließlich waren für das Nazi-Regime eine Reihe erster Künstler praktisch von einer Minute zur anderen nicht mehr tragbar – gerade im Tenorfach etwa Richard Tauber und Joseph Schmidt [**] – und so wetteiferte natürlich sofort die ganze Branche darum, möglichst gleichrangige Künstler nachfolgen zu lassen, wobei einer davon – und wahrscheinlich der dazu talentierteste – eben Peter Anders geheißen hat. So lässt sich sein kometenhafter Aufstieg zum Plattenstar, dem seine Bühnenkarriere vorerst ein wenig nachhinkte, leicht erklären. /..[..].. Nach dem Krieg folgte dann der endgültige Wechsel ins dramatische Heldenfach.“
In diesem Fall könnte sich die deutsche Wikipedia ein Beispiel an der englischen nehmen: He became a favorite of Adolf Hitler's regime and was not required to serve in the armed forces during the Second World War – instead entertaining German troops and participating in propaganda events. These activities tainted his reputation in the post-war world.***

* für Ö 1 in „Apropos Oper“ am 1. Juli 2008
** Der geflohene, einst gefeierte jüdische Sänger Joseph Schmidt – Ein Lied geht um die Welt – starb bereits 1942, mit 38 Jahren, elendiglich in der Schweiz, seinem letzten Exil.
*** Für beide Internet-Enzyklopädien Stand Juni 2015. Um hier ein für allemal auf den Einwand einzugehen, es sei unangemessen, der Wikipedia „Unverschämtheit“ vorzuwerfen, weil es die Wikipedia nicht gebe: Eben in der Ungreifbarkeit und Unangreifbarkeit dieses „Mitmach-Lexikons“, das der Welt weder die Blöße von Ressortleitungen oder einer Chefredaktion noch die Blöße verantwortlicher, namentlich bekannter Einzelautoren bietet, liegt die nächste Unverschämtheit. Es kann den größten und gefährlichsten Mist in die Welt setzen – niemand braucht deshalb ein schlechtes Gewissen zu haben, denn „wir alle“ sind schuld; das Phantom aller potentiellen, noch sträflich passiven MitmacherInnen ist schuld; die Menschheit ist schuld.



Anderson, Bradley J. (1957–2000). Der 42jährige US-Kostümbildner geriet beim Einkaufen in der um Filmstudios gewachsenen Stadt Culver City bei Los Angeles zufällig in den Überfall zweier junger Männer auf ein Spirituosengeschäft, die ihn angeblich ohne ersichtlichen Grund erschossen.* Sie entkamen mit bestenfalls 200 Dollar aus der Kasse des Geschäfts.

* Los Angeles Times, 16. Mai 2000


Andersson, Dan (1888–1920). Der zukünftige Schriftsteller, der aufgrund einer haarsträubenden, von ihm nicht verschuldeten gesundheitspflegerischen Maßnahme nicht alt werden sollte, kam aus armseligen Verhältnissen: geboren im Schulhaus des Dorfes Skattlösberg in Dalarna, Mittelschweden, wo vorwiegend Bergbau, Holzeinschlag und Köhlerei betrieben wurde. Nachdem sich seine frommen Eltern, die LehrerInnen Augusta und Adolf Andersson, zwischenzeitlich, seit 1905, mit wenig Erfolg in Mårtenstorp als KöhlerInnen und Bauern versucht hatten, bezog die sechsköpfige Familie um 1910 ein winziges Häuschen am Rande Skattlösbergs, genannt Luossastugan. Es wurde später in ein schmuckes Museum verwandelt, in dem sogar noch die Gitarre Dans bewundert werden kann. Er soll auch Akkordeon und Geige gespielt haben. Das Häuschen dürfte reichlich eng gewesen sein, zumal die Eltern, die sich jetzt vornehmlich mit Schuster- und Buchbindearbeiten über Wasser hielten, auch Tippelbrüdern Obdach boten. Man wundert sich nicht, wenn Sohn Dan oft verreist war und ab 1916 gar nicht mehr in Luossastugan wohnte. Andererseits hätte er es vielleicht zu einem hohen Alter gebracht, wäre er nur dort geblieben.

Andersson hatte sich nach einigen Jahren als Knecht, Waldarbeiter, Köhler, Fabrikarbeiter, Messerverkäufer und fahrender Templerordensritter, der auch den Alkoholismus aufzuspießen suchte, in der Brunnsviker Volkshochschule gebildet und war ebenfalls Lehrer geworden. 1917 stellte ihn das Göteborger sozialdemokratische Blatt Ny Tid als Redakteur ein, wenn auch nur für ein Jahr. 1918 heiratete er Olga Turesson, die in Ludvika, Dalarnas, als Lehrerin tätig war. Nebenher hatte sich Andersson bereits als Übersetzer (Rudyard Kipling, Charles Baudelaire) und auch selber als Poet versucht. Sein erstes Buch Köhlergeschichten war 1914 erschienen. Anderssons Erzählungen und Gedichte fanden schon zu seinen Lebzeiten ein gutes Echo; manches davon ging in den Kanon der schwedischen Arbeiter- und Volksliedliteratur ein. Anfänglich romantisch-naturalistisch orientiert, scheint ihn später vordringlich die metaphysische Not des Volkes beschäftigt zu haben. In seinem Gedicht Der Bettler von Luossa, das sehr beliebt sein soll, besingt er über neun Strophen hinweg „Landstreicher, Bettler, manches Wunderding / und seine Sehnsucht eine ganze Mondnacht lang“. Der Löwenanteil der Verse kreist allerdings um eine erwünschte Erlösung aus den irdischen Fesseln, die wenig dinghaft vor Augen gestellt wird. Man versteht es aber auch wieder, bittet er doch den Herrn, die Erde fortzunehmen, damit etwas komme, „was vordem niemals war!“ Nach einigen Kritikern war der intensive Schopenhauer-Leser Anderssohn einer Synthese aus christlicher und fernöstlicher Heilsgewißheit auf der Spur. Ivan >Aguéli hätte ihn wohl kaum ausgelacht, falls sie nicht ohnehin in Verbindung standen.

Im Spätsommer 1920 nach Stockholm gereist, da er sich eine Anstellung bei der Zeitung Der Sozialdemokrat erhofft, übernachtet Andersson im Hotel Hellman in der Bryggaregatan. Zu seinem Unglück war ihm nicht bekannt, daß sein Zimmer mit der Nummer 11 eben erst vom Hotelpersonal durch Aussprühen mit Cyanwasserstoff von Wanzen und anderen Insekten befreit und anschließend entgegen den Vorschriften nicht ausreichend gelüftet worden war. So zog sich der 32jährige Mystiker in der Nacht zum 16. September eine Vergiftung zu, der er am nächsten Nachmittag erlag.


Andrews, Thomas (1873–1912), Schiffsarchitekt >Hartley, Wallace


Angermüller, Josef (1949–77), Motorradrennfahrer aus Oberbayern. Mit Politik hatte er nichts am Helm. Während sich der zeittypische Münchener Student unter Demonstranten mischte, um mit vereinten Kräften „Schluß mit dem Vietnamkrieg!“ zu brüllen, mauserte sich der gelernte Landmaschinenmechaniker und Rockfan Josef Angermüller, geboren im heutigen Markt Wolnzach, mitsamt seinem Motorrad und seiner langen und lockigen hellbraunen Haartracht zum heimischen „Speedwaybeatle“ und Publikumsliebling auch außerhalb der vergleichsweise engen Sandbahn-Kreise, in die es ihn aus Neigung getrieben hatte. Christian Kalabis*: „Leute, darunter viele Mädchen, pilgerten wegen ihm Sonntag für Sonntag zu den vielen [ovalen] Rennbahnen in seiner Heimat, um von ihm ein Autogramm zu bekommen und ihm im Gegenzug ihre Telefonnummer preiszugeben. So entstand ein winzig kleines Büchlein, das ihn oft veranlasste, an vielen Autobahnausfahrten die nächste Telefonzelle
anzusteuern ...“

Zwar kommen Bahnrennmaschinen selten über 120 km/h, dafür fehlen ihnen jedoch die hilfreichen Bremsen. Ein Rennen in Neustadt an der Donau verläßt Angermüller im Frühjahr 1975 auf der Bahre: mit gebrochenem Oberschenkel. Er beißt die Zähne zusammen und braust schon bald wieder mit seinem orangefarbenen BMW und seiner Rennmaschine im Huckepack Richtung Ärmelkanal oder Mittelmeer. Angermüller fuhr damals, als erster Deutscher, auch wiederholt für Mannschaften der britischen Profiliga, was ihn einstweilen für das Pech entschädigte, noch keinen überregionalen Meistertitel errungen zu haben. Vermutlich hätte er dies noch geschafft, sofern es bei Beinbrüchen, Prellungen oder Gehirnerschütterungen geblieben wäre. Ende April 1977 absolvierte er einen WM-Qualifikationslauf auf seiner Lieblingsbahn im italienischen Civitanova (bei Rimini). Kalabis: „Es war noch nicht die Zeit der Handys, so erfuhren wir erst Stunden später telefonisch vom Tod Josef Angermüllers und keiner konnte diese Nachricht glauben. Der Sepp, wie sie ihn nannten, war bei einem Überholmanöver wohl auf eine glatte Stelle geraten, sein Motorrad hatte den Griff verloren und er wurde rückwärts in die betonharte Schutzwand geschleudert.“ Angermüller hatte sich totgefahren, 27 Jahre jung. Und ich betone, niemand konnte es glauben …

Knapp 10 Jahre früher, 1968, während Angermüllers Telefonverzeichnis anzuschwellen begann, waren die Gespannfahrer** Johann Attenberger (32) und Josef Schillinger (28) aus der oberbayerischen Kreisstadt Ebersberg auf einem 14 Kilometer langen, auch durch Wohnsiedlungen führenden Straßenkurs in den belgischen Ardennen mit rund 200 km/h in einen Vorgarten und dann in das dazugehörige Haus gerast. Wie es aussieht, hatten sich die BewohnerInnen, falls vorhanden, mitsamt ihrer Kleinkinder vorsorglich in den Hinterhof oder zum Urlaub an die Adria verzogen. Die zwei Ebersberger aber waren auf der Stelle tot. Als Anerkennung dafür bekamen sie in Ebersberg eine Straße.

* Speedweek, 24. April 2015
** Motorrad mit Seitenwagen. Das Duo lag übrigens in Führung, und dies in der letzten Runde dieses Rennens um den Großen Preis von Belgien.



Anglin, Jack (1916–63), US-Country-Sänger aus Tennessee. Am 7. März 1963 war der ehemalige Arbeiter in einer Strumpffabrik ohne seinen Kumpel Johnnie Wright unterwegs, mit dem er inzwischen, als Johnnie & Jack, mit gutem Erfolg in den einschlägigen Clubs aufzutreten pflegte. Da hatte Johnnie Glück gehabt. Er brachte es noch auf 97. Vor Jack dagegen, 46 Jahre alt, lag eine traurige Mission: er wollte in Nashville, Tennessee, an der Beerdigung einer verstorbenen Landsmännin und Kollegin teilnehmen. Doch wie es aussieht, nahm er mit seinem Wagen zuguterletzt, im Vorort Madison, eine Kurve zu schnell, sodaß er aus ihr flog und gegen einen Baum prallte. Damit war er tot wie jene Frau, die bereits im Sarg lag.

Anglin hinterließ ebenfalls eine Frau, zudem vier Kinder und ein paar Hits. Die Frau im Sarg hieß Patsy Cline (1932–63). Sie hatte gerade erst ihren „Durchbruch“ erzielt, 1961, mit der Schnulze I Fall to Pieces (vor lauter sehnsüchtiger Liebe). Es war eine Provokation, ein Pyrrussieg. Zunächst hatte auch Cline einen schweren Autounfall, der sie für Wochen ins Krankenhaus beförderte. Das konnte sie freilich nicht davon abhalten, am 5. März 1963, auf Heimreise nach einem Konzert in Kansas City und inzwischen 30, trotz schlechter Sicht und Sturmwarnung in Dyersburg, Tennessee, in ein Kleinflugzeug zu klettern, das sie und Kollegen nach Nashville bringen sollte. Es wurde von ihrem 34 Jahre alten Manager Randy Hughes (1928–63) gesteuert, einem zumindest im Instrumentenflug unerfahrenen Piloten. Rund 140 Kilometer westlich von Nashville, bei Camden, Tennessee, stürzte die gelbgrün-gestreifte Piper Comanche am frühen Abend während eines Unwetters ab und zerschellte in einem Waldgebiet. Mit an Bord waren, neben Hughes, Clines Kollegen Cowboy Copas (1913–63), 49 Jahre alt, und Hawkshaw Hawkins (1921–63), der erst 41 war. Alle Vier kamen um. Da man die Angelegenheit nicht unnötig komplizieren wollte, wurde als Unglücksursache „menschliches Versagen“ des Piloten angegeben. Larry Jordans Untersuchung* legt allerdings den Verdacht nahe, der Manager sei von den (müden, kranken und termingeplagten) MusikerInnen bestürmt worden, sie endlich nach Hause zu bringen.

Das Konzert, das sie in Kansas City gegeben hatten, war übrigens eine Benefiz-Veranstaltung für die Witwe von „Cactus“ Jack Call (1923–63) gewesen. Der populäre, 39 Jahre alte Discjockey hatte sich Ende Januar in Independence, Missouri, an einem Truck totgefahren.

Zur Krönung dieser unter Nashville Sound firmierenden Zusammenschau, die man sicherlich auch als böswillig verunglimpfen könnte, sei mitgeteilt: Am 31. Juli 1964, ein Jahr nach dem Crash bei Camden, stürzten auch der „samtweiche“ Country-Sänger Jim Reeves (1923–64) und sein Pianist und Manager Dean Manuel (1934–64) mit einem Kleinflugzeug ab – beim Landeanflug auf Nashville. Reeves war 40, Manuel um 30.

* Auf boardhost.com, 5. März 2013. Von Larry Jordan, Journalist und Buchautor, ist 2011 das umfangreiche Werk Jim Reeves: His Untold Story erschienen.


Anhalt, Friedrich Prinz von (1938–63), designierter Chef eines alten Adelsgeschlechts. Angeblich (Wikipedia) Autoliebhaber, Autoverkäufer bei der Firma NSU in Garmisch-Partenkirchen, kurz GAP, und mit 25 Jahren Todesopfer eines Autounfalls. Das Letzte bestätigt die herzögliche Webseite*, ohne uns freilich Einzelheiten zuzumuten. Der damaligen Lokalpresse zufolge** wurde der in der Nacht vom 7. zum 8. Oktober 1963 in GAP verunglückte, aufgrund eines gebrochenen Halswirbels querschnittsgelähmte Prinz nach München gebracht, wo er aber schon am 9. Oktober, einem Mittwoch, verstarb. Von Murnau kommend, sei der Prinz, der auch in GAP wohnte, in der Unglücksnacht südlich des Eschenloher Tunnels, „vermutlich wegen zu hoher Geschwindigkeit und glatter, nasser Fahrbahn“, aus einer leichten Rechtskurve getragen worden und vor einen Baum geprallt. Die Begleiterin des Prinzen hatte Glück: sie sei mit geringfügiger Kopfverletzung davongekommen. Der mit wr gezeichnete Artikel schließt mit der Behauptung, der Familie des Verunglückten gelte „besondere Teilnahme“, habe sie doch „zu Kriegsende ein schweres Schicksal bei der Vertreibung von ihren Gütern erlitten“ und außerdem „vor einiger Zeit“ bereits ein anderes Mitglied durch tödlichen Unfall verloren. Dem bin ich dann nicht mehr nachgegangen.

* Anhalt-Askanien
** Garmisch-Partenkirchner Tagblatt, 10. Oktober 1963



Anheisser, Wolfgang (1929–74), Sohn der Opernsängerin Margot Menzel. Als Bariton nach dem Krieg selber an etlichen renommierten deutschen Operhäusern beschäftigt, spielte Annheisser nebenbei auch Kitsch über Linden vorm Vaterhaus und letzte Rosen auf der Heide ein, aber mehr könnte ich ihm, bei dem dürftigen biografischen Material, nicht vorwerfen. Im Gegenteil: „Der Mauer“ zum Trotz, errichtet 1961, trat der BRD-Bürger auch wiederholt in der Ostberliner Staatsoper Unter den Linden auf. Das war sicherlich ein mutiges Unterfangen, zumal sich sein Vater Siegfried – Musikwissenschaftler, Mozartforscher und außerdem Musikredakteur beim Kölner Rundfunk – für die Nazis erwärmt hatte*, und dazu ein musikhistorisches Novum, soweit ich weiß. Anneliese Rothenberger soll ihrem jüngeren Kollegen noch zu seinen Lebzeiten bescheinigt haben, ein in seiner Branche „selten vertrauenswürdiger Mensch“ zu sein – eine „ehrliche Haut vom Scheitel bis zur Sohle“.

Weitaus weniger vertrauenswürdig dürfte ein Balkon gewesen sein, der am Neujahrstag 1974 Kulissenbestandteil einer Aufführung von Millöckers Bettelstudent im Kölner Opernhaus war. Der 44jährige Anheisser spielte die Titelpartie. Gleich in der ersten Szene hatte die Inszenierung für ihn einen Sprung von diesem Balkon vorgesehen, der knapp vier Meter über der Bühne schwebte. „Dank schlampiger Verrichtung von Bühnenarbeitern“, so jedenfalls Markus Schwering**, riß ein Halteseil, worauf der Bariton „wie ein Brett“ in die Tiefe stürzte. „Die zum Gesangseinsatz mit Luft vollgepumpten Lungen wurden beim Aufprall irreparabel zerstört, eine Operation in der Kölner Uniklinik konnte auch nichts mehr ausrichten. Am 5. Januar versagte das Herz.“

Von einem denkbaren polizeilich-juristischem Nachspiel erwähnt Schwering nichts. 2009 bekam der Verunglückte in Köln-Deutz eine Straße.

* Diether Steppuhn, literaturkritik.de, Nr. 12/2006
** Kölner Stadt-Anzeiger, 28. Oktober 2009



Anthony, Albert J. (1901–47). Da ich andernorts wiederholt den schreiend glimpflichen Umgang mit Nazi-Kollaborateuren, insbesondere mit Medizinern, beklagt habe, muß ich hier ein gewisses Verständnis für einen schnöden Dieb und Ganoven bekunden. Seine Begierde hatte sich im August 1947 in Rostock – vermutlich eher zufällig – auf den 45jährigen Prof. Dr. med. Albert J. Anthony gerichtet, der es vor Kriegsende zu leitenden Posten und Lehrstühlen an verschiedenen faschistisch befehligten Kliniken und Hochschulen und bei der Wehrmacht bis zum Stabsarzt und zentralen Referenten für Luftfahrtmedizin gebracht hatte. Nun war Anthony in Rostock nach kurzer sowjetischer Kriegsgefangenschaft als Gefängnisarzt tätig und sah einer Wiederberufung an die dortige Universität entgegen. Der ertappte Einbrecher roch es, schoß den Wohnungsinhaber an und beförderte ihn dadurch ins Jenseits.* Einzelheiten sind offenbar nicht bekannt.

Der Nazi-Diplomat im besetzten Paris Otto Abetz, inzwischen 55, erlitt 1958 mitsamt seiner Gattin einen tödlichen Autounfall bei Köln, für den ein Schaden an der Lenkung verantwortlich gewesen sein soll. 1944, nach Invasion der Alliierten, hatte Abetz vergeblich versucht, sich im Schwarzwald zu verstecken. Man fing ihn und verurteilte ihn 1949 in Paris zu 20 Jahren Zuchthaus, wegen Mitschuld an Judenverschleppung und Ausbeutung von „Fremdarbeitern“. Nebenbei hatte sich der habgierige frühere Zeichenlehrer im großen Stil als Kunsträuber betätigt. Laut Lothar Baier** war sogar ein Todesurteil für Abetz erwartet worden. Stattdessen sah er sich keine fünf Jahre später, im April 1954, schon wieder auf freien Fuß gesetzt. Nun hieß es fleißig Autofahren lernen, hatte ihm doch ein Franzose einen VW-Käfer geschenkt. Es gab verständlicherweise Gerüchte von Hinterlist, Sabotage und Mord, aber nie Belege.

* Uni Rostock, Catalogus Professorum
** Freitag 24. Mai 2002



Antinoos (111?–130), Gespiele Hadrians >Skrjabin, Julian


Aquino, Juliana Ferreira Braga de (1980–2009), brasilianische Bühnenkünstlerin. Die studierte dunkelhäutige Opernsängerin hatte sich in Europa gerade eine glänzende Laufbahn als Musicaldarstellerin eröffnet. Zuletzt sah sie ihrem Auftritt als Madame Akabar in einer Stuttgarter Inszenierung des Musicals Wicked – Die Hexen von Oz entgegen. Ein Jahr zuvor, 2008, hatte sie in Klagenfurt die Maria Magdalena in Jesus Christ Superstar gesungen und gesprungen. Der stern behauptet, sie sei auch selber gläubig gewesen – und davon überzeugt, Gott werde ihr helfen.* Aber auf ihrer Heimreise von einem Besuch zu Hause im Sommer 2009 fiel die 28jährige Künstlerin herein. Sie hatte einen Airbus von Rio de Janeiro nach Paris genommen, der in der Nacht vom 31. Mai zum 1. Juni aufgrund von technischen Komplikationen im Verein mit Pilotenfehlern in den Atlantik stürzte, wo er bis auf ungefähr 4.000 Meter Meerestiefe sank. Sämtliche 228 Insassen der Linienmaschine kamen um. Als es später vor Gerichten um Entschädigungszahlungen ging, warfen Richter der Air France „Fahrlässigkeit“ vor. Ich hätte eher von der Fahrlässigkeit des gesamten modernen Verkehrs gesprochen.

Die ukrainische Schriftstellerin Anna Jablonskaja (1981–2011) hatte vor allem mit grotesk gefärbten Dramen aus dem postsowjetischen Alltag auf sich aufmerksam gemacht. Am 24. Januar 2011 flog sie von Odessa nach Moskau, um einen Filmpreis entgegen zu nehmen. Auf dem dortigen Flughafen Domodedowo geriet die langmähnige 29jährige Mutter einer kleinen Tochter in einen Selbstmordanschlag, der 36 Tote und ungleich mehr Verletzte hinterließ. Jablonskajas erstes ins Deutsche übersetzte Stück von 2005 trägt den Titel Es gibt kein Ende. Angeblich steckten „Rebellen“ aus dem Kaukasus hinter dem Attentat.

* 11. Juni 2009


Araujo, Cheryl (1961–86). Man könnte seufzen, vermutlich habe sie das erste Unglück, das sie ereilte, nur überstanden, weil sie noch nicht wußte, das zweite lauert bereits. Sie stammte aus Portugal, hatte jedoch in den Staaten eine Highschool besucht: in New Bedford, Massachusetts, wo sie auch wohnte. Mit 21 hatte sie bereits zwei Kinder. Da wurde sie plötzlich, im März 1983, in der benachbarten Big Dan's Bar, wo sie eigentlich nur Zigaretten holen wollte, das Opfer einer gang-rape, einer Vergewaltigung durch mehrere Männer. Als sie schließlich auf die Straße flüchten konnte, halbnackt, lasen sie drei freundlicher gestimmte Mitbürger auf und fuhren sie ins nächste Krankenhaus. Es kam zu einem Aufsehen erregenden Prozeß, der immerhin für vier Täter mit Haftstrafen zwischen 6 und 12 Jahren endete. Die BarbesucherInnen, die das brutale, auf einem Poolbillardtisch servierte Geschehen interessiert verfolgt oder noch durch Zwischenrufe angefeuert hatten, gingen straffrei aus. Anders in dem 1988 veröffentlichten Filmdrama Angeklagt (The Accused) des Gespanns Kaplan/Topor. Hauptdarstellerin Jodie Foster bekam einen Oscar. Fosters „Vorbild“ Araujo jedoch „verlor“ mit 25 Jahren „die Kontrolle über ihren Wagen“, wie ja nicht nur Presseagenturen* gern mit Nachsicht formulieren. Sie war inzwischen mit ihren Töchtern Carolyn (6) und Jessica (4) und deren Vater nach Miami, Florida, gegangen, wo sie sich zur Sekretärin ausbilden ließ. Im Dezember 1986 prallte sie, ihre Töchter im Auto, unweit ihrer dortigen Wohnung gegen einen Lichtmasten. Warum, konnte offenbar nicht geklärt werden, doch sollen keine Drogen im Spiel gewesen sein. Araujo war auf der Stelle tot; ihre Töchter kamen mit glimpflichen Verletzungen davon. Ihrem Rechtsanwalt Scott Charnas zufolge war die „tapfere“ Frau „recht zufrieden“ gewesen, sodaß ein Selbstmord eher unwahrscheinlich ist.

* AP-Bericht von Mitchell Zuckoff, 17. Dezember 1986


Arellano, David (1902–1927), chilenischer Fußballer, Mitgründer des renommierten hauptstädtischen Fußballclubs CSD Colo-Colo. 1989 wurde das neue vereinseigene Stadion (in Santiago de Chile) nach Arellano benannt. Es gewährt von der Haupttribüne aus einen exklusiven Blick auf die Anden. Der so geehrte Arellano, damals Stürmer, sechsmaliger Nationalspieler (sieben Tore) und erst 24 Jahre alt, hatte im Frühjahr 1927 während einer Europareise im Spiel gegen eine spanische Auswahl den sogenannten Fallrückzieher* wenn auch wahrscheinlich nicht gerade erfunden, so doch in erheblichem Maße bekannter und attraktiver gemacht. Jedenfalls erzielte er auf diese Weise, die die anwesenden Reporter sogleich la chilena tauften, ein vielbestauntes Tor. Aber er kam dabei nicht um. Das war erst einige Tage später der Fall, nachdem er in einem Spiel in Valladolid mit einem Spieler der gegnerischen Mannschaft Real Unión Deportiva zusammengeprallt war und das Feld trotz seiner Schmerzen nicht verlassen hatte. Einige Stunden nach dem Abpfiff fiel Arellano ins Koma. Er starb am 3. Mai 1927 an einer Bauchfellverletzung, wie sich herausstellte, als es für Hilfe zu spät war.

* Spieler läßt sich nach hinten fallen und befördert dabei den über ihm durch die Luft zischenden Ball mit dem Spann über seinen eigenen Kopf ins gegnerische Tor oder auch ins Aus oder sonstwo hin.


Arif, Abd as-Salam (1921–66), Staatsmann >Spremberg, H.-J.


Armagnac, Ben d’ (1940–78), belgisch-niederländischer „Performance-Künstler“. Er hatte es gerade erst, 1977, auf die documenta 6 in Kassel gebracht, und wer weiß, zu welchem Ruhm er zukünftig noch gekommen wäre. Seine Masche war es, sich bei seinen Darbietungen Situationen auszusetzen, die bedrohlich, ja lebensgefährlich waren oder jedenfalls so erschienen. Ähnliches kennt man ja etwa auch von Bergsteigern oder Autorennfahrern, die allerdings nur selten behaupten, Ziel ihrer Aktivitäten sei die Erhöhung oder Vertiefung des Erkenntnisstandes ihrers Publikums. Bei d’Armagnacs letzter Nummer scheint allerdings nicht ein Zuschauer zugegen gewesen zu sein. Chris Thompson zufolge* war es am Abend des 28. Septembers 1978 in Amstderdam Ecke Herengracht/Brouwersgracht, wo der 38jährige Künstler ein Hausboot bewohnte. Beim Betreten oder Verlassen dieser Unterkunft ausgleitend oder strauchelnd**, schlug er wahrscheinlich mit dem Kopf auf die eiserne Bootskante, fiel ohnmächtig ins Wasser und ertrank. Erst am nächsten Morgen, als die Leiche geborgen wurde, drängten sich am Geländer der nahen Brücke „eine Menge Leute“, zitiert Thompson Johanna Wijers, eine Bekannte von Joseph Beuys. Der Guru aus Deutschland hielt sich am verhängnisvollen Abend, zu Aufführungs- oder Vortragszwecken, gerade mit Louwrien Wijers in Arnhem auf. Die beiden eilten nach Amsterdam zurück und zündeten Kerzen an.

* „Ben d'Armagnac's Last Performance“, PAJ: A Journal of Performance and Art, 78, September 2004, S. 45 (–60)
** In seinem Buch Felt: Fluxus, Joseph Beuys, and the Dalai Lama, USA 2011, erwähnt Thompson, kurz zuvor sei d'Armagnac in seinem nahegelegenen Stammlokal gesehen worden.



Armenulić, Silvana (1938–76), Schlagersängerin >Alexandra


Arrigo, Angelo d' (1961–2006), Gleitschirmpilot >Schmoker, Stefan


Artedi, Peter (1705–35). Der schwedische Naturforscher aus geistlichem Hause, ein Freund des berühmten Carl von Linné, soll 1735 in Amsterdam – wir folgen hier allein dem Diktat des Alphabets – auf dem nächtlichen, unbegleiteten Heimweg von einer Gesellschaft bei seinem Gönner Seba betrunken in eine Gracht gefallen und auf diese Weise umgekommen sein. Die Polizei habe ihn anderntags als Leiche herausgefischt. Es ist natürlich nicht undenkbar, daß bei dem Sturz jemand nachhalf, etwa jener ehrgeizige Freund, vielleicht sogar Liebhaber Linnaeus, der Artedi als wissenschaftlichen Rivalen empfand und der sich dann um Artedis interessanten Nachlaß „kümmerte“. So scheint es jedenfalls der US-Meeresbiologe Professor Theodore W. Pietsch aus Seattle, Washington, mit seinem Roman The Curious Death of Peter Artedi: A Mystery in the History of Science anzudeuten, den ich bislang noch nicht gelesen habe.* Jener angeblich in den Kanal gestolperte 30jährige Schwede mit den ausgeprägten anziehenden Gesichtszügen galt und gilt übrigens als Fachmann, ja sogar „Vater“ der Ichthyologie, einem zoologischen Zweig, der ihn auch nach Amsterdam geführt hatte, wo seine Studien von dem bereits erwähnten wohlhabenden Apotheker Albertus Seba gefördert wurden. Die Ichthyologie ist die Fischkunde, falls Sie es nicht wissen – der Artedi, so könnte man unken, bis zum letzten Atemzug nachging.

* New York 2010, Waschzettel und Presseschau bei Scott & Nix


Ascari, Antonio und Alberto. Die beiden siegreichen italienischen Rennfahrer sind nicht nur bemerkenswert, weil sie Vater und Sohn waren. Dieser, Alberto, war Sieben, als sich sein 36jähriger Erzeuger Antonio 1925 auf der Rennstrecke von Montlhéry, Frankreich, in einem Alfa Romeo totfuhr. Alberto eiferte ihm 1955 auf der Rennstrecke von Monza, Italien, durch einen Überschlag auf Ferrari nach. Auch er starb mit 36.


Ashe, Arthur (1943–93), schwarzes US-Tennis-As, unter anderem Sieger im Einzel von Wimbledon 1975. Nach seinem Rücktritt (1980) machte sich bei Ashe verstärkt eine offenbar ererbte Herzschwäche bemerkbar, die ihn, verstopfter Arterien wegen, zu zwei Bypass-Operationen bewogen. Diese waren eigentlich erfolgreich, doch als erneut Schmerzen auftraten, stellte man (1988) fest, er sei mit Aids angesteckt. Seine ihn nun behandelnden Ärzte glaubten, er habe sich diese gefährliche Immunschwäche durch eine Bluttransfusion im Rahmen jener Operationen zugezogen. Beweisbar ist das kaum. Jedenfalls schärfte der seit 1977 mit einer Fotografin verheiratete Ex-Tennischampion seinen vielen Fans in seinem letzten Lebensjahr* ein, man könne sich Aids auch holen, ohne schwul oder drogenabhängig zu sein. Er rief eine dem Kampf gegen Aids gewidmete Stiftung ins Leben und arbeitete an seinen Memoiren, die er angeblich erst wenige Tage vor seinem Tod vollendete. Ashe starb Anfang 1993 mit 49 Jahren an einer Aids-bedingten Lungenentzündung in einem Krankenhaus von New York City.

Nun hat nicht jeder soviel Asche wie Ashe. Ein armer, jedoch der Lohnarbeit überdrüssiger Mensch, der sich einmal so richtig „nachhaltig“ krankschreiben oder bestatten lassen möchte, mietet sich am besten für zwei, drei Tage in einer mit allen Raffinessen, millionen Keimen und 13 Angestellten ausgestatteten Klinik ein, das ist ja eigentlich bekannt. Für Geschädigte der finstersten Diktatur, die wir auf deutschem Boden je hatten, empföhle sich vielleicht die Carl-von-Basedow-Klinikum Saalekreis GmbH, die modernste, wenn auch nicht erst gestern entstandene Häuser in Merseburg und Querfurt betreibt? Der Merseburger Hausarzt und „Königliche Kreisphysikus und Sanitätsrath“ Carl von Basedow (1799–1854), der sich bereits bei der Bekämpfung heimischer Choleraepidemien verdient gemacht hatte, wurde nicht viel älter als Ashe. Der nach ihm benannten GmbH zufolge** hatte er sich im April 1854 bei der Leichenöffnung eines wahrscheinlich an Typhus oder Fleckfieber verstorbenen Landbewohners infiziert. Drei Tage darauf sei der emsige Arzt verschieden. „Auch die Leichenfrau und der Knecht, der den Sarg in die Stadt gefahren hatte, starben. Nur der Gerichtsschreiber, der den Vorgang notiert hatte, blieb verschont.“ Diese beiden Nachsätze verdanken wir der noch nicht restlos überwundenen DDR-Tradition, jede Wette.

Ich erinnere nur nebenbei an den jungen Mediziner und Schriftsteller Georg Büchner (1813–37), der dem Typhus mit 23 in Zürich erlag – weil er sich, wie meistens angenommen wird, bei seiner Arbeit mit selbstangefertigten Pflanzen- und Tier-Präparaten angesteckt hatte.

Ähnlich erging es drei Jahrzehnte darauf dem britischen Chirurgen Joseph Toynbee (1815–66), der als Pionier der Otologie: der wissenschaftlich fundierten Ohrenkunde gilt. So entwickelte er den noch heute üblichen Ohrtrichter als Untersuchungsinstrument des Arztes und erfand plättchenförmige, mittels Draht in den Gehörgang eingeführte Prothesen für Patienten mit verletztem Trommelfell, durch die sich das Hörvermögen wieder besserte. An Leichen soll er ungefähr 2.000 Ohren untersucht haben. Seinen 1864 erklommenen Lehrstuhl für Ohrenkrankheiten am Londoner St Mary’s Hospital konnte er nicht mehr lange genießen, weil er zwei Jahre darauf, 50 Jahre alt und stolzer Vater von neun Kindern, in seinem häuslichen Sprechzimmer einen Selbstversuch durchführte, um ein mögliches Heilmittel gegen den Tinnitus: das bohrende Ohrensausen zu erproben. Dieser Versuch ging schief. Laut Lübbers/Lübbers*** hatte Toynbee mit Hilfe des Itardschen Tubenkatheters versehentlich Blausäure statt Chloroform in sein Mittelohr eingeführt – weshalb er von seinem Butler nur noch tot angetroffen worden sei.

Dagegen soll der 36jährige Hamburger Chirurg und Abteilungsleiter am Krankenhaus St. Georg Erich Martini (1843–80) das gleiche Schicksal wie Sanitätsrat Von Basedow erlitten haben: Blutvergiftung („Sepsis“) durch Verletzung bei einer von ihm vorgenommenen Obduktion.

Der mit 18 zum Militär einberufene österreichische Maler Emil Krausz (1897–1930) überstand den Ersten Weltkrieg unversehrt, obwohl er zuletzt, als Leutnant eines Schützenregiments, an der Front eingesetzt war. Er kehrte zunächst nach Graz zurück, ließ sich dann jedoch mit seiner frischangetrauten Frau Elisabeth für mehrere Jahre (bei Palermo) auf Sizilien nieder. Der Ortswechsel geht aus vielen licht- und farbkräftigen Gemälden Krausz' hervor. 1929 zieht das Paar nach Paris. Krausz hat inzwischen etliche Auszeichnungen eingeheimst, doch nun schlagen, statt des Krieges, die Keime zu, wenn Lummers Darstellung zu trauen ist.**** Im Mai 1930 war der Maler von einer leichten Angina und einer Zahnentzündung befallen worden. Er litt an Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit. Nun sei er mit einem damals noch unerprobten Schlafmittel behandelt worden, Somnothyril. Die Einnahme dieses Medikamentes habe ihm starke Magenschmerzen und derart hohes Fieber eingebracht, daß ihn der Notarzt ins Krankenhaus eingewiesen habe. Dort sei er, bewußtlos, nach wenigen Stunden gestorben. „Die Obduktion ergab eine 'Zerreißung der Blutgefässe aus unbekannter Ursache'. Die nie geklärte Todesursache gab Anlass für öffentliche Spekulationen, auch einige Zeitungen in Paris beteiligten sich daran.“ Krausz' Gefährtin Elisabeth wurde offenbar steinalt: sie starb erst 1990 in London.

Neben einem nach ihm benannten Film- und Fernsehpreis der DDR hat der kommunistische Schauspieler Heinrich Greif (1907–46) die makabere Ehre, wahrscheinlich das erste von nicht wenigen Todesopfern der fortschreitenden Altersdemenz des berühmten Professors Ferdinand Sauerbruch (1875–1951) gewesen zu sein. Obwohl diese chirurgische Kapazität im Faschismus eine zumindest zweifelhafte Rolle gespielt hatte, nahm die junge SBZ/DDR seine Bereitschaft, sowohl an der Ostberliner Humboldt-Universität wie an der dortigen Charité zu wirken, gerne an, begriff sie Sauerbruch doch als glänzendes Aushängeschild für den real existierenden Sozialismus. Aus dem selben Grund fiel man ihm auch, entgegen dem Wissen der teils entsetzten Eingeweihten, erst Ende 1949 in den Arm: da wurde er zwangspensioniert. Als der Buchautor Jürgen Thorwald die Latte der Sauerbruchschen „Kunstfehler“ und das Scheunentor ihrer Deckung „von oben“ um 1960 enthüllte, gab es die zu erwartenden Aufschreie und gerichtlichen Auseinandersetzungen. Es wäre nebenbei interessant zu wissen, ob sich Thorwalds Enthüllungen bis in die 1974 in Ostberlin erschienene Biografie Heinrich Greif, Künstler und Kommunist von Curt Trepte und Renate Waack niederschlugen. Was Greif betrifft, konnte jedenfalls der Spiegel 1960 und offenbar bis heute***** ungestraft feststellen, Mitte Juli 1946 habe sich der 39 Jahre alte Schauspieler in der Charité eingefunden, um sich von Sauerbruch an seinem Leistenbruch operieren zu lassen. Im Ergebnis lag Greif im Sarg. Er hatte eine tödliche Nachblutung erlitten, so das Wochenblatt, weil der seinerseits (geistes-)kranke Sauerbruch beim Operieren Greifs Hauptschlagader (am Bein) verletzt hatte.

Der Pfälzer Maler und Grafiker Werner Holz (1948–91), ursprünglich Buchdrucker, hatte sich im Zuge eines Kunststudiums auf Arbeiten des „phantastischen Realismus“ verlegt, spielte also eine Außenseiterrolle, fand aber gleichwohl zumindest regional, im Raum Bad Dürkheim, einige Anerkennung. Doch von der vermutlichen Höhe seines Schaffens riß ihn im Alter von 42 Jahren eine Nierenstein-Operation in einem Ludwigshafener Krankenhaus, die nach Auskunft seiner Familie eigentlich als „Routine“ galt. Nach einigen Tagen stellten sich Schmerzen in Fuß und Bein sowie Fieber ein. Ein kleiner schwarzer Fleck am Zeh wurde Holz' Diabetis angelastet, weshalb man ihn entließ. Es folgten weitere Fehldiagnosen (Grippe!), bis Verwandte Holz bewußtlos auf dem Fußboden seines Ateliers fanden. Im Krankenhaus wurde ihm eine „Totalsepsis“ bescheinigt; und jener Fleck habe sich als „beginnende Nekrose durch Aterienverschluss“ herausgestellt, sagen die Hinterbliebenen. Nach zwei Wochen im Koma war Holz tot. Neben zahlreichen Werken, darunter auch Wandgemälde und Weinetiketten, hinterließ der Künstler drei Söhne aus erster Ehe. Eine von der Familie bei Gericht eingereichte Klage sei abgewiesen worden, weil dem verantwortlichen Assistenzarzt kein Fehler nachgewiesen werden könne, wie es im Bescheid geheißen habe.

Im Fall des argentinischen Tangosängers Luis Cardei (1944–2000), der in seinem Quartier von Buenos Aires erst spät „entdeckt“ worden war und dann mehrere Platten aufnahm, könnte man sagen, durch seine letzte Bluttransfusion sei er vom Regen in die Traufe gekommen. Cardei hatte früh an Kinderlähmung, vor allem aber zeitlebens unter einer ererbten Bluterkrankheit zu leiden – beides machte ihn sehr an- und hinfällig, ja streckenweise zum Lahmen. Während sein Gegenmittel die Musik war, setzten die Mediziner jene, bereits zur „Routine“ gewordenen Bluttransfusionen ein.****** Eben dabei soll sich der Musiker mit 55 eine Hepatitis eingefangen haben, an der er starb.

1991 war der beachtliche Stapel seiner veröffentlichten Bücher mit dem Titel Der Kollaps der Modernisierung gegründet worden. Vielleicht hätte er sein letztes Werk, Geld ohne Wert, noch einmal überarbeitet und dadurch genießbar gemacht, wäre dem „wertkritischen“ marxistischen Autor Robert Kurz (1943–2012) im Sommer 2012 nicht gleichfalls das Unheil des Genossen Greif, ein sogenannter ärztlicher „Kunstfehler“ also begegnet – wie jedenfalls Kurzens Witwe Roswitha Scholz und Otto Köhler glauben, beide ebenfalls linke Publizisten. Köhler führt in einer im Mai 2013 gehaltenen Gedenkrede******* aus, man habe den 68jährigen in einer Nürnberger Klinik wegen Tumorverdachts an der Niere operiert, jedoch keinen Tumor gefunden. Dafür habe der operierende Arzt Kurz' Bauchspeicheldrüse verletzt, und daraus seien qualvolle Entzündungen und sechs weitere Operationen entstanden, an denen Kurz schließlich zugrunde gegangen sei.

* New York Times 9. April 1992
** Bettina Lebek für Klinikum Saalekreis, o.J.. Die Taufe des Merseburger Kreiskrankenhauses auf den Namen Basedows fand übrigens am 10. Oktober 1957 statt.
*** HNO-Nachrichten 43/2013, S. 57
**** Elke Lummer, Köln 2005
***** Nr. 47/1960
****** Ricardo García Blaya auf todotango
******* abgedruckt in Ossietzky 11/2013



Ashikaga Yoshikatsu (1434–43), japanischer Adelssproß. Zwar war er bereits mit acht Jahren Nachfolger seines bei der Kakitsu-Rebellion umgekommenen Erzeugers Shōgun, eine Art Herzog, geworden, doch mit Neun fiel er bei einem Erkundungsritt vom Pferd, was er nicht überlebte. Das Unheil soll sich kurz vorher bereits bei einem Bankett angedeutet haben, das der frischgebackene Herrscher für seine Minister gab. Dabei zerbrachen ihm die Eßstäbchen.*

* Q. Edward Wang: Chopsticks, Cambridge, GB, 2015, S. 129


Asmahan (um 1915–44), gefeierte arabische Schlagersängerin aus den syrischen Bergen, für manche auch britische Spionin. Ihr Stern als Showstar ging um 1940 in Kairo auf. Nach einem Radiobeitrag* der in Beirut lebenden Autorin Iman Humaydan war sie auf der einen Seite durchaus ängstlich. Angeblich hatte ihr eine Wahrsagerin sogar einen frühen (Wasser-)Tod prophezeit – nun, da lebte sie eben doppelt heißhungrig und hemmungslos, war sie doch auf der anderen Seite mindestens so draufgängerisch wie Lena Amsel, dafür deutlich schöner als die deutsche Bühnenkünstlerin, die bekanntlich ebenfalls frühzeitig unter die Räder kam. Zudem ist der dunkelhaarigen Asmahan, mit Lotus Abd al-Karîms Worten, eine umwerfende, etwas heisere, gleichwohl „engelhafte“ Stimme gegeben. Sie habe „nicht bloß gesungen, sondern gebetet, Gott angerufen“. Der Verdacht, auch mit höheren Ebenen des einen oder anderen Geheimdienstes zu korrespondieren, rührte von der verständlichen Unterstützung her, die Asmahan, ursprünglich Amal al-Atrasch, als Drusin, im Interesse der Unabhängigkeit Syriens, den Briten gewährt hatte: gegen deutsche Wehrmacht und französische Vichy-Truppen. Dieser Verdacht wurde zuletzt und zusätzlich von dem „mysteriösen“ Unglück genährt, das sie in einer Julinacht des Jahres 1944 mit ungefähr Ende 20 – die Angaben schwanken – im Nildelta ereilte. Laut Mahmûd Salâh war sie mit ihrer Dienerin und Freundin Mary Qallâda von Dreharbeiten (Leidenschaft und Rache) zum Sommerurlaubsort Ra’s al-Barr aufgebrochen. Die Filmproduktionsfirma Studio Egypt hatte ihr ein (offenbar nur zweitüriges) Auto mit Fahrer gestellt. Die Damen saßen im Fond. Doch unweit der Stadt al-Mansûra kam das Auto von der Straße ab und stürzte in den dortigen Arm des Nils. Asmahan und Mary Qallâda ertranken. Der Fahrer habe sich retten können. Weiteres und Näheres wird auch in anderen (mir zugänglichen) Quellen nicht mitgeteilt – der Gerüchteküche zuliebe.

* SWR 2, ausgestrahlt am 24. Juni 2012


Asparuchow, Georgi (1943–71), bulgarischer Fußballstar. Als der trefferreiche Stürmer von Lewski Sofia mit 28 Jahren begraben wurde, folgten nach den bescheidenen Schätzungen mindestens 200.000, nach anderen über 500.000 Menschen seinem Sarg. Drei Jahre früher, 1968, hatte er das bis heute einzige Tor erzielt, das einem Bulgaren in der geheiligten Höhle des englischen Löwen, im Londoner Wembley-Stadion also, gegen die Engländer gelang, das sagt Fachleuten alles. Nun aber war Gundi, wie er auch genannt wurde, auf Urlaubsreise unweit des Vitinya Passes (im heimischen Balkangebirge) nach einem Zusammenstoß mit einem Lastwagen in seinem Auto verbrannt, wobei sein Schicksal auch noch von seinem 32 Jahre alten Clubkameraden, engen Freund und Begleiter Nikola Kotkow (1938–71) geteilt wurde. Nähere Angaben über diesen Unfall habe ich nicht gefunden. Es ist mir auch nicht klar, ob die beiden Fußballer gemeinsam beerdigt wurden. Dafür kann ich versichern: Ein Prozent jener Menschenmenge als LeserInnen, und ich wähnte mich bereits im Himmel.


Astor IV, John Jacob (1864–1912), US-Magnat, Titanic-Opfer >Hartley, Wallace


Astrid (1905–35), zunächst Prinzessin von Schweden. Am 4. November 1926 gab es dann wieder einmal eine Traumhochzeit, die der knapp 21jährigen den Weg auf den Thron der Königin von Belgien ebnete. Sie wurde in Stockholm mit dem belgischen Thronfolger und späteren König Leopold III. vermählt – beides selbstverständlich bildhübsche Menschenkinder, wie geschaffen für das gerade aufkommende Massenfutter namens Illustrierte. Beim Gatten handelte es sich um den ältesten Sohn des belgischen Königs Albert I., dessen Vorgänger wiederum der berüchtigte Leopold II. gewesen war, der von 1865 bis zu seinem Tod im Jahr 1909 unter anderem über beträchtliche Landstriche in Afrika geherrscht hatte.

Dieser Leopold war damals mit Hilfe des umstrittenen „Afrikaforschers“ und Halunken Henry Morton Stanley bereitwillig in die verwaisten Fußstapfen der Portugiesen und in die Lücke getreten, die ihm die anderweitig beschäftigten Briten geboten hatten. Als sich der rauschebärtige König 1908 gezwungen sah, den riesigen Kongo als seinen Privatbesitz preiszugeben und dem belgischen „Staat“ zu verkaufen (!), wechselte der Imperialismus lediglich die Kleider. Landraub, Zwangsarbeit, Monokultur, Aushungerung der Schwarzen, dafür emsige Fütterung sogenannter Konzessionsgesellschaften, die das Land um Megatonnen an Palmöl und Kautschuk, Schlachtvieh und Kupfer erleichtern durften – alles ging auch unter Albert I. und Leopold III. seinen gewohnten Gang. Noch des Letztgenannten Sprößling Baudouin besitzt die Unverfrorenheit, 1960 bei der Unabhängigkeitsfeier in der Kongo-Hauptstadt (die zu diesem Zeitpunkt nach wie vor Leopoldville heißt) auf die grundlegende Bedeutung des „großen Werkes“ Leopolds II. zu pochen. Nach den verbreiteten Schätzungen sorgte das Werk, von allen verheerenden Begleiterscheinungen abgesehen, für 10 Millionen Tote. Daran konnten Albert I. und Leopold III. anknüpfen. Für Baudouin blieb dann nicht mehr viel zu tun; der Kongo war bereits ausgepreßt wie eine Zitrone. Baudouin hatte Leopold III. 1951 auf dem Thron abgelöst, weil inzwischen zu vielen Belgiern die Rolle, die sein Vater während der Besatzung Belgiens durch die deutschen Faschisten gespielt hatte, gar zu fragwürdig vorgekommen war. Überdies hatte Leopold III. während des Krieges den Fehler gemacht, sich erneut zu verheiraten, diesmal mit der „bürgerlichen“ Flämin und Golferin Mary Lilian Baels. Damit hatte er für sehr viele BelgierInnen (vor allem die wallonisch gesinnten) einen unverzeihlichen Verrat an der „göttlichen“ Astrid begangen. Dagegen scheinen sie ihm niemals krumm genommen zu haben, daß er sie ins Jenseits befördert hatte.

Wie schon früher angedeutet, zählt die Bemerkung, der Fahrer oder die Fahrerin hätten „die Kontrolle über ihren Wagen verloren“, im Zusammenhang mit Autoverkehrsunfällen zu den Lieblingsformeln deutscher Berichterstattung, Lexika eingeschlossen. Sie bietet den angenehmen Vorteil, jede persönliche oder gesellschaftliche Verantwortlichkeit unauffällig ins Reich der Fabel oder noch besser: der Verschwörungstheorie zu verweisen. Dafür war eben „höhere Gewalt“ im Spiel. Möglicherweise entstand die Formel 1933 im politischen Bereich, als das deutsche Volk durch einen dummen Zufall die Kontrolle über seinen Staat verlor. Jedenfalls werden in der Folge Legionen von hitz- und hohlköpfigen Fußballprofis, Popstars, Millionenerben oder Throninhabern an ihren Lenkrädern vom Schicksal überwältigt. So auch im Falle Leopolds.

Als Astrid im Sommer 1935 mit ihrem Gatten Urlaub in der Schweiz machte, war sie 29. Sie galt gleichermaßen als besonders anmutige, mütterliche, großherzige und „skandalfreie“ Königin. Am 29. August unternahm das Herrscherpaar eine Autospazierfahrt „inkognito“ ohne seine bis dahin drei Kinder. Ob die Königin zu diesem Zeitpunkt bereits mit dem vierten Kind schwanger ging, ist in den Quellen umstritten. Kurz nach neun Uhr vormittags geschah es also: König Leopold „verlor“ bei Küssnacht am Vierwaldstättersee auf der kurvenreichen Uferstraße „die Kontrolle“ über seine eher gemächlich fahrende Nobelkarosse Packard 120-C, ein für damalige Verhältnisse so kräftiges wie schnittiges Cabriolet, das daraufhin die steile Uferböschung hinunterstürzte. Entgegen sonstiger Gepflogenheit hatte Leopold selbst gesteuert, nicht sein Chauffeur Pierre Devuxst. Dieser hatte im Fond des Wagens gesessen. Zudem war dem Packard noch ein Begleitfahrzeug gefolgt, vermutlich mit Leibwächtern besetzt. Während sowohl der 33 Jahre alte König wie sein Chauffeur mit geringen Verletzungen davonkamen, wurde Astrid, wohl beim Zusammenstoß des offenen Wagens mit einem Baum, auf die Böschung geschleudert. Sie starb noch am Unfallort an ihren schweren Kopfverletzungen.

Dem Hechtsprung des Packards folgte der mediale Steinschlag auf den Fuß. 2010 heißt es dazu in einem Gedenkartikel des Züricher TagesAnzeigers: „Der Tod Astrids wurde zum Medienereignis. Am Nachmittag erschien ein Extrablatt der Luzerner Neuesten Nachrichten. Journalisten aus der ganzen Welt machten sich auf den Weg nach Küssnacht. Gleichzeitig flog Walter Mittelholzer exklusive Bilder von der Einsargung der Toten in einer gecharterten DC2 der Swissair zu einer internationalen Presseagentur nach London. Noch am Unfalltag verließ der Sarg per Bahn die Schweiz. In der Bahnhofshalle von Luzern drängten sich die Schaulustigen. Auf dem Bundeshaus standen die Fahnen auf Halbmast.“

Nun konnte sich die Traumhochzeit als Traumbegräbnis vollenden. Den Bildjournalisten zuliebe wurde Astrids arg entstellter Kopf in Bandagen gelegt, ehe sie unter den Augen der Weltöffentlichkeit in die königliche Gruft der Liebfrauenkirche zu Laeken in Brüssel gesenkt wurde. Den Textjournalisten schärfte man neben der Schlagzeile Das Ende einer großen Liebe ein, Leopold habe seinen drei Kindern schon gleich nach dem Unfall streng verboten, zukünftig über ihre Mutter auch nur ein Wort zu verlieren – so gewaltig war sein Schmerz. Außerdem habe er verfügt, in ihrem Gemach dürfe nichts angerührt werden, während er Astrids blutverschmierten Rock in seinem eigenen Gemach verstaute. Den Unfallwagen hatte er Mitte September mit offensichtlicher Billigung der zuständigen Behörden an einer tiefen Stelle bei Meggenhorn im Vierwaldstättersee versenken lassen. Den würden Lenins eidgenössische Getreue nicht mehr in die Finger bekommen. Wer heutzutage auch nur einen Fernseher in den Vierwaldstättersee würfe, hätte mit der Todesstrafe zu rechnen – sofern er kein König oder Parlamentsabgeordneter wäre.

Immerhin war der Unfallwagen vor seiner Versenkung von Fachleuten der kantonalen Motorfahrzeugkontrolle untersucht worden. Danach wiesen Bremsen und Steuerung des 1.600 Kilogramm schweren Acht-Zylinder-Sportwagens keine Mängel auf. Dem Polizeibericht zufolge schieden auch schlechter Straßenzustand oder widrige Witterungsverhältnisse als Unfallursachen aus. Somit konnten die Spekulationen blühen wie in Küssnacht die Kletterrosen, zumal die vorhandenen Aussagen einer Wüste glichen. Nach einem Artikel Jost Auf der Maurs, der 2006 in der Neuen Zürcher Zeitung erschienen ist*, gab es mit dem Spenglergesellen Friedrich Krebser lediglich einen Augenzeugen. Dem Polizisten Adi Kälin gegenüber hatte Krebser die Geschwindigkeit des Packards auf 70 bis 80 Stundenkilometer geschätzt. Nach Krebsers Darstellung wies die mit Straßenkarte bewehrte Astrid gerade zum Berg Rigi, worauf auch Leopold dort hin blickte. In diesem Augenblick sei das rechte Vorderrad des Packards über den Bordstein ausgeschert. Der Fahrer müsse daraufhin Gas gegeben haben, da das linke Hinterrad beschleunigte. Der Wagen machte einen Satz, prallte gegen einen Birnbaum und schlidderte die Böschung hinunter Richtung Schilf. Kurz darauf sei das Begleitfahrzeug losgeprescht, um Hilfe zu holen. Es kehrte mit den beiden Ärzten Armin Jucker und Robert Steinegger zurück, die Astrids Kopfverletzungen begutachteten und ihren Tod feststellten.

Erstaunlicherweise ist bei Auf der Maur kein Wort der Stellungnahme zu bekommen, die man sich von Leopold selbst, seinem Chauffeur und seiner Begleitmannschaft erwartet hätte. Er teilt vielmehr mit, Polizist Adi Kälin habe damals am Unfallort notiert: „Die in Betracht kommenden Personen verweigerten jede Auskunft und die Mitteilung ihrer Personalien. Ein Herr in Chauffeuruniform gab schließlich nach mehrmaliger Aufforderung seinen Paß ab. Er sagte nur: 'Ich bin nicht selbst gefahren, sondern mein Herr.'“ Erst im Rathaus Küssnacht und im Beisein des belgischen Konsuls Von Moos, so Auf der Maur, habe sich eine Begleitperson Leopolds zu der Erklärung herbeigelassen, bei der Verunglückten handle es sich um die belgische Königin. „Aber da ist der Leichnam bereits eingesargt und auf dem Weg in die Villa Haslihorn.“ Die lag bei Luzern. 2010 behauptet Grenzecho-Redakteur Gerd Zeimers, Leopold selber sei „zu den tragischen Ereignissen nie befragt“ worden.** Aber tragisch waren sie jedenfalls. Schon wieder Höhere Gewalt.

Man kann sich nun aussuchen, ob damals lediglich die bekannte blaublütige Hochnäsigkeit waltete oder ob die Herrschaften aus Belgien womöglich irgendetwas zu verbergen hatten. Immerhin, das blutverschmierte Kleid hatte Leopold gerettet, auch wenn er es wahrscheinlich niemals der Brüsseler Kriminalpolizei oder den dortigen Gerichtsmedizinern unter die Nase rieb. Der Schweizer Bundesrat war auch untertänigst genug, die Gemeinde Küssnacht und einen weiteren privaten Eigentümer zu nötigen, dem Staat das Unfallgrundstück zu verkaufen, damit es dem trauernden König geschenkt werden könne. Der hatte sich nämlich in seinen glücklicherweise kaum verletzten Kopf gesetzt, am Unfall- oder Tatort eine Gedenkstätte zu errichten. Nach der Übereignung bestellte er bei etlichen belgischen Architekten und Künstlern eine Kapelle, die wahrscheinlich unter den Kronen des Kitsches im Guinness Buch der Rekorde verzeichnet ist. Mit Rücksicht auf die bekannte Armut des belgischen Königshauses wurde sie zumindest teilweise mit Hilfe der belgischen Veteranenvereinigung finanziert, die dafür 50.000 Franken Spendengelder gesammelt hatte. Auf die Idee, das Geld in eine Gedenkstätte für auch nur eine dunkelhäutige Bewohnerin des kolonialen Kongo zu stecken, wären die Veteranen selbstverständlich nicht im Traum verfallen. Die Einweihung der Astrid-Kapelle fand im Sommer 1936 statt, parallel zur Berliner Olympiade. Weitere gewaltige Kosten entstanden um 1960, als die Kapelle versetzt wurde, weil sie sich, nach Ansicht diverser Behörden, als untragbares gefährliches Hindernis für den touristischen Auto- und Fußgängerverkehr herausgestellt hatte. Der Rubel muß rollen.

Eine Außenseiterposition unter den Begutachtern des Falles nimmt der Anthroposoph Fedor Kusmitsch ein, der seine Informationen 1935 aus erster Hand bezogen haben will. Auf dieser Grundlage behauptet er 2001 im Rahmen eines ausführlichen Artikels über die drohende, von „westlichen Logen“ und Kapitalzentren wie Brüssel befehligte Neue Weltordnung, Leopold habe damals auch seinerseits „inoffiziell“ einen befreundeten Mechaniker beauftragt, „den Wagen und insbesondere die Lenkung zu untersuchen. Der Experte reist in der Folge nach Brüssel, um Leopold Bericht zu erstatten: beide Lenkachsen seien angesägt gewesen, berichtet er Leopold. Dieser schweigt darüber und läßt das Wrack des Wagens an der tiefsten Stelle im Vierwaldstättersee versenken.“ Aber nicht etwa, um den Packard nicht mehr sehen zu müssen oder um späteren Schnüfflern ein Schnippchen zu schlagen! „In Wirklichkeit“, so Kusmitsch, wollte Leopold der Öffentlichkeit die schmerzliche Erkenntnis ersparen, daß es sich bei dem angeblichen Unfall „um einen fehlgeschlagenen Königsmord“ gehandelt habe.***

Der ganze Rummel wiederholte sich 1997, wenn auch in größerer Dimension und Perfektion, nachdem „Lady Di“ Diana Spencer (36), die sagenumwobene Ex-Gattin des britischen Thronfolgers Charles, in Begleitung ihres steinreichen ägyptischen Liebhabers Dodi Al-Fayed (42) in Paris mit einem Mercedes S 280 vor den Tunnelpfeiler einer Stadtautobahn gerast war. Spencers Begräbnis wurde weltweit von geschätzt 2,5 Milliarden Menschen verfolgt.

* NZZ 27. August 2006
** am 28. August 2010 in Grenzecho.net
*** Fedor Kusmitsch in Nummer 21/22 der Symptomatologischen Illustrationen, Basel 2001, S. 11



Attenberger, Johann (1936–68), Motorradrennfahrer >Angermüller, Josef


August, Bernd (1952–88), Profiboxer bis 1983. Vor seinem Rücktritt war der Berliner wiederholt Deutscher Meister im Schwergewicht gewesen. Gleichwohl ließ ihn seine Schlagkraft schon mit 36 Jahren gegen ein Känguruh völlig im Stich. Es lief ihm über den Weg oder die Straße, als er im Frühjahr 1988 seine in Australien lebenden Eltern besuchte. Er fuhr ein Motorrad, das Känguruh nicht. Vermutlich sprach die australische Presse von einem Verkehrsunfall.

Einzig auffindbare Quelle zu den Todesumständen: deutsche Wikipedia, Stand Juni 2015. Entgegen ihrem Anspruch gibt sie freilich keinen Beleg.


Ausserleitner, Paul (1925–52), Pionier des österreichischen Skispringens nach dem Zweiten Weltkrieg, starb mit 26 an den Folgen eines Trainingssturzes in seiner Heimatstadt Bischofshofen. Zur Belohnung seiner Berufswahl wurde die dortige Unglücksschanze nach ihm benannt. Wie sich versteht, ist er nicht das einzige Todesopfer seiner Zunft. Hier noch in aller Kürze ein paar andere interessante Todes-Fälle:

Die „Reichsgräfin“ aus Kitzbühel Paula von Lamberg (1887–1927) gilt als Pionierin des Damenskispringens. Aber nicht dabei biß sie, mit 39 Jahren, ins Gras. Kaum hatte sie sich (1927) mit dem Rennfahrer Franz Valentin Graf Schlik verheiratet, flog sie, laut deutscher Wikipedia, als dessen Beifahrerin bei einem Motorrad-Seitenwagenrennen nahe Berchtesgaden aus dem gemeinsamen Gespann und zog sich dadurch tödliche Verletzungen zu. Dagegen brachte es der Witwer noch auf über 80.

Der amtierende norwegische Meister Anders Woldseth (1934–59) soll, einer kurzen Meldung der Zeitung Sarasota Herald-Tribune (Florida, USA) vom 27. November 1959 zufolge, im norwegischen Trondheim „falling down a flight of stairs“, also einen Treppensturz erlitten haben, an dem er, mit 25 Jahren, starb. Allerdings habe er sich vorher auch schon auf der Schanze Kopfverletzungen zugezogen, die möglicherweise an seinem Ende beteiligt waren.

Einer der letzten Einsätze des Finnen Pekka Yli-Niemi (1937–63) fand just in Bischofshofen auf der Paul-Ausserleitner-Schanze statt. Dann starb er aber, mit 26, außer Dienst. Er wurde am 8. November 1963 in oder unweit der südfinnischen Inselstadt Mariehamn das Opfer eines Flugzeugabsturzes. Von den 24 Passagieren der Douglas DC-3 der Finnair überlebten lediglich zwei.

Das sowjetische 22 Jahre alte Nachwuchstalent im Skispringen Oleg Konstantinowitsch Serow (1963–86) holte sich im März 1986 bei einem Wettkampf auf der 70-Meter-Schanze in Krasnojarsk, Sibirien, den Heldentod.

Der schweizer Skispringer Markus Gähler (1966–97) war möglicherweise wirklich ein Held. Im Mai 1997, rund fünf Jahre nach seinem Rücktritt als Sportler und inzwischen 31, wurde er bei einem Wohnhausbrand in Walzenhausen (AR) als eingesetzter Feuerwehrmann von einer einstürzenden Zimmerdecke begraben. Laut Rolf Niederer, Lutzenberg*, hatte der gelernte Schreiner Gähler „bereits als Kindergärtler einen in den Feuerweiher im Weiler Haufen gefallenen Kameraden vor dem Ertrinken“ gerettet.

* Appenzellische Jahrbücher, Band 125 (1997)



Fortsetzung B–Bec
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