Donnerstag, 2. Juli 2015
Lexikon der Unfallopfer A–Am

Abbati, Giuseppe (1836–68), italienischer Künstler, Patriot und Hundehalter. 1866 nahm der Sohn eines Malers aus Neapel am dritten italienischen Unabhängigkeitskrieg teil – und kehrte, nach kurzer Gefangenschaft bei den Österreichern, noch im Dezember des Jahres wohlbehalten nach Florenz zurück, Augenklappe rechts und linkes Auge eingeschlossen. Nun konnte er sich selber wieder dem Malen widmen, wenn auch nur noch für zwei Jährchen. Abbatis Landschaften und Genrebilder, bei verhaltenen Farben doch in den Lichtkontrasten kühn, weisen eine beeindruckende Stille auf. Ihn persönlich zeigt ein Gemälde seines Kollegen Giovanni Boldini ganz in Schwarz, was selbst für seinen Vollbart und seine Augenklappe gilt. Dabei kann er sich diese Klappe auf dem rechten Auge nicht in der Schlacht bei Custozza von 1866 eingehandelt haben, entstand doch Boldinis Portrait schon im Jahr vor Abbatis Kriegsteilnahme. Vielmehr hatte er dieses eine Auge bereits 1860 unter Garibaldi in der Schlacht bei Capua eingebüßt. Dieser kleine Verlust hatte ihn also nicht demilitarisieren können.

Ein anderes Rätsel stellt der gleichfalls schwarze Hund dar, der dem Portraitierten (1865) zur Seite hockt und der ihm immerhin fast bis zur Hüfte geht. Ich bin überfragt, ob er bereits für Abbatis wenig glorreiches Ende verantwortlich gemacht werden kann. Verbürgt ist nur, der 32jährige zog sich 1868 durch einen Hundebiß die Tollwut zu, woran er starb.

Und daß es sein eigener Hund gewesen war.* Boldini brachte es übrigens noch auf 88. Der gefragte Portraitist starb 1931 in Paris.

* Steingräber/Matteucci 1984, laut englischer Wikipedia. Die italienische Wikipedia gibt sogar den Namen des ungezogenen Hundes an, wenn auch nicht die Farbe. Er hieß Cennino.


Abderhalden, Seth (1926–60), Bergsteiger >Brawand, Samuel


Abdi, Dekha Ibrahim (1964–2011), „Friedensaktivistin“ >Al Chalifa, Faisal


Abecassis, Snu (1940–80), geborene Ebba Merete Seidenfaden, mutige, angeblich auch kluge liberale dänisch-portugiesische Publizistin. Sie eingeschlossen, kamen am 4. Dezember 1980 bei Lissabon vier ranghohe Personen des „öffentlichen Lebens“ beim Absturz einer Cessna 421 um: neben der 40jährigen Dunkelblonden mit dem knuffigen Namen ihr Liebhaber Francisco Sá Carneiro, 46, damals portugiesischer Regierungschef, der portugiesische „Verteidigungsminister“ Adelino Amaro da Costa, 47, und dessen Gattin Maria Manuel Simões Vaz da Silva Pires, 34. Weiter ließen zwei untergeordnete und entsprechend namenlose MitarbeiterInnen und zwei Piloten ihr Leben. Die Maschine war im Rahmen des Wahlkampfes Richtung Porto gestartet, hatte aber kurz darauf an Fahrt verloren, bis sie schließlich in ein Gebäude krachte. Trotz (oder wegen) einer sich über Jahrzehnte spannenden Kette sogenannter „parlamentarischer Untersuchungskommissionen“ gilt bis heute als ungeklärt, ob die acht Insassen Opfer eines Unfalls oder eines Anschlages wurden. Trifft das Letztere zu, hatte der Anschlag sicherlich kaum der vielbesungenen „romantischen“ Liebe zwischen Abecassis und dem (sozialdemokratischen) Ministerpräsidenten gegolten, obgleich das Paar unverhohlen in damals noch unsalonfähiger „wilder Ehe“ zusammengelebt hatte. Ende 2010 kam die originelle dänische „First Lady“ Portugals sogar als Hauptfigur des Stückes O último minuto na vida de S. der Lissaboner Theatergruppe Cassefaz auf die Bühne.*

* Kristeligt Dagblad, Kopenhagen, 9. Dezember 2010


Abe, Norifumi „Norick“ (1975–2007). Ich schlage im Folgenden fünf Fliegen mit einer Klappe – irgendwie sind diese mächtig motorisierten FahrerInnen oder FliegerInnen ja alle gleich. Der 1975 geborene japanische Motorradrennfahrer Norifume Abe, genannt Norick, stand seit 1994 bei Yamaha unter Vertrag, wenn auch ab 2006 nur noch als Testfahrer. Sein erstes bike hatte der kleine Norick mit fünf Jahren geritten. Später gewann er etliche Grande Prix. Als Teilnehmer der Superbike-Weltmeisterschaften 2005 (Brünn) und 2006 (Valencia) brachte er es allerdings nicht mehr auf die drei vorderen Medaillenplätze. Dafür ist sein 2007 erzieltes Ende – da war er bereits 32 – durchaus originell. In einer Oktobernacht prallte Abe in der Millionenstadt Kawasaki mit seinem Privatmotorrad gegen einen Lastwagen, der verbotenerweise auf einer vierspurigen Schnellstraße wendete. Abe starb kurz darauf im Krankenhaus. Den Italiener Valentino Rossi, neunfacher Weltmeister und vier Jahre jünger als sein japanischer Kollege, hatte Abe bereits 1994 bei einem frühen Rennen beeindruckt. Schon außerhalb der Strecke hätte der Japaner mit seinen langen schwarzen Haaren „wie ein Held gewirkt“, versichert Rossi in seiner 2006 auf deutsch erschienenen Autobiografie. „Aber vor allem fuhr er wie ein Wahnsinniger.“ Vom ständigen Querlegen habe seine Ledermontur geraucht und er habe an den unmöglichsten Stellen überholt. „Er war völlig angstfrei.“ Der Lkw-Fahrer überlebte das Unglück in Kawasaki offensichtlich, war doch in der japanischen Presse zu lesen, der Polizei gegenüber habe er seine Kehrtwende auf der Schnellstraße damit erklärt, er habe erkannt, auf dem falschen Wege zu sein.*

Was die motorisierte Menschheit im Ganzen angeht, dürfte in dieser Hinsicht nicht die geringste Aussicht auf Reue und Umkehr bestehen. Der tatarisch-russische Fußballer Lenar Ildussowitsch Gilmullin (1985–2007), der in der Abwehr von Rubin Kasan und auch der russischen Jugendnationalmannschaft spielte, schaffte es auf einem Motorrad immerhin noch in sein 23. Lebensjahr. Er hatte im selben Jahr 2007 in der Nacht vom 17. auf den 18. Juni mit Verwandten oder Freunden seinen 22. Geburtstag gefeiert, offenbar nicht in seiner eigenen Wohnung. Als er schließlich auf seinem Motorrad nach Hause fuhr, verunglückte er. Nach einigen Tagen des Komas war er tot. Allerdings ist der Vorgang umstritten. Angeblich war der braunglockte Jungstar am Stadtrand von Kasan mit einem anderen Motorrad zusammengeprallt, dessen Fahrer fliehen konnte. Da Gilmullin über Schiebungen im Vertragsfußball geplaudert haben soll, wird ein Mordanschlag nicht ausgeschlossen. Laut einem Polizeisprecher hatte der Verunglückte 37.000 Rubel (rund 900 Euro) mit sich geführt, die auch in seinen Kleidern gefunden wurden. Dagegen vermißte man sein Handy.

Der Schotte Colin McRae (1968–2007) war 1995 als jüngster Pilot der Automobilsportgeschichte und als erster Brite Rallye-Weltmeister geworden. Nachdem er einige heftige Unfälle überstanden hatte, bekam er unter Kollegen und Fans den Spitznamen „Rollin’ McCrash“. Gleichwohl endete McRae, mit 39 Jahren, keineswegs auf der Piste, obwohl er nach wie vor Rennen fuhr und sich außerdem der Entwicklung eigener Rennwagen widmete, darunter das Modell Colin McRae R4, das er 2006 der Öffentlichkeit vorstellte. Der Brite flog nämlich auch gern. Als er am 15. September 2007 bei mäßig böigem Wind und guter Sicht in seinem privaten Hubschrauber des Typs Eurocopter AS 350 B2 auf das Gelände seines alten Herrensitzes Jerviswood House bei Lanark, Schottland, zuhielt, befanden sich neben ihm selber sein fünfjähriger Sohn John Gavin, dessen sechsjähriger Freund Ben Porcelli sowie Graeme Duncan, ein Jugendfreund McRaes, an Bord. In das Mouse Water Valley eingebogen, stürzte die Maschine in ein Gehölz und geriet in Brand, wodurch sämtliche vier Insassen zu Tode kamen. Wie eine amtliche Untersuchung ergab, lagen keine technischen Absturzursachen vor. Vielmehr habe Pilot McRae „unnötig und fahrlässig“ gehandelt; er sei überflüssigerweise, vielleicht aus Übermut, in das „schwierige Gelände“ dieser Schlucht und dabei viel zu tief, außerdem zu schnell geflogen. Im Übrigen, stellte Sheriff Nikola Stewart weiter fest, sei McRae auch illegal geflogen, weil sein Privatpilotenschein schon 2005 abgelaufen war.** Unterdessen hallten die Schmerzenslaute über das „tragische Ende“ eines stets zum Scherzen aufgelegten Champions durch die Medienlandschaft. Der einsame Seufzer eines Zynikers, Vater McRae habe seinem Sprößling Johnny eine Laufbahn als Rennfahrer erspart, ging darin unter.

Daß sich früh übt, wer früh ins Gras beißen will, wußte auch Peter James Lenz (1997–2010) aus Florida, USA. Er hatte sein erstes Rennen, vermutlich auf einem sogenannten Pocketbike, mit Fünf gemacht. Mit 11 wechselte er in die normale 125er-Klasse, wo er als bis dahin jüngster US-Motorradrennfahrer die Lizenz erhielt. Zahlreiche Unfälle konnten ihn (und seine Erziehungsberechtigten) nicht abschrecken. Als der inzwischen 13jährige im August 2010 mit seiner Honda RS 125 bei einem Meisterschaftslauf in Indianapolis, Indiana, antrat, hatte er in der aktuellen Saison bereits an 13 Rennen teilgenommen, dabei fünfmal den Sieg errungen. In der „Aufwärmrunde“ zu seinem letzten Rennen wurde es freilich gar zu heiß: an einer Stelle der Piste hatte der Asfalt Blasen geschlagen und die Stelle holprig gemacht. Lenz stürzte, und da der nachfolgende Fahrer Xavier Zayat (12) nicht mehr ausweichen konnte, wurde Lenz von diesem überrollt. Das halbwüchsige „Riesen-Talent“ starb am selben Tage im Krankenhaus. Auf Pisten wie in Indianapolis kommen auch die NachwuchsfahrerInnen schon auf Geschwindigkeiten bis zu 200 Stundenkilometer. Der von Bild überlieferte Kommentar*** von Lenz' Erzeuger Michael wurde vermutlich von den Nachrichtenagenturen gleich an alle Kriegsminister der Nato weitergeleitet: „Er starb bei dem, was er am liebsten tat. Die Welt hat eines ihrer hellsten Lichter verloren.“ Dafür behielt sie eines ihrer trübsten.

Wenige Tage nach Lenz stürzte ein Landsmann von Abe, der 19jährige Shōya Tomizawa (1990–2010), beim Großen Preis von San Marino tödlich. Somit starb der erfolgreiche Tomizawa wenigstens im Dienst. Auch er wurde, wie Little Lenz, nach seinem Sturz von Verfolgern überrollt. Tomizawa hatte sein erstes Rennen (auf einem „Minibike“) als Dreijähriger gefahren. Insofern läßt sich glatt behaupten, er habe jenem Dienst enorme fünf Sechstel seines Lebens widmen dürfen.

* Japan News Review, 8. Oktober 2007
** Ermittlungsbericht des Sheriffs, 2. September 2011
*** 31. August 2010



Abetz, Otto (1903–58), Diplomat >Anthony, Albert


Abreu, Plácido de (1903–34), Absolvent der Lissaboner Militärakademie und Märtyrer der portugiesischen Luftfahrt. De Abreu hatte das Pech, seine Kunstfertigkeiten nicht mehr im Nachbarland bei der Unterstützung der francistischen oder nazistischen Fliegerkameraden einsetzen zu können. Kaum Pilot geworden (1929), warf er sich auf den Kunstflug. Schon 1932 sah ihn die große Flugschau von Cleveland, Ohio, unter den besten drei Nicht-Amerikanern. Aber dann, im Juni 1934, kamen die Kunstflugweltmeisterschaften in Vincennes (bei Paris). Der 30jährige stürzte ab, seine Maschine fing am Boden Feuer, Abreu verbrannte mit. Für dieses Brandopfer bekam er (1960) in Lissabon eine Straße.


Ace, Johnny (1929–54), US-Rockmusiker aus Tennessee. Der schwarze Sänger liebte es, außerhalb der Bühne, etwa aus dem Autofenster heraus, mit seiner kleinen Pistole zu spielen, und als er dies auch in einer Pause eines Konzerts in Houston, Texas, in der überfüllten Garderobe tat und sich einige Anwesende solchen Unfug verbaten, wollte er beweisen, daß seine Waffe ungeladen sei, richtete sie auf den eigenen Kopf und trat auf diese Weise mit 25 Jahren endgültig ab. Darauf sei „Big Mama“ Thornton aus der Garderobe gestürzt und habe gekreischt: „Johnny Ace just killed himself!“, erzählte später ihr Bassist Curtis Tillman. Thornton war eine schwarze Sängerin, die es immerhin noch auf 57 brachte, ehe sie (1984), stark abgemagert, im Alkohol ertrank.

Eine Generation später wiederholte sich die Geschichte in Los Angeles, Kalifornien, mit einer Mutprobe des in Gitarren und Schießeisen verliebten 31jährigen Terry Kath (1946–78), wobei allerdings lediglich Roadie (und Zeuge) Don Johnson zugegen war, dem der Chicago-Gitarrist, nach einer Party, die Angst zu nehmen gedachte, es könne wirklich knallen. Beide Helden, Ace und Kath, sollen sich in die Schläfe geschossen und keine selbstmörderischen Absichten verfolgt haben. Dagegen waren wahrscheinlich Drogen im Spiel.


Acker, Berko (1945–78), Schauspieler in der DDR. Neben seinem Engagement an der Berliner Volksbühne wirkte Berko, Typ des gutaussehenden Draufgängers, an zahlreichen Filmen mit, zuletzt als Erik im DEFA-Spielfilm Bis daß der Tod euch scheidet. Anschließend starb er: mit 33 in Ostberlin. Auf die Phantasie ihrer LeserInnen bauend, erklärte die beliebte Tageszeitung Neues Deutschland am 5. Dezember 1978, Berko habe einen „Unfall“ gehabt. Das ist alles.


Ackermann, Charlotte (1757–75), deutsche Schauspielerin, frühklassischer Kinderstar, früh verstorben. Als man sie am 16. Oktober 1761 in Karlsruhe als Louison in Molières Der eingebildete Kranke bewundern konnte, war sie erst Fünf und vermutlich zu gezielten Zwangsvorstellungen das eigene Ende betreffend noch nicht imstande. Vier Jahre nach diesem Debüt trat sie bereits im neu eröffneten Komödienhaus am Hamburger Gänsemarkt auf und ging mit der Theatertruppe ihres Vaters auf Gastspielreisen durch Norddeutschland. Das Publikum war hingerissen – angesichts dieses „außerordentlichen Talents voll Grazie und erfinderischen Geistes“, wie August Förster noch 100 Jahre später schwärmte.* Titelrolle bei der Uraufführung von Lessings Emilia Galotti; Adelheid in Goethes Götz von Berlichingen; Franziska in Lessings Minna von Barnhelm – alles mit 14 bis 17 Jahren.

Doch am 11. Mai 1775 meldet der Altonaer Reichs Post Reuter, die noch nicht 18jährige „Demoiselle“ sei am frühen Morgen einem „Schlagfluss“ (Schlaganfall) erlegen, der sie am Vortage „befallen“ habe. Nun ist Hamburg vor Entsetzen gelähmt. Das trifft beinahe sogar buchstäblich zu, werden doch sofort die Börse und zahlreiche Geschäfte vorübergehend geschlossen. Während das Theatergebäude „lediglich“ für einige Tage schwarz behangen wird, erscheint das Publikum zu den Aufführungen in Trauerkleidung. Ackermanns Leichnam bleibt für mehrere Tage öffentlich aufgebahrt, und zeitgenössische Sitten- oder Seuchenwächter klagen, noch am letzten Tage hätten etliche Verehrer die Lippen der schon halb verwesten Toten geküßt. Dem Sarg folgen schließlich rund 4.000 Menschen – kein Klacks, wenn man bedenkt, daß Hamburg damals nur 75.000 EinwohnerInnen hatte. Unter nicht wenigen dieser Trauergäste kursierten allerdings Zweifel an der ärztlichen Verlautbarung und die entsprechenden Mutmaßungen: Sollte ein Kind einen Hirnschlag erleiden? War ihr womöglich zugemutet worden, einen Bottich mit eingeweichter Wäsche auf einen Schemel zu hieven? Zwang man sie zu täglich 12stündiger Bühnen- oder Ballettsaalfron? Brachte sie sich unter dem Eindruck des grassierenden „Werther-Fiebers“ selber um, oder wurde sie von NebenbuhlerInnen vergiftet?

Dies alles konnte die Heiligenverehrung, die aufgrund des damals noch zweifelhaften Rufes der Schauspielkunst ohnehin schon sensationell war, nur steigern. Kaum lag die Ackermann im Sarg, wurde ein Entwurf für ein öffentliches Denkmal präsentiert. Binnen Kurzem kamen 700 Reichstaler Spendengelder zusammen, aber der Hamburger Senat verweigerte seine Zustimmung zur Errichtung eines solchen Denkmals – ja, er verbot sogar den Zeitungen, ihre Spalten weiterhin mit Artikeln und Gedichten über die Verblichene zu spicken. Das nehmen ihm heute vor allem feministische HistorikerInnen krumm, die darin eine Schutzmaßnahme für die Verehrung männlicher Helden argwöhnen. Nur Wochen später erschienen die ersten Bücher. 1854 legte natürlich auch der stoffgierige Otto Müller einen Roman über den frühen Kinderstar vor, der wahrscheinlich einer Spindel und damit den heute für die Laufstege gezüchteten magersüchtigen Mädchen glich. Dafür war sein Roman, erschienen bei Meidinger, 435 Seiten dick.

Kaum weniger stark (im Umfang) ist Petra Oelkers Historischer Kriminalroman Lorettas letzter Vorhang, der 1998 bei Rowohlt erschien. Zwar tritt Ackermann darin nur an zwei Stellen äußerst flüchtig auf, doch das Buch ist wegen seiner peinlich genauen Kulissenmalerei bemerkenswert. Es spielt im Hamburg des Jahres 1766 und kreist just um das Theater am Gänsemarkt, das damals im Ganzen immerhin rund 50 Beschäftigte hatte. Neben den herrschenden Sitten und den gebräuchlichen Perücken, Korsetten, Dreispitzen, Donner- und Kattundruckmaschinen lernen wir berühmte Nasen wie Lessing, Bode, Ekhof kennen. Etwas befremdet hat mich der Ton der Erzählerin, der sich fast in nichts von der geschilderten Behäbigkeit, ja Betulichkeit hanseatischer Kaufmannsfamilien unterscheidet – denn in diesem Milieu wird nach dem Mörder der Schauspielerin Loretta gesucht. Leider richtet sich Oelkers die Accessoires der Zeit betreffende Sammelwut nicht auch auf das, was Karl Marx die Klassenwidersprüche genannt hätte. Sie stellt die herrschenden Verhältnisse nie in Frage.

* Allgemeine Deutsche Biographie, Band 1 (1875), S. 37


Adams, James Capen (1807?–60), auch Grizzly Adams genannt, wird von der Fachwelt zu den großen Wegbahnern des Fangs, der Zähmung und der Vorführung wilder Tiere gezählt. Er war zu diesem Zwecke in den ganzen USA, was den Bärenklau angeht, aber besonders in Kalifornien unterwegs. Er stellte im Laufe seines vergleichsweise kurzen Lebens etliche üppige Menagerien zusammen. Als sich der einstige Schuhmacher und Goldsucher in Todesnähe schwante, trat er seine Tiere gegen gutes Geld, seinen drei Kindern und seiner designierten Witwe Cylena zuliebe, an den Zirkus Barnum in New York City ab. Adams' Glanznummer waren Ringkämpfe mit Grizzlybären gewesen. Gewiß zog er sich sowohl als Ringer wie als Trapper (Fallensteller) und Bändiger zahlreiche, teils schwere Verletzungen zu. Einmal hätte er durch einen Tatzenschlag um ein Haar seinen Skalp verloren, obwohl er, wie einige Quellen betonen, ein Freund der indianischen UreinwohnerInnen des Kontinents war. Durch den Tatzenschlag verrutschte seine Kopfhaut und knautschte sich, er hätte sie notfalls als Toupet verwenden können. Doch wer ihm den Rest gab, das soll kein stolzer Bär, vielmehr ein monkey, ein schnöder Affe also, gewesen sein. Er habe Adams bei einem Training während einer Tournee an der Ostküste in eine noch nicht verheilte Stirnwunde gebissen und dadurch wahrscheinlich mit Meningitis angesteckt. Nach einigen Monaten sei der Meister diesem heimtückischen Angriff (mit Chemiewaffen) bei Boston, Massachusetts, wo er damals offiziell wohnte, im Kreise seiner „Lieben“ erlegen. Diese hatte er in den wohl 53 Jahren seines Lebens wahrscheinlich keine fünf Wochen lang gesehen. Die Anziehungskraft, die Bären, Jaguare oder eben Schimpansen auf ihn ausübten, dürfte jedenfalls beträchtlich größer gewesen sein. – Eine Geschichte über Braunbären (die 1996 in Alaska für das Ende eines hingebungsvoll mit Kameras jagenden Japaners sorgten), wird demnächst unter Hoshino, Michio zu finden sein.


Adenauer, Emma (1880–1916), Lehrerin, Tochter des Kölner Versicherungsdirektors Emmanuel Weyer und Nichte Max Wallrafs, von dem ihr zukünftiger Gatte 1917 das Amt des Kölner Oberbürgermeisters erben sollte. Sie hatte den nahezu mittellosen Jura-Assessor Konrad Adenauer 1901 im Tennisclub Pudelnaß kennengelernt. Sie schenkte ihm ihr Herz und damit auch gleich die Eintrittskarte zu ihren gesellschaftlichen Kreisen. Man sollte meinen, als Frau Adenauer (seit 1904) hätte sie locker zwei von deutschem Boden ausgehende Weltkriege überstehen und Frau Bundeskanzler werden können. Doch seit der Geburt ihres ersten Kindes war sie nierenkrank, und dann, 1916, wurde ihr mit 36 Jahren eine Pilzvergiftung zum Verhängnis, an der sie starb. So stieg Konrad kurz darauf ohne sie zum Oberbürgermeister auf. Offenbar hatte er zufällig nicht mitgespeist, oder er war bereits so resistent gegen giftige Pilze wie nach 1945 gegen die Faschisten, mit denen er sich in seinem Mitarbeiterstab umgab.


Adolf, Hilde (1953–2002), Bremer Rechtsanwältin und SPD-Politikerin, Mitglied der Landesregierung. Als solches versuchte sie am Abend des 16. Januar 2002, per Autobahn von Bremen nach ihrem Wohnort Bremerhaven unterwegs, einen Lastwagen zu überholen. Wikipedia meint, dabei habe die 48jährige „aus ungeklärter Ursache bei einer Geschwindigkeit von etwa 160 km/h die Kontrolle über ihren Dienstwagen verloren“. Der von Adolf gelenkte, nun schleudernde Wagen flog aus der Bahn und prallte gegen mehrere Bäume. Sie starb noch am Unfallort. Spätere Untersuchungen sowohl des Fahrzeugwracks wie des Leichnams ergaben, laut Pressemeldungen, keine Anhaltspunkte für technische Defekte oder „Vorerkrankungen“. Adolf war zuletzt Bremer Senatorin für Arbeit, Frauen, Gesundheit, Jugend und Soziales gewesen. „Hilde bleibt der Maßstab“, überschrieb ein Lokalblatt* am 9. Dezember 2010 einen Artikel, der eine soeben erschienene Biografie über die flotte Senatorin vorstellte. Im Raum Bremen sind ein Preis und mehrere Örtlichkeiten nach ihr benannt.

* wohl die Nordsee-Zeitung, Bremerhaven


Afewerki, Abraham (1966–2006), eritreischer Popsänger. Seine Karriere, der bereits einige gutverkäufliche CDs der orientalisch-westlich gemixten Art entrollt waren, endete im Roten Meer. Die verbreitete Rede von Musikvideo-Arbeiten (Sonne! Strand! Sexorgien!) dürfte sich freilich ähnlich wie hartnäckig kursierende Mordvorwürfe den Phantasien gar zu verdorrter Gemüter verdanken. Zudem lassen die meisten Quellen das zweite Opfer des Unglücks, Robel Solomon, großzügig unter den Redaktionstisch fallen. Der Keyborder Solomon, Alter unbekannt, hatte sich mit seinem 40 Jahre alten Kollegen und Freund Afewerki einer vom staatlichen Energieministerium geförderten Gruppenreise von Gesteinskundlern angeschlossen, zu denen auch der offenbar namhafte einheimische Geologe Dr. Seife Berhe zählte, der ebenfalls mit dem zeitweilig in Italien oder den USA lebenden Popsänger aus Asmara befreundet war. Auf Berhes Darstellung* beruht mein Artikel. Danach war die Krönung der traditionellen Gruppenreise ein Schiffsausflug zu den bei Massawa im Roten Meer liegenden Dahlak-Inseln. Dort angekommen, suchte man Badefreuden, wobei man, vom Hotel aus, in Booten zu geeigneten oder gepriesenen Stellen fuhr. Einige Leute, darunter Afewerki und Solomon, befanden sich bereits im Wasser, als sie von der einsetzenden Flut oder anderen tückischen Meeresströmungen überrascht wurden. Diese offensichtlich unterschätzte Gefahr endete für die beiden Musiker tödlich. Möglicherweise konnten sie nicht oder nur unzulänglich schwimmen oder erlitten Herzanfälle. Solomon starb noch im Boot der herbeigeeilten HelferInnen, Afewerki bald darauf im Massawa Hospital, wohin beide Verunglückten mit einem Schnellboot der Marine gebracht worden waren. Schon wenige Wochen nach dem Unglück wurde in Washington D.C. eine Abraham Afewerki Foundation for Music ins Leben gerufen.**

* deren angebliche Quelle, ein Beitrag vom 16. Oktober 2006 auf der in Eritrea betriebenen Webseite EriPlanet.Com, leider nicht mehr erreichbar ist – dafür: hier
** homepage



A., Georgios († 2012), badischer Geisterfahrer. Entgegen den Erwartungen, die das Wort weckt, sind GeisterfahrerInnen ein neuzeitliches Phänomen, weil man früher weder Automobile noch strenge Fahrbahneinteilungen kannte. Für UNO und NATO zählen die von GeisterfahrerInnen angerichteten Unbequemlichkeiten zu den unvermeidlichen „Kollateralschäden“ des Fortschritts. Die Motive der GeisterfahrerInnen decken sich zuweilen mit den üblichen militärischen Antrieben der Westlichen Tauschwertgemeinschaft. In solchen Fällen fahren sie aus Gründen des Amoklaufs, der Mutprobe oder des Selbstmords* falsch. In den anderen Fällen handelt es sich um Versehen der Kategorie Irren ist menschlich.

So hatte auch der 20jährige Georgios A. aus Kehl im badischen Ortenaukreis womöglich nicht bedacht, daß er sich ausgerechnet am Vorabend des sogenannten „Volkstrauertages“ mit Freunden zu einem Disco-Besuch in Freiburg im Breisgau entschlossen hatte. Er hatte seinen weißen BMW am 17. November 2012 am „Offenburger Ei“ geparkt und war in einen Wagen der Freunde Richtung Disco umgestiegen. Am frühen Morgen des 18. November aus Freiburg zu seinem geparkten Wagen zurückgekehrt, lag nicht nur Nebel in der Rheinebene, A. hatte auch 1,9 Promille Alkohol im Blut. Deshalb fädelte er sich versehentlich auf der falschen Seite der Autobahn ein, so daß er wieder Richtung Freiburg fuhr. Als er dies bemerkte, versuchte er seinen Fehler bei Lahr durch ein Wendemanöver zu korrigieren, verwechselte aber dieses Mal aufgrund seiner Trunkenheit die beiden auf der Autobahn gültigen Fahrtrichtungen.

Kurz darauf prallt A. mit seinem flotten BMW gegen ein ihm entgegenkommendes Sammeltaxi der Marke VW-Touran. Prompt bohren sich im Nebel weitere Fahrzeuge in das unerwartete Hindernis. Neben dem „Geisterfahrer“ sterben sämtliche fünf Insassen des Taxis, und zwar im Alter von: 30, 27, 26 (männlich) und 36 und 23 (weiblich). Außerdem wird eine 37jährige Fahrerin, die helfen will, von einem Auto erfaßt und schwer verletzt. Man konnte ihr Leben retten und ist inzwischen damit befaßt, die Schuldfrage zu klären oder die Entschädigungen in Einfamilienhäuser – oder Autos zu verwandeln. Die Polizei vermutete kurz nach dem Unfall, wahrscheinlich sei nicht nur der „Geisterfahrer“ fahrlässig gefahren. Sie räumte ein, letztlich gehe es bei dieser mühsamen und kostspieligen Klärung lediglich darum, den Boden für die zu erwartenden Schadensersatzansprüche zu bereiten. Am unheimlichen System wird nicht gerüttelt.

Übrigens hat es auch Züge des Hasardspiels. Bei dem 30 Jahre alten Todesopfer handelte es sich um den Fahrer des Sammeltaxis Kirce S., einen seit 2010 verheirateten Mann aus Makedonien, der in Offenburg wohnte. Wie es aussieht, rettete er unfreiwillig einem Kollegen das Leben, von dem er die Schicht kurzfristig übernommen hatte.** Zudem hätte S. nach der Unglücksfahrt Feierabend gehabt.

* Davon wurde zum Beispiel die 34 Jahre alte Münchener Fernsehmoderatorin Alexandra Freund (1967–2001) betroffen, als sie, mit ihrem VW-Passat auf der A 8 unterwegs, zufällig dem Mercedes eines lebensmüden 23jährigen aus Rosenheim in die Quere kam.
** Pelagon.de, 21. November 2012



Agostinelli, Alfred (1888–1914). Der französische Mechaniker wurde angeblich nicht von Marcel Proust um die Ecke gebracht, obwohl der berühmte Schriftsteller wahrscheinlich einigen Grund dafür gehabt hätte. Proust besaß keinen Führerschein. So hatte er Agostinelli, der ein Taxi besaß, 1907 als Chauffeur, 1912 zudem als Sekretär und eigentlich auch als Geliebten eingestellt, doch in der dritten Funktion scheint der junge Maschinennarr versagt zu haben. Ende 1913 soll er sich, Cyril Grunspan zufolge*, fluchtartig nach Monaco verzogen haben, wo ihm die üppige Entlohnung in Prousts Diensten den Besuch einer Pilotenschule ermöglichte. Wahrscheinlich wird man auch Quellen finden, die Agostinelli nun einen Selbstmörder nennen, hat er doch bald darauf, im Mai 1914, das Pech, bei Antibes (an der Côte d’Azur) mit seinem Flugzeug abzustürzen und im Mittelmeer zu ertrinken. Da war der 25jährige indessen schon als „Albertine“ in Prousts Mammutwerk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit eingegangen. 1919 konnte sich der knapp 50jährige Proust mit dem Prix Goncourt trösten.

* Marcel Proust. Conceal nothing, Verlag: Portaparole, 2005,
S. 65



Agostinho, Joaquim (1943–84), Radrennfahrer >Depoorter, Richard


Agsamow, Georgi Tadschikanowitsch (1954–86), sowjetischer Schachspieler. Wer auf einem schwarzweiß karierten Brett mit Läufern und Springern hantiert, setzt sein Leben für gewöhnlich weitaus weniger aufs Spiel als etwa ein Reiter im Parcours oder ein Boxer im Ring. Das war auch bei Agsamow der Fall. 1984 hatte es der Arztsohn und studierte Philologe, mit 30 Jahren, als erster Usbeke und Asiate überhaupt zum Großmeister gebracht. Er gewann mehrere internationale Schachturniere. Es wären vielleicht noch viel mehr geworden, wenn der 31jährige nicht im August 1986 ein Turnier in Sewastopol auf der Insel Krim mit dem Versuch abgeschlossen hätte, auf dem Steilufer eine Abkürzung zum Schwarzmeerstrand zu nehmen, wo er sich abkühlen wollte. Angeblich war es schon dämmrig. Auf einer Klippe gestolpert oder ausgerutscht, stürzte Agsamow jäh in die Tiefe, wo er zwischen zwei Felsen eingeklemmt wurde. Andere SpaziergängerInnen oder SchwimmerInnen hätten seine Hilferufe gehört, seien jedoch nicht an den Verunglückten herangekommen, heißt es. Als die Rettungsmannschaft eintraf, soll er bereits tot gewesen sein. Die 9th International Tashkent Open, Memorial of Agzamov vom März 2015 gewann der erst 17 Jahre alte russische Großmeister Vladislav Artemiev.

Im selben Sommer wurde dem 39jährigen Ringer Ernst Hack (1946–86) bei einer Bergtour in seiner Heimat Oberösterreich ein Steinschlag zum Verhängnis. Sein Verein SK Vöest Linz ehrt ihn durch regelmäßige Schülerringkampfturniere.


Aguéli, Ivan (1869–1917), schwedischstämmiger Wander-Sufi und Maler. Möglicherweise ist in etlichen Büchern, die die deutsche Wikipedia anführt, Näheres über die Umstände des Todes dieses Tierarztsohnes aus dem hohen Norden zu erfahren, der sich schon in frühster Jugend mit Gesteinen und Mystik befaßt haben soll und der später, in Paris, nach anarchistischen Seitensprüngen zum Islam übertrat. Der Artikel selbst teilt lediglich mit, in den frühen Morgenstunden des 1. Oktobers 1917 sei der 48jährige in der katalonischen Stadt L’Hospitalet de Llobregat (bei Barcelona) beim Überqueren von Bahngleisen von einem Zug erfaßt und getötet worden. Das klingt nach Unfall*, zumal wenig später von dem „Verunglückten“ die Rede ist; zieht man jedoch Aguélis Lebensumstände, Erster Weltkrieg eingeschlossen, in Betracht, wäre man auch von einem Selbstmord nicht verblüfft. Erst im Vorjahr wegen seiner Italienfreundlichkeit vom britischen Generalkonsul als „Spion“ aus Kairo ausgewiesen, wo er am Magazin Il Convito (arabisch An-Nadi) mitgearbeitet hatte, saß er nun isoliert und abgebrannt – und vielleicht auch entmutigt in Spanien und wartete vergeblich auf Unterstützung von Freunden, genauer wohl auf Reisegeld gen Heimat. Als dann ein Scheck über 1.000 Peseten seines Freundes und Förderers Prinz Eugen, der sich gleichfalls der Malerei verschrieben hatte, im schwedischen Konsulat eintraf, war Aguéli schon seit zwei Tagen tot. Seine stets treu zu ihm haltende Mutter wird im Wikipedia-Artikel erwähnt, nicht dagegen, ob der umtriebige malende Mystiker auch sonst noch auf dem Feld der Liebe weidete. Vielleicht verkehrte er ausschließlich mit Engeln, wie Swedenborg, wobei ja, soweit ich weiß, auch der Koran welche kennt. Dafür wird zurecht lobend auf Aguélis überwiegend kleinformatige Gemälde hingewiesen, die zwar „gegenständlich“ seien, doch durch Vereinfachung der Formen und sanfte, „blasse“ Farbgebung „den Eindruck der Entrücktheit ihrer Gegenstände“ (oft Landschaften) erzielten. Einige von ihnen hängen, über den Planeten verstreut, in renommierten Kunsttempeln; zudem hat ihr Schöpfer in seiner Geburtsstadt Sala ein eigenes Museum.

* laut französischer und auch schwedischer Wikipedia durch eine Schwerhörigkeit Aguélis verursacht oder begünstigt


Aicher, Otl (1922–91), Künstler >Kirchberger, Martin


Aicher, Pia (1954–75), Abiturientin >Kirchberger, Martin


Aitinger, Sebastian (1508–47). Der Schwabe war schon mit 17 Notar, mit 18 Ulmer Stadtschreiber und mit 32 Sekretär und faktisch der Verhandlungsführer des Schmalkaldischen Bundes gewesen. Dies alles nützte ihm aber gegen die Erkältung nichts. Als das Schmalkaldische Bundesheer bei Mühlberg an der Elbe im April 1547 von den (katholischen) kaiserlichen Truppen Karl V. geschlagen und der „Hauptmann“ des Bundes, Landgraf Philipp von Hessen, in Gefangenschaft geraten war, zog sich dessen „Geheimschreiber“ Sebastian Aitinger in der Hoffnung in seine Heimatstadt Ulm zurück, er werde der angekündigten Amnestie teilhaftig und von Verfolgung verschont bleiben. Damit erhoffte er sich ein glimpflicheres Schicksal, als es um 1525 viele thüringsche aufrührerische Bauern just durch seinen Ex-Chef, den „protestantischen“ Grafen Philipp der Großmütige erlitten hatten, der vom Waltershäuser Stadtchronisten Sigmar Löffler zu den „wütendsten Widersachern“ der Bauern gezählt wird. In Ulm machte Aitinger freilich ein langes Gesicht, weil die Pest in die Stadt eingezogen war. So ließ er notgedrungen seinen Haus- und Grundbesitz im Stich und flüchtete sich mit seinen Kindern ins nahe Burlafingen. Doch man war ihm auf den Fersen: im November entkam der gerade bettlägerige und deshalb spärlich bekleidete Mann nur knapp einem Überfall, indem er aus dem Fenster und wenig später in die Donau sprang, die bekanntlich Ulm im Norden berührt, um sich schwimmend ans andere Ufer und dann zu Fuß in ein ihm wohlgesonnenes Schloß zu retten. Das gelang ihm auch. Allerdings war der 39jährige damit lediglich der Pest und den Häschern entronnen. Er starb wenige Tage darauf in seinem Unterschlupf an der Erkältung, die er sich im Donauwasser zugezogen hatte.*

* Otto Graf von Looz-Corswarem in der Neuen Deutschen Biographie 1 (1953), S. 119


Akdoğan, Tuncay (1959–2004), alevitisch-türkisch-kurdischer Liedermacher. Akdoğan, zuletzt mit üppigem schwarzen Vollbart und mächtiger Stirnglatze zu sehen, dürfte zumindest in finanzieller Hinsicht nicht sehr erfolgreich gewesen sein, hatte man ihm doch in seiner Istanbuler Wohnung den Strom abgestellt. Als er am 19. November von einem Kneipenabend mit Freunden heimkehrte, zündete er deshalb eine Kerze an. Er schlief bald darauf ein – Zimmerbrand. Akdoğan, 45 Jahre alt, kam um. Erfreulicherweise ist in den spärlichen Quellen nicht von weiteren Opfern des Brandes die Rede. Dafür gibt es Andeutungen über Vorahnungen Akdoğans bezüglich seines frühen Todes, die aus Texten und Bemerkungen Freunden gegenüber sprechen sollen, wenn ich die Zeitung Hürriyet nicht mißverstanden habe.*

Die Aleviten, vor allem in Anatolien und Thrakien keine unbedeutende Minderheit, hängen einem Glauben an, der sich zumindest teilweise vom Islam abgrenzt, so daß es immer wieder zu Spannungen kommt. Im Sommer 1993 waren zahlreiche KünstlerInnen und Intelektuelle, die in der zentralanatolischen Stadt Sivas an einem alevitischen Kulturfestival mitgewirkt hatten, Ziel eines empörten (sunnitischen) Massenaufmarsches und eines Brandanschlages auf ihr Hotel Madımak; es gab allein unter diesen Gästen 35 Todesopfer. Während die Aleviten von einem Progrom oder Massaker sprechen, zieht der offizielle türkisch-muslimische Sprachgebrauch die Rede vom „Sivas-Ereignis“ vor, was unweigerlich an die nie stattgefundenen Greueltaten an den (christlichen) Armeniern um 1915 erinnert. Die Frage nach den Tätern oder Drahtziehern jenes Anschlages ist jedenfalls, trotz etlicher Verurteilungen durch Gerichte, bis heute ungeklärt und umstritten.

* Artikel vom 24. November 2004


Akimow, Alexander Fjodorowitsch (1953–86), sowjetischer Nukleartechniker. Im April 1986 ereignete sich in der damals noch sowjetischen Ukraine – unter anderem wegen krasser Verstöße gegen die geltenden Sicherheitsvorschriften – die Nuklearkatastrophe im Kernkraftwerk Tschernobyl. Die Spätfolgen, etwa Hunderttausende von Krebskranken, sind bis heute kaum abzusehen. Selbst die Schätzungen der „Experten“ über die Anzahl der „unmittelbar“ durch die Katastrophe bewirkten Toten sind höchst verschwommen; sie reichen von wenigen Tausend bis zu vielen Tausend. Einer von ihnen war der 33jährige Schichtführer von Block 4, Akimow. Als die Meldungen über das wahre Ausmaß der Zerstörung im Reaktor endlich bis an sein Ohr gedrungen waren, versuchte er, statt sich dünne zu machen, mit einigen Leuten Kühlwasser in den Reaktor zu pumpen. Dabei erlitt er eine Strahlenbelastung, die ihn nach zwei Wochen getötet hatte. Laut Wikipedia stellte ihn die Leitung des Kernkraftwerks zunächst als den Verantwortlichen für die Katastrophe hin – dies jedoch zu unrecht, weil sie so lediglich danach trachtete, von der eigenen groben Fahrlässigkeit abzulenken. Das mag ja alles stimmen. Wenn aber einer seine Berufung und seinen Broterwerb unbedingt in der Nukleartechnik finden will, ist er meines Erachtens wirklich selber schuld, wenn er auf diese Art nur 33 Jahre alt wird. Schließlich hätte Akimow auch Wind- oder Fahrräder bauen, Pferde zureiten oder Gemüse züchten können – das Gemüse, das er dann verseuchen half.

Streng genommen, zerschellt diese Rüge allerdings an meiner Verneinung der Willensfreiheit. Dazu bedarf es noch nicht einmal einer Befassung mit Akimows Biografie. Im Übrigen liegt es mit der „Sicherheit“ im Raum Tschernobyl nach wie vor im Argen, wie jüngsten Presseberichten (Sommer 2015) zu entnehmen ist. Es fehlt an Geld! Wahrscheinlich haben es die großzügigen „Geberländer“ gleich in die Taschen der regierenden Oligarchen, Boxer und Schläger gepumpt. Schon die rasche Eindämmung eines schnöden Waldbrandes, der Ende April 2015 innerhalb der 30-Kilometer-Sicherheitszone ausgebrochen war, scheiterte an der Armut – die Feuerwehr sei zu schlecht ausgerüstet gewesen. Vor allem aber zeige der 1986 „in aller Eile“ über dem zerstörten Reaktor errichtete „Sarkophag“ aus Beton bereits tiefe Risse, die einen Einsturz und damit das Entweichen radioaktiver Staubwolken befürchten lassen. Eine rund 31.000 Tonnen schwere, auf Schienen zur Ruine fahrbare Stahlkuppel als neue Schutzhülle ist mangels Geldmasse noch immer nicht fertiggestellt. Das Bauwerk mißt 260 mal 165 Meter bei 110 Meter Höhe. Damit sei es groß genug – so focus-online nicht ohne Einfalt oder Hinterlist – um beispielsweise „die Freiheitsstatue“ zu verbergen.*

* Janna Krenz, 29. Mai 2015


Albert von Sachsen, Prinz (1875–1900), achtes Kind des späteren sächsischen Königs Georg und dessen einstiger, bereits 1884 verstorbenen Gemahlin Maria Anna von Portugal. Ob Albert, mit 25 Jahren und noch ledig, gewissermaßen im Kampf fiel, ist ungeklärt. Im September 1900 fanden bei Dresden Manöver statt, an denen Rittmeister Prinz Albert als Chef der 4. Eskadron eines sächsischen Ulanenregiments beteiligt war. Als er in diesem Rahmen, aber wohl in einer Gefechtspause, mit seiner Kutsche Richtung Residenzstadt fuhr, wurde er auf gefährlichste Weise von einer anderen Kutsche überholt, auf deren Bock ein Kamerad saß, wenn auch vielleicht mit funkensprühendem stechenden Blick, falls ihm nicht der Schalk im Nacken saß. Das war der damals 21jährige Leutnant Miguel de Bragança. Dieser Schelm, der es später immerhin noch bis zum Herzog von Viseu (in Portugal?) brachte, rammte Alberts Kutsche derart heftig, daß sie umkippte und in den Straßengraben fiel – und mit ihr der Prinz aus dem Hause Wettin, der sich dabei tödliche Verletzungen zuzog. Einige Quellen weisen auf die bekannte Verfeindung zwischen den beiden beteiligten Adelsgeschlechtern hin, andere warnen a lá mode vor Verschwörungstheorien. Die amtliche Untersuchung des Vorfalls konnte jedenfalls keine Beweise für böse Absichten De Braganças finden oder fabrizieren; die Empörung im Lande war jedoch stark genug um den Leutnant zu nötigen, seinen Abschied zu nehmen und außer Landes zu gehen, vermutlich nach Portugal.

Ironischerweise wurde auch De Bragança nicht sonderlich alt. Er starb 1923 mit 44 in New York City. Was ihn dort hingezogen hatte, vielleicht ein wichtiges Galopprennen, die Abschaffung der portugiesischen Monarchie (1911) oder die Aussicht auf eine Taxifahrt über eine eben eingeweihte neue städtische Schnellstraße – es wird dem Lexikografen nicht verraten.


Al Chalifa, Faisal bin Hamad bin Isa (1991–2006), Sohn eines Scheichs, außerdem – schon zu Lebzeiten! – Ehrenpräsident der Bahrainischen Behindertensport-Föderation. Ob der 14jährige Prinz selber behindert war, lassen meine Quellen offen. Am 12. Januar 2006 war er tot. Sein Auto war auf einer Stadtautobahn von Manama, der Landeshauptstadt des im Persischen Golf gelegenen Inselkönigreichs Bahrain, bei hoher Geschwindigkeit mit einem Bus kollidiert und von der Straße geflogen. Nach offizieller Darstellung* war der Prinz in Begleitung mehrerer Leibwächter gewesen, von denen einer am Steuer gesessen habe. Vom Schicksal dieser Garde (vor allem ihrem Gesundheitszustand) ist nirgends die Rede. Einige Quellen argwöhnen, der Wagen sei vom Prinzen selber gefahren worden, was sicherlich keine haarsträubende Vermutung ist, wenn man bedenkt, wie sehr arabische Adelige im Laufe der Postmoderne ihre Begierde von Pferdeschwänzen auf Auspuffrohre verlagert haben. Die englische Wikipedia behauptet, nach dem Abkommen von der Straße habe der Prinzenwagen den Sockel eines riesigen Bildes gestreift, das den Vater des Prinzen zeigte, den amtierenden König des fortschrittlichen Ölförderlandes. Dieses Detail ist zwar sehr hübsch, aber unbelegt. Der große Herrscher hatte sich übrigens 2002 eigenmündig zum König erklärt. Der verunglückte Prinz Faisal war sein jüngster Sohn gewesen.

Im selben Jahr kam der 53 Jahre alte Jurist und Politiker Bonaya Adhi Godana (1952–2006) aus Kenia, der zeitweilig Minister gewesen war, mit mindestens 13 weiteren Passagieren, darunter etliche hohe PolitikerInnen, beim Absturz eines Militärflugzeuges im Norden seines Landes, bei Marsabit, ums Leben. Die Maschine sollte die PolitikerInnen zu einer Konferenz in der Grenzregion (mit Äthiopien) bringen. Diese Veranstaltung war von dem Wunsch geleitet, unter den dortigen Einheimischen „Frieden und Harmonie“ zu stiften.** Das Flugzeug stürzte bei heftigem Regen über waldreichem Gebirge ab. Als Ursache des Unglücks wird „schlechte Sicht“ angegeben, demnach lag kein Anschlag vor.

Ähnliches – um es hier einzuschieben – wiederholte sich 2011 mit der vielfach ausgezeichneten, ungefähr 46 Jahre alten „Friedensarbeiterin“ Dekha Ibrahim Abdi (1964–2011) aus dem Grenzgebiet Kenia/Somalia, die inzwischen in Mombasa, Kenia, lebte: sie erlitt einen tödlichen Autounfall auf dem Weg zu einer Friedenskonferenz in Garissa, Kenia, wobei auch der Fahrer ihres Dienstwagens und ihr Ehemann umkamen. Man zeigte sich weltweit „bestürzt“.

Ein besonders leckeres „Kavaliersdelikt“ leistete sich im August des selben Jahres 2006 der 39 Jahre alte Geschäftsführer der sächsischen NPD-Landtagsfraktion Uwe Leichsenring (1967–2006). Zwischen Pirna und seiner Heimatgemeinde Königstein auf der Bundesstraße unterwegs, setzte der massige, gedrungene Volksvertreter mit seiner Mercedes-Limousine zum Überholen einer Autokolonne an, prallte jedoch auf einen ihm entgegenkommenden Lastwagen. Leichsenrings Fahrzeug wurde in zwei Teile gerissen; der Lastwagen geriet in Brand. Während Leichsenring noch an der Unfallstelle starb, wurde der Lastwagenfahrer mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus geflogen. Vielleicht wußte es der Verletzte bereits: Im Hauptberuf war Leichsenring, seit 2000, selbstständiger Fahrlehrer gewesen.

* AFP-Bericht in den arab news, 13. Januar 2006
** BBC-Bericht, 10. April 2006



Alcott, Louisa May (1832–88). Als knapp 30jährige versucht sich die kommende Bestsellerautorin vorübergehend als Krankenschwester in einem Lazarett in Washington D.C. nützlich zu machen, steckt sich prompt mit Typhus an, wird darauf mit einem quecksilberhaltigen Medikament behandelt – und wahrscheinlich auch dadurch einem vergleichweise frühen Tod geweiht. Weitere Krankheiten oder schlechte Dispositionen, die in der Literatur umstritten sind*, kamen hinzu und gipfelten 1888 in einem Schlaganfall der 55jährigen Pionierin des unverknöcherten US-Mädchenbuchs. Während der eigenen Kindheit hatte sie im Raum Boston–Concord, Massachusetts, die Luft der berühmten unkonventionellen, dafür fortschrittsfeindlichen sogenannten Transzendentalisten eingeatmet, etwa von Emerson, Thoreau, Nathaniel Hawthorne, Margaret Fuller. Der Letzten werden wir wieder bei einer verhängnisvollen Schiffsreise begegnen. Alcott nahm sich in Boston eine eigene Wohnung, aber nie einen eigenen Ehemann. Vielleicht war sie von ihrem Vater Bronson geschädigt, dem typischen übermächtigen wohlmeinenden „Pädagogen“; vielleicht war sie auch, wie Bemerkungen von ihr andeuten, im Grunde lesbisch gestimmt. Ihre große Leidenschaft war das Schreiben, das sie freilich auch aus schnöden Erwerbsgründen betrieb. Ihren „Durchbruch“ erzielte sie 1868 mit dem ersten Band ihres um vier halbwüchsige Schwestern kreisenden Hauptwerkes Little Women, das bis heute zahlreiche Auflagen und Übersetzungen erfuhr. Ihre jungen Heldinnen und Helden sind keine Rebellen, aber doch Schlingel, die auf Achtung ihrer Eigenarten und ihrer Selbstständigkeit pochen. Lieber Jungfer bleiben und das eigene Kanu paddeln, soll Alcott, sinngemäß zitiert**, mit 27 gesagt haben, als ihre ältere Schwester vor dem Traualtar stand.

* Hirschhorn/Greaves 2007
** „I’d rather be a free spinster and paddle my own canoe“, laut Jean R. Freedman, The Washington Post, 23. April 2015



Alexandra (1942–69). Im Ergebnis führte die kurze künstlerische Karriere der Verkehrssünderin zu einem nach ihr benannten Steig (in Hamburg) und einem nach ihr benannten Platz (in Kiel). Was hatte sie geleistet? Ursprünglich Modezeichnerin und Schauspielerin, ging die dunkelhaarige Hübsche mit der gleichfalls dunklen, dazu rauchigen Stimme, die im ostpreußischen „Memelland“ geboren worden war und eigentlich, nach ihrer frühen Ehe, Doris Nefedov hieß, Mitte der 1960er Jahre mit Titeln wie Sehnsucht und Zigeunerjunge als slawisch angehauchtes westdeutsches Schlagersternchen auf. 1968 wechselt sie mit Mein Freund, der Baum ins damals noch im Schatten liegende Öko-Fach. Sie verdient gut; als Preis zahlt sie den üblichen „Streß“. Alexandra war einmal verheiratet und einmal verlobt, daneben mit Kollegen wie Salvatore Adamo und Udo Jürgens befreundet. Ihr Verhängnis – und leider auch das ihrer Mutter Wally Treitz, die neben Alexandras sechsjährigem Sohn Alexander mit im Wagen saß – war eine Autofahrt in den Urlaub auf Sylt Ende Juli 1969 von Hamburg aus. Bei Dithmarschen auf der Landstraße unterwegs, mißachtete die 27jährige an einer Kreuzung mit der Bundesstraße 203 das Stoppschild und damit die Vorfahrt eines mit Betonplatten beladenen Lastwagens, der ihren elfenbeinfarbenen Mercedes 220 SE Coupé über mehr als 20 Meter hinweg in den Straßengraben schob. Die beiden Frauen wurden getötet, der Sohn nur leicht verletzt. Das Alter der Mutter taucht in meinen Quellen nicht auf. „Sehnsucht heißt ein altes Lied der Taiga / das schon damals meine Mutter sang ...“

Der Polizei war die betreffende Kreuzung, die bereits für mehrere Tote gesorgt hatte, als „Unfallschwerpunkt“ bekannt; sie wurde später beseitigt. Der Journalist und Musikverleger Hans R. Beierlein, Alexandras Manager und zeitweilig auch Liebhaber, soll nach der Katastrophe kommentiert haben*, die Sängerin sei „eine schlechte Autofahrerin“ gewesen. „Einen Tag vor dem Unfall saß ich noch bei ihr im Wagen. Ihr Fahrstil war so gefährlich, dass ich ausstieg, weil ich Angst bekam.“ Auch Selbstmord schließt der Manager aus, da sie vor ihrer Abreise „so beglückt“ gewesen sei.** Aber von solchen schnöden Phänomenen wie den „Sachzwängen“ der „Verkehrsanbindung“ oder wie Streß, Mobilitätszwang, Autofabrikation, Straßenverkehrsordnung unbeeindruckt, zieht sich die Rede vom „rätselhaften“, besser noch „mysteriösen“ Ende des Stars durchs Internet und sogar durch etliche Theaterprogrammhefte. Das macht sich besser.

Die 38 Jahre alte jugoslawische Schlagersängerin Silvana Armenulić (1938–76) kam gemeinsam mit ihrer 25jährigen, gleichfalls singenden, damals schwangeren Schwester Mirjana (Mirsada) Barjaktarević und dem Geiger und Orchesterleiter Miodrag „Rade“ Jašarević nach einem Konzert in einem Ford Granada auf der Schnellstraße Belgrad–Niš um. Laut Polizei lag ein Unfall vor. Danach war der am Steuer sitzende Jašarević, 60, in den Gegenverkehr geraten und wie schon Alexandra mit einem Lkw zusammengeprallt. Doch auch in diesem Fall halten sich Gerüchte, zumal sich die Sache hinter dem „Eisernen Vorhang“ abspielte.***

* Hamburger Abendblatt, 2. August 2014
** Bild München, 16. April 2009
*** Telegraf, 30. Mai 2013



Alfons de Borbón (1941–56), spanischer Prinz. Nach Kriegsende nistete sich seine Familie in dem beliebten portugiesischen Seebad Estoril nahe Lissabon ein, das uns weiter unten, bei Aljechin, im Bereich des Schachsports mit dem nächsten Unglück wiederbegegnen wird. Gleichwohl hatte der Clan gute Verbindungen ins benachbarte francistische Spanien. Ebendort besuchte Alfons auch die Schule, und anschließend trat er, wie schon sein vier Jahre älterer Bruder, in die Militärakademie in Saragossa ein.

Ende März 1956 weilten die Brüder auf Heimaturlaub in Estoril, wo sie sich eines abends in einem Zimmer der elterlichen Villa Giralda angeblich mit der Reinigung eines offensichtlich geladenen Revolvers befaßten. Dabei empfing Alfons, der blonde 14jährige Nachwuchsoffizier, einen Schuß in die Stirn, der ihn innerhalb weniger Minuten tötete. Dummer- oder günstigerweise gab es lediglich einen Zeugen der Angelegenheit, eben den 18 Jahre alten Bruder Juan Carlos, den späteren spanischen „König“. Ihm oder dem familiären Bulletin zufolge hatte es sich also um ein „tragisches“ Versehen gehandelt, wobei es dann auch blieb. Eine amtliche Untersuchung fand, laut Martin Dahms*, nie statt. Böse Zungen behaupten, die Tatwaffe sei von Graf Juan, dem Vater, vorsorglich ins Meer geworfen worden. Die meisten Quellen nehmen an, statt ihn zu reinigen, hätten die Brüder eher ihre waghalsigen Spielchen mit dem Revolver getrieben, der sogar ein persönliches Geschenk General Francos an den jüngeren Prinzen gewesen sein soll. Für Dahms steht dabei der Täter fest: Carlos. Daß es jedoch bei jenen Spielchen um die Bereinigung der Thronfolge gegangen sei, wird allgemein für unwahrscheinlich gehalten, da Carlos erwiesenermaßen der Erstgeborene war. Franco sprach militärisch knapp von dessen „Pech“.

Ja, der arme Carlos! Lebenslänglich Schuldgefühl, bis zum jüngsten Tag vom Pech verfolgt. 2012 schießt sich sein Enkel Felipe Juan Froilan auf dem königlichen Landgut bei Soria, Nordspanien, in den Fuß! Als habe der Knabe verzweifelt versucht, der bekannten sagenhaften einheimischen Jugendarbeitslosigkeit zu entgehen. Übrigens tat er es in Gegenwart seines Vaters mit einem Kleinkalibergewehr – das er als 13jähriger noch gar nicht hätte handhaben dürfen. Wenig später wird eine kostspielige Elefantenjagd seines 74 Jahre alten Großvaters im afrikanischen Botswana ruchbar, weil sich dieser dabei, tragischerweise, die Hüfte bricht. Das hätte natürlich nie passieren dürfen, ist der Monarch doch schon seit 44 Jahren Ehrenpräsident der spanischen Sektion der Tierschutzorganisation World Wildlife Fund (WWF) gewesen … Zwei Jahre später dankt der unglückliche König ab.

* Berliner Zeitung 30. Mai 2003


Alhinho, Carlos (1949–2008). Um die Rede vom rasenden technischen Fortschritt Lügen zu strafen, erlitt ein kap-verdisch-portugiesischer Fußballer 125 Jahre später das gleiche Schicksal wie ein Göttinger Geistesarbeiter, der sich unter finden wird. Allerdings war Carlos Alhino, 59, einstige Position Verteidiger, schon lange nicht mehr aktiv, als er Ende Mai 2008 in einem Hotel der großen angolanischen Provinzhauptstadt Benguela (um 700.000 EinwohnerInnen) abstieg. Er hatte die Nationalmannschaften der Kap Verden und Angolas betreut und stand nun in Verhandlungen, um vielleicht das angolanische, in Benguela ansässige Spitzenteam Primeiro de Maio zu trainieren. Doch es kam nicht dazu, weil er samstags im sechsten Stock seines Hotels, wie die BBC damals meldete, die Tür eines Fahrstuhls öffnete und eintrat („stepped in“), ohne daß auch eine Fahrstuhlkabine vorhanden gewesen wäre. Der dunkelhäutige, früher auch wuschelköpfige und schnauzbärtige Sportler stürzte in den leeren Schacht und schließlich auf das Dach der Kabine, die sich gerade im Erdgeschoß befunden haben soll. Er starb noch vor Ort, obwohl das Hotelpersonal sofort Erste Hilfe leistete. Ob Doping, Sabotage oder schlicht Fahrlässigkeit im Spiel gewesen war, verriet BBC nicht. Auch der Name des Hotels wird überall diskret verschwiegen.


Alia al-Hussein (1948–77), Königin >Spremberg, H.-J.


Aljechin, Alexander (1892–1946). Von einem oft reproduzierten Foto her könnte man glauben, der 53 Jahre alte untersetzte, derb gestaltete Russe mit der hohen Stirn (fast wie Lenin) sei in seinem Armlehnstuhl beim einsamen Speisen in einem Zimmer des Hotel do Parque in Estoril, Portugal, lediglich eingenickt. Er ist aber tot. Ein Kellner hat ihn vormittags als Leiche vorgefunden. Verletzungen oder gar Verwüstungen sind nicht zu sehen. Im Gegenteil, ein säuberlich aufgebautes Schachbrett auf dem Beistelltisch deutet an, welcher Sport hier wieder einmal ein „Genie“ verloren hat. Um 1930 hatte Aljechin das weltweite professionelle Schachgeschehen fast nach Belieben beherrscht. Selbst bei seinem Tod war er noch amtierender Weltmeister, obwohl er sich seit einer empfindlichen Niederlage gegen den Holländer Max Euwe im Jahr 1935 auf dem absteigenden Ast befand. Und der britische Schachverband hatte ihm soeben, im März 1946, seine Bereitschaft mitgeteilt, ihm in London einen Titelkampf gegen seinen Landsmann Michail Botwinnik zu ermöglichen. Angesichts einer solchen Chance legt man wohl kaum Hand an sich selbst, es sei denn, man schlottert vor Angst, das ersehnte Match am Ende zu verlieren.

Wäre Aljechin ein Hasenfuß gewesen, hätte es ihm wohl eher zur Zierde gereicht. In meinen Quellen kommt er nämlich, was den Charakter angeht, ziemlich schlecht weg. Der Sohn eines adeligen, sehr wohlhabenden russischen Offiziers neigte zu Geltungssucht, Jähzorn und Unaufrichtigkeit. Zu seinem angeblich um 1925 an der Pariser Sorbonne erworbenen juristischen Doktorhut fand sich nie die passende Doktorarbeit. Selbst in seinen veröffentlichten Schachanalysen nahm er gern kleine Fälschungen vor, um sein Genie in noch besseres Licht zu rücken.* Aljechin haßte sowohl Juden im allgemeinen wie bestimmte Schachrivalen im besonderen. In politischer Hinsicht war er Opportunist, was bedeutete, er schlug sich jeweils auf die Seite des Stärkeren. Nach der siegreichen Revolution versuchte er es zunächst mit den Sowjets, zog es dann aber 1921 wie so viele, in der Regel enteignete Personen aus seinen Kreisen vor zu emigrieren. Auf die Seite der Nazis schlägt er sich 1941, nachdem sie begonnen haben, den „Bolschewismus“ vor Ort, in Rußland also, aufzurollen. Er absolviert zahlreiche Turniere im jeweiligen faschistischen Machtbereich und läßt sich mit Nazi-Größen sehen. Seinen Wohnort verlegt er freilich schon bald, von Prag aus, gen Westen, um nicht etwa seinerseits mitaufgerollt zu werden. Er läßt sich zunächst im francistischen Spanien, dann im benachbarten, mit diesem verbündeten Portugal nieder.

Wie sich versteht, kamen nach der Verbreitung jener Fotografie aus dem portugiesischen Park-Hotel auch Mordtheorien auf (die nie verstummten). Estoril, ein Seebad für Betuchte nahe Lissabon, war damals zugleich ein Tummelplatz für Geheimagenten aller Lager – Lager, zwischen denen Diktator Salazar trotz seiner engen Beziehungen zu Franco und den Briten eifrig lavierte. Offiziell war Portugal „neutral“. Vielleicht hatten die Alliierten Aljechin zur Strafe für seine faschistischen Umtriebe Gift ins Abendessen gemischt? Oder hatten antifaschistische Rächer aus der französischen Resistance zugeschlagen, die ihm zum Beispiel Grace geb. Wishaar übelnahmen? Aljechin war mehrmals verheiratet, angeblich durchweg mit Frauen, die ihn im Alter deutlich übertrafen. Die letzte Gattin (1934) war 16 Jahre älter als der berühmte Schachweltmeister. Grace Wishaar, verwitwet, stammte aus den USA, verstand sich als Bildende Künstlerin, spielte daneben selber ausgezeichnet Schach, doch ihr größter Zugvorteil dürfte ihr beträchtliches Vermögen gewesen sein. So besaß sie in Frankreich einen Landsitz in der Normandie und ein Atelier in Paris. Die meisten Quellen habe ich, befremdlicherweise, vergeblich danach befragt, wo sich die Dame denn im Winter 1945/46 befunden habe, während ihr Gatte in seinem vornehmen, wenn auch schlecht geheizten Hotelzimmer (das Foto zeigt den Speisenden im Mantel) über Vereinsamung und sogar über Armut klagt. Schließlich erfahre ich im Wilhaar-Artikel der englischen Wikipedia, im Gegensatz zu ihrem aus Frankreich verbannten Gatten habe sie vom dortigen Vichy- und Besatzerregime keine Ausreisepapiere bekommen und deshalb, von ihrem Pariser Studio aus, notgedrungen versucht, ihre Besitztümer einigermaßen zusammenzuhalten. Ihr Schloß bei Dieppe hatten sich die Nazis bereits unter den Nagel gerissen. Nach dem Krieg soll es ihr unter US-Schutz gelungen sein, es zu verkaufen. Davon hatte freilich ihr im Armlehnstuhl frierender Gatte nichts mehr. Wilhaar starb 1956 in Paris mit knapp 80.

Die meisten Quellen halten einen Mordfall für unwahrscheinlich und betonen, es seien dafür auch nie Belege beigebracht worden. Was natürlich in humanen Zusammenhängen nahezu immer im Spiel ist, nicht nur bei Aljechin, das ist der Wille zur Verschönerung, sprich zum Betrug.** So weist der Schachhistoriker Edward Winter*** auch im Hinblick auf das berühmte Foto, das offenbar in vier Varianten um die Welt ging und noch geht, auf gewisse Ungereimtheiten hin. Da zeigen sich kleine, möglicherweise in der Tat unerhebliche Unterschiede, etwa eine Zeitung neben Blumenvasen betreffend, die mal dort liegt, mal nicht. Und zu jenem günstig im Vordergrund plazierten Schachbrett versichert der damalige portugiesische Schachmeister und Freund des Toten Francisco Lupi, es sei erst zum Zwecke der Aufnahme in die Szene geschoben worden. Lupi war damals kurz nach der Entdeckung der Leiche ins Hotel gerufen worden. Der Fotograf, Luís C. Lupi, war zufällig sein Stiefvater, Leiter des portugiesischen AP-Büros und Mitarbeiter der PIDE, Salazars Gegenstück zu GPU, Gestapo und so weiter.

In der Regel traut man dem offiziellen Befund. Unter Leitung des renommierten Pathologen Dr. Asdrúbal d’Aguiar war damals nämlich eine Autopsie der Leiche vorgenommen worden. Danach war Aljechin bei dem betreffenden Mahl an einem Bissen Fleisch erstickt, der sich in seinem Kehlkopf fand. Also wohl ein Mißgeschick? Einige Quellen nehmen eher einen Herzanfall als Todesursache an, der dann das Stück Fleisch an der Fortbewegung hinderte. Immerhin war der überaus trink- und rauchfreudige und vielfach angefeindete alternde Champion seit Jahren mindestens leber- und magenkrank. Aber das dürfte Jacke wie Hose sein, kommt es doch so oder so dem eingangs zurückgewiesenen Selbstmord ziemlich nahe.

* Laut dem Leipziger Schachspieler und Journalisten Johannes Fischer, siehe Karl-Kolumne
** Für Egon Friedell (Kulturgeschichte der Neuzeit, 1927–31, einbändige Sonderausgabe 1974, S. 796) feierte die „endemische“, nebenbei auch ausgesprochen geschwätzige „Verlogenheit“ bereits vor rund 2.500 Jahren bei den Hellenen Triumphe, womit er Winckelmanns „klassizistischem“ Ideal der „edeln Einfalt und stillen Größe“ eine kräftige Ohrfeige versetzt.
*** „Alekhine's Death“, online 2003/2014



Allison, Robert Clay (1840–87), bekannter US-Revolverheld. Der hitzköpfige, trinkfreudige und aufgrund eines Klumpfußes von kindauf hinkende Südstaatler, der nach Jahren als Soldat und Viehtreiber sogar wiederholt zu eigenen Ranches, daneben zu einer Ehefrau und zwei Kindern kam, ist eigentlich nur bemerkenswert, weil er, mit 46 Jahren, nicht bei der Betätigung ins Gras biß, die ihm am meisten lag: dem Schießen. Als ziviler gunfighter hatte er, je nach Quelle, bis zu 15 Zeitgenossen auf seinem offenbar kaum vorhandenen Gewissen. Mehrmals hatte er Lynchmorde angeführt. Nun fiel er an einem Julitag bei Pecos, Texas, als er gerade Vorräte nach Hause fuhr und dabei womöglich mit Schlaglöchern und durch Brandy bewirkter Schlagseite zu kämpfen hatte, vom Kutschbock des eigenen Wagens, kam unter eins der Speichenräder und endete so, gleichermaßen schmerzhaft wie schmählich, durch Schädelbruch.


Allman, Duane (1946–71), US-Rockmusiker bei den Allman Brothers. Ende Oktober 1971 sah man den aus Nashville, Tennessee, stammenden Gitarristen in Macon, Georgia, „riding his motorcycle at a high speed on Hillcrest Avenue“, wie in der englischen Wikipedia zu lesen ist. Dabei prallte er mit einem Truck zusammen, angeblich, weil dieser jäh gebremst hatte. Dieser tiefliegende Truck hatte sogar einen Kran geladen, doch damit war Allman, der in die Luft gewirbelt, unter seinem Motorrad begraben und dann noch ein gutes Stück von diesem mitgeschleift worden war, auch nicht mehr zu helfen.

Ein gutes Jahr später erwischte es auch den Bassisten der bald darauf legendären Bluesrockband: Berry Oakley (1948–72) – gleichfalls auf dem Motorrad, in der selben Stadt und im selben Alter.


Almeida, Manuel Antônio de (1831–61), brasilianischer Schriftsteller, der sich verhängnisvollerweise um 30 entschloß, in die Politik zu gehen beziehungsweise zu fahren, und zwar auf einem Küstenschiff. Sein bekanntestes Werk Memórias de um sargento de milícias (Erinnerungen eines Polizeiserganten) wurde 1852/53 zunächst in Fortsetzung im Correio Mercantil abgedruckt. Da dieses Blatt die GegnerInnen der Sklaverei unterstützte, dürfte es liberal gewesen sein. Im Mittelpunkt des realistischen – und deshalb ungewöhnlichen – Schelmenromanes von Almeida steht ein junger Mann, der zunächst auf die schiefe Bahn zu geraten droht, im Rahmen seines erzwungenen Wehrdienstes jedoch die Chance ergreift, Polizeisergant zu werden. Es heißt, Almeida schildere das zeitgenössische brasilianische Leben sehr anschaulich und überwiegend meisterhaft. Dabei sind diese in der Er-Form erzählten „Memoiren“, die für Jahrzehnte „völlig unbemerkt“ blieben, laut Kindlers Neuem Literatur Lexikon (1988) keiner literarischen Schule oder Strömung verpflichtet.

Der Sohn des Leutnants Almeida aus Rio de Janeiro hatte zunächst Medizin studiert, wandte sich jedoch, angeblich aus finanziellen Gründen, um 1855 dem Journalismus und der Literatur zu. Drei Jahre darauf wurde er sogar Chef der Bundesdruckerei, wo er nebenbei den später berühmten (monarchistisch gesinnten) Schriftsteller Joaquim Maria Machado de Assis getroffen haben soll– der dort als Schriftsetzerlehrling beschäftigt war. Nun drängte es Almeida, der offenbar auch schon auf einen leitenden Posten im Finanzministerium vorgedrungen war, zusätzlich in die Politik. Allerdings habe ich nicht herausgefunden, wen oder was er vertreten wollte. Es kam sowieso nicht mehr darauf an, weil er 1861 im Rahmen seines Wahlkampfes für ein Mandat im Parlament des Bundesstaates Rio de Janeiro den bereits angedeuteten Fehler beging, das Küstenschiff Hermes zu benutzen. Es sollte ihn in die Großstadt Campos dos Goytacazes bringen, erlitt jedoch am 28. November auf halbem Wege, bei Macaé, Schiffbruch, wobei der 30jährige Kandidat umkam. Vermutlich war er nicht das einzige Todesopfer. Leider habe ich im Internet keine Angaben über dieses Unglück gefunden. Auch der Versuch, (auf Englisch) mit Elisio Gomes Filho zu korrespondieren, ist mir (im Sommer 2015) mißlungen – nachdem ich an der Lektüre seines vielversprechenden Artikels auf brasilmergulho.com (von 2006) gescheitert war. Der Taucher, Forscher, Museumsbetreiber und Autor aus Rio de Janeiro scheint aber von der „brasilianischen Titanic-Katastrophe“ und Navigationsfehlern der verantwortlichen Lenker des Dampfers zu sprechen.


Alsér, Hans (1942–77), siegreicher schwedischer Tischtennisspieler, u.a. (mit Kjell Johannson) zweimal Weltmeister im Herrendoppel, zeitweilig Bundestrainer in der BRD. Der 34jährige (verheiratet, zwei Kinder) kommt am 15. Januar 1977 während des Landeanflugs seiner Linienmaschine bei Stockholm um. 22 Tote.


Altenbourg, Gerhard (1926–89), Maler >Coluche


Amalrik, Andrei (1938–80), russischer Historiker und Publizist, im Hauptberuf Dissident, genehmigte Ausreise 1976, vier Jahre später, mit 42, Autounfall bei Madrid. Laut spanischer Polizei war Amalrik, der Lenker des Wagens, bei nasser Straße ins Schleudern gekommen und mit einem Lkw des Gegenverkehrs zusammengestoßen. Einen Anschlag schloß sie aus. Drei MitfahrerInnen, darunter Amalriks Frau, kamen mit geringfügigen Verletzungen – und dem Schrecken davon.


Ames, Adelaide (1900–32), US-Astronomin, seit 1923 im Observatorium der Harvard-Universität in Cambridge, Massachusetts, angestellt. Im Sommer 1932 erholte sich die offenbar bildhübsche, dunkelhaarige* junge Wissenschaftlerin von ihrer Jagd nach Galaxien in den Sternbildern Coma und Virgo in einem Camp am Squam Lake, New Hampshire. Bei einer Kanufahrt mit einer Kameradin am 3. Juni kenterte das Boot, heißt es im Magazin Popular Astronomy, Vol. 40, aus dem selben Jahr. Warum, verrät das Magazin nicht; die Frage nach dem Wetter oder dem Gemütszustand der Kanuten war ihm zu abwegig. Immerhin weiß es, beide Frauen waren als gute Schwimmerinnen bekannt. So strebten sie gen Seeufer, die Kameradin voran. Als sich diese einmal umwandte, sei die 32jährige Astronomin nicht mehr dagewesen, so das Magazin. Weitere Zeugen, außer der namenlosen Begleiterin, werden nicht erwähnt. Ames Leichnam wurde erst nach langer Suche aus dem See gefischt. Wurde er untersucht?

* Foto


Amrhyn, Josef Franz Karl (1800–49), gelernter Jurist, liberal, brachte es bis zum Chef („Kanzler“) der eidgenössischen Staatskanzlei, trat jedoch 1847 zurück, um die in Bern beschlossene Kriegserklärung gegen den sogenannten, „katholisch“ gestimmten Sonderbund nicht unterzeichnen zu müssen. Das war weniger einer pazifistischen Neigung, vielmehr dem Umstand geschuldet, daß sich auch sein Heimatkanton Luzern auf die Seite jenes Bundes geschlagen hatte. Knapp zwei Jahre darauf wurde die Leiche des 49jährigen Schweizers in Luzern aus der Reuss gezogen. Es heißt, sie habe keine Spuren von Gewalteinwirkung gezeigt. Während Wilhelm Gisi 25 Jahre später verkündet*, wahrscheinlich sei der Demissionierte auch dieses Mal „unglücklich gestürzt“, vielleicht als Spazier- oder Kneipengänger, sprechen jüngere Quellen überwiegend von „ungeklärten“ Todesumständen.** Ich finde es allerdings erstaunlich, daß selbst im Fall eines früheren Bundeskanzlers angeblich niemand wissen oder jedenfalls überliefern wollte, wie er zu Tode kam. Noch nicht einmal die familiären und beruflichen Verhältnisse des „heimgekehrten“ Amrhyn werden erwähnt, von seinem Gemütszustand ganz zu schweigen. Möglicherweise empfand er sich als gescheitert?

* Allgemeine Deutsche Biografie, Band 1 (1875), S. 410
** Etwa 2010 das Historische Lexikon der Schweiz



Amsel, Lena (1898–1929), Berliner Tänzerin und Stummfilmsternchen. Die polnisch-jüdisch-stämmige, strahlend blauäugige Diva mit dem dunklen Bubikopf soll närrisch nach Männern und Rennwagen, außerdem morphiumsüchtig gewesen sein, alles sicherlich nicht sehr originell. Im letzten November ihres bis dahin 31 Jahre währenden Lebens wollte sie dem Maler André Derain, einem ihrer zahlreichen prominenten Freunde, auf dem Rückweg von Barbizon nach Paris einmal zeigen, was eine Harke ist. Derain war vorausgefahren, gleichfalls in einem Bugatti. Beim Versuch, ihn zu überflügeln, kam Amsels Geschoß jedoch auf dem nassen Laub der Landstraße ins Schleudern, überschlug sich und ging in Flammen auf. Gerald Piffl meint*, Amsel hätte es damals versäumt, ihren bekanntermaßen sehr leichten Wagen vor Fahrtantritt, wie allgemein üblich, mit einem Stein im Kofferraum zu stabilisieren. Nebenbei kostete der Wettkampf auch Amsels Beifahrerin und Freundin Florence Pitron das Leben, über die ansonsten in meinen Quellen nichts zu erfahren ist. Vielleicht hatte Amsel, die böswilligen Beobachtern zufolge die Kunst des Tanzens nur keimhaft beherrschte, zumindest unbewußt ihrer Kollegin Isadora >Duncan nacheifern wollen, die zwei Jahre vorher in Nizza aus einem flotten, offenen Auto in den Tod gerissen worden war. Ob gleichfalls aus einem Bugatti, ist umstritten.

* Der Standard, 30. Oktober 2009



Fortsetzung An–Az

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