Donnerstag, 2. Juli 2015
Lexikon der Unfallopfer (LdU)
Erschienen in Fortsetzungen 2015/16
Gesamtumfang rund 580 Druckseiten
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A–Am + An–Az + B–Bec + Bed–Bok + Bol–Bz + C–Cla + Cle–Cz + D + E + F–Foq + For–Fz + G–Gem + Gen–Gz + H + I–J + K–Kn + Ko–Kz + L + M–Maz + Mb–Mz + N–O + P–Q + R + S–Siu + Siv–Sz + T–V + W + X–Z


Vorbemerkung

Geht man Tausende, wahrscheinlich sogar Zehntausende von Biografien vergleichsweise früh verstorbener Menschen nach den Todesursachen durch, bedarf es eines dicken Felles, wenn man sich anschließend noch seines Lebens erfreuen will. Die Rate der Morde, Selbstmorde, tödlichen Krankheiten und tödlichen Unfälle oder Unglücke, alles von jeglicher Art, ist enorm. Das Erschreckende oder jedenfalls Erstaunliche daran hat mehrere Seiten. So war ich mir bis dahin gar nicht darüber im Klaren, wieviele unterschiedliche Arten von insbesondere Krankheiten und Unfällen es gibt. Es scheint soviele zu geben, daß sie praktisch überall lauern. Auffällig ist allerdings die Häufung der Verkehrsunfälle in der Moderne.* Man gewinnt den Eindruck, die Leute würden nur Politiker, Schauspieler, Sportler oder sonst ein Prominenter, um sich möglichst rasch totfahren oder totfahren lassen zu können, -fliegen eingeschlossen. Bei allem ist selbstverständlich Vorsicht vor Verallgemeinerungen geboten, vor einem verzerrten Bild also, weil ja in den veröffentlichten Werken oder Listen, aus denen man seinen Stoff bezieht, in der Tat fast ausschließlich Prominente stehen. Möglicherweise haben sie für ein vorzeitiges Ableben eine günstigere Disposition als der wenig bekannte Politiker, Schauspieler, Sportler oder ganz allgemein der unbekannte normalsterbliche Mensch. Ich glaube es freilich nicht. Ich fürchte, jene erschreckende/erstaunliche Rate spiegelt grob die Gesamtbewegung wider. Allerdings hätte ich Schwierigkeiten, die Höhe dieser Rate irgendwie anschaulicher zu machen, durch Prozentzahlen oder Bilder etwa. Es dürfte selbst für MathematikerInnen und StatistikerInnen ein sehr schwieriges, wenn nicht unmögliches Unterfangen sein, eine halbwegs gesicherte Feststellung zu treffen wie etwa: 35 Prozent der Menschheit sterben zu früh. Wie wollte man diese gewaltige Datenmenge von Toten aus allen Jahrhunderten ausloten? Und woran mäße man Frühe? Die bekannten fragwürdigen Werte der „statistischen Lebenserwartung“ sind dabei wahrscheinlich so hilfreich wie ein Sieb beim Schöpfen von Luft.

Schon die Bestimmung der Todesursachen zwecks Packens in unterschiedliche Schubladen stößt oft auf große Schwierigkeiten. Ist es kein Unfall, wenn ich in einer schlecht beleuchteten Seitenstraße, die ich eher zufällig genommen habe, einem Raubmörder in die Arme laufe? Fälle wie das Unglück Delekat juniors, das ich neulich in meiner Arbeit über Mordopfer erwähnte, sind selten. Dem 13jährigen Theologensprößling fiel im Sommer 1934 auf dem Schulhof eine Dachziegel auf den Kopf, die vermutlich nachweislich nicht von seinem Rektor mit der Fußspitze von den Dachlatten oder von den Bohlen des Baugerüstes gekickt worden war. Solche Fälle sehen also recht eindeutig nach Unfall aus, falls man nicht Gott verdächtigen will. Steckte sich aber der 23 Jahre alte Medizinstudent Georg Büchner knapp 100 Jahre früher, 1837, in der Uni oder zu Hause an seinen selbstgefertigten (anatomischen) Präparaten mit Typhus an – erlag er dann einer Krankheit oder einem Unfall? Die heute übliche Abgrenzung Unfall – Krankheit kommt mir jedenfalls ziemlich fragwürdig, in vielen Fällen sogar einfach müßig vor. Danach muß das „Unfallereignis“ ungewöhnlich sein und überraschend und kurzzeitig auftreten. Demnach wären die erwähnten Verkehrsunfälle Krankheiten, finden sie doch am laufenden Band statt. Auch der Tuberkulose-Bazillus, dem über Jahrhunderte hinweg viele Millionen Menschen zum Fraße fielen, vom Poeten bis zum Proleten, hat selbstverständlich keine Chance, in diesem Werk über Opfer tödlicher Unfälle gewürdigt zu werden. Ähnlich Syphilis, die „Lustseuche“, oder die sogenannte Spanische Grippe. Ein Bordellbesuch ist schließlich weder ungewöhnlich noch überraschend, höchstens kurzzeitig. Aber wie steht es mit Raritäten?

Der US-Schriftsteller Raymond Abrashkin stirbt 1960 mit 49 an Amyotropher Lateralsklerose (ALS) – Sie wissen Bescheid? Die Berliner Psychotherapeutin Angelika Birck fällt 2004 mit 32 einem Zerebralen Aneurysma (Arterienerweiterung im Hirn) zum Opfer. Der englische Fußballer Gary Ablett erliegt 2012 mit 46 Jahren einem Non-Hodgkin-Lymphon, wohl eine Form von Blutkrebs. Auch die Wegener-Granulomatose ist eine vergleichsweise seltene Erkrankung (des Gefäßsystems), die bei Nichtbehandlung noch heute garantiert in wenigen Monaten zum Tod führt. Statistisch betrachtet, befällt sie, laut Wikipedia, unter 100.000 Menschen ungefähr fünf bis sieben, dabei vorwiegend Männer. Einer dieser verunfallten Männer, wie man doch mit einigem Recht formulieren könnte, war der vor allem durch seine Arbeiten über elektromagnetische Wellen berühmte Bonner Physik-Professor und Beflügler der Rundfunktechnik Heinrich Hertz, der 1894 mit 36 Jahren starb. Man benannte später, unter anderem, den Hamburger Fernsehturm nach ihm, der allerdings ungleich mehr ins Auge sticht als eine Erkrankung an der Wegener-Granulomatose. Bei der österreichischen Schauspielerin Elfriede Datzig kam (1946) eine peinliche Verschiebung vor. Die 23jährige war wegen einer Lungen- und Rippenfellentzündung mit Penizillin behandelt worden, auf das sie allergisch reagierte, worauf sie starb. An der Krankheit wäre sie womöglich nicht gestorben.

Anna Rehlinger brachte es immerhin auf 36, bevor sie (1548) an der Geburt des elften Reichsgrafensprößlings verendete. Man hatte sie mit dem Augsburger Stadtrat und Geldsack Anton Fugger verheiratet. War das nun ein Unfall? Und wäre ihr Tod beim siebten Kind noch kein Unfall gewesen? Oder sollte man nicht lieber jene Verheiratung als das entscheidende Unglück ansehen? Oder den Zeitpunkt ihrer eigenen Geburt, die leider noch nicht in die Epoche der offen gehandelten Verhütungsmittel gefallen war?

Man sieht also, das Thema Unfall ist wieder einmal, wie schon in der Frage des Mordes, von einer ausgedehnten Grau- und Gummizone umgeben, in der jeder Autor nur straucheln und sich das Bein brechen oder sich den Vorwurf der Kompaßlosigkeit, damit der Willkür einhandeln kann. So wird man in der Regel Unfälle, die einer geradezu herausfordert, etwa ein Bergsteiger oder ein besessener Jogger, nicht berücksichtigen, aber manchmal eben doch, weil sie zu sprechend für den Geisteszustand des denkenden Zweibeiners oder einer bestimmten Epoche sind. Selbst die sträfliche Ausklammerung der planetarischen Krankheit Nr. 1 Krieg wird keinem konsequent gelingen. Um es aber nicht zu verschweigen, sieht sich der Autor zuweilen auch nur deshalb gezwungen, ein Unfallopfer auszusparen, weil die Quellenlage zu schlecht ist.**

Diese Dürre gilt übrigens allgemein für den Bereich der sogenannten Arbeitsunfälle: in der Regel sind die tödlich verunfallten Stahlwerker oder Zimmerinnen einfach zu unwichtig, um in Büchern oder auch nur der Lokalpresse erwähnt zu werden. Man muß schon Professor oder Baurat sein. Im Fürstentum Anhalt-Köthen wirkte um 1830 der Architekt Gottfried Bandhauer, der sich leider nicht nur durch Werke, sondern auch durch Unglücke einen Namen machte. 1825 stürzte seine über die Saale führende Schrägketten-Hängebrücke in Nienburg ein, was zu 55 Toten und etlichen Verletzten führte, und fünf Jahre darauf das Glockenturmgerüst seiner Marienkirche in Köthen, einem klassizistischen Zentralbau, der noch heute oft fotografiert wird. Den Turm ließ man weg. Der Gerüsteinsturz hatte sechs oder sieben Arbeitern das Leben gekostet und weitere Arbeiter zu Krüppeln gemacht. Von sämtlichen erwähnten Opfern ist in den leicht zugänglichen Quellen selbstverständlich buchstäblich nichts zu erfahren. Durch kostspielige Suche in diversen Archiven käme man wahrscheinlich zumindest an die Namen der mit „Unterstützungen“ bedachten Opfer des Gerüsteinsturzes, vielleicht auch ihre Berufe, niemals jedoch an ihre damaligen Lebensumstände. Diese Menschen sind gewissermaßen nur als Statisten, als Zahlen in die Geschichte eingegangen, im Gegensatz zu Bandhauer. Übrigens wurde dem Architekten von Herzog Heinrich ebenfalls eine Unterstützung (von 400 Talern jährlich) gewährt, nachdem 1834 ein Verfahren gegen ihn, wegen jenes Arbeitsunfalls, niedergeschlagen worden war. Vielleicht war Bandhauer erkrankt. Er starb bereits 1837, mit 47 Jahren, und ob und in welchem Maße dabei Gram eine Rolle spielte, weiß offenbar niemand mit Sicherheit zu sagen. Einem heutigen Marburger Bauingenieur zufolge hinterließ der „verbitterte“ Kollege, der es dereinst bis zum Baurat gebrachte hatte, vier Kinder und seine 29jährige Frau Luise Friederike, die ihm nur vier Monate später ins Grab gefolgt sei. Warum, bleibt im Nebel.***

Man hat es als Nachforscher auch sonst nicht leicht. Zahlreiche Lexikonartikel oder sonstigen Arbeiten halten es für unnötig, die Todesursachen auch nur anzudeuten. Der Mann oder die Frau ist eben dann und dann gestorben, damit hat es sich, und seien sie 27 oder 52 gewesen. Sterben müssen wir schließlich alle einmal. In diesen – meistens weniger „prominenten“ – Fällen heißt es mühsam und nicht selten sogar vergeblich nachforschen. Bekäme ich für diese Nachforschungen den Stundenlohn eines Raumausstattergesellen, hätte ich schon einen dekorativen Nobelpreis zusammen. Ich vermute stark, hinter dieser Aussparung steckt nicht nur Faulheit. Noch im 21. Jahrhundert scheint eine Scheu zu wirken, die Todesumstände des Betreffenden (in Nachrufen, Zeitungsartikeln oder lexikalischen Darstellungen) näher zu berühren und mit mehr als nichtssagenden, zudem würdelosen Formeln wie „auf tragische Weise“ oder allenfalls „nach schwerer Krankheit“ zu bedenken. Es liegt also nach wie vor ein Tabu vor. Der Überlebende möchte nicht an das Phänomen des Todes rühren: es könnte ihn infizieren. Er verdrängt bis zum Gehtnichtmehr. Der Überlebende möchte vom Hergang dieses Todes nichts wissen: das wäre zu lästig. Schließlich könnte sich bei näherer Betrachtung herausstellen, dieser Tod sei vermeidbar, beispielsweise die Schuld bestimmter Industrien oder bestimmter Größenphantasien gewesen. Oder eben, dieser Tod hätte genausogut auch ihn selber ereilen können.

Am Stärksten wirkt das Tabu im Falle von Selbstmorden. Diese Fälle gibt es gar nicht, denn der Selbstmord des Betreffenden wird in der Regel verschwiegen. Es darf sie nicht geben: am Ende käme man selber auf die Idee. Aber wer weiß, vielleicht wandeln sich die hier zugrundeliegenden Wertvorstellungen nur allzubald, weil das Gut „Leben“ ja ständig mehr entwertet wird. Die Mächtigen und Superreichen dieses Planeten hätten doch schon heute sicherlich gar nichts dagegen, wenn sich die armen Schlucker millionenweise umbrächten. Schließlich gibt es sowieso viel zu wenig Arbeitsplätze. Es sei denn, sie lassen sich von dem goldrichtigen Gedanken leiten: wenn wir sie umbringen, mit ausgesucht teuren Kanonen, Bomben und Drohnen, verdienen wir mehr daran.

Noch ein Wort zur Darstellungsweise. Vorübergehend spielte ich mit dem Gedanken, die Arbeit nach Unfallarten zu unterteilen, es dabei in jeder Abteilung bei vier oder fünf sprühenden Portraits zu belassen und die restlichen Unfallopfer der betreffenden Sparte sozusagen nur noch in einer Fußnote aufzuzählen. Dagegen sprachen dann vor allem zwei Bedenken. Zum einen drohende Langweile (weil der Leser von vornherein weiß, welches Schicksal die betreffende Person ereilte), zum anderen, erneut, das Problem der Abgrenzung. Denn dummerweise überschneiden sich die denkbaren „Abteilungen“ stark, etwa: Unwetter / Feuer / Wasser (auch Schiffahrt) / Andere Mißgeschicke, Verletzungen / Waffen / Ernährung / Haus & Garten / Verkehr, Reisen / Technik / Arbeit / Vergnügen / Kunst (v.a. Theater, Zirkus) / Sport / Haustiere, Hunde / Ansteckung, Kunstfehler / Samariterdienst. Zöge man sie jedoch auf vier oder fünf zusammen, wäre das Konzept vermutlich witzlos, hinfällig.

Andererseits war ich entschlossen, das Konzept Geschichtsbuch, das ich für jene Arbeit über Mordopfer wählte, nicht zu wiederholen. Damit blieb mir, nach Fortfall der thematischen und chronologischen, nur noch die lexikalische Darstellungsweise, falls ich nicht zu kurz gedacht habe. Allerdings werde ich mir beim Abhangeln des Alphabets immer mal wieder Gruppierungen gestatten, die sich doch wieder an Verwandtschaften der Fälle orientieren, etwa in Unfallart, Beruf, historischer Zeit. Das dürfte sowohl der Straffung wie der Reizfülle des ganzen Werkes zugute kommen. Vielleicht gelingt es mir sogar, die einzelnen Teile und letztlich das Ganze in einer Form zu halten, die nicht nur das Nachschlagen, sondern selbst eine fortlaufende Lektüre zum Vergnügen macht.

Melden Sie mir bitte Irrtümer, andere Mängel und außerdem Un-Fälle, die ich nach Ihrer Ansicht – zum Schaden des Werkes, der Wissenschaft oder von stofflüsternen Drehbuchschreibern – übersehen habe.

* Voran im Straßenverkehr, bei dem der Zeitung Die Welt vom 22. Oktober 2013 zufolge jährlich schätzungsweise 1,24 Millionen Menschen umkommen. Die Tendenz sei steigend. „Im Jahr 2030 wird die Zahl auf 3,6 Millionen steigen, wenn man den Prognosen der Weltgesundheitsorganisation WHO und des renommierten Pulitzer Center glauben darf.“
** Zu meinen Quellen und meinem Umgang mit ihnen verweise ich ansonsten auf die Vorbemerkung der Mordopfer-Arbeit. Ich betone vorsichtshalber auch hier noch einmal: Führe ich hin und wieder Wikipedia-Artikel an, dann mit dem Stand, der dem Editionsdatum der betreffenden LdU-Fortsetzung entspricht. Spätere Änderungen an den angeführten Artikeln kann ich nicht berücksichtigen.
*** bernd-nebel.de


Fortsetzung A–Am

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