Mittwoch, 1. April 2015
Präriegeschichten
Der bekannte Verleger Gottfried Bermann Fischer, Schwiegersohn und Nachfolger des Firmengründers S. Fischer, verbrachte, wegen des deutschen Faschismus', etliche Jahre in den USA. In seinen 1967 veröffentlichten, aufschlußreichen und gutgeschriebenen Erinnerungen* bringt er es fertig, die „indianische Vergangenheit“ des großen gelobten Landes allein mit dieser Formulierung zu streifen: „indianische Vergangenheit“. Darüber hinaus kommen die UreinwohnerInnen des Landes mit keiner Adlerfederspitze vor. Und dies trotz einer Autoreise quer durch den Kontinent, von LA nach NYC – einem Abenteuer, das Bermann Fischer, mit Frau und Töchtern, übrigens „wie die Zigeuner“ durchzustehen hat (S. 280). Da hätte man erst einmal die IndianerInnen auf ihren Elendstrecks sehen müssen. Bermann Fischer jedoch, bis ins Mark ein liberaler deutscher Bürger, wünschte sie nicht zu sehen. Dafür ergeht er sich in seinem Werk im üblichen Kult weißer „Größe“ – es wimmelt von „großen“ Künstlern, Wissenschaftlern und Politikern, und wie sich versteht, hat jeder dritte von ihnen einen akademischen Titel vorzuwei-sen. Vielleicht ist es ja bürgerlich gestimmten Lesern noch nicht einmal peinlich, daß Bermann Fischer korrekt genug ist, den Titel auch dann bei nicht einer Erwähnung der betreffenden Person zu unterschlagen, wenn es sich um engste Freunde oder MitarbeiterInnen handelt, etwa seinen Mitverleger Landshoff oder seinen Lektor Zuckerkandl. Diese Höflichkeit, die er um Gottes willen niemals in die Nähe von Autoritätsgläubigkeit, Leutselig-keit, Schmeichelei rücken würde, ist ihm ähnlich in Fleisch und Blut übergegangen, wie ich es einmal dem „linken“ Memoirenschreiber Arthur Koestler bescheinigte.

Bermann Fischers oberster Gott ist übrigens Thomas Mann, hin und wieder „Tommy“ genannt, ansonsten bis zum Erbrechen Doktor und Professor, selbst in persön-lichen Briefen. Immerhin erwähnt der Verleger einmal, im Zusammenhang mit Angriffen von faschistischer wie antifaschistischer Seite aus, die „große Empfindlichkeit“ des Dichterfürsten aus München und Santa Monica. „Wegen einer ganz nebensächlichen Attacke irgendeines unwichtigen Menschen konnte er körperlich erkranken. Der Umstand, daß ihn ein Bauer von seiner Wiese verwies, auf der er sich mit uns niedergelassen hatte, konnte ihm den ganzen Tag verderben.“ (S. 56) Doch der Einblick in diese Besorgnis erregende, marternde Kränkbarkeit=Ver-wundbarkeit – von der Bermann Fischer sicherlich auch wiederholt in den Büchern seines Autors Sigmund Freud gelesen hatte – konnte ihn nicht im mindesten daran hindern, den gefesselten Mann auf ein Podest zu hieven und ihm die Füße zu küssen.

Damit zurück zu den Indianern – und dem nächsten (späteren) Nobelpreisträger. Es handelt sich um den polnischen Schriftsteller Henryk Sienkiewicz, der 1876, als Dreißigjähriger, eine ausgedehnte Reise durch Nord-amerika antrat. Bei einer Jagdexpedition, die sich am North Platte River, Wyoming, orientierte, kam er sogar den Black Hills, die ich von Welskopf-Henrich her schon fast wie meine Westentasche kenne, immerhin bis auf Sichtweite nahe. Als Jahreszeit nennt er in seinem nie langweiligem Buch Briefe aus Amerika den Frühherbst oder „Indian Summer“ (Altweibersommer), wahrschein-lich des Jahres 1876, vielleicht auch 77. Es war genau die Zeit, in der jenes eindrucksvolle Bergmassiv, das den Prärieindianern als heilig galt, hoffnungslos von Goldschürfern überlaufen wurde, deshalb berichtet der Pole davon. Ihm zufolge waren die Black Hills den Sioux erst 1874 von der US-Regierung feierlich als Heimstatt zugesprochen worden, doch der Goldrausch fegte auch diesen Vertrag alsbald in alle Winde. Zunächst kamen, im Herbst 1874, rund 30 gut bewaffnete Abenteurer, die sich durchs „feindliche“ Indianerland schlugen; im Mai 1875 hätten im Kies des French Creeks bereits 5.000 nach Gold geschürft. Während es die Regierung gegenüber den Eindringlingen im wesentlichen bei Ermahnungen beließ, ging sie gegen die sich wehrenden Sioux bekanntlich mit Pulver und Blei vor. Sienkiewicz sympathisiert natürlich mit den Indianern, wenn er auch wiederholt ihren „impertinenten“ Körpergeruch beklagt. Er führt sogar die bald darauf legendäre, für die Sioux ausnahmsweise siegreiche „offene Feldschlacht“ am Little Bighorn vom Juni 1876 und die beiden Häuptlinge Crazy Horse und Sitting Bull an.

Beim selben Planwagen-Treck durch die Prärie, der hauptsächlich auf Antilopen und Büffel geht, treffen die Jäger auch eine Bärin mit zwei Jungen, woraus sich eine fast zirkusreife Nummer ergibt. Die angeschossene Bärenmutter verfolgt Expeditionsleiter Woothrup, der sich zu einem Baum flüchtet, diesen in seiner Panik jedoch lediglich mit Armen und Beinen umklammert, statt ihn zu erklettern. Die wutschnaubende Bärin hätte ihn sicherlich zerfleischt, wenn ihr nicht eins ihrer Jungen zwischen die Hinterbeine geraten wäre, als sie sich bereits in Woothrups Rücken furchterregend aufrichtete. Das Kind brachte sie zu Fall. Das steigerte den Zorn der Bärin enorm, lenkte ihn freilich auf das ungeschickte Bärenjunge, das sie unter Gebrüll sogleich mit schweren Prankenhieben bearbeitete, wodurch es umkam. Doch inzwischen waren andere Jäger zur Stelle und erschossen die Rasende mit ihren Henrystutzen. Das zweite Bärenjunge wurde eingefangen und – an eine Kette gelegt – dem Treck eingegliedert. Woothrup kam mit dem Schrecken und der Zerknirschung davon. Nicht schlecht war der Scherz, den sich der alte Trapper Left Hand abends am Lagerfeuer erlaubte. Es sei sicherlich sehr umsichtig, sich vor einem angreifenden Bären auf einen Baum zu flüchten, nur dürfe man dabei nicht „das falsche Ende“ des Stammes erwischen.

Wie vom Nachwortautor meiner Ostberliner Ausgabe der Briefe aus Amerika zu erfahren ist (Heinz Olschowsky, 1969), schwebte Sienkiewicz und einigen anderen Emigranten zunächst vor, in Kalifornien Land zu kaufen und eine Art Kommune oder Künstlerkolonie zu gründen, wobei sie sich angeblich am Modell der bekannten, gleichfalls schon gescheiterten Bostoner Brook Farm orientierten. Dieses Vorhaben zerschlug sich, obwohl es in Anaheim zu einem Landkauf gekommen sein soll. Zu den Betreibern und Geldgebern des Projekts hatte auch die polnische Schauspielerin Helena Modrzejewska gehört, die mit einem Gutsbesitzer verheiratet war. Sie wurde dann in den Staaten ebenfalls wieder als Bühnenfee gefeiert. Ich wäre nicht erstaunt, wenn alle Beteiligten an jenem Vorhaben in sie verliebt gewesen wären und damit guten Zunder an das Unternehmen gelegt hätten. Sienkiewicz selber war, nach der Reise, im ganzen dreimal verheiratet. Er starb 1916 mit 70 (und Nobelpreis) in der Schweiz.

Zumindest als junger Mann zählte Sienkiewicz unüber-sehbar zu den Anbetern der mächtigsten Ideologie der Weltgeschichte, des sogenannten Fortschritts. Zwar gibt er zu, bislang hätten die weißen Sendboten des Fortschritts den Indianern vor allem Branntwein, Pocken, Syphilis und andere unbekannte Verelendungsmittel gebracht, doch wenn man den Rothäuten nur etwas mehr von der Zeit ließe, die wir in Europa für die Entfaltung der Zivilisation genossen hätten, und sie geduldig in Demokratie statt im Schußwaffengebrauch unterweise, könnten sicherlich auch sie auf dem Wege westlicher Weißheit fortschreiten. Hier erscheinen Fortschritt und Zivilisation ganz zeittypisch als unbezweifelbare Grundwerte, als Ding oder Sinn an sich des Menschengeschlechts. Immerhin räumt Sienkiewicz einmal ein, wenn eine hohe Zivilisation „nicht auch Glück“ gewährleiste, möge man sie lieber über Bord werfen und wieder auf allen Vieren kriechen, aber was sie denn um Gottes willen sonst noch zu gewährleisten habe, außer Glück, bleibt so andächtig stimmend und verschwommen wie der Frühnebel des Indian Summers, der auf der Prärie liegt. Hat sie höhere Aufträge zu erfüllen, und bitte, welche denn? Ist sie aus ökologischen Gründen unabdingbar? Soll sie die Reise zu Planeten vorbereiten, auf denen uns paradiesische Zustände erwarten? Im übrigen läßt sich ja auch gar nicht leugnen, daß die Yankee-Zivilisation durchaus einigen Menschen Glück beschert hat. Ich erinnere beispielsweise an den Filmzaren Adolph Zukor, der sogar steinalt wurde. Sicherlich veranlaßte er in seinen aktiven Hollywood-Zeiten auch ein paar mitreißende Western-Streifen.

* Bedroht – Bewahrt, hier in der Ausgabe von 1994, S. 315



Zum Thema IndianerInnen siehe auch
den ganzen Band 16
Kapitel Potlatsch, gegen Ende des Beitrags
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