Mittwoch, 1. April 2015
Don Kurella
Der sowjetische Schriftsteller Michail Scholochow, offenbar in Ehren ergraut und 1984 erst mit 78 Jahren gestorben, gilt zumeist als regimetreu. Gleichwohl stellt sein Hauptwerk Der stille Don, eine umfangreiche Erzählung aus den „revolutionären“ Jahren um 1917, Gott sei Dank, oder wem auch immer, alles andere als ein Brevier des Bolschewismus dar. Ich beziehe mich auf die Ostberliner Ausgabe von 1964 (hier 14. Aufl. 1987), die rund 2.000 Seiten und ein damals frisch verzapftes Nachwort von Alfred Kurella hat. Daß dieses so wenig „sowjetfreundliche“ Werk in der SU und damit auch in der DDR erscheinen durfte, finde ich schon erstaunlich. Ich wüßte einstweilen keine Erklärung dafür, müßte nachforschen. Mit dem Donkosaken Grigori Melechow wird den Lesern ein unentschiedener, wankelmütiger, wenig gebildeter, dafür letztlich jedoch schollenbewußter „negativer“ Hauptheld zugemutet, mit dem sie auch noch „sympathisieren“ müssen, so wie ihn Scholochow gibt. Grigori kämpft nur kurzzeitig auf roter, sonst auf weißer, also „konterrevolutionärer“ Seite. Dabei wird er unaufhalt-sam kriegs- und politikmüder. Die roten und die weißen Machthaber nähmen sich nichts, darf er feststellen, ohne daß ihn der Autor auf der Stelle mit Hammer & Sichel niedermacht. Zwar schließt er sich gegen Ende, in seiner Heimatlosigkeit und seiner Angst, von den neuen Sowjet-Kommissaren eingekerkert oder gar hingerichtet zu werden, einer „Armee“ aus plündernden Banditen an, doch sie widern ihn an und er beschließt, mit seiner frühen Geliebten Aksinja den Versuch einer Auswanderung und eines Neuanfangs zu wagen. Dabei wird Aksinja von einer roten Streife vom Pferd geschossen. Grigori muß ihr im Verborgenen mit seinem Säbel ein Grab ausheben. Allein, niedergeschmettert, ohne auch nur einen Funken Lebenslust kehrt er dann in sein Heimatdorf zurück, um wenigstens seine Kinder noch einmal zu sehen. Damit endet das Buch.

Für jeden freiheitsliebenden Leser ist es durchaus gut vorstellbar, daß jener Neuanfang gelungen wäre. Aber es durfte nicht sein. Mit einem derartigen positiven Ausgang versehen, hätte dieses Buch zu stalinistischen Zeiten schon gar nicht erscheinen können. Nachwortautor Kurella, ranghoher treuer „Kulturarbeiter“ in Diensten der SED, unterstreicht das noch, indem er Melechow mit der Brechstange, gegen Scholochows behutsamen, oft sogar ausweichenden Text, als bedauerlichen Gescheiterten und eins der vielen Opfer hinstellt, die bei jeder Erkämpfung einer großen und edlen Sache unvermeidlich anfielen. „In diesem Rahmen ist Grigoris Untergang wie ein blutrotes Siegel an der Urkunde, die den Sieg auch der Donkosaken über die alte Welt verkündet, über die Welt des Eigentums und Eigennutzes, der alten patriarchalischen Knechtschaft und der kapitalistischen Ausbeutung, in der fortschritt-liche, glück- und wahrheitsuchende Menschen zu verkommenen Subjekten, zu Banditen, ja zu Bestien werden konnten.“

Wie sich versteht, trat dieses Gesindel nicht mehr in den Kreisen um Lenin, Trotzki, Stalin und Ulbricht auf. Für Kurella beschränkte sich die realsozialistische Funktio-närs- und Staatsgewalt von Zigtausenden und deren Befehlsstrukturen auf den sogenannten „Personenkult um Stalin“. Massenmorde an „eingliederungsunwilligen“ Kosaken und zahlreichen anderen Völkern oder Volks-schichten erwähnt er schon gar nicht. Scholochow dagegen bringt wiederholt ungeschminkte Beispiele von Willkür und Brutalität auch auf Seiten der Roten – Kurella reduziert sie auf Melechows Schwager Michail Koschewoi, den neuen „revolutionären“ Machthaber ihres Heimat-dorfes, den er als fehlgeleiteten Emporkömmling hinstellt, der Abtrünnigen oder Zögerlichen wie Melechow einfach zu wenig Kredit gebe. Sonst hätte auch aus diesem ein glückliches Mitglied der inzwischen fortschrittlichen Gesellschaft werden können. Aber für mich ist Melechow, so wie ihn Scholochow gibt, keineswegs am gesellschaft-lichen Umbruch, vielmehr an den Brüchen gescheitert, die offenbar jeder Mensch, gleich unter welchen politischen Bedingungen, mit sich herumzuschleppen hat. Hier paaren und reiben sich Mut mit Falschheit, Hilfsbereitschaft mit Heuchelei, Zärtlichkeit mit Zerstörungswut, unerklärliche Laune mit Vierjahresplan und so weiter und so fort. Scholochow malt dies alles breit, jedoch unaufdringlich aus. Er predigt oder schulmeistert nie. Manchmal vermisse ich sogar eine gewisse Nachdenklichkeit, etwas mehr philosophische Strenge, wie ich einmal sagen möchte. Was am Ende zurückbleibt, ist nicht Kurellas gescheiterter, dem Untergang geweihter Anti-Held des Buches, vielmehr der hilflose Autor des Buches. Das wildwuchernde, schaurig-schöne Leben hat sich als seinen Verstandeskräften überlegen erwiesen.

Gleichwohl zollt auch der skeptische Scholochow dem programmatischen „revolutionären“ Rahmen Tribut, in den er eingespannt war. Er wahrt den Anschein; er stellt das offizielle Programm nie unverhohlen in Frage. In Wahrheit, das geht mir jetzt auf, müßte man den Weltverbesserungsdrang, den sogar etliche „Anarchisten“ bekunden, nicht nur Kommunisten, Liberale und Philanthropen, als das Hauptübel aller PolitikerInnen brandmarken. Überall maßen sie sich an, dem Bruder, Kollegen, Mitbürger, Nachbarn, ja selbst den entlegensten Landstrichen das Heil zu bringen. Was haben Moskauer Bolschewisten am südlichen Don oder gar am Baikalsee zu suchen? Faktisch unterjochen sie dann die jeweiligen Kosaken oder Kalmücken, die sie gerade „befreit“ haben. Das Hauptübel ist die Mißachtung des Selbstbestim-mungsrechtes. Entweder helfen sich die Leute da, wo sie gerade miteinander leben, selber – oder ihnen ist eben nicht zu helfen, so muß man das sehen. Sollen sie doch in ihren Sittenkorsetten verrecken, wenn sie es wünschen. Die von den „Roten“ erzwungenen Kollektive sind mindestens genauso schlimm.

Daneben muß ich Scholochow auch einen gewissen Hang zur Volkstümelei ankreiden. Er bringt viel Verständnis für das befremdliche Naturell der Kosaken auf, zu denen er selbst gehörte. Sie können grausam, räuberisch, abergläu-bisch, säuferisch, frauen- , juden- und fremdenfeindlich sein bis zum Erschrecken, Scholochow dämpft es mit Samthandschuhen und Augenzwinkern ab und läßt dafür auch die eindrucksvollen Hochzeitsbräuche, die Blumenliebe und die Rührseligkeit der Kosaken nicht fehlen. Ihre Roheit zeigt sich übrigens schon daran, wie sie ihr Hausvieh behandeln. Liebevolle oder brüderliche Gesten ihrem treuen, feurigen Gaul gegenüber, der sie schon so oft aus dem Schußfeld ihrer Feinde trug, sind selten. Die junge Dunjaschka hat eine eilige Nachricht zu überbringen, muß aber trotzdem erst ihr Kopftuch suchen, da es sich für ein unverheiratetes Kosakenmädchen nicht schickt, mit losem, fliegendem Haar durchs Dorf zu rennen. Die Männer dürfen mehr. Dunjaschkas Bruder Grigori ist eigentlich mit Natalja verheiratet, die auch seine beiden Kinder zur Welt bringt. Doch er kommt immer wieder auf die schon erwähnte Nachbarin Aksinja zurück. Als er einmal länger im Frontdienst steht, läßt sich diese mit einem Gutsherrnsohn ein. Für dessen furchtbare Züchtigung durch den zurückgekehrten Grigori versteht dann Autor Scholochow Verständnis zu erwecken, obwohl Grigori selber die liebe Aksinja ihrem Gatten Stepan ausgespannt hat. Woanders – als am Don – nennt man so etwas Doppelmoral, um nicht schon wieder von Falschheit zu sprechen.

Es böte sich an, den Stillen Don mit Boris Pasternaks Shiwago zu vergleichen, aber das überfordert mich viel-leicht. Im ausweichenden Zug nehmen sie sich nicht viel: beide Autoren vermeiden deutliche politische oder philosophische Stellungnahme. Pasternak kommt mir in sprachlicher Hinsicht vermögender und betörender vor. Im Vergleich mit ihm erzählt Scholochow gradlinig, chronologisch, ausgiebig – und etwas langweilig. Während Pasternak eher ein Skatblatt gibt (10 Karten), blättert Scholochow das ganze Spiel auf den Tisch. Er neigt zur Langatmigkeit. Insbesondere die vielen Schlachtenberichte stellen meines Erachtens fruchtlose Wiederholungen dar. Das gilt selbst für seine im einzelnen schönen Landschafts- und Milieuschilderungen – es ist immer wieder dasselbe. Das Werk im ganzen ist sowieso viel zu dick.

Ich will mich ersatzweise noch ein wenig mit Nachwort-autor Alfred Kurella befassen. 1895 als Sohn eines niederschlesischen Arztes und Psychiaters zur Welt gekommen, tritt Kurella nach einer schwärmerischen Wandervogelzeit schon 1918, in ihrem Gründungsjahr, als Aktivist der KPD auf. In Gustav Reglers Erinnerungen von 1958* kommt er nicht viel besser weg als Walter Ulbricht. Der ehrgeizige und „immer doppeldeutige“ Münchener Studentenführer, Schriftsteller, Moskauer Komintern-Funktionär, Sekretär solcher berühmten Männer wie Barbusse und Dimitroff sei stets in erster Linie Agent und Polizist gewesen, was ihm, Regler, 1934 in Moskau auch Kurellas Bruder Heinrich bestätigt habe, der dann 1937 mit 32 Jahren als sogenannter „Versöhnler“ und angeblicher „Konterrevolutionär“ wahrscheinlich mit Billigung Alfreds erschossen wurde. 1956 war die SED schamlos genug, Heinrich Kurella, wie so manche andere Leichen, zu „rehabilitieren“, ohne es den DDR-Bürgern auf die Nase zu binden. SED-Mitglied Alfred Kurella war zu dieser Zeit Literaturinstitutsleiter in Leipzig. Martin Schaad zufolge** hatte Kurella 1947 mit dem Propaganda-buch Ich lebe in Moskau einen „traurigen Tiefpunkt“ in seinem literarischen Schaffen erreicht; darin habe er die Terrorerfahrung im Exil schönzufärben und „sogar die Hinrichtung seines eigenen Bruders“ zu rechtfertigen versucht (Schaad auf Seite 160). Später brachte es Kurella noch bis zum Sekretär der Kulturkomission beim Politbüro des ZKs in Ostberlin und damit zum obersten Kultur-funktionär der DDR. Er zählte bis zuletzt (gestorben 1975) zu den Einpeitschern des sogenannten Sozialistischen Realismus, obwohl er, laut Regler, zeitlebens an einem „Zungenfehler“, einer Sprechbehinderung also litt. Er geriet leicht ins Stottern. Regler erlebte das bereits 1918 in München mit, als er einmal gemeinsam mit Kurella durch die brodelnde, umkämpfte Stadt lief. Auf dem Stachus eine Volksmenge laut dazu auffordernd, Räte zu bilden und dabei hilflos die R's und die B's stammelnd, sei Kurella, zu Reglers Betretenheit, ausgelacht worden. 45 Jahre später ließ Kurella jenes Nachwort zu Scholochows Roman mit dem Titel „Von Schönheit und Härte, Grausamkeit und Größe der Revolution“ versehen.

Zwar erwähnt auch Martin Schaad Kurellas Stottern, doch geht er darauf so wenig wie auf andere möglicherweise wunde Punkte des schlanken und eigentlich anziehend wirkenden Bürgersohnes ein, etwa Kurellas schmale, fast nach innen gestülpten Lippen, die ihm einen Strichmund bescherten, seine frühe Lungenkrankheit (Tuberkulose?), eine bei Schaad namenlose „uneheliche Tochter“ (S. 160) und seine „dritte Ehefrau“ Elfriede Cohn-Vossen (S. 119), die sich wohl 1938 mit Kurella verheiratet hatte. Deren Vorgängerinnen, darunter vielleicht Geliebte oder Angebetete, die sich nicht mit Kurella verheirateten, streift Schaad mit keinem Wort. Den Potsdamer Historiker scheint das gesamte Liebes-, ja Gemütsleben seines Untersuchungsgegenstandes kaum zu interessieren. Selbst Kurellas öfter erwähnten Wandervogel-Jahre sucht Schaad nie unter diesem Gesichtspunkt zu rupfen. Er beläßt es bei Kurellas naturmystischem, nach Erlösung dürstendem Begehren, in einem (Volks- oder wenigstens Partei-)Ganzen aufzugehen, das Kurella freilich mit zehntausenden anderen jungen Leuten teilte, die noch nicht einmal Kinder von Psychotherapeuten gewesen sein müssen. Im übrigen hat sich Schaad dem (angeblichen) Nachweis gewidmet, Kurellas um 1936 entstandener Roman Die Gronauer Akten (erschienen erst 1954) sei in erster Linie ein ausgefuchstes Unternehmen gewesen, sich bei den Moskauer Parteioberen, nach verschiedenen Vorwürfen und Bedrohungen gegen Kurella und dessen Amtsenthebung als Komintern-Mitarbeiter, wieder einzuschmeicheln und dadurch zu rehabilitieren. Das ist streckenweise spitzfindig, mal vergnüglich, mal langweilig – und vielleicht sogar richtig. Nur trägt es wenig zu der Frage bei, warum nun ausgerechnet auch dieser etwas schüchtern und doch geheimnisvoll wirkende blonde, blasse Wandervogel Kurella mit seinen scharfen Gesichtszügen keine andere Lebensmöglichkeit sah, als sich einer „großen Sache“ zu verschreiben und dabei alle Kehrtwenden der Parteilinie getreulich mitzuvollziehen.

Laut Evelyn Lacina*** war Alfred Kurella immerhin viermal verheiratet, und zwar mit der Gymnasiallehrerin Margret Hahlo (Heirat 1920), der Pelzhändlertochter Walentina Nikolajewna Sorokoumowskaja (1930), der erwähnten Ärztin Elfriede Cohn-Vossen, die 1957 starb, und dann mit Sonja Matthäus (Sonja Kurella-Schwarz, 1958, geb. 1924, in der DDR zunächst Lehrerin, dann gleichfalls Kulturfunktionärin). Er habe fünf Kinder und drei Stiefkinder gehabt. Im Ersten Weltkrieg war der junge Kurella zunächst Freiwilliger – er wurde zweimal verschüttet und Pazifist. Von Lacina ist zu erfahren, 1916 habe der „seit seiner Kindheit“ stotternde Soldat seine Sprechstörung dazu genutzt, sich als „Behinderter“ „kriegsuntauglich“ schreiben zu lassen. Klug genug, aus der Not eine Tugend zu machen, war er also schon immer gewesen. Kurellas zeitweiligem Sekretär Erhard Scherner zufolge**** (geb. 1929) verunglückte Cohn-Vossen bei einem Urlaub im Kaukasus. Die nächste und letzte Gattin Sonja (knapp 30 Jahre jünger als er) habe Kurella noch einmal „Vaterfreuden“ beschert. In diesen DDR-Funktionärs-Zeiten sei Kurella stets von „Personenschutz“, zwei Leibwächtern nämlich, begleitet worden. Selbst Scherner erwähnt Kurellas „gelegentliche Sprachstö-rungen“, die dieser demnach auch im Alter noch nicht losgeworden war.

1972, schon seit knapp 10 Jahren (von Ulbricht) kaltge-stellt, erlitt Kurella einen Herzinfarkt – „die Kraft für einen umfassenden Lebensbericht war aufgezehrt“, schreibt Scherner. Schaad dagegen führt den Umstand, daß Kurella nie eine Autobiografie zustandebrachte, auf die unzähligen selbstbiografischen Versionen zurück, die Kurella im Laufe der Jahrzehnte bereits vorgelegt hatte, etwa für die Kaderabteilungen: sie alle widersprächen sich, er hätte sie niemals unter einen Hut bekommen.

Ich will noch einen Blick auf die erwähnte Pfarrerstochter und Ärztin Elfriede Cohn-Vossen (1909–57) werfen. Aufgewachsen in Thüringen und Sachsen, hatte sie den Kommunisten Kurella um 1938 kennengelernt und geheiratet. Mit diesem hatte sie zwei Kinder, Stefan und Brigitte. Vorher war sie mit dem Mathematiker Stefan Cohn-Vossen verheiratet gewesen, dessen Name sie beibehielt. Zuletzt Staatsbankmitarbeiter in Moskau, war der jüdische Professor 1936 ebendort, wie es heißt, dem Typhus erlegen. Mit Kurella teilte die neue Gattin vielleicht die Vorliebe für den Kommunismus der sowjetischen Art, gewiß jedoch für das Wandern, und zwar insbesondere im Kaukasus. Das sollte ihr Verhängnis werden.

Nach Auskunft***** des gemeinsamen Sohnes Stefan Kurella, geboren 1939, hatte das Ehepaar bereits nach dem Krieg für einige Jahre im Kaukasus gelebt, wobei Cohn-Vossen in Ps’chu, Abchasien, ein Dorfkrankenhaus leitete. Später war die Familie, von Leipzig oder Ostberlin aus, regelmäßig in diesem wilden Riesengebirge Zelten und Wandern. Am fraglichen Julitag 1957 war man in der heutigen georgischen Region Chewsuretien unterwegs. „Von Djuta aus begleitete uns mit seinen Pferden Gigla Arabuli nach Archoti, wo wir vom Lyriker Guram Rtscheulischwili erwartet wurden, um gemeinsam im Dorf Achieli das bei den Chewsuren bedeutende Fest Athangena bzw. Athangenoba zu begehen. Knapp zwei Kilometer vor dem Dorf verunglückte Elfriede. Was geschah? Wir hatten den 3.286 Meter hohen Archotistavi-Pass hinter uns und stiegen in das Tal der Assa hinab. Meine Mutter ritt, ich folgte ihr zu Fuß. Der Pfad war tief in den steilen Hang geschnitten. Das Pferd hatte den Pfad verlassen, meine Mutter wollte absteigen. Genau in diesem Moment brach das Pferd mit den Hinterbeinen den Grassoden ab, auf dem es stand, bekam einen Schreck und rannte den Hang hinunter. Meine Mutter wurde Opfer zweier Fehler: ihr Bergschuh blieb im Steigbügel stecken und sie hatte die Zügel fallen gelassen (anstatt sie fest zu halten). So konnte das Pferd sie zu Tode schleifen.“

Die 48jährige wurde noch am selben Tag in der Unglücksgegend begraben. So hatten es seine Eltern auf Gegenseitigkeit für Unglücksfälle vereinbart, sagt Kurella. Der erwähnte Lyriker Guram Rtscheulischwili habe einen Bericht über den Vorfall verfaßt, der wiederholt auch im georgischen Rundfunk zu hören gewesen sei. Eine amtliche Untersuchung gab es sehr wahrscheinlich nicht. Schwester Brigitte weilte in jenem Sommer in einem Pionierlager auf der Krim, fällt also als Augenzeugin aus. Streng genommen, müssen freilich auch alle anderen Zeugen als mehr oder weniger befangen gelten, sodaß es nicht Wunder nimmt, wenn später unterschiedliche Versionen des Vorfalls und auch Gerüchte über Faulspiel umliefen. Ich persönlich halte Stefan Kurellas Darstellung für glaubwürdig, weil er seinem Vater, nach meinem Eindruck, eher kritisch gegenübersteht.

Guram Rtscheulischwili, geboren 1934, soll übrigens auch nicht mehr lange gelebt haben. Dabei war er noch keine 30, als er, wahrscheinlich 1960, bei einer berauschenden Party am Schwarzen Meer (angeblich) versuchte, einen trunkenen Freund vorm Absaufen zu retten. Dabei soll der Schriftsteller selber ertrunken sein. Belege für diese Geschichte nehme ich dankbar entgegen.

* Das Ohr des Malchus, bes. S. 98, 290, 510
** Die fabelhaften Bekenntnisse des Genossen Alfred Kurella, Hamburg 2014
*** Artikel in der Neuen Deutschen Biographie, Band 13 von 1982
**** „Junger Etrusker erteilt Unterricht. Eine Erinnerung an Alfred Kurella“, in Utopie Kreativ Nr. 201-202, Juli/August 2007
***** Brieflich im Februar 2016. Der Ethnologe Kurella aus Oranienburg macht sich seit Jahren für die ärmliche Kaukasus-Region Swanetien stark.

°
°