Donnerstag, 23. Oktober 2014
Erledigt? Teil 5

163 - Cassie Bernall und Madeleine Mikac

Sie war als Christin bekannt. Sie zählte zu den jungen Leuten, die ihren schwer bewaffneten Mitschülern Eric Harris (18) und Dylan Klebold (17) an jenem Apriltag in der Bibliothek in die Quere kamen. Nach den ersten Schüssen und Verletzten in diesem Teil der Columbine High School (bei Littleton, einem Vorort von Denver, Colorado) muß jemand so etwas wie „Lieber Gott, lieber Gott, laßt mich nach Hause!“ ausgestoßen haben. Damit drängte sich die angebliche Gegenfrage des ungläubigen Attentäters Harris an Cassie auf: „Du glaubst doch nicht etwa an Gott?“ Doch, habe Cassie erwidert, sie glaube an Gott – und er liebe auch Harris. „Dann geh zu ihm. Es gibt keinen Gott!“ habe da der blutrünstige Mörder erwidert und die 17jährige erschossen. Im ganzen kostete dieser langgeplante Amoklauf 12 Mitschülern, einem Lehrer und den beiden Attentätern das Leben. Die griffige Geschichte mit Cassie wurde alsbald von etlichen Zeugen dementiert, aber da war es schon zu spät. Die Geschichte hatte sich bereits in Zeitungen und Fernsehsendungen festgesetzt und bildete dadurch das günstige Fundament für das noch im selben Jahr 1999 veröffentlichte Werk von Cassies frommer und geschäftstüchtiger Mutter Misty Bernall: She Said Yes: The Unlikely Martyrdom of Cassie Bernall. Es wurde zu einem Verkaufsschlager.

Hätte der Hort des Kapitals, der Konkurrenz und der Wertvernichtung dergleichen Amokläufe in Schulen oder Kindergärten nicht ohnehin von sich aus, aufgrund seines aggressiven Wesens hervorgebracht, hätte er sie erfinden müssen. Sie erleichtern die Trauerarbeit. Welche Mühe würde es kosten, all die vielen Tausend, ja Millionen Kinder festzustellen und namhaft zu machen, die zu Hause oder in Übersee zeitig zu verrecken haben, weil es an Frieden, Wasser, Nahrung, Medikamenten, Ärzten oder Geigerzählern fehlt! Hier dagegen, nach einem Amoklauf zu Hause, hat man schon wieder 15 filmreife, mehr oder weniger junge Katastrophenopfer auf einen Schlag, so 2009 in Winnenden bei Stuttgart dank des 17jährigen Tim Kretschmer, oder sogar 26, so 2012 in der Grundschule von Newton, einer Kleinstadt in Connecticut, wo der 20jährige Adam Lanza seinen großen Auftritt hatte. Lanza hatte zur Eröffnung erst einmal seine Mutter erledigt, eine steinreiche Waffennärrin, mit der er in einer Villa leben mußte. Als die „Tragödie“ vorbei war, weinte sogar Drohnen-Dompteur Barack Obama.

Böse Zungen behaupten, die erwähnten Medikamente fehlten in Übersee, weil die eigenen Leute damit vollge-pumpt würden. Da ist etwas daran. Den enormen massen-haften Verbrauch an Psychopharmaka in der Postmoderne bestreitet heute niemand mehr, vom Doping der SportlerInnen, Soldaten und PolitikerInnen einmal völlig abgesehen, und beim Studium der Amokläufer-Biografien drängt sich der Verdacht auf, das große Pillen-Schlucken machte auch vor diesen wahlweise „labilen“/„depres-siven“/„autistischen“ Zeitgenossen nicht Halt. Nimmt man den selten beachteten Umstand hinzu, daß schon der zeitgenössische Säugling mit einer „Basisimpfung“ zuge-dröhnt wird, die jedes Fohlen von den vier Beinen würfe, muß man die Postmoderne sogar zu ihrer erstaunlichen Zählebigkeit beglückwünschen.

Lanzas Opferzahl, 26, war übrigens schon vor Cassie Bernalls Tod überboten worden: von dem Australier Martin Bryant. Der 28jährige hübsche blonde Lockenkopf, angeblich geistig minderbemittelt, dafür aber wohlhabend, erschoß am 28. April 1996 in Port Arthur, Tasmanien, nach einem mißlungenen Hauskauf, der ihn ärgerte, an verschiedenen Stellen des beliebten Touristenziels (früher Strafkolonie) wahllos im ganzen 35 Menschen. Am Ende verschanzte er sich just in dem ihm entgangenen Haus und versuchte dasselbe wie auch sich selbst zu verbrennen, was ihm ebenfalls mißlang. Er wurde in das Krankenhaus der Hauptstadt Hobart eingeliefert, in dem bereits die 15 Schwerverletzten lagen, die er gleichfalls hinterlassen hatte. Das jüngste Todesopfer Bryants war Madeleine Mikac, drei Jahre alt. Das Gericht, das ihn für schuldfähig hielt, verurteilte ihn zu 35 mal Lebenslänglich.


164 - Sanja Milenkovic und viele andere

Als Deutschland 1998 erstmals eine sogenannte rotgrüne Regierung bekam, erwarteten einige Leute aus den Legionen, die der SPD seit vielen Jahrzehnten nach jeder Schandtat neuen Kredit zu geben pflegten, Kanzler Gerhard Schröder werde zunächst „um Entschuldigung“ bitten – beispielsweise für die Ermöglichung des Ersten Weltkrieges durch die Sozialdemokratie, die blutige Unterbindung der deutschen Revolution nach dessen Ende oder doch wenigstens für die Erschießung Benno Ohne-sorgs, der ja 1967 unter einem Regierenden Bürgermeister (Heinrich Albertz) und einem Polizeipräsidenten (Erich Duensing) aus den Reihen seiner Partei ins Gras hatte beißen müssen. Unter Hitler war Duensing übrigens Generalstabsoffizier gewesen. Aber Schröder dachte natürlich nicht im Traum an dergleichen Selbstkritik. Im Verein mit seinem Kriegsminister Rudolf Scharping und seinem „grünen“ Außenminister Joschka Fischer setzte er ganz im Gegenteil eine „Enttabuisierung des Militärischen“ in Gang, die er sich später ausdrücklich als „größte Leistung seiner Regierungszeit“ anrechnete. Man sieht, die „rotgrüne“ Regierung war wieder einmal das kleinere Übel gewesen. So mußte sie sich ab Frühjahr 1999, als sie im Verein mit anderen Nato-Staaten Jugoslawien überfiel, lediglich über einige „Kollateralschäden“ grämen – auch dies eine Neuprägung der Orwellschen Art. Nach serbischen Angaben sorgten die in knapp drei Monaten vorgebrachten „Luftschläge“ der Nato für rund 1.000 tote Soldaten oder Polizisten und 2.500 tote Zivilisten. Etwa 10.000 Menschen wurden verletzt. Hinzu kommen die gewaltigen seelischen, wirtschaftlichen und ökologischen Schäden; neben Sendegebäuden, Schulen und Kranken-häusern wurden beispielsweise auch mehrere Chemie-fabriken bombardiert. Alles geschah, um von Serben veranstaltete „Schlächtereien und Massenvertreibungen im Kosovo“ zu unterbinden – oder vielleicht doch eher, um das „Pulverfaß“ Kosovo abspalten und mit einer riesigen US-Militärbasis sowie zahlreichen Einrichtungen der albanischen Mafia füllen zu können?

Mit wenigen Ausnahmen, darunter erfreulicherweise die Schriftsteller Erwin Chargaff, Peter Handke und Peter Urban, fielen alle wiedervereinigten Deutschen auf die haarsträubende Menschenrechts- und Greuel-Propaganda herein, die den Angriff eines Landes rechtfertigen sollte, das uns, bereits zum dritten Male in einem Jahrhundert, nichts getan hatte. Daran hielten sie sogar fest, nachdem das Lügengespinst im öffentlich-rechtlichen ARD-Fernsehen zerrissen worden war, nämlich mindestens in einer von Patricia Schlesinger moderierten Panorama-Sendung am 18. Mai 2000 und in dem ausführlichen Dokumentarfilm von Jo Angerer und Mathias Werth mit dem Titel Es begann mit einer Lüge am 8. Februar 2001. Es sammelte sich im Lauf der Jahre zudem ein ganzer Stapel gut recherchierter Bücher zu diesem Thema an, darunter Kriegslügen von Jürgen Elsässer, 2004. Aber es nützte alles nichts. Inzwischen ist imperialistische Politik schon wieder hoffähig genug, um Ex-Kanzler Schröder ungerührt und straflos die eigentlich sensationelle öffentliche Feststellung durchgehen zu lassen, er könne Putins (angebliches) Eingreifen auf der Krim nicht verurteilen, weil er selbst im Glashaus sitze, nämlich einmal gegen das Völkerrecht verstoßen habe. „Da haben wir unsere Flugzeuge ..[..].. nach Serbien geschickt und die haben zusammen mit der Nato einen souveränen Staat gebombt – ohne dass es einen Sicherheitsratsbeschluss gegeben hätte.“ So Anfang März 2014 bei einer Zeit-Veranstaltung in Hamburg.*

Die 15jährige Sanja, Tochter von Vesna und Zoran Milenkovic und begabte Schülerin des Mathematischen Gymnasiums in Belgrad, war am 30. Mai 1999, auch „Pfingstsonntag“ genannt, gerade in ihrem mittelser-bischen Heimatstädtchen Varvarin unterwegs. Sie hatte mit zwei Freundinnen den auf der anderen Seite des Flusses Morava gelegenen Pfingstmarkt vor der Kirche besucht. Als die drei um Mittag gutgelaunt den Rückweg über die Morava-Brücke antraten, fuhr statt des Heiligen Geistes die Nato in Gestalt eines Tornado-Kampfflug-zeuges vom Himmel herab. Es zerschoß die Brücke beim ersten Angriff ungefähr in der Mitte, worauf sie in zwei Hälften schief im Wasser lag. Der Druck erwischte auch die drei Freundinnen und ein Auto, das sich vom anderen Ufer her auf die Brücke begeben hatte. Zu allem Übermaß kehrt das Kampfflugzeug wenig später zurück, um auch noch einigen inzwischen herbeigeeilten HelferInnen einen Denkzettel zu verpassen. Es hinterläßt im ganzen 10 Tote und 17 Schwerverletzte. Sanja war das jüngste Todesopfer. Ihr Tod brachte ihre Mutter Vesna an den Rande des Wahnsinns.

Sanjas Vater Zoran, nebenbei Bürgermeister der rund 2.000 EinwohnerInnen zählenden Kleinstadt, zu Simone Böcker**: „Die ganze Region hier hatte überhaupt keine militärische Bedeutung. Von unserem Ort ging keinerlei Gefahr aus ..[..].. Sie hätten die Brücke bombardieren können, als keine Menschen da waren. Außerdem war die Brücke doch schon durch die erste Bombe zerstört. Der zweite Angriff wäre gar nicht nötig gewesen. Dass sie ein zweites Mal angegriffen haben, bedeutet für uns, dass sie absichtlich Zivilisten töten wollten.“ Wenn die Überlebenden vor Gericht gingen, dann nicht wegen des Geldes. „Der Tod meiner Tochter kann nicht mit Geld aufgewogen werden. Aber wir wollen, dass so etwas nie wieder vorkommt. Und Europa soll sehen, dass auch die Serben Unrecht erlitten haben. Es sind nicht nur die Serben, die Kriegsverbrechen begangen haben.“ Das sind vergleichsweise milde Vorwürfe und Forderungen, die dem Krieg und dem Aggressor grundsätzlich nicht die Legitimation absprechen.

In der Tat hatten einige Überlebende dieses „Massakers“, das nicht im Entferntesten die Aufmerksamkeit eines durchschnittlichen Amoklaufes in einer deutschen oder nordamerikanischen Schule erringen konnte, mit Unterstützung hiesiger Beschämter gegen die am Kriegführen beteiligte Bundesrepublik Deutschland den sittsamen Rechtsweg beschritten, nämlich Klage einge-reicht. Sie wurde 2006 vom Karlsruher Bundesgerichtshof abgewiesen. Wie eigentlich zu erwarten war, konnte sich die durch Professor Dr. Achim Krämer vertretene „Beklagte“ mit allerlei Winkelzügen vor Schadenersatz-ansprüchen und Schuldeingeständnissen drücken, zumal das betreffende Kampfflugzeug (angeblich) keine Maschine der deutschen Luftwaffe gewesen war. Die Beklagte scheute sich auch nicht, den Zivilisten aus Varvarin vorzuhalten, sie seien „zur falschen Zeit am falschen Ort“ gewesen. Was hat schließlich ein Schulkind in seinem Heimatort zu suchen, wenn es weiter oben um hohe Politik geht?

Immerhin hatte es ein Jahr zuvor, im Juni 2005, in Oelsnitz/Erzgebirge eine erfreuliche Gegenveranstaltung mit rund 60 TeilnehmerInnen gegeben. Auf Vorschlag von Friedensfreunden hatte der Rosenzüchter Dr. Schmadlack aus Pirna eine von ihm neu gezüchtete, „zart-rosa“ gefärbte Rose zur Verfügung gestellt, die er ursprünglich seiner Tochter hatte widmen wollen. Sie wurde nun feierlich auf den Namen Sanja Milenkovic getauft.

* Artikel „Er handelt wie ich“ von Günter Bannas, FAZ.NET, 10. März 2014
** Beitrag „Die Brücke von Varvarin“ im Deutschlandfunk, 24. März 2009



165 - Oleksandr Klymenko

Der 1 Meter 95 große und 115 Kilogramm schwere ukrainische Europameister im Kugelstoßen (20 Meter 78) des Jahres 1994 hängte seine Karriere als shot-putter, so der englische Name, bald darauf an den Nagel, um sich künftig naheliegenderweise als bodygard zu versuchen. Er lebte in Kiew. Als sich Klymenko ebendort am 7. März 2000, kurz vor seinem 30. Geburtstag, in eine Schießerei verwickelte, soll er allerdings als Autoverkäufer tätig gewesen sein. Er trug vier Schußwunden davon, an denen er starb. An seiner Beerdigung nahmen rund 300 Sportkameraden, Trainer und Geschäftsfreunde oder -feinde teil. Weitere Einzelheiten, etwa aus polizeilichen Ermittlungen, wurden der Weltöffentlichkeit nicht verraten.


166 - Carlo Giuliani

Er war im Nordöstlichen Sozialzentrum der Stadt aktiv, gehörte aber keiner politischen Organisation an. Er war schon vorbestraft – wegen Beleidigung eines Polizisten. An dem Tag, da sein Leben enden sollte, zog der 23jährige eine Badehose unter, weil er und ein Freund noch unschlüssig waren, ob sie angesichts des guten Wetters nicht zum Strand gehen würden. Dort würde Carlo an diesem Tag kaum Gefahr laufen, den nächsten Polizisten zu beleidigen. Doch dann entschieden sie sich zu einer Stippvisite bei den Protesten gegen den sogenannten G8-Gipfel, der gerade in Genua abgehalten wurde. Die entfesselte Staatsmacht, die Carlo dabei erlebte, empörte ihn nicht weniger als Tausende anderer Demonstranten. Er wehrte sich. Und dabei wurde er, am späten Nachmittag des 20. Juli 2001, getötet.

Nach offizieller Darstellung wurde Carlo Giuliani aus einem eingekeilten Polizeifahrzeug heraus erschossen. Dieser Jeep war von sogenannten gewaltbereiten Demon-stranten mit verschiedenen Gegenständen beworfen und gerammt worden. Nachdem Giuliani zusammengebrochen war und seine MitstreiterInnen aus Angst vor weiteren Schüssen flüchteten, überfuhr ihn das Polizeifahrzeug außerdem im Rahmen eines Wendemanövers zweimal: erst im Rückwärtsgang, dann vorwärts. Ob das „nötig“ war, ist umstritten. Jedenfalls sind sowohl der durch die Reifen und das Fahrzeuggewicht eingedrückte Bauch wie die nicht minder platten Oberschenkel des stark blutenden, eher schmächtigen jungen Mannes auf Fotos und Videos vom Tatgeschehen deutlich zu erkennen. Und die Mienen der später um ihn stehenden behelmten und gepanzerten Hüter der Ordnung auch: gleichgültig bis belustigt.

Ob Giuliani einen Feuerlöscher wurfbereit erhoben hatte und ob er daraufhin von einem Querschläger, also zufällig, oder aber geradewegs von einer Polizeikugel in den Kopf getroffen wurde, ist ebenfalls unter Laien wie Fachleuten umstritten. Eine Richterin entschied sich für die nachsichtige Version und stellte das Strafverfahren gegen den zur Tatzeit 20jährigen wehrpflichtigen Carabineri Mario Placanica im Mai 2003 ein. Ende November 2006 – er hatte inzwischen einen gleichfalls mysteriösen Autounfall überlebt – versicherte Placanica in einem ausführlichen Gespräch mit der regionalen Zeitung Calabria Ora, er habe damals lediglich zwei Schüsse in die Luft abgegeben, ohne die Absicht einen der Angreifer zu treffen. Dafür sei der Kopf des verblutenden Demon-stranten von einem Uniformierten, der neben ihm kniete, mit einem Stein bearbeitet worden. Er beschuldigte mehrere Vorgesetzte der Lüge oder der Vertuschung, sprach von der gezielt erzeugten Kriegsstimmung unter den Truppen und dem enormen Druck auf ihn selbst nach dem blutigen Zwischenfall, durch Vorgesetzte, Psycholo-gen, Ärzte und die Medien ausgeübt. Er habe erst jetzt gesprochen, weil ihm bislang der Mut dazu und auch der richtige Anwalt (Antonio Ludovico) gefehlt habe. Giulianis Mutter Haidi forderte aufgrund dieser Äußerungen Personenschutz für Placanica. Möglicherweise war der junge Wehrpflichtige, der aus einfachen süditalienischen Verhältnissen stammen soll, tatsächlich nicht der Mörder ihres Sohnes, vielmehr von einem anderen Schützen oder von Vorgesetzten „gebeten“ oder dazu ausersehen worden, wenn nötig, die Rolle des Sündenbocks zu übernehmen: als bedauernswerter Trottel vom Land. Alles in allem hielten viele BeobachterInnen die Rate der Ungereimtheiten bei den Ermittlungen der Behörden zu diesem Todesfall für rekordverdächtig.

Eine Klage von Giulianis Eltern, dem Gewerkschaftler Giuliano Giuliani und der linken Politikerin Haidi Gaggio, und seiner älteren Schwester Elena vor dem sogenannten Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg endete im März 2011 in dem teils 13:4, teils 10:7 gefaßten Urteil, weder einzelnen Polizisten noch dem italienischen Staat könne im Fall dieser Erschießung ein Fehlverhalten angekreidet werden. Vielleicht wollten sich die Straßburger Juristen vor dem Vorwurf der „Sippen-haft“ hüten. In Italien selber fanden nämlich in den zurückliegenden Jahren einige Gerichtsverfahren statt, in deren Verlauf mehrmals offiziell von kaum glaublicher Brutalität und gezielten Provokationen der „Sicherheits-kräfte“ bei den G8-Protesten die Rede war. Zahlreiche Polizisten wurden inzwischen bestraft, darunter sogar Kommandanten, wenn auch zum Teil auffallend mild. Die Verantwortlichen in den Führungsetagen der Polizei und Politik kamen wie immer ungeschoren davon. Im Gegensatz zu diesen sprach Amnesty International von „massiven Verstößen gegen die Menschenrechte“ sowie der „größten Außerkraftsetzung von demokratischen Rechten in einem westlichen Land nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges“. Im Juli 2002 brachte der WDR die Fernseh-Dokumentation Die Story – Gipfelstürmer, die diese Einschätzung eindeutig belegte. Sie wurde mit dem Deutschen Fernsehpreis als beste Dokumentation des Jahres ausgezeichnet. Zudem produzierte dieser Sender das Hörspiel Genua 01 von Fausto Paravidino, das den ARD Online Award 2004 erhielt.

Giulianis Vater Giuliano ist von einem Mord überzeugt, wie er vorm Abschluß des ersten Strafverfahrens gegen Placanica sagte. Allerdings sei der Mörder „nicht eine Einzelperson, sondern der Staat. Aber wahrscheinlich werden die Ermittlungen zu dem Ergebnis kommen, daß Carlo Selbstmord verübt hat, während die Polizei gleichzeitig ein Tontaubenschießen auf dem Platz veranstaltete.“ Damit spielte er ohne Zweifel auf die schon erwähnte, nur leider noch zu wenig bekannte „Gewalt-bereitschaft“ jener Kräfte an, die diesen Planeten und seine Reichtümer für ihr Privateigentum oder ihre Profitgaran-tieanstalt halten und die dann auch hin und wieder, je nach Bedarf, in der einen oder anderen „westlichen“ Großstadt „Gipfelkonferenzen“ veranstalten, die durch wahre Legionen von martialisch aufgerüsteten „Sicherheitskräften“ vor den Leuten beschützt werden, deren Wohlergehen und deren Seelenheil ihnen auf der Konferenz so sehr am Herzen liegt. Schon jener eingangs angeführte Pharmaziemanager, der bestimmte, in Afrika händeringend benötigte Medikamente aus „Rentabilitäts-gründen“ nicht oder viel zu teuer herstellen läßt, ist x-mal „gewaltbereiter“ als ein junger Mann, der zu Hause unter einem Che-Guevara-Plakat schläft. Der schweizer Bundesrat, UN-Diplomat und Buchautor Jean Ziegler stellte kürzlich in einem Gespräch* mit der Jungen Welt fest: „Laut ECOSOC-Statistik sind vergangenes Jahr 52 Millionen Menschen Epidemien, verseuchtem Wasser, Hunger und Mangelkrankheiten zum Opfer gefallen. Der deutsche Faschismus brauchte sechs Kriegsjahre, um 56 Millionen Menschen umzubringen – die neoliberale Wirtschaftsordnung schafft das locker in wenig mehr als einem Jahr.“

Im April desselben Jahres 2001 löste der Tod des algerischen Schülers Massinissa Guermah die wochenlangen Unruhen des „Schwarzen Frühlings“ aus. Der Zorn erfaßte vor allem die im Lande „traditionell“ unterdrückten Berber (Kabylen), zu denen der 18jährige gehört hatte. Er war in Beni Douala bei Tizi Ouzou als angeblicher Dieb und Bandit verhaftet und dann in Polizeigewahrsam durch angeblichen Unfall erschossen worden. Im Oktober 2002 bedachte ein Militärgericht einen am „Unfall“ beteiligten Gendarmen mit zwei Jahren Gefängnis. Guermahs Vater: „Jetzt haben sie meinen Sohn zum zweiten Mal getötet.“

* 16. November 2012


167 - James Gadiel

Neben einem Mädchen, das ihn liebte, hatte James Gadiel einen „dream job“ ergattert, wie uns ein Blogger aus den USA versichert. Danach war der 23jährige Junge aus dem Städtchen Kent, Connecticut, in New York City bei Cantor Fitzgerald beschäftigt, dem „global financial services powerhouse“, wo er ohne Zweifel „a very successful career“ vor sich hatte. Sie wurde am 11. September 2001 brutal unterbunden, residierte das „powerhouse“ doch im 103. Stock des Nordturms des World Trade Centers.

James Gadiel zählte zu den rund 2.700 Todesopfern der berüchtigten Anschläge. Einer, der noch im Oktober 2009 genau wußte, auf wessen Konto dieser Massenmord ging, war der 61jährige Immobilieninvestor im Ruhestand Peter Gadiel, James' Vater. Gadiel war mit den Oberhäuptern Kents darin einig geworden, den getöteten Sohn der 3.000-Seelen-Stadt durch eine Tafel am Rathaus zu ehren, aber als es dann an den Wortlaut der Gedenkbotschaft ging, brach ein Streit aus, der überregionale Wogen schlug. Laut zahlreichen Medienberichten bestand der Vater nämlich darauf, den Hinweis „Murdered by Muslim terrorists“ unter den Namen seines Sohnes zu setzen, was die Stadtoberhäupter, voran die damalige Bürgermeisterin Ruth Epstein (!), ablehnten. Ihnen war das Wort „Muslim“ zu viel, weil dadurch das gedeihliche Miteinander der Religionsgemeinschaften, auch im Städtchen Kent, gefährdet sei. Vater Gadiel erhielt jedoch große Schützen-hilfe von außerhalb. Fox-News-Moderator Bill O'Reilly drohte sogar an, einen Reisebus zu chartern, um die verdammte Tafel mit vereinten Kräften ans Rathaus zu bringen. Aber auch der neue Bürgermeister Bruce Adams blieb standhaft bei der völkerfreundlichen Linie.

2011 war der Streit in Kent noch offen, mehr habe ich nicht herausbekommen. Leider sind bis zur Stunde auch, wie ich fürchte, die 9/11-Terroristen, die Peter Gadiel so gut zu kennen glaubt, noch nicht enttarnt. Übrigens soll Gadiel Anfang 2013 in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Vereinigung 9/11 Families For a Secure America erklärt haben, er besitze nach wie vor nicht die geringsten Überreste seines Sohnes und wisse auch sonst nichts von dessen letzten Lebensstunden; streng genommen muß James Gadiel somit als vermißt gelten, nicht als tot. Hier winkt ein Phänomen, das dem Vater und Vorsitzenden eigentlich zu denken geben sollte: Bis zum April 2013 waren noch keine zwei Drittel der Todesopfer identifiziert, nämlich lediglich rund 1.600. Von den anderen rund 1.000 Leichen fehlt bis heute jede Spur. Selbst von den identifizierten waren oft nur winzige Partikel vorhanden. Schon dieser eine Gesichtspunkt des Anschlages macht die offizielle Version, die Türme seien durch Rammung und/oder Brand eingestürzt, sehr unwahrscheinlich. Ich nehme wie viele andere „SkeptikerInnen“ an, sie wurden gesprengt.

Ein gewisser Hermann Göring hatte dereinst allen Reprä-sentanten des Guten geraten*, rechtzeitig für Bösewichter zu sorgen, die das Gute anzugreifen trachteten. Unter solcher Drohung lasse sich jedes Volk, ob es nun Stimmrecht besitze oder nicht, problemlos auf den Kurs seiner FührerInnen einschwören. „Diese Methode funktioniert in jedem Land.“ Aber in den 1990er Jahren drohte den Repräsentanten des Guten eine empfindliche Lücke, weil mit „der Mauer“ das damals so verläßliche und nützliche Reich des Bösen gefallen war. Also mußte, nach dem (angeblichen) Kommunismus, ein neues Feindbild her. Es ist heute als „Terrorismus“ und „Islamismus“ nur gar zu gut bekannt. Der kürzlich gestorbene Autor Robert Kurz, wahrscheinlich ein Opfer sogenannter ärztlicher Kunstfehler bei einer Nieren-Operation, hatte bereits 1994 (in seinem Aufsatz Realisten und Fundamentalisten) den Verdacht, an diesem neuen Feindbild werde seitens westlicher Militärs und Geheimdienste schon seit einigen Jahren eifrig gezimmert. Wahrscheinlich verhält es sich hier wie mit den Amokläufern: Treten sie nicht naturwüchsig auf, muß man sie züchten, weil sie gar zu viele Vorteile bieten. Gegen diese Vorteile kommt der angebliche „emanzipatorische Ansatz“ des Feindbildes, falls vorhanden, nie und nimmer an. Kurz dürfte der Ansicht gewesen sein, der Ansatz sei schon beim „Kommunismus“ bestenfalls als Blinddarm vorhanden gewesen.

* Laut dem Psychologen und Dolmetscher Gustave M. Gilbert, Nürnberger Tagebuch, ursprünglich NYC 1947, zitiert in der Zeit 32/1986 nach der Fischer-TB-Ausgabe von 1985, S. 453


168 - Tobias Przemek Ropel

Von dem Foto auf der „Gedenkseite“, die Freunde eingerichtet haben, blickt uns ein hübscher Bursche etwas herausfordernd an – das hat auch Charme und läßt sich unmöglich mit einer Kriegserklärung verwechseln. Er ist 16 und geht noch auf die Korbacher Louis-Peter-Schule. Er denkt an irgendeine Lehre bei den hiesigen Gummi-werken, die von besagtem Louis Peter dereinst gegründet worden, später der Conti zugefallen sind. Er ist gesellig, stets für einen Scherz zu haben, sicherlich auch für einen Umtrunk, aber alles im harmlosen Rahmen.

Der Rahmen wird erst im Juli 2001 beim Korbacher Altstadtfest gesprengt. Da verlassen einige Jugendliche, unter ihnen Tobias, um Mitternacht das Festzelt auf dem Obermarkt, legen sich mit einigen Mitgliedern des Motorradclubs Bandidos an – oder umgekehrt. Alle sind mehr oder weniger angetrunken. Der Club hatte sich im Zelt bereits mit dem Wirt gestritten. Jetzt greift ein tätowierter 41jähriger mit Zopf den 16jährigen Schüler an, der ihn zuvor beschimpft haben soll, packt ihn am Kragen und sticht ihm ein Klappmesser in den Bauch. Die Messerklinge ist 10 Zentimeter lang. Tobias stirbt gegen Morgen im Krankenhaus. Die BürgerInnen, die beim Frühstück Radio hören, sind entsetzt. In ihrer Stadt! Richter Heinz-Volker Mütze wird dem Täter ein Jahr darauf einen „absolut nichtigen“ Anlaß für das Ziehen seiner Waffe bescheinigen. Und selbstverständlich habe solch ein Messer nichts auf einem Sommerfest zu suchen. Immerhin, am Nachmittag stellt sich der zunächst geflüchtete Täter der Polizei. Er habe sich angegriffen gefühlt, aber keine Tötungsabsicht gehabt. Mütze nimmt ihm das schließlich ab, zumal die Frau des in Vöhl am Edersee wohnenden Täters vor dem Kasseler Landgericht versichert, er habe zu Hause voller Reue geweint. Seine Kleidung hatte sie, nach den Feststellungen der Kriminalpolizei, anderntags Bekannten gegeben – zum Verbrennen. Der Regionalpresse zufolge wurde der Angeklagte, der zuletzt als Aushilfe in einem Korbacher Tatoo-Studio gearbeitet hatte, im April 2002 wegen vorsätzlicher Körperverletzung mit Todesfolge zu einer Haftstrafe von vier Jahren und drei Monaten verurteilt. Nach drei Jahren ist er wieder frei. Die Gedenkseite für sein Opfer steht noch im Internet.

Korbach, früher Hansestadt, ist die Hauptstadt des nordhessischen Landkreises Waldeck-Frankenberg. Im Schnitt der vergangenen Jahre kommt in diesem Landkreis Monat für Monat mindestens ein Mensch bei Straßenver-kehrsunfällen um. Sagen wir also 12 pro Jahr – mal junge, mal alte. Zugegeben, es waren schon einmal mehr. Da die Autos auch und gerade im Waldeckschen, dank der Conti-Reifen beispielsweise, „sicherer“ geworden sind, beläuft sich der Rest, nämlich an Nichttoten (bei jährlich rund 3.800 Verkehrsunfällen im Landkreis), inzwischen auf verkrüppelte, am Tropf hängende oder von Alpträumen heimgesuchte Beteiligte. Dieser Befund ist im Landkreis noch niemals Anlaß zu öffentlicher Bestürzung gewesen.


169 - Sohane Benziane

Im Oktober 2002 wurde die 17jährige Tochter kabylischer (algerischer) Einwanderer im Pariser Vorort Vitry-sur-Seine in einem Verschlag für Mülleimer von ihrem Ex-Freund, Anführer einer örtlichen Jugendbande, mit Benzin übergossen und angezündet. Laut Emma (Juli/August 2003) war es eine Strafaktion aus nichtigem Anlaß. Es gelang dem Opfer noch, brennend aus dem Verschlag zu fliehen, vor dem ein Kumpel des Anführers Schmiere gestanden hatte. Dadurch wurde eine Gruppe von Schülern, die gerade ihren Unterricht hinter sich hatten, Zeuge von Benzianes Todeskampf. Sie starb kurz darauf im Krankenhaus. Im Folgejahr wurden die Täter Jamal D. (22) und Tony R. (23), beide von maghrebinischer Herkunft, zu 25 beziehungsweise acht Jahren Gefängnis verurteilt. Eine nahe Verwandte des Opfers soll die Lage in den Vorstädten mit den Worten kommentiert haben: „Zuerst haben sie die Mülleimer angezündet. Dann die Autos. Jetzt die Mädchen.“ Sie nahm später an der Einweihung einer Gedenktafel für Sohane teil.

Im April 2004 hatte die Gründerin des ersten Lesben- und Schwulenverbandes in Sierra Leone Fannyann Eddy vor der UN-Menschenrechtskommission gesprochen und dabei die nahezu straflose Duldung von sexistisch motivierter Gewalt in ihrem Heimatland angeprangert. „Angst ist unser ständiger Begleiter.“ Im September war die 30jährige tot. Man fand sie vergewaltigt, verstümmelt, mit gebrochenem Genick im Büro des Verbandes in Freetown. Sie hinterließ einen 10jährigen Sohn und ihre Lebensgefährtin.

Im selben Jahr wurde die aus Tunesien stammende 23jährige Boutique-Angestellte Ghofrane Haddaoui, die kurz vor ihrer Hochzeit stand, auf einem Ödland am Rand von Marsaille durch mehrere junge Landsmänner gesteinigt und dadurch getötet. Die grausame Tat war für Mitteleuropa ein Novum. Der 17jährige Haupttäter hatte sich zurückgewiesen gefühlt. Er bekam später 23 Jahre Gefängnis.

In Berlin-Kreuzberg aufgewachsen, war Hatun Sürücü von ihrer kinderreichen kurdischstämmigen Familie bereits als 16jährige nach Istanbul zwangsverheirat worden. Sie floh, warf ihr Kopftuch ab und machte sich in Berlin selbstständig, wobei sie auch das mitgebrachte Kind allein aufzog. Im Februar 2005 stand die 23jährige kurz vor ihrer Gesellenprüfung als Elektroinstallateurin. Das scheiterte an einem sogenannten „Ehrenmord“: Sürücü wurde an der Bushaltestelle vor ihrer Tempelhofer Wohnung mit drei Kopfschüssen niedergestreckt. Die Polizei nahm als Tatverdächtige drei ihrer Brüder fest. Sie wurden ein Jahr darauf angeklagt. Im April 2006 verurteilte das Berliner Landgericht den jüngsten Angeklagten zu einer Jugendstrafe von neun Jahren und drei Monaten, während es die beiden älteren Brüder aus Mangel an Beweisen freisprach. Viele BeobachterInnen rügten die Milde des Urteils und wiesen überdies auf die Vernachlässigung des Umstands hin, daß die „Bestrafung“ der abtrünnigen Tochter offensichtlich von der gesamten sunnitisch gestimmten Familie beschlossen worden war. Vermutlich habe sie den Jüngsten nur dem Rabatt der Jugendstrafe zuliebe zum Sündenbock erkoren. Zwar kam es 2007 zu einer Revision bezüglich des Freispruchs der älteren Brüder, doch sie wurde ein Jahr darauf eingestellt, weil sich die Türkei weigert, die beiden Männer auszuliefern. Sie hatten Deutschland wohlweislich verlassen.

Der Fall setzte viel in Bewegung – darunter den ehren-werten Berliner Bürger Udo D., der einen Verein namens Hatun & Deniz aus der Taufe hob, der im Laufe der Jahre bald eine Million Euro an Spendengeldern zusammentrug. Im September 2011 wurde der 42jährige gutgenährte „Vorsitzende“ wegen Spendenbetrugs zu knapp fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Sohn Deniz* war zum Zeitpunkt der Ermordung seiner Mutter fünf Jahre alt gewesen. Er kam in eine Pflegefamilie. 2006 lehnte das Tempelhofer Amtsgericht zur Erleichterung vieler den Antrag einer Schwester der Ermordeten ab, ihr das Sorgerecht zu überlassen. 2007 wies das Berliner Landgericht auch die Beschwerde der Schwester gegen diese Entscheidung zurück. Zum achten Jahrestag des Mordes veranstaltete der angesehene Berliner Fußballclub Türkiyemspor im Januar/Februar 2013 Hatun-Sürücü-Tage mit einem Fußballturnier aller Kreuzberger Frauenteams und einer Podiumsdiskussion über Frauenrollen. Zur selben Zeit wurde der von der Grünen-Fraktion des Berliner Abgeordnetenhauses gestiftete Hatun-Sürücü-Preis unter anderem an die Mädchen- und Frauenfußballabteilung von Türkiyemspor vergeben. Sie umfaßt derzeit rund 100 Spielerinnen.

Die US-Bürgerin Tara Correa-McMullen, Schau-spielerin seit 10, hatte mit 16 schon wieder abzutreten. Nach Werbespots und Fernsehserien war sie eben erst in ihrem ersten Kinofilm zu sehen gewesen, Rebound von 2005. Am 21. Oktober wurde sie vor einem Appartement-haus in Inglewood, Kalifornien, vom 20jährigen Jung-gangster Damien W. erschossen. Es gab zudem Verletzte. W. bekam Lebenslänglich. Folgt man einem Bericht der Los Angeles Times aus dem Todesmonat, war „Judging Amy”, so ihr Spitzname von einer erfolgreichen CBS-Serie her, nicht unbedingt rein zufällig in einen Bandenkrieg geraten. Die Serie spielt in dem gleichen Milieu. In ihr wird das von Correa-McMullen verkörperte Mädchen zuguter-letzt im Gefängnis ermordet. Freunde meinten dem Blatt gegenüber, die Ähnlichkeit zwischen Correa-McCullens Rolle und ihrem Leben sei unheimlich. Vor 100 Jahren lagen zwischen diesen beiden Sphären noch Welten. Globallisierung.

Die 31jährige frühere Fußball-Nationalspielerin Eudy Simelane aus Südafrika, später als Schiedsrichterin und in der Lesben-Bewegung aktiv, wurde im April 2008 in Kwa-Thema bei Johannesburg ermordet aufgefunden. Laut Spiegel war sie „vergewaltigt, geschlagen und mit 25 Messerstichen geradezu abgeschlachtet“ worden. Mit 18.000 (statistisch erfaßten) Morden jährlich halte das Land, bezogen auf die EinwohnerInnenzahl, ohnehin einen Weltrekord. Verbreitet sei auch „corrective rape“, nämlich die „korrigierende Vergewaltigung“ als angebliches Heilmittel gegen sexuelle Abartigkeit. In der Regel schreiten weder die „Sicherheitskräfte“ noch die Gerichte ein. Simelanes halbentkleidete Leiche lag unter Park-bäumen in einem Bach. Die Sportlerin hatte sich offen zur Homosexualität bekannt. Dank ihrer Prominenz kam es 2009 zu einem Prozeß. Mehrere männliche Angeklagte erhielten hohe Haftstrafen.

Ein nächster „Ehrenmord“ geschah 2008 in Hamburg. Die afghanischstämmige 16jährige Schülerin Morsal Obeidi wurde am 15. Mai von ihrem 23jährigen Bruder A. in den Stadtteil St. Georg gelockt und dort auf einem spärlich beleuchteten Parkplatz ohne jede Eröffnung mit mehr als 20 Messerstichen getötet. Einige Leichenwäscherinnen mußten sich angesichts der Wunden übergeben. Dabei hatte Morsal ohnehin schon einen jahrelangen Leidensweg unter gewalttätigen Verwandten hinter sich, denen ihre „westliche Lebensart“ zuwider war. Sie hatte wiederholt den Kinder- und Jugendnotdienst aufgesucht. Ihr Bruder und Mörder, Geschäftsführer im väterlichen Autohandel und bereits mehrmals vorbestraft, wurde 2009 zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt. Die Verwandt-schaft stieg auf die Stühle; der Staatsanwalt erhielt anonyme Morddrohungen.

Die Ägypterin Marwa El-Sherbini (31) wurde 2009 während einer Gerichtsverhandlung in Dresden, bei der sie Zeugin war, vom Angeklagten Alex W. erstochen. Der aus Rußland stammende erklärte Ausländerfeind hatte sie früher (auf einem Kinderspielplatz) „nur“ beschimpft und beleidigt. Sein Rassismus wurde in der deutschen Presse zunächst weitgehend übergangen. Befremdlich zudem, daß er seinem Opfer im Gerichtssaal sage und schreibe 18 Messerstiche beibringen konnte, bevor ihn „Sicherheits-kräfte“ überwältigten. Er bekam später Lebenslänglich. El-Sherbini hinterließ ihren vom Täter schwerverletzten Ehemann und den gemeinsamen dreijährigen Sohn. Beide waren Zeuge der Bluttat gewesen. Der Ehemann hatte versucht El-Sherbini zu helfen.

Der Leidensweg der deutsch-kurdischen Jesidin Arzu Özmen, die 2011 im Alter von 18 Jahren gleichfalls Opfer eines „Ehrenmordes“ wurde, ähnelt den bereits geschilder-ten Fällen im Muster so sehr, daß ich mich leider kurz fassen kann. Die Detmolder Schülerin hatte aushilfsweise in einer Bäckerei gearbeitet und dort ihren deutschen Geliebten Alexander K. kennengelernt, der allerdings ihrer Familie mißfiel. Die Mißhandlungen durch Verwandte trieben Arzu schließlich sogar in ein Frauenhaus. Sie nimmt Decknamen an, färbt ihre Haare. „Wenn die mich finden, bin ich eine tote Frau“, teilt sie einer Bekannten mit. Am 1. November 2011 wird sie am frühen Morgen von ihren bewaffneten Geschwistern aus der Wohnung ihres Geliebten entführt, der immerhin, obwohl verprügelt, die Polizei alarmieren kann. Aber die gesamte tatverdächtige Familie hüllt sich in Schweigen, weshalb die Entführte trotz aufwendiger Suchen erst am 13. Januar 2012 gefunden wird: sie liegt erschossen auf einem Golfplatz in Großensee bei Lübeck, Schleswig-Holstein. Der genau Hergang der Mordtat ist nach wie vor ungeklärt. Mehrere Mitglieder der Familie, darunter auch Frauen, wurden inzwischen vom Detmolder Landgericht zu teils hohen Haftstrafen verurteilt. Eine harte Bestrafung war selbst vom Zentralrat der Jesiden in Deutschland gefordert worden. Er sprach in seiner Pressemitteilung von einer „unmenschlichen Tat“, die „mit unserer Religion absolut unvereinbar“ sei.

* Name geändert


170 - Marinus Schöberl

Am 12. Juli 2002 suchten sich zwei Jugendliche und ein junger Erwachsener aus neonazistischem Dunstkreis die ehemalige LPG-Schweinemastanlage in Potzlow (Ucker-mark, Brandenburg) als Folter- und Hinrichtungsstätte für den 16jährigen Marinus Schöberl aus Gerswalde aus. Das Verprügeln, Verhöhnen und Urinieren auf das Opfer zog sich über Stunden hin. Krönung war ein sogenannter „Bordstein-Kick“, zu dem die angetrunkenen Täter von dem US-Film American History X (von 1998) angeregt worden waren. Das auf dem Bauch liegende Opfer hat auf eine erhöhte Kante zu beißen; tritt man es dann auf den Nacken, bricht gewöhnlich sein Hals. Marinus' Leiche wurde in der ehemaligen Jauchegrube verscharrt. Ein konkreter Anlaß lag nicht vor. Das Opfer galt als lernbehindert, die Täter litten an Langweile. Das Landgericht Neuruppin verhängte Haftstrafen von 15 Jahren für den Erwachsenen, achteinhalb Jahren für den minderjährigen Haupttäter und drei Jahre auf Bewährung für den anderen Jugendlichen. In der Alkoholisierung der Mörder hatte das Gericht, wie üblich, einen Strafmilde-rungsgrund erblickt. Im Sommer 2008 wurde der Haupttäter, nach sechs Jahren, gegen Bewährungsfrist vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen. Der Fall hat bereits mehrere künstlerische Bearbeitungen gefunden.


171 - Rachel Corrie

Vorsorglich war die 23jährige US-Studentin leuchtend gekleidet, während sie in Rafah auf verschiedenen Trüm-merbergen umherkletterte. Es war am 16. März 2003. Zudem hatte Corrie ein Megaphon umhängen. Sie versuchte auf diese Weise, einen israelischen Planierrau-penfahrer daran zu hindern, das Haus des palästinen-sischen Apothekers Samir Nasralla zu zerstören. Im ganzen standen an diesem Tag des Widerstands acht ausländische Aktivisten gegen zwei Planierraupen, die übrigens Funkkontakt mit einem Armeepanzer hatten. Laut mehreren Augenzeugen war die junge dunkelblonde Frau aus dem Bundesstaat Washington unübersehbar. Schließlich ging sie, ihrem rund 10 Meter entfernten Mitstreiter Tom Dale zufolge, auf einem Wall in die Hocke, während sich die Raupenschaufel unaufhaltsam näherte. Durch den Schub der Raupe rutschte sie den Wall hinab und der Raupe gleichsam in die Fänge. Sie wurde überrollt und blieb blutüberströmt liegen. Im Krankenhaus eingetroffen, war sie bereits tot. Mehrere von Corries Eltern angestrengte Klagen gegen den Staat Israel wurden abgeschmettert, zuletzt 2012. Es war ein bedauerlicher Unfall. Wie Craig Corrie, der Vater des Opfers, im März 2013 (in The Hill) anmerkt*, stammte das Unfallwerkzeug zufällig von der US-Firma Caterpillar, und bezahlt wurde es, wie er meint, von seinen Steuergeldern, nämlich mit Israel gewährter US-Militärhilfe.

In derselben Grenzstadt Rafah des Gazastreifens wurde das 13jährige Schulmädchen Iman Darweesh al Hams im Oktober 2004 das Opfer eines besonders kaltblütigen Mordes, falls man noch Unterschiede machen möchte. Als sich Al Hams, die durch eine feuerrote Schuluniform und eine gleichfarbige Schultasche ebenfalls nicht zu übersehen war, auf etwa 70 Meter einem Kontrollpunkt genähert hatte, wurde sie von israelischen Soldaten angerufen, aber auch sofort beschossen. Angeblich wähnte man eine Sprengstoffattentäterin in ihr. Al Hams ließ die Tasche fallen und schleppte sich in Deckung. Die Soldaten durchsiebten zunächst die Tasche, die also offensichtlich keinen Sprengstoff enthielt, und rückten dabei vor. Beim verletzten Mädchen eingetroffen, durchsiebte der Kommandant des Postens, ein Hauptmann R., auch den Kopf und Körper des Mädchens mit Schüssen. Ein von Beobachtern alarmierter Krankenwagen wurde eine Stunde blockiert. Im Krankenhaus fischten die Ärzte 17 Projektile aus der Leiche des Mädchens.

Die Armee ergänzte ihre Rechtfertigung später mit dem Argument, das Mädchen hätte möglicherweise den Auftrag gehabt, Soldaten ins Schußfeld von Heckenschützen zu locken. Wegen der anhaltenden Empörung in der Öffentlichkeit ließ sie sich sogar zu einem Militärgerichts-verfahren gegen den Hauptmann herbei. Dem Jerusalemer Korrespondenten des Independent Donald Macintyre zufolge** war er anfänglich von mehreren beteiligten Soldaten öffentlich angeprangert worden. Er habe den Körper des Mädchens geschändet und die Armee besudelt. Der Jerusalemer Korrespondent des Guardian Chris McGreal fügt hinzu***, R. habe seine Leute ermahnt, sie hätten auf alles zu feuern, was in die „Sicherheitszone“ eindringe, und sei es ein lediglich drei Jahre altes Mädchen. Nun wurde er freigesprochen, zum Major befördert und für erlittene Untersuchungshaft mit 82.000 Schekel entschädigt, ungefähr 15.000 Euro.

* Laut Adam Horowitz, 16. März 2013
** 12. Oktober 2004
*** 16. November 2005



172 - Oury Jalloh

Der 36jährige Drogenhändler aus Sierra Leone kam im Januar 2005 unter sehr fragwürdigen Umständen (er war betrunken, von Kokain benebelt und gefesselt) elend durch einen Brand in seiner Dessauer Gefängniszelle um, nachdem ihn die Polizei aufgegriffen hatte. Ende 2012 wurde der verantwortliche Dienstgruppenleiter in Magdeburg unter Vorsitz der Richterin Claudia Methling wegen „fahrlässiger Tötung“ mit 10.800 Euro Geldstrafe bedient, was etliche ProzeßbeobachterInnen mit bitterem Gelächter quittierten. 2013 legte eine private Initiative ein Gutachten vor, das die Annahme einer Selbstentzündung Jallohs erschüttert, worauf die Staatsanwaltschaft im Sommer 2014 ein neues Ermittlungsverfahren einleitete.

Im Juli 2005 war der 27jährige Brasilianer Jean Charles de Menezes in einem Londoner Ubahnhof von Terroristenjägern gezielt erschossen worden, weil sie ihn für einen gesuchten Bombenattentäter hielten. Es war eine „Verwechslung“, die die Polizei zunächst mit zahlreichen Lügen zu verbrämen suchte, wie später in der gerichtlichen Untersuchung zumindest teilweise eingeräumt werden mußte. Die Angehörigen kämpfen noch um Recht und Entschädigung.

2006 herrschten in Oaxaca de Juárez, der Hauptstadt des gleichnamigen mexikanischen Bundesstaates, für Monate bürgerkriegsähnliche Verhältnisse. Ausgelöst durch Lehrerstreiks, hatte die aufständische „Volksfront“ zahlreiche Behörden besetzt und Straßensperren errichtet. Der umtriebige 36jährige New Yorker anarchistische Künstler Bradley Roland Will, auch als Journalist für Indymedia tätig, fuhr mit seiner Videokamera hin. Sein letzter Film wurde am 27. Oktober gewaltsam gestoppt. Bewaffnete Männer einer vermutlich von Gouverneur Ulyses Ruiz Ortiz zusammengetrommelten „Bürgerwehr“ aus zivil gekleideten Polizisten und anderen städtischen Bediensteten rückten nämlich nicht nur den Straßen-sperren zu Leibe. Unter den vier Toten des Tages befand sich auch Will. Er wurde beim Filmen aus, je nach Quelle, fünf bis 20 Meter Entfernung in den Bauch getroffen und starb noch am selben Tag im Krankenhaus. Die juristische Verfolgung oder Beschützung der Tatverdächtigen hat wieder alle Haken und Ösen. Es gab mehrere Verhaf-tungen und Entlassungen aus der Haft. Neben den Sündenböcken wechselte außerdem der Gouverneur. Im Mai 2012 nahm die Staatsanwaltschaft aufgrund „neuer Zeugen und Beweismittel“ Lenin Osorio Ortega fest. Sie glaubt, er habe auf eigene Faust gehandelt. Die Untersuchung werde fortgesetzt. Nach Laura Carlsen*, Mexiko City, war Ortega jedoch eine Zeitlang für den erwähnten Scharfmacher Ulyses Ruiz tätig.

* Artikel für Americas Program, 3. Juni 2012


173 - Thet Win Aung

In Birma, das wir bereits streiften, war er ein Studenten-führer – nach der „Unabhängigkeit“ des Landes. Geboren 1971, machte er bereits um 1990 Bekanntschaft mit den Gefängnissen des Militärregimes und sehr wahrscheinlich auch mit der Folter. 1994 wurde er Generalsekretär der zwar illegalen, aber nicht militärisch kämpfenden All Burma Federation of Student Unions. Im Oktober 1998 als „Rädelsführer“ friedlicher studentischer Massenproteste in Rangun erneut festgenommen, erhielt er im Januar 1999 fürstliche 52 Jahre Haft – später wurde das Strafmaß sogar noch auf 59 Jahre erhöht. Neben „Isolation“ und den Folgen eines Hungerstreiks setzten ihm im Gefängnis Mandalay verschiedene Krankheiten zu, darunter Malaria, die selbstverständlich nicht angemessen behandelt wurden. Er starb am 16. Oktober 2006 im Alter von 34 Jahren. Kurz zuvor hatten die „Sicherheitskräfte“ seinen Bruder Ko Pyone Cho verhaftet, gleichfalls Aktivist in der Studentenbewegung. Der Vater der Brüder, Win Maung, nahm damals an, Thet Win Aung sei einem Herzanfall erlegen, nachdem er von der Verhaftung seines Bruders gehört hatte. Habe ich ausländische Presseberichte richtig verstanden, kam Ko Pyone Cho, nach starkem internationalem Druck, 2012 wieder frei.


174 - Valentín Elizalde

Unter den kaum zählbaren Opfern der mexikanischen Drogenkartelle befinden sich auch schon etliche populäre SängerInnen, die sich kritisch zum Drogenhandel äußerten. Ich nenne lediglich zwei. Der 27jährige Valentín Elizalde, auch als „Gallo de Oro“ (Goldener Hahn) bekannt, wurde im November 2006 nach einem Konzert in Reynosa niedergeschossen, einer Grenzstadt zu Texas. Der Angriff auf den zu wenig kleinlauten „Hahn“ und mehrere BegleiterInnen erfolgte mit automatischen Waffen aus zwei schwarzen Chevrolets heraus. Allein Elizalde wurde 28 mal getroffen. Der Frauenschwarm hatte mit seiner Gattin Camila Valencia sechs Kinder. Der Washington Post zufolge krönten die Feinde Elizaldes – welche, ist ungeklärt – ihre Schadenfreude ganz im Sinne postmoderner Gläsernheit durch ein Internet-Video mit Bildern des Übergriffs und sogar der amtlichen Obduktion des blutüberströmten, nur mit Cowboystiefeln bekleideten Leichnams Elizaldes. Die Drogenkartelle nutzten das Internet ohnehin schon exzessiv zu Propaganda- und Aufmarschzwecken, behauptet das Blatt.*

Zayda Peña Arjona, Sängerin der Gruppe Los Culpables (die Täter?!) und des kritischen Liedes „Amor ilegal“ über Drogen, wurde mitsamt einem Freund und einem Hotelangestellten zur Zielscheibe, als sie Ende November 2007 nach einem Konzert in Matamoros (Grenzstadt zu Texas) in ihr dortiges Hotel Monaco zurückkehrte. Die beiden Männer starben auf der Stelle. Arjona kam nicht lebensgefährlich verletzt auf den Operationstisch des Hospitals Alfredo Pumarejo. Am folgenden Morgen drangen zwei Bewaffnete ins Hospital ein und gaben der 28jährigen Sängerin in ihrem Krankenzimmer den Rest. In Arjona hatte sich Illustriertenschönheit mit einer kehligen Stimme gepaart, die zuweilen an den Gipfeln der Intonation vorbeischrammte. Von Janis Joplin wäre sie wahrscheinlich nur wegen der zuerst genannten Eigenschaft beneidet worden.

Der weltberühmte „fortschrittliche“ Folksänger Facundo Cabral, geboren 1937 in Argentinien, hatte Mexiko (bis 1984) während der heimischen Militärdikatur als Gastland schätzen gelernt. In jenen Jahren hatte ihm der Fortschritt des Luftverkehrs Frau und Tochter geraubt, die 1978 bei San Diego in Kalifornien abstürzten. Seinen größten Hit hatte Cabral bereits 1970 mit „No soy de aqui, no soy de alla“ gelandet (Ich bin nicht von hier, ich bin nicht von dort). Er war Kosmopolit, genauer: Wanderprediger, und er trat seiner Gebrechlichkeit zum Trotz noch im hohen Alter auf – bis ihn gleichfalls ein gewaltsamer Tod ereilte. Im Sommer 2011 hatte der 74jährige zwei Konzerte in Guatemala gegeben. Auf dem Weg in die Hauptstadt – übrigens zum Flughafen – wurde das Auto, in dem er mit Manager und Promotor saß, von drei anderen Wagen abgefangen und beschossen. Acht Kugeln, wie es heißt, töteten den Sänger auf der Stelle. Seine Begleiter wurden schwerverletzt. Man nimmt inzwischen an, der Überfall habe dem Promotor und Besitzer des benutzten Autos Henry Fariña gegolten. Ein mutmaßlicher Drahtzieher aus Mafiakreisen wurde im Jahr darauf in Kolumbien festgenommen.

* Artikel von Manuel Roig-Franzia, 9. April 2007


175 - Halit Yozgat

Der in Deutschland geborene Sohn eines Türken hatte in der Kasseler Holländischen Straße gerade ein Internetcafe eröffnet. Halit Yozgat war 21 Jahre alt. Am 6. April 2006 wurde er in diesem Cafe am hellichten Tage durch zwei Pistolenschüsse niedergestreckt. Er verblutete in den Armen seines herbeigeeilten Vaters Ismail.

Zuvor hatte sich ein Stammgast des Cafes dünne gemacht, Andreas Temme aus Hofgeismar bei Kassel – ein offiziell angestellter V-Mann-Führer des Wiesbadener soge-nannten Verfassungsschutzes, wie sich später heraus-stellte. Im Gegensatz zu fünf anderen Cafegästen meldete er sich nicht als Zeuge, wurde aber namhaft gemacht. Der damalige hessische Innenminister Volker Bouffier bewahrte ihn zunächst vor polizeilicher Vernehmung – aus den bekannten Gründen des „Quellenschutzes“. Ein später eingeleitetes Ermittlungsverfahren gegen den rechtsradi-kal gestimmten Mann, der in Hofgeismar seit Jahren als „Klein-Adolf“ bekannt war, wurde 2007 genauso eingestellt wie ein Disziplinarverfahren gegen ihn. Nur für den Besitz illegaler Munition erlegte man ihm, wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz, eine Geldstrafe von 800 Euro auf. Dann wurde er ins Regierungspräsidium Kassel versetzt.

Temme meinte nach seiner Enttarnung, er habe sich rein zufällig und privat in dem Cafe aufgehalten und von der Tat nichts mitbekommen. Mordmotive im Bekanntenkreis Yozgats kamen freilich kaum in Betracht. Vor allem aber reihte sich die Tat ganz offensichtlich in eine Mordserie ein, der seit 2000 bis dahin bundesweit acht überwiegend türkischstämmige Kleinunternehmer zum Opfer gefallen waren. Der junge Kasseler blieb das neunte und letzte Opfer dieser auch als Ceska-Morde, nämlich nach der immerselben Tatwaffe bezeichneten Serie. In der Folgezeit war eine riesige Sonderkommission der Kripo, im Verein mit den Geheimdiensten, nach Kräften bemüht, die Ermittlungen auf „südländisch“ wirkende Täter zu beschränken und ansonsten möglichst lange zu verschleppen. Erst nach fünf Jahren kam den wenigen Skeptikern der Zufall zur Hilfe, daß die (angeblich) seit Langem gesuchten Neonazis Uwe Mundlos (38) und Uwe Böhnhardt (34) am 4. November 2011, nach einem nicht ganz reibungslos verlaufenen Überfall auf eine Sparkasse in Eisenach, (angeblich) Selbstmord begingen. Daraufhin stellte sich am 8. November auch ihre Mitstreiterin Beate Zschäpe, geboren 1975, der Polizei. Die drei hatten den Kern des vor allem in Thüringen wurzelnden NSU (Nationalsozialistischer Untergrund) gebildet. Da sich in ihrem Umfeld auch jene Ceska-Pistole fand, stellen sie inzwischen die Hauptverdächtigen der entsprechenden Mordserie dar. Zudem dürften, neben Raubüberfällen, ein Sprengstoffanschlag in Köln vom Juni 2004, ein Nagelbombenattentat in Köln vom April 2007 und die Ermordung der 22jährigen Polizeibeamtin Michèle Kiesewetter auf ihr Konto gehen, die am 25. April 2007 in Heilbronn erschossen worden war.

Allerdings steht auch die Mitwisser- und Mittäterschaft unserer lieben VerfassungsschützerInnen im Raum, die ihre Finger offensichtlich seit Jahren ganz tief in jenem Nationalsozialistischen Untergrund haben, ohne auf die schädliche Idee zu kommen, ihn vielleicht trocken zu legen und sich damit die eigene Existenzgrundlage zu entziehen. Darauf verweisen einige Enthüllungen vor 2012 einge-setzten parlamentarischen Untersuchungsausschüssen, mehrere erzwungene Rücktritte von Verfassungsschutz-chefs – und mehrere erfolgreiche, bekanntlich schon von Altkanzler Helmut Kohl geschätzte Aktenvernichtungs-unternehmungen, diesmal freilich in Verfassungsschutz-gebäuden, nicht im Bundeskanzleramt.

Im Herbst 2012 wurde in Kassel der Halitplatz eingeweiht. Auch die dortige Straßenbahnhaltestelle (am Hauptfried-hof) wurde um den Namen des buchstäblich für nichts ermordeten jungen Mitbürgers ergänzt. Sein silberhaariger Vater Ismail Yozgat, der streckenweise auf eigene Faust und Kosten Nachforschungen anstellte, schilderte nach der Einweihung des Platzes im Gespräch mit dem Wochenblatt Die Zeit seine bisherige Leidenszeit.* Bis zum November 2011 hätte sich seiner Familie gegenüber niemand um Nachrichten oder Erklärungen zur Tat und zu den Ermittlungen herbeigelassen. Dafür seien sie und der ermordete Sohn über Jahre hinweg mit Verdächtigungen und Verleumdungen (etwa: Drogenhandel) überzogen worden, in deutschen oder türkischen Medien, aber auch im Bekanntenkreis. „Es gab Zeiten, da haben wir uns nicht auf die Straße getraut. Meine Familie hatte Angst. Arbeitskollegen, irgendwelche Leute auf der Straße haben mich im Vorbeigehen gefragt: 'Ismail, wie sieht’s aus, haben sie endlich mal den Mörder deines Sohnes gefunden?' Als ob es eine Nichtigkeit wäre. Als ob sie nicht glaubten, daß es ein Mord war. Ohne Distanz, ohne Respekt.“

Immerhin, am jüngsten Gedenktag, dem 6. April 2014, versammelten sich rund 450 BürgerInnen auf dem Kasseler Halitplatz. Was den einheimischen V-Mann Temme angeht, steht dem hessischen Journalisten und Buchautor Wolf Wetzel zufolge** inzwischen fest, daß er am Tattag sowohl vor wie nach seinem Besuch im Internet-Cafe mit Neonazis telefonierte, darunter der nordhessische V-Mann Benjamin Gärtner, dessen „Führungsoffizier“, nach Zeugenaussagen sogar Kumpel Temme war. Aber auch Gärtner werde, wie lange Zeit Temme, bis heute vom Verfassungsschutz gegen die Kripo abgeschirmt, die ihn nicht vernehmen darf. Zu dieser Taktik des Mauerns führt Wetzel einen netten Dialog an: Im Sommer 2012 habe sich selbst ein Untersuchungs-ausschuß des Bundestages, der sich mit dem NSU befaßte, über die konsequente, auch den Ausschuß selber betreffende Blockadepolitik der zuständigen Behörden befremdet gezeigt. Offenbar müsse man erst eine Leiche neben einem Verfassungsschützer finden, um eine Auskunft zu bekommen. Darauf Kriminaldirektor Gerhard Hoffmann, ehemals Leiter der SOKO Café: „Selbst dann nicht …“ – „Bitte ..?“ – „Es heißt, selbst wenn man eine Leiche neben einem Verfassungsschützer findet, bekommt man keine Auskunft.“

Wetzel hält die Wahrscheinlichkeit einer Beteiligung Gärtners an dem nach wie vor unaufgeklärten Mord für hoch. Von dem in München veranstalteten Prozeß gegen NSU-Aktivistin Zschäpe verspricht er sich alles andere als Aufklärung, vielmehr weitere Verschleierung des staat-lichen Tatbeitrags am zeitgenössischen neonazistischen Wirken. In einem bereits Anfang 2013 geführten Gespräch mit der Webseite Muslim-Markt begründet er diese schlechte Erwartung unter anderem mit den erwähnten Phänomenen der systematischen Akten- und Spuren-vernichtung und der schier undurchdringlichen Verfilzung zwischen den rechten Angriffs- und den staatlichen Abwehrkräften. Dazu gibt er drastische Beispiele.***

* Artikel „Er starb in meinen Armen“ von Özlem Topçu, 11. Oktober 2012
** Artikel „Zweifelhaftes Teamwork“ in der Jungen Welt, 3. Dezember 2013
*** 26. April 2013



176 - Jessie Gilbert

Wir betreten auch in ihrem Fall die eingangs erwähnte ausgedehnte Grauzone. Wie es aussieht, drückten Jessie nicht nur die Hoffnungen, die auf ihr ruhten. Mit 12 Jahren hatte das britische Mädchen als jüngste Spielerin aller Zeiten die Schach-Amateurweltmeisterschaft der Frauen gewonnen. Darauf Sportminister Tony Banks: „We are extremely proud of what Jessie Gilbert has achieved for chess and for this country.“ Das war 1999 gewesen. Jessie errang weitere Titel und ein Stipendium, um in den USA mit Großmeister Edmar Mednis zu trainieren. Nebenbei erwarb sie sich das Anrecht, ab September 2005 Medizin in Oxford zu studieren. Im Dezember 2005 schlug sie in ihrem Heimatclub Coulsdon den englischen Großmeister Danny Gormally. Im Februar 2006 gewann die inzwischen 19jährige die Korean International in Südkorea. Alexander Baron bescheinigt der stämmigen, sommersprossigen und „unscheinbaren“ jungen Frau, die stets in Jeans auftrat, sie sei zwar hochintelligent gewesen, aber auch schüchtern – ihr Selbstbewußtsein habe „die Stärke einer Briefmarke“ besessen. Damit eilte sie also von Erfolg zu Erfolg. Nachdem sie im Mai desselben Jahres an der Schacholym-piade in Turin teilgenommen hatte, wo die Frauen und Männer aus Großbritannien keinen Medaillenrang belegen konnten, fuhr sie in die ostböhmische Stadt Pardubice, um an den alljährlich ausgetragenen Czech Open teilzuneh-men. Das Ende dieses angesehenen Turniers erlebte sie nicht mehr. Sie fiel in der Nacht vom 26. auf den 27. Juli 2006 unter bis heute ungeklärten Umständen aus dem Fenster ihres im achten Stockwerk gelegenen Hotel-zimmers, wobei sie zu Tode kam.

Jessie hatte sich das Zimmer mit ihrer besten Freundin geteilt, der erst 14jährigen Nachwuchsspielerin Amisha Parmar. Das Fenster war wegen der Sommerhitze (oder aus kühler Berechnung) offen geblieben. Angeblich nahm die Freundin von dem tödlichen Vorgang nichts wahr, weil sie unterdessen mit Übelkeit im Bad verschwinden mußte. Die beiden hatten einiges getrunken. Die Quellen schweigen darüber, ob Dritte Zugang zum Zimmer hatten und ob sie, wenn ja, ein Mordmotiv gehabt hätten. Was das Opfer betraf, brachte man auch Jessis Neigung zum Schlafwandeln ins Spiel. Zudem stellte sich heraus, daß sie Medikamente gegen Depressionen nahm und bereits mindestens einen Selbstmordversuch mit Tabletten hinter sich hatte. Sie war damals, 2004, aufgrund einer Überdosis Paracetomol im East Surrey Hospital aufgewacht. Amisha sagte aus, Jessie habe sich in jüngster Zeit wiederholt Schnittwunden beigebracht, ohne darüber mit ihrer Mutter zu sprechen. Solche Wunden wurden auch gefunden. Allerdings sind für Jessies Tage in Pardubice keine mündlichen oder schriftlichen Äußerungen bekannt, die eine selbstmörderische Absicht bekundet hätten. Englische Gerichte führten eine Untersuchung durch. Im September 2007 erklärten sie den Fall zum open verdict, was bedeudet, aufgrund von Ungereimtheiten läßt sich der betreffende Tod vorläufig nicht zweifelsfrei der einen oder anderen üblichen Todesursache zuordnen.

Die Mutter der toten Schachhoffnung glaubt an Selbst-mord. Jessies Eltern Angela and Ian Gilbert, sie Wissen-schaftlerin, er Bankmanager, hatten sich 2003 getrennt. Jessie lebte mit ihren drei Schwestern bei ihrer Mutter in Reigate, Südostengland, der Vater in London. Wenige Tage nach dem mysteriösen Tod seiner Tochter stellte sich Ian Gilbert als Angeklagter in einem Verfahren um sexuelle Gewalt heraus. Es soll um wiederholte unzüchtige Handlungen oder gar Vergewaltigungen, auf mehrere Opfer verteilt, gegangen sein. Was Wunder, wenn die Presse daraufhin bald argwöhnte, auch seine Tochter könne zu diesen Opfern zählen. Die Verhandlungen gegen Gilbert begannen erst Ende August des Jahres 2006. Seine Tochter konnte also nicht mehr aussagen, weil sie schon einen Monat vorher gestorben war.

Allerdings legte der Staatsanwalt im November ein Tonband-Vernehmungs-Protokoll der Polizei vor, wonach Jessie ihren Vater schon vor längerer Zeit bezichtigt hatte, sie erstmals als Achtjährige und dann über Jahre hinweg nachts belästigt und geängstigt zu haben. Er sei auch ins Bad gekommen, wenn sie duschte, und einmal, im Januar 2003, habe er sie, aus nichtigem Anlaß zornig geworden, mit einem Kabel zu erdrosseln versucht. Sie hatte gemault, weil ihr Vater leihweise ihren Laptop benutzen wollte. Bei diesem Vorfall war sogar Polizei ins Haus gekommen, ohne daß er gerichtliche Folgen nach sich gezogen hätte. Er löste nur die Scheidung der Eltern aus.

Im Dezember 2006 wurde der 48jährige Gilbert, dem seine neue Ehefrau Sally beistand, die zufällig Rechts-anwältin ist, von allen Vorwürfen freigesprochen. Was seine Tochter betrifft, hatte er während der Verhandlung vermutet, sie habe sich mit ihren Aussagen an ihm rächen wollen, etwa wegen der Trennung von ihrer Mutter oder wegen jenes Übergriffes mit dem Kabel. Was die Mutter betrifft, berichtete die Presse zwei Tage nach der Urteilsverkündigung, die 53jährige sei vorübergehend von der Polizei verhaftet worden, weil sie angedroht habe, ihren Ex-Gatten zu töten. Der Staatsanwalt werde diese Sache aber auf sich beruhen lassen.

Obwohl er Ian Gilbert ausdrücklich für einen „schlechten Vater“ und einen nicht minder schlechten Ehemann hält, ist auch der Schachspieler Alexander Baron davon überzeugt, Gilbert habe seine Tochter weder mißbraucht noch sie getötet. Für Baron besteht kein Zweifel daran, daß sich Jessie geplant und eigenhändig aus jenem Fenster warf – die Frage sei nur, wer oder was sie „geschoben“ habe, wie Baron 2011 im Internet schreibt.* Für ihn schoben Geister, Alpe, Dämonen. Baron war einige Male gegen Jessie angetreten, wobei er auch eine empfindliche Niederlage hinnehmen mußte, obwohl er erheblich älter und erfahrener als seine Gegnerin war. Inzwischen hat er eine Bibliographie über Jessies Partien verfaßt und betreibt zudem die Webseite The Jessie Gilbert Virtual Archive zu ihrem Gedenken. Man erinnere sich an Jessies Neigung zum Schlafwandeln – früher auch mit der Wendung umschrieben, jemand sei „vom Nachtschreck“ besessen. Jessies Sehnsüchte und Ängste sowie ihren Medikamentenmißbrauch hinzugenommen, könnte man natürlich auch kurzerhand von Wahnvorstellungen sprechen. Für Baron hat sich jener gewalttätige, nie geahndete Übergriff ihres Vaters (Versuch des Erdros-selns) auf eine Weise mit Alpträumen und Halluzinationen verbunden, die sie tatsächlich davon überzeugt sein ließen, er habe sich an ihr vergangen. Insofern hätte sie die vernehmenden Polizeibeamten keineswegs belogen.

Diese Vermutungen erklären freilich weder, warum sie nur den Ausweg des Selbstmordes sah, noch warum sie diesen – falls es einer war – ausgerechnet kurz vor Ende des hochrangigen Schachturniers in Pardubice beging (12.–29. Juli 2006). Mit vier Unentschieden und einem Sieg hatte sie sich bis dahin (26. Juli) in dem stark besetzten Turnier durchaus beachtlich gehalten. Ihre Mutter sagte dem Evening Standard 2007, durch das Match, das Jessie am Nachmittag vor der Unglücksnacht spielte, habe sie ihre Ranglistenposition im Women's International Master erneut verbessern können. Gleichwohl kann sie an „Versagensangst“ gelitten haben. Aber auch von diesem, eigentlich naheliegenden Gesichtspunkt ist in den Quellen nie die Rede.

Der Daily Mail zufolge neigte die tschechische Polizei zu der Annahme, die 19jährige habe Angst vor dem bevor-stehenden Prozeß gegen ihren Vater gehabt. Das wäre auch kaum verwunderlich gewesen – zumal dasselbe Blatt nur zwei Tage nach dem Unglück fast die Hälfte seiner Titelseite mit einem Foto, das Jessie über Schachfiguren lächelnd zeigt, und der Balkenüberschrift ausfüllt Chess Girl's Father Is Accused Of Raping Her.** War sie so scheu, wie Baron sie hinstellt, muß das ganze ja eine Marter für die junge Frau gewesen sein. Möglicherweise bereute sie ihre Anschuldigungen inzwischen auch wieder. Vielleicht schämte sie sich vor ihren Schwestern oder Freundinnen. Vielleicht fürchtete sie auch, ihr eigenes Liebesleben, falls es denn vorhanden war, könne zur Sprache kommen. In allen Quellen fällt zu diesen Gesichtspunkten nicht ein Wort. Man fragt auch nie, warum sie sich, mit acht Jahren, ausgerechnet für das so scharfsinnige wie unsinnliche Schachspiel erwärmt habe. Jedenfalls ist anzunehmen, ihr Gemütszustand glich, über Jahre hinweg, eher einem von Blüten, Disteln, Brennesseln und Dornenhecken überwucherten Trümmergrundstück als einem Schachbrett – und wer möchte sich in sowas schon hineinknien.

* „Op-Ed: Who killed Jessie Gilbert?“, Digital Journal, 14. Dezember 2011
** („Vater des Schachgirls beschuldigt, sie vergewaltigt zu haben“), Printausgabe 28. Juli 2006



177 - Yvan Schneider

Der 19jährige Abiturient des Stuttgarter Wagenburggym-nasiums, Sohn einer Heilerzieherin und eines Musik-therapeuten, wird als gutherzig beschrieben. Seine Mitspieler beim TV Stetten nennen ihn bewundernd und spöttisch zugleich „Zauberlehrling“, weil er das Spiele-rische am Handballspiel betont, also alles andere als ein „Brecher“ ist, obwohl er immerhin 1,85 mißt. Am 21. August 2007 ahnen sie so wenig wie Yvans Eltern und seine beiden Geschwister, daß sie ihn nie wiedersehen werden. Die Familie Schneider wohnt in einem Dorf bei Stuttgart. Von einer Bekannten aus dem Dorf, der 16jäh-rigen Sessen K., am Abend unter einem Vorwand aus dem Haus gelockt, wird Yvan auf einer nahen Obstbaumwiese von zwei ihm unbekannten jungen Männern auf äußerst brutale Weise mit Knüppeln niedergeschlagen und an-schließend zu Tode getreten. K. steht dabei und schaut zu.

Hier erfuhr das Wort Heimtücke seinen Sinn. Die Tat gewinnt noch an Grausamkeit durch die Art und Weise, in der sich die jungen Mörder anschließend, freilich über Tage hinweg, der Leiche entledigen. Sie zerstückeln sie, betonieren die Stücke in Blumenkübeln ein und werfen diese in den Neckar. Dabei finden sie noch weitere HelferInnen. Der „Betonmord“ entsetzt das Schwaben-land, obwohl man doch die Zentrale des vom Blaubeurer Adolf Merckle kontrollierten Baustoffriesen Heidel-bergCement AG im Lande hat. In Kürze (2009) wird man Merckles Selbstmord beklagen. Auch er geht nicht zimperlich vor: er wirft sich vor einen Zug, weil er den Lokführer oder die Lokführerin als den Schuldigen an seinem ganzen Elend erkannte.

Ein Jahr früher findet im Stuttgarter Landgericht, unter Vorsitz von Jürgen Hettich, der Prozeß gegen die „Betonmörder“ statt. Heiklerweise stammen sämtliche Angeklagten aus Einwandererkreisen. Haupttäter Deniz E., zur Tatzeit 18, kommt aus einer türkisch-kroatischen Familie. Ein Jugendpsychiater bescheinigt ihm eine „krankheitsbedingte Verlangsamung und Einschränkung seiner Möglichkeiten, sich zu äußern“. Der gleichaltrige Roman K. stammt aus Kasachstan. Sein Elternhaus ist von Alkohol und Gewalttätigkeit durchtränkt. Die Eltern der 16jährigen Sessen K. kamen vor rund 25 Jahren aus Eritrea nach Deutschland. Spiegel online 2008: „Der Vater ist Frührentner und sitzt als gebrochener Mann zusammen mit seiner Frau neben der Verteidigerin der Tochter. Sie hätte Rechtsanwaltsgehilfin werden sollen. Aber dann war ihr 'anderes wichtiger' und sie geriet in Kontakt mit Deniz, der sie mit einem Sportwagen durch die Gegend kutschierte, beschenkte und langsam aber sicher auf die schiefe Bahn zog.“ Der vierte Angeklagte, Kajetan M. (23), kommt aus einer zerrütteten polnischen Familie. Gegen weitere MithelferInnen, darunter der 44 Jahre alte Vater des Deniz E., wird gesondert ermittelt und verhandelt.

Als Tatmotiv stellt sich, zumindest vordergründig, Deniz' Eifersucht heraus. Der stolze Besitzer eines Mercedes CLK sei von der 16jährigen Afrikanerin geradezu besessen gewesen. Dabei hatte ihn Sessen beschwindelt, als sie behauptete, der unter seinen Mitschülern beliebte Sportler Yvan habe sie gegen ihren Willen entjungfert. In Wahrheit war er Sessen nie nahe gekommen. Sie wußte noch nicht einmal seine Telefonnummer. Zu ihren eigenen Beweggründen, Yvan ans Messer zu liefern, äußert sie sich angeblich nicht. In der Urteilsbegründung wird später festgehalten: „Er verblutete langsam. Sein Todeskampf muß nach Auskunft des Gerichtsmediziners zwischen 5 und 20 Minuten gedauert haben. Der Haupttäter ging währenddessen immer wieder zu seiner Freundin und schrie: 'Weißt du jetzt, wie sehr ich dich liebe?!'“ Dies alles unter Obstbäumen, in denen die jungen Früchte schaukelten.

Yvans Vater Pierre Schneider sagt vor den Plädoyers: „Man hat seine Zeit, die er gebraucht hat, um ein junger Mann zu werden, gestohlen. Man hat sein Wesen vernichtet. Man hat seine Freude, seine Stille gestohlen. Er fehlt. Er fehlt uns schrecklich. Für uns wird der Schmerz bis zum Ende unseres Lebens sein. Und das Gefängnis dieser Schmerzen haben wir lebenslang bekommen. Wir haben Vertrauen in die deutsche Justiz, daß sie das richtige Urteil finden wird.“ 2010 veröffentlichen Schneider und seine Frau Fabienne ein Buch mit einem Bandwurmtitel über den Fall.*

Richter Hettich erlaubt sich die Bemerkung, statt mit „Monstern“ habe er es erschreckenderweise mit Jugend-lichen zu tun gehabt, die von dem grausigen Geschehen berichtet hätten, als ob sie sich auf einem Schulaufsflug befunden hätten. Waren sie sich also ihrer Grausamkeit nicht bewußt? Oder fanden sie sie jedenfalls annehmbar? Ein Mithäftling des Hauptangeklagten erklärte Dritten, Deniz E. habe ihm versichert, er werde vor Gericht „auf geisteskrank“ machen. Dieser Hinweis wird ignoriert. Da das Landgericht Jugendstrafrecht anwendet, fällt das Urteil (im März 2008) für das Empfinden der Angehö-rigen und auch etlicher BeobachterInnen vergleichsweise glimpflich aus: Deniz E. und Roman K. 10 Jahre Haft (Höchststrafe), Sessen K. neun Jahre, Kajetan M., wegen Strafvereitelung, drei Jahre und drei Monate.

Noch sitzt Deniz E. in Heimsheim. Die Zustimmung zu einer psychiatrischen Behandlung soll er verweigert haben. Zudem hatte er zunächst gegen die Abschiebung in die Türkei geklagt, die ihm für den Fall seiner (vorzeitigen) Haftentlassung drohte. Im Dezember 2012 teilte das Leipziger Bundesverwaltungsgericht jedoch mit, der Verurteilte habe sich neuerdings mit der Abschiebung einverstanden erklärt. Das dürften die Schneiders mit Erleichterung aufgenommen haben. Die Dauer der „Verbannung“ ist auf 10 Jahre festgelegt worden.

Habe ich die HeidelbergCement zu Unrecht ins Spiel gebracht? Der steinreiche Adolf Merckle ist bekanntlich inzwischen, wie oben angedeutet, aus dem Unternehmen und dem Leben ausgestiegen, weil er sich bei seinen milliardenträchtigen Schachzügen verspekuliert hatte. Im Tatjahr 2007 war HeidelbergCement, nach der Übernahme von Hanson, der größte Zuschlagstoff- und der viertgrößte Zementhersteller weltweit geworden. Umsatz und Überschuß 2011: 12,9 Milliarden und 534 Millionen Euro. Spätestens dadurch waren die 252 Millionen wieder im Sack, die dem Unternehmen 2004 als Geldbuße wegen einiger Verstöße gegen das Kartellgesetz zugemutet worden waren. Ab 1990 expandierte es vor allem nach Ostasien. Auch in Afrika hat es ein paar Zehen auf dem Boden, wenn auch nicht gerade in Eritrea. 2010 – Merckle hatte sich bereits verabschiedet – kam das Unternehmen, bislang folgenlos, wegen seiner Ausbeutung von Bodenschätzen im israelisch besetzten Westjordan-land ins Gerede. Erst stiehlt Israel den Palästinensern das Land, dann Heidelberg den Gehalt des Landes. Die weltweite Verästelung des Multis ist kaum überschaubar. Das gleiche gilt für die verheerenden Auswirkungen seiner Geschäftstätigkeit auf diverse Belegschaften, Völker und ganze Erdteile. Eben darin liegt der Vorteil, wenn einer seine Brutalität nicht mit einem Baseballschläger ausübt. Sicherlich geht es mit Schußwaffen bequemer. Nach Berechnungen von böswilligen, außerschwäbischen BeobachterInnen werden mit Waffen der Firma Heckler & Koch aus Oberndorf am Neckar Stunde für Stunde weltweit vier Menschen erschossen. Wenn da bei jedem Schuß ein Schwabe vor Entsetzen einen Herzstillstand erlitte, wäre Baden-Württemberg bald frei.

* Vom Wert des Lebens: Die Ermordung unseres Sohnes Yvan: Der „Betonmord“: Verhandelt! Verurteilt! Vergessen? Zeichen setzen gegen Jugendgewalt


178 - Yang Jia

Das Wesentliche, was die VR China von den Errungen-schaften des Kommunismus, besser: Staatssozialismus, in den Kapitalismus hinübergerettet hat, ist die Todesstrafe. In einem sage und schreibe einstündigem Prozeß vor dem Shanghaier Mittleren Volksgericht Nr. 2 – der wegen der sogenannten Olympischen Sommerspiele etwas vertagt worden war, es hätte nicht gut ausgesehen – ereilte sie am 27. August 2008 den 28jährigen angeblichen mehrfachen Mörder Yang Jia, ein arbeitsloser Pekinger Bürger. Drei Monate darauf, nach vergeblicher Berufung, wurde er mittels Giftspritze hingerichtet.

Yang, der als Einzelgänger, vielleicht auch Stadtstreicher beschrieben wird, war schon einmal bei einem Shanghai-Besuch zu unrecht eingesperrt und dabei auch mißhandelt worden. Dann, bei seinem jüngsten Besuch im Oktober 2007, verdächtigte ihn die Shanghaier Polizei, er habe beabsichtigt, das von ihm gemietete Fahrrad zu stehlen, was sie ihm freilich nicht beweisen konnte. Möglicherweise wurde er auf der Polizeiwache erneut mißhandelt. Nun soll Yang, nach offizieller Darstellung, vor Wut gekocht und auf Vergeltung gesonnen haben. Es dauerte bis zum Vormittag des 1. Juli 2008, also acht Monate, bis er zu allem entschlossen wieder aufgetaucht sei. Jetzt habe er unter Zurhilfenahme von Molotow-Cocktails das Polizeihaupt-quartier im Shanghaier Vorort Zhabei gestürmt und in dem 20stöckigen Gebäude innerhalb von fünf Minuten neun unbewaffnete Polizisten niedergestochen, von denen sechs starben. Also ein typischer Amoklauf. Zu allem Unglück geschah es auch noch am Jahrestag der Gründung der KPC. Also eine Vaterlandsschändung.

Allerdings konnten verschiedene in- und ausländische Journalisten oder BloggerInnen auf etliche Ungereimt-heiten hinweisen, die die ganze Geschichte in zweifelhaftes Licht tauchen. Einige Belege dafür führt die deutschspra-chige Wikipedia an. Danach reichte die Tatzeit niemals aus, um diese über die Etagen verstreuten neun Polizisten zu verletzen. Dafür war Yang unverletzt, obwohl verschiedene Polizisten mit ihm gekämpft haben wollten. Weiter zeigt die Videoaufnahme der im Erdgeschoß verübten Attacken einen maskierten Täter – und zudem eine Zeit, die nach der offiziellen Tatzeit liegt. Und schließlich stellte sich von Yangs „Verteidiger“ heraus, daß er schon vorher auch als Berater der Verwaltung des betroffenen Stadtbezirks Zhabei tätig war. Wie Zhang Hong nach dem Urteil im Guardian schrieb*, wäre Yangs Pekinger Mutter, seit langem geschieden, wahrscheinlich die einzige gewesen, die ihm zu einem anderen Rechts-anwalt und diesem zu entlastenden Informationen hätte verhelfen können, doch die Mutter sei leider plötzlich verschwunden. Nicht wenige glaubten, auch dahinter hätten die durch und durch korrupten Behörden gesteckt.

Die Empörung im Internet war vergleichsweise groß. Wie es aussah, hatten viele Chinesen schon ähnliche Erfah-rungen mit Polizei und Justiz gemacht. Jedenfalls trauten sie den Behörden eine rücksichtslose Vertuschung eigener Vergehen und Verbrechen zu. Die Wut des Yang konnten viele selbst unter der Voraussetzung nachvollziehen, er habe an jenem Tag tatsächlich sechs Polizisten umgebracht. Es gab auch kleinere Demonstrationen (mit Verhaftungen) und Gedenkveranstaltungen. Ob aber heute noch ein Hahn nach dem Hingerichteten kräht? Leider ist er ja nicht der einzige. Amnesty International schätzt allein für 2011 mehrere Tausend Hingerichtete für die VR China. Die Regierung verweigert genaue Angaben. In jedem Fall liegt China damit in der weltweiten Statistik mit krassem Abstand auf dem ersten Rang. Die USA folgen erst auf Rang 5.

Ich will nicht verschweigen, daß die meisten Chinesen, Presseberichten zufolge, das Todesurteil gegen Yang durchaus billigten, wenn nicht gar begrüßten. Auch inso-fern kann man sich demnach als westlicher Beobachter ganz wie zu Hause fühlen. Recht bezeichnend für den herzlosen Zustand der zivilisierten Länder, in denen man heutzutage leben muß, ist auch ein noch jüngerer chinesischer Vorfall. In einer Gasse der Millionenstadt Foshan (Provinz Guangdong, Südchina) wurde am Nachmittag des 13. Oktober 2011 die zweijährige Yue Yue von einem Auto überfahren. Das Kind blieb blutend auf der belebten Gasse liegen. Eine Minute später kam noch ein Kleinlaster, der es ebenfalls überfuhr. Beide Fahrer hielten nicht an. Zufällig wurde das Geschehen beziehungsweise Nichtgeschehen von der Überwachungs-kamera einer Eisenwarenhandlung aufgezeichnet. Danach waren es in rund sieben Minuten außerdem mindestens 18 Passanten, die dem Verkehrsopfer keine Hilfe leisteten. Es mußte erst eine 57jährige Müllsammlerin kommen, die sich um Yue Yue kümmerte. Doch das Mädchen starb am 21. Oktober 2011 im Krankenhaus.

Immerhin rief der Vorfall heftige Diskussionen in der chinesischen Öffentlichkeit hervor. Selbstverständlich ist er weder typisch chinesisch noch brandneu. Trotzdem drängt sich die Frage auf, was das eigentlich für ein Gesellschaftssystem gewesen sein soll, das die Leute angeblich 50 Jahre lang „kommunistisch“ prägte, aber so gut wie keine entsprechenden Spuren hinterließ – keine Spuren jenes „Mitgefühls“, das etwa die Schriftstellerin Xiao Hong in den vorkommunistischen Zeiten vermißt hatte; keine Spuren dessen, was man in der DDR als „Solidarität“ hochgehalten hatte, sogar nicht nur auf Spruchbändern ...

* 5. September 2008


179 - Alexandros Grigoropoulos

Der griechische Schüler zählt zu den wenigen Todesopfern staatlicher Gewalt, deren unmittelbare Mörder nicht mit einem blauen Auge davongekommen sind. Er starb mit 15. Er war im Dezember 2008 mit einigen Tausend anderen Gegnern der sogenannten „Globalisierung“ und deren verheerenden Folgen für die griechische Volkswirtschaft im Athener Stadtteil Exarcheia auf die Straße gegangen – bei diesem Protest wurde er erschossen. Damit konnte das übliche Abwiegeln und Verleumden seitens der staatstragenden Kräfte beginnen. Was die beteiligten Polizeibeamten betrifft, beteuerten sie noch vor Gericht, sie seien mit Steinen und Flaschen beworfen worden und hätten nur Warnschüsse abgegeben. Den 15jährigen hätte es dummerweise durch einen Querschläger erwischt. Jedoch, das Wunder geschah: Im Oktober 2010 wurde der Polizist Epameinondas Korkoneas wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt, was bedeudet, das Gericht billigte ihm noch nicht einmal mildernden Umstände zu. Er habe „mit unmittelbarem Vorsatz“ gehandelt, nämlich, entgegen eines Rückzugsbefehles aus der Einsatzzentrale, „in ruhiger Verfassung“ seine Pistole gezogen und zwei Schüsse auf Grigoropoulos abgegeben. Ein zweiter Polizist, Vassilis Saraliotis, bekam wegen Mittäterschaft 10 Jahre. Das Klima der Aufhetzung durch Vorgesetzte, PolitikerInnen, Medien stand freilich nicht zur Debatte. Wie zu erwarten, hatten die tödlichen Schüsse in jenem Winter zu einer erheblichen Ausweitung der „Unruhen“ geführt. Es kam aber leider nicht zur Abschaffung der Polizei oder wenigstens dem Landesverweis aller Agenten der Weltbank und der Europäischen Zentralbank. Deshalb ist Griechenland eine heiße Gegend geblieben.


180 - Sergei Leonidowitsch Magnitski

Dmitri Kratow hat seine Schäfchen ins Trockene bekom-men. Wie Ende 2012 in der deutschen Presse zu lesen ist*, trifft den Vizechef des Moskauer Untersuchungsgefäng-nisses Butyrka keine Schuld am elenden Tod des Rechtsanwaltes, Steuerberaters und Familienvaters Sergei L. Magnitski. Man hatte den 37jährigen Häftling am 16. November 2009 auf dem von Fäkalien und Urin überschwemmten Fußboden seiner Isolationszelle ausgestreckt gefunden. Es war ein „Herzinfarkt“. Kratow wurde freigesprochen. Eine Autopsie hatten die Vollzugsbehörden damals für überflüssig gehalten – wohl weil einem die Spuren von Verweigerung ärztlichen Beistandes und von Mißhandlungen während der nahezu einjährigen U-Haft Magnitskis sowieso ins Gesicht sprangen. In wenigen Tagen hätte der Häftling angeklagt oder entlassen werden müssen. Dann hätte er, als ehemaliger Rechtsbeistand des US-Investmentunterneh-mens Hermitage Capital, womöglich weitere Beweise dafür vorgelegt, daß die russischen SteuerzahlerInnen 2007/08 von ausgefuchsten Wirtschaftskriminellen im Verein mit einigen Moskauer Finanzbeamten und Funktionären des Innenministeriums, darunter der Oberstleutnant Artjom Konstantinowitsch Kusnezow, in einem Fischzug um rund 230 Millionen US-Dollar erleichtert worden waren.

Als Magnitski dies in Eingaben vorgebracht hatte, griff Kusnezow zur üblichen Methode des Spießumkehrens: er bezichtigte Magnitski seinerseits der „Steuerhinterzie-hung“, lobte „Fluchtgefahr“ aus und brachte ihn sofort hinter Schloß und Riegel. Magnitskis zahllose Beschwerdebriefe über seine rechtswidrige und menschenunwürdige Unterbringung an ähnlich viele Behörden blieben unbeantwortet. „Untersuchungen“, die der damalige russische Präsident Medwedew schließlich in Magnitskis Todesmonat November 2009 anordnete, verliefen weitgehendst im Sande. Immerhin sagten in diesem Rahmen zwei Gefängnisärzte aus, sie hätten sich auf Verlangen des Ermittlers Oleg Siltschenko gehütet, dem ernsthaft erkrankten Häftling Beistand zu geben, doch man schenkte ihnen keinen Glauben. Von den Finanzbeamten, die – ein Novum – binnen eines Tages einer Scheinfirma eine von ihr beantragte Steuerrück-zahlung von 230 Millionen Dollar gewährt und ausgezahlt hatten, ist zu hören, sie seien in den folgenden Wochen bei ungewöhnlich hohen privaten Ausgaben beobachtet worden, für Häuser, Autos und dergleichen. Jerome Taylor vom Independent zufolge wurden inzwischen einige der am Betrugs- oder Todesfall Beteiligten befördert – statt bestraft.** Ähnlich grotesk verfährt man neuerdings mit dem Toten: nachdem die russische Justiz die Ermittlungen zu seinem Ableben im Frühjahr 2013 endgültig einstellte, leitete sie „ein posthumes Gerichtsverfahren wegen mutmaßlicher Steuerhinterziehung“ ein – gegen Magnitski!*** Der soll übrigens noch kurz vor seinem Tode einem Reporter von Businessweek gegenüber von einem weiteren Fischzug über 100 Millionen Dollar nach derselben Methode gesprochen haben. Kurz und schlecht, er wußte zuviel. Einige US-Journalisten fühlten sich glatt an watergate erinnert.

Stanilslaw Jurjewitsch Markelow, bekennender Sozialdemokrat, war ebenfalls Anwalt. Er hatte sich vor allem für regimekritische Journalisten sowie Verfolgte aus Tschetschenien eingesetzt und sich dafür wiederholt Drohungen und eine Zusammenschlagung in der Moskauer U-Bahn im April 2004 eingehandelt. Endgültig erwischte es Markelow 10 Monate vor Magnitski. Er hatte zuletzt vergeblich gegen die Absicht der Behörden gekämpft, den russischen Armee-Obersten Juri Budanow, der wegen Mordes an einer Tschetschenin zu 10 Jahren Haft verurteilt worden war, vorzeitig zu entlassen. Der Offizier hatte die 18jährige Cheda (Elsa) Kungajewa im März 2000 aus der elterlichen Wohnung (bei Grosny) in sein Zelt verschleppen lassen, um sie angeblich zu vernehmen, in Wahrheit jedoch zu vergewaltigen und zu erdrosseln. Im Sommer 2003 verurteilt, kam Budanow am 15. Januar 2009 schon wieder frei. Vier Tage später kündigte Markelow auf einer Pressekonferenz an, er gedenke auch gegen die erfolgte Haftentlassung vorzu-gehen. Nach dieser Konferenz wurde der 34jährige Anwalt mitten in der belebten Moskauer Innenstadt auf offener Straße erschossen. Dabei kam auch die mit Markelow befreundete, ähnlich gesinnte 25jährige Journalistin der Nowaja Gaseta Anastassija Eduardowna Baburowa ums Leben.

Immerhin wurden die beiden TäterInnen, der 29jährige Nikita Tikhonov und die 24jährige Eugenia Khasis, bald darauf gefaßt und im April 2011 zu langen Haftstrafen verurteilt. Sie sollen einer neofaschistischen Gruppe angehört haben, der Markelows Wirken naturgemäß ein Dorn im Auge war. Sowohl unter den Geschworenen wie im Umkreis der Nowaja Gaseta wurden allerdings, nicht zuletzt aufgrund des für rechtsradikale Gruppen ungewöhnlich professionellen Tathergangs, Drahtzieher-Innen aus dem staatlichen Sicherheitsapparat vermutet. Die 1993 gegründete „Neue Zeitung“ ist ein bekanntes, dreimal wöchentlich erscheinendes „investigatives“ russisches Blatt. Angeblich gehört es zu 49 Prozent dem Oligarchen Alexander Lebedew und dem großen Freund der USA Michail Gorbatschow, zu 51 Prozent aber noch immer dem Redaktionskollektiv. Dieses lebt gefährlich. Baburowa eingeschlossen, sind seit 2000 schon acht MitarbeiterInnen der Nowaja Gaseta getötet oder schwer verletzt worden. Unter den Toten die (im Ausland) vielfach ausgezeichnete 48 Jahre alte Anna Politkowskaja, erschossen in Moskau 2006. Sie hatte auch über den Mord an Kungajewa geschrieben.

Der in der russischen Republik Dagestan (Kaukasus/Kas-pisches Meer) aufgewachsene regimekritische Journalist Abdulmalik Achmedilow, geboren 1975 oder 1976, war leitend in verschiedenen awarischen Blättern tätig. Er warf den russischen und dagestanischen Militärs oder Behörden vor, jede abweichende Meinung unter dem Deckmantel des Antiterrorkampfes brutal zu verfolgen. 2006 praktizierte er im Berliner Büro der SPD-Bundestagsabgeordneten Margit Wetzel. 2009 wurde er nahe der dagestanischen Hauptstadt Machatschkala erschossen aufgefunden. Der mutmaßliche Mord ist bislang unaufgeklärt. Es wird freilich allgemein vermutet, der ungefähr 34jährige sei aus politischen Gründen ermordet worden. Dieselbe Annahme dürfte sich im Falle der weißrussischen 45jährigen Journalistin Weranika Tscharkassawa empfehlen, die u.a. über Minderheiten und Waffenhandel geschrieben hatte. Sie war bereits am 20. Oktober 2004 mit zahlreichen Messerstichen in ihrer Minsker Wohnung getötet worden. Die Ermittlungen wurden nach knapp zwei Jahren eingestellt, da es angeblich an Verdächtigen mangelte.

Allein im Kaukasus, wo Fanatismus und Korruption schon besser als der Riesen-Bärenklau gedeihen, hagelt es Jahr für Jahr politische Morde. Zu den jüngsten Opfern zählt der 28jährige Nachrichtensprecher des staatlichen, russisch gelenkten Fernsehkanals WGTRK, Kasbek Gekkijew, der keineswegs ein „investigativer“ Journalist war, wie betont wird. Zeugin seiner Ermordung am 5. Dezember 2012 in Naltschik, der Hauptstadt der russischen Teilrepublik Kabardino-Balkarien, wurde eine Freundin, die sich unmittelbar vor der Tat auf einer Straße mit ihm unterhalten hatte. Nach ihrer Aussage hatten ihn Unbekannte gefragt, ob er Gekkijew, der bekannte Nachrichtensprecher sei. Als er das bejahte, wurde er mit drei Schüssen in den Kopf getötet. Die TäterInnen verschwanden, angeblich spurlos. Vielleicht hatte Gekkijew etwas verlesen, das ihnen nicht genehm gewesen war. Oder denen, die für ihr Entkommen sorgten.

* Bericht der süddeutschen.de vom 28. Dezember 2012
** 16. November 2011
*** Bericht der süddeutschen.de vom 19. März 2013



181 - Marian Cozma

Dem rumänischen Handballnationalspieler, geboren 1982, half es nicht, daß er immerhin 2 Meter 11 maß. Er war zuletzt beim ungarischen Club MKB Veszprém unter Vertrag. Im Februar 2009 wurde der 26jährige Hüne mitsamt seinen Mannschaftskameraden Žarko Šešum und Ivan Pešić just in einer Veszprémer Diskothek in eine gewalttätige Auseinandersetzung verwickelt. Dabei fuhr Cozma ein Messer ins Herz. Er starb noch am selben Tag im Krankenhaus. Zudem waren die genannten Kameraden schwer verletzt worden. Die Anteilnahme in beiden Ländern war überwältigend. Die Täter, aus Unterwelt-kreisen stammend, erhielten 2011 hohe Haftstrafen. Auslöser des Blutbads sollen Pöbeleien gegen die Geliebte des Getöteten gewesen sein. Wahrscheinlich war auch Fremdenhaß im Spiel.

Cozma war noch nicht auf der Welt, als der Torhüter des damals führenden ghanaischen Fußballclubs Asante Kotoko, Robert Mensah, mit 32 Jahren ebenfalls einem Kneipenstreit zum Opfer fiel. Ihn traf die zerbrochene Flasche seines Widersachers Ende Oktober 1971 vor der Credo Bar in Tema so brutal im Bauch, daß seine Gedärme herausquollen. Der vierfache Vater starb kurz darauf im Krankenhaus. Der Täter, ein 31jähriger Elektriker, bekam acht Jahre Haft mit Zwangsarbeit. 2003 wurde das Fußballstadion der Großstadt Cape Coast nach dem Opfer benannt.

2009, als Cozma getötet worden war, nutzte Israel die Gelegenheit seines x-ten Waffengangs gegen den unablässig Raketen speienden Gazastreifen dazu, gleich auch die furchterregende palästinensische Fußballnatio-nalmannschaft zu schwächen. Deren Angehörige Ayman Alkurd (34), Shadi Sbakhe (27) und Wajeh Moshtahe (24) wurden um den 13. Januar 2009 herum innerhalb von 72 Stunden jeweils in ihren bombardierten Wohnhäusern getötet. Im selben Aufwasch wurde das Fußballstadion in Rafah-Stadt schwer beschädigt. Jetzt können es die Palästinenser nicht mehr als KZ mißbrauchen.


182 - Hermila García Quiñones

Ende November 2010 wurde der Wagen, mit dem sie zum Dienst fuhr, auf einer Straße bei Meoqui, Chihuahua, von bewaffneten Unbekannten gestoppt. Sie zwangen die 38jährige Beamtin auszusteigen und erschossen sie. Die TäterInnen wurden verständlicherweise in dem einen oder anderen Drogenkartell vermutet. Die gelernte Rechtsan-wältin war erst wenige Wochen vorher, am 9. Oktober, zur Polizeichefin der Stadt Meoqui ernannt worden – die erste Mexikanerin in einer solchen Position. Eine Leibgarde, selbst eine Schußwaffe soll García abgelehnt haben. Immerhin war sie unverheiratet und kinderlos geblieben, vielleicht wohlweislich. Genau zwei Jahre darauf wurde auch ihr Nachfolger José Guadalupe Alvarez Roelo (um 40) erschossen, beim Verlassen eines Supermarktes. Ahndungen dieser Morde sind mir nicht bekannt.

Wie man sich denken kann, stehen drogenfeindliche mexikanische Journalisten gleichfalls stets mit einem Bein im Grab. Ich erwähne stellvertretend Francisco Ortiz Franco, der Kinder hatte. Der 50jährige Mitgründer des Wochenblatts Zeta aus Tijuana, Baja California, das häufig über den Drogenhandel berichtete und bereits früher Tote zu beklagen hatte, war Ende Juni 2004 nach einem Klinikbesuch in Tijuana gerade in sein Auto gestiegen, als ihn maskierte Bewaffnete aus ihrem eigenen Wagen heraus durch vier Schüsse am Steuer niederstreckten. Er starb noch am Tatort. Die Kinder des vollbärtigen und kraushaarigen Zeta-Redakteurs, ein 9jähriger Junge und ein 11jähriges Mädchen, waren Zeugen dieses Mordes, denn mit ihnen war Ortiz in der Klinik gewesen. Vermutlich kamen sie, aufgrund ihres Schocks, gleich wieder hinein. Es gab einige Verdächtige, vor allem aus dem Mitarbeiterkreis des einheimischen Arellano-Félix-Kartells, doch soweit ich feststellen konnte, erfolgten bis heute weder Verhaftungen noch Anklagen.

Die brasilianische Richterin Patricia Acioli hatte langes dunkles Haar und „eine harte Hand“, wie es heißt. Ihre schonungslosen Urteile trafen vornehmlich Drogenhänd-ler, Verbrecherbanden, korrupte Polizisten. Bevor sie selber erledigt wurde, soll sie mehr als 60 Polizisten zu langen Gefängnisstrafen verurteilt haben, die meisten davon wegen Mordes. Allein in den brasilianischen Metropolen fallen Jahr für Jahr pro Hunderttausend Einwohnern im Schnitt 40 bis 50 Opfer von Tötungs-delikten an, während Deutschlands Statistik „lediglich“ ein solches Opfer zu verbuchen hat. Die meisten werden erschossen. 2010 zählte zum Beispiel Rio de Janeiro (6,5 Millionen EinwohnerInnen) knapp 5.000 Getötete – eine Kleinstadt aus gemordeten Leichen in der Riesenstadt. In ganz Brasilien sind es jährlich mindestens 55.000 – das kommt bereits der Einwohnerzahl von Weimar nahe. Die Mordaufklärungsrate soll ausgesprochen niedrig sein. Die 47jährige Richterin Acioli wohnte mit Ehemann und drei Kindern just bei Rio im beliebten Küstenort Piratininga. Dort wurde sie Mitte August 2011 vor ihrer Haustür, als sie gerade in ihrem silbergrauen Kleinwagen von der Arbeit zurückkam, noch am Lenkrad von mehreren maskierten Motorradfahrern erschossen. Einen Personenschützer hatte sie, trotz etlicher Morddrohungen, erst unlängst wieder abgelehnt. Sie mißtraue dem vorgesehenen Beamten zutiefst, soll sie dem dafür zuständigen Bundes-gerichtshof geschrieben haben.* Vermutlich lag sie damit nicht schief, denn ihre Mörder stellten sich ebenfalls als Polizisten heraus. Acioli hatte eben erst einen Haftbefehl gegen die drei Beamten ausgestellt, die nun die Ermittlungen gegen sich selbst mit einem Kugelhagel zu vereiteln suchten. Sie bekamen im Januar 2013 hohe Haftstrafen.

* Tagesspiegel, 22. August 2011


183 - Chalid Muhammad Saʿid

Die Untat gegen den 28jährigen ägyptischen Blogger trug wesentlich zur Anheizung der Aufstände gegen das Notstandsregime des Präsidenten Mubarak bei. Said war im Juni 2010 in Alexandrien am hellichten Tage von Geheimpolizisten aus einem Internetcafe gezerrt und noch auf der Straße zu Tode mißhandelt worden. Vor unlieb-samen Zeugen hatten sie offensichtlich keine Angst. Sie wähnten sich, wie überall in Ägypten, unantastbar. Sie besaßen sogar die Stirn, ihr lebloses Opfer zunächst auf die Wache Sidigaber, dann jedoch zum Tatort zurückzubrin-gen. Hier warfen sie Saids Leiche in den Hauseingang, wo sie ihn vor einer Viertelstunde totgeschlagen und -getreten hatten. Aufgrund verschiedener Beweismittel, die im Internet kursierten, und weltweiter Proteste sah sich die Regierung gezwungen, zwei Beamte vor Gericht zu stellen und im Oktober des Jahres wegen „Totschlags im Amt“ zu sieben Jahren Gefängnis zu verurteilen. Saids Mutter Leila Marzuk war von der Milde des Urteils entsetzt. Andere Verantwortliche, darunter befehlsgebende Polizeioffiziere und ein Gerichtsmediziner, blieben völlig ungeschoren. Vom Opfer heißt es, Said habe früh seinen Vater verloren und sei studierter Programmierer, daneben Musiklieb-haber gewesen. Die Polizei soll ihn im Visier gehabt haben, weil er in seinem Blog ein Video präsentierte, das Poli-zisten beim Aufteilen einer Beute aus beschlagnahmten Drogen zeigte. Sie bemühte sich ihrerseits, Said als Drogensüchtigen oder gar Drogenhändler hinzustellen, fälschte entsprechende „Beweise“, kam damit aber nicht durch. Einen Verdächtigen dieser Unart hätten die „Sicherheitskräfte“ vermutlich völlig straflos totschlagen dürfen.


184 - Emeka Okoronkwo

Zivilcourage ist löblich, aber nicht ungefährlich. Emeka Okoronkwo aus Nigeria lebte seit 13 Jahren in Hessen, wo er sich zuletzt beim Kolping-Bildungswerk auf eine Ausbildung zum Restaurantfachmann vorbereitet hatte. Am frühen Morgen des 2. Mai 2010 beging der 20jährige den Fehler, sich an einer Straßenbahnhaltestelle im Frankfurter Bahnhofsviertel schützend vor zwei Frauen zu stellen, die gerade aus der Salsa-Diskothek Chango gekommen waren. Zwei Männer hatten sie „mit obszönen Worten angemacht“, wie die FAZ sich in ihrem Prozeßbe-richt ausdrückte. Sämtliche Beteiligten waren dunkelhäu-tig. Durch Okoronkwos Eingreifen entstand eine Schlägerei, bei dem ihm einer der Machos ein Messer in die Brust stach. Daran starb der beherzte Afrikaner noch am selben Tag in einem Frankfurter Krankenhaus. Eine Woche später fand im Dreieicher Jugendzentrum Benzstraße, wo Okoronkwo als stets hilfsbereit und fröhlich bekannt und beliebt gewesen war, eine Gedenkfeier im Beisein von Bürgermeister Dieter Zimmer und Bose Euphemia Bardian Okoronkwo statt, der Mutter des Getöteten. Auch der 34 Jahre alte Täter kam aus Dreieich, das am Südrand der Mainmetropole liegt. Er wurde rasch gefaßt und 2011 vor das Frankfurter Landgericht gestellt. Richterin Bärbel Stock sprach dem zur Tatzeit angetrunkenen Gelegenheitsarbeiter eine angebliche „Notwehrsituation“ ausdrücklich ab und verurteilte ihn, wegen Totschlags, zu neuneinhalb Jahren Haft. Übrigens war ihm 2005 die Frau gestorben. Zwei Kinder kamen in Pflegefamilien.


185 - Mark Duggan

Sein Tod löste die mit Brandstiftungen und Plünderungen verbundenen Unruhen aus, die im August 2011 für Tage zunächst London, dann auch noch einige andere britische Städte erschütterten. Der aus der Drogenszene bekannte 29jährige dunkelhäutige Duggan wurde am 4. August im Londoner Elendsbezirk Tottenham beim Versuch der Polizei erschossen, ihn nach dem Stoppen seines Taxis festzunehmen. Die Behörden äußerten sich wie üblich: der zu Fuß flüchtende Ganove habe zuerst geschossen. Das schienen etliche Leute aus dem Quartier anders zu sehen, denn zwei Tage darauf fanden sich rund 200 Personen vor dem betreffenden Polizeirevier ein, um eine Aufklärung des Falles zu fordern. Die Polizei wiegelte ab, die Menge schwoll an, und der Protest eskalierte. Wenige Tage später sah sich die für Einsätze mit Schußwaffengebrauch zuständige Kommission IPCC gezwungen einzuräumen, es gebe keine Beweise für einen Schußwechsel zwischen Duggan und den Fahndern. Die anfängliche gegenteilige Verlautbarung der Presse gegenüber beruhe auf einem Versehen. Da waren freilich zwischen London und Manchester schon soundso viele Autos und Supermärkte ausgebrannt, ohne daß Duggan wieder lebendig geworden wäre.

Später war in einigen britischen Blättern zu lesen, die Waffe, die Duggan mutmaßlich kurz vor seinem Tod erworben hatte, sei nach dem angeblichen Schußwechsel abseits des Taxis am Rand der Straße gefunden worden. Sie habe noch in einer Socke und in einem Schuhkarton gesteckt und sei nicht abgefeuert worden. Vorher war diese Waffe in der Presse gern so dick und rauchend wie möglich herausgestrichen worden. Aber solche Ungereimtheiten fochten eine 10köpfige Jury nicht an, die Anfang 2014 nach einer 8:2-Abstimmung im Londoner High Court vor der Presse verkündete, der uniformierte Schütze habe in Notwehr gehandelt, da er den aus dem Taxi kletternden Duggan bewaffnet glaubte. Somit seien seine Schüsse auf diesen rechtmäßig gewesen. Damit löste sie selber, die Jury, zwar keine neuen Krawalle in Großbritannien, jedoch „Entsetzen“ aus, wie es in der Frankfurter Rundschau heißt.* Während die Anwältin der Familie Duggans spontan von einem „perversen“ Urteil sprach, rief seine Tante Caroline einige Tage später zur Besonnenheit auf. Mark sei nie ein „Gangster“ gewesen, und man werde weiter den Rechtsweg gehen.

Die Kürze des öffentlichen Gedächtnisses, das „gewalt-tätige Ausschreitungen“ nie „fassen“ kann, leuchtet auch aus der Tatsache hervor, daß schon 1985 just in Tottenham vier Polizeibeamte die Wohnung der 49jährigen Schwarzen Cynthia Jarrett gestürmt hatten – die dabei umkam, angeblich durch einen Herzinfarkt. Auch darauf erfolgten empörte Demonstrationen – bei denen der Polizist Keith Blakelock getötet wurde. Jedoch: die drei Männer, die 1987 für diesen „Mord“ an einem Polizisten verurteilt worden waren, mußten vier Jahre später wieder freigelassen werden, weil die Polizei Verhörprotokolle nachträglich gefälscht hatte. Auch Jarretts Tod bei jenem Polizeieinsatz wurde nie aufgeklärt.

* 11. Januar 2014


186 - Tore Eikeland

2009, mit 19 Jahren, hatte es der norwegische Student der Politikwissenschaft in Bergen bereits zum Chef des AUF, des sozialdemokratischen Jugendverbandes, in der Provinz Hordaland gebracht. Er galt als zukunftsträchtiger Nachwuchspolitiker, nicht zuletzt wegen seiner rheto-rischen Fähigkeiten – und auf die Kunst des Überredens kommt es in jedem nichtmilitärischen Management schließlich an. Der Spiegel bewundernd: „Auf Parteitagen lagen ihm die jungen Sozialdemokraten zu Füßen.“ Diese Karriere wurde im Juli 2011 auf der Insel Utøya im Tyrifjord geradezu abgehackt, zählte der 21jährige Eikeland doch zu den 69 vorwiegend jugendlichen Opfern, die der Rechtsradikale Anders Behring Breivik (32) im traditionellen Sommerzeltlager des AUF erschoß. Breivik, zuvor schon in der 30 Kilometer entfernten Hauptstadt Oslo als Bombenleger Mörder von acht Menschen, war in Polizeiuniform auf der Insel erschienen, hatte die Jugendlichen unter einem Vorwand zusammengerufen und dann gnadenlos das Feuer eröffnet. Er wurde ein Jahr darauf wegen 77fachen Mordes zu 21 Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt.


187 - Irene N.

Der gebürtige Marokkaner und „Langzeitarbeitslose“ Ahmed S. (52) kochte am 26. September 2012 bereits vor Wut, ehe er im einstigen Arbeitsamt von Neuss die Verkörperungen der neuen Namen „Arbeitsagentur“, „Jobcenter“ oder „CTP (Come Together Point)“ überhaupt auf sich hatte wirken lassen. Nun suchte er vergeblich nach einem bestimmten Mitarbeiter, den er wegen eines Schriftstücks zur Rede stellen wollte, bei dem er nur Bahnhof verstanden hatte. Er befürchtete Datenmiß-brauch. Durch den Mißerfolg seiner Suche noch wütender geworden, betrat er ersatzweise ein Zimmer der Abteilung Visionen 50plus – ungelogen. Die 32jährige Sachbear-beiterin Irene N. hatte das Pech, daß es ihr Zimmer war. Nach kurzem Streit zog S. ein langes Fleischermesser aus seiner Kleidung und stach auf die Frau ein. Sie starb kurz darauf im Krankenhaus. Das Pech dieser Lückenbüßerin war das Glück jenes Kollegen, den der aufgebrachte S. nicht gefunden hatte. Nun war dieser sofort geständig. Da er von der Eingangstür an zwei Messer mit sich geführt hatte, verurteilte ihn das Düsseldorfer Landgericht im April 2013 wegen Mordes zu Lebenslänglich.

Ein befreundeter Bibliothekar, den seine „Arbeitsagentur“ eine Zeitlang als „Ich-AG“ führte und anschließend als „schwer vermittelbar“ einstufte, versicherte mir, für sein Empfinden seien das am schwersten Vermittelbare aller jüngeren „Reformen“ des immerselben Kapitalismus die neuen Bezeichnungen, die er für abgrundtief verlogen, verhöhnend und entwürdigend halte.


188 - Daniel Zamudio Vera

Der 24jährige hübsche Mann aus San Bernardo bei Santiago de Chile arbeitete als Verkäufer in einem chinesischen Bekleidungsgeschäft. Er machte aus seiner Homosexualität keinen Hehl. Sein Traum war es, Theaterwissenschaft zu studieren und diese Ausbildung als Dressman zu finanzieren. Aber dazu kam es nicht mehr, weil er Anfang Februar 2012 das Unglück hatte, bei einem nächtlichen Streifzug durch den hauptstädtischen Park San Borjia auf vier Neonazis im Alter zwischen 19 bis 26 Jahren zu stoßen. Nach den polizeilichen Ermittlungen folterten sie ihr Opfer geschlagene sechs Stunden lang. Eine Polizeistreife fand den schwerverletzten Zamudio gegen Morgen und brachte ihn ins Krankenhaus. Er wies unter anderem ein verstümmeltes Ohr, zwei gebrochene Beine und Brandwunden an mehreren Körperstellen auf. Einige Wochen darauf, Ende März, erlag er vor allem seinen inneren Verletzungen. Die Untat erregte in ganz Lateinamerika viel Aufsehen und Entsetzen. Sie beschleunigte auch die Debatte eines „Antidiskriminie-rungsgesetzes“ für Chile, das noch im April des Jahres verabschiedet wurde. Die mutmaßlichen Täter waren bereits Anfang März gefaßt worden. 2013 wurden sie zu einmal Lebenslänglich und drei anderen hohen Haftstrafen verurteilt. Im selben Jahr wurde in San Bernardo die Fundacion Daniel Zamudio ins Leben gerufen, die Eltern homosexueller Kinder berät und natürlich auch das Gedenken an den Toten wachhält.


189 - Jyoti Singh Pandey

In Indien haben Frauen traditionell schlechte Karten. An der Jahreswende 2012/13 kam es aber immerhin zu gewissen Unmutsstürmen, nachdem die 23jährige Schülerin der Krankengymnastik Jyoti Singh Pandey in der Hauptstad Neu Delhi geschändet, gefoltert und ermordet worden war. Sechs betrunkene Männer hatten sie am 16. Dezember in einem rollenden Privatbus mit getönten Scheiben vergewaltigt und anschließend mitsamt ihrem zusammengeschlagenen 28jährigen Begleiter A. auf eine stark befahrene Straße geworfen. Das Paar war im Kino gewesen und überfallen worden, weil sich die Betrunkenen einen Spaß machen wollten. Die junge Frau starb am Monatsende im Krankenhaus. Einer offiziellen Statistik zufolge wurden im Jahr 2011 allein für Neu Delhi 572 Vergewaltigungen gemeldet, aber die Dunkelziffer ist hoch. Viele Opfer erstatten keine Anzeige, weil sie Verleum-dungen befürchten oder weil sie Polizei und Justiz ähnliche Brutalitäten zutrauen wie ihren Peinigern – zurecht, wie auch Pandeys Fall verdeutlichte. Ihr Begleiter war später mutig (und noch lebendig) genug, um einem Fernsehsender zu erzählen, wie sich die endlich nach 45 Minuten eingetroffenen Polizisten erst einmal ausgiebig über die Revier-Zuständigkeiten gestritten hätten, während die beiden Opfer unbekleidet und teils schwerverletzt und blutüberströmt am Straßenrand lagen. Es muß eben alles seine Ordnung haben. Die Täter wurden bald darauf gestellt und im Januar 2013 angeklagt. Im März wurde der Hauptangeklagte Ram Singh (33) in seiner Zelle tot aufgefunden. Der jüngste Täter (17) kam mit einer niedrigen Haftstrafe davon. Die vier restlichen Täter wurden im September zum Tode durch Erhängen verurteilt. Aufgrund von Einsprüchen ist das Verfahren allerdings bislang unabgeschlossen.

Die Ermordung der pakistanischen Politikerin und Frauenrechtlerin Zilla Huma Usman (35) wurde bereits einen Monat nach der Tat mit einem Todesurteil geahndet – schließlich hatte sie im Punjab das Sozialministerium geleitet. Usman war im Februar 2007 bei einer Parteiver-anstaltung in Gujranwala erschossen worden, als sie, mit unbedecktem Kopf, aus ihrem Auto stieg. Attentäter Mohammed Sarwar, wahrscheinlich aus Zuhälterkreisen, machte aus seiner Frauenfeindlichkeit keinen Hehl. Ob er vielleicht eine Marionette war, kann ich nicht überprüfen. Usman hinterließ zwei Söhne.


190 - Jonny K.

Der 20jähriger Berliner Schüler mit thailändischer Mutter und deutschem Vater wurde im Oktober 2012 in den frühen Morgenstunden vor der Bar Cancun am Alexanderplatz von mehreren „südländisch“ wirkenden jungen Leuten so brutal zusammengeschlagen und -getreten, daß er einen Tag später starb. Er war mit (angetrunkenen) Freunden von einer Party gekommen. Auch in diesem Fall hatte sich aus belangloser Anpöbelei ein schließlich tödlicher Streit entsponnen. Der Totschlag ruft für Wochen – man möchte fast sagen: die üblichen Beschwörungen hervor. Im Sommer 2013 stehen alle sechs Tatverdächtigen vorm Berliner Landgericht. Da das Gericht keinen Tötungsvorsatz erkennen kann, vergibt es als Höchststrafe (an Haupttäter Onur U., wegen „gefährlicher Körperverletzung“) viereinhalb Jahre.


191 - Samia Yusuf Omar

Die thüringische Gartenhütte ohne Wasseranschluß, in der ich einige Jahre lang wohnte, wäre für sie ein Sultanpalast gewesen. Aber sie schaffte es noch nicht einmal in einen der düsteren und stickigen Blechcontainer des Flüchtlings-lagers bei Hal Far auf der Mittelmeerinsel Malta. Schon ihr Start im Jahr 1991 war ungünstig gewesen. Damals erblickte sie das Licht der Welt in einem für die meisten Einheimischen hohlgefressenen Zankapfel namens Somalia. Sie teilte sich, in Mogadischu, zwei Zimmer mit sechs Geschwistern und ihrer Mutter. Der Vater hatte bei einem Gefecht ein Bein verloren, 2006 wurde er als Insasse eines Taxis erschossen, angeblich durch „Isla-misten“. Die Mutter kam nun als Gemüseverkäuferin allein für den Unterhalt der Familie auf. Samia setzte sich in den Kopf, ihr Heil als Leichtathletin zu versuchen, und es gelang ihr in der Tat, mit 17 Jahren die Flagge Somalias bei der Eröffnung der „Olympischen Spiele“ von 2008 über die Pekinger rote Aschenbahn zu tragen. In den Vorläufen über 200 Meter schied sie immerhin mit persönlicher Bestzeit aus. Zu Hause erwarteten sie vermehrt Schikanen, weil sie kein Kopftuch getragen hatte. Armut und Kriegs-wirren tun das Ihre hinzu. Im Juli 2011 entschließt sich Samia mit anderen zur Flucht.

Jetzt ist ihr Fernziel die nächste „Olympiade“, die in London 2012. Aber vorher muß sie gewaltigen Trainings-rückstand aufholen, es eilt. Sie wirft ihre gesamten Ersparnisse, 1.000 Dollar, einer Schlepperbande in den Rachen und weiß zum Glück noch nicht, welchen Leidensweg sie antritt. Das Nahziel heißt Malta. Sie hat sich unterernährt durch Wüsten zu schleppen, gerät in die Schießereien um den Zankapfel Libyen und für vier Wochen in ein verlaustes Gefängnis, hat nachzuzahlen, wird von den wechselnden Schleppern ein ums andere Mal betrogen und wie Dreck behandelt – zuletzt erweist sich das für über 60 Leute versprochene Schiff nach Malta als sechs Meter kurzes Schlauchboot mit Außenbordmotor. Die Leute werden hineingepfercht. Es versteht sich, daß bei jeder Etappe Alte, Kranke, Kinder und Zufallsopfer auf der Strecke bleiben. Insofern hat Samia Glück. Inzwischen ist Anfang April 2012, viel trainieren kann sie bis London nicht mehr. Sie hat auch die Entbehrungen und die Rohheit im Flüchtlingsboot schon fast überstanden, als das Benzin knapp wird, weil sich ein Kanister ins Mittelmeer entleerte. Doch da taucht in Sichtweite einer Insel, die vielleicht Malta ist, ein Frachter auf, von dem trotz des starken Seegangs schließlich ein Tau hinabgeworfen wird. Kampf um das Seil, während das Boot in Richtung der Schiffschraube abdriftet. Samia hängt am Seil, aber an ihrem Knöchel hängen wiederum andere. Sie fällt mit sechs anderen Flüchtlingen unweit der Schraube ins Meer, das sich rasch blutig färbt. Samia konnte ohnehin nur rennen, schwimmen nicht. Sie war gerade 21 geworden. Alle anderen werden Oliver Zihlmann zufolge* von dem Frachtschiff gerettet – und nach Libyen zurückgebracht, wo sie irgendeine Küstenwache in irgendein Gefängnis sperrt.

Eine benachbarte Flüchtlingsinsel ist Lampedusa, das zu Italien gehört. Im November 2012 beklagte die erst kurz zuvor gewählte neue Bürgermeisterin der Stadt Lampe-dusa, Giusi Nicolini, die „unerträglichen“, leidvollen Zustände auf dieser kleinen Mittelmeerinsel, was allerdings nicht in unseren „Mainstreammedien“ zu vernehmen war.** „Wie groß muß der Friedhof auf meiner Insel noch werden? / Ich bin über die Gleichgültigkeit entrüstet, die alle angesteckt zu haben scheint; mich regt das Schweigen von Europa auf, das gerade den Friedens-nobelpreis erhalten hat, und nichts sagt, obwohl es hier ein Massaker gibt, bei dem Menschen sterben, als sei es ein Krieg.“

* Züricher SonntagsZeitung vom 23. Dezember 2012
** Hier laut Telepolis, 3. Oktober 2013



192 - Forrest Timothy Hayes

Der 51jährige Google-Manager ging im November 2013 auf seiner Yacht Escape im Hafen von Santa Cruz, Kalifornien, qualvoll an einer „allergischen Reaktion“ aufgrund einer Heroin-Einspritzung zugrunde. Allerdings setzte er sich die Überdosis nicht selbst. Dringend tatverdächtig ist vielmehr die 26 Jahre alte Alix Tichelman, gegen die im Sommer 2014 vor dem Bezirksgericht in Santa Cruz verhandelt wird. Es handelt sich bei der üppig tätowierten Frau, die bislang von einem „Unfall“ spricht, um ein sogenanntes Callgirl, mit dem der verheiratete Vater von fünf Kindern nicht zum ersten Mal zusammen war. Laut Polizeiangaben hatte er der Edelhure für jedes Treffen „Tausende von Dollars“ gezahlt. Davon abgesehen, sei sie nicht seine einzige Gespielin gewesen. Hayes lebte, sofern er zu Hause war, in einer Vier-Millionen-Dollar-Villa mit Meerblick und fuhr Porsche. Angesichts dieser Geldquelle ist das Mordmotiv, das Tichelmann geleitet haben könnte, noch unklar, aber davon abgesehen, wird sie von verschiedenen Zeugen als „eiskalt“ und „ausgesprochen hinterhältig“ beschrieben. Zu allem Überfluß argwöhnt die Polizei, zwei Monate vor Hayes Tod habe sie auch schon ihren 53 Jahre alten Ex-Freund Dean Riopelle um die Ecke gebracht, einen Nachtclubbesitzer aus Milton, Georgia. Dafür gibt es aber bislang keine Beweise, wie Die Welt betont.* Anders dagegen im Fall Hayes. Seine Yacht wies die heutzutage unverzichtbare Überwachungskamera auf, die offensichtlich auch weder von ihm noch von Tichelmann abgeschaltet oder zerstört worden war. Sie zeigte den Ermittlern deutlich, wie die schwarzmähnige Besucherin Hayes die Heroinspritze setzt. Freilich beweist das noch lange keine mörderische Absicht. In diesen Kreisen, die hoffentlich nur in einem vernachlässigbaren Ausmaß von meinen Internet-Recherchen zehren, ist starker Drogenkonsum bekanntlich gang und gäbe.

* Artikel von Michael Remke, New York, am 17. Juli 2014


193 - Wojciech S.

Die bekannte Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft unserer „Sicherheitskräfte“ kommt keineswegs allein faschi-stischen, an die richtigen Agenten geratenen Kreisen zugute. Sie kann genausogut dich oder mich treffen, etwa im schönen, waldreichen Gimmlitztal des östlichen Erzge-birges. Dort betrieb der Dresdener Kriminalhauptkommis-sar und Schriftsachverständige Detlev G. im Nebenberuf gemeinsam mit seinem Lebenspartner eine Pension, die er auch zur privaten Beziehungspflege nutzte – trotz Lebenspartner, von dem er übrigens neuerdings wieder geschieden ist. Das mit grauem Schiefer verkleidete Pensionsgebäude, früher DDR-Ferienheim, scheint recht abgeschieden an kaum befahrener Land- oder Dorfstraße zu liegen. Hier empfing und beherbergte G. im November 2013 den 59jährigen Geschäftsmann Wojciech S. aus Hannover, Inhaber einer Stellenvermittlung und zudem CDU-Kommunalpolitiker. Vor allem aber war S. seit einiger Zeit der Geliebte des zur Tatzeit 55jährigen Polizisten aus Dresden gewesen. S. starb bei diesem Aufenthalt. Andere Polizisten kamen nach Reichenau und gruben seine zerstückelte Leiche im Garten der Pension aus. Der Anwalt des inzwischen angeklagten Detlev G. behauptet, dessen Besucher und Geliebter habe wiederholt, zum Beispiel in einschlägigen Internet-Foren, seine Todessehnsucht und den Willen geäußert, sein Körper möge nach seinem Tod „geschlachtet“ werden. So habe sich S., am vermeintlichen Tattag, im Keller der Pension erhängt, worauf G. zum Messer oder zum Beil griff. Laut gerichtsmedizinischem Gutachten starb der Geliebte durch Erdrosseln, sodaß die Annahme eines Selbstmordes (Erhängen) nicht ganz abwegig ist.

Wie sich jedoch im März 2014 der MZ entnehmen läßt*, geht Oberstaatsanwalt Haase, im Gegensatz zur Vertei-digung, nicht von Suizid, vielmehr einer „vorsätzlichen Tötung“ aus. Mit dem Mordmerkmal „Befriedigung des Geschlechtstriebes“ unterstelle die Anklage demnach sexuelle Motive: Lust am Sezieren von Leichen beziehungsweise am Betrachten des Videofilmes, den G. von der Aktion drehte. Immerhin soll Haase, auf entsprechende Sensationsberichte gemünzt, betont haben, es gebe keine Hinweise auf Kannibalismus, auch wenn die Leiche nicht ganz vollständig sei. Der Fall um den Kripomann G., der von der sozialistischen Volkspolizei zum demokratischen (sächsischen) Landeskriminalamt gekommen war, scheint also angemessen knifflig zu liegen. Zu allem Überfluß zeugte G. zunächst mit einer Ehefrau zwei Kinder, bevor er sich (2002) Männern zuwandte, was sogar zu einer erneuten Heirat führte, wie bereits angedeutet. Diese gleichgeschlechtliche Ehe wurde kürzlich wieder geschieden, während G. bereits in Untersuchungshaft saß. Die Verwirrung wird noch durch G.s Aussageverhalten gesteigert. Laut MZ hatte er bei seiner Festnahme Ende November 2013 eingeräumt, ja, er habe den Gast getötet, freilich auf dessen eigenen Wunsch. Im Januar widerrief er aber Teile dieses Geständnisses.

Der Prozeß gegen G. läuft seit Ende August 2014 im Dresdener Landgericht. Pressefotos, nicht unkenntlich gemacht, zeigen einen ziemlich unscheinbaren schlanken Mann mit silbrigem schütteren Kopfhaar und unver-krampften, eher weichen Gesichtszügen. Dagegen ist von dem verstorbenen gebürtigen Warschauer S. bislang kein Bild zu gewinnen. Von seiner Ehefrau lebte er getrennt. Er habe sich jedoch um die gemeinsame, inzwischen 15jährige Tochter gekümmert, sagt die Frau vor Gericht. Von den schwulen und/oder masochistischen Neigungen ihres Gatten habe sie nie etwas bemerkt.** Anders freilich dessen Geschäftspartner Michael L. „Das alles geht schon ganz lange. Wir haben seine Computerprotokolle, kennen seine Chateinträge“, versicherte er der HAZ. Auch die ErmittlerInnen sollen aufgrund dieser Quellen den Eindruck gewonnen haben, Wojciech S. sei bereits „seit frühester Jugend von dem Gedanken getrieben“, sich umbringen und verzehren zu lassen.*** Warum, steht noch einmal auf einem ganz anderen Blatt.

* Mitteldeutsche Zeitung, 19. März 2014
** Artikel von Jens Eumann in der Chemnitzer Freien Presse,
1. September 2014
*** Artikel von Tobias Morchner in der Hannoverschen Allgemeinen, 1./4. Dezember 2013



194 - Ibrahim Al-Dawawisa

1957 schuf der oben behandelte New Yorker Komponist Marc Blitzstein eine merkwürdige „Kantate für Chor“ mit dem Titel This Is the Garden. Darin singt der Chor neben manchem anderen das Lied eines Yankee-, vielleicht auch Immigrantenboys „I'm Ten and You'll See“ – was denn werden wir sehen? Wir werden sehen, wie sich dieser 10jährige, der offenbar mit seinem ärmlichen und beschränkten Schicksal zwischen kaum besonnten Straßenschluchten hadert, jäh in die Lüfte erhebt und nach China fliegt, während ihm von unten die Massen zujubeln!

Dieses Rezept hätte man einmal dem 10jährigen Ibrahim Al-Dawawisa aus dem Gazastreifen verraten sollen. Was dessen hartnäckige Belagerung durch Israel, teils auch Ägypten angeht, wundern sich wenige mutige Leute wie Evelyn Hecht-Galinski nebenbei nicht, wenn einem Stichworte wie Ghetto oder Konzentrationslager in den Sinn kommen.* Jedenfalls machte der palästinesische Knabe am Morgen des 8. August 2014 (einem Freitag) den Fehler, sich mit anderen Landsleuten in oder bei der Nour al-Mohammedi Moschee des Viertels Scheich Al-Radwan von Gaza-Stadt aufzuhalten. Er wurde bei einem israelischen Luftangriff getötet.** Sechs weitere Personen kamen mit Verletzungen davon, soweit es diese eine Attacke betrifft.

* Online-Flyer „Antisemitismus-Kampagne als Ablenkungsmanöver!“ in der Neuen Rheinischen Zeitung, 30. Juli 2014
** Bericht von Karin Leukefeld in der Jungen Welt, 9. August 2014


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