Donnerstag, 23. Oktober 2014
Erledigt? Teil 4

122 - Camilo Cienfuegos

Ende Oktober 1959 befand sich der 27jährige kubanische Revolutionär auf einem Nachtflug von Camagüey nach Havanna – jedenfalls angeblich. Dabei verschwand er mitsamt seiner Cessna 310 spurlos über dem Ozean. Er wurde weder bei einer schnell eingeleiteten Rettungsaktion noch später jemals gefunden. Die offizielle Darstellung nimmt einen Unfall an.

Nun war aber Cienfuegos nicht irgendwer. Erst im Januar des Jahres war der blendend aussehende Sohn eines Schneiders als erster kubanischer Guerillaführer an der Spitze von 500 Kämpfern in Havanna einmarschiert. Er galt als beliebt. In der Revolutions-Hierarchie (für empfindliche Gemüter ein schwarzer Schimmel) kam er gleich hinter den Castro-Brüdern und Che Guevara. Allerdings glauben einige BeobachterInnen, er habe, auch von seiner Herkunft her, zu anarchistischen Positionen geneigt und in den Monaten vor seinem Verschwinden auch schon Unmut am streng kommunistischen Castro-Kurs geäußert. Gleichwohl hatte Cienfuegos kurz vor seinem Nachtflug getreulich Fidel Castros Auftrag erfüllt, seinen eigenen Freund Huber Matos zu verhaften, der gerade aus Protest gegen die offizielle, kommunistische Linie von seinem Amt als Militärbefehlshaber der Provinz Camagüey zurückgetreten war. Manche halten deshalb Matos – der geschlagene 20 Jahre im Gefängnis zu verbringen hatte – für den Drahtzieher jenes „Unfalls“, der vielleicht ein Abschuß, aber vielleicht auch ein Untertauchen war. Andere tippen wahlweise auf CIA oder KGB. Die meisten BeobachterInnen vermuten allerdings, die Regierungsspitze selber habe ihre Hände im Spiel gehabt. Immerhin kamen innerhalb kurzer Zeit nach dem Vorfall nachweislich etliche enge Vertraute Cienfuegos' sowie Zeugen und Beteiligte der Aufklärungskommission auf unnatürliche Weise zu Tode, darunter Cienfuegos' persönlicher Adjutant Hauptmann Cristino Naranjo. Es ist freilich auch möglich, daß falsche Spuren gelegt wurden, um ein schlechtes Licht auf die erfolgreiche Revolution zu werfen. Als Historiker sieht man sich wieder einmal mit einem Küchenmesser bewaffnet dem üblichen Dschungel aus Interessen, Intrigen und Lügen gegenüber. Nebenbei äußert sich nicht eine Quelle zu der naheliegenden Frage, ob der Verschwundene allein in der Cessna saß oder nicht, ob er überhaupt einen Pilotenschein besaß und so weiter. Da möchte man fast die Eindeutigkeit loben, mit der die Fassade des „Informationsministeriums“ in Havanna ein Portrait zeigt, das höher als das achtstöckige Gebäude selber ist. Es zeigt den verschwundenen Genossen Cienfuegos.

Zusatz Januar 2017 In der jüngsten Ausgabe des Monatsblatts Graswurzelrevolution behauptet Autor „Coastliner“, nach verschiedenen Zeugen, darunter ein ortsansässiger Fischer, seien C. und sein Pilot Luciano Farinas in der Bucht von Masio durch einen Sea Fury 530-Abfangjäger der kubanischen Armee abgeschossen worden. Als Insassen des Jägers nennt er Osvaldo Sánchez und Kapitän Torres, „ein Vertrauter Raúl Castros“. Raúls Bruder Fidel habe von einem Sturm gesprochen, während andere Beteiligte heute versicherten, es habe damals klares Wetter geherrscht. Coastliner stützt sich bei diesen Angaben auf eine französische Fidel-Castro-Biografie, nämlich: Serge Raffy, Castro, L'Infidèle, Paris 2003, S. 337 ff.


123 - Karl Wertz

Zwischen Neustadt und Lambrecht, knapp 500 Meter hoch, liegt die vom Pfälzerwald-Verein betriebene Hellerhütte, ein durchaus massives Haus mit Herbergsbetten und einer Terrasse zum Vorplatz hin. Als es dort in der Neujahrsnacht 1960/61 um drei Uhr früh reichlich spät erneut anhaltend knallte, ging der 49jährige Karl Wertz aus Haßloch mit einer Taschenlampe hinaus, um nach dem Rechten zu sehen. Ein Portraitfoto* aus der Presse zeigt einen schmalgesichtigen Mann mit hoher Stirn, schütterem Haar und auffälligen Ohren, der möglicherweise nur zufällig recht verbittert in die Kamera blickt. Man denkt an einen Lehrer oder einen kaufmännischen Abteilungsleiter. Das war der ehrenamtliche Betreuer der Hellerhütte, über den leider ansonsten nichts zu erfahren ist, von den Schüssen einmal abgesehen. Seine heimischen Wanderfreunde schnarchten bereits. Auf dem Vorplatz dagegen ballerten etliche besoffene „Halbstarke“, wie es schien, mit Handfeuerwaffen herum, und als sie der Hüttenwart zu genau in den Kegel seiner Taschenlampe nahm, schossen sie auch auf ihn. Er starb auf der Fahrt ins Krankenhaus.

Wie sich später vor Gericht herausstellte, hatte ihn wahrscheinlich der 20jährige Lutz Cetto ermordet. Er hatte befürchtet, Wertz könne Mitglieder der sogenannten Kimmel-Bande erkennen und verpfeifen, die in der selben Nacht die nahegelegene Totenkopfhütte angezündet und ansonsten in jüngster Zeit mindestens 100 Einbrüche und Banküberfälle verübt hatte. Denn um diese Bande handelte es sich bei den Lärmenden. Ihr Kopf war der „Al Capone der Pfalz“, Bernhard Kimmel, der Jahre später auch noch einen Polizisten getötet haben soll. Cetto bekam 1963 vorm Landgericht in Frankenthal für die Geschichte im Walde Lebenslänglich, brachte sich aber noch im selben Jahr um. Auf der Hellerhütte hat man seit jener Nacht nie wieder Silvester gefeiert. Wertz bekam einen Gedenkstein.

* Fotos bei Blofeld


124 - Patrice Lumumba

Vier Jahrzehnte mußten vergehen, bis Licht in diesen Akt des Staatsterrorismus kam, dem der 35jährige Schwarzafrikaner 1961 zum Opfer gefallen war. Im Jahr zuvor hatten ihn seine Landsleute zum ersten Ministerpräsidenten des rohstoffreichen, nun „freien“ Kongo gewählt. Schon bei den Feierlichkeiten zur Unabhängigkeit hatte er es gewagt, sich nicht nur jede zukünftige ausländische Bevormundung zu verbitten, sondern auch dem anwesenden belgischen König Baudouin alle Schandtaten der Kolonialmacht vorzuhalten, die er befohlen oder gedeckt hatte. Das gefiel weder dem König noch dem belgischen und nordamerikanischen Kapital, das den Kongo auch weiterhin auszuschlachten gedachte. Nach dem üblichen Rezept säten sie Zwietracht, worauf sich die Provinz Katanga abspaltete und Lumumba von ehemaligen Mitstreitern für abgesetzt erklärt wurde. Er kam in Haft, konnte aber mehrmals entkommen. Im Januar 1961 erneut ergriffen, wurde er mit seinen Gefolgsleuten Maurice Mpolo und Joseph Okito nach Katanga entführt, in einer Waldhütte zunächst gefoltert und gedemütigt, dann von katangischen Soldaten unter belgischem Kommando erschossen. Die Leichen wurden verbrannt.

Bahnbrechend bei der Aufdeckung dieses Verbrechens wirkten um 2000 Bücher von Heribert Blondiau und Ludo de Witte. 2007 steuerte Tim Weiner in seiner umfangreichen Geschichte der CIA wichtige Belege bei. Es erschienen auch einige Filme. Danach ist die unmittelbare Verwicklung der belgischen Regierung völlig, der US-Regierung, vertreten durch Präsident Eisenhower und CIA-Chef Allen Dulles, nahezu erwiesen. Die belgische Regierung sah sich bereits nach Ludo de Wittes Enthüllungen genötigt, einen parlamentarischen Untersuchungsausschuß einzusetzen. Als dieser 2001 seinen Abschlußbericht vorgelegt hatte, räumte die Regierung eine „moralische Verantwortung“ für das Verbrechen ein, ergriff jedoch keine juristischen Maßnahmen, wobei es bis heute blieb. Vermutlich will sie vor allem Entschädigungszahlungen an den Kongo vermeiden. Das wäre nur zu verständlich, weil es sich im Grunde um ein Faß ohne Boden handelt. Bezogen auf die Anfänge um 1890, stellt Gert von Paczensky in seiner schon wiederholt erwähnten Geschichte des Kolonialismus fest, „unter Führung ihres geldgierigen Königs Leopold II.“ hätten auch die Belgier „große Fähigkeiten kolonialer Plünderei“ entfaltet. Auch hier vollzögen Konzessionsgesellschaften eine gigantische Enteignung, bemächtigten sich Dutzender von Millionen Hektar, zündeten die Dörfer an, jagten und verschleppten die Bevölkerung, zwängen sie mit vorgehaltenem Gewehr zur Plackerei auf den Plantagen oder in den Kupfergruben. Hier wurzelt unter anderem der Konzerngigant Union Minière du Haut Katanga, der sich 2000 in Umicore umtaufte – mit dem Untertitel materials for a better life. Firmensitz ist Brüssel.

2011 reichte Lumumbas Sohn Guy in Brüssel Klage gegen 10 noch lebende Tatverdächtige ein. Es heißt allerdings, auch die Familie Lumumba sei, wie schon eine staatliche belgische Lumumba-Stiftung, zerstritten und weitgehend handlungsunfähig. Vermutlich bleibt das Verbrechen in alle Ewigkeit ungesühnt. Die Drahtzieher stehen ja sowieso schon als große Politiker oder Diplomaten in den Geschichtsbüchern und Lexika. Gleichwohl wäre es verfehlt, den gequälten und ermordeten Patrice Lumumba für einen Heiligen zu halten. Als die Truppen des frischgebackenen kongolesischen Ministerpräsidenten die drohende Sezession zu unterbinden suchten, gingen sie nicht eben zimperlich mit der Zivilbevölkerung um – vor allem mit Leuten aus der Volksgruppe der Luba. Sie selber, die Truppen, gehörten nämlich mehrheitlich der Volksgruppe der Tetela an – wie auch Lumumba, der Ministerpräsident. Schon bei den Wahlen ist es, laut Andrea Böhm*, seitens seiner AnhängerInnen zu „regelrechten Progromen“ gegen die Minderheit gekommen. Das Clandenken umspannt die Welt.

Der Sohn eines Königs Louis Rwagasore (29) hatte sich im winzigen Kongo-Nachbarland Burundi führend am antibelgischen Kampf beteiligt. Kaum war er im Herbst 1961 mit großer Mehrheit zum Ministerpräsidenten gewählt worden, fiel er beim Dinner in einem Hotel der Hauptstadt Bujumbura einem Mordanschlag zum Opfer, vermutlich durch einen Agenten der belgienfreundlichen „christlichen“ Konkurrenzpartei ausgeführt. Es heißt, Rwagasore habe unter anderem (schon durch seine Heirat mit einer Hutu) gegen den Haß zwischen Hutus und Tutsis angekämpft, doch die entsprechenden Unruhen flammten gleich wieder auf. Die verheerenden Folgen sind auch aus Ruanda bekannt.

Vielleicht stellte ja der Schriftsteller und kommunistische Politiker Jacques Stephen Alexis (39) aus Haiti eine wohltuende Ausnahme dar. Er war 1955 bekannt geworden, nachdem Gallimard in Paris seinen Roman Compère Général Soleil (Mein Bruder, der General) veöffentlicht hatte. Im April 1961 aus vorübergehendem Exil nach Haiti zurückgekehrt, fingen ihn die Schergen des berüchtigten Machthabers „Papa Doc“ und ermordeten ihn im Gefängnis. Vermutlich waren sie bei ihrem Gefangenen ebenfalls, wie anderswo, nicht mit Samthandschuhen vorgegangen.

Fünf Jahre vor den soeben angeführten Politikern büßte eine junge Marokkanerin ihr Leben vermutlich aufgrund ihrer eher ungewöhnlichen Rolle im gesellschaftlichen Leben ein. Als Tochter eines arabischen, jedoch französisch sprechenden führenden Journalisten und Theatermannes hatte Touria Chaoui, geboren 1936 in Fès, eine Flugschule besuchen dürfen, die eigentlich der französischen Elite des Landes vorbehalten war. Sie erhielt die Fluglizenz bereits mit 16 – womit sie die erste Pilotin in Marokko und im arabischen Kulturkreis überhaupt geworden war. Was Wunder, wenn sie rasch zu einer „Ikone“ der marokkanischen Unabhängigkeitsbestrebungen wurde, die in Chaouis Todesjahr, 1956, ihren formalen Höhepunkt erreichen sollten. Sie verpaßte dieses historische Datum um einen Tag. Chaoui war zuletzt als Co-Pilotin bei einer kleinen Fluggesellschaft beschäftigt. Doch am 1. März 1956 ereilte sie der Tod beim harmlosen Aussteigen aus ihrem Wagen vor ihrem Elternhaus in Casablanca: unter den Augen ihres 11jährigen Bruders Salah Eddine, der sie begleitet hatte, sowie ihrer auf dem Balkon stehenden Mutter wird die kleine dunkelgelockte 19jährige aus nächster Nähe kaltblütig erschossen. Der Täter, Touil Ahmed mit Namen, traf sie in den Kopf, worauf sie auf der Stelle starb. Angeblich wurde er später selber ermordet, seine Beweggründe seien unklar geblieben.** Ihrem Bruder zufolge hatte es schon früher Anschlagsversuche auf Chaoui gegeben. Damit liegt immerhin der sozialpsychologische Hintergrund, der Haß auf weibliche Herausforderungen, auf der Hand.***

* Artikel „Lumumbas Märtyrium“ in der Zeit, 13. Januar 2011
** Souleiman Bencheikh für Zamane, 1. November 2012
*** Laut Albayane vom 20. Juni 2010 gibt es sogar ein von Abdelhak Lemrini und der Journalistin Lahcen Laassibi besorgtes Buch über das Mordopfer mit dem Titel La martyre Touria Chaoui, première femme pilote dans le grand Maghreb, aus dem womöglich Genaueres über den Anschlag in Casablanca und dessen Strafverfolgung hervorgeht



125 - Marc Blitzstein

Seinen „Durchbruch“ erzielte der jüdisch-stämmige, schwule und nicht zuletzt antikapitalistisch gestimmte US-Komponist 1937 unter dem Titel The Cradle Will Rock mit klassenkämpferisch-melancholischen Szenen aus „Steeltown“, zu denen er sowohl die Musik wie das Libretto schrieb. Dabei kam das von Orson Welles und Produzent John Houseman geleitete Ensemble nur durch einen Wechsel der Spielstätte zu seiner Premiere, der ihm am selben Abend von höheren Stellen aufgezwungen worden war, die das ursprünglich vorgesehene Theater kurzerhand verrammelt hatten. Das verscheuchte Ensemble glänzte nun erst recht mit Witzen und erfrischenden Songs, wenn auch der Top-Titel „Nickel Under the Foot“ noch nicht von Patti LuPone gegeben wurde, die dann 1985 in einer erneuten Houseman-Produktion des Stückes als umwerfende Straßendirne „The Moll“ auf der Bühne stand.* Selbstverständlich dreht sich der Song um Geld und Macht, und das Bild vom Groschen, auf den man verstohlen oder rücksichtslos energisch seinen Schuh setzt, ist ebenfalls stark. Daß der Song nebenbei auch auf dessen jähes Ende mit 58 Jahren verwies, wußte sein rund 30jährige Schöpfer natürlich damals noch nicht.

Blitzstein, ein schlanker, hübscher, meistens ausgesprochen charmanter Dunkelhaariger mit Oberlippenbärtchen, lebte in New York City, somit im Trubel. Um sich erholen und in Ruhe an seiner neuen Oper über Sacco und Vanzetti arbeiten zu können, hatte er sich für die Wintermonate 1963/64 auf die Karibikinsel Martinique zurückgezogen. Das Verhängnis kam, nachdem er sich am Abend des 21. Januar 1964 auf der Suche nach Drinks und anderen Vergnügen ins Hafenviertel von Fort-de-France begeben hatte. Die drei jüngeren einheimischen Seeleute, die er aufgegabelt hatte, nahmen ihm in einer dunklen Seitenstraße Geldbörse und Uhr weg. Da sie ihm dafür einen tüchtigen „Denkzettel“ verpaßten, nämlich ihr Opfer zusammenschlugen und -traten, fand sich Blitzstein im Krankenhaus der Inselhauptstadt wieder. Dort erlag er anderntags seinen schweren Verletzungen. Die Diebe und „fahrlässigen Totschläger“, so das Gericht, kamen später mit wenigen Jahren Gefängnis weg. Nach Howard Pollacks empfehlenswerten neuen Biografie hatte der Komponist schon immer betont „männliche“ Liebhaber und den entsprechenden „harten“ Sex bevorzugt, so daß jetzt natürlich einige sagten: selber schuld. Andere sprachen von „Ironie“, sei der Komponist doch ausgerechnet „Typen“ (bei Hure Moll „Bastarde“) zum Opfer gefallen, für die er sich in seinen Werken, darunter (1954) eine sehr erfolgreiche englische Fassung von Brecht/Weills Dreigroschenoper, zeitlebens eingesetzt habe. Pollack hält dem entgegen, ein Grundzug des gesamten Schaffens und Wirkens von Blitzstein liege gerade im Protest gegen Brutalität in jeder Form.**

Makabererweise wurde 1967 auch der Regisseur Jack Landau, den Blitzstein knapp 10 Jahre zuvor mit Musik zur Inszenierung zweier Shakespeare-Stücke beliefert hatte, von einem sehr ähnlichen Ende wie der Komponist ereilt. Man fand den erst 42jährigen in seiner Bostoner Wohnung erstochen und erdrosselt vor. Soweit ich erfahren konnte, war er einem „hustler“ zum Opfer gefallen, einem Stricher also.

Gut 10 Jahre nach Blitzstein weckte der gewaltsame Tod des schwulen italienischen Schriftstellers und Filmregisseurs Pier Paolo Pasolini (53) Bestürzung, jedenfalls in Künstlerkreisen. Er wurde im November 1975 bei Rom erschlagen oder überfahren, wahrscheinlich an dem Strand in Ostia, wo man seine Leiche fand. Man verhaftete und verurteilte einen Stricher, der sich in seinen Tatversionen bis heute wiederholt widersprach, dabei auch Hintermänner ins Spiel brachte, die ihre Deckung durch ihn mit Todesdrohung gegen seine Familie erpreßt hätten. Leider waren viele Spuren, wieder einmal, im Rahmen der „Ermittlungen“ zerstört oder verfälscht worden. Etliche Freunde Pasolinis und andere BeobachterInnen vermuten einen politisch motivierten Auftragsmord, da sich das Opfer, wie Blitzstein streckenweise Mitglied der KP, zuletzt bekanntermaßen mit einer journalistischen Arbeit über Fäden zwischen dem italienischen Geheimdienst und verschiedenen Terroranschlägen in Italien beschäftigt hatte. Sie fordern eine neue Untersuchung des Falles.

* Video hier
** New York 2012 (englisch), S. 469



126 - Andrew Goodman

Bekanntlich holten sich einst besonders die US-Südstaaten viele Schwarze ins Haus, weil sie nicht mehr genügend IndianerInnen hatten. Als dann auch die schwarzen Sklaven übermütig wurden, beispielsweise gerechte Löhne oder gar das Wahlrecht erbaten, schufen sie zwecks Unterstützung der offiziellen Polizeikräfte mehr oder weniger geheim operierende Fememordgruppen wie den Klu-Klux-Klan. Nicht selten traf sich das sogar günstig, weil der örtliche Sheriff sowieso zum Klu-Klux-Klan gehörte. Andrew Goodman und seine Mitstreiter James Earl Chaney und Michael Schwerner erwischte es am 21. Juni 1964 kurz nach Mitternacht bei Philadelphia, Mississippi. Die jungen Leute hatten gerade den Brandanschlag auf eine schwarze Schule untersucht und waren als Bürgerrechtler bekannt – Chaney (21) schwarz, Goodman (20) und Schwerner (24) weiß, aber jüdisch. Nun gerieten sie mit ihrem Auto in einen als „Straßenkontrolle“ getarnten Hinterhalt, den berufsfremde Klan-Mitglieder unter Mitwirkung von County Sheriff Lawrence Rainey und seinem Stellvertreter Deputy Sheriff Cecil Price gelegt hatten. Die drei Verkehrssünder wurden ins dunkle Gelände geführt und erschossen, der Schwarze Chaney zuvor schwer mißhandelt. Um die Leichen in einem Erdwall verbergen zu können, stand sogar ein Bulldozer bereit. Trotzdem kam die Sache ans Licht und die Empörung über diesen Gewaltakt schlug Wellen bis ins Weiße Haus, das ja nicht umsonst nicht Schwarzes Haus heißt, obwohl Barack Obama eine solche Umbenennung jetzt erwogen haben soll. Damals sah sich sein Vorgänger und Schürer des Vietnamkrieges Lyndon B. Johnson gezwungen, seinerseits FBI-Chef Hoover zu nötigen, den Fall untersuchen zu lassen. Wie schonend die Ermittlungen ausfielen, kann man sich denken. Auch die Bestrafung einiger Täter hielt sich, in ihrer Milde, ans Gebot der Nächstenliebe. Sheriff Rainey konnte sich sogar vollständig herausreden. Ein Foto zeigt ihn bei der Anklageerhebung Ende 1964 mit Chips-Tüte und grinsenden Hamsterbacken in seinen Stuhl gelümmelt. Bei Künstlern aller Art rief das Mississippi Burning (so ein Filmtitel) ein großes Echo hervor.

Am 4. April 1968 wurde der berühmte schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King (39) auf einem Hotel-Balkon in Memphis, Tennessee, von tödlichen Schüssen getroffen. Als Täter verurteilte man später den angeblichen erklärten Rassisten James Earl Ray. Der Fall ist bis heute umstritten. Schon drei Jahre früher war in New York City ein populärer Gegenspieler Kings von ehemaligen Weggefährten (aus den Reihen der Black Muslims) erschossen worden: der gleichaltrige, aber ungleich radikalere Malcolm X, der King zu den zahmen „Hausnegern“ der USA gezählt hatte. Malcoms Vermächtnis ging in der bald darauf gegründeten Black Panther Party auf.

Der Aktivist der Black Panther Party Fred Hampton (21), Vorsitzender der Sektion Illinois, wurde am 4. Dezember 1969 in Chicago, nach Vorarbeit von Agenten, mitten in der Nacht von einem Rudel Polizisten im Schlaf überrascht und erschossen.


127 - Anita „Marguerita“ Mahfood

Der Posaunist und Komponist Don Drummond aus Kingston, Jameika, geboren 1932, gehörte der Ska-Gruppe Skatalites an. Soweit ich weiß, tritt die Band nach wie vor auf. Warum befindet sich dann Don Drummond nicht mehr unter den Opas? Weil er am Neujahrstag 1965 seine Geliebte, die Tänzerin und Sängerin Anita „Marguerita“ Mahfood erstach und deshalb verurteilt und in die Irrenanstalt Bellevue der Hauptstadt gesteckt wurde. Er sei bereits „latent geisteskrank“ gewesen. Vier Jahre darauf gab Drummond, inzwischen 37, seinen Geist in der selben Anstalt unter „fragwürdigen Umständen“ völlig auf.* Die begabte und feurige Tänzerin Mahfood war bestenfalls 23 gewesen, als sie unter seinem Andrang starb. In noch jüngeren Jahren war sie mit einem Boxer verheiratet gewesen. Auch in der Liebschaft mit Drummond flogen oft die Fetzen. Die Bruchstücke dieses Musikdramas riechen nach Schweiß, Haschisch und Elektroschocks. Hier ein paar weitere Scherben:

Der Gitarrist der Rolling Stones Brian Jones (27) endete in einer Sommernacht des Jahres 1969 im eigenen Swimmingpool. Der Streit, ob durch Unfall oder Mord, dauert bis heute an. Näheres habe ich mittlerweilen in meinem LdU unter Komeda, Krzysztof ausgeführt.

Der dunkelhäutige US-Saxofonist King Curtis (37) wurde 1971 im Streit mit Drogendealern erstochen, die frühere US-Stripperin Nancy Spungen (20), nun Geliebte und Managerin des berühmten Sid Vicious, ehemals bei den Sex Pistols, dito 1978 wahrscheinlich just von Sid. Man fand Spungen blutüberströmt im Bad des gemeinsamen Hotelappartements. Vicious folgte ihr wenige Monate später aufgrund einer geballten Ladung Heroin. Tatort war in sämtlichen Fällen New York City. In derselben Stadt wurde zwei Jahr darauf Ex-Beatle John Lennon (40) von einem angeblichen Irren auf der Straße erschossen. Den US-Jazzrock-Bassisten Jaco Pastorius (35), ehemals bei Weather Report, ereilte das Ende 1987 in Wilton Manors, Florida, wo ihn der ungehaltene Türsteher des Midnight Bottle Clubs erschlug. Pastorius hatte (um 4 Uhr 30 in der Frühe) vergeblich um Einlaß gebeten und wütend gegen die Tür gehämmert. Da kam er hinaus.

* Klive Walker: Dubwise. Reasoning from the Reggae Underground, Toronto 2005, S. 135


128 - Benno Ohnesorg

Als Christa Ohnesorg im November 1967 Sohn Lukas zur Welt brachte, lag dessen Vater schon seit einem knappen halben Jahr unter der Erde. Fast jeder weiß es: der 26jährige FU-Student für das Lehramt Benno Ohnesorg war bei der Anti-Schah-Demonstration am 2. Juni 1967 vor der Berliner Deutschen Oper in einem Bild-mäßig aufgehetzten Klima von dem nicht bedrohten Polizisten Kurras aus nächster Nähe erschossen worden. Das Bemerkenswerteste am Opfer war im Grunde dessen Unauffälligkeit. Obwohl politisch links stehend, war Ohnesorg bis dahin nie als Agitator oder Kämpfer, selbst nicht als Künstler oder sonstwie hervorgetreten – Kurras trat ihn hervor. Wahrscheinlich hätte die tödliche Kugel auch jeden anderen treffen können, der sich gerade im Schußfeld des durch und durch reaktionären Beamten befunden hatte. Insofern ist auch dies ein Fall von zufälligem Ruhm.

Kurras oder vielmehr die ihn begünstigenden Verhältnisse sorgten also dafür, daß Lukas Ohnesorg seinen Vater nie kennenlernte. Seine Mutter, später ebendort Studienrätin, zog ihn in Hannover auf, wo er wahrscheinlich noch heute lebt. Die Mutter starb 2000. Die Informationen über den inzwischen über 45jährigen Lukas Ohnesorg sind spärlich. Was Wunder, denn auch in diesem Fall scheint die Rede vom Apfel zuzutreffen, der nicht weit vom Stamm fällt. Der studierte „Kulturpädagoge“ (ein Fach seiner Zeit) und gelegentliche Comic-Zeichner lebe recht „zurückgezogen“, heißt es. 1997 läßt er in einem Zeit-Interview durchblicken, er hüte sich auch vor jedem politischen Engagement. Danach scheint er zu glauben, außer gelegentlichen Schüssen in den Hinterkopf brächte es nicht viel ein.

Was Kurras angeht, hat man zwar inzwischen seine damalige Nebentätigkeit für die Ostberliner Stasi enthüllt, doch zur Klärung der Frage, ob er den Demonstranten Ohnesorg mit Absicht tötete, trägt das wohl wenig bei. Jedenfalls erklärte die Berliner Generalstaatsanwaltschaft im November 2011, die neue Beweislage reiche nicht zur Neueröffnung eines Verfahrens aus. Was die Entschlossenheit der politischen und polizeilichen Führung angeht, die KritikerInnen des Schahs und insbesondere des Vietnamkriegs zu verteufeln, hat es übrigens nie ein Verfahren gegeben. Bis mindestens Mitternacht des Tatabends war den Demonstranten, die von der Polizei „systematisch, kaltblütig, geplant“ zusammengeknüppelt wurden* und die sich vereinzelt mit geworfenen Steinen zu wehren suchten, noch gar nicht klar, daß einer der Ihren ermordet worden war. Stattdessen hatte man gegen 22 Uhr auf dem Kurfürstendamm per Lautsprecherwagen zu hören bekommen: „Achtung, Achtung! Hier spricht die Berliner Polizei. Wir wenden uns an die gutwillige Berliner Bevölkerung! Machen Sie sich nicht mit diesen Subjekten gemein! Es hat bereits ein Todesopfer gegeben: Ein Polizist ist von Demonstranten erstochen worden!“ Eine dreiste Lüge, wie sich später zeigte.**

Bolivien, 1967. Der bei einem Gefecht im Hochland verwundete und festgenommene, schon damals weltberühmte Guerillaführer Che Guevara (39) war nicht sofort ermordet, sondern über Nacht im Schulhaus des Dorfes La Higuera eingesperrt worden. Genauso geschah es mit seinem Genossen Simeón Cuba Sanabria (32), einem einheimischen Bergarbeiterführer, der Guevara beim letzten Gefecht mehrmals aus der Schußlinie gezogen und gedeckt hatte. Nun wurden beide in getrennten Schulräumen gefangen gehalten. Am Vormittag des 9. Oktober 1967 traf der Hinrichtungsbefehl des bolivianischen Präsidenten General René Barrientos Ortuño ein. Die drei Soldaten des Kommandos suchten zunächst Cuba auf. „Ich bin stolz, in der Nähe von Che zu sterben!“ soll er ausgerufen haben, bevor die Salven krachten. Das ist natürlich gutes Futter für erhebende Bücher. Guevara, der den Ausruf vermutlich mitbekommen hatte, folgte seinem Genossen 20 oder 30 Sekunden später ins Grab. General Barrientos (49) kam übrigens zwei Jahre darauf beim Absturz eines von ihm selbst gesteuerten Hubschraubers ums Leben – ebenfalls ohne Gerichtsverhandlung. Ein kleiner Trost.

In Guatemala tobte während der gesamten Nachkriegsjahrzehnte ein Bürgerkrieg zwischen den wechselnden, wenn auch stets US-gestützten Regimen der Landbesitzer und Militärs und den Armen. Otto René Castillo (32) hatte in der DDR Literatur und Film studiert. 1966 in sein Heimatland zurückgekehrt, schloß er sich der Guerilla Fuerzas Armadas Revolucionarias (FAR) an. Schon im folgenden Jahr wurde er bei Kämpfen in der Sierra de las Minas gefangen genommen. Anschließend soll er in der Kaserne der Stadt Zacapa über Tage hinweg gefoltert und dann bei lebendigem Leibe verbrannt worden sein. Er starb ein halbes Jahr vor Guervara und Cuba. Ähnlich erging es wahrscheinlich 14 mitgefangenen Genossen. Es gibt Gedichtbände von Castillo und einen Dokumentarfilm über ihn. Er hatte in der DDR Aufgaben und sogar Geliebte. Warum blieb er nicht? „Aber das Schlimmste von allem / ist die Gewohnheit. / Der Mensch verliert seine Menschlichkeit, / und schon ist der ungeheure fremde Schmerz / für ihn nicht mehr von Bedeutung. // Und er ißt, / und er lacht / und vergißt alles.“

Der Springer-Presse-Fotograf Klaus Frings (32) und der Student Rüdiger Schreck (27) erlitten nach dem Attentat auf Dutschke bei einer Protestdemonstration in München im April 1968 tödliche Verletzungen. Durch wen, wurde nie aufgeklärt.

* Sebastian Haffner im Artikel „Nacht der langen Messer“, stern Nr.26/1967, online hier
** Thomas Ramge (Die großen Polit-Skandale, Ffm 2003) spricht merkwürdig wohlwollend oder blauäugig von einer „taktischen“ Lüge, die beabsichtigt hätte, „weitere Ausschreitungen zu verhindern“ (S. 96).



129 - Allison Krause

Das sogenannten „Kent-State-Massaker“ fiel in die Proteste gegen die Verschärfung des Vietnamkriegs durch Nixon. Dabei eröffnete die US-Nationalgarde im Mai 1970 auf dem Campus der Universität in Kent, Ohio, aus über 100 Meter Entfernung das Feuer auf eine unbewaffnete Gruppe von Studenten, aus deren Richtung vorher ein paar Steine geworfen worden waren. Die Polizisten trafen vier Studenten tödlich: Neben Allison Krause (19) noch Sandra Lee Scheuer (20), Jeffrey Miller (20) und William Knox Schroeder, der auch erst 19 war. Dieser bestens dokumentierte Vorfall hatte zum einen gewaltige Proteststürme weltweit zur Folge. Zum anderen kam eine Kommission des Weißen Hauses zu dem Befund, die Schüsse seien „unnötig, ungerechtfertigt und unentschuldbar“ gewesen. Doch was die Verantwortlichen für diese vier Morde angeht, wurde bis heute niemand gerichtlich belangt.


130 - Petra Schelm

Ein oft reproduziertes Foto zeigt die junge Frau mit schulterlangem, gescheitelten schwarzen Haar – Perücke. Von Natur aus sei ihr Haar rotblond gewesen, heißt es. Die gelernte Friseuse wollte gerne Maskenbildnerin werden, doch dazu kam es nicht, weil sie um 1968 in die Berliner Kommuneszene geriet und dort ihren künftigen Geliebten Manfred Grashof traf, der wiederum mit Ulrike Meinhof und Horst Mahler zusammenhing. 1970 nahm sie an einem militärischen Ausbildungslager der Fatah in Jordanien teil. Im Frühjahr des folgenden Jahres erließ der Bundesgerichtshof einen Haftbefehl gegen sie, wodurch sie neben etlichen anderen gesuchten angeblichen „Terroristen“ auf ein rasch berühmtes Fahndungsplakat kam. Tatvorwurf? Mutmaßliches Mitglied in der mutmaßlichen „kriminellen Vereinigung“ RAF.

Am 15. Juli 1971 durchbricht die schlanke 19jährige eine Straßensperre, die im Rahmen einer schlachtmäßigen Großfahndung nach RAF-Mitgliedern in der Hamburger Stresemannstraße errichtet worden war. Ihr Beifahrer im BMW 2002 ti ist Werner Hoppe, möglicherweise inzwischen ihr neuer Geliebter. Auf der getrennten Flucht zu Fuß kommt es zu verschiedenen Schußwechseln. Die mit einer Pistole bewaffnete Petra Schelm kann sich zunächst verbergen. Dann wird sie von mindestens zwei Polizisten erneut entdeckt und von einem Schuß aus einer Maschinenpistole getötet, der sie schräg unter dem linken Auge trifft und dadurch tötet. Ein Sachverständiger räumt später Springer-Journalisten gegenüber ein, möglicherweise habe sich Schelm in den Schuß hinein gedreht. Im Prozeß gegen Werner Hoppe, der sich ausführlich in den Erinnerungen seines Rechtsanwaltes Heinrich Hannover geschildert findet, versichert nämlich ein noch minderjähriger Augenzeuge, Schelm sei hinterrücks erschossen und vorher auch nicht angerufen worden. Selbst der vermeintliche Todesschütze H. gibt in der Verhandlung zu, Schelm habe sich, mit dem Rücken zu ihm, von ihm fortbewegt. Die offiziellen Berichte der Beamten sprechen „natürlich“ eine andere Sprache. Hannover enthüllt die nicht weiter verblüffende Tatsache, daß die Wahrnehmungen aller beteiligten Beamten vorm Anfertigen „ihrer“ Berichte bei einem gemeinsamen Lokaltermin auf die erforderliche Notwehr-Version vereinheitlicht worden waren. Anschließend deckten sich alle Berichte wunderbar.*

Schon auf einer Pressekonferenz nach der Schlacht hatten sich Journalisten erkundigt, warum der Beamte H. nicht versucht habe, Schelm kampfunfähig zu schießen. Der Pressesprecher gab zurück: „Waren Sie eigentlich schon mal im Krieg?“ Genau darum hatte es sich gehandelt. Deshalb lag Schelm nach dem Kopfschuß noch etwa 10 Minuten auf dem Pflaster, ohne daß Erste Hilfe geleistet wurde, denn der oder die Schützen beteiligten sich inzwischen an der Verfolgung Werner Hoppes. Später offenbart die erste Agenturmeldung, die Fahnder hätten Schelm zunächst für Meinhof gehalten. Wahrscheinlich galt das 3.000köpfige Polizeiaufgebot zwischen Hamburg und Bremen ohnehin in erster Linie dieser so begehrten angeblichen RAF-Cheftheoretikerin. Fest steht, die Erschießung der Petra Schelm wurde „nie wirklich aufgeklärt“, wie sogar Spiegel-Autor Michael Sontheimer einräumt**, aber die einseitigen, polizeigefärbten Darstellungen finden sich bereits in etlichen Nachschlagewerken und Internetseiten. Was Schelms Begleiter Werner Hoppe betrifft, steckte man ihn wegen unbewiesener „Mordversuche“ an Polizeibeamten für 10 Jahre ins Zuchthaus. Ihm die Gefährtin zu töten, war noch nicht Strafe genug.

Der 17jährige Landmaschinenmechaniker-Lehrling und Autofahrer Richard Epple fiel am Abend des 1. März 1972 in Tübingen, der Hochburg „roter“ Studenten, einer Polizeistreife auf. Da er keinen Führerschein besaß und zudem betrunken war, floh er überland, wobei er zwei Polizeisperren durchbrach und Menschen gefährdete. Schließlich wurde er durch die Heckscheibe seines nicht zugelassenen Ford Taunus 12 M von einem jungen Polizeibeamten erschossen, der sich einige Jahre später, wohl aus Gewissensnot, umbrachte. Die OrdnungshüterInnen räumten ein, sie hätten den Flüchtigen für ein RAF-Mitglied gehalten – ein tödlicher Irrtum. Der Schießbefehl war von der Einsatzleitung gekommen. Niemand wurde vor Gericht gestellt. Epple zählt zu den Opfern der damals geschürten Terroristen-Hysterie. Seinem 20jährigen Bruder Erich war am Ort des „Unfalls“ von Polizisten aufgetragen worden, den Vorfall zu Hause zu melden. 2002 erklärt Erich Epple im Gespräch mit dem Schwäbischen Tagblatt, niemand von der Polizei sei jemals bei seiner Mutter gewesen, um ihr zu sagen: „Wir haben Ihren Buben erschossen, es tut uns leid.“

* Die Republik vor Gericht, ursprünglich Berlin 1998/99, Ausgabe Berlin 2005, S. 354
** Artikel „Todesschüsse in der Seitenstraße“, Spiegel Online 15. Juli 2011



131 - Abdel Wael Zwaiter

Der gebildete und sprachbegabte Palästinenser, geboren 1934, war Repräsentant der PLO in Rom und zudem als Übersetzer tätig. 1972, wenige Wochen nach dem Anschlag während der Münchener Olympiade, wurde er als angeblicher Mittäter sehr wahrscheinlich von dem berüchtigten Mossad-Geheimkommando Caesarea (Chef war der spätere israelische Ministerpräsident Ehud Barak) in Rom erschossen. Zwei Agenten hatten ihm nachts bei der Rückkehr in seine Wohnung aufgelauert. Er war 37 oder 38 Jahre alt. Die PLO behauptete, er habe „Terrorismus“ stets abgelehnt. Zwaiter hinterließ eine unvollendete Übersetzung der Märchen aus Tausend und einer Nacht ins Italienische. Seine Lebensgefährtin Janet Venn-Brown veröffentlichte 1979 ein Buch über den ohne Verfahren Hingerichteten. Im Ganzen sorgte das Geheimkommando bis ca. 1990 für ungefähr zwei Dutzend weitere Tote, wobei auch nachweislich unschuldige Menschen umkamen* – so wird man Ministerpräsident.

Einer dieser Unschuldigen war Ahmed Bouchiki. Der Mossad hatte den seit Langem in Norwegen lebenden Marokkaner 1973, ein Jahr nach Zwaiters Tod, mit einem der flüchtigen Münchener Attentäter „verwechselt“. Deshalb wurde der 30jährige Kellner und begeisterte Schwimmer in Lillehammer nach einem Kinobesuch vor den Augen seiner hochschwangeren Frau auf offener Straße von Kugeln durchsiebt. Der deutschen Wikipedia zufolge** ließ sich Israel Jahre später, nach mehreren butterweichen norwegischen Gerichtsurteilen gegen gefaßte Agenten und einigen diplomatischen Geplänkeln, zu einer „Entschädigung“ herbei, ohne jedoch offiziell die Verantwortung für diesen dreisten Mord zu übernehmen.

Gegen skrupellose GewalttäterInnen, uniformierte oder verkleidete eingeschlossen, haben KraftsportlerInnen keine Chance. Bei dem erwähnten Anschlag in München, der einen fragwürdigen Polizeiangriff zwecks Befreiung der Geiseln einschloß und am Ende 17 Todesopfer forderte, kamen auch drei israelische Gewichtheber um, die ich stellvertretend anführen will: Josef Romano (32), David Berger (28) und Zeev Friedman (28).

* Artikel „Israels gezielte Tötungen: die Akte Mossad“ von Christoph Sydow, Spiegel-Online vom 3. November 2012
** Artikel über Bouchiki



132 - Pierre Overney

Der junge ehemalige Renault-Arbeiter wurde nur 25. Er hatte sich der maoistischen, unter anderem von Jean Paul Sartre unterstützten Gruppe Gauche Prolétarienne angeschlossen. Rund ein Jahr nach seiner Entlassung wegen einer Geringfügigkeit wurde Overney am 25. Februar 1972 in Billancourt bei Paris im Zuge einer Auseinandersetzung zwischen Flugblattverteilern und Werkschutzleuten der dortigen Renault-Fabrik vom Chef der Werkpolizei Jean-Antoine Tramoni erschossen. Wie Bilddokumente beweisen, waren die Maoisten zwar mit einigen Schlagwaffen aus Holz oder gar Stahl versehen, doch es läßt sich kaum behaupten, Tramoni hätte sich in lebensgefährlicher Bedrängnis befunden. Der Trauerzug in Paris geriet zu einer machtvollen Demonstration von ungefähr 200.000 Menschen. Aber bei Renault oder in anderen Fabriken kam es nicht zu dem Streik, der eigentlich auf der Hand gelegen hätte. Er wurde, laut Spiegel, vor allem von den moskauhörigen Kommunisten verhindert. Was den Schützen Tramoni angeht, war er offenbar nicht von der Justiz belangt worden, wurde er doch seinerseits fünf Jahre später, am 23. März 1977, als Vergeltung von zwei Motorradfahrern der Untergrundgruppe NAPAP erschossen. Das Bulletin der Gruppe nannte Tramoni ein „Symbol der straflosen Schreckensherrschaft der Bosse“.


133 - Victor Jara

Im Gegensatz zur Fata Morgana eines von Serben betriebenen KZs im Fußballstadion von Priština, Kosovo (laut Fernsehmärchenonkel Rudolf Scharping, Frühjahr 1999) war das behelfsmäßige Gefangenenlager, das Pinochets Schergen im September 1973, nach dem Sturz Allendes, im Stadion von Santiago de Chile eingerichtet hatten, durchaus real, wie zahlreiche Opfer oder Angehörige von Opfern bald darauf bezeugten. Hier wurden viele tausend Menschen verhört, gefoltert und hingerichtet. Das war für demokratische Staaten natürlich noch lange kein Grund, kurzerhand Pinochets Villa oder wenigstens seinen Radiosender zu bombardieren – das hielt man erst 1999, aufgrund der angeführten Fata Morgana, in Belgrad für angebracht.

Zu den Insassen des erwähnten Stadions zählte für vier Tage auch der populäre kommunistische Schauspieler und Liedermacher Victor Jara, der im selben Monat September verhaftet worden war. Nach den vier mit Folter und Verhöhnung ausgefüllten Tagen wurde er aufgrund seiner Unbeugsamkeit mit Pistolenschüssen zum Schweigen gebracht. Jara war 40. Seine Peiniger hatten ihm unter anderem die Hände gebrochen, um ihm für die Zukunft das Gitarrespielen zu verleiden. Zuletzt war er auch häufig bei Konzerten der von Allende geführten Volksfront (Unidad Popular) aufgetreten. Der gewählte chilenische Präsident Salvador Allende (65), der ein sozialistisches Programm verfocht, war bekanntlich in seinem Amtssitz beim Putsch Pinochets umgekommen, sein treuer Gefolgsmann General René Schneider (56) bereits drei Jahre früher bei einem Überfall auf offener Straße in Santiago. Zu den Drahtziehern der gesamten Vorfälle gehörten, neben der unverzichtbaren CIA, Friedensnobelpreisträger Henry Kissinger, damals „Sicherheitsberater“ des US-Präsidenten Nixon.

Einen Tag nach der Ermordung Jaras war der US-Journalist Charles Horman festgenommen und ins Stadion von Santiago verschleppt worden. Er hatte sich unter anderem durch Recherchen unbeliebt gemacht, die dem jähen Tod General Schneiders galten. Zwei Tage nach seiner Einlieferung kam er ebenfalls um. Das Schicksal des 31jährigen Journalisten, bis heute nicht restlos aufgeklärt, wurde in Costa-Gavras 1982 veröffentlichtem Film Missing (Vermißt) aufgegriffen. Die Verleumdungsklage eines Ex-Botschafters der USA in Chile gegen den Produzenten blieb, im Gegensatz zum Film, erfolglos.

Der Arzt und Politiker Miguel Enríquez (30) war von 1967 bis zu seinem Tod Generalsekretär der bekannten MIR, der Bewegung der revolutionären Linken in Chile. Nach dem Sturz Allendes tauchte Enríquez unter und kämpfte gegen das Pinochet-Regime. Er fiel freilich schon im Oktober 1974 bei einem Feuergefecht in Santiago de Chile, nachdem sein Hauptquartier von Agenten und Polizisten umzingelt worden war. Sein Sohn Marco, „Sozialist“, kandidierte 2009 erfolglos bei der chilenischen Präsidentschaftswahl. Hätte er sich beim Stolpern über ein Fernsehkabel ein Bein gebrochen, hätte ihn sicherlich jemand nach Havanna ins Krankenhaus Miguel Enríquez geflogen.

Den 37jährigen US-Fernseh-Reporter von ABC News Bill Stewart und seinen Dolmetscher Juan Espinosa* erwischte es im Juni 1979 an einer Sperre in Managua, der Hauptstadt Nicaraguas. Schergen Somozas erschossen sie, obwohl sie sich ausgewiesen hatten. Ein Kollege filmte die Szene. Somozas heimlicher Busenfreund Jimmy Carter, US-Präsident, sah sich daraufhin genötigt, von einem „barbarischen Akt“ zu sprechen. Wenige Wochen später flüchtete sich Machthaber Somoza vor den Sandinisten in den Hort vieler SchwerverbrecherInnen der Welt: nach Miami, Florida.

* Alter unbekannt


134 - Holger H.

Hat es eine angebliche Volksrepublik nötig, ihre Bevölkerung gewaltsam am Verlassen des Landes zu hindern, weil sich diese Bevölkerung weder aufgrund der republikanischen Zustände noch aufgrund der Argumentation der republikanischen Regierung mit dem Dableiben anfreunden kann, sollte diese „Volksrepublik“ ihren Laden lieber aus freien Stücken schließen, ehe sie zurecht in Verruf gerät. Von daher gibt es an den Todesopfern des DDR-Grenzregimes, möglicherweise über 1.000, nichts zu beschönigen.

Allerdings stelle ich es mir auch nicht angenehm vor, statt in der DDR in einer verschlossenen dunklen Transportkiste zu ersticken. Holgers Vater, früher schon bei einem Fluchtversuch über die Ostsee gescheitert, schlug nun den Weg über den Kontrollpunkt Dreilinden nach Westberlin vor. Ein Westberliner Bekannter mit Lastwagen übernahm, im Januar 1973, den Transport. Der Vater kam in eine, die Mutter mit dem 15 Monate alten Holger in eine andere Kiste. Man hatte die Kontrollen schon fast durchstanden, als Holger zu brüllen anhob. Da es der Mutter nicht gleich gelang, ihn zu beruhigen, hielt sie ihm kurzerhand den Mund zu. Dummerweise litt ihr Holger zu dieser Zeit an einer Mittelohrentzündung und einer Bronchitis zugleich, so daß er nicht durch die Nase atmen konnte. Der Lastwagen erreichte glücklich Westberliner Gebiet – aber mit Holger als Leiche. Er war erstickt.

Unerschrocken betrachtet, hätte man freilich auch den vielen westlichen Demokraten das Maul zuhalten müssen, die sich über das grausame DDR-Grenzregime ereiferten, während sie mit ihrem Hintern krampfhaft den Deckel des bodenlosen Fasses drückten, in dem die niedergemähten PrärieindianerInnen, die ausgepeitschten Kongo-Neger, die totgeschlagenen Chinesen des britischen Empires, die Verbrannten aus Hiroshima, die Abermillionen Toten diverser Algerien- und Vietnamkriege, die Opfer bundesdeutscher Polizeipistolen und so weiter ächzten. Allein an der Grenze zwischen Mexiko und Nordamerika, die mit Zäunen, Mauern, US-Nationalgardisten und Abschiebegefängnissen gespickt ist, kommen jährlich, seit Jahrzehnten, zwischen 250 und 500 Menschen um. Hat sich da jemand entrüstet? Auf diese obszöne Doppelmoral weist Von Paczensky in seinem Buch über die Weiße Herrschaft unentwegt hin. Man hätte unseren Faßdrückern ins Gesicht sagen müssen, sie seien „herzlose Mörder, Plünderer und Verschwörer, wie sie die Welt ihresgleichen noch nicht gesehen“ habe. So Hartley Shawcross, britischer Chefankläger bei den Nürnberger Prozessen – auf die bösen Nazis gemünzt. Sollte das geflügelte Wort „Haltet den Dieb!“ im Englischen keine Entsprechung haben? Von Paczensky knöpft sich auch wiederholt* die unzulässige „Vereinzigartigung“ der faschistischen Verbrechen vor. Sie hat genau die angedeudete Funktion.

* Etwa S. 125, 159, 240 (Fischer-TB 1982)


135 - Karen Silkwood

Sie war als Chemietechnikerin und, zum Leidwesen der Firma, auch als Gewerkschafterin bei einer Plutonium-Aufbereitungsanlage von Kerr-McGee in Crescent, Oklahoma, USA, aktiv. Sie beobachtete an sich und anderen alarmierende Krankheitssymptome, weiter empfindliche Sicherheitsmängel, Fahrlässigkeiten und Vertuschungen im Betrieb. So sammelte sie Material und verabredete sich mit David Burnham von der New York Times und dem Funktionär ihrer Gewerkschaft Steve Wodka für den 13. November 1974 in Oklahoma City. Doch auf dem Weg dorthin kam die 28jährige leider von der Straße ab und dadurch, am Fuß einer Böschung, zu Tode. Der offizielle Polizeibericht schrieb diesen „Verkehrsunfall“ Silkwoods Übermüdung zu. Die Beamten wollten im Wagen auch Medikamente oder Drogen gefunden haben. Dafür fehlten die heiklen Unterlagen. Allerdings konnten gegenteilige Vermutungen (Verdacht auf Rammung) nie bewiesen werden. Immerhin machten Kerr-McGee schon 1975 ihren hochexplosiven Laden „aus freien Stücken“ dicht. Der Fall hatte doch einiges Aufsehen erregt. In Deutschland wurde er 1977 durch Robert Jungks Buch Der Atom-Staat bekannt. Vater Bill Silkwood erstritt in einem Prozeß gegen das Unternehmen Kerr-McGee 1986 eine Entschädigung von 1,38 Millionen Dollar. Hätte ich ähnlich viel Geld, würde ich sofort nachforschen, was Silkwood senior mit dem Zaster anstellte.


136 - Roque Dalton

Er starb unter Umständen, die ein eher trübes Licht auf die Branche der Berufsrevolutionäre werfen. Der 1935 geborene uneheliche Sohn eines reichen US-Unternehmers hatte sich um 1955 während seines Jura-Studiums in Santiago de Chile unter dem Einfluß linksradikaler Studenten und des berühmten Malers Diego Rivera mit der Idee des Sozialismus angefreundet. In sein Heimatland El Salvador zurückgekehrt, schloß er sich der KP an und organisierte an der Universität der Hauptstadt einen linken Literaturzirkel. 1959 wurde er verhaftet. Aber im folgenden Jahr sprang er dem Tod zum ersten Mal von der Schippe: einen Tag vor der angesetzten Hinrichtung Daltons wurde Präsident José María Lemus López gestürzt, das rettete dem Agitator und Literaten das Leben. Er ging zunächst nach Mexiko, 1961 nach Kuba und verfaßte mehrere Bücher über seine Erlebnisse. 1965 nach El Salvador zurückgekehrt, wurde er abermals verhaftet und zum Tode verurteilt – und entging der Hinrichtung erneut, weil ein pünktliches Erdbeben das Gefängnis zertrümmerte, in dem er saß. Er mischte sich unter eine Prozession, die gerade vorbeikam, und floh nach Kuba. Zunächst als Korrespondent in Prag tätig, verfaßte er nebenbei eine Biografie über den salvadorischen Gewerkschaftsführer Miguel Mármol. Dann ließ er sich in einem kubanischen Militärcamp zum Guerillero ausbilden und bot sich 1973 der salvadorischen Fuerzas Populares de Liberación (FPL) als Kämpfer an. Deren Führer Salvador Cayetano Carpio soll ihn jedoch mit dem Hinweis verschmäht haben, Daltons Rolle in der Revolution sei die eines Dichters, nicht die eines Soldaten. Daraufhin schloß sich Dalton der Ejército Revolucionario del Pueblo (ERP) an, wo er vor allem Schulungsarbeit übernahm. Allerdings geriet er bald mit der streng marxistisch geeichten Führung aneinander. Damit handelte er sich seine dritte Verurteilung zum Tode ein. Die Genossen warfen dem 39jährigen spalterische Absichten und Verbindungen mit der CIA vor und erschossen ihn im Mai 1975 in Santa Anita bei San Salvador. Die Leiche blieb verschwunden.

Erheblich später kam es wegen des Mordes an dem Schriftsteller in der Hauptstadt zu einem Strafverfahren gegen die Guerilla-Chefs Joaquín Villalobos und Jorge Meléndez – das im Januar 2012 wegen „Verjährung“ eingestellt wurde. Als weiterer Verantwortlicher für den Mord wird Guerilla-Chef Edgar Alejandro Rivas Mira genannt. Villalobos soll seine Mittäterschaft schon 1993 eingestanden haben. Laut Cecibel Romero* arbeitet er inzwischen als „Sicherheitsberater“ für die konservativen Regierungen von Mexiko und Kolumbien. Meléndez leitet den Katastrophenschutz von El Salvador. Da kann ja nichts mehr schiefgehen.

* Artikel in der taz, 10. Januar 2012


137 - Anna Mae Aquash

Die Pine-Ridge-Reservation unweit der Black Hills in Süd-Dakota ist nur noch ein Schatten der stolzen Prärieindianerverbände, die hier einst nach Büffeln jagten. Sie zählt zu den ärmsten Gegenden der USA. Arbeitslosigkeit und Alkoholismus sind enorm. In den 1970er Jahren kam es immerhin zu handfestem Widerstand gegen die korrupten „Führer“ der Reservation, die Schikanen seitens der US-Indianerbehörden und des zum Himmel schreienden Unrechts überhaupt, das den „Rothäuten“ in ihrem eigenen Land schon angetan worden war. Laut Erik Lorenz' Biografie* über die DDR-Schriftstellerin und Anwältin der IndianerInnen Liselotte Welskopf-Henrich wurden in jenen unruhigen Jahren von rund 8.000 Angehörigen der Reservation rund 250 umgebracht. „Nur gut 40 Fälle wurden überhaupt untersucht, und das auch nur dann, wenn die Polizei eine Chance witterte, den Totschlag einem AIM-Mitglied anhängen zu können.“

Wenn sich Lorenz freilich die Ansicht Mary Crow Dogs, einer Freundin des Opfers, zu eigen macht, auch der Mord an Anna Mae Aquash gehe aufs Konto der US-Behörden, scheinen Zweifel angebracht. Dieser Mordfall ist bis heute stark umstritten. Die schwarzhaarige Mi′kmaq-Indianerin, 1945 in Kanada geboren, hatte sich erst nach ihrer zweiten Hochzeit Aquash genannt. Dog schildert sie als hübsche, fröhliche, stets mit Energie geladene Person. So wurde Aquash trotz ihrer geringen Körpergröße, 1 Meter 50, ein prominentes Mitglied des American Indian Movement (AIM). 1972 beteiligte sie sich am machtvollen Zug der gebrochenen Verträge, dann an der Besetzung in Wounded Knee (1973). Dieser schicksalsträchtige Ort, den ich bereits früher streifte, liegt in der Pine Ridge Reservation. Im Sommer 1975 hielt sich Aquash mit rund 20 anderen AIM-Aktivisten auf der Jumping Bull Ranch der Reservation auf. Es kam zu einem Schußwechsel mit zwei Fahndern des FBI, bei dem die beiden Beamten und ein AIM-Aktivist starben. Die toten Polizisten wurden später Leonard Peltier zur Last gelegt, der noch heute im Knast sitzt. In den folgenden Monaten verdächtigte die AIM Aquash, Polizeispitzel zu sein und unterzog sie Ende 1975 etlichen Verhören. Dabei soll zumindest teilweise Peltiers Anwalt Bruce Ellison zugegen gewesen sein, der später jede Aussage den Behörden gegenüber verweigerte. Anfang 1976 war Aquash tot. Ihr weitgehend entstellter Leichnam wurde an einem Highway der Reservation gefunden.

Es hieß zuerst, sie sei erforen, dann wurden Schußwunden festgestellt, die nach einer Hinrichtung aussahen. Lorenz schreibt, die 30jährige sei auch vergewaltigt worden, doch dieser Vorwurf taucht in zahlreichen anderen Quellen nie auf. In der Folge beschuldigten Ohrenzeugen und Kriminalbeamte mehrere Indianer des Mordes an Aquash – die sich wiederum gegenseitig beschuldigten und einander kräftig widersprachen, ob vor Gericht oder in Publikationen. Auch diverse nichtbeschuldigte AIM-FührerInnen sind bis heute geteilter Ansicht. 2004 und 2010 wurden schließlich die IndianerInnen Arlo Looking Cloud, John Graham und Thelma Rios verurteilt. Es gab zumindest Teilgeständnisse, aber geklärt ist nichts. Einige BeobachterInnen glauben, Aquash sei beseitigt worden, weil sie in der Tat Zeugin des Mordes an zwei FBI-Beamten durch Peltier oder jedenfalls eines Eingeständnisses von Peltier gewesen sei. Diese Überzeugung teilen auch die beiden Töchter Aquashs aus erster Ehe, Denise und Debbi Maloney-Pictou.

Andere glauben, das FBI habe kräftig Spuren verwischt und gefälscht, um den in eigener Regie begangenen Mord an Aquash, die längst auf der „Abschußliste“ gestanden hätte, der verhaßten AIM in die Schuhe schieben zu können. Beide Versionen sind nicht unwahrscheinlich. Vielleicht überschneiden sie sich sogar, wenn man an die bekannten, weltweit üblichen Verstrickungen zwischen den „Sicherheitskräften“ und Geheimdiensten eines Regimes und den „regimefeindlichen“ Gruppierungen denkt. Was Deutschland betrifft, siehe RAF und NSU.

* Chemnitz 2009, S. 249–51


138 - Alekos Panagoulis

Bekanntlich geben sich die gegenwärtigen westlichen FührerInnen am liebsten als KämpferInnen gegen Diktatoren aus, während sie unter der Hand mit den von Blut triefenden Herrschern Saudiarabiens über einen Tausch von Aktienpaketen telefonieren oder in lateinamerikanischen Ländchen wie Honduras einen neuen, noch unverbrauchten Diktator installieren. 1967 war Griechenland für die Diktatur reif gewesen. Als ein Wahlsieg der linken Kräfte drohte, sahen sich Nato-treue Offiziere gezwungen, das Land durch einen Putsch „vorm Kommunismus zu retten“. Wahlen, Pressefreiheit, Streikrecht und so weiter waren damit auf den Müll geworfen. Da grüßt Hauptmann Waldemar Pabst, der aus dem gleichen Grund Liebknecht und Luxemburg erschießen ließ* – und in der Tat wurde die mit der CIA abgestimmte Athener Machtergreifung deutscherseits, von Franz Josef Strauß über Bundespräsident Heinrich Lübke bis zum Außenminister Willy Brandt von der SPD, als „Stabilisierungsmaßnahme“ begrüßt. In der Folge erfreute man sich kräftiger Rüstungsexporte (sie ließen bis heute kaum nach) und hielt dem Regime, das im Gegensatz zur DDR kein „Unrechtsstaat“ war, bis zuletzt die Stange.

In der Regel werden die vom Regime (bis 1974) inhaftierten und verschleppten, dabei in vielen Fällen auch gefolterten Griechen auf 150.000 geschätzt. Einer von ihnen war Alekos Panagoulis. Zwar überlebte er die Herrschaft der Obristen, aber wahrscheinlich bezahlte er seinen Widerstand zwei Jahre später doch noch mit dem Leben, weil er zu viel wußte. Dabei war Panagoulis keineswegs Kommunist gewesen. Er hatte schon als Student der Athener TU mit der gemäßigten, von Georgios Papandreou geführten Zentrumsunion sympathisiert, für die er später Parlamentsabgeordneter wurde. Während der Dikatur desertierte er zunächst aus dem Militärdienst, schuf die Organisation Nationaler Widerstand und arbeitete in seinem Exil in Zypern Umsturzpläne zur Wiederherstellung demokratischer Verhältnisse aus. Heimlich zurückgekehrt, bereitete er mit seiner Gruppe ein Bombenattentat auf den Obristenchef Papadopoulos vor, bei dem sie sich, am 13. August 1968 bei Varkiza, dessen sonntägliche Spazierfahrt im Auto einschließlich Überquerens einer Brücke zunutze zu machen versuchten. Aber es mißlang. Die Attentäter, darunter Panagoulis, wurden ergriffen und im November von einem Militärgericht zum Tode verurteilt. Durch starke internationale Proteste und diplomatischen Druck konnte die Vollstreckung der Urteile vermieden werden; sie wurden in Lebenslänglich umgewandelt. Panagoulis blieb in der strengen Einzelhaft unbeugsam und wurde entsprechend oft mißhandelt. Er schrieb Gedichte und unternahm mehrere Fluchtversuche, die durchweg scheiterten. Im August 1973, nach viereinhalb Jahren Gefängnis, wurde er dank einer Generalamnestie des Militärregimes entlassen. Er befreundete sich mit der bekannten italienischen Journalistin Oriana Fallaci, die später ein Buch über ihn schrieb, und setzte die Widerstandsarbeit, die inzwischen Massenproteste in Griechenland einschloß, von Florenz aus fort. Das Regime fiel ein Jahr darauf, weil es sich in Zypern verrechnet und das Eingreifen türkischer Streitkräfte provoziert hatte.

Als Parlamentsabgeordneter in Athen griff Panagoulis viele PolitikerInnen wegen ihrer Mitschuld an der Obristenherrschaft derart schonungslos an, daß er es sich mit seiner eigenen Partei verdarb, der Zentrumsunion. Aber auch mit der Linken, der er „scheindemokratische Gefechte“ vorwarf, wollte er sich nicht gemein machen. Er blieb als Unabhängiger im Parlament – bis zur Nacht zum 1. Mai 1976, als der 36jährige mit seinem Wagen durch Athen fuhr. Er wurde von einem anderen Auto gerammt und verunglückte dadurch tödlich. Die wenigsten BeobachterInnen wollten an einen Zufall glauben, hatte doch Panagoulis für die nächsten Tage die Veröffentlichung von Archiven der Geheimpolizei aus der Zeit der Diktatur, der sogenannten E.S.A Archive geplant, die er sich auf Schleichwegen verschafft hatte. So verwandelte sich Panagoulis Beerdigung in eine Demonstration, an der mehrere Hunderttausend Menschen teilnahmen.

In der Tat sind die heiklen Dokumente, wie es scheint, nie veröffentlicht worden. Der Zeit-Autorin Elke Kummer zufolge hatte sie Panagoulis, um seine Gefährdung wissend, bereits seiner italienischen Gefährtin Fallaci anvertraut. Wie diese nun damit verfuhr, verrät Kummer nicht.** Offenbar enthielten die Dokumente zahlreiche Aufschlüsse über die Kollaboration von wichtigen Politikern mit der griechischen Junta. Nach Fallacis Ermittlungen (Ein Mann, 1979) wurde ihr Gefährte – den sie keineswegs nur in bestem Licht darstellt – von der neofaschistischen Gruppe Die Spinne im Auftrag des griechischen Geheimdienstes ermordet.

* Laut Günther Schwarbergs Erinnerungen (Das vergess ich nie, Göttingen 2007, Seite 159) gab Staatssekretär Felix von Eckardt die Morde am 8. Februar 1962 im Bulletin der Adenauer-Regierung als „standrechtliche Erschießungen“ aus, die Pabst „in höchster Not“ für unabdingbar gehalten habe, weil Deutschland anders nicht „vorm Kommunismus zu retten“ gewesen sei.
** Artikel „Liebe, Folter, Tod“ in der Zeit, 17. Oktober 1980



139 - Elisabeth Käsemann

Ende September 1968 reiste die 21jährige Berliner Soziologie- und Politikstudentin für ein Praktikum nach Bolivien. Obwohl dort bekanntlich die Anden winken, packte Käsemann kein nagelneues professionelles Paar Skier ein (Fischer RC4 Worldcup SC Pro RT [Ausgabe 2013] um 800 Euro, von der restlichen „Ausrüstung“ zu schweigen). Sie hatte andere Sorgen, die sie sogar in Lateinamerika hielten. Angesichts der Armut und der Ungerechtigkeit, die sie gesehen habe, könne sie sich eine Rückkehr zu den „Luxusproblemen Europas“ nicht mehr vorstellen, erklärte sie ihrem Vater. Der Tübinger evangelische Theologe setzte sich später, zu einem guten Teil vergeblich, bei den Behörden für eine Aufklärung des Schicksals seiner Tochter ein.

1971 nach Buenos Aires gegangen, beteiligte sich Käsemann, die sich als Sekretärin und Übersetzerin ernährte, an Sozialprojekten in den Slums. Anfang März 1977 wurde sie von Schergen der damals in Argentinien herrschenden Militärdiktatur verhaftet. Am 25. Mai 1977 meldete die Zeitung Clarín ihren Tod: die 30jährige Deutsche sei bei einem Gefecht zwischen Guerilleros und der Polizei umgekommen – eine Lüge, wie sich später herausstellte. Schon die Obduktion der nach Tübingen überführten Leiche ergab, Käsemann war aus nächster Nähe (von hinten) erschossen worden. Inzwischen gilt als gesichert, daß sie in verschiedenen berüchtigten Haftorten gefoltert und zuletzt in Monte Grande (bei Buenos Aires) ermordet wurde.

Etliche BeobachterInnen behaupten, Botschaft und Regierung (Helmut Schmidt/Hans-Dietrich Genscher) der Bundesrepublik hätten es der guten Beziehungen zu den Militärs zuliebe damals vermieden, auf Untersuchung des Verschwindens von Käsemann zu pochen. Möglicherweise hätte sie im gegenteiligen Fall gerettet werden können, wobei sie leider nicht der einzige Fall von verschleppten Deutschen und überhaupt verschleppten Menschen in Argentinien war. Man schätzt die Gesamtzahl für sieben Jahre Diktatur auf 30.000. Die meisten davon blieben bis heute spurlos verschwunden.

Jahrzehnte später schwang sich die Bundesregierung, wenn auch nur auf Betreiben der deutschen Koalition gegen Straflosigkeit in Argentinien, immerhin zu einer Nebenklage auf, als führende Mitglieder der Militärjunta in Argentinien vor Gericht kamen. Im Sommer 2011 wurden einige hohe Haftstrafen verhängt. Seit 2012 gibt es in Tübingen eine Elisabeth-Käsemann-Straße.

Sehr ähnlich verlief der Fall des deutsch-argentinischen Studenten Klaus Zieschank. Er war Ende März 1976 in Buenos Aires entführt und im Mai, mit 24 Jahren und vermutlich nach ausgiebiger Folter, ermordet worden. Seine Leiche wurde bei Ezpeleta ans Ufer des Rio de la Plata geschwemmt.

Auch die deutsch-paraguayische Studentin Marlene Kegler Krug verschwand in Buenos Aires, Argentinien. Sie wurde Ende September 1976 verschleppt, doch ihre Leiche wurde nie gefunden. Zeugen sahen und hörten sie in einem Folterlager. Man nimmt den Tod der ungefähr 24jährigen für 1977 an.


140 - Sechs Seeleute

Sofern sie überhaupt berücksichtigt werden, beläuft sich ihre Erwähnung zumeist auf die Formel „Dabei kamen auch sechs Seeleute um“. Wikipedia führt bemerkenswerterweise immerhin ihre Namen an.* Danach handelte es sich um den Ersten Ingenieur Caspar Borbely, dessen Verlobte Beatrix van der Hoeven und die Matrosen Carlos Medina, Vito Marcos Fortes, Andrew Davis und Silvester Roberts. Da sich nähere Angaben nicht finden, ist es vielleicht gestattet, wenn ich mich notgedrungen an den Täter halte. Er hatte noch einen Spießgesellen, Hans Peter Daimler, den ich hier vernachlässigen möchte.

Die genannten sechs Seeleute waren 1977 im Indischen Ozean die Opfer einer Explosion ihres Frachters Lucona geworden. Das Schiff ging unter. Angeblich versank dabei auch eine komplette Wasch- und Aufbereitungsanlage für Uranerz in den Fluten. Der Wiener Schlawiner Udo Proksch hatte dieses Phantom für sehr geeignet gehalten, knapp 30 Millionen DM Versicherungsgelder auszuspucken. Deshalb hatte er eine Attrappe verladen lassen und für die Explosion gesorgt. Dabei hatte er die Möglichkeit von doppelt sovielen Toten in Kauf genommen, bestand die Schiffsbesatzung doch im Ganzen aus 12 Personen. Im Zuge argwöhnischer Enthüllungen, die geradezu das Ausmaß einer österreichischen Staatsaffäre annahmen und zu mehreren Rücktritten hoher Politiker und einem toten Verteidigungsminister führten, sah sich der kleinwüchsige Tausendsassa allerdings selber gezwungen unterzutauchen. Er floh durch die halbe Welt. Schließlich wurde Proksch trotz einer Gesichtsoperation, die in Manila vorgenommen worden war, Ende 1989 aufgespürt und 1991 vom Wiener Landgericht zu 20 Jahren Haft verurteilt. Damit war er endlich berühmt. Der Fall brachte bereits mehrere Bücher hervor.

Mit Prokschs „Stehsärgen“ hatte es nicht so recht geklappt, obwohl sie eigentlich einen bemerkenswerten Beitrag zur Geschichte des Neuigkeits- und des Größenwahnes darstellten. Gewiß hatten wir schon immer Denkmale, die die Vertikale betonen, man denke nur an die Pyramiden und die gallischen Hinkelsteine, all die Tempelsäulen, Kirchtürme und Wolkenkratzer, Michelangelos David, Constantin Brancusis Endlose Säule und die in die Länge gezerrten, gleichsam ins Verschwinden gedehnten Menschenbildnisse Alberto Giacomettis. Doch unsere Leichname selber waren bestenfalls aufgebahrt; sonst hockten, saßen oder lagen sie. Der 1934 geborene Proksch, ursprünglich Designer, später Chef der Wiener Hofzuckerbäckerei Demel und mit aller Wiener Prominenz per Du, löste das Problem nachhaltiger Standhaftigkeit um 1975 durch Plastikröhren, die er im Rahmen seines Vereins zur Förderung der Senkrechtbestattung als „Stehsärge“ ausgab. Allerdings scheint der Absatz nicht floriert zu haben. Der Nebeneffekt der „Stehsärge“, analog New Yorker Wolkenkratzer auf dem Friedhof Grundstückspreis zu sparen, wurde nicht honoriert. Dem Wiener Journalisten Michael Frank zufolge, damals Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, diente das „schmähführende merkwürdige Konstrukt“, das sich nirgends näher beschrieben geschweige denn vorgestellt finde, vordringlich dazu, Proksch mit dem österreichischen Bundesheer in Verbindung zu bringen. Der Zuckerbäcker liebäugelte nämlich mit 100 Kilogramm Sprengstoff, die er auch bekam. Angeblich verpulverte er sie restlos auf einem tiroler Truppenübungsplatz um Werbefilme herzustellen, mit denen er seine „Stehsarg“-Plastikröhren als Feldunterstände für Soldaten zu verkaufen gedachte – ohne Zweifel eine köstliche Umwidmung. In Wirklichkeit war aber nur ein Bruchteil des Sprengstoffs gezündet worden, wie später die Sichtung des Filmmaterials ergab. Mit dem Rest beförderte Proksch die Lucona in die Luft.

1996 besuchte ihn Zeit-Autor Helmut Schödel im Grazer Gefängnis Karlau.** Nach dem Zustand seines Gewissens befragte Schödel den Häftling offenbar nicht. Dafür gab Proksch, der in jungen Jahren mit der Burgschauspielerin Erika Pluhar verheiratet war, Erstaunliches zum Krieg zu Protokoll. Er entspringe den Männern, weil sich diese nicht ins Blut schauen könnten. „Die Frau sieht das jeden Monat; wir Männer müssen uns erst den Bauch aufreißen.“ Proksch starb im Juni 2001.

Man könnte sich bei dieser Gelegenheit fragen, warum eigentlich Armand Hammer nie im Knast saß? Der stein- und einflußreiche US-Industrielle war bis zu seinem Tod (1990) seit Jahrzehnten Eigentümer und oberster Chef der Occidental Petroleum, die u.a. in der Nordsee die mit rund 225 Männern besetzte Öl- und Gas-Bohrinsel Piper Alpha betrieb. Am 6. Juli 1988 flog sie in die Luft beziehungsweise rann sie, zerschmolzen, ins Meer. Ein Feuer war ausgebrochen. Das schwere Unglück, für das bis heute niemand strafrechtlich belangt worden ist, forderte 167 Todesopfer, von den Verletzten und den gewaltigen ökologischen Schäden einmal abgesehen. Die meisten Quellen betonen die groben Fahrlässigkeiten, die sich verschiedene Verantwortliche geleistet hatten. Winfried Dolderer zitiert*** sogar den Boß selber, Hammer, der den leitenden Angestellten bei einem vorausgehenden Besuch auf der Plattform eingeschärft haben soll: „Das ganze Geld, das zur Küste gepumpt wird, geht verloren, wenn ihr diese Plattform abschaltet. Das lassen wir nicht geschehen.“ Dagegen zeigt sich kaum einer vom Grundsätzlichen erschrocken, nämlich dem Erfinden, Bauen und Betreiben von Öl- und Gas-Bohrinseln, Flugzeugträgern, Kernkraftwerken und dergleichen mehr. Dieses wird nicht als fahrlässig und kriminell erachtet, vielmehr als fortschrittlich.

1995 wurde die bislang größte Bohrinsel der Welt in Betrieb genommen – ebenfalls in der Nordsee. Nachdem sie vorort geschleppt und dann, vier Betonbeine voran, auf den Grund (Meerestiefe 300 Meter) abgesenkt worden war, sackte sie erst einmal neun Meter ein. Sie wiegt, ohne Ballast und je nach Quelle, um 670.000 Tonnen. Das entspricht ungefähr dem Gewicht von 10.000 Diesellokomotiven. Man taufte die künstliche Insel auf einen ähnlich lustigen Namen wie schon Hammer ihn trug: Sea Troll.

* WP Lucona
** Zeit 26. April 1996
*** Deutschlandfunk 6. Juli 2013



141 - Rudi Dutschke

Der Zufall (der Chronologie) will es, daß ich erneut das Schwergewicht auf den Täter lege. Das Opfer ist zu bekannt. Als Rudi Dutschke 1979, mit 39 Jahren, an den Spätfolgen der drei Pistolenschüsse starb, die Josef Bachmann am 11. April 1968 auf dem Westberliner Kurfürstendamm auf den nicht nur ihm verhaßten Revolutionär („dreckiges Kommunistenschwein“) abgegeben hatte, war sein Mörder auch schon seit Längerem tot. Bachmann hatte sich 1970 mit 25 Jahren im Gefängnis umgebracht.

Was damals hinter Bachmann gelegen hatte, sollte man nicht leichtfertig „ein verkorkstes Leben“ nennen, solange man nicht weiß, wen man, Gott einmal ausgenommen, für alle die verkorksten Leben, die sich die Sterne schon mitansehen mußten, verantwortlich machen könnte. Wir wählen unsere Geburt so wenig wie unseren Willen, von dem ich bereits in der Vorbemerkung sprach. Als Kind oft krank, war Bachmann auch noch mit einem Stoffel als Vater geschlagen. Der schwächelnde sächselnde Bub wird gehänselt; nach der „Hilfsschule“ kommen die „Hilfsarbeiten“; dann die Diebstähle und Vorstrafen, übrigens auch wegen unerlaubten Waffenbesitzes. Sowohl in der DDR wie im Ruhrgebiet hat schon der Halbwüchsige offene Ohren für die Hetze aus faschistischer Ecke. Wobei zumindest für Linke felsenfest steht, daß auch die Springer-Presse gehörig dazu beitrug, den blassen, schmächtigen, 1 Meter 60 kleinen Bachmann auf die Idee zu bringen, bei einem ehemaligen Peiner NPD-Mitglied Schießunterricht zu nehmen und am 10. April per Bahn von München nach Berlin zu fahren, um Dutschke, dem er noch nie begegnet ist, anderntags unweit des SDS-Büros aufzulauern. „Und man darf auch nicht die ganze Dreckarbeit der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen“, so Bild am 7. Februar. Laut Gerhard Mauz gab Bachmann am zweiten Verhandlungstag vor dem Moabiter Schwurgericht zu, unter den Blättern, aus denen er sein Wissen über Dutschke und überhaupt seine Informationen bezogen habe, hätte sich „die Bild-Zeitung vorneweg“ befunden. Nach dem Attentat, im Krankenhaus aus der Narkose erwacht, hatte er folgerichtig vermutet: „Ich möchte mit Ihnen wetten, daß sich jetzt 70 Prozent der Bevölkerung im Stillen die Hände reiben.“ So dumm war der Hilfsschüler also nicht.

Was die Motive für Bachmanns Selbstmord angeht, liegen sie nach wie vor im Dunklen. Ein Abschiedsbrief ist nicht bekannt. Einige mutmaßen, Bachmann sei niedergeschlagen gewesen, weil ihm Dutschke schon länger nicht mehr geschrieben hatte. Aber das ist ein verdammt heißes Eisen, für beide Seiten: das Opfer überlebt, kann aber nicht als Ersatzvater oder Busenfreund für den Täter genügen! Im Übrigen lag dieser Selbstmord längst in der Luft. Schon in seinem ersten wohlwollenden Brief an Bachmann, am 7. Dezember 1968 in Mailand abgeschickt, hatte Dutschke den Häftling, nach einiger Agitation, abschließend gebeten, „mit den Selbstmordversuchen aufzuhören“, er werde noch gebraucht. Und Bachmann räumte in seinem zweiten, am 10. Januar 1969 verfaßten Brief an Dutschke ein: „Zurzeit geht es mir etwas besser als wie in den ersten Monaten, wo ich versucht habe, mit allen Mitteln aus dem Leben zu scheiden. Ich hoffe ja, daß ich alles durchstehen werde und für mich auch noch einmal die Sonne scheinen wird. Wenn nicht, bleibt mir noch immer Zeit, von dieser beschissenen Erde zu verschwinden.“*

Der Mordversuch hatte Bachmann, im Frühjahr 1969, sieben Jahre Haft eingebracht. Ein Jahr darauf, nach wiederholten Selbstmordversuchen, wenn auch, wegen der scharfen Bewachung, auf stets andere Weise (Erhängen mit Radiokabel, Halsschlagader mit Scherben des zerschlagenen Zellenfensters durchtrennen, Löffel oder Messer verschlucken) sühnte er seine drei Kopfschüsse auf Dutschke mit einer über den eigenen Kopf gestülpten Plastiktüte, in der er erstickte. Er hatte sie am Hals zugebunden. Schon die Vorstellung, auf diese Art zu sterben, ist alles andere als angenehm. Unter den Suizid-Arten soll sie selten sein. Vermutlich stand Bachmann in seiner gut durchsuchten Zelle keine andere Methode zur Verfügung. Prahlerei läßt sich darin jedenfalls nicht mehr sehen. Als Bachmann einmal in Frankreich mit verschlossenen Handschellen ins Meer gesprungen war, tat er es weniger, um seinen Kumpels zu imponieren, wie man zuweilen liest, vielmehr um dem Gefängnis zu entgehen. Das mißlang; ein Berufstaucher fischte ihn wieder heraus.

Wer nie Oberwasser verlor, das war der Mann, unter dessen Vorsitz Bachmann in Moabit verurteilt worden war. Das wurde damals von Brandts Tochter Heike enthüllt und hier und dort aufgegriffen, etwa durch Yaak Karsunke.** Landgerichtsdirektor Heinz Brandt (56) war ein Regime früher Mitglied der NSDAP (Nummer 1436 536), Abteilungsleiter in der Reichsgruppe Junge Rechtswahrer und Kreisinspektor in Lebus an der Oder gewesen.

* ausgerechnet laut Bild.de vom 27. April 2010
** Rotbuch Josef Bachmann / Sonny Liston, Berlin 1973



142 - İlhan Erdost

Die Wachstuben der Welt wimmeln von Sadisten. Kurz nach dem jüngsten Militärputsch in der Türkei wurde der 35jährige linke Verleger İlhan Erdost im November 1980 in Ankara verhaftet und im Mamak-Gefängnis eingesperrt. Dann schickte der befehlshabende Unteroffizier Şükrü Bağ seine Männer mit der Aufforderung in die Zelle: „Laßt seine Mutter weinen!“ Sie mißhandelten Erdost so gründlich, daß er nach 20 Minuten erstickte. Sein Vergehen hatte darin bestanden, eine Übersetzung von Friedrich Engels Dialektik der Natur zu veröffentlichen. Seine Frau Gül machten sie zur Witwe. Immerhin wurden die Täter 1984 mit (glimpflichen) Haftstrafen belegt, für türkische Verhältnisse eine Rarität. Erdosts älterer Bruder Muzaffer, der damals ebenfalls verhaftet und mißhandelt worden war, nannte sich später ihm zu Ehren Muzaffer İlhan Erdost.

Unzählige andere Fälle von Terror seitens der „Sicherheitskräfte“ im Nato-Staat Türkei (seit 1952) wurden nie geahndet, ja noch nicht einmal bekannt.


143 - Yolanda González

Die 19jährige Studentin und Aktivistin einer „trotzkistischen“ Gruppe sah sich im Februar 1980 an ihrer Wohnungstür in Madrid unversehens vier angeblichen Polizisten gegenüber, die sie in ein Auto zerrten, auf Ödland fuhren und dort, nach einigen Mißhandlungen und „Verhören“, erschossen. Die getarnten Rechtsradikalen hatten ihr vorgeworfen, der baskischen Untergrundorganisation ETA anzugehören – möglicherweise „nur“ eine Verwechslung. González stammte aus Bilbao. Haupttäter war Emilio Hellín Moro, Jahrgang 1947, von der Neonazipartei Fuerza Nueva. Er mußte nur einen Bruchteil seiner langen Haftstrafe absitzen, weil er bei den Behörden viele GönnerInnen hatte. Nach jüngsten Enthüllungen der Tageszeitung El País* durfte Hellíns „Sicherheitsfirma“ zwischen 2006 und 2011 sogar für die spanische (sozialdemokratische) Regierung tätig sein. Die Böcke als Gärtner.

* in Deutschland von Carmela Negrete aufgegriffen, Junge Welt vom 28. Februar 2013


144 - Olaf Ritzmann

Der 16jährige Tischlerlehrling beteiligte sich im August 1980 in Hamburg an einer Demonstration gegen den damaligen Kanzlerkandidaten Franz Josef Strauß. Dabei wurde er bei Auseinandersetzungen zwischen Militanten und Polizisten von einer S-Bahn erfaßt und getötet. Die Schuldfrage ist umstritten, Gerichtsverfahren gab es nicht.

Der 18jährige berufslose Tramper Klaus-Jürgen Rattay war zuletzt in der Westberliner Hausbesetzerszene heimisch geworden. Bei einem Polizeieinsatz anläßlich einer aufreizend wirkenden Pressekonferenz des Innensenators Heinrich Lummer, der zuvor etliche Häuser hatte räumen lassen, wurde Rattay im September 1981 auf der Kreuzung Bülowstraße/Potsdamer Straße von einem Bus der BVG erfaßt und zu Tode geschleift. Die Polizei hatte den Verkehr auf der Kreuzung nicht unterbunden. Aber auch in dieser Sache stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungsverfahren ein. Nach der Erinnerung des Fotografen R.*, der Rattay kannte und damals mit vor Ort war, hatte eine polizeiliche Übermacht ein Häuflein ohnmächtig lärmender Demonstranten auf Wink des „in Feldherrenmanier“ (taz) auf einem Balkon stehenden Innensenators vorsätzlich in den strömenden Verkehr getrieben.

Der 36jährige Maschinenschlosser und Mitarbeiter eines linken Jugendzentrums in Frankfurt/Main-Bockenheim Günter Sare beteiligte sich im September 1985 an Protesten gegen eine NPD-Versammlung, die ausgerechnet im Haus Gallus stattfand – hier waren gut 20 Jahre früher die Frankfurter Auschwitzprozesse abgehalten worden. Wie sich versteht, war Polizei aufgezogen. Es kam zunächst zu Kämpfen zwischen militanten Linken und Anhängern der NPD. Dann wurde der weder Steine werfende noch flüchtende Sare von einem 26 Tonnen schweren Wasserwerfer der Polizei von den Beinen gefegt und anschließend überrollt. Sein Tod rief in vielen deutschen Städten „Krawalle“ hervor. Kurz darauf, im Dezember, wurde Ex-Steinewerfer Joschka Fischer hessischer Umweltminister – jetzt waren die Turnschuhe wichtig, die er bei seiner Vereidigung getragen hatte. Später kam es zu einem Verfahren gegen die zweiköpfige Besatzung des Wasserwerfers. Die Richter fanden heraus, Sare habe zu viel Alkohol im Blut gehabt, nämlich 1,5 Promille, außerdem führten sie die Wassernebel und die Dunkelheit ins Feld. Sie sprachen die Angeklagten vom Vorwurf der Fahrlässigen Tötung frei.

* Artikel „Sie stehen mit ihren Füßen darauf“ von Tina Veihelmann, Freitag, 22. September 2006


145 - Ignaz und Ilona Platzer

Der Bombenanschlag auf unschuldige BesucherInnen des Münchener Oktoberfestes von 1980 gilt als schwerster Terrorakt der deutschen Nachkriegsgeschichte. Neben zahlreichen, zum Teil schwer verletzten Opfern hinterließ er 13 Tote, darunter der Attentäter Gundolf Köhler (21), nach offizieller Version zwar „Rechtsextremist“, jedoch als solcher „Einzeltäter“. Etliche BeobachterInnen halten eine Verstrickung faschistischer Gruppen und überdies staatlicher Geheimdienste in den Anschlag für wahrscheinlich. In dieser Hinsicht könnte sich auch ein seit 2013 in Luxemburg stattfindendes Gerichtsverfahren als aufschlußreich erweisen, in dem es unter anderem um Operationen der berüchtigten „Stay-Behind-Organisation“ Gladio geht. Von den Münchener 13 Todesopfern waren geschlagene 11 unter 40 Jahren. Die Geschwister Ignaz (6) und Ilona Platzer (8) stehen hier nur stellvertretend für sie.


146 - Sigurd Debus

Der etwas verschrobene, wahrscheinlich überwiegend solo kämpfende Staatsfeind hatte das Pech, von den Freunden des Staates, hier in Gestalt des niedersächsischen Verfassungsschutzes und der GSG 9 des Bundesgrenzschutzes, jenes berüchtigte Celler Loch angehängt zu bekommen, daß sie selber im Juli 1978 in eine Außenmauer der betreffenden Strafanstalt gesprengt hatten, wie später bewiesen werden konnte. Angeblich suchten sie durch diese Vortäuschung eines Befreiungsversuches ihre „Verbindungen“ in die terroristischen Kreise hinein zu verbessern. Das Ganze fand sozusagen unter den gläubigen Augen des christdemokratischen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht statt, der den Vorstoß in wieder einem „Untersuchungsausschuß“ (des Landtages in Hannover) zu rechtfertigen suchte. Zum Ausgleich für die Schmähungen, die er gleichwohl erlitt, rühmte man ihn später für angeblich selbstlose Einsätze im DDR-Einkauf.* Gerichtlich belangt wurde niemand. Was den in Celle einsitzenden Debus angeht, führte der Schwindel mit dem Loch lediglich zu dem Kollateralschaden, daß der Ex-Kommunist und Bankräuber nach Hamburg verlegt wurde, sich dort am Hungerstreik der RAF beteiligte und im April 1981, inzwischen 38, trotz (oder wegen) Zwangsernährung starb.

* Stichworte Treuhand / Stahlwerk Thale / Thaletec / Kinderferienlager Thale


147 - Ursula Herrmann

Im Vergleich zu ihr hatte der älteste Sohn des Dresdener Theologen und Hochschullehrers Friedrich Delekat wahrscheinlich einen glücklichen Tod. Dem 13jährigen, dessen Vornamen Victor Klemperer in seinen Tagebüchern übergeht, fiel im Sommer 1934 auf dem Schulhof ein Dachziegel auf den Kopf. In der elterlichen Todesanzeige habe man dann lesen können: „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen!“ Romanist Klemperer: „Die Theologen haben es gut.“

Ursula wurde bereits mit 10 von der Erde getilgt. Es war im September 1981. Die „lebenslustige“ oberbayerische Schülerin aus Eching am Ammersee wurde auf ihrem Heimweg vom Fahrrad gelockt oder gerissen und wenig später gleichsam in einer Holzkiste vergraben, die ungefähr 1,60 Meter unter dem Waldboden eingelassen war. Nach rund anderthalb Stunden war sie erstickt, wie später ein Gerichtsmediziner vermutete. Male sich jeder die Qualen des Mädchens selber aus, zudem die der Eltern. Ursulas Leiche wurde gut zwei Wochen nach der Entführung aufgespürt. Ihr grauenhaftes Verlies soll nur 72 × 60 × 139 Zentimeter gemessen, gleichwohl über Beleuchtung (Batterie), Lektüre, Lebensmittelvorräte, einen Toiletteneimer, Kinderkleidung und sogar ein Transistorradio verfügt haben. Ob die EntführerInnen nicht mit der „Gefahr“ rechneten, ihr Opfer könne gehört werden, geht aus meinen Quellen nicht hervor. Dafür nahmen sie dessen Tod inkauf. Zum einen erwiesen sich die Belüftungsrohre der Kiste als durch Laub oder Erde verstopft oder sonstwie untauglich, zum anderen verliehen sie ihrer Forderung nach einem Lösegeld von zwei Millionen DM schon nach kurzer Zeit nicht den geringsten Nachdruck mehr. Offenbar war in der Verbrecherbande einiges schief gelaufen. Bei der Polizei ebenfalls: Verhaftungen fanden nicht statt.

Immerhin, nach knapp 30 Jahren kam der Fall erneut auf die Agenda der Augsburger Staatsanwaltschaft. Und im Frühjahr 2010 verurteilte das dortige Landgericht den schon anfangs verdächtigten, inzwischen knapp 60jährigen Werner M. aufgrund neuer, angeblich schlagender Beweise zu Lebenslänglich. Ein mutmaßlicher Spießgeselle war bereits gestorben. M.s Ehefrau wurde freigesprochen. Der gelernte KFZ-Mechaniker und ehemalige Inhaber einer Fernsehreparaturwerkstatt, der bis zuletzt seine Unschuld beteuerte, hatte damals in Sichtweite der Herrmanns gewohnt und war hochverschuldet. Allerdings wird das Lehrerehepaar Herrmann in verschiedenen Presseartikeln als „unvermögend“ bezeichnet. Davon abgesehen, habe ich über die Verhältnisse in Ursulas Elternhaus nicht eine Angabe gefunden. Vielleicht ist man darauf bedacht, nach dem Mißgeschick mit dem Kind wenigstens die Eltern zu schützen.

Viele BeobachterInnen halten M. keineswegs für „zweifelsfrei“ überführt. Sie weisen auf zahlreiche Ungereimtheiten hin. Schon in den Anfängen der Ermittlungen soll sich die Polizei etliche „Pannen“ geleistet haben. Auch der Musiklehrer Michael Herrmann hält den Fall für nicht wirklich geklärt.* Er ist der Bruder des Opfers.

* Münchener Abendzeitung, 25. März 2010


148 - Lars Bense

Der Schüler Bense, von Hans Girod* als „fröhlich, aufgeweckt und zart“ beschrieben, war erst Sieben. Er fiel 1981 in Halle-Neustadt dem berühmten Kreuzworträtselmord zum Opfer. Lars wurde nach seinem Besuch einer Filmvorstellung vermißt und schließlich an der Bahnstrecke nach Leipzig tot in einem aus dem Zug geworfenen Koffer gefunden. Die Kripo kam dem 18jährigen Täter nur auf die Spur, weil sich im Koffer, neben der Leiche des mißbrauchten und dann erschlagenen Jungen, auch ein paar Zeitungsblätter mit ausgefüllten Kreuzworträtseln fanden. Sie wertete geschlagene 550.000 Schriftproben aus, die sie im Raum Halle genommen oder eingezogen hatte. Der Täter bekam Lebenslänglich. Kaum war er am 15. Januar 2013 im Alter von 50 Jahren einer schweren Krankheit erlegen, brachte der Erfurter Sutton Verlag (laut Spiegel bereits am 1. Februar) einen „Tatsachenroman“ heraus, den die damalige Freundin des Hausmeisters und Kellners verfaßt hatte. Die beiden hatten zuletzt gemeinsam in einem Thüringer-Wald-Erholungsheim gearbeitet. Nun heißt es in der Presse, die Haller Staatsanwaltschaft habe neue Ermittlungen gegen die inzwischen 49 Jahre alte Frau eingeleitet, weil die Darstellung im Roman ihren früheren Zeugenaussagen widerspräche, wonach sie zur Tatzeit nicht in Halle gewesen sei. Im Roman will sie, wenn auch nur „unter Zwang“, bei der Beseitigung von Spuren in der Tatwohnung, ja sogar der Leiche geholfen haben. Sie sagt, das sei Fiktion. Dadurch habe sie Abstand gewinnen können; ohnehin habe sie an einem schweren Trauma gelitten. Hat sie Pech, wird sie der Mordbeihilfe angeklagt. Das wiederum würde vermutlich der Bilanz des Erfurter Verlages helfen. Der damalige Chefermittler im Fall, Siegfried Schwarz, merkte Journalisten gegenüber an, der vom Buch bewirkte „Rummel“ sei „unerträglich“, weil jetzt Lars' Mutter das ganze Geschehen noch einmal durchleben müsse.** Lars' Vater soll bereits 1994 gestorben sein.

Der hohe 53jährige DDR-Beamte Herbert Gerhardt, Hauptabteilungsleiter im Ostberliner Volksbildungsministerium und angeblich Vertrauter der Ministerin Margot Honecker, ansonsten aber mehr gleichgeschlechtlich orientiert, machte im August 1987 eine „Zufallsbekanntschaft“ in einer Lichtenberger Kneipe. Die beiden gingen in Gerhardts nahegelegene Wohnung. Dort hatte sich der 21jährige Fernando H. angeblich der Zudringlichkeiten Gerhardts zu erwehren, was damit endete, daß er diesen erdrosselte und beraubte. Er klemmte sich verschiedene technische Geräte unter den Arm, etwa einen Radiorecorder, und verschwand in dem Auto des Toten. Ein neuer Zufall führte laut Pressemeldungen erst 1995 auf die Spur des Täters, der wegen versuchtem Darlehensbetrug aufgefallen war. H. habe das Verbrechen gestanden.***

Die 60jährige alleinstehende Pastorin Waltraud Peper aus Wernigerode hatte im August 1988 im Oberharz Urlaub gemacht, kam aber nicht zurück. Am 4. September wurde sie tot in einem Waldstück bei Schierke (Grenzgebiet) gefunden. Ihre mit Reisig bedeckte Leiche war bereits in Verwesung begriffen; möglicherweise wurde Peper erwürgt. Ob sie einem Sexualverbrechen zum Opfer fiel, lassen die spärlichen Quellen offen. Eine Obduktion fand statt. Anhaltspunkte für Raub oder Streit tauchten offenbar nicht auf. Da Peper zu den unbequemen, kritisch-engagierten Kirchenleuten der DDR zählte und auch zahlreiche Auslandskontakte hatte, kamen Gerüchte auf, die Stasi, die auch zuerst am Tatort war, habe bei diesem Mord ihre Finger im Spiel gehabt. Das hält der Magdeburger Polizeikommissar Harald Meier, laut einem Rundfunkbericht von Michael Hollenbach****, für unwahrscheinlich; gerade durch die Beteiligung der Stasi habe man damals die bestmögliche Ermittlungsarbeit leisten können. Gleichwohl ist der Fall bis heute ungeklärt.

1995 wurde die 19jährige Heike Rimbach, Lehrling in einer Metzgerei, auf dem Dachboden ihres Elternhauses in Lüttgenrode, gleichfalls Harz, grausam ermordet gefunden. Auch dieser Fall ist offen.

Zwei Jahre darauf stieß eine Ehepaar, das in seinem Jagdrevier Karauschenholz bei Moritzburg, Sachsen, seinen Hund spazieren führte, zufällig auf eine, wie es zurecht annahm, illegal durchgeführte Schießübung. Zur Rede gestellt, entspann sich ein Streit mit dem ungefähr 30jährigen Schützen. Im Ergebnis nutzte er seine beiden, erst kürzlich in einer Anwaltskanzlei gestohlenen Trainingspistolen dazu, den rund 50 Jahre alten evangelischen Pfarrer und Oberlandeskirchenrat Roland Adolph, dessen Frau Petra sowie Hund Hedda zu erschießen. Er konnte zunächst, für mehrere Jahre, flüchten. Angeblich hatte ihn Angst vor der nächsten Bestrafung geleitet. Schon wiederholt vorbestraft und nur anfänglich geständig, bekam „Kleinganove“ Manfred R. aus Dresden 2001 „Lebenslänglich“, wobei möglicherweise manche Einzelheiten und Verstrickungen im Dunklen blieben.***** Das getötete Ehepaar hinterließ zwei Kinder.

* Das Ekel von Rahnsdorf und andere Mordfälle aus der DDR, Berlin 1997
** Thüringer Allgemeine, 15. März 2013
*** Berliner Zeitung, 24. Juni 1995
**** Deutschlandradio Kultur, 14. September 2013
***** Müller/Schade 2007, s. Vorschau



149 - Helga Scholz

Rund 10 Jahre später verfaßt, hätte sich Yaak Karsunke in seinem schmalen Buch über Josef Bachmann und den schwarzen US-Profiboxer Sonny Liston vielleicht auch noch mit Bubi Scholz auseinandergesetzt. Hier geht es freilich um dessen Frau Helga. Als sie sich an einem Juliabend des Jahres 1984, wie schon öfter, in einer Gästetoilette unweit des holzgetäfelten Partykellers ihrer gemeinsamen Villa verbarrikaridierte, war sie 49 und seit knapp 30 Jahren mit dem weltberühmten Ex-Boxer verheiratet. Die Villa im grünen Berliner Westend verfügte auch über einen Swimmingpool, einen Kinosaal sowie ein Kleinkalibergewehr, das über der Bar an der Wand zu hängen pflegte. An diesem Abend wurde die Bar nicht von Prominenz bevölkert. Das Paar hatte allein gezecht und gestritten. Als sich Helga (angeblich) hartnäckig weigerte, ihren Rückzugsort endlich wieder zu verlassen, nahm ihr 54jähriger „Bubi“ (eigentlich Gustav) das Gewehr vom Haken und schoß durch die verriegelte Tür der Gästetoilette. Dadurch kam Helga um.

Folgt man Bettina von Sass*, hatte die „zierliche, schmallippige, scharfzüngige“, eventuell auch magersüchtige Boxergattin durchaus Haare auf den Zähnen gehabt, in der Ehe die Hosen an und so weiter. Bei den häufigen Partys soll sie viel geflirtet haben. Mit ihrem Gatten konnte sie ja nach dem Ende des Karriere-Rausches kaum mehr prahlen. Ihr „Bubi“ hatte nichts Großes mehr auf die Beine bekommen. Im weißen Porsche fahren oder im weißen Bademantel um den Swimmingpool wandeln, wie Bubi es noch immer liebte, macht ja den Kohl nicht fett. Versuche mit Parfümerieläden und einer Werbeagentur mißraten. Sowohl Bubi wie Helga sprechen vermehrt, ja exzessiv dem Alkohol zu. In Anspielung auf das 1980 erschienene Buch ihres wie Sonny Liston aufgestiegenen Gatten Der Weg aus dem Nichts soll Helga gelästert haben, ihr Buch würde sie „Mein Weg mit einem Nichts“ nennen. Doch worauf konnte sie selbst bauen? Einen Beruf oder eine Leidenschaft von ihr erwähnen die Quellen nicht. Ihre Mutter hatte einen Frisiersalon, wo Helga offenbar mithalf, nachdem sie ein Gymnasium besucht hatte. Den gefeierten Boxer heiratete die hübsche 20jährige 1955. Er stand gerade im Begriff, sich vom Sohn eines Schmiedes am Prenzlauer Berg und gelernten Koch zum mehrmaligen Europameister im Mittelgewicht oder Halbschwergewicht hochzuschlagen. 1964, als 34jähriger, hängte er die Boxhandschuhe wieder an den Nagel. Dann schleppte sich das Ehedrama bis zu den Schüssen durch die Klotür noch 20 Jahre hin.

Vor Gericht rechnet man Bubi Scholz zunächst den hohen Alkoholpegel an. Wer also seine Schwiegermutter beseitigen möchte, ist gut beraten, sich vorm Aufkrempeln der Ärmel zwei Flaschen Cognak zu besorgen. Ferner kommt Bubis Reue gut an. Und schließlich habe möglicherweise nur die Absicht zu drohen bestanden, nicht aber zu töten. Auch das psychiatrische Gutachten Dr. Gerhard Zellers fiel günstig in die Waagschale. Bubis Selbstwertgefühl sei völlig am Boden gewesen, dann noch die abträglichen Sticheleien seiner Frau, die ihn als „armen Schlucker“ gesehen habe, und jünger wurde der Sportler auch nicht.

Kurz und gut, das Gericht bediente ihn mit drei Jahren Haft wegen fahrlässiger Tötung und unerlaubten Waffenbesitzes. Volkes Rede von der Gewährung eines Prominentbonus' wies das Gericht zurück. Nun hieß es schuldbewußt altern. Nach mehreren Schlaganfällen und Befall mit Alzheimer erstickte der 70jährige „Bubi“ 2000 in seinem Seniorenheimzimmer an einem Frühstücksbrötchen.

Fünf Jahre vor Helga Scholz hieß das Opfer Brigitte Rau, 45 Jahre alt, von Beruf Schauspielerin. 1958 hatte sie beispielsweise am Spielfilm Ist Mama nicht fabelhaft? mitgewirkt. Sie selbst hatte mit ihrem Kollegen und Gatten Gunnar Möller, Jahrgang 1928, mit dem sie auch von Berufs wegen mehrmals Ehepaare gab, drei Kinder und zog sich deshalb zunehmend aus ihrem Beruf zurück – allerdings auch von Möller, mit dem sie zuletzt ein Haus in London-Hampstead bewohnte. Dort jagte sie dieser am 24. September 1979, wohl unter Alkoholeinfluß, bei einem Streit „im Affekt“ durchs Haus, um sie schließlich mit einem Schemelbein zu erschlagen. Die Ehe war schon lange zerrüttet und Rau, die bereits einen jüngeren Geliebten besaß**, hatte eine Scheidung angestrebt. Möller bekam fünf Jahre, saß aber nur 26 Monate, also gut zwei Jahre ab. Er kehrte nach Deutschland zurück, wo er seine künstlerische Laufbahn erfolgreich fortsetzen konnte. 1959 hatte er, als Leutnant Fuhrmann, auch zur Besetzung des bekannten Kinostreifens Hunde, wollt ihr ewig leben gezählt. Er selber, erneut verheiratet, lebt nach wie vor, zunächst in München, dann in Berlin, und geht bereits auf die 90 zu. 2008 hieß es in einem dpa-Bericht, Möller habe wiederholt versichert, jene Bluttat sei ihm selber unbegreiflich. Das ist leider eine Bezeichnung, von wem auch immer, die sich wie ein Kaugummi in jede gewünschte Richtung ziehen läßt. Nun, anläßlich seines 80. Geburtstages, habe Möller darum gebeten, ihn nicht mehr an den Vorfall zu erinnern.

* Berliner Morgenpost, 22. Juli 2009
** Prozeßbericht von Gerhard Mauz im Spiegel 19/1980



150 - Gérard Lebovici und Jacques Mesrine

Gérard Lebovici, geboren 1932 bei Paris, stammte aus rumänisch-jüdischem Hause. Ursprünglich Theaterschauspieler, machte er sich um 1970, inzwischen von den weitreichenden Wogen der Maiunruhen getragen, als mehr oder weniger linker Veranstalter im Showgeschäft, Filmproduzent und Verleger einen schillernden Namen, den zumindest in den Künstler- und Ganovenkreisen der französischen Hauptstadt jeder kannte. Er vertrat unter anderem Jean-Paul Belmondo und Catherine Deneuve und brachte in seiner Editions Champ Libre neben Marx und Bakunin George Orwell heraus, der sich einst vom kolonialen Polizeichef in Burma zum Freiheitskämpfer an der Seite bewaffneter spanischer Anarchisten gemausert hatte. Die Nähe zur Gewalt blieb Lebovici auch im Tod treu. An einem Märztag des Jahres 1984 – ausgerechnet! – wurde der 51jährige zusammengesunken am Steuer seines in einem Parkhaus an der Avenue Foch abgestellten Wagens gefunden. Er wies ein paar Einschußlöcher im Nacken auf, konnte sich also schlecht selbst umgebracht haben. Die Presse hatte für Wochen ihre Sensation und spekulierte das Blaue vom Pariser Himmel herunter. Dabei wurde auch Lebovicis enger Freund und Kampfgefährte Guy Debord als möglicher, ja sogar wahrscheinlicher Täter gehandelt. Debord war der Häuptling der sogenannten Situationistischen Internationale gewesen, die starken Einfluß in der Studentenbewegung der 1960er Jahre besessen hatte. Sein Pamphlet Die Gesellschaft des Spektakels, ursprünglich 1967 erschienen, wurde bald zum „Kultbuch“ erhoben, zumal nachdem es (1971) just von Lebovici wieder aufgelegt worden war, der wohl auch als Debords Gönner bezeichnet werden kann. Nun führte Debord Prozesse, in denen jene Unterstellungen oder Verleumdungen restlos entkräftet wurden. Die Beklagten mußten ihm Schadenersatz und sogar Anzeigen mit dem Gerichtsurteil in vier Zeitungen seiner Wahl bezahlen.

Daneben gab es noch zahlreiche andere Theorien über die TäterInnen oder Hintermänner, wie immer. Auch CIA und KGB mußten herhalten. Unter Linken war verständlicherweise die Annahme verbreitet, Lebovici sei Opfer von Polizeioffizieren oder -agenten geworden, die ihm seine Nähe zu Jaques Mesrine nie verzeihen konnten. Nach dem gewaltsamen Tod des 42jährigen prominenten Bankräubers (1979) hatte der Verleger sogar dessen Tochter Sabrina adoptiert, und später brachte er auch Mesrines Memoiren heraus. Sollte diese Annahme zutreffen, wäre die Tatsache, daß der Mordfall Lebovici bis heute ungeklärt blieb, nicht weiter verwunderlich. Vermutlich wurde emsig vertuscht.

Der Berufsverbrecher Mesrine, Jahrgang 1936, hatte vor allem Banken überfallen, manchmal zwei am Tage, daneben Juweliergeschäfte, Spielcasinos, Hotels und dergleichen. Er entführte auch mehrere Millionäre. Er habe überhaupt kein schlechtes Gewissen, Banken auszurauben, soll er gesagt haben. Damit bestehle er lediglich größere Diebe, als er selbst einer sei, und nehme sich die Zinsen, die die Banken mit dem Geld der ArbeiterInnen machten. Allerdings gehen auch ungefähr 40 Morde, einige Geiselnahmen und wiederholte Brutalitäten gegenüber Geliebten (die ihn anhimmelten) auf Mesrines Konto. Viele Kleinen Leute bewunderten sowohl den Meisterdieb wie den Ausbrecherkönig in ihm. Er schlug den Großen ein Schnippchen und würzte seine Verbrechen mit Charme, Witz und kessen Sprüchen. Zuletzt brach er 1978 aus dem Pariser Hochsicherheitsgefängnis La Santé aus. Die PolitikerInnen und Kriminalbeamten fühlten sich selbstverständlich bis aufs Blut gereizt. So endete Mesrine ein Jahr darauf im Kugelhagel der Polizei – von manchen BeobachterInnen schon damals gerügt, weil keine Notwehrsituation gegeben war. 2013 hat sogar die FAZ eine „von einem Starkommissar inszenierte Hinrichtung“ gesehen.* An einer belebten Straßenkreuzung in Paris hatte sich ein Lkw vor Mesrines BMW-Limousine gesetzt. Während die Ampel auf Rot stand, ging jäh die rückwärtige Plane des Lkw's hoch – vier Scharfschützen der Polizei enthüllend, die die Verbrecherkarosse in ein Sieb verwandelten. Jetzt waren sie die Helden, jedenfalls für ganze Kompanien von uniformierten oder zivil gekleideten Kollegen und für die Justiz.

Das Ende von Guy Debord fällt hier nicht sonderlich heraus. Nach der Ermordung seines Verlegers und der Verleumdungskampagne der Rechten oder der Neider – denn beide „linken“ Häuptlinge hatten viel Aufsehen erregt und viel Geld verdient – zog sich der 1931 geborene Debord auf ein Dorf in der Auvergne zurück, wo er noch 10 Jahre soff wie zuvor und sich dabei vermutlich zu Tode grämte. 1994, mit 62, brachte er sich um. Da er dies sehr gekonnt durch einen Schuß ins Herz vornahm, hatten jene Verdächtigungen, er hätte durchaus das Zeug zum Mörder gehabt, vorübergehend wieder neue Nahrung.

* Jürg Altwegg, 10. Juni 2013


151 - Fernando Pereira

Im Juli 1985 lag das Greenpeace-Schiff Rainbow Warrior in Aukland, Neuseeland, vor Anker – ein Dorn im Auge Frankreichs, das im Südpazifik dereinst Atomwaffenversuche durchgeführt hatte. In der Nacht gab es zwei Explosionen und das mit 12 Leuten besetzte gefährliche Schiff sank. Dafür hatten Sprengstoffexperten und Taucher des französischen Auslandsgeheimdienstes gesorgt. Der 35jährige niederländisch-portugiesische Fotograf und Greenpeace-Aktivist Pereira, Vater von zwei Kindern, war das Todesopfer des Tages beziehungsweise der Nacht: er ertrank bei dem Untergang. 2005 bekannte der Admiral und Ex-Geheimdienstchef Pierre Lacoste, der damals entlassen worden war, in einer Presseerklärung, Pereiras Tod laste schwer auf seinem Gewissen. Im Übrigen sei, neben „Verteidigungsminister“ Charles Hernu, auch der damalige Präsident François Mitterrand über die Aktion im Bilde gewesen. Aber beide Diener des Volkes lagen 2005 längst im Ruhestand auf dem Friedhof. Niemand hatte sie angetastet. Die Entschädigungssummen waren aus dem Steuertopf geflossen.


152 - Birgit Dressel

1987 zählte die Leichtathletin vom USC Mainz zu den Assen im westdeutschen Frauen-Siebenkampf. Den Preis bekam die 26jährige im April des Jahres anfallsartig zu spüren. Als sie nach etlichen verfehlten Roßkuren gegen ihre Schmerzen in der Mainzer Uni-Klinik lag, einigte sich ein Rudel von Weißkitteln endlich darauf, sie sei offenbar über geraume Zeit hinweg systematisch vergiftet worden – Doping. Obwohl dazu, in solchen Fällen, stets zwei gehören. Die eine war die Sportlerin mit der lustigen Mauspelzfrisur, der andere der Freiburger „Sportmediziner“ Armin Klümper, Jahrgang 1935 und Intimus des NOK-Chefs Willi Daume. Klümper hatte Dressel binnen einiger Jahre mit diversen Spitzen geradezu gespickt. Dagegen kamen seine Kollegen von der Intensivstation jetzt nicht mehr an – Tod durch „toxisch-allergischen“ Schock. Klümper kam auch noch wegen Hilfreichungen in anderen Fällen ins Gerede. Aber es war alles gesetzmäßig, schließlich hatte er dereinst selber der Anti-Doping-Kommission des DLV angehört. So sprach er von einem „tragischen Fall“ und zog sich 1998 gleichwohl nach Südafrika zurück, da man ihm auch Krankenkassenbetrug und ähnliche unschöne Dinge vorwarf. In der neuen, von Gazellen durchschwirrten Urwüchsigkeit verfaßte er bereits mehrere hilfreiche Bücher. Zum Beispiel: Unkraut vergeht nicht. Phytotherapie (Pflanzenheilkunde). Ein Kompendium der Alternative für Ärzte und angeschlossene Heilberufe, Freiburg im Breisgau 2003. Das nenne ich tätige Reue, hat doch der Bremer Reederei-Kaufmann Hermann Dressel seine Tochter damals keineswegs für Klümpers, vielmehr pauschaler für „ein Opfer der Pharmaindustrie“ gehalten.


153 - Roop Kanwar

Die 18jährige Witwe aus dem indischen Dorf Deorala, Rajasthan (ein hinduistisch geprägter Bundesstaat), ließ sich im September 1987 angeblich „freiwillig“ mit ihrem verstorbenen Gatten, einem Lehrer, auf demselben Scheiterhaufen verbrennen. Unter den Tausenden von Gläubigen oder Schaulustigen hätte sich vermutlich auch Karoline von Günderrode befunden, die diese Gepflogenheit einmal in einem Gedicht gepriesen hatte* und ohnehin so gern nach Übersee gereist wäre. Kaum hatte sich der Rauch gelegt, begannen die Reliquienverkäufe und die Geldsammlungen für einen Tempel zu Ehren der Sati Roop Kanwar. Die letzten Prozesse gegen Dutzende von Beschuldigten, teils wegen Anstiftung zur Witwenverbrennung, teils wegen deren Verherrlichung, fanden 2004 statt. Es gab ausschließlich Freisprüche, zumeist wegen „mangelhafter Beweise“. Einige Beschuldigte waren sowieso schon gestorben. Herabsicht auf Hindus ist unangebracht, weil das grausame Ritual der „Totenfolge“ dereinst in fast allen Kulturkreisen vorkam.

* Die Malabarischen Witwen aus der Lyriksammlung Melete von 1806, posthum veröffentlicht 1906


154 - Christian Kampmann

Erstaunlicherweise bietet das Internet zu diesem Mordfall lediglich eine beklagenswerte Dürre an. Dabei muß er zumindest 1988, im Todesjahr des dänischen Journalisten und erfolgreichen Erzählers (Kritikerprisen 1972), in der Presse breitgewalzt worden sein, zumal sich die Bluttat zwischen homosexuellen Partnern abspielte. Immerhin läßt sich aus einem 2011 erschienenen Artikel* Jens Michael Schaus schließen, der damals 40jährige Schau habe die Tötung seines Kollegen und langjährigen Geliebten Kampmann sowohl gestanden wie bereut und nach seiner Haftzeit erneut als Autor Fuß gefaßt. Sein Opfer starb mit 49. Offiziell (zumindest eine Zeit lang) verheiratet und Vater zweier Kinder, war Kampmann in seinem Ferienhaus auf der Kattegatt-Insel Læsø bei einem Streit mit Schau über jene Verstörungen und Leidenschaften gebildeter BürgerInnen gestrauchelt, die er detailreich in seinen Romanen ausgebreitet haben soll. Offenbar hatte der wütende Schau aus Angst, seinen Liebhaber, vor allem aber zugkräftigen Ko-Autor und Förderer zu verlieren, Kampmann zunächst mit bloßen Händen, dann mit Hilfe eines Steines oder einer Blumenvase zugesetzt, bis sich der zu Boden Gegangene nicht mehr rührte. Anschließend trieb ihn die nächste Angst, nämlich Kampmanns Vater, ein Jäger, könne ihn erschießen, ausgerechnet in einen nahen Wald, wo er bald darauf gesehen und festgenommen wurde. Schau bekam 10 Jahre. Angeblich hatte er die Bluttat 1985 gleichsam schon „geprobt“: in seinem preisgekrönten Theaterstück Joe, in dem ein Dramatiker von seinem eifersüchtigen 16jährigen Geliebten erschlagen wird.

* in Politiken vom 17. Dezember 2011


155 - Judith Barsi und Mutter

Der Ehrgeiz von Judiths Mutter kommt die ganze Familie Barsi/Benko teuer zu stehen. Die Mutter, Maria Benko aus Ungarn, nun als Kellnerin in Los Angeles lebend, hat sich in den Kopf gesetzt, aus ihrem 1978 geborenen Töchterchen eine Schauspielerin zu machen. Ihren ersten Film, einen Werbespot für Donald Duck Orangensaft, dreht Judith mit fünfeinhalb Jahren. In den nächsten Jahren tritt sie in mindestens 50 weiteren Werbespots, etlichen Fernsehserien und einigen Kinofilmen auf. Sie verdient im Schnitt rund 100.000 Dollar jährlich, so daß sich ihre Eltern ein Haus kaufen können. Doch Judiths Vater, der Ungar Jozsef Barsi, wird auf den Erfolg seiner „beiden Frauen“ immer eifersüchtiger und reagiert zunehmend gewalttätig. Der seit langem komplexbeladene und alkoholsüchtige Flüchtling vorm kommunistischen Regime arbeitet in Los Angeles als Klempner. Er hat schon früher einige Kinder gezeugt und mißhandelt. Bei Judith stellen von ihrer Mutter konsultierte Kinderpsychologen schwere körperliche und seelische Störungen fest. Vermutlich nährten sich diese Störungen bereits von jenem Donald Duck Orangensaft. Judith wird fett, reißt sich selber Wimpern, ihrer Katze Schnurrhaare aus. Ihr Vater wirft mit Eßtöpfen nach Judith, landet wegen Alkohol am Steuer mehrmals im Gefängnis. Ihre Mutter – die bereits von ihrem eigenen Vater im dörflichen Ungarn schlecht behandelt worden war – alarmiert das städtische Jugendamt, das der Angelegenheit aber nicht nachgeht. Ankündigungen seiner Frau, ihn mit Judith zu verlassen, verstärken Jozsefs Wut. Maria versucht ihn seinerseits zu vertreiben, indem sie nicht mehr sauber macht, so daß sich das Haus, wie Nachbarn finden, in einen „Schweinestall“ verwandelt. Nach wiederholten Drohungen, teils mit einem Messer in der Hand, erschießt Jozsef Barsi am 25. Juli 1988 seine schlafende 10jährige Tochter und anschließend seine aufgelöst herbeieilende Frau, zündet das Haus an und richtet sich auch selbst. Vier Jahre vorher hatte Judith in dem Streifen Fatal Vision mitgewirkt, in dem ein kleines Mädchen von seinem Vater ermordet wird.


156 - Jakob Keusen

Der Düsseldorfer Schlagzeuger, als Gastspieler auch auf der Scheibe Bis zum bitteren Ende der Rockgruppe Die Toten Hosen zu hören, hatte das Pech, mit seinen akustischen Lebensäußerungen auf einen Mann zu stoßen, den das Leben sowieso schon benachteiligt hatte. Von den Eltern vernachlässigt, fällt Peter F. mit neun Jahren auch noch von einer Treppe, so daß er ein lahmes Bein zurückbehält, das später amputiert und durch eine Prothese ersetzt wird. Nach Düsseldorf gekommen, läßt er sich vom Metallarbeiter zum Bürokaufmann umschulen. Vor allem aber ist der nur 1,65 große Mann zum Ordnungsfanatiker und Rechthaber geworden. Unter seinen Arbeitskollegen ist er unbeliebt. Zu allem Unglück wohnt er im Dachgeschoß einer ehemaligen Fabrik zufällig über dem Künstlerehepaar Keusen, dessen Sohn Jakob Schlagzeug spielt. Trotz der Vermittlungsversuche von Jakobs Mutter Almuth entspinnt sich ein anhaltender Kleinkrieg, in dessen Rahmen der 50jährige Junggeselle schließlich mit zwei Radios arbeitet, die er auf die Treppe hinausstellt, sobald Jakob Keusen auf die Felle haut. Ende August 1989 ist das bittere Ende erreicht. Der fast 1,90 große, 23jährige Schlagzeuger stapft mit seinen Trommelstöcken nach oben, um die Radios wieder einmal auszudrehen. F. fühlt sich angegriffen und sticht mit einem Brotmesser zu. Es fährt dem jungen Mann fast genau ins Herz, so daß er am Fuß der Treppe zusammenbricht und wenig später stirbt. F. bekommt acht Jahre Gefängnis.


157 - Karsten Rohwedder

Im Sommer 1990 wurde der ehemalige Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium und Ex-Chef des Stahlkonzerns Hoesch zum ersten Leiter der sogenannten Treuhandanstalt berufen. Ein knappes Jahr darauf war er tot. Der 58jährige Manager wurde am 1. April 1991 gegen Mitternacht mit einem Scharfschützengewehr durch ein Fenster seines Düsseldorfer Wohnhauses erschossen. Viele BeobachterInnen halten diesen Mord bis heute für ungeklärt. Einige von ihnen teilen die Vermutung des Ex-DDR-Abwehrchefs Wolfgang Schwanitz*, der Treuhandchef sei am Ostermontag aus dem Weg geräumt worden, weil sein sanierungsfreundlicher Kurs (statt Privatisierung) nicht genehm war. Tatsächlich änderte sich unter Nachfolgerin Birgit Breuel sofort die „Abwicklungs“-Politik. „Binnen dreier Jahre konnte die Treuhand die ostdeutsche Konkurrenz ausschalten“ – Rohwedders Ableben habe für einen beträchtlichen Konjunkturschub gesorgt. Trotz dieser bedenkenswerten Zusammenhänge wird das Attentat auf Rohwedder jedoch zumeist der RAF in die Schuhe geschoben. Angeblich sprechen dafür etliche von der Polizei gesicherte Spuren, darunter Patronen, die auf eine schon früher benutzte Tatwaffe der RAF verweisen.

Ich persönlich will keineswegs ausschließen, die Untergrundgruppe sei in das Attentat verstrickt, ich verweise allerdings auf die bekannte Verstrickung der Geheimdienste mit ihr. Sie dürfte ungefähr so sauber (gewesen) sein wie Al-Kaida oder der IS, der gegenwärtig Nato-Interessengebiete in Nahost in Kalifate verwandelt. Manchmal reicht die Verstrickung sogar bis in Internet-Enzyklopädien: siehe etwa den Wikipedia-Artikel über Rohwedder. Dieser Artikel verschwendet weder einen Gedanken an die verbreite Lust falsche Fährten zu legen noch streift er die hier genannten Bedenken wenigstens mit einem Hauch. Damit läßt er sich törichterweise auch die Chance entgehen, wie der stern** zumindest die Stasi als Alternative zur RAF einzuführen. Im Vergleich dazu ist Karl-Peter Ellerbrocks trockener Satz in der Neuen Deutschen Biographie*** geradezu eine Labsal: „Der Mord, dem R. zum Opfer fiel, wurde bis heute nicht aufgeklärt; der Presse wurde ein Bekennerschreiben der 'Roten Armee Fraktion' (RAF) zugespielt.“

Auch der Mord an Beate Ulbricht, der im selben Jahr verübt wurde, blieb unaufgeklärt. Die 47jährige, Adoptivtochter des langjährigen DDR-Staatschefs und damit eigentlich schon genug gestraft, war Ende 1991 in ihrer Berliner Wohnung aus unbekannten, wenn auch sehr wahrscheinlich unpolitischen Motiven erschlagen worden. Näheres findet sich in meiner Betrachtung Unter keinem guten roten Stern.

* Gespräch mit Robert Allertz in der Jungen Welt, 6. Juni 2009
** Artikel „Rätsel um mysteriösen Rohwedder-Mord“ vom 1. April 2011
*** Berlin 2005, Band 22, online hier



158 - Jorge Gomondai

Trotz ihres befremdlichen Nationalismus kann man der DDR bestimmt keine Fremdenfeindlichkeit vorwerfen. Sie nahm ständig Gäste auf, ob verfolgte oder nicht, und behandelte sie anständig. Allerdings, der Schoß war fruchtbar noch ... Kaum war Großdeutschland wieder hergestellt, ging es los. Dresden, von säulenbewehrten monumentalen Gebäuden, Standbildern und braun eingewachsten Sachsen wimmelnd, darf sich auch hierin einer Vorreiterrolle rühmen. Ein junger Mann namens Jorge Gomondai war 1981 als 18jähriger „Vertragsarbeiter“ aus Mosambik in die DDR gekommen. Er arbeitete im Dresdener Schlachthof. 10 Jahre darauf, an Ostern 1991, randalierten über Tage hinweg rechtsradikale Gruppen in der Stadt. Laut Spiegel ging bei der Polizei alle zwei Stunden ein Hilferuf ein. Der inzwischen 28jährige und wiedervereinigte Mosambikaner nahm am frühen Ostermorgen in der Dresdner Neustadt eine Straßenbahn. Am Albertplatz stiegen ein rundes Dutzend lautstarker Skinheads zu, die angeblich bereits seit dem Vorabend von Polizeistreifen beobachtet wurden. Diese neuen Fahrgäste griffen den dunkelhäutigen Insassen sofort an. Wenig später landete er auf der Straße, wo er blutüberströmt liegen blieb. Die Straßenbahnführerin eilte hinaus, auch ein Taxi hielt, aber das vor allem am Kopf verletzte Opfer blieb bewußtlos. Die TäterInnen flüchteten. Von Polizei war nichts zu sehen. Gomondai starb eine knappe Woche darauf im Krankenhaus. Als die Polizei endlich am Tatort eintraf, ging sie angeblich vom Sturz eines Betrunkenen aus. In der Folge wurden zahlreiche Spuren entweder nicht aufgenommen oder aber verwischt. Unter anderem konnte der betreffende Straßenbahnwaggon einspruchslos verschrottet und ein von den späteren Tätern eigenhändig gedrehter Videofilm ohne Auswertung gelöscht werden. Trotz des Medieninteresses zogen sich die Ermittlungen über zwei Jahre hin.

Immerhin, als es endlich zum Prozeß vorm Landgericht kam, versicherte ein abtrünniges Mitglied der Bande, Gomondai sei mit vorgehaltenem Messer zu einem Sprung aus der fahrenden Straßenbahn gezwungen worden. Das war dem Gericht jedoch zu wackelig. Es stellte fest, leider sei nicht mit Sicherheit zu klären, ob Gomondai aus der Bahn gesprungen, versehentlich gestürzt oder aber gestoßen worden sei. Es hielt es somit für denkbar, der Angegriffene sei nicht einer polizeibekannten Schläger- und Erpresserbande, vielmehr einem zufälligen Wetterereignis zum Opfer gefallen, etwa einem Gewitter, oder einem genetisch bedingten Defekt, der seinem Gehirn im ungeeigneten Moment die Hemmschwelle vorm In-die-Tiefe-fallen raubte. Im Ergebnis wurde der Hauptangeklagte im Oktober 1993 mit zwei Jahren und sechs Monaten bedient. Zwei Mitangeklagte erhielten eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten sowie eine Geldstrafe. Die Staatsanwaltschaft hatte in allen drei Fällen noch weniger verlangt. Man stelle sich einmal vor, das Opfer hätte Krause oder Schleyer, die Bande RAF geheißen. Da hätte die Staatsanwaltschaft jede Wette auf die Höchststrafe für Totschlag plädiert: Lebenslänglich. Ich erinnere auch an meinen Artikel über Carl Mertens, in dem ich von der bis heute ungebrochenen Einäugigkeit des „Rechtsstaats“ spreche.

Ich schwenke in die Hauptstadt. Ende Oktober 1991 bemühte sich der türkischstämmige, wenn auch in Berlin geborene 19jährige Gymnasiast Mete Ekşi am dortigen Adenauerplatz eine gewalttätige Auseinandersetzung zwischen „deutschen“ und „ausländischen“ Jugendlichen zu schlichten. Mit einem Baseballschläger zu Boden geschlagen, starb er nach 17 Tagen des Komas im Krankenhaus. Täter Michael S., damals 23, also kein Jugendlicher mehr, wurde 1994 zu drei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Einen „rechtsextremen Hintergrund“ der Tat verneinte Richterin Gabriele Eschenhagen in ihrer Urteilsbegründung, ganz im Gegensatz zu etlichen linken BeobachterInnen. Ekşi bekam auf dem Adenauerplatz einen Gedenkstein.

Einige weitere Todesopfer rechtsradikaler Gewaltakte zähle ich lediglich auf. Nihat Yusufoğlu (16), Kurde, 1990 in Hachenburg, Westerwaldkreis erstochen. Amadeu Antonio Kiowa (28) aus Angola, 1990 in Eberswalde, Brandenburg erschlagen. Torsten Lamprecht (23) und Frank Böttcher (17), 1992 und 1997 in Magdeburg erschlagen/erstochen. Silvio Meier (27), 1992 in Berlin erstochen. Und ein tschechisch-stämmiger schwedischer Junge namens John Hron (14) wurde 1995 am Ingetorpssee (Raum Göteborg) von Neonazis zu Tode gequält.


159 - Ilaria Alpi

Die 32jährige italienische Fernseh-Journalistin wurde im März 1994 mitsamt ihrem Landsmann und Kameramann Miran Hrovatin (um 45) bei einem Überfall auf ihren Jeep in Mogadishu, Somalia erschossen, weil sie ungesetzlichen Waffen- und Giftmülltransporten auf der Spur war, in die wahrscheinlich italienische Behörden verstrickt waren, Armee eingeschlossen. Angeblich wurde ein Einheimischer, als Schütze, wegen des Doppelmordes zu einer hohen Haftstrafe verurteilt. Nach Alpi wurde ein Preis benannt.

Als der 27jährige Metin Göktepe, Redakteur der linken türkischen Tageszeitung Evrensel, im Januar 1996 in Istanbul über das Begräbnis zweier getöteter Häftlinge berichten wollte, kam er selber in Haft und wurde dort von etlichen Polizisten schwer zusammengeschlagen. Da ihm ärztliche Hilfe verweigert wurde, starb er noch am selben Tag. Von 11 angeklagten Polizisten kamen 1998 fünf mit milden Haftstrafen, sechs straflos davon.

Im Sommer 1996, kurz nach dem Türken, wurde in Dublin eine irische Journalistin für immer stumm gemacht: Veronica Guerin, 37, verheiratet, ein Kind. Sie hatte zu hartnäckig einheimischen Drogenbossen nachgespürt, die sie deshalb eines Tages, nach vergeblichen Prügeln, Mord- oder Kidnappingdrohungen und Bestechungsversuchen, in ihrem Wagen bei „Rot“ von einem Motorrad aus erschießen ließen. Es gab einige hohe Haftstrafen, wenn auch keine völlige Klärung der Verantwortlichkeit.


160 - Iqbal Masih

Es muß einstweilen offen bleiben, ob der pakistanische Schulbub einem Mordkomplott oder einer Dorfposse zum Opfer fiel. Angeblich hatten ihn seine Eltern schon als Vierjährigen gegen sage und schreibe (umgerechnet) 12 US-Dollar in die „Schuldknechtschaft“ eines Fabrikanten gegeben, für den er 12 Stunden Teppiche zu knüpfen hatte – Tag für Tag. Obwohl nicht selten am Knüpfstuhl angekettet, unternahm Masih wiederholt Fluchtversuche – man fing ihn jedes Mal wieder ein. Durch die harte Sklavenarbeit, schlechte Ernährung, den Wollstaub und mangelhafte Gesundheitsfürsorge blieb er im Wachstum zurück. Seine seelischen Qualen können sich heutige mitteleuropäische Kinder, die noch nicht einmal „Stubenarrest“ kennen, vermutlich nur unzulänglich ausmalen. Das ging rund sechs Jahre lang. Dann kam Masih dank BLLF (Bonded Labour Liberation Front) frei und durfte sogar, als 10jähriger, eine Schule dieser Organisation besuchen. Er beteiligte sich auch an der Verbandsarbeit und trug so seinerseits – wie es heißt – zur Befreiung zahlreicher Kindersklaven bei. Nach Schätzungen der in Großbritannien ansässigen Anti-Slavery International beschäftigen allein die HerstellerInnen von handgeknüpften Teppichen in Pakistan rund 500.000, in Indien 300.000 und in Nepal 110.000 Kinder unter 14 Jahren. Diese Kinder sind begehrt, weil ihren schmalen Fingern die erwünschten dünnen Knoten entspringen, einmal davon abgesehen, daß sie auch außerhalb der „Schuldknechtschaft“ mit einem Tageslohn von wenigen US-Cent abgespeist werden können. Andere Kinder arbeiten in Mühlen, Ziegeleien, Garagen und „natürlich“ auch in der Landwirtschaft.

Im Nebeneffekt wurde Masih durch seine Verbandsarbeit zum Aushängeschild. Er reiste unter anderem nach Schweden. 1995 wurde der 12jährige ausgerechnet von der weltweit tätigen Sportartikelfirma Reebok, die sich selbst zum Gärtner ernannt hatte, in die USA eingeladen, um den „Menschenrechtspreis“ der firmeneigenen „Menschenrechtsstiftung“ entgegen zu nehmen. Masih hielt die erwartete flammende Rede gegen Kinderarbeit und wurde auch noch in verschiedenen nordamerikanischen Schulen herumgereicht. Vielleicht durfte er sogar dem US-Tennisas Michael Te-Pei Chang die Hand schütteln, der zu seinen damaligen Triumphen selbstverständlich in den neuen Pump-Sportschuhen von Reebok auflief. Im Übrigen ist stark anzunehmen, daß auch Reebok seine zugkräftigen Turnschuhe, Trainingsanzüge, Schirmmützen und die dafür unabdingbaren Edeltaschen schon damals zumindest teil- oder teileweise in Asien anfertigen ließ. 2006 ging das ursprünglich britische Unternehmen für rund drei Milliarden Euro an die adidas AG. Auf der Firmen-Webseite ist zu erfahren: „Im Jahr 2009 wurden 97 % der Schuhe unserer Marken adidas, Reebok und adidas Golf in Asien produziert.“ Da man inzwischen jedoch „im Menschenrechtsbereich tätig“ ist, um mit der deutschen Wikipedia zu sprechen, pflegt man die im Übermaß vorhandenen chinesischen oder pakistanischen NäherInnen nicht mehr anzuketten: sie dürfen den Betrieb und das Land und die Welt jederzeit verlassen.

Die einträglichste Abteilung des adidas-Multis bleibt im Geschäftsbericht ungenannt: das sind die cleveren Damen und Herren, die nicht nur die bekannten Gutachten darüber, wie gesund das Sporttreiben für Leib und Seele sei, sondern vermehrt auch die grünen Plaketten oder Bio-Zertifikate etwa der Fair Labor Association besorgen. Schließlich gehören diesem feinen Verein auch solche beliebten MenschheitsbeglückerInnen wie Apple und Nestlé an.

Wie Masih im US-Fernsehen gesagt hatte, war es sein brennender Wunsch Rechtsanwalt zu werden. Man hatte ihm auch schon eine Schulausbildung in den Staaten in Aussicht gestellt. Doch im selben Frühjahr 1995, kurz nach seiner Rückkehr, wird der 12jährige „Menschenrechtskämpfer“ unweit seines Heimatdorfes Muridke (bei Lahore, Punjab) unter bis heute ungeklärten Umständen erschossen. Während die Gewalttat für die einen auf das Konto der pakistanischen Teppich-Mafia geht, von der es schließlich öfter entsprechende Drohungen gegen Masih gegeben habe, machen die anderen die sexuelle Begierde des Landarbeiters Mohammad Ashraf dafür verantwortlich, die noch nicht einmal auf Knaben gerichtet war. Diese Sicht entspricht dem offiziellen Polizeibericht. Danach hatte sich Masih, der über die Feiertage von Lahore aus ins Heimatdorf gefahren war, am 16. April gegen Abend seinen Cousins Liaquat und Faryad angeschlossen, die ihrem Onkel Amanat Essen aufs Feld bringen wollten. Plötzlich nahmen sie im Schatten einer Mauer heftige Bewegungen wahr. Angeblich war es Ashraf, der gerade mit einer angebundenen Eselin kopulierte. Der Mann wird auch als heroinsüchtig bezeichnet. Ertappt, ausgelacht und beschimpft, habe Ashraf nach der Jagdflinte seines Grundbesitzers gegriffen und auf die Drei gefeuert. Dabei erwischte es zufällig Iqbal.

Es heißt, nach seiner Festnahme habe Ashraf die Schüsse auf die Kinder auch gestanden. Später habe er seine Aussage allerdings widerrufen, wie auch andere Beteiligte die ihre. Da die Tat von Masihs MitstreiterInnen sofort als Übergriff der Teppichfabrikanten an die große Glocke gehängt worden war, mußte die für Pakistans Exportbilanz wichtige Branche empfindliche Umsatzeinbußen hinnehmen, wie schon sechs Wochen nach den Schüssen in der Los Angeles Times zu lesen war.* Das Blatt betonte, sowohl die örtlichen Behörden wie Pakistans größte unabhängige Menschenrechtsorganisation (HRCP) hätten versichert, für eine Verwicklung der Teppichfabrikanten in die Bluttat gebe es keinerlei Beweise.

Nebenbei soll der Bericht der HRCP behaupten, laut Angaben von Verwandten Masihs sei das Alter des getöteten Aktivisten der Öffentlichkeit gegenüber durch die Bonded Labour Liberation Front großzügig abgesenkt worden: er sei zum Zeitpunkt seines Todes eher 19 gewesen. 2000 wurde dem „ermordeten“ Menschenrechtskämpfer posthum der erstmals (in Schweden vergebene) World's Children's Prize verliehen. Was aus dem Sodomisten wurde, der ihn möglicherweise auf dem Gewissen hat, ist zumindest im Westen nicht bekannt. Man hütet sich hier auch vor der Frage, welche Esel bei dem ganzen Rummel eigentlich verarscht worden sind.

* 31. Mai 1995


161 - Katrin Reemtsma

Ich vermute, sie hatte ein gleichermaßen fettes wie schweres Erbe. Möglicherweise trug es auch zu ihrem schrecklichen Ende bei. Geboren 1958 in Lüneburg, stammte Katrin Reemtsma aus dem bekannten Industriellenclan, der zu Anfang des Jahrhunderts entscheidend von dem tatkräftigen Erfurter Kolonialwarenhändler und Zigarrenmacher Bernhard Reemtsma beflügelt worden war. Laut Karl Heinz Roth* kam dessen Firma schon in den „Goldenen“ 1920er Jahren dank dem Siegeszug der Zigarette und geradezu mafioser Unternehmens-Strukturen (mit Hehlerei, Betrug, Bestechung und Meineid) zu großem Reichtum. Und wie erst rauchten die Schornsteine und Soldaten im sogenannten Dritten Reich! Sohn Philipp F. Reemtsma investierte in Nazi-Organisationen mindestens 35 Millionen Mark. Sein Bruder Alwin brachte es bis zum SS-Standartenführer. Erbe Jan Philipp Reemtsma, der 1996 als Opfer einer spektakulären Entführung in die Schlagzeilen geriet, hatte seine Geschäftsanteile bereits 1980 verkauft und einige Jahre später das Hamburger Institut für Sozialforschung gegründet. Es machte sich unter anderem durch vieldiskutierte Wehrmachtsausstellungen verdient. Katrin Reemtsma war eine Nichte dieses Sozialforschers, Germanisten und Mäzens.

Schon als junge Studentin der Ethnologie und Volkskunde hatte sich Reemtsma für unterdrückte Minderheiten eingesetzt. 1978 nahm sie in den USA am berüchtigten „Longest Walk“ des American Indian Movement (vom Pazifik zum Atlantik) teil. Ab 1983 war sie hauptberuflich Referentin für Sinti und Roma der Gesellschaft für bedrohte Völker in Göttingen. 1987 nach Berlin gegangen, beschränkte sie sich auf ehrenamtliche Mitarbeit und verfaßte ansonsten freiberuflich Gutachten für Gerichte oder das Europäische Parlament sowie zahlreiche Artikel für die Verbandszeitschrift Progrom, außerdem mehrere Sachbücher. Zu Beginn der 1990er Jahre traf sie den serbischen Roma Asmet S., einen Flüchtling aus Jugoslawien. Daraus ergab sich eine Lebensgemeinschaft mit zwei Kindern, die 1997 fünf und drei Jahre alt waren. Unter Verwandten und Kollegen galt das Liebes- und Familienleben als ungestört, wenn nicht gar harmonisch. Selbst nach der Bluttat wollten sich keine überzeugenden Anhaltspunkte für den jähen Riß im Gefüge finden. Reemtsma, inzwischen 38 Jahre alt, war am Mittag des 9. Juni 1997 mit einem Küchenmesser erstochen worden – von ihrem gleichaltrigen Lebensgefährten in der gemeinsamen Wohnung in Berlin-Friedenau.

Immerhin waren die beiden Kinder nicht zugegen. Der angeblich angetrunkene Täter ließ sich widerstandslos festnehmen. Die ErmittlerInnen zogen einen Streit um seine finanzielle Abhängigkeit von seiner Frau in Betracht. Allein zwischen Mai 1996 und Februar 1997 soll diese ihm rund 200.000 D-Mark überwiesen haben. Über den Verbleib des Geldes wollte sich Asmet S., in der Presse als großer schlanker Mann mit buschigem Schnauzbart beschrieben, in den Verhören oder vor Gericht nicht äußern. Ansonsten werteten die BeobachterInnen seine Aussagen als „wirr“. Er habe von Untreue seiner Gefährtin, aber auch von Telepathie und Elektrizität und davon gesprochen, daß Katrin noch lebe. Auf der anderen Seite kam ein gerichtlich bestellter Gutachter zu dem Ergebnis, bei dem Angeklagten liege weder ein wahnhafter Zustand noch eine akute psychische Störung vor. Vielleicht war er „nur“ in seinem männlichen Stolz verletzt – eine weltweite Erscheinung, gerade wie Rauchen oder Eifersucht, zu deren Erklärung es keiner Völkerkunde bedarf. Schließlich war Asmet, wie es aussieht, von seiner Gefährtin mehr oder weniger ausgehalten worden, das kann trotz der Annehmlichkeit demütigend sein. Es gab auch Mutmaßungen, seine Lebensgefährtin habe ihm in jüngster Zeit vorgeworfen, er lasse sich zu sehr gehen, vernachlässige die Kinder und dergleichen mehr, doch dazu wollte er ebenfalls nichts sagen. Bei den Plädoyers habe er seinen Blick gelangweilt durch den Saal schweifen lassen, schreibt Jens Rübsam.** Nach den mir zugänglichen Quellen bleibt der Fall undurchsichtig. Im Oktober 1997 wurde Asmet S. wegen Totschlags zu 12 Jahren Haft verurteilt.

Zwei Jahre darauf, in Trondheim, Norwegen, traf es ebenfalls die Frau. Die 40jährige Inger Lise Bakken wurde von ihrem 10 Jahre älteren Ex-Geliebten Terje Wiik, Ingenieur in einem Forschungslabor, über Monate hinweg qualvoll vergiftet. Sie starb Ende Februar 1999 in der örtlichen Universitätsklinik. Der sachkundige Geliebte hatte ihr Unmengen des Metalls Thallium, das erheblich giftiger als Blei ist, in diverse Getränke gemischt. Obwohl er den Tod der geschiedenen Mutter zweier Töchter vorm Trondheimer Stadtgericht „bedauerte“, wie Ingrid Ragaard*** schreibt, habe er eine eigentliche Schuld weit von sich gewiesen. Nach seiner Behauptung sei er nur darauf aus gewesen, daß Inger Lise ihre Haare verlöre und damit für andere Männer unattraktiv würde. Sie hatte ihn „verlassen“, das Übliche. Sie hatte dunkelblondes Haar, und beide Beteiligten machen auf Fotos einen attraktiven und sportlichen Eindruck. Dann fielen zunächst Ingers Haare und nacheinander ihre inneren Organe aus. Die Ärzte kamen der ihnen rätselhaft erscheinenden Krankheitsursache zu spät auf die Spur. Bakkens entsetzliche Qualen, die Wiik als ihr unmittelbarer Nachbar (und Helfer!) in einer Reihenhaussiedlung gut verfolgen konnte, hatten den als Schürzenjäger und Karrieristen geltenden, wohlhabenden Ingenieur nicht berührt. Dafür nannte ihn Polizeiinspektor Hans Vikhals laut Aftenposten**** unverblümt einen „Jammerlappen“. Wiik fühle sich als Opfer. Zu Prozeßbeginn hatte Wiik sogar die Stirn zu versichern, er kämpfe hier um sein Leben. Aber er bekam nur die landesgültige Höchststrafe, 21 Jahre Haft.

Der französische Rocksänger Bertrand Cantat kam 2004 mit acht Jahren davon und wurde auf halber Strecke wegen „guter Führung“ schon wieder, auf Bewährung, entlassen. Er hatte 2003 in Litauen, wo sie Dreharbeiten hatte, im Hotelzimmer seine Geliebte Marie Trintignant, 41, im typischen, wohl durch Alkohol befeuerten Eifersuchtsstreit erschlagen, wobei sie nach den Tätlichkeiten für Stunden ohne ärztliche Hilfe geblieben war. Gut 30 Jahre früher hatte Maries gleichfalls berühmte Mutter, Nadine Trintignant, den Kinofilm Das passiert immer nur den anderen gedreht. Damals ging es um den „Plötzlichen Kindstod“ der Tochter Pauline. Sohn Vincent, selbstverständlich ebenfalls Schauspieler, scheint noch zu leben. Was Cantat betrifft, versöhnte er sich nach seiner Entlassung (Oktober 2007) mit seiner Ehefrau Krisztina Rády, die ihm zwei Kinder geboren hatte, und zog zu ihr nach Bordeaux. Dort erhängte sich die inzwischen 42jährige im Januar 2010. Während sie bei der Gerichtsverhandlung gegen ihren Gatten noch von dessen Sanftmut gesprochen und damit das milde Urteil gegen Cantat gefördert hatte, habe sie ihn kurz vor ihrem „Freitod“ als „gewalttätigen, unberechenbaren Psychopaten“ geschildert, behaupten die Autoren eines neuerdings erschienenen Buches über diesen x-ten Fall tödlicher Liebe.*****

Im Sommer 2011 wurde die „Königin der tschechischen Frauenliteratur“, möglicherweise auch nur der Seifenoper, in der gemeinsamen Brünner Wohnung von ihrem zweiten Ehemann erstochen, der selber schwer verwundet worden war. Die 44jährige Simona Monyová hatte drei Söhne und trug sich mit Trennungsabsichten. Habe ich die tschechische Wikipedia richtig verstanden, sitzt der Täter für 15 Jahre im Zuchthaus. Monyovás letzter Roman Srdceboly (Herzschmerz) soll von einer romantisch beginnenden Ehe handeln, die im Kampf endet. Es sei eine Geschichte voller Leidenschaft, Intrigen, Eifersucht, Angst vor dem Älterwerden, Lügen und Rachsucht, habe die Autorin erläutert.******

* Ossietzky 12/2007
** Artikel „Ein Urteil, viele Fragezeichen“, taz 1. November 1997
*** Webseite Skandinavische Kriminalfälle, 14. August 2007
**** Artikel von Gudmund Løvø, 26. Januar 2000
***** Laut Michaela Wiegel, FAZ vom 30. September 2013
****** Rudolf Hermann in der NZZ vom 17. August 2011



162 - Aamir Ageeb

1994 gelang es dem dunkelhäutigen Sudanesen, geboren 1968, den Bürgerkriegswirren seiner Heimat zu entkommen und die BRD zu erreichen. Durch eine Heirat erwirkte er auch Aufenthaltserlaubnis, doch nach dem Zerbrechen dieser Ehe wurde er im Sommer 1998 zur Ausreise aufgefordert. Dagegen legte sein Rechtsanwalt Widerspruch ein. Obwohl sich Ageeb am 1. April 1998 in Wedel behördlich angemeldet hatte, hieß es nun in der Presse, er sei „untergetaucht“. Das vertrug sich schlecht mit der Tatsache, daß er am 9. April 1999 auf einem Karlsruher Polizeirevier den Diebstahl seiner Jacke anzeigte. Bei dieser Gelegenheit wurde er verhaftet und ins Gefängnis Mannheim gesteckt. Da er bei einem ersten Abschiebeversuch am 16. April angeblich einen Mitarbeiter der Ausländerbörde mit dem Messer bedroht hatte, wurde er am 28. Mai ähnlich einem verschnürten Paket, dem man zusätzlich einen Motorradhelm verpaßt hatte, auf dem Flughafen in Frankfurt am Main in eine Lufthansa-Maschine getragen und in einen Sitz gedrückt. Drei BGS-Beamte nahmen an seinen Seiten und vor ihm Platz. Als er sich hochzustemmen versuchte und zudem schrie, drückten alle drei Polizisten seinen Kopf und Oberkörper auf seine Knie. Doch was sie, nach ihrer späteren Darstellung, als hartnäckigen Widerstand des 30jährigen Abschiebehäftlings empfanden, war sein Todeskampf: nach ungefähr acht Minuten war Ageeb erstickt.

Die Sache roch nach Totschlag und Folter. Allerdings trat dieser Gesichtspunkt in den meisten Presseberichten zunächst in den Hintergrund, vielmehr wurde Ageeb als der übliche abgelehnte, untergetauchte und kriminelle Asylbewerber hingestellt, der unter anderem Sexualdelikte begangen habe. Im Flugzeug wurde er sogar als „Mörder“ gehandelt. Nichts davon entsprach der Wahrheit, wie amnesty international feststellte. Immerhin kam es 2004 zu einem Prozeß gegen die drei BGS-Beamten. Das Landgericht Frankfurt/Main verurteilte sie wegen „vorsätzlicher Körperverletzung mit Todesfolge“ – zu je neun Monaten Freiheitsstrafe, die auf Bewährung ausgesetzt wurden. Pro Asyl meinte dazu in einer Presseerklärung, die Verurteilten hätten „am Ende einer Kette organisierter Verantwortungslosigkeit“ gestanden. Die hierfür in der BGS-Hierarchie und in der Politik Verantwortlichen seien jedoch im Verfahren weder als Zeugen gehört worden, noch müßten sie künftig damit rechnen, zur Verantwortung gezogen zu werden. Im Übrigen könne durch das Strafmaß für die drei Befehlsempfänger der Eindruck entstehen, wer als Amtsträger einen Menschen zu Tode bringe, komme allemal glimpflich davon. Der vorsitzende Richter Heinrich Gehrke hatte den milden Urteilsspruch (der noch unterhalb der Mindeststrafe von einem Jahr lag) freilich gerade mit der untergeordneten Stellung und mangelhaften Eignung der drei Angeklagten begründet. Eine Verurteilung zu einem Jahr oder mehr hätte automatisch die Entlassung aus dem Beamtendienst nach sich gezogen. Dadurch wäre ihre Zukunft zerstört worden, sagte Gehrke, „während ihre Vorgesetzten zum Teil weiter aufgestiegen sind.“ Er hatte vor allem den Chef des BGS-Amtes am Frankfurter Flughafen, Udo Hansen, im Auge, der inzwischen Präsident des Grenzschutzpräsidiums Ost geworden war. Die Zukunft von Aamir Ageeb war ja eh schon vorbei.

Sehr ähnlich und zeitlich fast parallel verlief das Schicksal des Nigerianers Marcus Omofuma, der in Österreich um Asyl ersucht hatte. Der 25jährige erstickte im Mai 1999 auf einem Abschiebeflug zwischen Wien und Sofia.



Fortsetzung Teil 5
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