Donnerstag, 23. Oktober 2014
Erledigt? Teil 3

85 - Evelyn Foster

Ein zugleich qualvoller und seltsamer Tod ereilte 1931 in der Nähe ihres Wohnortes die 28jährige Tochter eines Garagen- und Taxiunternehmers aus dem nordenglischen Städtchen Otterburn, Northumberland. Evelyn Foster wurde mit schweren Verbrennungen an der Landstraße gefunden. Ihr Wagen, mit dem sie einen fremden Kunden nach Ponteland bringen wollte, stand ausgebrannt unterhalb der Straßenböschung im Moor. Bevor Foster wenig später in ihrem Elternhaus starb, konnte sie ihren verschwundenen Fahrgast noch als Täter angeben und den Tathergang schildern. Der 30- bis 40jährige Mann habe sie plötzlich vom Steuer gedrängt, geschlagen und schließlich, als der von ihm gelenkte Wagen im Moor stand, mit Benzin übergossen und dieses entzündet. Der Ortspolizist Andy Ferguson schrieb mit. Sie bejahte auch die Frage ihrer Mutter, ob sich der Fremde an ihr „vergangen“ habe.

Foster hatte ihn, wie sie erzählte, an jenem frostigen Januarabend bei Otterburn aufgelesen, so daß er leider bestenfalls flüchtig von dem einen oder anderen Zeugen gesehen worden war. Bald führten die Untersuchungen des Autowracks und verschiedene Ungereimtheiten in Fosters Geschichte zum Anwachsen der Zweifel bei Captain Fullarton von der Bezirkspolizei. Zudem erklärte ein Medizinprofessor aus Durham, er habe an der Leiche keine Hinweise auf Vergewaltigung entdecken können. Foster sei noch „Jungfrau“ gewesen. Zwar verurteilte ein örtliches Geschworengericht gleichwohl „eine unbekannte Person“ wegen Mordes, doch für Fullarton, der sich nach der Verhandlung entsprechend äußerte und damit für Entrüstung bei den Einheimischen sorgte, stand fest, diese Person habe es nie gegeben. Für die Polizei und selbst den Richter hatte Foster mit der Absicht, einen Unfall vorzutäuschen (wir sprachen soeben davon), ihren Wagen und versehentlich auch sich selber eigenhändig in Brand gesetzt. In der Folge blieb der Fall offen – und fiel allmählich dem Vergessen anheim.

Rund 25 Jahre nach Fosters Tod befaßte sich der erfolgreiche Kriminalautor Julian Symons mit ihm, wobei er auch vor Ort gewesen sein will.* Das Opfer schildert er als „zurückhaltende, ziemlich schüchterne, durch und durch anständige junge Frau“ – und er fragt sich verständlicherweise, welchen Grund ein solcher Mensch gehabt haben solle, seinen noch fast neuen Wagen aufs Moor zu fahren und dort anzustecken. Der Richter hatte den Geschworenen zunächst den Köder „Versicherungsbetrug“ vorgeworfen. Aber erstens hatte Foster von der Versicherung kaum mehr als den gegenwärtigen Marktwert des Autos zu erwarten, zweitens hätte diese ohne Zweifel auf einer Aussage des leider flüchtigen Taxikunden bestanden – den Foster nun einmal, törichterweise, ins Spiel gebracht haben soll. Als sein Angebot nicht zog, gab der Richter alternativ zu bedenken, man wisse ja auch von Fällen, in denen Menschen solche Dinge „aus unerfindlichen Gründen“ täten, „entweder weil sie nicht anders können oder weil sie Spaß an abnormem Verhalten haben“. Mit beiden Argumenten gelang es ihm erfreulicherweise nicht, die Geschworenen auf die Linie seiner, so Symons, offensichtlichen Voreingenommenheit einzuschwören.

Es war auch die Linie der Polizei, wie so oft. Ein Kommissar setzt sich aus undurchsichtigen, wenig Vertrauen erweckenden Motiven die Theorie in den Kopf, der unbekannte Fremde sei böswillig erfunden worden, und daran hält er eisern fest, um seine Sicherheit und sein berüchtigtes Gesicht nicht zu verlieren. Captain Fullarton war beispielsweise der schwere Fehler unterlaufen, die Unfallstelle in der ersten Nacht nicht bewachen zu lassen, und in der Tat konnte sich dadurch ein schnüffelnder Journalist dort zu schaffen machen, der etliche Spuren beschädigte und auch gleich noch für neue sorgte. Hier ging es etwa um einen Schal der Taxifahrerin, der seinen Ort gewechselt hatte. Nach Symons gestand Fullarton dieses Versäumnis nie ein. Da paßt es wie die Faust aufs Auge, wenn sich bei den Nachforschungen des Kriminalautors vor Ort der erwähnte Polizist Andy Ferguson ebenfalls stumm wie ein Fisch zeigte – er verweigerte jede Auskunft. Dieser Linie blieb rund 80 Jahre nach dem Vorfall auch die Labourpolitikerin Vera Baird treu, seit 2012 police and crime commissioner für Northumbria. Einem offensichtlichen Nachfolger von Symons, der unter Vorweis mancher Referenzen um Akteneinsicht im Fall Foster ersucht hatte, erteilte sie, der offiziellen Webseite der Polizei von Northumbria zufolge**, am 29. Juni 2012 eine höfliche Absage. Es liege nach sorgfältiger Abwägung selbst im Lichte des (ärgerlichen) Freedom of Information request nicht im „öffentlichen Interesse“, die besagten Akten freizugeben. Damit hatte Baird einen ähnlich wichtigen Beitrag zur Verteidigung und Festigung der britischen Demokratie geleistet wie neulich ihr lügenfreudiger Parteifreund Blair.

Wie sich versteht, fragt sich Symons, gestorben 1994, am Ende seiner Betrachtung, welchen Grund nun der Fremde, an den er durchaus glaubt, gehabt haben könnte, Evelyn Foster so grausam ums Leben zu bringen. Für Symons handelte er sowohl aus dem Zufall der Begegnung wie aus einem beträchtlichen kriminellen Potential heraus. Er nimmt dabei an, der Kerl habe bereits, wegen vorausgegangener Delikte, die Polizei zu meiden gehabt. „Wahrscheinlich wollte er zunächst tatsächlich nur bis Ponteland gebracht werden.“ Dann veranlaßten ihn vielleicht indiskrete Fragen seiner Fahrerin oder die Angst, sie könne ihn wiedererkennen, zu einem Meinungsumschwung. Oder der bloße Umstand, mit ihr allein auf dem Moor zu sein, habe „seine sadistischen Triebe“ angestachelt, „die es ja bei vielen Kriminellen“ gebe. Nur bei diesen? Symons kannte die Opferzahlen des von Tony Blair befeuerten Irakkrieges von 2003 noch nicht; allerdings sollte er von Hiroshima erfahren haben.

Hat die Webseite Murderpedia ins Schwarze getroffen***, besteht keine Aussicht mehr, den wahren Mörder Evelyn Fosters auszuknobeln. Nach dieser Quelle war es nämlich der Pferdepfleger Ernest Brown, der genau zwei Jahre nach Fosters Tod bei Tadcaster, Yorkshire, seinen Boß erschoß, einen Farmer – selbstverständlich wegen der Farmersfrau. Man fand den Erschossenen im Wrack seines Autos sitzend – Brown hatte die betreffende Garage angezündet. Der Tatort liegt rund 100 Meilen von Otterburn entfernt. Hinsichtlich des Alters, Mitte 30, sowie des Auftretens passen Fosters Angaben auf Brown, der im Februar 1934 in Leeds gehängt wurde. Vorher soll ihn ein Kaplan aufgefordert haben, die Chance zu nutzen, seine Sünden zu bekennen und so mit Gott seinen Frieden zu machen. Henker Tom Pierrepoint habe anschließend versichert, Brown hätte beim Anlegen der Schlinge gemurmelt: „Otterburn.“

* The Invisible Man (Der unsichtbare Mann), übersetzt von Ruth Sander und veröffentlicht im Sammelband Aufgeklärt! Ungesühnt!, Lizenzausgabe Augsburg 1999
** police
*** murderpedia



86 - Gertrud Bindernagel

In ihrem Fall war die Täterlage eindeutig. An einem in mancherlei Hinsicht stürmischen Herbstabend des Jahres 1932 ließ sich die namhafte Sopranistin gerade in der Charlottenburger Oper als Brünnhilde in Wagners Götterdämmerung bejubeln. Der Berliner Sozialdemokratische Pressedienst vom 24. Oktober des Jahres teilt sachkundig mit, Bindernagels letzte Worte in dieser Rolle seien „Leuchtender Tod!“ gewesen.* Elfmal klatschte das Publikum die angemessen brünette und etwas mollige Diva vor den Vorhang, nachdem sich sämtliche Toten des Stückes, neben der Walküre Brünnhilde die bekannten Recken Siegfried, Hagen und so weiter, von den beinahe verkohlten Brettern aufgerappelt hatten. Anschließend schminkte sich Bindernagel in ihrer Garderobe ab und schickte sich an, die Oper zu verlassen.

Vermutlich gefiel es ihr an diesem Abend noch weniger als sonst, daß sie am Bühnenausgang von einem untersetzten Glatzkopf erwartet wurde. Das war der Hauptmann a.D., Ex-Bankier und Lebemann Wilhelm Hintze, der mit Bindernagel und der gemeinsamen sechsjährigen Tochter Erika noch bis vor Kurzem in einer Zehlendorfer Villa gewohnt hatte. Er stand inzwischen in Scheidung mit der Sängerin und war an diesem Abend besonders schlecht auf sie zu sprechen, weil sie sich geweigert hatte, zu ihm zurückzukehren. Nun machte er nicht mehr viel Worte, zückte seine Pistole und betätigte den Abzug. Bindernagel starb wenig später im Krankenhaus. Für Hintze schindete Rechtsanwalt Walter Bahn 12 Jahre Zuchthaus heraus. Ob der gelernte Offizier nach dem Angriff versucht hatte, auch sich selbst zu erschießen, war dem genannten Pressedienst zufolge umstritten. Jedenfalls sei er letztendlich geflohen, und zwar in einer Autodroschke, die jedoch von der Polizei rasch eingeholt worden sei. Den Hintergrund des Dramas bildeten die üblichen, wenn auch im Vergleich zum sozialdemokratischen Klientel eher müßigen Geldsorgen. Im Zuge des „Schwarzen Freitags“ (1929) mit seiner eigenen Bank Schiffbruch erlitten, hatte sich Hintze in der Folge skrupellos der hohen Gagen seiner Gattin bedient, um seinen fürstlichen Lebenswandel nicht einschneidend einschränken zu müssen. Dabei soll er Bindernagel ausgesprochen kurz gehalten und ihr sogar die Unterstützung ihrer Mutter, also seiner Schwiegermutter, untersagt haben. Daraufhin reichte sie die Scheidungsklage ein. Es war ihr Todesurteil.

Drei Jahrzehnte früher hatte sich in Dresden eine ähnlich blutige Posse mit umgekehrter Rollenverteilung zugetragen. Dort wurde der 34jährige Gustav Adolf Gunkel, Geiger in der Hofkapelle und Komponist (hauptsächlich von Liedern und Opern), im März 1901 nach einem Konzert auf der Heimfahrt nach Blasewitz (bei Dresden) in der Straßenbahn von der 49jährigen Ex-Gattin eines österreichischen Dampfschiffahrt-Direktors Theresia Jahnel erschossen, die inzwischen, seinetwegen, gleichfalls in Blasewitz wohnte und die zwar nicht seine Geliebte, jedoch seine glühende Verehrerin war. Die Dame hatte zwei in einem Blumenstrauß versteckte Revolver mit sich geführt und ihr Opfer im Hinterkopf getroffen. Ihr angeblicher Versuch, sich dann auch selbst zu richten, vielleicht mit dem zweiten Revolver, sei vereitelt worden, hieß es damals in einem Bericht der Münchner Neuesten Nachrichten. Die Mutter zweier Kinder habe den jungen Geiger „mit rasender Leidenschaft“ verfolgt. Bernd W. Seiler ergänzt**, sie habe Gunkel mit teuren Geschenken überhäuft, die dieser dummerweise annahm, während er die Dame selber, als Geliebte, verschmähte. Als ihr nun auch noch eine bevorstehende Verlobung Gunkels zu Ohren kam, machte sie entsprechende Drohungen wahr und griff in ihrer wahnhaften Liebe und Eifersucht zu dem erwähnten Blumenstrauß. Sie wurde verhaftet und später in eine österreichische Irrenanstalt eingewiesen. Zusätzlich soll sie, mit ihrer wenn auch abgewandelten Geschichte, als „Ines Rodde“ von Thomas Mann in seinen Roman Doktor Faustus gesteckt worden sein.

* online hier, S. 10
** Aufsatz von 1993/98



87 - Theodor Lessing

Man möchte sich fast wundern, daß er immerhin 61 wurde, ehe er 1933 Mördern zum Opfer fiel. Zu den großen Begabungen des jüdischen Gelehrten und Feuilletonisten aus Hannover zählte es nämlich, sich unbeliebt zu machen. Kollege Thomas Mann zum Beispiel hatte um 1910 darauf verzichtet, Lessing zu erschießen. Damals hatte sich eine langwierige Fehde zwischen den beiden an einer scharfen Satire Lessings über den Literaturkritiker Samuel Lublinski entzündet. Gewiß schoß der zumeist vollbärtige Lessing in einer Kehrseite seiner „weiblichen“ Nachgiebigkeit öfter übers Ziel hinaus, aber auch Mann, der hochgewachsene, schöne und bereits angesehene Mann aus München, leistete sich in dieser Auseinandersetzung, Axel Schmitt zufolge*, etliche starke, teils unverhohlen antisemitische Gehässigkeiten. Wie einige Autoren vermuten, waren die Ausfälle der beiden Kampfhähne nicht völlig von dem Umstand unberührt, daß Lessing ein paar Jahre zuvor, 1904, als Aushilfslehrer in der Reformschule Haubinda in Thüringen seine erste Ehefrau, die attraktive Blondine Maria Stach von Goltzheim, ausgerechnet an den damaligen Schüler Bruno Frank verloren hatte, der später Schriftsteller und ein Freund der Familie Mann wurde. Der Mensch wandelt allenthalben über „niedrige Beweggründe“, Lessing wußte es wohl. Meist fangen sie im Elternhaus und in der Schule an – im damaligen Hannover Einrichtungen, die der Sohn eines Modearztes und einer Bankierstochter nach eigenen Worten als „die zwei Höllen meines Lebens“ erfuhr. Dem undurchsichtigen Scheitern seiner ersten Ehe ging das undurchsichtige Scheitern seiner Schul- und Jugendfreundschaft mit dem späteren Holzhammer-Philosophen Ludwig Klages voraus, der 1899 mit dem „ekelhaften, zudringlichen Juden“ bricht. Gleichwohl scheint sich Lessing nie wirklich von Klages' bornierter, zugunsten des „Lebens“ vorgenommener Ächtung des „Geistes“ gelöst zu haben.

Nach Medizin- und Philosophiestudien wird Lessing 1908 an der TH Hannover lediglich „Privatdozent“, ohne Lehrstuhlweihen und Gehalt, weil er den Wissenschaftsbetrieb schon zu sehr gegen sich aufgebracht hat. Prompt läßt der angeblich „assimilierte“ Jude im Ersten Weltkrieg (Lazarettarzt und Hilfslehrer) die verbreitete Kriegsbegeisterung vermissen, nachdem er bereits in jenem Jahr 1908 in einer Kampfschrift gegen die Geräusche unseres Lebens auf dem Lärm herumgehackt hatte. Das fand man zumindest ziemlich albern. Später erklärt sich Lessing zum Feind Hindenburgs (1925) und hält dafür ArbeiterInnenbildung hoch. Seine zweite Ehefrau Ada war 1919 Leiterin der gemeinsam aufgebauten Volkshochschule Hannover geworden. 1924 verfolgt er den Prozeß gegen den berühmten grausamen Serienmörder und ungleich weniger bekannten Hannoveraner Polizeispitzel Fritz Haarmann, woraus dann, nach Artikeln, ein Buch entspringt. Lessing rügt zahlreiche Versäumnisse in Ermittlung und Gerichtsverfahren und prangert die allgemeine Heuchelei an: „Dieselbe Menschheit, die nach den Materialschlachten mit fünfhunderttausend Toten ihre Feldherren mit Orden schmückte, ist über einen Mann entsetzt, der vielleicht zwanzig, dreißig Menschen umgebracht hat.“ Mit solcher Sichtweise wird man leicht „Kulturpessimist“ und entsprechend gescholten. Lessing befürchtet, die „Bestie“ heiße nicht Haarmann, vielmehr lauere sie grundsätzlich in jedem notdürftig durch „Zivilisation“ gebändigten Menschen und breche in gesellschaftlichen Krisenzeiten leicht wieder aus. Er zählte dann bald zu den Opfern.

1926 sieht sich Lessing nach anhaltender Bedrohung von rechter Seite aus zunächst gezwungen, seinen Hochschuldienst zu quittieren. Obwohl sein eigener Zionismus durchaus befremdliche „völkische“ Züge hat, entfaltet er nun, schon aus Erwerbsgründen, eine breite antifaschistische publizistische Tätigkeit, darunter im Prager Tagblatt. Am 1. März 1933 flüchtet er sich in Begleitung seiner 20jährigen Tochter Ruth in einen Zug, der ihn just in die tschechische Hauptstadt bringt. Seine beiden Töchter aus der ersten Ehe hatte er übrigens genauso alttestamentarisch benannt, Judith und Miriam. Am 10. Mai landen auch die Bücher von Theodor Lessing auf deutschen Scheiterhaufen. Er plant inzwischen, im Verein mit seiner ihm nachgereisten Gattin Ada im westböhmischen Marienbad eine Schule für Kinder jüdischer Emigranten zu eröffnen. In diesem Kurort hat die Familie in der Villa Edelweiß eine Wohnung gemietet, die offenbar nicht im Erdgeschoß liegt, denn am 30. August erblickt die Polizei auf der Gartenseite der Villa eine lange Leiter, die zu den Fenstern des Arbeitszimmers des Schriftstellers und Pädagogen führt. Mit Hilfe der Leiter ist Lessing soeben von den drei sudetendeutschen Nazis Rudolf Max Eckert, Rudolf Zischka und Karl Hönl überrascht und erschossen worden. Sie entkamen zunächst nach Deutschland.

Lessing hatte die zweifelhaft Ehre, das erste Todesopfer des deutschen Faschismus auf tschechischem Boden zu sein. 1919 hatte er sich in seiner, für Schmitt „ungemein klugen“ Schrift Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen über den „frommen Wahn“ lustig gemacht, Geschichte spiegele Vernunft, Sinn, Fortschritt, Gerechtigkeit und dergleichen wider. Vielmehr wird sie stets, von Wünschen und Interessen geleitet, konstruiert. Das maßgebliche Geschichtsbild über den Autor der Schrift meldete die Hannoversche Niederdeutsche Zeitung, Ursula Homann zufolge**, schon wenige Stunden nach den Schüssen auf ihn: „Mit Prof. Lessing ist eine der übelsten Erscheinungen der Nachkriegszeit aus dem Leben geschieden.“

* Aufsatz „Ein Januskopf der Moderne“, literaturkritik.de Dezember 2003
** Waffe der Kritik



88 - Albert Funk

Mit dem Machtantritt der von Industriellen und Bankdirektoren finanzierten merkwürdigen Sozialisten häuften sich in Deutschland Stürze aus dem Fenster. Den Bergmann und Kommunisten Albert Funk, seit 1930 auch Reichstagsabgeordneter, ereilten die Fallgesetze am 27. April 1933 im Polizeipräsidium zu Recklinghausen, 3. Stock. Allerdings rief sein Fall (in den Hof) im Oktober 1949 einen der raren Justiz-Lichtblicke hervor. Das Landgericht Bochum räumte ein, zwar habe sich der 38jährige KPD-ler damals in „Schrecklinghausen“, so der Kosename des betreffenden Polizeipräsidiums in Antifa-Kreisen, selbst aus dem Fenster gestürzt, doch habe er es ohne Zweifel „unter dem Einfluß der erlittenen physischen und psychischen Qualen“ bei seinen Vernehmungen getan. Schließlich verurteilte das Gericht den verantwortlichen Gestapo-Beamten „wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit, Aussageerpressung und Körperverletzung im Amt in je 46 Fällen“ zu 12 Jahren Zuchthaus.

Der frühere (Dresdener) Mitschüler Erich Kästners Hans Otto, Jahrgang 1900, wurde Theaterschauspieler und 1924 außerdem Mitglied der KPD. Er gefiel besonders in Rollen jugendlicher Helden und Liebhaber. Ende Januar 1933 stand er am Berliner Staatstheater bei der Premiere von Faust II noch an der Seite von Gustaf Gründgens und Werner Kauß. Im Februar 1933 hatte der „künstlerisch überragende Schauspieler“ (Ulrich Liebe, 1998) die Kündigung im Briefkasten. Statt nach Wien zu gehen, wie von Max Reinhardt empfohlen, tauchte er bald darauf zwecks Widerstandsarbeit unter, doch schon im November des Jahres ging er der Berliner SA in die Fänge. Wie es aussieht, stieß man den 33jährigen, nach einigen Folterungen, im 3. Stock der SA-Kaserne in der Voßstraße aus dem Fenster. Er starb erst im Krankenhaus, was vermutlich den Recherchen seines Mithäftlings Werner Hinze zugute kam, der nach dem Krieg von Ottos Ende berichtet haben soll. Die Behörden hatten den Vorfall selbstverständlich als Selbstmord vermeldet. Das 1952 in Potsdam eröffnete Hans Otto Theater überdauerte die „Wende“; 2006 bekam es sogar einen Neubau am Tiefen See.

Ich erwähne zudem den sympathischen Schriftsteller Gottfried Kapp, obwohl ihm zumeist ein „ungeklärtes“ Ende nachgesagt wird. Als er im November 1938 in Frankfurt am Main im Rahmen eines Verhörs durch die Gestapo den Weg durchs Fenster nahm oder vielmehr nehmen mußte, war er 41 Jahre alt. Vom Niederrhein stammend, hatte er zuletzt mit seiner Frau Luise in einem Häuschen am Taunus gelebt. Er stand der naturfrommen „Zivilisationsfeindlichkeit“ solcher Kollegen wie Wiechert, Giono, Kreuder sicherlich näher als etwa dem Kommunismus. Den Faschisten paßten weder seine Verachtung des Krieges noch seine jüdischen Freunde. Vermutlich wird nie mehr feststellbar sein, ob er bei jenen Verhören sprang oder gestoßen wurde. Meines Erachtens kommt es aber aufs selbe hinaus, da Kapp weder todkrank noch lebensmüde war.

Man weiß oder ahnt es womöglich bereits, solche bedauerlichen Stürze aus dem Fenster sind kein rein faschistisches Phänomen. Ich beschränke mich, zeitlich vorgreifend, auf ein Beispiel aus den berüchtigten „Terrorjahren“ der italienischen, von zahlreichen US-Militärstützpunkten verteidigten und CIA-Agenten gesponserten Nachkriegsdemokratie. Auftakt dieser Periode war ein verheerender Bombenanschlag auf eine Mailänder Bank im Dezember 1969, den man von den ersten Sirenentönen an „Linksradikalen“ in die Schuhe zu schieben versuchte. Noch am Tattag werden entsprechende Verhaftungen vorgenommen, die unter anderem den 41 Jahre alten, anarchistisch gesinnten Eisenbahnarbeiter Giuseppe Pinelli ins Mailänder Polizeipräsidium führen. Er kommt nicht mehr lebend heraus, weil er nach tagelangen (rechtswidrigen) Verhören aus einem im vierten Stock gelegenen Fenster fällt. Nun wird der Öffentlichkeit über Jahre hinweg zunächst ein „Selbstmord“, dann ein „Unfall“ des verheirateten Anarchisten weisgemacht. Ein von der Witwe Licia angestrengtes Verfahren gegen drei Polizeioffiziere wird „mangels Beweisen“ eingestellt. Erst um 2000 schließt die Justiz Selbstmord aus und dementiert „jegliche Verwicklung Pinellis in den Bombenanschlag“, wie Renate Igel schreibt.* Vielmehr gingen die 17 Toten und 88 Verwundeten von der Mailänder Piazza Fontana auf das Konto der in jenen Jahren wirkenden „Strategen der Spannung“, die sich vor allem auf diverse Geheimdienste und die von diesen mehr oder weniger gesteuerten neofaschistischen oder linksangestrichenen Gruppen wie die Roten Brigaden stützten.

* Terrorjahre. Die dunkle Seite der CIA in Italien, 1997, Neuausgabe München 2006, darin bes. S. 25


89 - Muhammad Nafi Tschelebi

Auch dies ein ungeklärter (Un-)Fall. Der Leichnam des 31 Jahre alten Syriers aus Aleppo wurde im Sommer 1933 von Spaziergängern am Ufer eines Grunewaldsees entdeckt. Ob Tschelebi ertrank und warum er starb, scheint niemand zu wissen. Es wird lediglich darauf verwiesen, daß die Nazis auf den prominenten Muslim schlecht zu sprechen waren. 1923 nach Berlin gekommen, hatte sich der Student der Technischen Universität zu einem führenden Förderer der Integration der Berliner Muslime und der Verständigung zwischen den Weltkulturen entwickelt. Er leitete das von ihm geschaffene Islam-Institut (1927) und gab mehrere Zeitschriften heraus. Seit 1997 verleiht das Zentralinstitut Islam-Archiv-Deutschland, das seit 1981 in Soest residiert, jährlich an Nicht-Muslime, die im genannten Sinne wirken, einen nach Tschelebi benannten Preis. 2012 ging er unter anderem an den Vorsitzenden des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma Romani Rose.


90 - Federico García Lorca

Der berühmte spanische Schriftsteller wurde eindeutig ermordet. Nur die Gründe für diesen Mord sind weniger klar. Im Sommer 1936 hatte soeben der Spanische Bürgerkrieg zwischen den Anhängern der jungen Republik und den Franco-Putschisten begonnen. Der 38jährige Lorca, Akademiker aus wohlhabender Familie, vor allem als Dramatiker und Lyriker gefeiert, auch begabter Musiker, hatte sich leichtfertigerweise vom republikanischen Madrid aus in seine Heimatstadt Granada, Südspanien, begeben, die gerade von den Falangisten besetzt worden war. Er suchte nun Schutz bei Freunden aus dem rechten Lager, der Familie Rosales, wurde aber verraten, wahrscheinlich durch den „stadtbekannten Spitzel“ (Berger) Ramón Ruiz Alonso. Lorcas Sympathie für LandarbeiterInnen, seine republikanische Gesinnung, sein „Zigeunerblut“ in den Adern waren Francos Falange nicht weniger ein Dorn im Auge als seine Homosexualität. Zudem sannen die „mariquitas“ (Marienkäfer) auf Rache – jene „Clique der Parasiten“ (Spiegel 1956), über die Lorca wiederholt seine Verachtung ausgegossen hatte. Möglicherweise war auch Eifersucht im Spiel. Mord war es so oder so. Zum außerhalb der Stadt gelegenen Behelfsgefängnis „La Colonia“ verschleppt, wurde Lorca ebendort im Morgengrauen des 19. Augusts des Jahres in einem nahen Olivenhain durch Soldaten der Guardia Civil erschossen. Michael Berger* nennt als Verantwortliche den Major José Valdés Guzmán und dessen Vorgesetzten General Queipo de Llano, damals militärischer Machthaber in Sevilla und Granada. 1940 vermerkte das Standesamt von Granada, Lorca sei „im August des Jahres 1936 infolge kriegsbedingter Verletzungen“ verstorben. So kann man es ausdrücken, wenn man den Bürgerkrieg gewonnen hat.

Makaberer letzter Trost für Lorca: mit ihm glitten an jenem Morgen, laut Berger, noch drei andere durchlöchert an den Stämmen der Olivenbäume hinab: „Der Lehrer Dióscoro Galindo González, zum Tode verurteilt, weil er 'linken Ideen anhing', sowie die Stierkämpfer Joaquín Arcollas Cabezas und Francisco Galadí Mergal, Vertreter der anarchistischen Bewegung aus Granada – sie hatten gegen die Übernahme der Stadt durch die Putschisten bewaffneten Widerstand geleistet.“ Über diese drei Los „paseados“ con Lorca soll 2007 ein Buch von Francisco Vigueras Roldán erschienen sein.

Weniger eindeutig stellt sich das vermutlich furchtbare Schicksal des 45jährigen Republikaners Andrés Nin dar. Er zählte zur Führung der als „trotzkistisch“ verschrieenen POUM, die der moskauhörigen KP ein ähnlich schmerzender Dorn im Auge war wie diverse anarchistische Organisationen, und war streckenweise auch Regierungsmitglied. In den Truppen der POUM kämpfte zeitweilig der britische Schriftsteller (und Ex-Polizeichef) George Orwell mit, während seine Frau Eileen O’Shaughnessy in Barcelona bei der Büroarbeit half. Kurz nach den dortigen unseligen Bruderkämpfen zwischen den beiden Lagern vom Mai 1937 wurde Nin auf Betreiben der Kommunisten verhaftet. Zunächst in eins der Gefängnisse gesteckt, die diese damals kontrollierten, wußte doch bald niemand mehr, wo sich Nin aufhielt. Auch die von der POUM eingeleitete und von manchen prominenten Ausländern unterstützte Kampagne Gobierno Negrín: ¿dónde está Nin? („An die Regierung Negrín: Wo ist Nin?“) brachte ihn nicht wieder zum Vorschein. In der Regel – selbstverständlich nicht unter traditionsbewußten Kommunisten – wird heute angenommen, Nin sei auf Geheiß Stalins verschleppt, ausgiebig gefoltert und schließlich am 20. Juni ermordet worden. Abtrünnige Söhne ziehen sich ja oft den besonders ausgeprägten Haß der Väter zu. Nin hatte 1921 die spanische KP mitgegründet und bald darauf in Moskau für rund ein Jahrzehnt KOMINTERN-Arbeit geleistet. Für weitere Einzelheiten verweise ich auf die deutsche Wikipedia.

* Artikel in Neues Deutschland, 20. August 2011


91 - Gerda Taro

Während sich Eileen O’Shaughnessy an den Schreibmaschinen und Telefonen der POUM nützlich machte, betätigte Gerda Taro ihre Kamera – sogar an der Front. Die 1910 geborene Schwäbin, Tochter eines jüdischen Kaufmanns, hatte ab 1929 die nichtstaatliche Gaudigschule in Leipzig besucht, der es um die Förderung der Selbsttätigkeit ihrer Schützlinge ging. Nach kurzer Haft wegen antifaschistischer Umtriebe traf Taro im Herbst 1933 gemeinsam mit ihrer Freundin Ruth Cerf in Paris ein. Sie fand Arbeit in einer Bildagentur, nachdem sie den ungarischen Fotografen Robert Capa kennengelernt hatte, der ihr Lehrer und Geliebter wurde. Von da an arbeiteten sie zusammen. Capa, weitaus bekannter als sie, kam „erst“ 1954 mit 40 als Kriegsberichterstatter in Indochina um, wo er auf eine Landmine trat. Zwei Jahre darauf folgte ihm sein Freund und Mitgründer der Pariser Magnum-Agentur David Seymour ins Grab. Der 44jährige wurde beim Beobachten eines Gefangenenaustausches im Krieg um den Suez-Kanal erschossen.

Taro hatte ihren ersten Presseausweis im Februar 1936 erhalten. Schon im Sommer traf sie mit Capa im republikanischen Barcelona ein. Das Gespann besuchte diverse Fronten. Die „geschossenen“ Fotos gingen im Rahmen verschiedener Zeitschriften um die Welt. Selbstverständlich bildete Taro, neben den Greueln des Krieges, auch gerne unerschrockene Kämpferinnen ab. Auch ihr selber hat es laut Alfred Kantorowicz' Kriegstagebuch nicht an Mut gefehlt. An der Cordoba-Front sei die „anmutige Reporterin“ 1937 mit „Baskenmütze über dem schönen rotblonden Haar“ und einem „zierlichen Revolver“ im Gürtel aufgetaucht, um zu einer polnischen Kompanie vorzudringen. Sie hatte ursprünglich gleichfalls einen polnischen Nachnamen getragen, Pohorylle. Zu ihren fototechnischen Eigenheiten gehörte die Untersicht, durch die sich der Himmel weitete. Davon abgesehen, war die „lässige Schönheit“ aus Schwaben, laut Irme Schaber*, der erste weibliche Frontfotograf überhaupt.

Allerdings kam sie schon nach einem knappen Jahr unter die Erde. Zu Taros letzten Arbeiten zählt ein Foto des Ortsschilds von Brunete (bei Madrid) mit bewaffneten Kämpfern davor. Am 25. Juli 1937 erlebt sie an der Brunete-Front einen anhaltenden Luftangriff der berüchtigten faschistischen, wenn auch nicht gekennzeichneten deutschen Legion Condor. Sie hockt in einer Art Fuchsbau, fotografiert – und bleibt unversehrt. In der Nacht jedoch, beim Rückzug der RepublikanerInnen, gerät sie unter einen eigenen Panzer, weil sie vom Trittbrett eines Lastwagens abgerutscht ist. Sie wird überrollt.

Als die 26jährige am 1. August auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise bestattet wurde, folgten Tausende dem von Pablo Neruda und Louis Aragon angeführten Trauerzug, der sich in eine Demonstration gegen die heuchlerische „Nichteinmischungspolitik“ der westlichen Demokratien verwandelte. Unter der Hand lieferten sie Franco Waffen und „dämmten“, im Falle Frankreichs und Portugals, die Flüchtlingsströme ein. Was den Einsatz der Legion Condor angeht, sollte Hermann Göring später in Nürnberg schwärmen, er sei „ein ausgezeichnetes Training für Mensch und Material“ gewesen. Gefeierte Bomberpiloten wie Johannes Trautloft wurden, nach 1945, nicht etwa aufgeknüpft oder mit 20 Stockhieben bedacht; sie wurden Brigadegeneral und Luftwaffeninspekteur der Bundeswehr.

Alberto Giacometti schuf für die verunglückte Fotografin ein Grabmal, das allerdings nicht mehr erhalten sein soll. In Stuttgart gibt es seit 2008 einen Gerda-Taro-Platz. Schaber behauptet, viele Aufnahmen von Taro seien nach dem Zweiten Weltkrieg dem berühmteren Capa zugeschrieben worden – vor allem aus kommerziellen Gründen, weil sie sich auf diese Art besser verkaufen ließen. Zudem habe Capa eingeräumt, wegen der unter anderem geschäftsschädigenden Kommunistenhatz in den USA habe es sich für ihn angeboten, eine nachträgliche Arbeitsteilung zu installieren: „Ich war der Fotograf und Gerda die Kommunistin.“ Sie war ja tot.

Ihr Kollege Jean-Pierre Pedrazzini schaffte drei Jahre mehr. 1956 von Paris Match nach Budapest zum später so genannten Ungarischen Volksaufstand geschickt, wurde er am 30. Oktober auf dem hauptstädtischen Platz der Republik von mehreren Kugeln getroffen. Dort waren regimetreue oder sowjetische Soldaten mit Waffengewalt gegen aufgebrachte Demonstranten vorgegangen, die die kommunistische Parteizentrale berannt hatten. 2006 wurde dem 29jährigen „Helden“ des Aufstandes in Budapest ein Denkmal gesetzt.

Der französische studierte Journalist Gilles Caron verlegt sich um 1960 auf Fotografie, zunächst aus der Modebranche, dann aus Politik und Zeitgeschehen, von Israels „Sechstagekrieg“ 1967 bis zum wenig zimperlichen Aufräumen der Roten Khmer in Kambodscha. Hier erwischt es ihn. Am 5. April 1970, er ist 30, bereits berühmt und vermutlich auch gehaßt, werden Caron und zwei Kollegen zum letzten Mal gesehen: auf der von den Khmer kontrollierten Straße zwischen Phnom Penh und Saigon. Vielleicht wurden die Männer entführt, gequält, getötet. Ihr Schicksal konnte auch durch einen 2004 mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Dokumentarfilm von Johann Feindt nicht aufgeklärt werden. Zu Carons bekanntesten Arbeiten zählt ein Schwarzweißfoto vom 6. Mai 1968, das den damaligen Studentenführer Daniel Cohn-Bendit vor der Pariser Sorbonne in herausforderndem Blickkontakt mit einem vor ihm aufragenden behelmten Gesetzeshüter zeigt. Es soll BeobachterInnen geben die glauben, es wäre Cohn-Bendits Ruf besser bekommen, wenn er ebenfalls jung gestorben wäre.

* Gespräch mit der Deutschen Welle, 24. Juli 2012


92 - Willy Harzheim

Der Bergmann aus dem Ruhrgebiet, geboren 1904, hatte 1929 erste Texte in der kommunistischen Presse veröffentlicht. Im selben Jahr nach Berlin gegangen, stieg er rasch zum Sekretär des von der KPD gelenkten Bundes Proletarisch-Revolutionärer Schriftsteller (BPRS) auf. Er betreute die Verbandszeitschrift Linkskurve und schrieb auch selber in ihr. Seine erste Bekanntschaft mit dem gelobten Land Sowjetunion – das ihm sieben Jahre später zum Verhängnis werden sollte – machte er 1930 als Mitorganisator und Teilnehmer eines internationalen Schriftstellerkongresses in Charkow. Prompt heiratete er zwei Jahre darauf die Russin Nora Schapiro, wenn auch in Berlin und wahrscheinlich hauptsächlich ihrer Einbürgerung zuliebe.

Linien- und hierarchietreu, wie er damals vermutlich noch war, half Harzheim im Frühjahr 1933 zunächst dem „Dichterkönig der deutschen revolutionären Literatur“ Johannes R. Becher dem Rachedurst der neuerdings regierenden Faschisten zu entkommen, ehe er selber das Weite suchte – natürlich, wie Becher, in der Sowjetunion. In Moskau gab es damals eine regelrechte Kolonie jener führenden deutschen Kommunisten, die zuletzt nur noch halbherzig gegen den deutschen Faschismus gekämpft hatten, weil konsequenter Kampf den sowjetrussischen Interessen zuwider gelaufen wäre. Wie aus den Erinnerungen des ungarischen Dramatikers Julius Hay hervorgeht*, waren die Privilegien dieser KoloniebewohnerInnen „natürlich“ nur um den Preis des Anpassungsdrucks vom Kreml her und der entsprechenden Intrigen in den eigenen Reihen zu haben. Was den „Dichterkönig“ Becher angeht, versäumt es Hay nicht, den hübschen Spitznamen mitzuteilen, der Becher vom ausgezeichneten dänischen Erzähler Martin Andersen-Nexö (vor allem: Ditte Menschenkind) verpaßt worden war: „Johannes Erbrecher“. Laut Hay spann der eitle, machthungrige und ziemlich skrupellose künftige Star des DDR-Literaturbetriebes emsig an den Intrigen mit. Drohte sich Becher selber darin zu verfangen, sei er freilich in Panik geraten und habe „alles und jeden bei der Parteileitung verpetzt“. Offenbar knüpfte er auch an seine Jugend an: „Mehrere Male demonstrierte er seine Zerknirschung vor der Partei durch Selbstmordversuche, von welchen einer wider Erwarten beinahe gelungen war.“ Dafür sei er dann nach 1946, in seinem „Pankower Reservat“, ganz „außer Rand und Band“ geraten. Hay zählte zu den führenden Organisatoren – und Leidtragenden des erwähnten Ungarischen Aufstandes von 1956.

Willy Harzheim stand wahrscheinlich in der Hierarchie nicht hoch genug, um in der Moskauer Kolonie bis zum Anrücken der deutschen Wehrmacht verweilen zu dürfen. Er wurde bald nach seiner Flucht aus Deutschland als Kulturarbeiter ins westsibirische Kohlebecken um Prokopjewsk beordert, wo er wieder eine Zeitung redigieren konnte, den Roten Bergmann. Spätestens die Tatsache, daß er dort eine Zeit lang mit der kommunistischen Schriftstellerin Emma Tromm, geborene Schaaf aus Köln zusammen lebte, deutet auf das Schwinden seiner Linientreue hin. Tromm, ursprünglich Fabrikarbeiterin, später Autorin für die Rote Fahne und ab 1932 die zweite Sekretärin des BPRS, war Ende 1936 in Moskau im Zuge der „Säuberungen“ auf der Parteiversammlung der Deutschen Sektion des Schriftstellerverbandes wegen „mangelnder Wachsamkeit“ kritisiert und aus allen Ämtern (vor allem Sekretärin) entlassen worden. Es ist unwahrscheinlich, daß Becher, ab 1935 Chefredakteur der Zeitschrift Internationale Literatur, zudem Mitglied des ZKs der KPD, daran unschuldig war. In Prokopjewsk organisierte Tromm gemeinsam mit Harzheim auch eine Agitprop-Theatergruppe.

Ende 1937 wurde der inzwischen 34jährige Harzheim von sowjetischen „Sicherheitskräften“ wegen „konterrevolutionärer Betätigung“ verhaftet und erschossen. Einzelheiten gehen aus den Quellen nicht hervor. Es war freilich damals, nicht nur in Prokopjewsk, durchaus üblich, etwa die haarsträubenden Sicherheitsmängel im Bergbau der „Sabotage“ durch Emigranten anzulasten, die auch in Prokopjewsk in größerer Anzahl lebten. Wie sich versteht, wurde der ermordete Deutsche umgehend von der Moskauer KPD-Enklave aus den Parteireihen verstoßen. Die SED machte diesen Ausschluß im März 1957 rückgängig, wenn sie das auch nicht an die große Glocke hing. Wenig später hob auch das Westsibirische Bezirksmilitärgericht das Todesurteil gegen Harzheim auf. Nette Gesten, die noch nie einen Toten zum Leben wiedererweckten. Tromm konnte nach Kriegsende in die SBZ/DDR zurückkehren, allerdings nicht ihre Erinnerungen veröffentlichen. Geboren 1896, starb sie in hohem Alter 1991.

* Geboren 1900, 1971, Ausgabe München 1980, S. 172–77


93 - Carl von Ossietzky

Der kleine, kantig und unbeholfen wirkende Mann, der ab 1927 das in Berlin erscheinende einflußreiche linke Wochenblatt Weltbühne leitete, muß eine merkwürdige Mischung aus Schüchternheit und Trägheit gewesen sein, die sich auf weißem Papier jedesmal in scharfzüngige Eleganz verwandelte. Die Militärs und die Nazis haßten ihn wie die Pest. Auf jener Liste der in der Reichstagsbrandnacht zu Verhaftenden stand Carl von Ossietzky ganz oben. Ob er hätte fliehen wollen und können, ist in der Literatur ähnlich umstritten wie die Frage, ob ihm im KZ Esterwegen, Emsland, Tuberkulose-Bazillen eingespritzt wurden. Hier war er der berüchtigten Fronarbeit im Moor ausgesetzt, und die ständigen Schikanen hinzugenommen, war er bald nur noch ein Schatten seiner selbst. Aufgrund anhaltender weltweiter Proteste und Fürbitten im Mai 1936 in das Berliner Staatskrankenhaus der Polizei überführt, hatte er an seiner „schweren offenen Lungentuberkulose“ und seiner Demütigung noch zwei Jahre zu leiden, ehe er mit 48 Jahren starb. Etliche Einrichtungen in Deutschland tragen seinen Namen, aber Deutschland trägt nicht sein Erbe.

Der damals ähnlich bekannte finnische Pazifist Arndt Pekurinen büßte seine wiederholte Kriegsdienstverweigerung (ab 1929) zunächst mit etlichen Haftstrafen und unaufhörlichen Schikanen. Proteste von Prominenten wie H. G. Wells, Henri Barbusse, Albert Einstein halfen nichts. Im Herbst 1941 zwangsweise zum sogenannten „Fortsetzungskrieg“ (gegen die Sowjetunion) an die Front im Bezirk Kalevala verschleppt und weiterhin störrisch, wurde der 36jährige „Vaterlandsverräter“ endlich kurzerhand erschossen. In Helsinki ist ein Park nach ihm benannt.


94 - Hans Litten

Im selben Jahr wie Ossietzky starb ein ihm wohlbekannter 34jähriger Rechtsanwalt, der eine Flucht mit dem Hinweis verworfen hatte, viele Tausend deutsche ArbeiterInnen müßten ebenfalls im faschistischen Deutschland ausharren, weil ihnen die Mittel zur Flucht fehlten. Einige von ihnen hatte er vor Strafen bewahrt. Prompt wurde auch Hans Litten am frühen Morgen des 28. Februar 1933, während der Reichstag noch qualmte, aus dem Bett geholt und in „Schutzhaft“ genommen.

Der Sohn eines reaktionären preußischen Justizrates und einer künstlerisch interessierten Ingenieurstochter hatte schon früh ein starkes Gerechtigkeitsempfinden ausgeprägt. Er schloß sein Jurastudium in Berlin ab und ließ sich dort 1928 gemeinsam mit seinem in der Roten Hilfe engagierten Kollegen Ludwig Barbasch als Anwalt nieder. Zu den Höhepunkten von Littens Laufbahn zählte der Edenpalast-Prozeß vom Mai 1931, bei dem es um einen SA-Überfall auf proletarische Besucher eines Tanzlokals ging. Es gelang Litten, Adolf Hitler vorzuladen und derart in die Enge zu treiben, daß sich der zukünftige „Reichskanzler“ in einem Wutanfall bloßstellte. Das vergaß er Litten selbstverständlich nicht. Im selben Jahr brachte der rote Rechtsanwalt durch eine Finte (Jungkommunist Heidrich ohrfeigt Polizeipräsident Zörgiebel) ein Gericht zu dem Eingeständnis, am sogenannten Blutmai 1929 habe es ohne Zweifel antikommunistische Exzesse der Berliner Schutzpolizei gegeben. Gleichwohl wird Karl Friedrich Zörgiebel nie belangt. 1953 erhält er (für 32 tote und rund 200 zum Teil schwer verletzte Demonstranten oder Schaulustige) das Große Bundesverdienstkreuz.

Dagegen hat Litten nach seiner Verhaftung einen mehrjährigen Leidensweg durch etliche KZs anzutreten. Alle Versuche ihn freizubekommen, wobei seine unermüdliche Mutter Irmgard selbst Lord Allen of Hurtwood einspannt, scheitern. Am 5. Februar 1938 ist es für Litten womöglich zuviel: Mithäftlinge in Dachau, wo er inzwischen gelandet ist, finden ihn erhängt in einem Klosett. Auf einem Zettel soll er die „Freiwilligkeit“ seines Schritts bestätigt haben. Das mag stimmen oder nicht, dieser grausame Mordfall ist klarer als die dünnste KZ-Brühe.

Im Brockhaus (Band 13 von 1990) suche ich Litten vergeblich. Der Rockmusiker Little Richard war wichtiger. Eine beträchtliche Ergänzung des vorstehenden Artikels findet sich neuerdings im zweiten Teil meines Handbuchs der SelbstmörderInnen im Artikel 42.

1934 führte der damals knapp 30jährige Jurist und Pazifist Martin Gauger bei der Staatsanwaltschaft Mönchengladbach vor, was eine Gewissensentscheidung ist. Aufgefordert, den „Treueeid auf den Führer“ abzulegen, schüttelte Assessor Gauger als einziger Mitarbeiter der Behörde, möglicherweise sogar als einziger namentlich bekannter deutscher Jurist überhaupt, seinen Kopf. Damit blieben dem hochgewachsenen und sportlichen, nun ehemaligen Staatsanwalt auf Probe noch sieben Jahre Galgenfrist. Anstellungen als Rechtsberater bei der „Bekennenden Kirche“ und dem „Evangelischen Rat“ Deutschlands in Berlin waren, offenbar wegen seiner mangelhaften Anpassungsfähigkeit, nur vorübergehend. Der „Rat“ hielt den Rasse- und Wehrgedanken hoch. Als sich Gauger im Frühjahr 1940 seiner Musterung durch die Reichswehr nicht mehr länger entziehen konnte, durchschwamm er den Rhein Richtung Holland. Prompt besetzten die Faschisten die Niederlande und verhafteten nebenbei auch Gauger. Nach einjährigem Gastspiel in der Düsseldorfer Strafanstalt wurde Gauger am 12. Juni 1941 ins KZ Buchenwald verlegt. Wikipedia behauptet, die Bischöfe Hans Meiser und Theophil Wurm, beide evangelisch, hätten sich geweigert, sich für den Sohn eines Wuppertaler evangelischen Pfarrers zu verwenden. Mitte Juli wird der 35jährige Gauger mit anderen in die Vergasungsanstalt Schloß Sonnenstein in Pirna, Sachsen, geschafft – aus.


95 - Sergei Michailowitsch Kaminer

Der Russe aus Nischni Nowgorod an der Wolga war als Ingenieur in der Moskauer Chemieindustrie tätig, begriff sich aber vor allem als Schachkomponist und genoß unter den Experten einen hohen Ruf. Von 1932 bis zu seinem Tod 1938 war er zusammen mit Somow-Nassimowitsch für die Studienabteilung des Schachmagazins 64 verantwortlich.

In der Schachkomposition, zuweilen auch Problem- oder Rätselschach genannt, geht es vor allem um die ästhetische und kriminalistische Dimension, die im Wettkampf oft zu kurz kommt. Bei der Studie steht das Ergebnis fest, der Gegner ist nicht leibhaftig anwesend – wichtig ist der Genuß der Lösung, die der Komponist so elegant und raffiniert wie möglich anzulegen hat. Die Studie muß keineswegs mit der Eröffnung einsetzen. Vielleicht gibt es nur noch fünf Figuren auf dem Brett, und nun befiehlt der Komponist dem Schachfreund: „Weiß am Zug gewinnt“ oder gar: „Matt in drei Zügen“. In beiden Fällen gibt es nur eine Lösung, während es im Leben, auch der Sportstätten, bekanntlich stets verschiedene, dabei oft kaum abwägbare Möglichkeiten gibt, zu siegen – oder aber unterzugehen.

Der Schachspieler Michail Botwinnik, nach dem Kriege für Jahre Weltmeister, berichtet*: „Es war Herbst 1937. Ich spielte in Moskau das Match um die UdSSR-Meisterschaft gegen Löwenfisch. Ein unerwarteter Telefonanruf und im Zimmer des Hotels National erscheint Serjoscha Kaminer. ‚Hier im Heft‘, sagt er, ‚sind all meine Studien, einige noch nicht bis zum Ende ausgearbeitet. Nehmen Sie sie. Ich fürchte, sie werden mir verloren gehen.‘ Seine Vorahnung bewahrheitete sich.“

Der russischen Wikipedia zufolge wurde der 30jährige Kaminer im August 1938 wegen angeblicher konterrevolutionärer Umtriebe verhaftet und am 27. September, wahrscheinlich in Moskau, erschossen. 1956 sei er offiziell rehabilitiert worden.

* Laut deutscher Wikipedia im Vorwort zu einem Buch von R. M. Kofman, Moskau 1981


96 - Boris A. Pilnjak

Geboren 1894 als Sohn eines wolga-deutsch-russischen Tierarztes, erscheinen seine ersten Erzählungen um 1920, nach der Revolution also, die er begrüßt hat. 1922 hält er sich für einige Monate in Berlin auf, ab 1924 lebt er als Schriftsteller in Moskau. Sein gewandter, vielreisender Landsmann und Kollege Ilja Ehrenburg beschreibt ihn in seinen Erinnerungen* als einfaches und verworrenes Gemüt, dem freilich Schläue und eine Neigung zur Narretei beigemischt sei. Wahrscheinlich vermißte Ehrenburg das kommunistische Fundament in diesem von roten Haaren gekrönten Gemüt. In der Tat häufen sich Ende der 20er Jahre die Angriffe gegen „trotzkistische“ oder andere „konterrevolutionäre“ Tendenzen in Pilnjaks Romanen. So versucht er sich an Umarbeitungen und Ergebenheitsadressen. Sein Freund Victor Serge**, der ihn „sehr egoistisch“, „sehr menschlich“ und einen „großen Schriftsteller“ nennt, berichtet in seinen Erinnerungen: „Über einen Prozeß gegen Techniker schrieb er einen elenden Artikel für die Prawda, erhielt durch persönliche Intervention Stalins einen Auslandspaß, besuchte Paris, New York, Tokio. Als er [1931?] zurückkam, war er in englischen Cheviot gekleidet, hatte ein kleines Auto, war geblendet von Amerika und sagte zu mir: 'Ihr seid erledigt, Schluß mit der revolutionären Romantik! Wir treten in eine Ära des sowjetischen Amerikanismus ein: Technik und praktische Solidarität!' Kindlich beglückt von seiner Berühmtheit, von den materiellen Vorteilen ...“ Dieser Seiltanz wurde Pilnjak nur noch wenige Jahre gestattet. Ende Oktober 1937 verhaftet und im Folgejahr vor einer Moskauer Militärkammer der „Spionage für Japan“ für schuldig befunden, wurde der 43jährige am 21. April 1938 zum Tode verurteilt und noch am selben Tag erschossen.

Im Dezember des selben Jahres wurde der vor allem für seine geheimnisvolle Lyrik gerühmte Sohn eines Warschauer jüdischen Lederhändlers Ossip Mandelstam das Opfer wiederholter Verfolgungen und der Krankheiten, die er sich dabei holte. Er starb mit 47 Jahren im Lazarett eines Arbeitslagers bei Wladiwostok. Seine Kollegen Alexander Iwanowitsch Wwedenski (37) und Daniil Charms (36) waren eher der Groteske und dem Dadaismus verpflichtet. Um 1927 zählten sie zu den Wortführern der avantgardistischen Literaten- und Clowngruppe Oberiu, die sich über die Unsinnigkeit des Daseins lustig machte und daher mit dem sowjetischen Regime auf immer schlechterem Fuße stand. Wwedenski kam 1941 als Bestandteil eines Gefangenentransports bei Charkow um, während die deutschen Truppen vorrückten. Parallel dazu wurde Charms in die psychiatrische Anstalt des Leningrader Gefängnisses Kresty gesperrt. Es war die Zeit der brutalen Blockade dieser Metropole durch die Deutschen – und bis zum Februar 1942 war der 36jährige, schon früher hagere Humorist in der Haft, die ihn „zwangsheilen“ sollte, buchstäblich verhungert, wie jedenfalls vermutet wird. Zurück blieb seine zweite Ehefrau Marina Durnowo. Erstaunlicherweise wurde sie über 90.

* Menschen–Jahre–Leben, gekürzte zweibändige deutsche Ausgabe München 1962/65, Band II, S. 26/27
** Erinnerungen eines Revolutionärs, Erstausgabe auf Französisch Paris 1978, deutsche Ausgabe Hamburg 1991, S. 301



97 - Rudolf Klement

Im August 1938 fischte man einen Sack mit Teilen der Leiche eines deutschen Ex-KPD-Mitgliedes aus der Pariser Seine: Rudolf Klement. Der 29jährige Übersetzer und zeitweilige Sekretär Trotzkis, nach wie vor für die Opposition tätig, war am 12. Juli 1938 plötzlich verschwunden. Im Sack fehlte der Kopf. Der Fall blieb ungeklärt.

Trotzkis älteste Tochter Sinaida Lwowna Wolkowa (31) war 1933 in Berlin sowohl ihren Krankheiten, darunter Tuberkulose und Depressionen, wie den politischen Verfolgungen erlegen: sie brachte sich um.

Trotzkis Sohn Sergei Lwowitsch Sedow (um 29), Hochschullehrer für Mathematik und Mechanik, wurde 1937, ein Jahr vor Klement, als Verbannter in der nordrussischen Stadt Workuta ermordet. Er hatte sich geweigert, gegen seine Eltern auszusagen.

Parallel zu Klement wurde Paris, im Februar 1938, auch für Trotzkis ältesten Sohn Lew Lwowitsch Sedow zum Sarg. Ob dieser freilich, wie später sein Erzeuger, seinen Häschern von der sowjetischen Geheimpolizei zum Opfer fiel, ist ungeklärt. Sedow war 1933 von Berlin aus, wo er an der TU studierte und das Bulletin der russischen Opposition herausgab, vor den Faschisten nach Paris ausgewichen. Er wurde ständig beschattet. Fünf Jahre darauf starb der 31jährige Politiker nach einer erfolgreich verlaufenen Blinddarmoperation, weil sich „Komplikationen“ eingestellt hatten. Vielleicht war er vergiftet, vielleicht „nur“ falsch behandelt worden – leichtsinniger- oder berechnenderweise.

Leo Trotzki persönlich kam immerhin – bevor ihn 1940 in seinem mexikanischen Exil der berühmte Eispickel des sowjetischen Agenten Ramón Mercader traf – auf 60 Jahre. Er liebte die Nähe zur Gewalt, wen wunderte es nach dieser Liste. Er gewann als Chef der Roten Armee Kriege, verdiente sich durch die Niederschlagung eines berühmten antibolschewistischen Aufstandes Emma Goldmans* Titel „Schlächter von Kronstadt“ und duldete das Wüten der Geheimpolizei Tscheka/GPU, dem er dann selber zum Opfer fiel, nachdem er sich mit Stalin überworfen hatte. Neben der Gewalt liebte er den Ruhm, wobei er auch dabei schlau genug für Tarnung war. Victor Serge** erwähnt, um 1920 sei Trotzki gern „in einer Art weißer Uniform ohne Abzeichen“ aufgetreten. Der russisch-französische Anarchist muß es wissen, da er in den 20er Jahren zunächst enger Mitarbeiter von Sinowjew, dann Trotzki war. Aber er ist im Hinblick auf diesen gespalten. Einerseits räumt er ein, gegen den „autoritären“ Trotzki sei Lenin geradezu „zutraulich“ gewesen. Viele kritische Geister hätten Trotzki „bewundert, ohne ihn zu lieben“. Aber er preist eben auch Trotzkis politischen Spürsinn, also sein Kalkül, reiht ihn unter die „Generation der Riesen“ ein und bescheinigt ihm, er verstehe „ein großes Schicksal“ meisterlich zu tragen. Da kann man schon befürchten, der Trieb des Menschen, „Größe“ zu verehren, also Überlegenheit, Kraft, Macht, sei wahrscheinlich unausrottbar. Zwar vermeldet Serge, ein herzensguter kluger Kopf, zur Zeit des Spanischen Bürgerkrieges habe er mit seinem Lehrmeister und Ziehvater Trotzki endgültig „gebrochen“; dieser Schritt kommt mir jedoch reichlich spät und nicht wirklich radikal vor. Serge selber erlag sieben Jahre nach Trotzki, über den er noch eine Biografie verfaßt hatte, in Mexiko-Stadt einem Herzanfall. Selbstverständlich halten sich auch Gerüchte, der 57jährige „Hans Dampf in allen Gassen“ sei vergiftet worden.

* Living My Life, New York 1931, deutsche Ausgabe Hamburg 2010, S. 811. Die russischstämmige Anarchistin aus den USA hatte sich zur Aufstandszeit, 1921, in Sankt Petersburg aufgehalten.
** Erinnerungen eines Revolutionärs, Hamburger Ausgabe, bes. S. 119, 161, 236, 392



98 - Jura Soyfer

In seiner Wiener Schulzeit erwärmt sich der 1912 geborene Sohn eines jüdischen Industriellen für den Marxismus. Er schreibt Artikel für die Arbeiterpresse und versucht sich auch bald als Dramatiker und Lyriker im Geiste Brechts und Majakowskis. Nach den Februarkämpfen 1934 tritt er der nun illegalen Kommunistischen Partei bei. Er schreibt Flugblätter und arbeitet an Romanen, läuft freilich auch, zum Leidwesen des Parteifunktionärs Franz Marek, „allen Röcken nach“. Sowohl seine frühe Jugendfreundin Marika Szécsi wie seine spätere Geliebte Helli Ultmann bescheinigen dem eher schmächtigen, gleichwohl anziehenden jungen Autor – nach seinem Tode – Charme, Witz und Tapferkeit. Das Wiener Kellertheater ABC führt einige Stücke von Soyfer auf. Im Stück Der Lechner Edi schaut ins Paradies müssen Edi und Fritzi auf der Fahrt mit einer Zeitmaschine erkennen, daß der technische Fortschritt nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist, weshalb sie in dem entsprechenden Büro darum bitten, wenigstens die zukünftige Produktion von Menschen einzustellen. Dem kommunistischen Parteiprogramm zuliebe endet das Stück jedoch mit Durchhalteparolen. Im März 1938, einen Tag nach dem „Anschluß“ Österreichs an das faschistische „Deutsche Reich“, wird der auf Skiern flüchtende Autor unweit der schweizer Grenze verhaftet. Man sperrt ihn zunächst im KZ Dachau, dann im KZ Buchenwald ein. Er beteiligt sich am Widerstand und schreibt neue Texte. Nach dem Ausbruch einer Typhusepidemie dem Kommando der „Leichenträger“ zugeteilt, infiziert sich Soyfer und stirbt im Februar 1939 im Alter von nur 26 Jahren an Bauchtyphus. Damit hatte sich jener Stücktitel auf makabere Weise erfüllt. Zu allem Überfluß hatte der Häftling aufgrund eines Einreisevisums in die USA bereits die Genehmigung seiner Entlassung in der Tasche gehabt.

Soyfers Werk wurde erst um 1980 wieder ausgegraben, wobei ihm vor allem die österreichische Politrockband Schmetterlinge zu stimmgewaltiger Resonanz verhalf. Dieses alpenländische Seitenstück zu den Ton Steine Scherben, in musikalischer Hinsicht womöglich besser als die Leute um Rio Reiser, komponierte etliche Songs auf Texte von Soyfer, darunter Das Lied der Erde, ursprünglich das Lied des Kometen Konrad aus Soyfers Stück Der Weltuntergang von 1936. Hier setzte die Band Soyfers Pathos, statt es abzumildern, noch eins drauf, aber das fand man, in den „undogmatischen“ Kreisen um 1980, gerade stark. „Denn nahe, viel näher als ihr es begreift, hab ich die Erde gesehn ...“ Ein anderes Gedicht von Soyfer, das Lied des einfachen Menschen, endet mit einer ausgesprochen eleganten Durchhalteparole, auf die Funktionäre wie Johannes R. Becher niemals gekommen wären: „Ihr nennt uns Menschen? Wartet noch damit!“

Knapp anderthalb Jahre nach Soyfer, mit dem er seit Jahren befreundet war, starb gleichfalls in Buchenwald der Wiener Journalist und Schriftsteller Ernst Spitz. Der 37jährige bekam den Nazi-Stempel Auf der Flucht erschossen.


99 - Maurice Bavaud

Im Dezember 1939 behauptete er in einem Prozeß vor dem Berliner „Volksgerichtshof“, Hitler stelle nicht nur eine Gefahr für die Menschheit und die Unabhängigkeit der Schweiz, sondern auch für den Katholizismus in Deutschland dar. Der 23jährige Schweizer aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, von seinen Angehörigen als Pazifist und Träumer beschrieben, hatte ein Jahr vorher eine Ausbildung zum Priester und Missionar unter- oder abgebrochen, um sich, offenbar als Einzelgänger, an die Fersen Hitlers zu heften. Er wollte den „Führer“ erschießen, kam jedoch nie zum Schuß. Er verfolgte ihn in Berlin, Berchtesgaden, München, doch mal war Bavaud der Weg, mal die Sicht versperrt. Enttäuscht und mittellos im Zug nach Paris unterwegs, nahm man ihn schließlich, ein Hohn, wegen Schwarzfahrens fest – und entdeckte seine Attentatspläne. Die Folter bei der Gestapo tat das ihre dazu. Aber wie es aussieht, trachtete er vor dem „Volksgerichtshof“ keineswegs, seine Mordversuche zu verleugnen – ausgeführt worden waren sie ja nie. Unter Historikern und Dramatikern ist lediglich umstritten, ob er am Ende nicht doch, statt Widerstandskämpfer, nur ähnlich verrückt gewesen sei wie sein von ihm wiederholt verpaßtes Opfer. Einerlei, die schweizer Diplomatie ließ ihn damals im Stich. Im Mai 1941, inzwischen 25, kam er in Plötzensee unters Fallbeil. Knapp 70 Jahre später, 2008, stellte der schweizer Bundespräsident Pascal Couchepin öffentlich fest, der ermordete Attentäter habe Gedenken und Anerkennung verdient.

Bavaud hatte in reichlich wirren, möglicherweise erpreßten und zusammengestoppelten Aussagen seinen gleichaltrigen Kollegen aus dem französischen Priesterseminar Marcel Gerbohay ins Spiel gebracht. Auch dieser junge Mann wurde von der Gestapo verhaftet, nur dieses Mal im besetzten Frankreich, und im April 1943 am selben Ort wie Bavaud enthauptet.

Im Übrigen wird oft auf Parallelen zwischen Bavaud und dem ungleich bekannteren schwäbischen Handwerker Georg Elser hingewiesen, der im November 1939 eine auf Hitler gemünzte Bombe im Münchener Bürgerbräukeller hochgehen ließ. Hitler war leider 13 Minuten vorher gegangen. Elser wurde im April 1945 mit 42 Jahren im KZ Dachau kurz vor der Befreiung des Lagers auf Befehl Himmlers erschossen.

Ansonsten hebe ich aus den Reihen der vielen tatkräftigen Antifaschisten die blutjunge Künstlertochter und Segelfliegerin Cato Bontjes van Beek (22) heraus, die für ihre Aktivitäten im Rahmen der sowjetfreundlichen Organisation Rote Kapelle 1943 in Berlin-Plötzensee ermordet wurde. Nach dem Krieg blies man die Rote Kapelle zum „monströsen KGB-Spionagering“ auf, wie Katja Gloger 2004 im stern anmerkt*. Die Tänzerin und Malerin Olga Bontjes van Beek (98) hatte 12 Jahre lang gegen das Land Niedersachsen zu prozessieren, bis sie eine Rehabilitierung ihrer Tochter Cato erwirkte.

Die kürzlich angeführten Buchautoren Kramer/Wette erwähnen eins der absolut raren Verfahren gegen die faschistische Wehrmachtsjustiz, in diesem Fall gegen Generalrichter Dr. Manfred Roeder, der zu den Hauptverantwortlichen für die 49 Todesurteile gegen WiderstandskämpferInnen der Roten Kapelle zählte, die ich ja eben als „sowjetfreundlich“ bezeichnet habe. Das Verfahren wurde 1951 von der Staatsanwaltschaft Lüneburg eingestellt. In der ursprünglichen, nach öffentlichen Protesten etwas abgemilderten Begründung ist zu erfahren, diese Leute seien zu Recht zum Tode verurteilt worden, da Grundlage ihres Wirkens „Landesverrat“ gewesen sei. „Landesverrat hat immer und zu allen Zeiten als das schimpflichste Verbrechen gegolten.“ Darauf, was in dem betreffenden Lande geschieht, kommt es also nicht an. Immer hat man Deutschland über alles oder Ukraine über alles zu denken. Man wird in kollektiver Hinsicht nicht anders auf „das Eigene“ eingeschworen, wie es auch schon jedem Säugling für den persönlichen Lebensweg eingeimpft wird: mag die Mutterbrust Jauche, Salpetersäure oder Cocacola spenden, sie ist allein die deine! Wenn man mich fragt, ist sogar das ganze neuzeitliche Recht schief – weil es nicht auf Humanität, vielmehr auf Buchstabengläubigkeit, kaltem Formalismus beruht.

Ich komme noch einmal auf die WiderstandskämpferInnen zurück. Gewiß schlug am 20. Juli 1944 im „Führerhauptquartier“ Wolfsschanze ein weiterer Bombenanschlag auf Hitler fehl, für den anschließend etliche hohe Amtsträger der zivilen oder militärischen Art mit ihrem Leben zu büßen hatten, darunter so junge Leute wie Major Egbert Hayessen (30) und Oberst Claus Schenk von Stauffenberg (36), die jedes Kind von Briefmarken oder Schulbüchern her kennt und für große Vorbilder hält. Waren sie also nur durch dumme Zufälle in diese führenden und viel Unheil anrichtenden Positionen des „Dritten Reiches“ gerutscht, während ihnen an der Wiege doch bereits revolutionäre Lieder gesungen worden waren? Selbstverständlich nicht. Diese Leute, die unverschämterweise seit vielen Jahrzehnten den Widerstand gegen den deutschen Faschismus repräsentieren dürfen, gehörten von Hause aus einem reaktionären Club an, dessen Mitglieder alle Mühe hatten, vor dem Einwickeln der Bombe in Butterbrotpapier und deren Verstauung in einer speckigen Aktentasche ihren Ekel vor dem roten Pöbel, dem Bolschewistengesindel, den Pazifistenschweinen zu unterdrücken, mit denen sie möglicherweise, nach Hitlers Beseitigung, gemeinsame Sache zu machen hatten. Diese Aktentasche stellte lediglich ihre nebenbei dilettantisch angebrachte Notbremse dar. Sie bäumten sich in ihren Clubsesseln in letzter Minute auf, um nicht mit in den Abgrund gerissen zu werden. Näheres dazu hat Engelmann schon 1975 ausgeführt.**

Ähnliches gilt für den christlichen, etwas liberaler gesinnten „Kreisauer Kreis“ um den Juristen und Mitarbeiter der Abwehr der deutschen Wehrmacht Helmuth James Graf von Moltke (mit 37 hingerichtet 1945). Dieser Club stand mit den Attentätern in Verbindung. Wenn ihn die Konrad-Adenauer-Stiftung auf ihrer Webseite kühn zur „führenden Gruppe des deutschen Widerstands“ gegen den Faschismus erhebt (den sie freilich beschönigend „Nationalsozialismus“ nennt)***, sind auf einen Streich „Hunderttausende“, wie Engelmann schätzt, aus Kreisen der Werktätigen und der linken Intelligenz vom Tisch gewischt, die im Sommer 1944 bereits seit mindestens 10 Jahren aufrichtig und mutig Widerstand geleistet hatten. Tausende davon kamen um.****

* 8. Juli 2004
** Bernt Engelmann: Einig gegen Recht und Freiheit, Göttinger Ausgabe 2001, S. 282 ff. Neuerdings siehe auch Jutta Ditfurths Börries-von-Münchhausen-Biografie: Der Baron, die Juden und die Nazis, Hamburg 2013, bes. S. 299–306.
*** Artikel „Kreisauer Kreis“ von Wilhelm E. Winterhager, 6. Okt. 2010
**** Ähnlich fragwürdig ist m.E. der Rummel, der teils seit vielen Jahren um jung bis sehr jung ermordete TagebuchschreiberInnen gemacht wird, voran die allbekannte Deutsche Anne Frank, 15, ferner beispielsweise die Tschechin Věra Kohnová und die Ungarin Éva Heyman, beide 13. Ich möchte deshalb nicht näher auf diese Opfer eingehen.



100 - Guy Môquet

Der 1924 geborene Sohn eines Pariser Arbeiters und KP-Abgeordneten war im Oktober 1940 im faschistisch besetzten Nachbarland von französischen Polizisten am Gare de l'Est wegen der Verbreitung kommunistischer Schriften verhaftet worden. Ab Mai 1941 saß Guy Môquet in einem Internierungslager der bretonischen Kleinstadt Châteaubriant. Nicht weit davon entfernt, in Nantes, wurde der deutsche Oberstleutnant Karl Hotz am 20. Oktober 1941 Opfer eines von Kommunisten verübten Attentats. Hitler ordnete daraufhin drakonische Vergeltungsmaßnahmen an: 50 Geiseln sollten daran glauben. Prompt ließ der Innenminister von deutschen Gnaden Pierre Pucheu, „um zu verhindern, daß man 50 gute Franzosen erschießen läßt”, eine Vorschlagsliste mit den Namen von 61 Häftlingen erstellen, die als Geiseln in Frage kämen. Die Deutschen bedienten sich. Aus dem Lager Châteaubriant wählten sie 27 Häftlinge als Geiseln aus. Der Rest verteilte sich auf Nantes und Paris. Der 17jährige Guy Môquet war der Jüngste unter den Häftlingen aus Châteaubriant. Alle 27 wurden ebendort am 22. Oktober 1941 von deutschen Soldaten erschossen. Dieser Massenmord, die Opfer von Nantes und Paris eingeschlossen, sorgte für große Empörung im Land und nagte das Ansehen des Vichy-Regimes weiter an. Heute sind zahlreiche Straßen und öffentliche Einrichtungen nach dem blutjungen Guy Môquet benannt, darunter eine Pariser Metrostation.

Die französische Résistance gegen die BesatzerInnen und Kollaborateure war eine Massenbewegung, angesichts derer jenen Grafen und Offizieren des hochgelobten deutschen „Widerstands“ die Naziuniformhosen und Orden geschlottert hätten. Entsprechend zahlreich fiel der Blutzoll an. Allein am 21. Februar 1944 wurden in der Festung Mont Valérien bei Paris knapp zwei Dutzend zum Tode verurteilte WiderstandskämpferInnen erschossen. Die rumänischstämmige Kommunistin Olga Bancic war noch nicht dabei, weil die deutschen Faschisten ein französisches Gesetz achteten, wonach das Erschießen von Frauen unstatthaft sei. Anders der 37jährige Anführer der Verurteilten, die im Rahmen der nach ihm benannten Gruppe Mannouchian zahlreiche Sabotageakte gegen die Wehrmacht durchgeführt hatten. Dem armenischen Bauernsohn Missak Manouchian hatten vor 1925 bereits die türkischen Nationalisten zugesetzt: deshalb war er nach Frankreich geflohen – und vom Regen in die Traufe gekommen. Er ernährte sich als Fabrikarbeiter bei Citroën, verfaßte Gedichte, betreute Literaturzeitschriften, schloß sich der französischen KP an. Nach der Besetzung (1940) baute er eine Partisanengruppe auf.

Mutigen Genossinnen wie Olga Bancic kam dabei auch deshalb große Bedeutung zu, weil sie, etwa beim Schmuggeln der zum Anschlag auf eine Kaserne erforderlichen Waffen und Bomben, als Frauen wenig Verdacht erregten. Manchen Leser könnte es freilich makaber anmuten, wenn die Bombe beispielsweise im Kinderwagen schlummerte. Bancic hatte sogar selbst eine Tochter: Dolores, die den Faschismus überlebte. Ihre erste Erfahrung mit der Repression hatte Bancic bereits als 12jährige Kinderarbeiterin einer bessarabischen Matratzenfabrik gemacht: wegen Beteiligung an einem Streik wurde sie verhaftetet und verprügelt. 1939, schon in Frankreich, heiratete sie den rumänischen Schriftsteller Alexandru Jar, Vater ihrer Tochter. Er starb 1988 in Bukarest. Nach den Pariser Erschießungen wurde Bancic nach Stuttgart gebracht, dort noch einmal ordungsgemäß zum Tode verurteilt und sehr wahrscheinlich auch erneut gefoltert und schließlich am 10. Mai 1944 im Hof des Gefängnisses durch Enthaupten hingerichtet. Wahrlich ein umwerfendes Geschenk, denn ob Zufall oder nicht, es war Bancics 32. Geburtstag. An die gesamte Gruppe erinnert in Paris die Rue du Groupe Manouchian.


101 - Walter Serner

Der böhmische Jude Walter Serner, ursprünglich Seligmann, mit 20 zum Katholizismus übergetreten, wandte sich nach seinem Jura-Studium im Deutschen Reich der Schweiz, dem Dadaismus und einem unsteten Lebenswandel zu, weil er seine 1913 in Greifswald eingereichte Doktorarbeit, wie man heute weiß, ohnehin weitgehend abgeschrieben, also nach landläufiger Auffassung gestohlen hatte. Außerdem hatte er seinen „Doktortitel“ für ein „Attest“ zugunsten des militärdienstunwilligen Schriftstellers Franz Jung mißbraucht. Selbst bei den Dadaisten in Zürich wurde dann nicht unerheblich darum gestritten, ob das Manifest X von Y oder aber von Z verfaßt worden sei. Und wenn sich Serner um 1920 vom Dadaismus wieder abwandte und dafür mit gewissem Erfolg als Kriminalautor versuchte, wurde er seiner Neigung zum Aufsässigen und Illegalen ja keineswegs untreu. 1925 lobt Theodor Lessing den schlanken, stets unterkühlt auftretenden oder schreibenden, oft am Hungertuch nagenden angeblichen Salonlöwen in seinem Artikel „Der Maupassant der Kriminalistik“ angemessen hoch. Prompt bringt Serner zwei Jahre darauf sein erheblich erweitertes Dada-Manifest Letzte Lockerung mit dem neuen Zusatztitel Handbrevier für Hochstapler und solche, die es werden wollen heraus. Es landet 1933 mit Lessings Werken in den Flammen, wird aber um 1980 wieder ausgegraben und erneut zum „Kultbuch“ erhoben.

Serner überlebte die Papieraschehaufen um keine 10 Jahre. 1938 („Anschluß“ Österreichs) etwas blauäugig nach Prag ausgewichen, wo er vorübergehend als Sprachlehrer im dortigen Ghetto gearbeitet haben soll, verfrachteten ihn die Faschisten mitsamt seiner aus Berlin stammenden Frau Dorothea Herz, geschiedene Stahl, im Sommer 1942 zunächst ins KZ Theresienstadt, kurz darauf in einen Eisenbahnwaggon „auf Transport“ Richtung Lettland. Man nimmt an, die Serners, beide 53 Jahre alt, wurden am 23. August bei Riga im Wald von Biķernieki im Rahmen einer Massenerschießung ermordet – im Verein mit den übrigen 998 Menschen des besagten Transports. Angeblich gab es in den zuvor ausgehobenen Sandgruben nicht einen Überlebenden.* Die Gesamtzahl der NS-Opfer, die in diesem Wald binnen dreier Jahre ermordet wurden, ist kaum zu fassen: ungefähr 40.000.

Ich streife drei weitere Schriftsteller, die in deutschen KZs oder an den Haftfolgen umkamen. Der Franzose Benjamin Crémieux (55) machte vorwiegend mit literaturkritischen Arbeiten und diplomatischen Missionen auf sich aufmerksam. Als Unterstützer der Resistance verhaftet, starb er 1944 in Buchenwald. Sein Landsmann Robert Desnos (44), in erster Linie Lyriker, überlebte die Befreiung in Theresienstadt (1945) nur um wenige Wochen, da er sich mit Typhus angesteckt hatte. Der jüdisch-tschechische Satiriker Karel Poláček (52) hatte im selben Jahr in Auschwitz nichts mehr zu lachen.

* Andreas Mosbacher


102 - Meta Scheele

Sie fiel unter das Programm Euthanasie. 1904 als Tochter eines norddeutschen Schulrats und Heimatforschers geboren, hatte sie unter anderem Geschichte studiert und 1928, mit nur 23 Jahren, in Göttingen ihren Dr. phil. gemacht. Zwei Jahre darauf heiratet sie ihren Göttinger Kollegen Werner Pleister, der sie in ein „nationalkonservatives“ Umfeld zieht. Sie geht mit ihm nach Berlin, wo er, als eingeschriebenes Mitglied der NSDAP, von 1932 bis 1937 die Literarische Abteilung des Deutschlandfunks leitet. Er macht weiter Karriere; 1952 ist er der erste Fernsehintendant der BRD. Aber Meta Scheele hat sich schon 1937 von ihm getrennt. Die verstörte, wenn nicht gar zerrüttete Frau kehrt in ihre Heimat zurück, nach Ratzeburg und Lübeck, und wie es aussieht, blüht sie dort keineswegs auf. Wahrscheinlich gelingen ihr nun auch keine literarischen Arbeiten mehr. Scheele hatte um 1930 mit dem Schreiben von Rezensionen und Feuilletons für die Presse und auch von eigenen erzählenden Werken begonnen, in denen sie Geschichtsschreibung mit Fabulieren vermischt. Sie konnte, nach ihrer Dissertation und einem Band mit Gedichten, mindestens vier solcher Bücher veröffentlichen, darunter Die Sendung des Rembrandt Harmenszoon van Rijn, die später auch als „Wehrmachtsausgabe“ erschien.

Im November 1938 fand sich Scheele in der Lübecker Nervenheilanstalt Strecknitz wieder – auf wessen Betreiben, geht aus den Quellen nicht hervor. Aber es kam noch viel dicker. Im September 1941 wurde Scheele, mit anderen „Geisteskranken“, in die sogenannte Eichberg-Klinik bei Erbach/Eltville im Rheingau geschafft – in Wahrheit eine von den Ärzten Friedrich Mennecke und Walter Schmidt geleitete Tötungsanstalt im Rahmen jenes faschistischen „Euthanasie“-Programms. Hier wird die 37jährige Ex-Schriftstellerin am 1. Juni 1942 umgebracht.

Wahrscheinlich deutet sich Scheeles bis zur Verwirrung führende Unentschiedenheit bereits in ihrem ersten Roman Frauen im Krieg an, der 1930 in Gotha erschien. Schon dem Titel mangelt es an Genauigkeit. Es geht der Autorin nämlich gerade um das Problem, daß die Frauen nicht im Krieg stehen, aber als Mütter, Gattinnen, Bräute, die zu Hause bleiben müssen, gern gewichtige Beiträge zur Verteidigung des Vaterlandes, Schmiedung der Volksgemeinschaft – kurz, zum sozialen Ganzen leisten würden. Die junge Bürgerstochter Johanna kommt sich jedenfalls reichlich überflüssig oder unausgefüllt vor, während ihre Mutter sie ans Haus fesselt und ermahnt, auf ihren sicherlich schon in Kürze siegreich aus Frankreich heimkehrenden Verlobten Klaus zu warten. Aber der Erste Weltkrieg zieht sich hin. Die Ärmlichkeit greift um sich, Mißgunst und Gehässigkeit nehmen zu, selbst die „Argumente“ für den Krieg drohen schäbig oder fadenscheinig zu werden. Johanna probt den Aufstand durch Mitarbeit in einem Lazarett. Später arbeitet sie sogar in einem Kinderheim, gibt ihrem in den Revolutionswirren heimkehrenden Bräutigam den Laufpaß und reist in die Hauptstadt, um in der Zentrale eines Frauenverbandes zu arbeiten und nebenher Medizin zu studieren.

Leider bleibt Scheeles Kritik an der Männerrolle ähnlich schwach beziehungsweise verwaschen wie die am Krieg. Diese wird einmal von einer Munitionsfabrikarbeiterin namens Bohr und später von Müttern der Heimkinder vorgebracht. Warum die von Frauen in die Welt gesetzten Kinder eines Tages als Kanonenfutter zu dienen haben, wird allerdings nie erörtert oder auch nur angedeutet. Ökonomische und politische Interessen kommen nicht vor. Entsprechend bleibt das, was Scheele als „Aufbruch der Frau“ hinstellt, völlig im Nebel. Aufbruch, Frauenwahlrecht, Freiheit – wohin und wozu? Nur, um es den Männern gleich tun zu können? Diesem nebelhaften Schritt in die Freiheit wiederum entspricht der beschwörende bis pathetische Zug der betreffenden Romanpassagen. Ansonsten ist der Roman erfreulich schlicht und anschaulich geschrieben und mutet uns nur wenige Holprigkeiten zu. Er hat etwas Bescheidenes und Tapferes. Jedenfalls geht ihm jedes Gramm Zynismus ab, ganz im Gegensatz zu den Erzählungen von, sagen wir, Katherine Mansfield, die zwar die glanzvollere Stilistin, im Grunde aber noch unpolitischer als Scheele ist.


103 - A. M. de Jong

Parallel zu seinem ansteigenden Erfolg beim Publikum soll der sozialistisch gesinnte Schriftsteller eine Vorliebe für edle Möbel und Pferde und dergleichen entwickelt haben, aber das war eingedenk seiner Jugend vielleicht verzeihlich. Er war in Brabant und Rotterdam mit zahlreichen Geschwistern, die freilich wie die Fliegen wegstarben, in ärmlichen proletarischen Verhältnissen aufgewachsen und zunächst (1907) Grundschullehrer geworden. Dann machte er sich vor allem als Texter des Zeitungscomics Bulletje und Boonestaak (ab 1922 in Het Volk) und durch seinen autobiografisch geprägten achtteiligen Romanzyklus Merijntje Gijzens Kindheit und Jugend (1925–38) einen Namen. Nach einer zweiten Heirat (1936, mit der Sängerin Marie-Louise Josephine Defresne) erwarb der bekennende Antifaschist eine zwischen Amsterdam und Utrecht gelegene Landvilla, in der er allerdings nicht lange glücklich – und am Leben blieb. Zum einen entpuppte sich ein Nachbar als scharfäugiger Nazi, der ihm gerne manchen Knüppel zwischen die Beine warf, zum anderen geriet De Jong, womöglich mit dessen Hilfe, auf die Kandidatenliste des berüchtigten SS-Sonderkommandos Silbertanne der deutschen BesatzerInnen seines Landes. Diesem Kommando werden über 50 gezielte Morde binnen eines Jahres zugeschrieben, die es als „Vergeltung“ für Anschläge des Widerstands gegen BesatzerInnen oder Kollaborateure auffaßte. Zu den namhaftesten Opfern zählte der 55jährige De Jong, der im Oktober 1943 in seinem Haus überfallen und erschossen wurde.

Im selben Jahr wird der Budapester Schriftsteller Jenő Rejtő (ursprünglich jüdisch „Reich“), der ein breites Publikum mit den Abenteuern zumeist skurriler Gestalten unterhalten hatte, ein Opfer des rassistischen Horthy-Regimes. Aus einem Spital in ein Zwangsarbeitslager verschleppt, starb der scharfschnäblige Spaßvogel genau am Neujahrstag 1943 mit 37 Jahren. 2005 erschien er auf einer ungarischen Briefmarke.


104 - Ernst Thälmann

Die Frage, ob nicht wenigstens er, der einflußreiche weltberühmte Vorsitzende der KPD, seiner Verhaftung (am 3. März 1933 in Berlin) hätte entgehen können, ist so naheliegend wie umstritten. Ich lasse sie offen. Politik ist ein schmutziges Geschäft, und auch im Fall Thälmann schwangen zahlreiche unterschiedliche, oft gegensätzliche Interessen mit. Jedenfalls war diese Verhaftung des kurzerhand suspendierten Reichstagsabgeordneten, wenn nicht rechts-, so doch zumindest sittenwidrig, und das gilt selbstverständlich auch für Thälmanns Ende. Der grobschlächtige, gleichwohl gern gemütlich grinsende ehemalige Hamburger Transportarbeiter, als Parteichef Stalins Vasall, wurde ohne Gerichtsverfahren nach über 11jähriger Haft im August 1944 klammheimlich erschossen – wahrscheinlich im KZ Buchenwald, wohin man ihn kurz zuvor aus dem Bautzener Gefängnis geschafft hatte. Er starb mit 58.

Auch in der Frage, ob dieser Mord vermeidbar gewesen wäre, herrscht keine Einigkeit. Man sollte meinen, der mächtigen sowjetischen Bruderpartei mit Josef Stalin an der Spitze wäre es spätestens nach dem berüchtigten „Pakt“ mit den deutschen Faschisten (1939) ein Leichtes gewesen, „Teddy“ aus dem Knast loszueisen, doch entsprechende Bemühungen sind nicht bekannt. Ganz im Gegenteil sorgte der Pakt unter anderem dafür, daß der Gestapo einige Hundert* deutsche und österreichische Emigranten ausgeliefert wurden, die im Schoße der Weltrevolution Schutz gesucht hatten, was in seiner Diskussion oft vernachlässigt wird. Vielleicht meinte die SU-Führung also, Thälmann sei im Knast besser aufgehoben als in Freiheit, wo er möglicherweise aus der Schule geplaudert oder wieder alles falsch gemacht hätte. Liegt Regina Scheer richtig**, war das schon vorher auch die Ansicht der im Ausland sitzenden neuen Führung der KPD gewesen. Ein Thälmann im Knast konnte immerhin ausgezeichnet für plakative Agitprop-Befreiungs-Kampagnen benutzt werden. Kopf jener neuen Führung war ein gewisser Walter Ulbricht, der gar nichts dagegen hatte, in „Teddys“ Fußstapfen zu treten, und sei es über seine Leiche.

* Der Darmstädter Soziologe Helmut Dahmer behauptet „rund 1.000“, siehe seinen Artikel „Der Hitler-Stalin-Pakt und seine Folgen“ von 2009, online bei scharflinks
** Artikel über Rosa Thälmann „Im Schatten des Denkmals“, Berliner Zeitung 14. August 2004



105 - Milena Jesenská

Im Herbst 1939 in Prag aufgrund ihrer Arbeit im Widerstand von der Gestapo verhaftet, traf Milena Jesenská ein Jahr darauf im KZ Ravensbrück ein. Hier, rund 100 Kilometer nördlich von Berlin, waren der 44jährigen, hochgewachsenen, bildhübschen Journalistin mit der struppigen dunkelblonden Frisur noch knapp vier Lebensjahre beschieden. Für Margarete Buber-Neumann, mit der sie rasch eine Herzensfreundschaft entwickelte, war Jesenská „trotz ihrer Krankheit“ eine ungewöhnlich kraftvolle Persönlichkeit.* Nebenbei zählte Buber-Neumann zu den vorstehend erwähnten ausgelieferten Antifaschisten aus der SU. Beide Frauen waren abtrünnige Kommunistinnen und wurden im Lager entsprechend schikaniert – von mitgefangenen Kommunistinnen. Daß Jesenská, in jener stolzen Stärke, nicht so ganz das Richtige für Franz Kafka gewesen war, deutet ihre Freundin an. Jesenská war dem ängstlichen Schriftsteller um 1920 als Übersetzerin und Geliebte nahe gewesen, doch „die Erfüllung“, nach der sich lebenslustige Mädchen sehnten, habe er ihr „nicht schenken können“, schreibt die fünf Jahre jüngere Buber-Neumann. Aus dieser brüchigen Nähe ging das bekannte Kafka-Buch Briefe an Milena hervor.

Die Ex-Braut, die später noch einige Ehen oder Liebschaften einging und 1928 eine Tochter zur Welt brachte, wäre selbst noch gern Erzählerin geworden, doch die Umstände waren dagegen. Selbst ihre Tochter Jana, meist Honza (Hänschen) genannt, später Jana Černá mit Namen, wurde nicht viel älter als sie: fünf Jahre. Die 52jährige Černá, die offenbar zur Prager Subkultur gehörte, soll 1981 bei einem Autounfall umgekommen sein. Obwohl ihre Mutter im KZ nur Büroarbeit verrichten mußte, wurde sie dort immer kränker. Jesenská selber vermutete Rheumatismus hinter ihren Schmerzen und ihrer zunehmenden Schwäche, von dem Lagerfraß und der Lagerangst einmal abgesehen. Früher schon Arthritis in den Knien und deshalb eine zeitlang nach Morphium süchtig, hatte sie nun auch steife und geschwollene Hände. Zuletzt kam ständiges Fieber hinzu. „Ach, wenn ich doch tot sein könnte, ohne sterben zu müssen!“ habe sie einmal im Krankenbett geseufzt, berichtet ihre Freundin. Ein SS-Arzt spricht von einer „vereiterten Niere“ und operiert Jesenská. Sie übersteht die Operation sogar, doch nach einigen Monaten, im Mai 1944, ist die völlig entkräftete Gefangene tot. Ihre von Mithäftling Anna Kvapilová versteckten Tagebücher gehen ein knappes Jahr darauf im Wirbel der Befreiung verloren. Die mitbefreite Buber-Neumann klagt, nach all den gemeinsamen Träumen mit Milena über zukünftige gemeinsame Unternehmungen habe sie beim Verlassen des Lagers nur noch einen Abglanz der Freiheit erblicken können.

Ein Jahr früher war das Leben Erna Lauenburgers beendet – mit 23 Jahren, in Auschwitz. Als Mädchen war die 1920 geborene Sinti-Frau mit der Berliner Autorin Grete Weiskopf befreundet gewesen und dadurch in den Roman für Kinder Ede und Unku eingegangen, der 1931 im Malik-Verlag erschien. Unku war Ernas Sinti-Name. Bald darauf zog sie mit ihrer Familie nach Magdeburg, wo sie ins polizeilich überwachte Zigeunerlager Holzweg geriet. Von dort aus wurde 1938 zunächst ihr Gefährte Otto Schmidt im Rahmen des faschistischen Kampfes gegen „Arbeitsscheue“ ins KZ Buchenwald geschickt, wo er 1942 umkam. Er war 24. Lauenburger dagegen, inzwischen zweifache Mutter, wurde im März 1943 mit allen rund 160 Insassen des Magedeburger Lagers, vorwiegend Kinder, nach Auschwitz verschleppt. Dort im Sommer in den Krankenblock verlagert, stirbt die 23jährige nach Aussage ihrer Freundin Kaula Ansin am 2. Juli 1943 durch eine tödlich wirkende Spitze, die ihr Dr. Josef Mengele verabreicht. Kaula überlebte den Faschismus als einzige der 12 Sinti, die in Weiskopfs Roman genannt worden waren. Über Unku äußert sich die in Osnabrück lebende 87jährige Frau Weiss, die wie diese im Magdeburger Lager lebte, in einem Film von Jana Müller aus dem Jahr 2009. In Berlin-Friedrichshain gibt es seit 2011 einen Ede-und-Unku-Weg.

Lauenburgers Gefährte Schmidt hatte in Buchenwald zu den zahlreichen Opfern des Lagerarztes Waldemar Hoven gezählt, der Häftlinge emsig als Versuchskaninchen benutzte oder sie auch ohnedem wunschgemäß „abspritzte“, sofern seine SS-Kameraden meinten, sie taugten nichts mehr. Dieser prominente Weißkittel kommt auch in Alexander Zinns Biografie über den thüringschen/tschechischen schwulen Dachdecker Rudolf Brazda vor, der Buchenwald überlebte. Dafür fanden etliche Freunde Brazdas den Tod, beispielsweise der Schlosser Leopold Kretzschmar (33) aus Altenburg, der Ende 1943 ins berüchtigte Buchenwalder Außenlager Dora (bei Nordhausen) gesteckt wurde, aus dessen im Bau befindlichen Stollen (für unterirdische Raketenfertigung) so gut wie niemand lebend wieder hervorkam. Kretzschmar stirbt schon am 25. Dezember – aus „Herzschwäche“. Ich erwähne dies, weil die Häftlinge mit den rosa Winkeln, die Homosexuellen, wie die „ZigeunerInnen“ eine starke Opfergruppe darstellen, die oft im Schatten „der Judenverfolgung“ zu stehen hat. Dem entsprach die Benachteiligung dieser Opfer selbst nach 1945. Zinns Buch macht dies alles hervorragend deutlich. Übrigens stellt er den kommunistischen KZ-Häftlingen (im allgemeinen) ebenfalls, wie Buber-Neumann, ein ziemlich schlechtes Zeugnis aus.**

Auch der sowjetische Blutzoll im Kampf gegen den Faschismus wird gern vernachlässigt, obwohl er ungeheuerlich war. Von über 5 Millionen SU-BürgerInnen in deutscher Kriegsgefangenschaft kamen rund 3,3 Millionen um: vor allem durch Zwangsarbeit und die verheerenden hygienischen Zustände in den Lagern, aber beispielsweise auch in Genickschußanlagen. Der 39jährige General der Roten Armee Boris Dworkin, Aktivist der BSW (Bratskoje Sotrudnitschestwo Wojennpleniich = Brüderliche Zusammenarbeit der Kriegsgefangenen), stand am 7. Oktober 1944 mit über 30 Bundesgenossen, die durch einen Spitzel aufgeflogen waren, auf Befehl Himmlers im KZ Mauthausen (bei Linz) mit dem Gesicht zur Wand.***

* Als Gefangene bei Stalin und Hitler, urspr. Köln 1952, hier München 2002
** Alexander Zinn: „Das Glück kam immer zu mir“ / Rudolf Brazda – das Überleben eines Homosexuellen im Dritten Reich, Ffm 2011, bes. S. 242–48
*** Moosburg Online, 2002



106 - Viktor Ullmann

Jahrgang 1898, Schüler von Arnold Schönberg (Wien) und Alois Hába (Prag) und zeitweise Kapellmeister unter Alexander von Zemlinsky (1922–27 in Prag), schuf der jüdischstämmige österreichische Komponist seine besten Werke ausgerechnet im KZ Theresienstadt, Nordböhmen, in das ihn die Faschisten im September 1942 gesteckt hatten. Sein drittes Streichquartett etwa, von 1943, wirkt wie unter Wasser gespielt – als sei die Statue eines Berufsoffiziers (Ullmanns Vater Maximilian, im Ersten Weltkrieg Oberst) mit der Erscheinung der Jungfrau Maria verschwommen. Flucht und Exil lehnte der Anhänger Rudolf Steiners ab.* Er glaubte schier unerschütterlich an den Triumph der Kultur (genauer vielleicht: der Vergeistigung) über den Tod, gerade so, wie in seiner Oper Der Kaiser von Atlantis aus dem selben Jahr dargestellt. Im Oktober 1944, mit 46 Jahren, wurde Ullmann nach Auschwitz verschleppt und dort sofort, mit anderen ihm Nahestehenden, ins Gas geschickt.

Die jüdischen Komponisten oder Musiker Franz Eugen Klein (32), Gideon Klein (25) und Heinz Alt (um 23), allesamt mit Viktor Ullmann bekannt, kamen wie dieser in deutschen KZs um.

In der Weimarer Republik zählte der Wiener/Berliner Komponist Franz Schreker, für die einen Fachleute „Ekklektizist“, die anderen „Klangzauberer“, zunächst zu den Lieblingen des deutschsprachigen Musiktheaters. Der Titel seiner wohl bekanntesten Oper Der Schatzgräber (1920) schien sich also zu erfüllen. Doch im Gegensatz zu Kollegen wie Richard Strauss oder Franz Lehár war sich der 1878 geborene Sohn eines jüdisch-böhmischen Hoffotografen für Kniefälle vor dem erstarkenden Faschismus zu schade. Nebenbei bemerkt, brachte es Lehár noch nicht einmal fertig, sich bei seinem Bewunderer Adolf Hitler für seinen hilfreichen, vom Tod bedrohten Librettisten Löhner-Beda einzusetzen, auf den ich gleich zurückkomme. Schreker wurde um 1930 zunehmend angefeindet, mußte Störungen von Aufführungen und Lehrveranstaltungen hinnehmen, eine „entartete“ Oper vor der Uraufführung zurückziehen, verschiedene Ämter aufgeben. Nach seiner Weigerung, an der Berliner Musikhochschule, die er seit 1920 leitete, jüdische Lehrkräfte zu entlassen, zwingt ihn die Rechte im Sommer 1932 selber zum Rücktritt. Er wird an die Preußische Akademie abgeschoben, doch ein knappes Jahr darauf verliert er auch seine dortige Meisterklasse für Komposition und sieht sich, mit Schreiben vom 21. September, bei schmaler Rente „in den Ruhestand“ versetzt. Bevor er die Mittel und Wege beisammen hat, ins Ausland zu entweichen, wird Schreker im Dezember 1933 von einem schweren Schlaganfall ereilt. Wen wundert es? Drei Monate später, nach Wochen im Koma, liegt der 55jährige im Sarg.

Der slowenische Musiklehrer und Komponist Lojze Bratuž leitete ab 1930 im Auftrag des Görzer Erzbischofs die slowenischsprachigen Chöre der damals italienisch besetzten Diözese, obwohl er wegen seines Eintretens für seine Muttersprache erst kurz zuvor vorübergehend verhaftet worden war. Ende 1936 war der Ehemann und zweifache Vater 34 Jahre alt. Am 27. Dezember wurde er in Görz (die Stadt liegt nördlich nahe Triest) nach einer Messe, an der Bratuž als Chorleiter mitgewirkt hatte, von faschistischen Schwarzhemden entführt. Sie zwangen ihren Gefangenen, ein Gemisch aus Rizinusöl, Benzin und Maschinenöl zu trinken, wovon er sich nicht mehr erholte. Er starb am 16. Februar 1937 im Görzer Zentralkrankenhaus.

Jeder kennt Schlager wie Dein ist mein ganzes Herz oder Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren oder Operetten wie Franz Lehárs Land des Lächelns (1929), nicht dagegen Fritz Löhner-Beda, den 1883 geborenen Textlieferanten dieser Werke. Schon der Name ist zu unschön, um ihn sich zu merken, und wie erst das Ende des österreichischen jüdischen Schriftstellers! Einen Tag nach dem „Anschluß“ seines Landes 1938 verhaftet, landet Löhner-Beda über die Stationen Dachau und Buchenwald in Auschwitz-Monowitz, wo er mit letzten Kräften, schon reichlich unterernährt und verzweifelt, für das Unternehmen IG Farben arbeiten darf. Am 4. Dezember 1942 bei einer Inspektion von fünf Fabrikdirektoren angepfiffen, wird der 59jährige Häftling noch am selben Abend erschlagen, sehr wahrscheinlich federführend vom berüchtigten „Capo“ Josef Windeck, der später, in dieser Sache, straffrei ausgeht. Dasselbe gilt für die Direktoren. Der Totenschein zu Löhner-Beda gibt unübertrefflich zynisch „Altersschwäche“ als Todesursache an.

Die Wiener Familie des sehr erfolgreichen Texters war in jenen KZ-Jahren endlos schikaniert und bis aufs Hemd ausgeraubt worden. Wie Biograf Günther Schwarberg** wiederholt einräumt, hatte Löhner-Beda, im Gegensatz zu vielen seiner begeisterten Hörer, großen Reichtum angehäuft. Damit wäre es ihm zweifelsohne möglich gewesen, Wien noch rechtzeitig zu verlassen. Schwarberg sagt, der Schriftsteller baute auf seine Popularität; sogar Hitler liebe ja seine Lieder, ihm werde schon nichts passieren. Hier scheint das Problem der Sippenhaft auf, das KritikerInnen der Nicht-Exilanten oft übergehen: deren Verwandten oder Freunden, die man ja selten alle mitnehmen kann, ist nämlich durchaus häufig etwas passiert, nachdem der betreffende Prominente in Sicherheit war. Ich nenne aus Löhner-Bedas Bekanntenkreis nur die Fälle Richard Tauber, Roda Roda, Max Reinhardt. Auch der Bankangestellte Francesco Fausto Nitti, auf Mussolinis „Teufelsinsel“ Lipari gefangen, litt unter diesem Problem.*** Es ist nicht schön, nach erfolgreicher Flucht die Liebsten bedroht oder ermordet zu wissen. Es ist eine Klemme, die bis zur Stunde funktioniert.

Der niederländische Komponist Nico Richter (29) überlebte den Faschismus, traf jedoch im Juli 1945 todkrank in Amsterdam ein. Auf dem Krankenlager brachte er mit Hilfe seiner Frau Hetta noch zwei Sätze einer Serenade zu Papier, die er im KZ Dachau im Kopf angelegt hatte. Im August erlag er den erlittenen Entbehrungen. Die Essener Philharmoniker brachten bei einem Gedenkkonzert im Januar 2013 unter anderem Richters Sinfonietta für Flöte, Oboe, Violine, Viola, Violoncello und Gitarre zu Gehör.

* Volker Tarnow in Die Welt, 10. Februar 2000
** Dein ist mein ganzes Herz, Göttingen 2000
*** Flucht, Potsdam 1930, S. 252



107 - Felix Nussbaum

Zwar genoß er das Privileg, im Dachgeschoß der Osnabrücker jüdischen Kaufmannsvilla Nussbaum schon als Jugendlicher über ein eigenes Atelier zu verfügen, doch er bezahlte es als 39jähriger mit dem Leben. Als er um 1930 mit ersten Ausstellungen Beachtung fand, richtete sich Nussbaum auch in Berlin ein Atelier ein. Seine Malerei wird zur Neuen Sachlichkeit gezählt. Sie hat einen Zug, der an Cartoons erinnert. Bekannt ist etwa das langgestreckte Gemälde Der tolle Pariser Platz von 1931. In seinen letzten Lebensjahren, meist in Verstecken malend, behandelte Nussbaum vor allem eben dies: die Verfolgung der Juden. Er hatte sich mit seiner polnisch-jüdischen Gefährtin Felka Platek, die ebenfalls malte, ins Exil nach Italien, Frankreich und Belgien begeben. In Brüssel heirateten sie 1937. Doch bald darauf machte ihnen die deutsche Besetzung einen Strich durch die Leinwand. Als im Sommer 1942 auch in Belgien die Judenhatz begann, tauchten sie mit Hilfe des Bildhauers Dolf Ledel und eines befreundeten Kunsthändlers unter. In dieser nur schwer nachvollziehbaren Bedrängnis entstand unter anderem das bekannte Selbstbildnis mit Judenpaß. Zwei Jahre darauf werden die Nussbaums von Wehrmachtsoldaten aufgespürt und verhaftet. Man verschleppt sie ausgerechnet mit dem letzten Deportationszug vom Sammellager Mechelen nach Auschwitz. Hier wird das Ehepaar am 2. August 1944 ermordet. Platek war 45.


108 - Leo Steinweg

Bei Kriegsende hofft Emmy inständig, unter den heimkehrenden abgerissenen Gestalten, die sie am Utrechter oder Amsterdamer Bahnhof trifft, befände sich auch ihr Leo, den die Gestapo vor drei Jahren mitten in der Nacht aus dem gemeinsamen, behelfsmäßigen Bett geholt hat. Eine im selben Haus wohnende Deutsche hatte ihre Pflicht getan. Das junge Ehepaar aus Münster lebte damals überwiegend versteckt, weil es vom Faschismus durch die Besetzung der Niederlande eingeholt worden war. Versteckt, das hieß für mehrere Jahre Angst, Entbehrung und auch Schuldgefühl wegen der selbstlosen Hilfe einiger NiederländerInnen zu erleiden. Doch das Unglück bleibt Emmy treu. Mithäftlinge Leos sagen ihr, es habe ihn noch wenige Wochen vor der Befreiung im KZ Flossenburg erwischt. Er sei tot. Das wird 1948 amtlich bestätigt. Wahrscheinlich starb Leo mit 39. Man hatte ihn wohl in eine Kohlen- oder Erzgrube gesteckt, während er vorher, in Auschwitz, immerhin als Mechaniker arbeiten „durfte“ – sein gelernter Beruf. Man hatte ihn vorm Gas verschont um der Benzinmotoren willen. Genauer, war Leo Steinweg in Deutschland zuletzt ein siegreicher, vielbewunderter Motorrad-Rennfahrer gewesen. Aber leider war er auch ein Jude, so zog er 1938 die Flucht vor. Emmy, die „Arierin“, folgte ihm ein Jahr darauf, nachdem sie unter beträchtlichen Einbußen das gemeinsame Laden- und Werkstattgeschäft aufgelöst hatte. 1950 kehrt sie nach Münster zurück – allein. Obwohl ihr Leo aus seiner DKW stets das Letzte herauszuholen pflegte, preist Emmy ihn als mitfühlenden, rücksichtsvollen, zärtlichen Mann. Mit 96 Jahren, nun als erneute Witwe Emmy Herzog mit Namen, schreibt sie sich ihre nie erlahmte Trauer von der Seele und bringt ein Buch heraus.* Sie stirbt 2009 mit 106.

* Leben mit Leo, Münster 2000


109 - Walter Gröger

Zahlreiche Opfer des deutschen Faschismus hatten das Pech, nicht auf Betreiben eines Marinestabsrichters zum Tode verurteilt und erschossen zu werden, der Jahrzehnte später, in der Demokratie, Ministerpräsident des Landes Baden Württemberg wurde. Deshalb blieben sie bis heute mehr oder weniger namenlos. Anders Walter Gröger. Der junge Matrose der Kriegsmarine war 1943 in Oslo zunächst wegen Fahnenflucht zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Nachdem Generaladmiral Otto Schniewind dieses Urteil ein Jahr darauf aufgehoben hatte, weil er die Todesstrafe für angebracht hielt, war der damals rund 30jährige Marinestabsrichter Hans Filbinger, im Verfahren gegen Gröger nun Vertreter der Anklage, beflissen genug, dieselbe auch zu beantragen. Zur Begründung führte er auf Basis einer Führer-Richtlinie aus dem Jahr 1940, neben „charakterlichen Schwächen“ Grögers, dessen militärischen Vorstrafen ins Feld. Marineoberstabsrichter Adolf Harms machte sich diese Sicht zu eigen und verurteilte Gröger am 22. Januar 1945 zum Tode als „einzig angemessene Sühne“. Nach der Bestätigung des Urteils durch das Berliner Oberkommando der Marine verfügte Filbinger am 15. März, also wenige Wochen vor Kriegsende, das Todesurteil und ließ den 22jährigen Matrosen noch am selben Tag in der Festung Akershus erschießen, wobei Filbinger persönlich anwesend war. In der „Niederschrift“ über die Vollstreckung heißt es abschließend: „Die Leiche wurde durch das Wachpersonal gesargt und zum Zwecke der Bestattung abtransportiert.“ Unterschrift: Dr. Filbinger.

Dummerweise hatte der Doktor diesen Schwabenstreich längst vergessen, als er sich 1966 in Stuttgart zum Ministerpräsidenten wählen ließ. 12 Jahre später beging er den Fehler, gegen den Schriftsteller Rolf Hochhuth, der ihn in einem vom Wochenblatt Die Zeit vorabgedruckten Text als „furchtbaren Juristen“ bezeichnet hatte, auf Unterlassung zu klagen. Schon wenige Monate nach dieser Veröffentlichung, im August 1978, sah sich Filbinger genötigt, von seinem Amt zurückzutreten. Zu allem Unglück wurden im Verlauf der Filbinger-Affäre vier weitere Todesurteile ausgegraben, die der Christdemokrat zwischen 1943 und 1945 als Marinerichter beantragt oder gefällt hatte. In die Enge getrieben, räumte er ihre zuvor von ihm bestrittene Existenz ein, hielt jedoch an ihrer Rechtmäßigkeit fest. Wie sich versteht, wurde Filbinger, gestorben 2007, nie seinerseits juristisch belangt. Das gilt gleichermaßen für den 1900 geborenen Adolf Harms, zur Zeit der Affäre Landgerichtsdirektor im Ruhestand in Oldenburg, wie für Hunderte andere „furchtbare Juristen“. Es gab einfach zu viele einflußreiche Deutsche, die Filbingers Sicht der Rechtmäßigkeit teilten – allerdings nicht mehr ab ungefähr 1990, als zahlreichen ostdeutschen Juristen der Prozeß gemacht wurde, weil sie sich unverschämterweise darauf berufen hatten, sie hätten in ihren Urteilen lediglich geltendes DDR-Recht umgesetzt. Nun galt die weltweit beliebte Doppelmoral. Das DDR-Recht sei „unmenschlich“ gewesen. Leider fallen auch viele angebliche Linke auf die Argumentation mit der Rechtmäßigkeit oder der Unrechtmäßigkeit herein. In Wahrheit verläuft die entscheidende Frontlinie nicht zwischen unterschiedlichen System-Rechtsprechungen, vielmehr zwischen Menschlichkeit und Buchstabengläubigkeit. Das Herz des „Deserteurs“ Gröger hatte völlig recht gehabt.

Allerdings kann Gröger, der 1940 unmittelbar nach einer Schlosserlehre zur Marine ging, schwerlich zum „Widerstandskämpfer“ erhoben werden. Er setzte sich ab, nachdem er wiederholt vergeblich um Heimaturlaub eingekommen war. In einer Kneipe traf er die 34jährige Putzfrau im Osloer deutschen Krankenhaus Marie Severinsen-Lindgren, die ihn bei sich aufnahm. Rund 35 Jahre später beschreibt die im Städtchen Nosst am Oslofjord lebende 69jährige Gröger* als höflichen, wenn auch niedergeschlagenen jungen Mann. „Ich wohnte in einem kleinen Zimmer im Zentrum. Walter blieb fast immer zu Hause. Wenn ich vom Putzen zurückkam, brachte ich immer was zu Essen mit. Wir unterhielten uns meistens mit der Fingersprache. Ich verstand kaum Deutsch. Walter war schwermütig. Er hatte furchtbares Heimweh. Manchmal sprach er vom Krieg. Er haßte ihn. Er wollte nicht mehr kämpfen. Alles war verrückt. Er wollte nach Hause. Ich dachte wie er. Allerdings dachte ich nie, daß er abgehauen sei. Hätte ich das gewußt, hätte ich ihn dennoch aufgenommen. Nach ungefähr einer Woche war die Gestapo da.“

Severinsen-Lindgren bekam zwei Jahre Zuchthaus. Abzüglich der Untersuchungshaft in Oslo, saß sie diese Strafe im Gefängnis Dreibergen-Bützow bei Schwerin bis kurz vor Kriegsende ab. Das Schlimmste müssen für sie die Beschimpfungen seitens der Polizisten, Richter und WärterInnen gewesen sein. Sie sei eine nichtsnutzige Nutte, eine Drecksau, eine Spionin und so weiter. „Ich wache oft nachts auf und sehe den Ankläger vor mir: Du bist ein Tier, schlimmer als eine Ratte. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist.“ Dafür steht in ihrem Fall fest, sie blieb so arm und machtlos, wie sie schon damals war.

Ganz ähnlich wie Gröger erging es dem „fahnenflüchtigen“ Soldaten Kurt Albrecht aus der Pfalz. Er hatte nur nach Hause gewollt. Der Arbeitersohn und kaufmännische Lehrling, inzwischen 17 Jahre alt, wurde wenige Tage vor Kriegsende in Niedersachsen geschnappt und am 28. April 1945 – Bremen war bereits von den Briten besetzt – unter Vorsitz von Marineoberstabsrichter Dr. Kurt Göller in Osterholz-Scharmbeck zum Tode verurteilt und noch am Abend auf dem Schießplatz des dortigen Schützenvereins „standrechtlich“ erschossen. Albrechts buchstäblicher Fall hat zwei besondere Merkmale. Zum einen veranschaulicht er, was der Sinn von Schützenvereinen ist. Zum anderen zeigt er den Mut von Bernd Göller. Als Albrechts Fall um 2005 erfreulicherweise von Osterholzer Berufsschülern ans Tageslicht gebracht wurde, bekannte der damals schon knapp 70jährige Sohn des Marineoberstabsrichters öffentlich**, er schäme sich für seinen Vater und verneige sich vor allen anderen Opfern jener „furchtbaren Juristen“ des faschistischen Regimes. Der 1984 gestorbene Richter, der nach dem Krieg in Baden-Württemberg als „Fürsten-Anwalt“ erneut Karriere machte, hatte selbst seinen fünf Kindern gegenüber bis zum letzten Atemzug eisern geschwiegen.

* im Gespräch mit der Zeit, 12. Mai 1978
** laut Lutz Rode im Osterholzer Kreisblatt vom 28. April 2009



110 - Bullenhuser-Damm-Kinder

Gut, der 13jährige (Berliner?) Pimpf Arthur Fritz Eugens wurde am 18. Januar 1944 das Opfer eines Eisenbahnunglücks in Dahmsdorf/Müncheberg, Märkische Schweiz, doch bis dahin hatte er immerhin an über 20 Kinofilmen mitgewirkt – zum Ruhme des Führers? Ich weiß es nicht, man hätte sich rechtzeitig bei seinen Eltern erkundigen müssen. Der Titelliste nach kann er, in ideologischer Hinsicht, bestenfalls ein kleiner Heinz Rühmann gewesen sein. Eugens letzter Film, dessen Fertigstellung vermutlich schon von Kriegsanstrengungen bedroht war, trug ausgerechnet den Titel Ein Zug fährt ab, Regie Johannes Meyer. Ich nehme an, vor jenem Schock im Dahmsdorfer Bahnhof war er ein rundum glücklicher Junge. Selbst die durchaus gefährlich lebenden kleinen Widerstandskämpfer, die etwa Degenhardt in seinem Roman Zündschnüre um Fänna Spormann und eine kleinstädtische Kanister- und Faßfabrik gruppiert hat, dürfen als Glückspilze gelten, sofern man sie gegen viele tausend härtere Kinderschicksale hält.

Ich verweise stellvertretend auf Die 20 Kinder vom Bullenhuser Damm, bei denen in der Spanne 5 bis 12 jedes Alter vertreten war. Ihre Namen finden sich auf verschiedenen Webseiten. Sie sind heute fast berühmt, was sie im Wesentlichen dem damaligen stern-Reporter Günther Schwarberg zu verdanken haben, der sie um 1980 aus dem Totschweigen riß. Ein gewisser Dr. Josef Mengele hatte die 20 Kinder im November 1944 von Auschwitz zu seinem Kollegen Kurt Heißmeyer ins Hamburger KZ Neuengamme schicken lassen, weil dieser sie als Versuchskaninchen in der Tuberkulose-Forschung zu verwenden gedachte. Sie wurden qualvollen Experimenten unterworfen. Ende April 1945, als der Feind immer näher rückte, ließ Heißmeyer seine Opfer zwecks Verwischung der Spuren seiner Forscherarbeit in die Keller der leerstehenden Schule Bullenhuser Damm verfrachten, wo sie erdrosselt oder erhängt wurden. Auch Dutzende erwachsener Zeugen, Pfleger zum Beispiel, wurden in dieser Schule stumm gemacht. Viele Lehrkräfte anderswo schwiegen dann ebenfalls hartnäckig.


111 - Ottmar Maag

Die Angaben über ihn sind dürr wie Stroh. Selbst G. H. Mostar, dem wir eine ausführliche Darstellung des Falles verdanken*, verschweigt das Alter des schwäbischen Landwirtes, der in Gemmingen bei Heilbronn einen „großen Hof“ betrieb. Man darf es aber wohl auf Mitte 40 schätzen, zumal Maag erst Anfang 1945 zur Wehrmacht eingezogen worden war, also zum letzten Aufgebot, unter all den anderen Greisen und Pimpfen. Er hatte Glück und kehrte schon im Dezember des Jahres aus der Gefangenschaft zu seiner Frau Erika auf den gemeinsamen Hof zurück. Gleichwohl heißt es, die inzwischen 36jährige Gattin, laut Mostar eine „kräftige, resche Brünette“, habe auch dieses knappe Jahr emsig zu sogenannten Seitensprüngen genutzt. Zuletzt hatte sich ihre Begierde auf den 34jährigen Knecht des Hofes Wilhelm Lang gerichtet, der diese auch erwiderte. Wie sich versteht, bekam Maag Wind davon. Somit hatte der schmächtige Lang ein erstklassiges Mordmotiv zu bieten: zum Verlangen nach der „Reschen“ auch noch das Streben nach dem Hof, und in der Tat sollte ihm diese Offenkundigkeit um ein Haar das Genick brechen.

Allerdings hätten zwei Dinge eigentlich in der lieben Dorfgemeinschaft und bei der Kriminalpolizei bekannt gewesen sein müssen: 1. Erika hatte sich bereits vor dem Tatmonat Februar 1946 wieder von ihrem Geliebten Lang abgewandt, 2. der Hof gehörte nicht dem Mordopfer Maag, vielmehr dessen Mutter, die ihn nie und nimmer an Lang herausgerückt hätte. Aber die schöne passende Theorie häufte ein Fuder Heu auf diese Tatsachen. Nach ihr wurde der kränkliche Bauer Maag, der am fraglichen Februarabend mit einer Helferin an der Rübenhäkselmaschine stand, durch einen Schuß durchs bis dahin mit einem Sack verstopfte „Deichselloch“ aus seiner Scheune gelockt. „Verdammt!“ habe er nach Aussage der Helferin geflucht. „Jetzt schießen sie schon auf mich!“

Auch diese „sie“ ließen DörflerInnen und Polizisten so rasch wie möglich unter den Tisch fallen. Das bedeutet, sie gaben sich alle Mühe zu beweisen, daß draußen, auf dem Feldweg hinter der Scheune und der angrenzenden Fohlenkoppel, keine unbekannten Dritten ihr Unwesen getrieben hatten. Tatsächlich hatte es freilich in jenen ersten Monaten nach Kriegsende auch in und bei Gemmingen etliche gewalttätige, teils bewaffnete Übergriffe von Plünderern und mutmaßlichen Rächern gegeben. Man glaubte, vor allem ehemalige landwirtschaftliche Zwangs- und FremdarbeiterInnen, etwa Polen, hätten darin ihre Wut auf die nun „besiegten“ UnterdrückerInnen ausgelassen. Wenn ja, dann sicherlich nicht unverständlicherweise. Auch von Ottmar und Erika Maag war laut Mostar bekannt, daß sie ihre „FremdarbeiterInnen“ gelegentlich geschlagen und ansonsten wohl kaum auf Rosen gebettet hatten. Ich nehme von daher an, der nun beschossene „Großbauer“ Maag sei vor dem Kriegsende eher ein Freund als ein Feind der Nazis gewesen. Ähnliches scheint mir für ganz Gemmingen zu gelten. Mostar bemerkt wiederholt, wichtige Entlastungen für den des Mordes angeklagten Knecht Lang seien von örtlichen Zeugen auch deshalb so erschreckend lang zurückgehalten worden, weil diese Leute Angst hatten – weil sie nämlich „Dreck am Stecken“ hatten und nun das Rampenlicht eines spektakulären Kriminalfalles doch lieber mieden.

So verzichtete auch die herbeigeilte Landgendarmerie darauf, wichtige Spuren zu sichern, Fußabdrücke oder Patronenhülsen auf dem Feldweg etwa, zumal es auch noch regnete. Maag war hinter die Scheune gerannt und suchte dort das Gelände gemeinsam mit Lang, der aus dem Pferdestall dazugekommen sein wollte, nach Strolchen ab. Dabei wurde hinterhältig auf ihn geschossen. Alle behaupteten zunächst, der Schütze im Dunkel sei Lang gewesen, der schräg hinter seinem Arbeitgeber gelaufen sei. Allerdings bemühte sich Lang sofort um das noch stöhnende Opfer, alarmierte Bäuerin und Magd, die sich vor Schreck verkrochen hatten, und half Maag in die Küche tragen. Der Bauer starb eine Woche später, am 3. März 1946, im Krankenhaus. Soweit er noch hatte sprechen können, waren seine Aussagen undeutlich und widersprüchlich. Aber bald trat ja der Karlsruher Kriminalsekretär Anton Götz in Aktion, der entschlossen war, für klare Verhältnisse zu sorgen. Er unterbreitete der Staatsanwaltschaft immer neuen „Indizien“, die seine Voreingenommenheit untermauerten, Lang sei der Übeltäter. Nebenbei: die Tatwaffe wurde nie gefunden.

Es kam, wie es kommen mußte. Im Oktober 1947 wurde Lang vom Landgericht Heidelberg zu Lebenslänglich verurteilt, wobei sogar die Todesstrafe im Raume schwebte. Bei diesem Urteil blieb es auch in der Revision. Doch immerhin, Langs neuer Verteidiger Schwander erkämpfte im Verein mit dem leider später verunglückten Privatdetektiv Heinz Lay ein Wiederaufnahmeverfahren, das 1953 ebenfalls in Heidelberg stattfand. Lay hatte zum Beispiel nachweisen können, daß wichtige örtliche Zeugen von der Sippe Maag zu genehmen Aussagen erpreßt worden waren. Hier muß auch die mehr als zwielichtige Rolle von Gattin Erika erwähnt werden. Ihre Liebe zu Lang hatte sich nach ihrer Versöhnung mit Ottmar Maag (auf dem Sterbelager) offensichtlich, wie Mostar meint, in Haß auf Lang verwandelt. Das Urteil war nicht unwesentlich auf eben ihre Aussagen gebaut worden, die in ihrer Parteilichkeit und Widersprüchlichkeit für jeden unbefangenen Beobachter keinen Pfifferling wert waren. Dieses Fehlurteil kam lediglich durch eine eher zufällig platzende Prozeßbombe zu Fall. Bei der Vernehmung des Kriminalinspektors Götz traten Ungereimtheiten auf, die den Richter in dessen Werdegang und Personalakte nachbohren ließen. Danach litt Götz seit Jahren, offiziell bescheinigt, an „Schizophrenie“. Er bestätigte es persönlich mit leiser Stimme vor Gericht. Publikum und Presse machten tellergroße Augen: Die Ermittlungen, die Lang bis dahin rund sieben Jahre Zuchthaus und 20 Fuder Gram eingebracht hatten, waren von einem Geisteskranken durchgeführt worden!

Während Götz alsbald pensioniert wurde, konnte Wilhelm Lang das Landgericht am 23. September 1953 „wegen Mangels an begründetem Verdacht“ mit einem Freispruch verlassen. Er bekam zudem Entschädigung zugesprochen, wobei allerdings selbst der vorsitzende Richter Munzinger einräumte, das Unrecht, das Lang erlitten habe, sei niemals „wiedergutzumachen“. Unser neuzeitliches Verfahren der Rechtsprechung selber bezweifelte Munzinger nicht. Der 1973 verstorbene Schriftsteller und Kabarettist G. H. Mostar dagegen, lange Jahre in Stuttgart Gerichtsreporter, deutet die Alternative immerhin an, wenn er vom Wert der „Dorfgemeinschaft, dieser einzigen echten und wahren Öffentlichkeit“, als Prospekt einer lebensnahen und nicht fremdbestimmten Justiz spricht, die auch jene Buchstabengläubigkeit unterliefe, die ich schon weiter oben beklagt habe. Selbstverständlich vermiede sie die Widersprüche und auch die Gehässigkeiten nicht – ganz im Gegenteil: sie würde sie unweigerlich aufdecken, weil jeder jeden kennt. Die Rechtsprechung müßte bei denen bleiben, die von ihr betroffen sind. Gewiß zögen sie unbefangene RatgeberInnen von außen herbei, doch der Ausgang des von vorne bis hinten „transparenten“ Verfahrens läge allein in der Hand dieser Betroffenen. Alles andere ist kalte Rechtsmaschinerie, Mühle des Teufels, nebenbei auch sündhaft kostspielig.

* „Der Fall Wilhelm Lang“, in: Mostar/Stemmle (Hrsg): Unschuldig verurteilt!, München 1968, ursprüngl. Stuttgart 1956


112 - Aung San

1939, ein rundes Dutzend Jahre nachdem sich der damalige junge britische Kolonialpolizist George Orwell wohlweislich wieder aus Birma oder Burma abgeseilt hatte, gründete Aung San, geboren 1915, als radikaler Studentenführer die Kommunistische Partei des Landes am Golf von Bengalen, das heute Myanmar heißt. Nun ging es vordringlich gegen die Japaner, und Aung war maßgeblich daran beteiligt, sie hinauszuwerfen – nachdem er sie zunächst als BefreierInnen (von der britischen Herrschaft) mißverstanden hatte. Anschließend (1945) begann er mit den Briten, voran Lord Louis Mountbatten, um die „Unabhängigkeit“ des Landes zu feilschen. Der 32jährige Berufspolitiker erlebte diesen fragwürdigen Zustand, der 1948 eintrat, nicht mehr, weil er am 19. Juli 1947 während einer Kabinettssitzung in Rangun mit sechs weiteren Mitgliedern des Exekutivrats, darunter sein älterer Bruder U Ba Win, erschossen wurde. Immerhin ergriff man die fünf Schützen sowie den Drahtzieher der Aktion U Saw, Premierminister der früheren Kolonialregierung, und knüpfte sie im Januar 1948 auf. Eine Tochter Aung Sans ist die bekannte angebliche Vorkämpferin der Demokratie für Myanmar Aung San Suu Kyi, Empfängerin des „Friedensnobelpreises“ von 1991, derzeit Parlamentsabgeordnete, Vorsitzende einer Partei und Freundin des gleichfalls friedenssüchtigen Barack Obama.


113 - Chano Pozo

Obwohl ein massiger Hüne, eignete dem dunkelhäutigen Sänger, Tänzer und Percussionist aus Kuba doch ein dandyhaftes und heißblütiges Naturell. 1947 hatte er in einem New Yorker Club Dizzi Gillespie begeistert, Trompeter und Bahnbrecher des Bebop. In der Folge entstanden auch mit anderen namhaften Jazzmusikern „Latin“-geprägte Plattenaufnahmen. Was Pozos Karriere beeinträchtigte, war der Zug, durch den sie auch befördert worden war, eben sein hitziges Temperament. Angeblich schon vorher in mehrere Schießereien verwickelt, hatte der 33jährige Pozo, nebenbei bereits in seiner armseligen Jugend in Überlebenskampf und Kleinkriminalität geschult, am 2. Dezember 1948 in der Harlemer Rio-Bar einen kleinen Streit mit dem puerto-ricanischen Ex-US-Army-Korporal und amtierenden Marihuana-Dealer Eusebio Munoz. Der Musiker rügte die Qualität von Munoz' Ware, weigerte sich zu bezahlen und setzte den Drogenhändler eigenhändig vor der Tür. Um sich wieder zu beruhigen, tanzte er anschließend zu seinem Stück Manteca, das sich in der Jukebox der Bar fand, Rumba. Er hatte es gemeinsam mit Gillespie verfaßt. Plötzlich tauchte Munoz wieder in der Bartür auf, eine Pistole in der Hand. Er schoß seinen aufsässigen Stammkunden in den Rücken. Für diesen Totschlag bekam Munoz später lediglich fünf Jahre, weil man ihm in seiner Eigenschaft als Weltkriegsveteran mildernde Umstände zubilligte. Er konnte die zivilen Vorgänge eben nur noch militärisch auffassen, weshalb er auch nie ohne Waffe auszugehen pflegte. Sein Opfer kam ins Leichenschauhaus. Dort fand sich für dessen – zunächst nur von Munoz behauptete – Zahlungsverweigerung ein handfestes Indiz, als man ihm die Schuhe auszog. Sie enthielten 25.000 US-Dollar, das war damals viel Geld. Im Laufe der Jahre wurde auch Pozo für etliche Kollegen zum „Stoff“, so durch Benny Moré mit Rumberos de ayer, Calixto Callava mit Chano en Belén, Germán Velazco mit Un violin para Chano.


114 - Margarete Grüneklee und Adolf Wolfard

1951 explodieren im Raum Bremen zwei Paketbomben. Es handelt sich um das erste Bombenattentat in der BRD, dem der Chefredakteur der Bremer Nachrichten Adolf Wolfard (49) und die erst 18jährige Kontoristin Margarete Grüneklee aus Eystrup zum Opfer fallen. Beide werden geradezu zerfetzt, zudem gibt es Schwerverwundete. Dabei ist der Tod der jungen Frau im Eystruper Postamt besonders makaber. Zum einen galt die „Paketsendung“ gar nicht ihr, vielmehr Carl Mayntz, dem Chef der Marmeladenfabrik, in der sie beschäftigt war. Zum anderen ereilte sie die Explosion vor den Augen des hinter dem Schalter stehenden stellvertretenden Postamtsvorstehers Grüneklee – ihres Vaters. Ein dritter Paketempfänger, Futtermittelfabrikant in Verden, entging dem Tod nur um Haaresbreite.

Die Polizei leitet eine bis dahin beispiellose Großfahndung ein. Zunächst werden Rentenräuber, dann vorzugsweise, dem Geist der Epoche entsprechend, Kommunisten der Tat verdächtigt. So war es nur folgerichtig, die Leitung der 60köpfigen Sonderfahndungskommission dem Oberregierungs- und Kriminalrat Dr. Walter Zirpins anzuvertrauen, wie Gerhard Feix berichtet.* Laut Wikipedia hatte Zirpins dieselben Ränge bereits im Januar 1945 bekleidet, also vor Wiedereinführung der Demokratie. Außerdem war er damals SS-Obersturmbannführer gewesen und hatte schon bei der „Untersuchung“ des Reichstagsbrandes seine Fähigkeit bewiesen, gut ausschlachtbare Verbrechen Linken oder anderen „Asozialen“ in die Schuhe zu schieben. Zu den Kommunisten rechnet man 1951 nebenbei auch Günther Schwarberg, der damals noch beim Weser-Kurier beschäftigt ist. Es gelingt aber Zirpins nicht, aus seinem großen Topf der UnterhöhlerInnen der Freiheitlich-Demokratischen Grundordnung mehr als Nieten zu ziehen. Gestellt wird schließlich Eric/Erich von Halacz, ein zur Tatzeit 22jähriger arbeitsloser technischer Zeichner aus Nienburg. Er bekommt Lebenslänglich. Anläßlich seiner Begnadigung ist 1974 im Spiegel (Nr. 46) zu lesen, die Motive des jungen „Herumtreibers mit Großmanns-Allüren“ seien nie zufriedenstellend erhellt worden. Offenbar habe sich Von Halacz damals durch Androhung weiterer Bomben erpreßte Millionen versprochen, doch im Urteil heiße es auch, er habe aus Geltungssucht gehandelt. Im Übrigen hätten Chirurgen wenige Wochen vor Von Halacz' Entlassung aus dessen Gehirn einen Tumor von Tennisball-Größe entfernt. Das niedersächsische Justizministerium habe Meldungen widersprochen, denen zufolge Von Halacz bereits zur Tatzeit ein schwerkranker Mann gewesen sei.

Noch vor Feix, der darauf nur am Rande eingeht, legten freilich die Autoren G. H. Mostar/R. A. Stemmle** die Erniedrigungen dar, die Möchtegern-Dandy Von Halacz im Rahmen seiner Erziehung genossen hatte. Der wahrscheinlich uneheliche Sohn einer ungarischen Gräfin, die sich bald nach der Niederkunft von einem Düsseldorfer Zahnarzt trennen mußte, wuchs bei „Pflegeeltern“ nahe Nienburg in einer Drakenburger Baracke auf. Zu allem Unglück war der liebe Pflegevater auch noch bei einem Kieswerk angestellt – als Sprengmeister. Das konnte wahrscheinlich nicht gut gehen.

* Der Tod kam mit der Post. Aus der Geschichte der BRD-Kripo, Ostberlin 1979, hier 2. Auflage 1980, S. 69
** Die Höllenmaschinen des Dandy Keith, München 1967, S. 45–62



115 - Philipp Müller

Im Jenseits angekommen, durfte er sich rühmen, der erste von verschiedenen erschossenen Demonstranten der BRD zu sein. Die Polizeikugeln hatten ihn hinterrücks im Mai 1952 in Essen bei Protesten gegen die westdeutsche Wiederbewaffnung getroffen. Da war der aus München angereiste junge Schlosser 21 gewesen. Obwohl der nordrhein-westfälische Innenminister Lehr die Proteste unter fadenscheinigen Begründungen in letzter Minute verboten hatte und dadurch die Anreisewilligen verwirrte und einschüchterte, waren es immer noch rund 30.000 Antimilitaristen, die die Kruppstahl-Metropole „unsicher“ machten. Nach Schießbefehl durch Lehr, weitergeleitet von Polizeikommissar Knobloch, wurde zufällig Müller tödlich im Rücken getroffen. Verletzt wurden außerdem der Sozialdemokrat Bernhard Schwarze aus Kassel und der Gewerkschafter Albert Bretthauer aus Münster. Die in furchterregenden Mengen aufgebotene Polizei eröffnete sogleich auch eine andere Tradition, die sich noch oft bewähren sollte: die Demonstranten hätten zuerst geschossen. Als diese Lügen nicht mehr haltbar waren, erläuterte der Düsseldorfer Ministerpräsident Karl Arnold, der Andrang der Menge sei derart gewalttätig gewesen, daß er allein durch Schlagstockgebrauch nicht hätte gebrochen werden können. Entsprechend billigte das Landgericht Dortmund den Polizisten im Oktober 1952 Notwehr zu. Auch dies wurde von etlichen Augenzeugen widerlegt, die zum Teil ihrerseits von der Polizei verprügelt worden waren, um ihre Aussagefreudigkeit zu dämpfen. Statt jedoch auch nur einen Uniformierten zu belangen, verurteilte die Justiz später 11 Jugendliche zu Haft bis zu zwei Jahren.

Wie sich versteht, ereiferten sich die herrschenden Kreise über die Umtriebe einer SED/FDJ-gesteuerten „kleinen radikalen Minderheit“, auch so eine Tradition. Obwohl Bonn im April 1951 das Verbot einer unter Führung von Pastor Martin Niemöller geforderten Volksabstimmung zur Wiederbewaffnung verfügt hatte, sprachen sich bis zum März des Folgejahrs mehr als neun Millionen BRD-Bürger gegen die Remilitarisierung aus. Laut Hubert Reichel* hatte sich der Deutschland-Korrespondent der New York Times, Drew Middleton, schon Anfang 1951 keinen Illusionen mehr hingegeben: „Der Enthusiasmus, den die westlichen Generale und Politiker über die deutsche Wiederbewaffnung bekunden, findet in diesem Lande keinen Widerhall. Insbesondere trifft das auf jene Erwachsenenkontingente zu, aus denen die Truppen rekrutiert werden müssen.“ Zu diesen Kontingenten zählten freilich nicht der aus Eiche geschnitzte Kanzler Adenauer, der lederharte Antikommunist Kurt Schumacher, der Ausbrüter der späteren Starfighter-Eier Franz Josef Strauß und so weiter – bis hin zum Erfinder des Radikalenerlasses Willy Brandt und über ihn hinaus.

Nach dem ermordeten Philipp Müller (dessen frischangetraute Frau Ortrud, geborene Voß, nebst einem Säugling in Ostberlin lebte) waren in der DDR zahlreiche Einrichtungen unterschiedlichster Art benannt worden. In Halle gab es seit Müllers Todesjahr eine Philipp-Müller-Straße – die seit 2012 Willy-Brandt-Straße heißt. Vielleicht wollte man hier eine „klammheimliche“ Verbindung nicht nur zu Brandts Berufsverboten, sondern auch zum Ende Benno Ohnesorgs herstellen. Damals, 1967, war Brandt in Bonn Außenminister und Vizekanzler gewesen.

* in Ossietzky 8/2002


116 - Ethel und Julius Rosenberg

Ihr Fall erregte kaum weniger Aufsehen als der von Sacco und Vanzetti. Die Rosenbergs, streckenweise KP-Mitglieder, hatten einen in der Atomschmiede von Los Alamos beschäftigten Verwandten, der sie vor Gericht schwer belastete, dies jedoch im Alter widerrief. 1953 landete das Ehepaar im New Yorker Staatsgefängnis Sing Sing auf dem elektrischen Stuhl, weil es angeblich entschieden dazu beigetragen hatte, das Geheimnis des US-Atomprogramms an die Sowjetunion zu verraten. Von der Frage der Strafwürdigkeit solchen „Verrats“ einmal abgesehen, war der Vorwurf mindestens stark übertrieben. Heute, nach der Veröffentlichung diverser Geheimdienstberichte und geheim gehaltener Vernehmungsprotokolle und nach neuen Aussagen von wichtigen Zeitzeugen, wird kaum noch angezweifelt, daß die verheirateten angeblichen Top-Spione ein Opfer des bekannten antijüdischen und antikommunistischen Klimas der USA und der entsprechenden Willkür und Härte geworden waren. Nach einem Bericht der New York Times* räumte 1983 sogar Ex-Vizepräsident Richard Nixon ein, bei jüngster Kenntnis der Sachlage hätte sein damaliger Chef, Präsident Eisenhower, sicherlich „eine andere Sichtweise“ eingenommen. Eisenhower hatte verkündet: „Dieser Verrat ist schlimmer als Mord.“ Daraufhin sprach Richter Irving Kaufman das Todesurteil. Ethel und Julius Rosenberg waren 37 und 35 Jahre alt – ihre beiden Söhne Michael und Robert Meeropol, wie sie nach einer Adoption hießen, 10 und Sechs. Die Brüder ließen später nicht locker, die Herausgabe verschiedener Dokumente zu betreiben, und gründeten außerdem 1990 eine Stiftung, die sich just solcher Kinder annimmt, deren Eltern in die Mühlen der Justiz geraten sind.

* Sam Roberts, 13. September 2008


117 - Gerhard Händler

Am 17. Juni 1953 sind die drei DDR-Beamten (von der Volkspolizei und vom MfS) Gerhard Händler, Georg Gaidzik und Johann Waldbach zum Wachdienst in der Magdeburger Haftanstalt Sudenburg eingeteilt. An diesem Tag war, wie fast jeder weiß, in verschiedenen Städten der DDR, je nach Standpunkt, ein „Arbeiteraufstand ausgebrochen“ oder aber vom Grenzzaun gebrochen worden. Was Magdeburg angeht, versuchte eine Gruppe von Aufständischen zwecks Gefangenenbefreiung das genannte Zuchthaus zu stürmen. Diese Leute besaßen ein paar Schußwaffen, die sie der Vopo entwunden hatten. Bei ihrem Angriff auf die Wachhabenden kamen die drei Beamten um. Sie waren 24, 32 und 33 Jahre alt. Wer im Einzelnen schoß, ist teils umstritten, teils unbekannt. Verluste auf Seiten der ErstürmerInnen gab es nicht. Sie zerstreuten sich, als ein sowjetischer Panzer aufzog.

Im Ganzen sollen die damaligen Unruhen, auf beiden Seiten, 50 bis 70 Todesopfer gefordert haben. Es ist natürlich anzunehmen, daß sich unter den „Aufständischen“ etliche Provokateure befanden. Wer sandte sie aus? Für die Linke besteht meist kein Zweifel: die AuftraggeberInnen konnten nur CDU, CIA, RIAS Berlin heißen – ein Rundfunksender, der die Unruhen kräftig schürte. Folgt man dagegen dem 2009 veröffentlichen Buch Deutsche Daten des aus der DDR stammenden Schriftstellers Friedrich Dieckmann, wurde der Aufstand von denen angezettelt, gegen den er sich richtete: Ulbricht und Semjonow. „Hochkommissar“ Wladimir Semjonow vertrat damals die UdSSR und deren Armee. Sie alle hatten sich im ostdeutschen Volk unbeliebt gemacht, durch krasse Normerhöhungen und BesatzerInnengebaren etwa, hätten jedoch, so Dieckmann, durch Zugeständnisse keine Schonung mehr erlangt. Also mußte, wie üblich, ein massiver „feindlicher“ Angriff von außen her („westliche Provokateure!“), damit die Mannen um Ulbricht und Semjonow als Erretter der Nation auftreten konnten.

Den Hintergrund dieser Taktik gab für Dieckmann ein Kampf zweier Linien in der Sowjetunion ab, der die gesamte europäische Friedensordnung betraf. Eine Fraktion um den Geheimdienstchef Lawrenti Berija habe, mit Einvernehmen Winston Churchills, auf die Beendigung sowohl des (kostspieligen) „Kalten Kriegs“ wie der deutschen Teilung, somit auf die Preisgabe der (kostspieligen) DDR gesetzt. Das war jedoch gar nicht nach dem Geschmack des Parteisekretärs Chruschtschow und der Roten Armee. Also konnte auch ihnen eine Gelegenheit, die Unverzichtbarkeit sowjetischer Präsenz in Ostdeutschland zu demonstrieren, nur willkommen sein. Der kräftig geförderte Aufstand wurde niedergeschlagen; Ulbricht saß wieder fest im Sattel; Berija wurde verhaftet und im Dezember 1953 erschossen; Adenauer (der „deutsche Einheit“ immer nur als Lippenbekenntnis gekannt hatte) gewann die westdeutschen Wahlen im September 1953 haushoch – die deutsche Teilung war zementiert.

Nebenbei eröffnet Dieckmann, sonst ein guter Stilist, seine Aufsatz-Sammlung mit einem langatmigen Essay über den idealen deutschen Nationalfeiertag, der zu allem Unglück (der Essay) ähnlich fruchtlos geraten ist, wie ich Kohls ostdeutsche „blühende Landschaften“ aus eigener Anschauung kenne. Zur Krönung verkündet Dieckmann in diesem Essay kategorisch, ohne uns auch nur ein Komma einer Begründung zu gönnen: „Wieder andere werden einen Staats-, einen Nationalfeiertag schlechthin für überflüssig erachten. Wer das tut, erkennt mittelbar Staat und Nation für entbehrlich, was keine realistische Position ist; wir brauchen beide so dringlich wie Kooperation und Verflechtung in kontinentalen und globalen Bezügen.“ Statt sich die Mühe dieses schlechthin überflüssigen Essays zu machen, hätte er genauso gut erklären können, eine Kinderziehung ohne Prügelstrafe sei undenkbar.


118 - Sadako Sasaki

Weil ihm bei einem Labor-Versuch dicht über einem Plutoniumkern versehentlich ein Schraubenzieher entfallen war, nach dem er dann griff, fiel der 35jährige kanadische Physiker Louis Slotin im Mai 1946 in Los Alamos etwas verspätet dem berüchtigten Manhattan Projekt zum Opfer. Er wurde tödlich verstrahlt. Zum Gedenken an diesen tapferen Wissenschaftler benannte man, unter anderen Ehrungen, einen Asteroiden nach ihm. Dazu meinte eine gute Freundin von mir, in einigen Jahrzehnten werde man sicherlich genug neue Asteroiden entdeckt haben, um auch jenen 500.000 Japanern Denkmäler setzen zu können, die just im Zuge jenes Manhatten Projekts in Gras zu beißen hatten. Die beiden Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki fanden, im Abstand von drei Tagen, am 6. und 9. August 1945 statt.

Wie sich versteht, kamen nicht alle 500.000 auf einen Schlag um. Kleine Raten merkt man nicht so. Das Mädchen Sadako Sasaki aus Hiroshima etwa war mit Zweieinhalb Jahren von dem Inferno ereilt worden. Es starb im Oktober 1955 mit 12 Jahren an Blutkrebs. Das nahm die Weltöffentlichkeit nur zur Kenntnis, weil das Mädchen den (aus Papier gefalteten) „Friedens-Kranich“ erfunden und mit Hilfe der Massenmedien Aufmerksamkeit ergattert hatte.

Für BeobachterInnen, die den Vorwurf der Parteilichkeit nicht scheuen, soll es sich bei den Atombombenabwürfen in Japan um ein bis heute einzigartiges Schwerverbrechen gehandelt haben. Die Rechtfertigung, sie seien unumgänglich gewesen, um die Schwerverbrechen der Achsenmächte zu unterbinden oder abzukürzen, halten sie für eine längst entlarvte Lüge. Die Faschisten waren bereits geschlagen. Seit der Eroberung von Straßburg im November 1944 wußten die US-Führer zudem genau, daß Deutschland zum Bau der Atombombe außerstande war. Das hat Jost Herbig schon vor knapp 40 Jahren belegt.* Es ging ihnen jetzt „nur“ noch darum, die Sowjets einzuschüchtern, aber vor allem dem mit vielen Milliarden von Dollars angelegten „Sachzwang“ der nordamerikanischen Atomforschung und Atomindustrie zu gehorchen. Man wollte nicht mehr zurück. Man wollte Fortschritt. Man ekelte sich vor den Neandertalern, die sich hin und wieder gegenseitig mit Keulen erschlagen hatten.

* Kettenreaktion, erstmals München 1976, hier dtv-Ausgabe 1979, S. 230 u. 286


119 - Lonnie Barron

Der 1931 in Louisiana geborene Farmersohn Lonnie Barron hatte sich nach seinem Militärdienst um 1955 dem Country- und Rockabilly-Gesang zugewandt und in kurzer Zeit zu einem „lokalen Elvis“ im Raum Detroit, Michigan, gemausert. Er trat als „Mississippi Farm Boy“ sowohl in Music Halls wie in beliebten Rundfunksendungen auf. Obgleich er 1955 die offenherzige Platte You’re Not The First Girl herausgebracht hatte, wurde er mit Liebesbriefen überschwemmt. Davon bekam freilich, wie The Mount Clemens Monitor-Leader später zu berichten wußte, auch ein gewisser Roger Fetting (um 35) Wind, der sich am 9. Januar 1957 vor Barrons Haus in Richmond bei Detroit einfand, um dem Sänger die Briefe unter die Nase zu reiben, die Barron mit Fettings Gattin Bettie gewechselt hatte. Daraus entspann sich ein Streit, den Fetting beendete, indem er das 25 Jahre alte Idol der einheimischen Jugend in den Kopf schoß.

Im Gegensatz dazu liegen die Umstände, unter denen der erfolgreiche 33jährige US-Soulsänger Sam Cooke am 11. Dezember 1964 im Hacienda Motel in Los Angeles von der Motelmanagerin Bertha Franklin erschossen wurde, im Dunklen, zumal Cooke ein Schwarzer war. So ließ das Interesse der Polizei von LA, dieses Dunkel aufzuklären, stark zu wünschen übrig.* Cookes damalige Barbekanntschaft Lisa Boyer und die „Managerin“ des Stundenhotels machten Notwehr geltend, doch als man die Leiche des verheirateten, nun übel zugerichteten Freiers durchsuchte, wurden 5.000 Dollar vermißt. Beträchtlich schwerwiegendere Mordmotive könnten sich in Cookes Bemühungen verbergen, sich als erster populärer schwarzer Musiker von der Allmacht der von Weißen beherrschten Kulturindustrie zu befreien. Dort hatte der stolze Besitzer eines roten Ferraris Feinde, die über die Kragenweite „Strichmädchen“ weit hinaus gingen. Was Wunder, wenn Cookes nur wenige Wochen nach seinem Tod veröffentlichter Song A Change Is Gonna Come zu einer der größten Hymnen der nordamerikanischen Bürgerrechtsbewegung wurde.

* Artikel „Rollenmodell mit B-Seite“ von Tobias Rapp, taz 11. Dezember 2004


120 - Rosemarie Nitribitt

Erich Kuby schrieb sein erfolgreichstes Buch über sie. Es wurde noch im Jahr der Veröffentlichung, 1958, verfilmt, und die „Star-Besetzung“ des Streifens – Nadja Tiller, Mario Adorf, Gert Froebe, Peter van Eyck – entsprach dem Wirbel, den dieser Mordfall verursacht hatte. Gleichwohl wurde er bis heute nicht aufgeklärt. Rosemarie Nitribitt aus dem Rheinischen, stolze Besitzerin eines schwarzen Mercedes-Benz 190 SL (Coupé) mit roten Ledersitzen und weißen Breitbandreifen, den zumindest im Bahnhofsviertel Frankfurt/Mains so gut wie jeder kannte, hatte sehnlichst „nach oben“ kommen wollen. Doch nun, im Herbst 1957, fand sich die 24jährige „Edelhure“ erwürgt auf dem flauschigen Teppich ihres Appartements am Eschenheimer Tor wieder. Aus einfachsten Verhältnissen stammend, hatte sie sich mühsam etwas „Bildung“ beigebracht und ein paar steinreiche Kunden angelacht, die neben ihrer Brieftasche gern auch ihr Herz bei der aufmerksamen Geliebten ausschütteten. Als Hauptverdächtiger, der Nitribitts Wohnung möglicherweise um eine Menge Geld erleichtert hatte, galt der Polizei ihr homosexuell gestimmter Freund und Dienstmann Heinz Pohlmann, gestorben 1990. Der bereits vorbestrafte Handelsvertreter kaufte sich kurz nach ihrem Tod ein teures Auto, doch das Gericht sprach ihn trotz fehlenden Alibis für die mutmaßliche Tatzeit „mangels Beweisen“ frei. Nach lange verschollenen, inzwischen wieder aufgetauchten Akten war damals unter anderem auch der Krupp-Sprößling Harald von Bohlen und Halbach (gestorben 1983) ausgiebig vernommen worden. Er präsentierte ein „Alibi“, das Nitribitts Pudel Joe selbst dann zu Lachtränen gerührt hätte, wenn er eine Bulldogge gewesen wäre. Laut Helga Dierichs, zuletzt im deutschen Fernsehen mit einer neuen Dokumentation vertreten*, sind entscheidende Akten nach wie vor unter Verschluß oder völlig verschwunden. Da sich die Polizei reihenweise „Ermittlungspannen“ leistete, nehmen etliche BeobachterInnen an, es habe eben, im Interesse „höherer“ Kundenkreise, viel zu vertuschen gegeben. In der Tat zeigen bereits die vorhandenen, im Hauptstaatsarchiv Wiesbaden einsehbaren Akten solche Vertuschungsspuren.** Zu den prominenten Kunden der Blondine zählten „Playboy“ Gunter Sachs und Rüstungsunternehmer Harald Quandt. Auch der spätere Bundeskanzler Kiesinger wird hier und dort genannt. Trifft der Verdacht zu, wird er jedoch die Ohrfeige von Klarsfeld (1968) kaum für diese Art von Fehltritt bezogen haben.

Knapp 10 Jahre später schien sich der Mordfall zu wiederholen. Man hatte die 32jährige „Edelhure“ Helga Matura, Fahrerin eines weißen Mercedes 220 SE Cabriolet, anfang 1966 erstochen in ihrer Wohnung in der Frankfurter Gutleutstraße gefunden. Auch dieses Verbrechen blieb unaufgeklärt.

* „Der Fall Rosemarie Nitribitt“, Phoenix, 2. August 2013
** Mitteldeutsche Zeitung 26. Oktober 2007



121 - Henk Heithuis

Von Mord- zu Untersuchungskommissionen ist es nicht weit. Bekanntlich hat die westliche Demokratie ihr Staatshaushaltsgerät Untersuchungskommission zu dem Zweck erfunden, einen möglichst hohen Prozentsatz des jeweils ruchbar gewordenen Drecks unter den Teppich zu kehren. In Weidmannskreisen heißt das selbe Verfahren: den Bock zum Gärtner machen, damit er im Futter bleibt. Wim Deetman zum Beispiel, früher zeitweise Minister, ist ein führender Politiker der niederländischen Partei Christlich-Demokratischer Aufruf (CDA). Die nach ihm benannte Kommission legte 2011 einen wie gewohnt umfangreichen Bericht über Mißbrauchsfälle in der niederländischen katholischen Kirche während der gesamten Nachkriegszeit vor. Diese Prosaarbeit hat 1.200 Seiten, damit sie nur von LiteraturwissenschaftlerInnen oder Rentnern gelesen wird. Sie glänzt durch Beschönigungen. Ihnen fiel auch der Fall Henk Heithuis zum Opfer. Nebenbei läßt der Bericht Versuche des späteren Premierministers Vic Marijnen, Begnadigungen für einige wegen „Unzucht“ verurteilte Ordensbrüder zu erwirken, gleichfalls unerwähnt.* Marijnen gehörte der Katholischen Volkspartei (KVP) an. Zwischen 1956 und 1959 soll er zufällig Leiter des Harrevelder Vincentius-Stifts gewesen sein, von dem wir gleich hören werden. Premierminister wurde er 1963.

In der Haut von Henk Heithuis, geboren 1935, möchte man wieder einmal nicht gesteckt haben. Das Kind aus geschiedener Ehe hatte sich seit seinem ersten Lebensjahr in verschiedenen niederländischen Erziehungsheimen aufzuhalten, ab 1950 im katholischen Vincentius-Stift in Harreveld. Anfang 1955 erstattete Heithuis Anzeige wegen wiederholten sexuellen Mißbrauchs durch Ordensbrüder. Gerade noch minderjährig, wurde er daraufhin in die Brabanter katholische psychiatrische Anstalt Haus Padua eingeliefert, weil er die Mönche verführt habe. Damit griff das andere beliebte Verfahren, den Spieß umzukehren, also das Opfer zum Täter zu machen. Nun wurde Heithuis, zwecks Heilung von Perversität und Homosexualität, im Vegheler St. Joseph-Krankenhaus, laut Patientenakte, „eugenisiert“, nämlich kastriert. Während Stiftschef Bruder Gregorius einige Wochen nach Heithuis' Anzeige nach Kanada strafversetzt und damit aus der Schußlinie genommen worden war, hatte Heithuis, inzwischen als Matrose erwerbstätig, unter den seelischen und körperlichen Folgen dieser grausamen Behandlung zu leiden. Zum Glück fand er eine Art Pflegefamilie, Rogge, die sich seiner annahm (und die sowohl Heithuis' Verstümmelung wie seine Folgeleiden bezeugte). So wiederholte er 1957 seine Anzeige und bereitete mit Hilfe des Journalisten Joep Dohmen auch einen publizistischen Feldzug vor, weil beide glaubten belegen zu können, Heithuis sei, was den Mißbrauch in kirchlichen Einrichtungen angehe, weißgott kein Einzelfall. Da jedoch Heithuis' Klage erneut nicht zugelassen wurde, wollte er es mit einer Zivilklage gegen das Stift versuchen. Kaum hatte er, inzwischen 23, im Oktober 1958 die entsprechende Klageschrift eingereicht, wurde er auf der Autobahn von einem anderen Fahrzeug gerammt. Er war auf der Stelle tot.

Laut Cornelius Rogge, von Beruf Bildhauer, beschlagnahmte die Polizei Heithuis' gesamte Prozeßunterlagen noch am Todestag. Eine Untersuchung des vermeintlichen oder tatsächlichen Unfalls habe nie stattgefunden. Eine von der Zeitung Het Parool geplante Artikelserie blieb aus. Heithuis selber hatte schon öfter von seiner Angst gesprochen, „sie“ könnten ihn „wieder zu packen kriegen“. Übrigens nennen alle mir zugänglichen Quellen weder den genauen Unfallort, noch beschreiben sie den Hergang des Unfalls. Zudem stößt sich niemand an dem dadurch provozierten Eindruck, die Polizei habe hier gleich einen ganzen Verkehrsunfall unter den Teppich gekehrt. Sie muß ihn allein aus Versicherungsgründen daraufhin untersucht haben, wer oder was ihn verschuldet habe. Wie sahen also die Spuren aus? Waren Zeugen vorhanden? Man scheint sich jedoch mit dem Glauben zu begnügen, das zweite am Unfall beteiligte Auto sei vom Heiligen Geist gesteuert worden und nach der Kollision naturgemäß in den Wolken verschwunden.

* Laut NiederlandeNet der Universität Münster, 21. März 2012



Fortsetzung Teil 4
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