Donnerstag, 23. Oktober 2014
Erledigt? Teil 2

44 - Nat Turner

Zu den größten und offenkundigsten Schwerverbrechen des neuzeitlichen Imperialismus zählt der Sklavenhandel. Aber wer hätte es heute noch vor Augen? Und wer würfe der inzwischen weltweit etablierten „Freien Marktwirt-schaft“ heute noch vor, sie habe ihre „ursprüngliche Akkumulation des Kapitals“ vor allem, neben großange-legtem Diebstahl von Landstrichen, Bodenschätzen und anderen Wertsachen, dem Raub von Menschen und der viehischen Zwangsarbeit dieser Geraubten zu verdanken? In seinem Buch Die Weißen kommen* schätzt Gert von Paczensky, allein Afrika habe, zwischen ungefähr 1500 und 1850, mindestens 100 Millionen Menschen, dabei oft die gesündesten und arbeitsfähigsten, durch dieses Schwer-verbrechen verloren. Aber man weiß es, die Afrikaner-Innen sind an ihrem heutigen Elend selber schuld. Und eine „Selektion“, die die „Nigger“ auf dem umstellten Dorfplatz nach geeignet und ungeeignet sortierte, fand bekanntlich nur um 1940 in den Barackenlagern der Doktor Mengeles statt.

Der blutige Witz: das Problem des Arbeitskräftemangels hatte sich die Freie Marktwirtschaft dereinst mit ihren Schlächtereien beim „Entdecken“ selbst geschaffen. Von Paczensky zitiert aus einem Bericht des spanischen Priesters Bartholomäus de Las Casas von 1543. Die Spanier hätten sich in Mittelamerika „wie hungrige Wölfe und Löwen“ aufgeführt. „Sie haben über 40 Jahre lang nichts gemacht, als die Einheimischen zu töten, sie leiden zu lassen, zu quälen, sie zu foltern mit außerordentlich grausamen Methoden ..[..].. Die Insel Kuba ist heute fast entvölkert. Die Inseln San Juan und Jamaika, die reich und glücklich waren, sind heute leer. Auf den Lucayes-Inseln gibt es heute kein einziges Lebewesen mehr.“ Ja – was blieb einem angesichts dieser Not anderes übrig, als für Nachschub an Arbeitskräften zu sorgen, eben aus Afrika?

Selbstverständlich kam es zu Widerstand, wie schon in Rom. Was den Schwarzen Nat Turner angeht, wähnte er sich sogar in christlicher, prophetischer Mission; gleichwohl schreckte er, im Gegensatz zu anderen Rebellenführern, nicht vor Gewaltanwendung gegen die Leute zurück, die ihn beliebig ge- oder verkauft und ausgepeitscht hatten. Turners AnhängerInnen zogen im Sommer 1831 mit Messern, Äxten und Hacken durch die Tabak- oder Baumwollplantagen Virginias und töteten im Ganzen um 50 Weiße, ehe das Militär „Herr der Lage“ war. Zur „Vergeltung“ mußten mindestens doppelt so viele unschuldige Sklaven daran glauben. Der geflohene Turner, zu diesem Zeitpunkt 31, wurde Ende Oktober gefangen und zwei Wochen später in Jerusalem gehängt. Angeblich überließ man seinen Leichnam Ärzten, die ihn köpften, abhäuteten und vierteilten. In der Folge ging der Rebell in zahlreiche Lieder und Bücher ein. 1967 veröffentlichte William Styron einen Roman über Turner, der sich, trotz oder wegen Umstrittenheit, glänzend verkaufte. In der damaligen Black-Power-Bewegung wurde Turner zur Ikone.

Samuel Sharpe, als Sohn kreolischer Sklaven 1801 auf Jamaika geboren, hatte zunächst Glück. Er durfte lesen und schreiben lernen und Prediger der Baptisten werden. Er zog durch die Plantagen, scharte Gläubige um sich und ließ in diesen Leidensgenossen Freiheitsgedanken keimen. Er organisierte auch einige großangelegte Streiks während der Zuckerrohrernte, wobei er dem Trugschluß aufsaß, das britische Parlament hätte die Sklaverei bereits als abgeschafft erklärt. Ende 1831 kam es zum berüchtigten „Weihnachtsaufstand“. Dabei wurden auch einige Felder abgebrannt, wahrscheinlich ohne Sharpes Billigung. Menschen kamen nicht zu Schaden. Aber das Militär schlug binnen zweier Wochen hart zurück. Es soll einige Hundert Tote gegeben haben, darunter 14 Weiße. Der gefangene Sharpe, inzwischen vermutlich 31 wie Turner, wurde im neuen Jahr mit anderen „Rädelsführern“ gehängt. Als sein Abschiedswort wird überliefert, er zöge jeden Galgen der Knechtschaft vor. Die Rebellion dürfte wesentlich mit zum Slavery Abolition Act von 1833 beigetragen haben, durch den die Sklaverei zumindest auf dem Papier beendet war. 1975 wurde Sharpe sogar durch das Parlament Jamaikas in den Kreis der sieben offiziellen Nationalhelden der Insel erhoben. An seinem Hinrich-tungsort in Montego Bay steht ein Denkmal. Er ist außerdem auf der gültigen jamaikanischen 50-Dollar-Note abgebildet. Hat er das verdient?

Der 34jährige US-Bürger Elijah Parish Lovejoy war nie Sklave gewesen. Er wurde 1837 in Alton, Illinois, ermordet, weil er sich als Journalist, Lehrer und Prediger für die Abschaffung der Sklaverei stark gemacht hatte. Schon als Herausgeber einer Zeitung in Saint Louis, Missouri, hatte er heftig Federn lassen müssen, zerstörten ihm doch Befürworter der Sklaverei dreimal hintereinander seine Druckerpressen. Das wiederholte sich nun am 7. Novem-ber auf der Ostseite des Mississippi, wohin er sich geflüchtet hatte, um den Alton Observer herauszugeben. Ein Lynchmob zündete sein Firmengebäude an. Es kam zu einem Schußwechsel, bei dem der unerschrockene Journalist tödlich getroffen wurde. Sein Mitstreiter Royal Weller kam mit einer Verwundung davon. Die Angreifer wurden nie belangt. Lovejoy ließ eine Frau und zwei Kinder zurück. Später wurde die Bibliothek der Universität in Edwardsville, Illinois, nach ihm benannt.

* erstmals 1970 erschienen, später in Weiße Herrschaft umbenannt, Ausgabe Ffm 1982, S. 165


45 - David Douglas

Nach ihm sind mehrere Pflanzen benannt, darunter die Douglasie, eine in Nordamerika beheimatete Kiefernart. Der 1799 geborene Sohn eines schottischen Steinmetzen hatte sich bereits als Knabe für die einheimische Flora erwärmt. Nach seiner Studienzeit entdeckte und sammelte er in Übersee viele Hundert Pflanzen oder deren Samen. Während Europa zum Beispiel bis dahin keine 10 Nadel-holzarten kannte, führte Douglas allein über 200 neue Arten aus Amerika ein. Ob stets zu unserer Bereicherung, ist eine Frage des ökologischen Standpunkts und des Geschmacks. Wahrscheinlich zeigt sich der lange Fangarm des sammelwütigen Schotten auch noch auf dem Territorium der ehemaligen DDR, das 1990 aufgrund der dichten Blaufichtenverhaue von den westdeutschen heutigen Dauergästen nur mit Hilfe von zahlreichen Stihl- oder Husqvarna-Motorsägen erschlossen werden konnte. Die Blaufichte stammt aus Colorado und Utah. Sehr ähnlich hatten sich schließlich schon die Exkursionen des Schotten gestaltet, der am laufenden Kilometer unter Unwettern, Raubüberfällen, kenternden Booten und entsprechend vielen Verletzungen zu leiden hatte. Aber nichts konnte ihn abschrecken. In Oregon entdeckte er die Pantherlilie. Heute kann dieser US-Staat mit der David Douglas High School glänzen.

1833 erreichte Douglas Hawaii, wo er die Berge Mauna Kea und Mauna Loa bestieg. Das Verhängnis lauerte jedoch am Boden. Im Juli 1834 stürzte der 35jährige Botaniker jäh in eine wahrscheinlich nicht eigens für ihn ausgehobene Fallgrube, in der sich bereits ein wilder Stier verfangen hatte. Man fand Douglas übel zugerichtet und tot. Als Mörder wurde zunächst der Stier verdächtigt, obwohl angesichts der Art der Wunden Zweifel aufkeimten. Man wußte auch, dem erfahrenen Forscher waren die Tierfallen der Gegend keineswegs fremd gewesen. Wie sich herausstellte, hatte er noch am Morgen seines Todestages ein Frühstück in der Hütte des Engländers Edward „Ned“ Gurney eingenommen, eines Stierjägers und entflohenen Sträflings. Aus späteren Zeugenaussagen ließ sich auch schließen, die Kleider des toten Douglas seien um einen gehörigen Batzen Geld erleichtert worden. Douglas' Führer John, ein anderer englischer Ex-Sträfling, konnte nicht befragt werden, da er sich abgesetzt hatte. Möglicherweise war Douglas gar nicht gestürzt, vielmehr erst nach seinem Ableben in die Fallgrube befördert worden.

Die Sache ist ungeklärt. Aus Tagebüchern von Missionaren oder Missionarstöchtern der Insel geht hervor, daß der teesüchtige Brite mit dem kleinen Terrier unter ihnen gern gesehen war. Er wurde in Honolulu begraben. Laut Betty Fullard-Leo* fanden sich die angeführten Aussagen und Deutungen um 1900 in den Blättern Hilo Tribune und Hawai'i Herald – während vermutlich auch die Verdäch-tigen schon in die ewigen Jagdgründe eingegangen waren.

* Artikel (von 2002 ?) in Coffee Times


46 - Lord William Russell und George Parkman

Zwar war der englische Aristokrat unter anderem Politiker (er saß über Jahre für die Whigs im Unterhaus), doch wenn er, schon 72 Jahre alt, am 5. Mai 1840 abzutreten hatte, steckten wie bei dem Schotten lediglich die schnöden Gründe der Habgier dahinter. Zu den Bediensteten in seinem Londoner Haushalt zählte Kammerdiener François Benjamin Courvoisier, 23. Der junge Schweizer hatte bis dahin schon einiges an Wertsachen seines Herren beiseite geschafft, was dieser schließlich spitzbekam. Als Courvoisier deshalb seinen Posten zu verlieren drohte, schnitt er dem schlafenden und, wie er vor Gericht erwähnte, schnarchenden Lord kurzerhand die Kehle durch. Zwar täuschte er Einbruch und Raubmord vor, doch bald darauf stöberte Scotland Yard im Hause weitere, von Courvoisier gestohlene und unklugerweise dort versteckte Wertsachen auf. Er gestand. Als er zwei Monate nach der Tat vor dem Newgate Prison öffentlich aufgeknüpft wurde, hatten rund 40.000 Schaulustige ihren Spaß oder Nervenkitzel. Unter ihnen befanden sich auch die Schriftsteller Charles Dickens und William Makepeace Thackeray. Der letztere soll sich alsbald für seine „brutale Neugier“ geschämt haben – sogar öffentlich, nämlich in seiner Betrachtung On Going to See a Man Hanged. Darin sprach sich Thackeray gegen die Todesstrafe aus.

Dasselbe Motiv lag 1849 dem Mord an George Parkman zugrunde. Was Wunder, der spindeldürre 59jährige US-Bürger aus Boston, Massachusetts, ursprünglich Medi-ziner, hatte sich zum steinreichen Miethai, Spekulanten und Geldverleiher entwickelt. Unter anderem hatte sich der 56jährige Chemie-Professor an der Cambridger Harvard Medical School John Webster, der wegen ehrgeiziger privater Bauvorhaben grundsätzlich unter Geldnöten litt, bei ihm um einige Hundert Dollar verschuldet. Im November setzte Parkman Webster wegen der Fälligkeit zu, und plötzlich war jener verschwunden. Dummerweise fanden sich Teile seiner Leiche im noch warmen gemauerten Versuchs-Backofen von Websters Hochschullabor. Der Professor bestritt die Vorwürfe und verdächtigte dafür den Hausmeister der Harvard-Mediziner und Leichenhändler Ephraim Littlefield, worauf dieser als Hauptbelastungszeuge gegen Webster auftrat. Es kam zu einem Aufsehen erregenden Indizienprozeß. Webster wurde zum Tode verurteilt und im August 1850 öffentlich gehängt. Man hielt seine Schuld zwar allgemein für wahrscheinlich, fand aber auch, die Anklage habe sie keineswegs zweifelsfrei beweisen können. Was den erwähnten Schriftsteller Dickens angeht, war er offenbar unbelehrbar nach Schwerverbrechen süchtig. Die englische Wikipedia behauptet jedenfalls, als er 1867 Boston besucht habe, hätten ihn seine ersten Schritte zu dem Universitäts-labor mit dem gemauerten Backofen geführt.


47 - Felix Fürst von Lichnowsky und Hermann Jellinek

1850 brachte dem Kaufmann, Schriftsteller und Feuille-tonleiter der Kölner Neuen Rheinischen Zeitung Georg Weerth ein selbstverfaßter Fortsetzungsroman drei Monate Gefängnis ein, die er am Erscheinungsort des kommunistischen Blattes absaß. Das Gericht war zu der Überzeugung gelangt, mit seiner häppchenweise servierten Satire Leben und Taten des berühmten Ritters Schnapp-hahnski habe er das Andenken eines Toten geschändet, nämlich des schlesischen Großgrundbesitzers, spanien-erfahrenen Offiziers und Politikers Felix Fürst von Lichnowsky. In der Tat lehnte sich Weerths Titelfigur an den „nationalliberal“ und kaisertreu orientierten Abgeordneten an, der zwei Jahre zuvor, 1848, mit 34 Jahren bei den sogenannten Septemberunruhen in Frankfurt/Main ermordet worden war. Hier hatte er, für den Wahlbezirk Ratibor, in der berüchtigten Paulskirchen-„Nationalversammlung“ gesessen, die eher einer Schule für Rhetorik als einem Institut fürs Volkswohl glich. Dabei zählte der attraktive, schnurrbärtige Redner aus Ratibor, auch Husar des Parlaments genannt, „zu den hervorragendsten Erscheinungen, obwohl man deutlich fühlte, daß ihm weniger daran lag, zu überzeugen als durch Effekte zu glänzen“, wie sogar sein Fürsprecher Franz Freiherr von Sommaruga einräumt. In den linken Reihen machte sich Lichnowsky durch sein reaktionäres und hochnäsiges Auftreten geradezu verhaßt. Bei den besagten Unruhen, als „verhetzte Volksmassen“ (Sommaruga) Barrikaden errichteten und die Paulskirchen-Schwatzbude zu sprengen suchten, setzte sich der Fürst über wiederholte Ratschläge hinweg, sein Quartier lieber nicht zu verlassen, und sprengte in Begleitung des Generals Hans von Auerswald (55), den er überredet hatte, hoch zu Roß in Richtung Stadtrand, wo er hilfsbereite auswärtige Truppen in Empfang zu nehmen gedachte. Sommaruga: „Auf der Bornheimer Chaussee ward er jedoch von einem Haufen bewaffneten Gesindels erkannt, das sofort mit Flinten und anderen Mordwerkzeugen auf die beiden Wehrlosen Jagd machte ...“ Beide seien wie Hasen erschossen beziehungsweise „in wahrhaft kannibalischer Weise erschlagen“ worden.* Diese Darstellung erscheint keineswegs übertrieben, berücksichtigt man andere zeitgenössische Quellen, die etwa das Wissenschaftsmaga-zin der Uni Ffm erwähnt.** Danach waren neben Knüppeln auch Sensen im Spiel. Ich nehme an, Weerths Satire, die ich nicht kenne, schloß keine Begrüßung einer derart vergeltungssüchtigen Grausamkeit ein.

Nun ein Opfer von der Gegenseite. Hermann Jellinek, Sohn eines mährischen Rabbiners, radikalisierte sich während seiner Studienjahre in Prag und Leipzig und fing sich entsprechende Maßregelungen ein. Sie konnten ihn nur noch unversöhnlicher stimmen, wie einige gehar-nischte Pamphlete aus seiner Feder beweisen. Nach seiner Ausweisung aus Sachsen, damals ein „Königreich“, und Berlin landete er just im März 1848 in Wien, wo er die Revolution mit Artikeln in der Presse anheizte. Dadurch wurde der Musikkritiker und Komponist Alfred Julius Becher auf ihn aufmerksam, der führend im demokra-tischen „Zentralkomitee“ tätig war, und machte den jungen Heißsporn zum Mitherausgeber seines täglich erscheinen-den großformatigen Kampfblattes Der Radikale. Die wichtigsten Losungen des Blattes waren: Abschaffung des Adels, Befreiung der Bauern, vollständige Gleichheit aller Menschen, Recht auf Arbeit, freilich auch auf Streik. Jellinek legte außerdem binnen weniger Monate mehrere Broschüren zu sozialpolitischen und religiösen Fragen vor. Bald darauf, in der letzten Nacht seines Lebens, schrieb er in einem Abschiedsbrief aus dem Gefängnis, seine veröffentlichten Gedanken könnten nicht erschossen werden. Im Oktober war es in Wien zu Aufständen gekommen – sie scheiterten. Entgegen Ratschlägen von Genossen flüchteten Becher und Jellinek nicht, weil sie den Ernst der Lage verkannten. Feldmarschall Fürst Windisch-Grätz sah jedoch gerade in den publizistischen Aufwieglern die entscheidenden Rädelsführer und ließ die beiden prompt verhaften. Sie wurden, vor allem wegen des üblichen „Hochverrats“, daneben wegen „Majestätsbelei-digung“, zum Tode verurteilt und Ende November 1848 gemeinsam vor dem Wiener Neutor erschossen. Becher war 45, Jellinek 26 Jahre alt. Übrigens stammte Jellinek aus einer schillernden (jüdischen) Sippe, über die Klaus Kempter kürzlich ein ganzes dickes Buch veröffentlicht hat.***

* Artikel über L. in: Allgemeine Deutsche Biographie, 1883
** Artikel von Anne Hardy/Wilhelm R. Schmidt in Forschung Frankfurt Nr. 1/2007, S. 67–70
*** Die Jellineks 1820–1955, Düsseldorf 1998



48 - Bernhard Matter

Er wirkte vornehmlich im Kanton Aarau, Schweiz. Normalerweise hätte man ihn als Berufsdieb bezeichnet, von denen es bekanntlich viele gibt. Da sich die Einbrüche, Schmuggeltouren und Überfälle des gelernten Maurers, die er teils allein, teils mit Bande vornahm, ausschließlich gegen wohlhabende MitbürgerInnen richteten und er zudem einen guten Teil der Beute zu Spottpreisen unter die armen Leute gebracht haben soll, erwarb sich Matter jedoch, neben dem Ruhm als Meisterdieb, Herzensbrecher und Ausbrecherkönig, im Laufe der Legendenbildung den Titel des Schweizer Robin Hoods. 1854, ein Jahr nach seinem jüngsten Ausbruch, wurde der „von allen Maitli“ begehrte Gastwirtssohn, wohl durch Verrat, in einer Teufenthaler Herberge aufgespürt und noch im selben Jahr in Lenzburg von Staats wegen, mit dem Schwert, enthauptet. Wieviele Morde der erst 33jährige auf dem Gewissen hatte? Keinen. Es heißt, er habe nicht einem Opfer oder Ordnungshüter auch nur die Haut geritzt. Aber er hatte hartnäckig das heiligste Menschenrecht des Kapitalismus verletzt, das Eigentum.


49 - Adolf Schlagintweit

Den Münchener Bergsteiger, Geologen und Geographen, 1853 trotz seiner Jugend bereits Dozent an der dortigen Universität, trieben seine vermutlich recht vermischten Neigungen gen Osten: ins märchenumwobene „Hinter-indien“, wie man damals sagte. Für nahezu sämtliche Nachschlagewerke waren es rein naturwissenschaftliche Interessen, höchstens noch mit Abenteuerlust gepaart. Und all diese Quellen, die den üblichen Eindruck größter Klarheit erwecken, erregen außerdem unweigerlich unser Entsetzen und unser Mitgefühl, wenn sie uns lapidar mitteilen, Ende August 1857 sei der unermüdliche, nun 28jährige Erforscher des Himalaya-Gebietes bei Kaxgar gefangen genommen und „ohne Prozess oder Anhörung am Hof des Hodschas Wali Khan als mutmaßlicher chinesischer Spion enthauptet“ worden, so die deutsche Wikipedia.

Schlagintweit hatte sich, teils mit seinen Brüdern, schon als Erforscher der Alpen und mit entsprechenden Veröffentlichungen einen Namen gemacht. 1854 ergatterte er auf Alexander von Humboldts Empfehlung den offiziell erteilten preußisch-britischen Auftrag (Friedrich Wilhelm IV. plus Ostindienkompanie), im Verein mit seinen Brüdern Robert und Hermann in die Hochgebirgswelt des Himalayas einzudringen. Es dürfte vor allem um die kartographische Erfassung des kaum bekannten Gebietes, aber sicherlich auch um die Abschätzung seiner diversen Reichtümer gegangen sein. 1855 in Tibet von einhei-mischen Soldaten verscheucht, kehrt Schlagintweit kurz darauf verkleidet zurück, um doch noch zu seinen Beo-bachtungen zu gelangen. 1856 bekommt er, wie jedenfalls die Bergsteigerzunft behauptet, als erster westlicher Mensch den wuchtigen „Achttausender“ Nanga Parbat zu Gesicht. Den Kamet erklimmt er gemeinsam mit Robert bis zu 6.766 Meter, damals ein Höhenrekord. Im Sommer 1857 begeht er seinen letzten Fehler, nämlich ins nördlich gelegene „Turkestan“ hinabzusteigen.

Traut man W. F. A. Zimmermann mehr als den erwähnten Nachschlagewerken, war sich Schlagintweit der Gefahr, in antichinesische Aufstände oder interne (muslimische) „Bandenkriege“ zu geraten, durchaus bewußt, denn er hatte entsprechende Erkundigungen eingezogen.* Hinter dem Pseudonym Zimmermann verbarg sich der seinerzeit vielgelesene Autor von „populären Sachbüchern“ Carl Gottfried Wilhelm Vollmer. Sein 1861 veröffentlichtes Werk Malerische Länder- und Völkerkunde, auf das ich mich hier stütze, diente u.a. Karl May als Quelle. Angesichts der bedrohlichen Verhältnisse hatte Schlag-intweit vorm Aufbruch ins Kriegsgebiet sogar seinem „Haushofmeister“ Ghost Mohamed seine sämtlichen Aufzeichnungen und Naturalien, darunter vermutlich einige profitversprechende Gesteinsproben, sowie Geld mit dem Auftrag übergeben, das Material nach Lahore in Sicherheit zu bringen. Zimmermann vermutet, Schlag-intweit habe die Gefahr in Kauf genommen, weil er sich allein in solchen Wirren einen Zugang zu dem schwer bewachten chinesischen Reich versprach, wo Eindringlinge in der Regel unerwünscht waren und ohne viel Federlesens einen Kopf kürzer gemacht wurden. Nun, das konnte er auch hier haben. Ende August 1857 mit seiner „Caravane“ in Kaxgar eingetroffen, werden die Reisenden unverzüglich verhaftet und ausgeplündert, Schlagintweit wird zudem enthauptet. Als Zeugnis führt Zimmermann Berichte der Caravanen-Mitglieder Mahomed Amin und Abdulla aus Kaschmir an, die mit den anderen nach 35tägiger Gefangenschaft ausgerechnet durch wiedererobernde Chinesen befreit werden. Er nimmt aufgrund dieser Aussagen an, die „Turkomanen“ hielten Schlagintweit für einen Spion, wenn auch nicht unbedingt einen chinesischen.

Vielleicht hätte bereits die offensichtliche Tatsache ausgereicht, daß sie in Schlagintweit einen Europäer vor sich hatten. Sollte sich Schlagintweit bei seiner kurzen Befragung als Abgesandter der Ostindienkompanie vorgestellt haben, wie später der „etwas zweifelhafte“ Zeuge Amin behauptete, hätte er nichts Dümmeres tun können, fährt Zimmermann fort. Habe doch diese ehrenwerte Gesellschaft, „um einige Tausend unnützer Subjekte, elender Abenteurer zu bereichern“, bereits „die gräßlichsten Flüche vieler hundert Millionen gepeinigter Inder auf sich geladen“. Er spricht von der Ostindien-kompanie. Just im Todesjahr Schlagintweits, 1857, schlugen die Briten den vorläufig letzten großen Aufstand nieder: in Nordindien, wo sich einheimische Fürsten mit Teilen der Kolonialtruppen verbündet hatten. In der Folge wurde die Ostindienkompanie aufgelöst – um das gesamte Reich, das deutlich größer als das heutige Indien war, unmittelbar der britischen Krone zu unterstellen. Diese Herrschaft währte noch einmal 90 Jahre lang.

Neben dieser finde ich in sämtlichen Quellen auch jene Herrschaft wieder einmal ausgeklammert, die der bayerische Rath und sehr angesehene Chefarzt der Augenheilkunde Joseph Schlagintweit auf seine im ganzen fünf Söhne ausgeübt haben dürfte. Selbst Bruder Emil Schlagintweit** kommt nicht über die gehauchte Andeu-tung hinaus, Adolf habe den enormen, vom Alten qua Hauslehrer verordneten Lernzwang in der gemeinsamen Kinderstube nur unter großen Mühen hingenommen. Vielleicht hätte er lieber am nächsten Bach Molche gefangen. Adolfs Charakter? Adolfs Sehnsüchte oder Rachegelüste? Adolfs Streiche, Geselligkeiten oder gar Liebschaften, so denn vorhanden? Pustekuchen, wir hören bis zuletzt keinen Furz davon. Alles ist zum Himalaya entflogen und an ihm zerschellt.

* W. F. A. Zimmermann, S. 286–88
** Artikel über Emils Sippe in Allgemeine Deutsche Biographie, Band 31, 1890



50 - Emil Nobel

Jeder kennt ihn: Alfred Nobel, Stifter eines Friedens-preises, der seit einiger Zeit, beginnend mit Henry Kissinger, vorzüglich an Kriegstreiber vergeben wird. Das ist nur folgerichtig. Zu den kaum zu zählenden Todesop-fern, die der Preisstifter auf seinem Gewissen hat, gehört auch sein jüngster Bruder Emil. Der damals gleichfalls noch junge Alfred, Sohn eines Rüstungsfabrikanten, hatte sich um 1862 für das eben erst entdeckte Nitroglyzerin erwärmt und experimentierte damit im Verein mit wechselnden Mitarbeitern in einem Schuppen, der auf dem väterlichen Anwesen im Süden Stockholms lag. Am 3. September 1864 lagerten 123 Kilogramm Nitroglyzerin im Schuppen. Als der Schuppen um 10 Uhr 30 in die Luft flog, wanderten fünf Personen mit: eben der 20- oder 21jährige Emil, dazu der Ingenieur Hertzman, die Dienstmagd Maria, der Laufbursche Herman und der Tischler Johan Peter Nyman. Einem zeitgenössischen Reporter zufolge waren lediglich „formlose Massen von Fleisch und Knochen“ von ihnen übrig geblieben. Alfred war während dieser Explosion zufällig außer Haus gewesen. Dies alles konnte ihn, wie man weiß, keineswegs entmutigen. Er erfand das Dynamit, wurde steinreich (vor allem am Panamakanal) und 63 Jahre alt, wobei er sich noch heute im Abglanz der vielen NobelpreisträgerInnen sonnen kann, die sich ganz überwiegend nie an der Herkunft des Zasters stießen.


51 - Michelina De Cesare

Der italienische Sprachgebrauch unterscheidet die Briganti deutlich von den Banditi. Zumeist aus verelen-deten Bauern und Tagelöhnern gebildet, machten die Briganten-Banden im 19. Jahrhundert vor allem Süditalien unsicher – das heißt, wer hauptsächlich vor ihnen zu zittern hatte, das waren eben die Nichtverelendeten: Gutsbesitzer oder Würdenträger etwa, oder betuchte Reisende, die man aus ihren Kutschen werfen und ausplündern konnte. An diesen Klassengegensätzen hatte das siegreiche patriotische „Risorgimento“ (gegen Österreicher, Franzosen und den römischen Kirchenstaat) keinen Deut gerüttelt. Unter dem eisernen Regime des neuen italienischen Königs Viktor Emanuel II. kommt es geradezu zu einem „Krieg der Armen“, den sie gegen eine Übermacht von Militär und Gendarmerie zu führen haben. Hier mischten die Banden der Briganten kräftig mit.

Die Brigantessa Michelina De Cesare, geboren 1841 in Caspori, war eine aus ärmlichen Verhältnissen stammende Räuberin und Aufständische und die Geliebte des Bandenchefs Francesco Guerra, eines ehemaligen Soldaten. Sie befehligte eine Untergruppe der Bande Guerras und zeichnete sich unter anderem durch die Einnahme des besetzten Dorfes Galluccio aus, die ihrer verkleideten Gruppe durch Vortäuschung eines Gefangenentransportes gelungen war. Obwohl sie demnach mit Waffen umzugehen verstand, fiel sie im August 1868 bei Mignano Monte Lungo „piemontesischen Jägern“ in die Hände, wie der Augsburger Postzeitung vom 10. September des Jahres zu entnehmen war. Die Truppen hatten das Lager der Bande nachts überfallen. Späteren Quellen zufolge waren Verrat und Folter einschließlich Vergewaltigung im Spiel. Die bereits zu Lebzeiten vielbesungene 26jährige „leonessa del sud“ (Löwin des Südens), die sich schon damals gern in schmuckem Aufzug und mit Flinte hatte fotografieren lassen, soll freilich nichts preisgegeben haben. Beim Überfall erschossen die Häscher drei Briganten, darunter ihren Geliebten Guerra, später auch die Gefangene selber. Um der Abschreckung willen, so heißt es, stellten sie anschließend den unbekleideten Leichnam De Cesares öffentlich aus. Auch Fotos davon kursieren im Internet, auf daß die Schändung länger vorhalte. Die Aufreibung der Bande fand auch den Beifall Roms, das sich der König erst 1870 einverleiben konnte.

Ein Vorgänger Michelina De Cesares war der Brigant Fra Diavolo, der 1806 im Alter von 35 Jahren in Neapel von den Franzosen aufgeknüpft wurde. Ihm war ein erheblich größeres künstlerisches Echo beschieden als jener. In dem Film La Leggenda di Fra Diavolo von 1962 spielt Mario Adorf (in der Rolle des Nardone) mit.


52 - Alexandrine Tinné

Wie Friedrich Ratzel 1894 versichert*, habe es für Gustav Nachtigal, den berühmten Arzt und Afrikaforscher, keinen Zweifel daran gegeben, warum die 33jährige Alexandrine Tinné, Tochter eines steinreichen niederländischen Kaufmanns, 1869 im Gebiet der Tuareg, der Sahara also, einer „Blutthat“ zum Opfer fiel: aus „Habsucht“. Das war lange Zeit die unter Historikern herrschende Meinung. Nachtigal war Tinné im Todesjahr in der libyschen Stadt Murzuk begegnet.

Gewiß reiste die zart gebaute und vielseitig gebildete junge Frau auf ihren Expeditionen stets mit einigem Luxus und Gefolge. Aber die Hälfte der Rücken ihrer Maulesel wurde von den unverzichtbaren Geschenken für die Eingebo-renen eingenommen, und was ihre Barschaft anging, warf sie die Hälfte davon wiederholt kaum minder reichen Arabern zu dem Zwecke in den Schoß, damit Sklaven zu erlösen. Sie war sicherlich am geringsten von Eroberungs-, vielmehr von ihrer mit einer „Orientmeise“ gepaarten Abenteuerlust angetrieben. Sie sprach fließend arabisch, konnte zeichnen, fotografieren, Karten lesen, Positionen bestimmen – dafür kam sie nie auf die Idee zu heiraten. Die FAZ verrät uns allerdings, unter ihren Motiven habe sich auch „Liebesfrustration“ befunden.**

Schon 1861, mit rund 25, läßt sich Tinné in Kairo, 1867 dann in Algier nieder. Ihre erste Expedition gilt den sagenumwobenen Nilquellen, die unter anderem, fast gleichzeitig, schon Albrecht Roscher gelockt hatten – sie verpaßte sie, wegen Malaria-Anfällen, kaum anders wie er. Eine weitere Expedition, an der sich der Ornithologe Theodor von Heuglin und der Botaniker und Arzt Hermann Steudner beteiligten, beide aus Deutschland, führte sie zum Gazellenfluß in Süd-Sudan. Hier betrat sie viele Gebiete als erste weiße Frau überhaupt. Dennoch kehrte sie auch dieses Mal vorzeitig (nach Khartum) zurück, weil das Fieber neben Steudner ausgerechnet Tinnés Mutter Harriet getötet hatte, Tochter eines bekannten holländischen Vizeadmirals. Nun kreuzte Tinné eine Zeitlang mit ihrer Yacht auf dem Mittelmeer, um sich von den Brisen ihre Schuldgefühle austreiben zu lassen. Dann nahm sie von Tripolis aus die erwähnte Durchque-rung der Sahara in Angriff – sie wäre die erste Europäerin gewesen, der solches gelang. Sie konnte sich dabei auf Hilfe und Geleitschutz der Tuareg stützen. Doch nach offizieller Leseart brach unweit von Murzuk unter ihren Treibern ein Streit aus, womöglich um die angeblich lockende Beute – und bei dem Versuch, ihn zu schlichten, sei neben zwei niederländischen Seeleuten auch die Expeditionschefin Tinné getötet worden.

Wie jüngere Veröffentlichungen von Peter Kremer (1988) und Antje Köhlerschmidt (1994)*** zeigen, sind gegen-teilige Ermittlungen des Afrikaforschers Erwin von Bary und des Sprachwissenschaftlers Gottlob Adolf Krause über Jahrzehnte ignoriert worden – vermutlich, weil die Version von den kriegslüsternen und habgierigen Nomaden gut ins herrschende europäische Afrikabild paßte. In Wahrheit war die Expedition Tinnés das Opfer einer politischen Intrige geworden. Mit dem blutigen Zwischenfall suchten jüngere Stammesführer den greisen Anführer der nördlichen Tuareg, Ikhenukhen, anzu-schwärzen, unter dessen Schutz Tinné gestanden hatte. Der Schwächling, ohnehin eine Marionette der Europäer, sei ja noch nicht einmal imstande, seine Schutzbefohlenen sicher durch das Ajjer-Land zu geleiten. Somit war der angebliche Streit oder Raubüberfall getürkt worden. Man hätte freilich schon damals hellhörig werden können, falls man den Ehrenkodex der Tuareg kannte: danach war der Tötung einer unter dem Schutz der Stammesgemeinschaft reisenden Frau unverzeihlich, ja sogar fast undenkbar. Daran mußte auch die Intrige scheitern.

Zu den zahlreichen Ehrgeizlingen, die der Quelle des Nils oder auch mehreren Nilquellen auf den Fersen waren und die oft mehr Fehden untereinander als mit Einheimischen austrugen, zählte der Brite John Hanning Speke, ein (zunächst in Indien, dann im Krimkrieg bewährter) Militarist und erklärter Rassist, der alle „Negroiden“ für kulturunfähig hielt. Sein Intimfeind war allerdings sein Landsmann und Kollege Sir Richard Francis Burton, mit dem er noch im Februar 1858 einträchtig am Ufer des Tanganjikasees gestanden hatte. Während Burton diesen See als mutmaßliche Nilquelle bevorzugte, schwor Speke, gesprochen Spiek, wenig später auf den von ihm allein entdeckten Victoriasee. Der Streit eskalierte, und 1864 sah sich die British Society for the Advancement of Science sogar gezwungen, in dieser Sache für den 16. September in Bath (bei Bristol) eine Anhörung der Streithähne anzusetzen. Doch es kam nicht dazu, weil sich einen Tag vorher beim unweit von Bath gelegenen Städtchen Corsham aus Spekes Jagdgewehr ein Schuß löste, der ihn selber, den Jäger der Nilquellen Speke, knapp unterhalb der Achselhöhle und dann tödlich in der Herzgegend traf. Speke hatte im Verein mit zwei Freunden gejagt; Burton war nicht zugegen, heißt es. Eine offizielle Untersuchung erkannte als Todesursache auf Unfall, schloß also auch aus, der 37jährige gefeierte Abenteurer könne sich vor schierer Prüfungsangst eigenhändig umgebracht haben.

Mag diese Kapriole des Zufalls auch etwas undurchsichtig bleiben, an Spekes Ruhm war spätestens nach zwei Jahren nicht mehr zu rütteln. 1866 errichtete man ihm zu Ehren im Londoner Park Kensington Gardens einen riesigen, angemessen phallischen Obelisken aus rosa Granit, an dem noch heute Tag für Tag Hunderte von Erholung-suchende vorüberlatschen. Spekes Widersacher wurde knapp 70 und von der Königin noch zum Ritter geschla-gen, ehe er seinen sehr ähnlich gearteten Entdecker- und Knechtergeist aufgab. Übrigens hatte Burton in der Streitsache zwar daneben, Speke jedoch zu kurz gegriffen. Der Weiße Nil (um den es hier ging) wird zunächst vom Zufluß des Victoriasees Kagera gespeist, der wiederum zwei Quellflüsse aufweist, die in einem Hügelland der heutigen Staaten Burundi und Ruanda entspringen. Dieser Sachverhalt wurde erst gegen 1900 eindeutig ausgemacht.

* in seinem Artikel über T. in: Allgemeine Deutsche Biographie, Band 38
** 17. April 2003
*** laut Artikel über T. in Wikipedia



53 - James Fisk

Es hätte eine große kapitalistische Karriere werden können. Nach kurzem Schulbesuch und einem Gastspiel als Zirkusarbeiter wurde der 1834 geborene Sohn eines vermonter Hausierers zwar nicht Tellerwäscher, aber immerhin Hotelkellner. Die wahre Entfaltung seiner Begabung und seines Fleißes bot sich ihm allerdings erst in einem Bostoner Textilgeschäft, das ihn als Verkäufer einstellte. Im Nu war er Mitinhaber dieser Firma. Da er die Bürgerkriegswirren in den USA außerdem zu überteuerten Restposten-Verkäufen an die Armeen beider Seiten und dem Schmuggel von Baumwolle zu nutzen verstand, kam er schon um 30 zu ansehnlichem Reichtum.

Doch jetzt stach Fisk, der zugleich grobschlächtig und schmerbäuchig gestrickt war, der Hafer erst recht. 1864 wurde er Börsenmakler in New York City und Partner von Daniel Drew, der seine Ärmel gegen den berüchtigten Eisenbahnmagnaten Cornelius Vanderbilt aufgekrempelt hatte. Durch Drew kam er gemeinsam mit Jay Gould, einem anderen windigen Geschäftsmann, in den Vorstand der Erie Railroad. Nun, da Vanderbilt abgeschmettert war, ging Fisk zum Nachtisch über: er trickste und bootete gemeinsam mit Gould Drew aus. Damit kontrollierten sie das Bahnunternehmen und machten sich daran, es systematisch auszuplündern. Das ging mit kühnen Schachzügen an der Börse und der Bestechung hoher Richter und Politiker einher, darunter William „Boß“ Tweed. Hätte sich nicht US-Präsident Grant im letzten Augenblick als wachsame Dogge erwiesen und ihnen einen Fallstrick gelegt, der als „Schwarzer Freitag“ (24. Septem-ber) des Jahres 1869 in die Annalen einging, hätten sie sogar, mit der Hilfe von Grants Schwager Abel Corbin, den ganzen Goldmarkt aufgekauft. Sie kamen mit einem blauen Auge davon; Corbin ging pleite. Allerdings wurde Gould im März 1872 aufgrund der ganzen Freibeuterei bei der Erie Railroad gefeuert. Das wäre ohne Zweifel auch Fisk passiert, wäre nicht ein Streit mit dem jungen gutaussehenden Geschäftsfreund Edward S. Stokes dazwischen gekommen.

Fisk liebte Pomp und Ausschweifungen. Zwar hatte er in jungen Jahren Lucy Moore geheiratet, ein Waisenkind, das möglicherweise lesbisch gestimmt war. Doch sie lebte längst mit einer Freundin in Boston und duldete alle Eskapaden ihres Räuberbarons. Der hatte sich in NYC, wo er auch als Geldgeber für Broadway-Produktionen auftrat, inzwischen ein anrüchiges „Showgirl“ als Geliebte zugelegt, Josie Mansfield, was in der „guten Gesellschaft“ auf viel Mißbilligung stieß. Aber dann gab sie sowieso jenem Stokes den Vorzug. Stokes verließ Frau und Kinder, Mans-field ließ Fisk sitzen. Allerdings nahm sie Briefe von Fisk mit, in denen auch von einigen seiner kaufmännischen und politischen Gaunerstücken die Rede war. Doch Fisk hielt allen Erpressungsversuchen stand und zeigte sich auch in einem Rechtsstreit mit Stokes über eine gemeinsam betriebene Ölraffinierie unnachgiebig. Drohende Pleite im Verein mit seinem Haß auf den Ex-Aushälter Josies genügten dann offenbar, um Stokes am 6. Januar 1872 ins New Yorker Grand Central Hotel zu bewegen. Dort ersparte er dem 37jährigen Fisk den Rauswurf aus dem Eisenbahnvorstand, indem er ihn erschoß. Stokes kam ins Gefängnis, Fisk auf den Hill Cemetery in Brattleboro, Vermont.


54 - Kintpuash alias Captain Jack

Wahrscheinlich ist sein Fall bezeichnend für das Trauer-spiel der Hintergehung und Aufreibung der von der „Zivilisation“ bedrängten IndianerInnen Nordamerikas. Er war ein Häuptling der Modoc, geboren um 1837. Dieser Stamm lebte in Süd-Oregon, also an der US-Nordwest-küste, im Kaskadengebirge. Den Kosenamen „Captain Jack“ hatten ihm die weißen SiedlerInnen verpaßt, weil er eine Zeitlang eine abgelegte oder erbeutete blaue US-Uniformjacke zu tragen pflegte. Vielleicht war der Name auch der Einfalt geschuldet, mit der Kintpuash über Jahre hinweg auf den friedlichen Weg schwor, auf Verhand-lungen und Verträge also, und ein wohlwollendes Miteinander. Aber, wir hörten es schon aus Australien, der Strom der SiedlerInnen riß nicht ab und ihre Ansprüche wurden immer unverschämter. Um 1865 hatten sie erreicht, daß sich die noch vorhandenen Modoc, vielleicht ein paar Hundert, ins bereits bestehende Reservat der Klamath abschieben ließen, einem verwandten Indianerstamm derselben Gegend. Die Klamath jedoch pochten auf ihr Erstgeburtsrecht, verboten den Modoc Feuer zu entfachen und zu jagen und schikanierten sie so lange, bis sich zwei Modoc-Sippen unter Kintpuash und Hooker Jim im Frühjahr 1870 entschlossen, an den Lost River zurückzukehren, in ihre alte Heimat. Sie schlugen ihre Zelte oberhalb des Tula-Sees auf.

Die SiedlerInnen protestierten, und nach wiederholtem Drängen an höherer Stelle kamen 1872 gut bewaffnete Soldaten. Kintpuash wollte sich ihrem General Jackson eigentlich ergeben, doch andere wehrten sich, es gab Tote, die IndianerInnen flüchteten. Nun strebten sie den heiligen Ort der Modoc, die Lava Beds südlich des Tula-Sees an. Es ist ein zerklüftetes, karges Gebiet mit zahlreichen Kratern und Höhlen. Die beiden Häuptlinge verschanzten sich mit ihren rund 50 Kriegern und rund 100 Frauen und Kindern auf einem Schlackenkegel unweit des Seeufers. Etliche geheime Gänge boten Nachschub- und Fluchtmöglichkeiten, sodaß sie zunächst der Belagerung durch die sie verfolgenden Truppen unter General Edward Canby widerstanden. Er soll strecken-weise weit über 1.000 Mann, zudem Mörserbatterien aufgeboten haben. Aber dem Militär kam erneut die Zwietracht im feindlichen Lager zugute. Dieses Mal wünschten Hooker und andere Wortführer vorgetäuschte Verhandlungen mit den Yankees, um deren Chefs zu töten. Kintpuash ließ sich schließlich „überzeugen“ – nach Drohungen und dem Vorwurf, er sei ein feiges Weib. Bei dem Treffen kam es, nach Plan, zu einem Handgemenge, bei dem der General (eigenhändig durch Kintpuash) und ein dolmetschender Priester getötet wurden. Vor diesem Zwischenfall hatten Hookers Leute auch schon mindestens ein Dutzend SiedlerInnen umgebracht – angeblich aus Rache für einen Überfall der Yankees auf ihr Lager, der etlichen Stammesangehörigen das Leben gekostet hatte. Wie sich versteht, wurden die Modoc jetzt erst recht gejagt. Sie mußten ihre „Bergfestung“ unter großen Verlusten preisgeben und tiefer in die Lava Beds fliehen. Dabei kam es zu weiteren Streits über die Taktik. Die beiden Häuptlinge überwarfen sich – und Hooker lief zum Feind über, der ihn und seine Leute nun als Scouts einsetzte. Im Juni 1873 mußte Kintpuashs auf rund 50 Personen geschrumpfte Schar kapitulieren.

Bald darauf stand Kintpuash mit fünf anderen Kriegern in Fort Klamath vor einem sogenannten Militärgericht. Man warf ihnen unter anderem jene vom designierten Verräter Hooker angestoßenen Morde am General und dem Priester vor. Ein Verteidiger stand ihnen nicht zur Verfügung. Am Urteil konnte ohnehin kein Zweifel bestehen, denn der Galgen wurde bereits vorm Gerichtsgebäude aufgeschla-gen, während der Prozeß noch im Gange war. Da es in Washington zu gewissen Protesten kam, sprach US-Präsident Grant in zwei Fällen Begnadigungen aus. Der inzwischen ungefähr 36jährige „Captain Jack“ befand sich unter den verbliebenen vier Verurteilten. Sie wurden am 3. Oktober 1873 aufgeknüpft.

Hooker Jim und seinen Anhängern hatte man wegen der Schützenhilfe Straffreiheit gewährt. Laut Donald B. Ricky* war Kintpuash in seinem Schlußwort vor Gericht kurzangebunden auf sie eingegangen: „Hooker Jim ist derjenige, der in einem fort kämpfen und töten wollte. Nicht ihr weißen Männer habt mich besiegt; es waren meine eigenen Brüder.“ Man steckte Hooker und rund 150 Modoc, die noch übrig geblieben waren, in ein Reservat in Oklahoma – das lag rund 2.000 Kilometer östlich. 1909 durften die letzten 51 Modoc wieder in ein Reservat nach Oregon umsiedeln.

* Indians of Oregon, USA 1999


55 - Joseph-Samuel Farinet

Im April 1880 im schweizer Kanton Wallis auf der Flucht, wurde der 35jährige gelernte Schmied und anerkannte Liebling der einheimischen Frauen in einer Schlucht des Flüßchens Salentze nahe Saillon von Gendarmen eingekesselt. Auf welche Weise er dabei zu Tode kam, ist umstritten. Während die Polizei von einem Unfall sprach, weil Farinet abgerutscht und in die Tiefe gestürzt sei, neigte die Bevölkerung zu der Ansicht, die Hüter des Gesetzes hätten den Gauner mit dem roten hängenden Schnauzbart wie eine Gemse abgeschossen. Eine Obduktion verläuft nach Darstellung der Behörden ergebnislos, weil Farinets zertrümmerter Schädel kaum noch kenntlich gewesen sei. Der junge Augenzeuge Camille Desfayes, später Obergerichtspräsident des Kantons, sah dies laut Willi Wottreng* anders: „Ich hob seine Haare auf, und ich sah auf der Stirne ein Loch, in welches ich meinen Bleistift eintauchte. Er kam hinten am Schädel wieder heraus.“

Und was hatte der Gejagte auf dem Kerbholz gehabt? Schmuggel und Falschmünzerei. Er hatte mit seinen Gehilfen vor allem 20-Rappen-Münzen hergestellt, die bei der Bevölkerung rasch beliebter als das Papiergeld der Kantonalbank waren. Der angesehene schweizer Autor Charles-Ferdinand Ramuz gab den Verbrecher 1932 in seinem Roman Farinet oder das falsche Geld als Freiheitshelden aus. Für Wottreng fanden die beiden zueinander, weil auch Ramuz das Fälschen liebte, beispielsweise Farinet auf eine Goldader stoßen ließ. Aber große Sympathien genießt der Ganove schon – nicht zuletzt in dem Bergstädtchen Saillon, das mit einem Falschgeldmuseum glänzen kann.

Das Geld ist sicherlich ein vertracktes Phänomen. Die Frage, warum es betrügerische Faulpelze wie die Fliegen anzieht, ist allerdings keineswegs vertrackt. Man versuche einmal, eine Salatgurke, eine Kaffeemühle oder ein Chorwerk des schweizer Komponisten Frank Martin zu fälschen – ein mühsames und oft verfehltes Geschäft! Am leichtesten läßt sich selbstverständlich Buchgeld fälschen, deshalb werden die Schlaumeier meistens Bankiers. Zumal in der Schweiz.

* Farinet, Zürich 2008


56 - Richard Parker

1884 auf der Höhe von Afrika im Atlantischen Ozean treibend, sahen sich biedere britische Seeleute zu einem Mord gezwungen, weil sie Hunger hatten. Während ihre leck geschlagene Segeljacht Mignonette gesunken war, hatten sich die vier Männer der Besatzung ins Beiboot gerettet. Einige Wochen darauf waren Kapitän Tom Dudley sowie Edwin Stephens, Edmund Brooks und der 17jährige Schiffsjunge Richard Parker aufgrund ihrer Entkräftung dem Tod nahe. Der Vorschlag eines Losentscheides über ein Opfer fand keinen Konsens. Daraufhin erstachen Dudley und Stephens (am 24. Juli) ihren jüngsten Kameraden Parker, der durch Genuß von Meerwasser ohnehin der Geschwächteste an Bord war und weder Ehefrau noch Kindern fehlen würde, und hieben ihre Zähne in sein Fleisch. Auch das Blut ihres Opfers war ihnen willkommen. Wenige Tage später wurden die drei Überlebenden von einem Schiff gesichtet und aufgenom-men. Zurück in England, kamen sie mit glimpflichen Haftstrafen davon, obwohl das Gericht ausdrücklich feststellte, keine Notlage rechtfertige einen Mord. Das müßte man einmal unseren Politikern sagen, die aus moralinsauren marktwirtschaftlichen Gründen unablässig Kriege vom Zaun brechen oder – oft zu demselben Zwecke – ihre „Sicherheitskräfte“ mit mehreren Hundert Zivilisten besetzte Linienflugzeuge abschießen lassen.


57 - George Engel und Genossen

Um den 1. Mai 1886, damals noch kein offizieller „Kampftag der Arbeiterklasse“, fanden in etlichen Städten der USA Streiks und Unruhen statt. Im Mittelpunkt stand die Forderung nach einem Acht-Stunden-Tag. Besonders blutig verliefen die Unruhen in Chicago, wo es auf beiden Seiten, ArbeiterInnen oder BürgerInnen und Polizei, im ganzen etliche Dutzend Tote gegeben haben dürfte, dazu Unmengen an Verletzten. Ein Teil dieser Opfer ging auf das Konto einer Bombe, die am 4. Mai auf dem Haymarket-Square explodierte. Obwohl der Werfer der Bombe von nicht einem Zeugen gesehen geschweige denn erkannt worden war, wurden acht „Rädelsführer“ der Unruhen, die man schon seit langem hatte loswerden wollen, verhaftet und sieben von ihnen zum Tode verurteilt. Es waren überwiegend Anarchisten. Vier der Verurteilten wurden im November 1887 gehängt, während ein Fünfter (Lingg) vorher Selbstmord begangen haben soll. Außer George Engel (51) – gelernter Schuhmacher, später Spielzeugladeninhaber; Mitgründer der Sozialistischen Arbeiterpartei Nordamerikas; Vater von zwei Kindern – waren alle Todesopfer unter 40: Albert Parsons (39), Schriftsetzer und Herausgeber des anarchistischen Wochenblatts Alarm; August Spies (31), Chefredakteur der sozialistischen Arbeiter-Zeitung; Adolphe Fischer (29), Schriftsetzer unter anderem der Arbeiter-Zeitung, und Louis Lingg (23), Tischler und Redakteur der Zeitschrift Der Anarchist.

Als die Gehängten schon fünfeinhalb Jahre unter der Erde lagen, zeigte der amtierende Gouverneur von Illinois John Peter Altgeld seltenen Mut: er begnadigte die restlichen Verurteilten im Juni 1893 – weil sämtliche acht Angeklagten des Haymarket-Verfahrens unschuldig gewesen seien. Damit hatte er immerhin seiner eigenen politischen Karriere das Grab geschaufelt. Heute zählt die Haymarket-Affäre nahezu unbestritten zu den schwerwiegendsten und folgenreichsten US-Justizmorden. Nicht nur in den Staaten war sie ein willkommener Anlaß, die Repression zu verschärfen. Zugleich schuf sie selbstverständlich Tausende von neuen „Anarchisten“ – sowohl pazifistisch wie gewalttätig gestimmte. Zu ihnen zählten die späteren Theoretikerinnen Voltairine de Cleyre und Emma Goldman, die im Jahr der vier Hinrichtungen und des einen angeblichen Selbstmordes um 20 waren. De Cleyre wurde nur 45, weil sie selber noch Bekanntschaft mit einem Mordversuch machte, der zu ihrem Tod (in Chicago 1912) zumindest beitrug. Die Haymarket-Affäre hatte den USA überdies, Christian Dezer zufolge*, das erste tödliche Bombenattentat ihrer Geschichte beschert. LeserInnen von Tim Weiners umfangreichen CIA-Studie** werden getrost ergänzen können, es sei auch das erste „getürkte“ tödliche Bombenattentat in der Geschichte der USA gewesen.

* Zeit-Online 1. Mai 2010
** New York 2007, deutscher Titel CIA. Die ganze Geschichte



58 - Mary Jane Kelly

Europa wurde 1888 von „Jack dem Aufschlitzer“ in Atem gehalten – von dem nie identifizierten und gefaßten Jack the Ripper also, der in London mutmaßlich mindestens fünf Prostituierte ermordete und verstümmelte. Auch die Identitäten seiner Opfer sind zumindest teilweise ungeklärt oder umstritten. Wahrscheinlich waren die betreffenden Frauen vorwiegend über 40. Für Rippers fünftes (und möglicherweise letztes) Opfer halten viele BeobachterInnen die 25jährige Mary Jane Kelly. Die Irin oder Waliserin hatte sich gerade von ihrem jüngsten Geliebten Joseph Barnett getrennt, einem Fischträger aus dem Londoner Hafen. Als sie selber an ihrem Todestag gegen Mitternacht auf Fischzug ging, nämlich nach Freiern, habe sie das Lied A Violet from Mother's Grave (Ein Veilchen vom Grab der Mutter) geträllert, versicherte ihre Kollegin Mary Ann Cox später aller Welt – vor allem den professionellen Klatschtanten und Märchenonkeln, nehme ich einmal an. Scotland Yard fand Kellys übel zugerichteten Leichnam in ihrem Bett. Verschiedene innere Organe Kellys lagen im Zimmer verstreut. Ihr Herz fehlte.

Etliche BeobachterInnen glauben, der berühmte Serien-mörder aus dem verrufenen Stadtviertel Whitechapel müsse einige chirurgische, zumindest aber anatomische Kenntnisse besessen haben – eine Annahme, die von einem Teil der unzähligen Theorien über Jack the Ripper, die bis heute ins Kraut schossen, berücksichtigt wird. Weiter gilt es, den untypischen jähen Abbruch der Mordserie nach dem Ende Kellys zu erklären. Ich führe hier nur die Theorie des US-Journalisten Leonard Matters an, weil sie eine reizvolle und aufschlußreiche Dramatik besitzt, die sicherlich schon so manchen Psychiater oder Bühnendichter beeindruckt hat. Im übrigen hielten die von Matters 1929 sogar in Buchform* vorgebrachten Argumente und „Beweise“ näheren Nachprüfungen nicht stand. Für ihn war der Mörder ein gewisser Dr. Stanley gewesen – ich zitiere im folgenden Colin Wilson** – „ein Witwer, der seinen einzigen Sohn abgöttisch liebte. Dieser Sohn war an Syphilis gestorben, die er sich bei Mary Kelly geholt hatte, und Dr. Stanley hatte sein Leben der Suche nach dieser Frau gewidmet. Er fragte alle seine späteren Opfer nach ihr aus und brachte sie dann um, um sie für alle Zeiten mundtot zu machen. Als er dann endlich Mary Kelly gefunden hatte, hörte er auf, das East End unsicher zu machen.“

Wie sich versteht, gab es auch einen „französischen Ripper“, und er wurde sogar gefaßt. Angeblich hatte Joseph Vacher, ein Bauernsohn, der mit 14 Geschwistern aufgewachsen war, mindestens 11 junge Frauen und Männer auf dem Gewissen. Sie waren ihm um 1895 bei Streifzügen über Land begegnet, die er als Tagelöhner, Bettler oder Dieb vornahm. Er soll sich an seinen Opfern – oder deren Leichen – vergangen, streckenweise auch ihr Blut getrunken haben. Sein Gemütszustand ist bis heute umstritten. Der zumindest zum Teil geständige 29jährige kam Ende 1898 in der ostfranzösischen Stadt Bourg-en-Bresse unter die Guillotine.

* The Mystery of Jack the Ripper
** „My Search for Jack the Ripper“, Artikelserie im Londoner Evening Standard, August 1960



59 - Mary Vetsera

In Österreich lebte zu jener Zeit ein Taugenichts namens Rudolf. Als er Anfang 1889 im Alter von 30 Jahren im Schloß Mayerling (bei Wien) seine Pistole mit dem eingelegten Perlmutt ertönen ließ, löste er verständlicher-weise ebenfalls Lawinen von Nachrichten und Kommen-taren, zudem der Sympathie des österreichischen Volkes aus. Immerhin war er der Thronfolger, während es sich bei seiner 17jährigen Geliebten oder Nervensäge Mary Vetsera nur um die Tochter eines Freiherrn handelte. Sie hatte sich auf der Galopprennbahn Freudenau „unsterblich“ in den flotten Kronprinzen verliebt, der freilich schon anderweitig engagiert war. Zudem galt er als labil. Lange Rede kurzer Sinn: nach einigen Stelldicheins mit Mary und Tonnen von ihn bedrängenden Briefen griff Rudolf am Abend des 28. Januar 1889 zur Pistole. Im Ergebnis waren beide Beteiligten tot. Während der Arzt behauptete, der Kronprinz habe, nach bewährtem Muster, erst seine Peinigerin, dann sich selber erschossen, bevorzugten der Wiener Hof und die Wiener Presse andere Versionen, voran den „freiwilligen“ Selbstmord Marys. Kaiserin Zita machte später – nachdem alle Spuren und Beweise sowieso schon vernichtet worden waren – „politische Meuchelmörder“ für den Doppeltod verantwortlich. Ob Mary überhaupt eine Pistole halten konnte, entzieht sich meiner Kenntnis. Solche Fälle werden in Zukunft durchsichtiger sein, nachdem die mitteleuropäischen Armeen damit begonnen haben, Soldatinnen zu züchten.


60 - Sitting Bull

Nach der berühmten, siegreichen Schlacht am Little Bighorn (1876) war er vor den Strafexpeditionen der Yankees mit zwei- bis dreitausend Gefolgsleuten nach Kanada ausgewichen, doch Elend und Heimweh bewogen ihn 1881 zur Rückkehr. Er stellte sich in Fort Randall dem US-Militär. Man verschonte ihn zunächst und steckte ihn mit seinen Leuten ins Standing-Rock-Reservat. Auch hier, in Süd- und Norddakota, waren „natürlich“ längst die Lebensbedingungen für nomadische Büffeljäger zerstört. Hunger und Krankheit griffen um sich, zumal die vertraglich zugesagten Lebensmittel ausblieben und die Behörden sogar versuchten, das Reservat zu verkleinern. Der Unmut der Eingepferchten drückte sich in der „Geistertanz“-Bewegung aus, die die hergebrachte Lebensweise der Sioux und deren Wiederkunft beschwor. Da Sitting Bull, Stammeshäuptling und Medizinmann der Hunkpapa-Lakota-Sioux, diese Bewegung unterstützte, beschlossen die Yankees, sich seiner endlich zu entledigen. Mitte Dezember 1890 rückte im Morgengrauen Indianerpolizei im Verein mit Truppen aus Fort Yates an und umstellte Sitting Bulls Blockhütte. Erwachte BewohnerInnen des Dorfes leisteten Widerstand und versuchten ihren zwar in der Tat „bulligen“, jedoch untersetzten und bereits knapp 60jährigen Häuptling vor der Festnahme zu schützen. Dabei wurde er, angeblich hinterrücks, von den Indianerpolizisten Bull Head und Red Tomahawk getötet. Im ganzen kostete der Überfall sechs oder sieben Stammesangehörigen und ähnlich vielen Yankees das Leben, aber das war nur ein Vorgeschmack auf das Blutbad, das die Letzteren zwei Wochen darauf in den nahen Badlands am Fluß Wounded Knee unter den Ureinwohnern des Landes anrichteten.

Der Sieg in jener Schlacht vom 25. Juni 1876, im heutigen Montana am Little Bighorn River ausgetragen, war unter Führung der Lakota-Häuptlinge Sitting Bull, Crazy Horse und Gall errungen worden. Crazy Horse, noch heute jedem dritten Kind geläufig, wurde sehr wahrscheinlich nur 38 oder 39 Jahre alt. Im September 1877 zwecks Verhandlungen mit General Crook in Fort Robinson, Nebraska, eingetroffen, wurde er „heimtückisch ermordet“, wie es in Wolfgang Lindigs/Mark Münzels Standardwerk heißt.* Auch die Gegenseite hatte eine Art Triumvirat zu bieten, sogar ein familiäres. Chef der am Bighorn aufziehenden US-Truppen war Hauptmann George Armstrong Custer (36) gewesen, oft auch als General bezeichnet. Er fiel dort genauso wie seine beiden Brüder Thomas (31) und Boston (27). Das heißt, Hauptmann Thomas Custer fiel auf ausgezeichnete Weise, indem ihn nämlich Rain in the Face erschlug, der aufgrund einer früheren Festnahme durch den Hauptmann noch ein Hühnchen mit ihm zu rupfen hatte.

* Die Indianer von 1976, Band 1 Nordamerika, dritte deutsche Auflage München 1985, S. 173


61 - Emma Kasten und Dora Klages

Es war ein Aufsehen erregender Kriminalfall, doch wie es nach meinen Quellen aussieht, ist von den Opfern, wieder einmal, so gut wie nichts überliefert. Die 17jährige Hotelierstochter Dora Klages aus Hameln soll „bild-hübsch“ gewesen sein. Ihre Persönlichkeit interessiert nicht. Die äußere Erscheinung der 30jährigen Haushäl-terin Emma Kasten aus Minden bleibt sogar unerwähnt. Vielleicht war sie etwas weniger hübsch und wurde deshalb, als Sexualobjekt, von Fritz Erbe verschmäht, der sie aus mir unbekannten Gründen vor ihrer Ermordung nicht vergewaltigt haben soll.

Beide Frauen waren im Laufe des Sommers 1890 vermißt worden. Die Leiche von Kasten wurde im folgenden Jahr bei Magdeburg im Neuhaldenslebener Wald, die von Klages in einem Wald unweit von Eschede (bei Celle) gefunden. Die jungen Damen hatten in norddeutschen Zeitungen ein chiffriertes Inserat gelesen, wonach eine Grafenfamilie eine Reisebegleiterin bei hohem Gehalt und guter Verpflegung zu sofortigem Antritt suche. Sie gerieten an die angeblich beauftragte „Stellenvermittlerin“ Dorothee Buntrock, Mitte 30, in Wahrheit eine gelernte Schneiderin, die inzwischen als Lehrerin der Wäschezu-schneidekunst an einer Mädchenschule in Osnabrück unterrichtete. Der erwähnte Fritz Erbe – ein gelernter Glaser, später freischaffender „Handelsagent“ – war ihr etwa gleichaltriger Komplize, mit dem sie in „wilder Ehe“ lebte. Auf die „Stellenanzeige“ hatten noch einige andere junge Frauen angebissen, die ihrem Tod teils nur durch Zufall, teils durch rechtzeitiges Mißtrauen entgingen. Während in der Presse meist von Raubmorden die Rede war, bleiben die Motive des Verbrecherduos doch unklar. In beiden Mordfällen war die Beute gering. Sie bestand im wesentlichen aus etwas Schmuck und den Kleidern der Opfer. Kasten hatte zudem 60 Mark dabei gehabt, Klages dagegen „nicht einen Pfennig“, so Buntrock vor Gericht. Und obwohl es diesen ernüchternden Umstand vorher erfragt hatte, konnte er das Gaunerpaar nicht von der schrecklichen Gewalttat abhalten. Beide Opfer waren im Walde – auf dem Anmarsch zu dem angeblichen Grafenschloß – hinterrücks überwältigt und geradezu „geschlachtet“ worden, wie sich einen Sommer darauf Landgerichtsdirektor Polte beim Prozeß in Magdeburg ausdrückte. Ich erlasse mir Einzelheiten. Nach der Zerstückelung hatten Buntrock/Erbe die Leichen(teile) verscharrt, zu welchem Zwecke sie einen „Kinderspaten“ mit sich geführt hatten. Der Polizei halfen später Hunde.

Der bekannte Gerichtsreporter und Buchautor Hugo Friedländer hatte, einmal mehr, trotz der im ganzen mageren Beute „niedere Habsucht“ am Werke gesehen, die „den Menschen zur Bestie“ macht.* Doch wie bereits eingangs angedeutet, gab es einen anderen, keineswegs unwesentlichen Unterschied zwischen beiden Morden: Die blutjunge Dora Klages wurde im Wald, während Buntrock sie würgte und durch Knebel und Mantel am Schreien hinderte und bevor Erbe ihr „mit einem Schlachtermesser den Kopf abschnitt“ (Celler Zeitung), von eben diesem vergewaltigt – während dessen „Gefährtin“ also daneben kniete! Makabererweise war Buntrock zu diesem Zeitpunkt schon hochschwanger. Sie gebar kurz darauf in Hannover ein Kind, das ihr vermutlich Erbe gemacht hatte.

Wenige BeobachterInnen weisen auf so etwas wie Buntrocks „Kleiderfetischismus“ hin. Im Prozeß hatte die „ziemlich elegante brünette Person“ (Celler Zeitung) unverblümt und entsprechend schockierend ausgesagt, es wäre doch schade gewesen, diese gutgearbeiteten und gefälligen Kleidungsstücke der Opfer, wie diese selber, im Walde verrotten zu lassen. Sie seien „so hübsch“ gewesen – die Kleider. Tatsächlich trug Buntrock sie später auch, wie die Ermittlungen ergaben. Gegen diese Frau muß Gefährte Erbe ein Schatten gewesen sein: ein blasser, dürrer, x-beiniger Tropf mit lächerlichem Hängeschnauzer, wie einer Fotografie zu entnehmen ist, die Joachim Gries seiner Darstellung beigegeben hat.** Gleichwohl betätigte sich dieser Schatten als Schlachter, und vor Gericht war er unverfroren darum bemüht, jede nennenswerte Tatbeteiligung von sich zu weisen und die Schuld auf seine Geliebte und einen angeblichen Nebenbuhler abzuwälzen. Der Prozeß mündete in zwei Todesurteile, die ein Jahr darauf mit dem Beil des preußischen Scharfrichters Friedrich Wilhelm Reindel am Gerichtsort vollzogen wurden.

* Interessante Kriminal-Prozesse von kulturhistorischer Bedeutung, 1911–21, Band 1, S. 163–70
** auf der Webseite von Eschede



62 - Frank G. Lenz

Als der junge Buchhalter, damals 25, am 15. Mai 1892 die Smithfield Street Bridge in Angriff nahm, die in Pittsburgh, Pennsylvania, über den Monongahela River führt, winkten ihm rund 800 Schaulustige nach. Lenz hatte zu Jahresanfang seinen Job gekündigt, um sich im Auftrag der Overman Bicycle Company und des Magazins Outing zu einer Weltumrundung mit einem nagelneuen Fahrrad Marke Victory safety aufzumachen. Dadurch konnten die Eingeborenen in Nordchina erstmals einen Radfahrer bestaunen, während Lenz umgekehrt Reiseberichte und Fotos für die Frühstückstische der Yankees lieferte. Im Hinblick auf sein Fahrzeug, das 28 Kilogramm gewogen haben soll, war der kleine, gedrungene und zähe Sendbote des Fortschritts sicherlich der geeignete Mann, doch in der Türkei wurde er, den meisten Quellen zufolge, durch Wegelagerer gestoppt. Sie töteten den 27jährigen wahrscheinlich im Mai 1894 bei Erzurum in Ostanatolien. Die betreffende zerklüftete Gegend soll für ihre Unwegsamkeit und Unsicherheit bekannt gewesen sein. Es hätte sicherlich alternative Strecken für Lenz gegeben.

Liegt die deutsche Wikipedia richtig, die die damalige New York Times in die Waagschale wirft, wurden die (kurdischen?) Raubmörder nur halbherzig verfolgt. Es gab diplomatische Verwicklungen. Um 1900 ließ sich die türkische Regierung schließlich dazu herbei, Lenz' Mutter eine Entschädigung von 7.500 Dollar zu zahlen. Seinen Vater hatte er übrigens schon in seiner Kindheit verloren.

Selbstverständlich liegt der Verdacht nahe, in Lenzens Unternehmung habe sich mit dem Geschäftsinteresse der Sponsoren und dem lobenswerten Willen zur Völker-verständigung eine gehörige Portion an Übermut oder Leichtsinn gepaart, zumal er sträflicherweise allein reiste, wohl im Gegensatz zu seinem bekannten Sportskameraden William Sachtleben, der später in der Türkei nach ihm forschte. Buchautor David V. Herlihy* scheint den Fall Lenz nach wie vor für undurchsichtig und ungeklärt zu halten, wie ich der Webseite Smithsonian.com entnehme.**

* The Lost Cyclist: The Epic Tale of an American Adventurer and His Mysterious Disappearance, Boston 2010
** Gespräch mit Megan Gambino, 26. August 2010



63 - José Rizal

Der philippinische Patriot wurde 1896 mit 35 Jahren von Staats wegen ermordet. Heute ist ihm in der Hauptstadt Malina ein eigener Park gewidmet. Der Tag seiner Hinrichtung (30. Dezember) ist Nationalfeiertag. Aber selbst im Kurort Wilhelmsfeld bei Heidelberg findet sich ein Denkmal, das an den weitgereisten Arzt, Freimaurer, Schriftsteller und Freiheitskämpfer erinnert. Aus wohlhabender Mestizenfamilie mit chinesischem Einschlag stammend, hatte Rizal, im Gegensatz zu den oben erwähnten Silangs oder den Gebrüdern Bonifacio, die ein Jahr nach ihm getötet wurden, den gewaltsamen Umsturz zeitlebens abgelehnt. Gleichwohl fiel er am Vorabend der philippinischen Revolution, wegen angeblicher „Anstiftung“ zu ihr, einem spanischen Hinrichtungskommando zum Opfer. In seinem letzten Brief an seinen Freund Professor Ferdinand Blumentritt, einen Philippinen-Kenner aus dem nordböhmischen Leitmeritz, versichert er: „Mein lieber Bruder, wenn du diesen Brief erhältst, werde ich tot sein. Morgen, um Sieben, werde ich erschossen; aber ich bin des Verbrechens der Rebellion unschuldig.“

Rizal hatte die brutalen Unsitten der spanischen Besatzer-Innen – und damit insbesondere des pharisäerhaften spanischen Klerus' – in mehreren Büchern angeprangert. Auch Von Paczensky zitiert daraus. Diese Werke erschienen im Ausland und wurden auf den Philippinen umgehend verboten. Da er das Ende der spanischen Herrschaft (1898) nicht mehr erlebte, blieb Rizal auch die Ernüchterung durch das Schicksal der Revolution erspart: man kam alsbald vom spanischen Regen in die nordame-rikanische Traufe. Statt die junge philippinische Republik anzuerkennen, bekämpften die USA sie im Philippinisch-Amerikanischen Krieg (1899–1902) mit allen ihr damals zur Verfügung stehenden militärischen Mitteln. Im Ergebnis bissen rund eine Million Filipinos (20 Prozent der Gesamtbevölkerung) ins Gras – ins Gras einer neuen Kolonie jenes freiheits- und demokratiedurstigen Staatenbundes, der sich gerade vom britischen „Mutter-land“ gelöst, also vom kolonialen Status befreit hatte. Es lebe die Doppelmoral.


64 - Aleko Konstantinow und Ilia G. Tschawtschawadse

Der aus der Donau-Stadt Swischtow stammende Wanderfreund, Rechtsanwalt und Schriftsteller Aleko Konstantinow, Jahrgang 1863, schuf mit seinem durch Westeuropa hausierenden Rosenölhändler Baj Ganju, der es aufgrund seines schlitzohrigen Opportunismus bis zum Politiker bringt, eine populäre Figur der bulgarischen Literatur. Der regsame Autor betrieb in Sofia, wo er lebte, sowohl eine Kanzlei wie ein Reiseunternehmen. Konstantinows Ende mit 34 war dem burlesken Zug seiner Geschichten einigermaßen ebenbürtig. Im Mai 1897 per Auto mit seinem Freund Michail Takew, einem Lokalpolitiker, im südlichen Bulgarien beim Dorf Radilowo Richtung Peshtera unterwegs, ereilte ihn die Kugel eines Heckenschützen. Habe ich die bulgarische Wikipedia richtig verstanden, galt die Gewehrkugel eigentlich Takew, der sich gerade vor Ort in kommunale Streitigkeiten eingemischt hatte. Im Grunde kam es vielleicht nicht darauf an, weil beide Freunde der Demokratischen Partei angehörten. In den Anschlag soll ein Bürgermeister namens Peter Minkov verstrickt gewesen sein, Mitglied der konkurrierenden Volkspartei. Man verurteilte später drei Männer, dabei einen sogar zum Tode. Seit 2003 ziert Konstantinows Portrait die bulgarische 100-Lewa-Banknote.

Ein ähnliches Schicksal erlitt ein paar Jahre später ein georgischer Schriftsteller. Er ging wie Konstantinow in den Geldverkehr ein (20-Lari-Schein), wurde freilich zudem von der orthodoxen Kirche seines Landes „heilig gespro-chen“, was Konstantinow nicht schaffte. Der Heilige heißt Ilia G. Tschawtschawadse. Aus einem echten Fürstenhaus stammend, hatte er Jura studiert und dann, falls der deutschen Wikipedia zu trauen ist, um 1870 den beachtlichen Schritt getan, seinen ererbten Grundbesitz unter den Leibeigenen aufzuteilen und nach Tiflis zu gehen, wo er einerseits die Leitung der Adelsbank übernahm, andererseits verschiedene Zeitschriften gründete, die patriotische und sozialreformerische Anliegen verfochten. Daneben verfaßte Tschawtschawadse Erzählungen und Gedichte sowie Übersetzungen aus dem Englischen. 1906 wurde er auch Mitglied der russischen Staatsduma, wo er beispielsweise die Todesstrafe anprangerte. Doch schon ein Jahr darauf erwischte es ihn selber. Ende August 1907, vermutlich mit einem Pferdegespann, in Begleitung seiner Frau Olga zu seinem Landsitz in Saguramo unterwegs, wurde der 69jährige Schriftsteller rund 20 Kilometer nördlich von Tiflis unweit der Stadt Mtskheta in der Tsitsamuri-Schlucht von sechs Banditen überfallen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit in politischem Auftrag handelten. Sie ermordeten ihn. Allerdings ist umstritten, ob der Auftrag von georgischen Menschewisten, georgischen Bolschwisten oder der zaristischen Geheimpolizei Ochrana kam. Es nimmt sich vielleicht nicht viel.


65 - Dagny Juel-Przybyszewska

Die norwegische Arzttochter, Pianistin und Schriftstellerin wurde ihrem Ruf als Femme fatale zumindest mit ihrem Abtritt als 33jährige Geliebte eines 22jährigen Prinzen gerecht. Sie hatte sich diesen Ruf während der 1890er Jahre unter skandinavischen Studenten Berlins erarbeitet. Zu ihren Geliebten zählten auch der Maler Edvard Munch und der Dramatiker August Strindberg. 1893 wurde sie jedoch die Ehefrau des polnischen Schriftstellers Stanislaw Przybyszewski, dem sie, bis 1897, zwei Kinder gebar. Ein Jahr darauf zog das Ehepaar nach Krakau, obwohl sich beide Beteiligten längst mit Seitensprüngen überboten. Hier kam nun der erwähnte Prinz ins Spiel, Władysław Emeryk, Sprößling eines Zechenbarons. Nachdem sich das Ehepaar 1901 voneinander getrennt hatte, unternahm Juel-Przybyszewska mit ihrem jungen Geliebten eine Reise nach Tiflis in Georgien. Sie stiegen im Grand Hotel ab. Ob zu recht oder nicht, wurde Emeryk an einem Junitag von Eifersucht übermannt, schlich sich kurz nach Mitternacht ins Zimmer seiner angeblichen „Schwester“, die bereits schlief, und schoß sie in den Hinterkopf. Gleich anschließend steckte er sich die Pistole in den eigenen Mund. Der Doppelmord erregte wahrscheinlich ungleich mehr Aufsehen, als es bis dahin Juel-Przybyszewskas Dramen und Erzählungen getan hatten. Ihren Gatten stimmte er laut Tadeusz Wittlin froh.* Er sei, von Warschau aus, sofort zu seiner Lemberger Geliebten geeilt. Es gibt auch Stimmen, die aufgrund mancher Anhalts-punkte, darunter der Tod seiner ersten Ehefrau, von einer Verstrickung Stanislaw Przybyszewskis in die Ermordung seiner Gattin munkeln. Angeblich war er streckenweise „Satanist“ und bis zu seinem Lebensende alkoholabhängig. Er starb mit 59.

Am 29. August 1933 wußte der 27jährige estnische Schriftsteller August Kirsimägi den Vorfall aus Tiflis in Tallin zu überbieten. Er hatte 1929 Aufsehen mit seinem Roman Puhastustuli (Fegefeuer) um einen draufgänge-rischen Korpsstudenten aus Tartu/Dorpat erregt. Als die Eifersucht nun ihn übermannte, verbrannte er das Manuskript seines neuen Romans, packte seinen Revolver ein und fuhr nach Tallin, um sowohl seine Geliebte wie seinen Nebenbuhler wie sich selbst zu erschießen.

* Biografie Eine Klage für Dagny, Paderborn 1995


66 - Assa Riarua

Er zählte zu den Beratern des Herero-Häuptlings Samuel Maharero, wahrscheinlich auch zu den Entfachern des großen Herero-Aufstandes von 1904. Der trug sich im sogenannten Staate „Deutsch-Südwestafrika“ zu, heute Namibia. Die Freiburger Zeitung vom 7. Februar 1904 klagte, im Verein mit Unterhäuptling Ouandja habe Riarua den „schwachen und trunksüchtigen“ Maharero zum „Treuebruch“ gegenüber den deutschen Kolonisatoren gezwungen.

Der Aufstand schlug fehl. Überhaupt hatten die jeweiligen Eingeborenen, die weder Grenzen noch Landraub kannten, gegen ihre weißhäutigen GlücksbringerInnen nie eine Chance, weil ihnen diese sowohl in der Waffentechnik wie in der Verschlagenheit haushoch überlegen waren. So schwätzten oder zwangen sie den Eingeborenen haarsträubende „Verträge“ auf, fanden im Nu Vorwände für „Strafexpeditionen“ und gaben nicht eher Ruhe, bis das betreffende Land einen weißhäutigen „Gouverneur“ besaß, der stolz nach London, Brüssel oder Berlin telegrafierte, das Land sei endlich „befriedet“ worden – von den Stiftern des Unfriedens.

Im Juni 1904 hatte Berlin den gar zu nachsichtigen Theodor Leutwein als Chef der deutschen „Schutztruppen“ durch Generalleutnant Lothar von Trotha ersetzt, der die Aufständischen mit seinen frischen Truppen gnadenlos in die Omaheke („Sandfeld“) trieb – ein wüstenähnliches Gebiet im Osten, das an „Britisch-Betschuanaland“ (heute Botswana) grenzte. Die Gejagten wurden eisern von den wenigen Wasserstellen fern gehalten; mehrere Tausend Hereros verdursteten. Laut Von Paczensky* rühmte sich der Generalstab des überseeischen „Schutzherrn“ in seinen 1906 veröffentlichten Berichten, diese Aktionen hätten „die rücksichtslose Energie der deutschen Führung bei der Verfolgung des geschlagenen Feindes in glänzendem Lichte“ gezeigt. Zu Beginn des Aufstandes hatte es rund 100.000 Hereros gegeben. Am Ende, so Von Paczensky, seien es nach amtlicher Statistik noch knapp 22.000 gewesen. Sie wurden enteignet und hatten nichts mehr zu melden.

Während es Häuptling Maharero mit rund 1.500 abgezehrten Leuten gelang, Betschuanaland zu erreichen, ist anzunehmen, daß sich auch der ungefähr 25jährige Riarua unter jenen Opfern – nicht der Wüste, vielmehr deutscher Folterkunst und Mordlust befand. Er gilt seit der Vertreibung in die Omaheke als verschollen.

Die Grausamkeit des deutschen Vorgehens in Afrika, das auf zumindest teilweise Vernichtung und auf Versklavung aus gewesen sei, wird 1914 sogar von Gustav Noske angeprangert, nämlich in seinem Buch über Kolonialpoli-tik und Sozialdemokratie. „Manche deutschen Truppen-teile“, bemerkt der damalige SPD-Reichstagsabgeordnete, „machten keine Gefangenen, sondern schossen nieder, was schwarz war.“** Wenige Jahre später ließ Noske als „Volksbeauftragter für Heer und Marine“ in Berlin und an der Ruhr auf alles schießen, was rot war.

* Weiße Herrschaft, Ausgabe Ffm 1982, S. 57 & ** S. 55


67 - Qiu Jin

Um das Riesenreich China wenigstens zu streifen: Qiu Jin, eine Frau, zählt zu den Ikonen seiner Revolutionsge-schichte, wobei sie auch als frühe Feministin gilt. Sie verließ ihren Ehemann, lernte reiten, fechten, schießen und Sprengstoff herstellen und gründete um 1906 die Zeitung Chinesische Frau. 1907 wurde sie Leiterin der Datong Schule in Shaoxing, die sich vor allem dem „Sport“ verschrieben hatte – genauer dem Kampfsport. Allerdings soll Qiu Jin auch einige Gedichte und Aufsätze verfaßt haben. In einen von ihrem Cousin Xu Xilin angeführten Umsturzversuch in Anqing verstrickt, wurde sie am 13. Juli 1907 in ihrer Schule verhaftet und drei Tage später, in Shaoxing, ebenfalls hingerichtet, wie jener. Die englische Wikipedia meint, sie sei enthauptet worden. Sie war um 32.


68 - David Graham Phillips

Der zuletzt in New York City lebende Sohn eines wohlha-benden Politikers entdeckte als Journalist seine „soziale Ader“ und stürzte allein durch das Fächeln mit renom-mierten Blättern, die enthüllende Artikel von ihm gebracht hatten, etliche von Industriekonzernen bestochene Senatoren von ihren Sesseln. Damit – und mit zahlreichen, vermutlich eher flüchtig geschriebenen, damals durchaus vielgelesenen Erzählungen und Romanen – zählte er zu jenen um 1900 aufgetretenen, später so genannten muckrakers, die heute als „Väter des investigativen Journalismus“ gelten. Gutaussehend und gutbetucht wie er war, ähnelte Phillips von der Erscheinung her allerdings weniger einem (wahlweise) „Schmierfinken / Mistkratzer / Schmutzaufwühler / Nestbeschmutzer“, vielmehr einem Dandy. Zu allem Überfluß soll er auch noch weiße Smokings bevorzugt haben. Jedenfalls hatte er Sinn für Inszenierung. Man könnte deshalb fast argwöhnen, er habe auch seinen ihn mit 43 Jahren ereilenden Tod bestellt.

Als Phillips am Nachmittag des 23. Januars 1911 auf den Princeton Club am Gramercy Park zuhielt, stand er unver-sehens nicht etwa einem von jenen Senatoren gedungenen Berufskiller, vielmehr dem Geiger des Pittsburgh Symphony Orchestras Fitzhugh Coyle Goldsborough gegenüber. Wie sich später, als beide Beteiligten tot waren, herausstellte, war der Orchestermusiker davon überzeugt, der muckraker habe durch die Gestaltung verschiedener Figuren seines zwei Jahre zuvor erschienenen Romanes The Fashionable Adventures of Joshua Craig Goldsboroughs prominente Sippe, insbesondere seine Schwester, mit Schmutz beworfen. Nachdem er dem Autor nicht weniger als sechs Kugeln verpaßt hatte, erschoß sich der 31jährige Musiker auf der Stelle auch selbst. Phillips starb anderntags im Krankenhaus. Während damals die meisten Blätter von den „Wahnvorstellungen eines verrückten Geigers“ sprachen, unterstreicht Peter Duffy 100 Jahre später in der New York Times* den sozialen Hintergrund des Mörders. Die Goldsboroughs aus Maryland und Washington D.C. hätten genau jenen „vergoldeten aristokratischen Kreisen“ angehört, die Amerika nach Auffassung Phillips' ins Verderben führen würden. Auch sein genannter satirischer Roman habe eben diese Kreise aufs Korn genommen. Nebenbei behauptet Duffy, US-Präsident Theodore Roosevelt habe seine 1906 in einer im Gridiron Club gehaltenen Rede kreierte Bezeichnung „The Man With the Muck Rake” ausdrücklich auf Phillips persönlich gemünzt, also nicht etwa „the men“ gesagt. Hat Duffy recht, könnte sich Phillips demnach für das heute nahezu erstorbene Echo seiner literarischen Werke mit dem Gedanken entschädigen, wenigstens dem Gattungsbegriff der muckrakers zum Durchbruch verholfen zu haben.

* 14./16. Januar 2011


69 - Johannes Holzmann

Ein Foto aus seinen Berliner Boheméjahren (um 1900) zeigt den glutvoll blickenden jungen jüdischen Mann mit hellem Hut auf dunklem Schopf, Kippe im Mundwinkel und lässig umgehängtem Mantel. Vielleicht erinnert er heutige BetrachterInnen vom Gesicht her nicht zufällig an den Sänger Rio Reiser, der 1986 gerne König von Deutschland geworden wäre. Beide machten sich für homosexuelle und anarchistische Belange, nebenbei auch für das eigene Ego stark. Als es Holzmann 1906 wegen Verfolgungen seitens preußischer und schweizerischer Behörden vorzog, mit Hilfe einer vorgetäuschten Todesnachricht unterzutauchen, schrieb er für die Zeitschrift Der Weckruf seinen eigenen Nachruf. Nach dem Auffliegen dieses „selbstverliebten“ Versuchs, seine „schillernde Person unsichtbar zu machen“*, erntete Holzmann auch im anarchistischen Lager Mißfallen, wo er ohnehin schon umstritten war. Ein Jahr darauf wich er nach Rußland aus, das ja in starken revolutionären Wehen lag. Fiele er dort, schrieb er seinem Freund Pierre Ramus im Januar 1907, falle er immerhin für die Freiheit Europas, hänge diese doch maßgeblich vom Ausgang der russischen Revolution ab. Im April schloß sich der Deutsche einer anarchistischen polnischen Gruppe an, die zwecks Finanzierung der gesellschaftlichen Umwälzung reiche Kaufleute ausraubte. Schon nach wenigen Beutezügen und Wochen wurde er allerdings geschnappt und alsbald von einem Warschauer Kriegsgericht für 15 Jahre ins Zuchthaus geschickt. Das war ein übler Tausch, denn von Berlin nach Zürich war er zwei Jahre früher nur wegen einer Verurteilung zu vier Monaten Gefängnis geflohen.

In Berlin hatte der junge Holzmann die Ausbildung an der Jüdischen Lehreranstalt sausen lassen und nach Fühlungnahme mit der dortigen „Avantgarde“ ab 1904 (bis zu ihrem Verbot 1905) die Wochenzeitschrift Kampf herausgegeben, die es streckenweise auf 10.000 Exemplare brachte. Sie wies bekannte MitarbeiterInnen wie Erich Mühsam, Franz Pfemfert, Else Lasker-Schüler, Herwarth Walden, Gustav Landauer, Paul Scheerbart auf. Mit der deutlich älteren Schriftstellerin Lasker-Schüler verbanden den wahrscheinlich heterosexuell veranlagten Holzmann nicht nur redaktionelle Belange. Sie war in ihren Senna Hoy (die Umkehrung des Vornamens Johannes) oder Prinzen Sascha geradezu verliebt, wobei es Otto nicht für unwahrscheinlich hält, daß der Prinz auch für ihren 1899 geborenen Sohn Paul verantwortlich war. Die zweimal verheiratete „expressionistische“ Schriftstellerin, die zum Schwärmen und Raunen neigte, hatte die Unehelichkeit dieses Sprößlings nie verhehlt, aber auch nie den Klarnamen seines Vaters preisgegeben. Paul Lasker-Schüler wurde Maler, fiel aber schon 1927, mit 28, der Schwindsucht zum Opfer.

Das Leben seines mutmaßlichen Vaters hatte kaum länger gewährt. Etliche deutsche Rechtsanwälte und Literaten, darunter Lasker-Schüler, setzten sich damals vergeblich für den eingesperrten Holzmann ein. Schließlich sammelte Lasker-Schüler, die nach ihren Ehen am Hungertuch nagte, Reisegeld, um ihn wenigstens einmal besuchen zu können. Als ihr dies im November 1913 gelingt, sitzt er in Metscherskoje, unweit von Moskau, in einer geschlossenen Anstalt für Geisteskranke. Vom eingangs geschilderten Draufgänger ist nichts mehr zu sehen: sie findet den Freund „zum Gerippe abgemagert“. Mitnehmen kann sie ihn nicht. Zwar ist die russische Regierung inzwischen zu einer Entlassung Holzmanns bereit – nicht aber die deutsche zu seiner Aufnahme. Der 31jährige stirbt in Metscherskoje an Unternährung und Typhus im April 1914. Man darf sich jetzt aussuchen, wer ihn ermordet hat.

In einem Nachruf, der am 9. Mai 1914 in der Aktion erschien, klagte Franz Pfemfert, die Politik und die Öffentlichkeit hätten diesen Mann, dem „einst alle freiheitlich Fühlenden zujauchzten“ und „der als Zwanzig-jähriger Berlins politisches Gewissen“ gewesen sei, im Stich gelassen. Der Vernachlässigte wurde kurz darauf in Berlin beerdigt. Am 15. Mai, vier Tage nach dem Begräb-nis, erinnerte außerdem Karl Liebknecht im Reichstag bei den Beratungen über den Etat des Auswärtigen Amtes an Holzmanns Schicksal. Er sollte es bald teilen.

* Stefan Otto in der WOZ Nr. 44/2007


70 - Joe Hill

Der Justizmord an dem 36jährigen Wanderarbeiter, Gewerkschafter und Liedermacher steht der früher behandelten Haymarket-Affäre nicht viel nach, es gab nur weniger Tote. Man schob dem staatlicherseits unbeliebten Mann, der mit seinen Instrumenten und seinen witzigen Agitprop-Songs in den USA von Küste zu Küste zog, einen im Januar 1914 in Salt Lake City, Utah, vorgefallenen Mord an dem Lebensmittelhändler und Ex-Polizisten John Morisson und dessen Sohn Arling in die Schuhe. Während das Gericht Entlastungsmaterial unterschlug, trumpfte es beispielsweise mit dem Brief des Polizeichefs von San Pedro in Kalifornien auf: „Mir gelangte zur Kenntnis, daß Sie einen Joseph Hillstrom wegen Mordes verhaftet haben. Sie haben den richtigen Mann. Er ist gewiß ein unerwünschter Bürger. Er ist so etwas wie ein Musiker und ein Songschreiber für das IWW-Liederbuch.“ Es gab weltweite Proteste. Gnade lehnte Hill ab. So wurde er im November 1915 im Hof des Gefängnisses von Salt Lake City erschossen. Das Schicksal des singenden Tramps – der sich wahrscheinlich just zur Zeit jenes Mordes eine Schußwunde wegen einer „Weibergeschichte“ zugezogen hatte – ging in zahlreiche Songs jüngerer Kollegen ein. Besonders populär wurde Alfred Hayes' Titel I Dreamed I Saw Joe Hill Last Night, weil ihn Joan Baez 1969 in Woodstock vortrug.

15 Jahre vor Hills Ende in Utah sorgte ein Politiker, der sein Land Kentucky bereits im Washingtoner US-Kongreß vertreten hatte, innerhalb weniger Sekunden für immerhin fünf Tote, doch in diesem Fall nahm die Gerechtigkeit einen ziemlich anderen Verlauf. Hauptopfer war der ungefähr 30jährige Ethelbert D. Scott. Der stattliche, dunkelgelockte Rechtsanwalt und Leutnant wurde 1900 in Frankfort, der Hauptstadt Kentuckys, bei einem zünftigen Zweikampf im Empfang des Capitol Hotels von seinem Berufskollegen David Grant Colson erschossen. Laut Thomas D. Clark* wurden dabei auch vier Unbeteiligte getötet, „mindestens“ zwei weitere verwundet. Wegen anstehender Wahlen war die Lobby unter anderem mit Politikern oder deren Anhängern gut gefüllt, wobei Scott und Colson sogar derselben Partei angehörten, den Republikanern. Auch der knapp 4ojährige Colson war Jurist. Vor allem aber hatten beide Männer ein Jahr früher (nach dem Ende des sogenannten Amerikanisch-Spanischen Krieges, 1898) als Offiziere an Übungen der Armee in Anniston, Alabama, teilgenommen und von daher noch eine Rechnung miteinander offen. Damals hatte Oberst Colson vom Fourth Kentucky Regiment seinen Untergebenen Scott aus etwas undurchsichtigen Gründen mit disziplinarischen Untersuchungen überzogen, was schließlich in einer ersten Schießerei in einem Speiserestaurant gipfelte, bei dem der Beschwerde-führer von Scott in der Leistengegend verwundet und dadurch mit Lähmungserscheinungen geschlagen worden war, die sogar zu Colsons frühem Tod beigetragen haben sollen. Er starb 1904 im weiter südlich gelegenen Städtchen Middlesboro, wo er zeitweilig Bürgermeister gewesen war, mit 43 Jahren.

Aber schießen konnte der Oberst zum Zeitpunkt des Showdowns in Frankfort offensichtlich noch. Kaum hatte Leutnant Scott die mit rund 50 Personen gut gefüllte Hotelhalle betreten, ließ der Haß die Waffen sprechen. Wer den ersten Schuß abgab, war anscheinend trotz der vielen Augenzeugen nicht zu ermitteln; „the two men fired simultaneously“ heißt es bei Clark. Bereits Stunden vorher sollen sich die beiden frisch angereisten Kampfhähne auf der Straße mit Blicken angegiftet und dabei wohl den klammheimlichen einvernehmlichen Entschluß zu einem klärenden Duell gefaßt haben. Colson hatte sich gleich mit zwei Pistolen gewappnet. Im ganzen fielen aus den drei beteiligten Pistolen binnen kürzester Zeit 18 Schüsse. Leutnant Scott, angeblich zum Saufen neigend und wenig kampfgestählt, versuchte, schon angeschossen, zu fliehen, wurde jedoch niedergestreckt. Daraufhin ließ sich Oberst Colson anstandslos verhaften. Vor Gericht machte er geltend, Scott habe ihn verfolgt und habe zuerst gezogen. Tatsächlich sprach ihn das Gericht frei und sorgte sogar dafür, daß er die beiden (leergeschossenen) Tatwaffen zurückbekam.

* Artikel „Scott-Colson Battle“ in: The Kentucky Encyclopedia, Hrsg. John E. Kleber, The University Press of Kentucky 1992, S. 805


71 - Leo Frank

Der US-Staat Georgia, der heute nur noch ganz allgemein die Todesstrafe (für jeden) hochhält, war um 1900 eine Hochburg des Antisemitismus – und Leo Frank wurde ihr Opfer. Der 1884 geborene schlanke, gutaussehende, auf Fotos verträumt wirkende Ingenieur betrieb in Atlanta eine Bleistiftfabrik. Im April 1913 fand man im Keller dieser Fabrik Franks Maschinenarbeiterin Mary Phagan: die erst 13 Jahre alte Tochter eines armen Farmers war tot. Daraufhin wurde der Fabrikdirektor nicht etwa wegen Kinderarbeit, vielmehr wegen Mordes (durch Erdrosseln) angeklagt und aufgrund angeblicher Indizien auch im August 1913 zum Tode verurteilt. Das erinnerte besonnene BeobachterInnen an die Dreyfus-Affäre, also an einen krassen Fall von Klassen- beziehungsweise Rassenjustiz, zumal die Ermittlungen von einer üblen „Berichterstat-tung“ begleitet waren, die nach Judenblut dürstete. Danach war es in Franks Fabrik natürlich auch zu Orgien gekommen. Bemerkenswerterweise hatte seine Frau Lucille allem Schmutz zum Trotz von Anfang an zu ihm gehalten. Sie starb 1957 von seiner Unschuld überzeugt.

Wenige Wochen nach der Urteilsverkündung tauchen allerdings Hinweise auf, die Frank entlasten. Schließlich wandelt Georgias Gouverneur John M. Slaton die Todesstrafe für Frank im Juni 1915 in Lebenslange Haft um. Daraufhin ziehen sofort 1.200 gutgekleidete BürgerInnen vor Slatons Haus, um gegen diese Korrektur zu meutern. Aber es kommt noch weitaus dicker. Im August dringen zwei Dutzend Bewaffnete, die sich The Knights of Mary Phagan nennen, die „Ritter“ der Ermordeten also, ins Gefängnis ein, entführen den 31jährigen Frank und hängen ihn bei Marietta, der Heimat der Ermordeten, in einen sorgsam ausgewählten Baum. Das Pressefoto, das den Gelynchten anderntags auf alle Frühstückstische bringt, wird bejubelt. Jeder kennt den einen oder anderen Ritter – und hütet sich ihn zu tadeln.

1986 gestand die Behörde Georgia State Board of Pardons and Paroles das Versagen der Justiz im Fall Frank ein. 2000 veröffentlichte der Historiker und Bibliothekar Stephen Goldfarb aus Atlanta im Internet eine Liste mit Namen der Entführer oder Mörder von Frank, die von hohen Politikern und Juristen wimmelte. Etliche von ihnen zieren bis heute Straßenschilder oder Tafeln von Schulen und anderen pädagogischen Einrichtungen. Als wahrscheinlichster Mörder Mary Phagans gilt nach wie vor* der Hausmeister der Fabrik Jim Conley, der sich im Verfahren mit Anschuldigungen gegen seinen Chef hervorgetan hatte. Aber gegen die damals am Kessel-treiben gegen Frank beteiligten Zeitungsverleger war er ein kleiner Fisch.

* Steve Oney: And The Dead Shall Rise. The Murder of Mary Phagan and the Lynching of Leo Frank, New York 2003


72 - Patrick Pearse

Während die Flamen in Deutschlands Nachbarland Belgien unter der behördlich verordneten französischen Sprache litten, stöhnte Irland, jenseits des Ärmelkanals gelegen, seit Jahrhunderten unter den Briten. Ende April 1916 versuchte eine kleine bewaffnete „Avantgarde“ durch den bald darauf berühmten Osteraufstand ein Zeichen zu setzen und die duldsamen Iren aufzurütteln. Das Unter-nehmen mißlang, was man in christlich-revolutionärer Opferbereitschaft auch durchaus eingerechnet hatte. Die Todesopfer dieses Dubliner Aufstandsversuches werden auf rund 500 englische Soldaten und doppelt soviele Iren geschätzt. Hinzu kamen wenig später 16 „Rädelsführer“, die von den Besatzern zum Tode verurteilt und erschossen wurden, darunter der als Präsident der erträumten Republik vorgesehene 36jährige Patrick Pearse.

Der Lehrer und Schriftsteller, Sohn eines katholischen Steinmetzen, hatte an seiner eigenen St. Enda's School (Scoil Éanna) in Dublin die irisch-gälische Sprache und Kultur und jene schrankenlose Vaterlandsliebe hochge-halten, die auch die BewohnerInnen deutscher Wälder beherrschte, weshalb sie schon zwei Jahre zuvor zu ihren Keulen gegriffen hatten. Einem Artikel auf der Webseite der BBC zufolge* waren Pearses Schüler angehalten, „to work hard for their fatherland, and if it should ever be necessary die for it.“ Vor seiner Hinrichtung soll er seiner Mutter brieflich versichert haben, angenommen, Gott überlasse ihm die Wahl einer Todesart, würde er sich genau für die entscheiden, die ihm nun bevorstehe. Ich muß also wieder einmal einräumen, streng genommen gehört Pearse nicht hierher. Obwohl der BBC-Artikel mit dem Hinweis beginnt, der in den Tod getaumelte Ire habe sich einmal als sich selber fremdes Wesen beschrieben, unternimmt er mit keinem Komma den Versuch, die biografischen Wurzeln dieses Wesens einzukreisen. Möglicherweise schuf in dieser Hinsicht der Leidener Historiker Joost Augusteijn mit einer neuen Biografie Abhilfe.** Das Werk soll zum Beispiel erörtern, ob der rührige Lehrer, der das am eigenen Leibe erfahrene herrschende Erziehungssystem als The Murder Maschine bezeichnet hatte, ein Knabenliebhaber oder auch Kinderschänder gewesen sei. Rezensent Philip Ferguson (2012) glaubt es nicht. Andere befürchten, Pearse habe eine zweite Schule in Dublin lediglich aus Gründen der Tarnung als erklärte Mädchenschule eröffnet. Prompt hielt sie sich auch nur für kurze Zeit.

Heute wimmelt die irische Insel von Straßen und Einrichtungen, die den Namen des Vaterländers Pearse tragen, nicht des mutmaßlichen Knabenschänders. Wie es heißt, schlug sich eine Mehrheit der Iren erst aufgrund jener 16 Justizmorde auf die Seite der RepublikanerInnen. In den folgenden Jahren kam es zu schweren Unruhen, die letztlich zur Unabhängigkeit Irlands führten (1922) – ausgenommen Nordirland. Der Osteraufstand gilt unter Historikern allgemein als „Geburtsstunde der IRA“.

* Stand 2009
** Patrick Pearse: The Making of a Revolutionary, Houdsmills 2010



73 - Grace Roberts

Während der Ire Feuer spie und die Massen aufwiegelte, ließ sich Grace Roberts, wohnhaft in Philadelphia, USA, von den Massen bewundern. Die Presse sagte dem „Mannequin“ unter anderem die schönsten Beine Nord-amerikas nach. Roberts war mit 17 oder 18 als Maizie Colbert aus dem 250 Meilen entfernten Holzfällerstädt-chen Kane gekommen und hatte es „geschafft“. Ihr Appartement in der Poplar Street quoll von Kleidern und Liebesbriefen über. Von den männlichen Oberen Zehntausend der Millionenstadt sollen sich 9.000 nach ihr verzehrt haben, davon so manche nicht vergeblich – und wie sich versteht, auch nicht umsonst. In eben diesem Appartement fand man die höchstens 25 Jahre alte Frau Ende Dezember 1916 in ihrem Blute liegen. Der Täter hatte ihr hübsches Gesicht mit einem Bügeleisen zu Brei geschlagen und sie ansonsten mit einem Seidenstrumpf erdrosselt. Sehr wahrscheinlich war es der aus Pittsburgh stammende verkrachte 37jährige Lebemann Bernard Lewis gewesen, der sich eine Woche darauf, im Zuge der Verdächtigung und Fahndung, in dem Bungalow erschoß, den er gemietet hatte. Krimiautor Ellery Queen, der den Fall auf wenigen Seiten unter dem Titel Tod in Seiden-strümpfen schilderte, nahm aufgrund gewisser Anhalts-punkte und seiner Routine an, Lewis habe als abgewie-sener Verehrer gehandelt. Mit dem Bügeleisen habe er, in beträchtlicher Wut, die Schönheit zerstört, die ihm sein Opfer vorenthalten hatte.

10 Jahre früher hatte die Ermordung des 52jährigen US-Stararchitekten Stanford White in einem Theater von New York City Wellen bis nach Übersee geschlagen. Man befand sich gerade im Finale der Premiere des Musicals Mamzelle Champagne. Während auf der Bühne der Song „I Could Love A Million Girls“ erklang, zog ein ziemlich zerrütteter Millionär namens Harry Kendall Thaw eine Pistole und schoß White aus nächster Nähe dreimal ins Gesicht. Es ging um die 21jährige Evelyn Nesbit, die aber am Stück des Abends nicht beteiligt war. Das berühmte Mädchen, von Beruf Modell und Schauspielerin, war einst Whites Geliebte, nun Thaws Ehefrau gewesen. Es starb mit 82 in Kalifornien.


74 - Fanny Kaplan

Über Anarchisten sind ähnlich unzählige falsche (und oft bösartige) Vorstellungen im Umlauf wie beispielsweise über Rasputin, auf den ich gleich zurückkommen werde. Selbst in dem 1905 veröffentlichten Roman Professor Unrat von Heinrich Mann wird der titelgebende Gymnasiastenschreck unangemessenerweise wiederholt als Anarchist bezeichnet. Auch Schüler Lohmann, von Unrat nie „gefaßt“, höhnt angesichts der vom Professor und seiner Geliebten Rosa Fröhlich aufgezogenen Lasterhöhle, der Tyrann habe den Pöbel in seinen Palast gerufen, um ihm die Anarchie zu verkünden. Tyrann ist er natürlich. Menschenfeind Unrat straft und schadet für sein Leben gern, hat immer recht, dafür nicht einen Funken Selbstkritik. Aber Anarchist? Ich selber verstehe mich so, und ich verstehe darunter den Anhänger einer Ordnung ohne Herrschaft, was bedeutet, daß er autoritäre Knochen wie Unrat am wenigsten gebrauchen kann. Ich nehme an, Heinrich Mann saß damals einem um 1900 beliebten Klischee des Anarchisten auf. Es verdankte sich „Kämp-fern“, die Victor Serge (in seinen überragenden Erinne-rungen) „Desperados“ nennt. Serge lebte unter ihnen. Sprengen sie Zaren, Polizeipräfekturen, Kaffeehäuser oder sich selbst in die Luft, dann aus menschenverachtender Selbstherrlichkeit, die auf wenig Eigenliebe schließen läßt. Das heißt nicht, ich sei grundsätzlich gegen Anwendung von Gewalt. Vielmehr heißt es, daß ich Gewalt verabscheue und möglichst zu vermeiden suche. Das ist ein wichtiger Unterschied, auf den etwa George Orwell hingewiesen hat.*

Die blutjunge angebliche „Anarchistin“ Fanny Kaplan, Tochter eines jüdischen Lehrers aus der Ukraine, hatte sich 1906 an einem Attentat auf einen nichtbolschewi-stischen Regierungsbeamten in Kiew beteiligt. Sie erlitt durch die Bombenexplosion schwere Sehschäden und wurde in Gefängnisse und entlegene Zwangsarbeitslager gesteckt, wobei sie ins politische Lager der Sozialrevolu-tionäre wechselte. Im Sommer 1918 sah die gesundheitlich zerrüttete, inzwischen 28 Jahre alte Frau im obersten „Volkskommissar“ und bolschewistischen Parteichef Lenin einen neuen Zaren. Als er am 30. August nach einer Rede eine Moskauer Waffenfabrik verließ, brachten ihm zwei Pistolenkugeln Schulter- oder Nackenverletzungen bei, von denen er sich nie mehr richtig erholen konnte. Als Schützin wurde Kaplan festgenommen. Angeblich bekannte sie sich auch in einer kurzen Stellungnahme zu der Tat, schwieg jedoch im folgenden eisern. So wurde sie nach wenigen Tagen von der Geheimpolizei Tscheka kurzerhand in einer Moskauer Garage ohne formelles Gerichtsverfahren erschossen. Unter Historikern ist Kaplans Täterschaft aufgrund zahlreicher Ungereimt-heiten, darunter Kaplans Sehschwäche, umstritten. Manche glauben, sie habe als Sündenbock herhalten müssen oder habe aus freien Stücken die wahren Täter gedeckt. Doch wer auch immer schoß – laut Jens Teschke** räumte Armeechef Leo Trotzki ein, wer den Nutzen davon hatte: „Die Revolution wurde bemerkens-werterweise nicht durch eine kurze Phase der Ruhe stabilisiert, sondern durch die Bedrohung durch das Attentat.“

Zwei Jahre und ein System früher hatte man im Grunde schon auf denselben Mechanismus gebaut, um vielleicht noch den Krieg (gegen Deutschland) gewinnen und das Zarenreich (vor den Weißen und Roten) retten zu können. In diesem Fall schwärzte man Rasputin als Sündenbock an. Er war sowieso schon schwarzhaarig. Der ansonsten hochgewachsene, kräftige und vor allem durch seinen Blick dämonisch wirkende Wanderprediger und Geisterheiler aus einem sibirischen Bauerndorf hatte sich in jüngster Zeit (1916) in St. Petersburg und am Zarenhof zuviel herausgenommen. Wer weiß, ob er nicht auch schon mit der Zarin (Alexandra) hurte, die seit mehreren Jahren ihre schützende Hand über ihn hielt, und ob sie beide nicht ohnehin deutsche Spione waren, die das Reich dem Feinde auslieferten. Nach der Kunde von Rasputins Wundertaten liefen nun die wildesten Gerüchte über seine Ausschwei-fungen und Verfehlungen in den Salons und Küchen der Hauptstadt um. Ende Dezember 1916 war das Faß zum Überlaufen reif. Unter Federführung zweier Fürsten und eines Duma-Abgeordneten wurde der 47jährige „Aufstei-ger vom Lande“ in eine Villa gelockt, wo es schönen, vergifteten Kuchen, dazu ebensolchen Wein gab. Als die erhoffte Wirkung auf sich warten ließ, wurde Rasputin in den Rücken geschossen. Da er noch einen Fluchtversuch unternehmen konnte, folgten weitere Schüsse. Schließlich fesselten die Verschwörer ihrem noch immer stöhnenden Opfer die Hände und wickelten es in eine Gardine, wobei sie nicht mit Tritten und Faustschlägen sparten, wie ich einmal vermute. Dann trugen sie das so erhaltene zuckende Bündel zu einer nahen Newa-Brücke und ließen es in ein Loch in der Eisdecke des Flusses fallen. Rasputin, Quelle allen Unheils und ohnehin ein versoffener Kopf, ertrank. Ermittlungen der Polizei wurden im Keim erstickt. Die beiden Fürsten verdrückten sich, Ratschlägen von oben folgend, erst einmal aufs Land, während Wladimir Purischkewitsch bei der nächsten Duma-Sitzung wie gewohnt, wenn auch augenzwinkernd, seine Orden blinken ließ. Bis die Bolschewiken kamen.

In Mitteleuropa wurden in jener ersten Weltkriegsperiode zwei äußerst einflußreiche, gleichfalls oft als „charisma-tisch“ beschriebene Politiker ermordet. Während der Führer der französischen „Sozialisten“ Jean Jaurès Ende Juli 1914, kurz vor Kriegsbeginn, durch das offene Fenster eines Pariser Cafés beim Verfassen eines Artikels erschossen wurde, ereilte den deutschen „liberalen“ Außenminister Walter Rathenau, von Hause aus Industrieller und Schriftsteller, acht Jahre darauf das gleiche Schicksal, als er in seinem offenen Kabriolett zu seinem Büro in Berlin-Mitte fuhr. Beide Männer starben mit 54.

Um das harte Schicksal solcher „Größen“ durch einen bescheidenen Hinweis abzudämpfen: In den Jahrzehnten um 1900 fand die bekannte – nur an der offiziellen, muslimisch geprägten türkischen Geschichtsschreibung vorübergegangene – Ausrottung weiter Teile des armenischen Volkes durch Türken und Kurden statt. Unter den etlichen Hunderttausenden an Toten befanden sich auch zahlreiche Intelektuelle, von denen man in Mitteleuropa gewöhnlich noch heutzutage keinen Schimmer hat, beispielsweise die gleichaltrigen, wahrscheinlich 31 Jahre alten Schriftsteller Dikran Chökürian und Krikor Torosyan, die beide im April 1915 verschleppt und noch im selben Jahr ermordet wurden, in oder nahe Ankara. Rathenau mag in diesem Fall saubere Hände haben – aber was ist etwa mit Major Eberhard Graf Wolffskeel von Reichenberg, geboren 1875, der sich in jenem Jahr 1915, laut Wikipedia, zufällig mit deutscher Artillerie in Armenien aufhielt? Folgendes scheint mit ihm zu sein: als er 1954 in Würzburg das Zeitliche segnete, war er 79 und ohne Tadel, obgleich er sich in Briefen zum lustigen Kugelpfeifen und Zertrüm-mern ganzer (christlicher!) Stadtviertel bekannt hatte.***

2007 wurde Hrant Dink, der 52 Jahre alte armenisch-stämmige, unablässig schikanierte Herausgeber der in Istanbul erscheinenden zweisprachigen Wochenzeitung Agos, in eben dem geschilderten Zusammenhang von einem jugendlichen Fanatiker auf offener Straße erschossen. Der Trauerzug soll mindestens 100.000 Menschen umfaßt haben; Dink war eben recht prominent.

* Essay „Lear, Tolstoy and the Fool“ von 1947
** Artikel für Deutsche Welle, Stand August 2014
*** Etwas besser kommt der Major (2015) bei Judith Perisic von der Uni Mainz weg



75 - Erich Habersaath

Mit den Regimen gehen und kommen die Straßen. Das ist der Gehirnwäsche so zuträglich wie der Volkswirtschaft, man denke nur an alles, was nach einem Regimewechsel neu beschriftet, gestaltet, gedruckt werden muß. Doch siehe da: die Habersaathstraße in Berlin-Mitte überlebte bislang! Der Werkzeugmacher und Mitgründer der USPD Erich Habersaath war am 9. November 1918 an der Spitze eines Demonstrationszuges von Arbeitern der Schwartz-kopff-Werke vor der Maikäferkaserne in der Berliner Chausseestraße eingetroffen. Nachdem es gelungen war, ein Kasernentor zu knacken, fielen vom Hof her Schüsse, die wahrscheinlich ein kaisertreuer Offizier abgab. Neben dem Gastwirt Richard Glatte und dem Monteur Franz Schwengler wurde auch der 24jährige „revolutionäre Obmann“ Habersaath getroffen. Da er als erster zusammenbrach, hat er die zweifelhafte Ehre, als erstes Berliner Todesopfer der sogenannten Novemberrevolution zu gelten.

Bekannter sind die beiden Angehörigen der deutschen Marine Albin Köbis und Max Reichpietsch. Der Heizer und der Matrose wurden als „Rädelsführer“ einer pazifistischen Meuterei, die im Sommer 1917 im Raum Kiel-Wilhelmshaven stattfand, zum Tode verurteilt und am 5. September des Jahres auf einem Truppenübungsplatz bei Köln erschossen. Köbis war 24, Reichpietsch 22 Jahre alt. In der DDR standen die beiden Aufständischen hoch im Kurs. Selbst im heutigen Berliner Bezirk Tiergarten gelten sie anscheinend nicht als Verbrecher; dort zweigt die Köbisstraße vom Reichpietschufer ab.


76 - Emiliano Zapata

Der gute Partisan ist gewiß ein ausgefuchster Fallensteller, aber selten heimtückisch. Deshalb, so nehme ich an, fehlte Zapata die Nase für die Falle, die man ihm selber stellte. Seine Truppen, die vornehmlich aus besitzlosen Landarbeitern bestanden, operierten im Süden Mexikos, während Pancho Villa die Aufständischen im Norden führte. Durch ein Bündnis zwischen Villa und Zapata gelang es 1914, den neuen „Präsidenten“ Oberst Victoriano Huerta zu stürzen. Die üblichen Streitigkeiten unter den revolutionären Truppen, die unter dem Oberbefehl Venustiano Carranzas standen, blieben freilich nicht aus. Was Carranza persönlich angeht, verlangte es ihn seinerseits nach dem Sessel des Präsidenten. Gegen Villa konnten sich seine Truppen dank des strategischen Geschicks des Ranchers Alvaro Obregóns auch durchsetzen, aber Zapata sperrte sich und kämpfte mit seinen Leuten im Süden weiter. So griff Carranza zur erwähnten Heimtücke. Sein Oberst Jesús Guajardo gab vor, er wünsche zu den Zapatisten überzulaufen, weshalb er ihren Chef bitte, ihn am 9. April 1919 auf seiner Hacienda San Juan aufzusuchen. Als der 39jährige Zapata erschien, wurde er von Guajardos Leuten mit einem Kugelhagel empfangen und regelrecht durchsiebt. Die Leiche wurde nach Cuautia geschafft und dort öffentlich ausgestellt. Zapatas AnhängerInnen konnten sich ein Jahr darauf trösten, als Carranza im Machtkampf gegen Alvaro Obregón den Kürzeren zog und seinerseits ermordet wurde. Nun ging der Präsidentensessel an Obregón. Im ganzen forderte die mexikanische „Revolution“ mindestens 350.000 Tote, von den Verletzten und Geflüchteten zu schweigen. Man sehe sich nun das heutige Mexiko an, dann weiß man, wofür die 350.000 gestorben sind.


77 - Luxemburg und Leviné

Ende Oktober 1917 wurde der 33jährige, aus Schwaben stammende Arzt Hans Diefenbach in Ausübung seines Berufes, wenn auch unter den verschärften Bedingungen der „Westfront“, tödlich von einer Granate getroffen. Sein Testament hatte er wohlweislich schon früher verfaßt, im August 1914. Darin vermachte er 50.000 Mark, die er seinerseits von seinem Vater geerbt hatte, Frau Rosa Luxemburg in Berlin – unter der Bedingung, daß ihr lediglich die jährlichen Zinsen regelmäßig zum Lebensunterhalt ausgezahlt würden, sei sie doch „in der Privatökonomie vielleicht keine ganz so geniale Meisterin wie in der National-Ökonomie.“ Der deutlich jüngere Arzt betonte dabei, die kleine, etwas verwachsene und hinkende „ausgezeichnete“ Freundin, Rednerin, Briefautorin und Theoretikerin Luxemburg habe diese Rente „nicht bloß, wie dies ihrem großartigen Natürel entspräche, für andere bedürftige Leute sondern in erster Linie für sich selbst“ zu verwenden. Die Bedingung, sie müßte noch länger leben, vergaß er zu stellen. Soweit ich weiß, ist der erschütterten Luxemburg die großzügige Verfügung Hänschens gar nicht mehr zu Ohren gekommen. Bekanntlich wurde die inzwischen 47jährige Kommunistin im Januar 1919, ein gutes Jahr nach Diefenbachs Tod, in staatlichem Auftrag als Festgenommene kurzerhand erschossen und wie ein räudiger Hundekadaver in den Berliner Landwehrkanal geschmissen. Die namentlich bekannten Ausführer und Drahtzieher dieses Mordes (unter anderem Hauptmann Waldemar Pabst und Reichswehrminister Gustav Noske, SPD) wurden nie belangt.

Zu den tragenden Geschichtslügen der Bundesrepublik Deutschland zählt die Versicherung, die Berliner „Januaraufstände“ breiter streikender Arbeitermassen seien „von den Spartakisten“ angezettelt worden, somit hätten sich die Oberspartakisten Liebknecht und Luxemburg die Kugeln, die sie trafen, eigenhändig auf den Hals gezogen. Was in Wahrheit bereits Anfang Dezember 1918 angezettelt worden war, las sich auf Berliner Litfaßsäulen so: Das Vaterland sei vom inneren Feind bedroht, eben der Spartakusgruppe. „Schlagt ihre Führer tot! Tötet Liebknecht! Dann werdet ihr Frieden, Arbeit und Brot haben!“ Der Umstand, daß sich die Spartakisten ab Januar 1919 KPD nannten, rüttelt nicht an dem sehr geringen Einfluß dieser eben erst gegründeten „Partei“. Wie Bernt Engelmann schreibt*, hatte sie die Streiks weder geplant noch auch nur vorausgesehen. Diese Proteste durch Gewaltakte einiger Entschlossener in eine „Revolution“ verwandeln zu wollen, hätte auch den programmatischen Erklärungen der neuen Partei widersprochen, die „Terror als politisches Mittel“, in Abgrenzung zu leninistischen Praktiken, ausdrücklich verworfen hatte. Luxemburg – die dem 53köpfigen gewählten „Revolutionsausschuß“ noch nicht einmal angehörte – warnte vor diesem Abenteuer, während sich ihr Genosse Karl Liebknecht nur mitziehen ließ, weil er befürchtete, sich andernfalls von den Massen zu isolieren. Aber genau er war dann das einzige Mitglied dieses vom betagten USPD-Politiker Georg Ledebour geleiteten Gremiums, das den Aufstandsversuch zu büßen hatte: indem er als Gefangener bei Nacht und Nebel im Tiergarten ermordet wurde. Er wurde wie seine Genossin Rosa lediglich 47 Jahre alt.

Vermutlich hätte Luxemburg, wenn sie noch lebendig gewesen wäre, ein paar Wochen später nicht weniger besorgt vor dem Versuch gewarnt, in München eine Revolutionäre Räterepublik zu errichten. Damit zu Eugen Leviné. Der 1883 in St. Petersburg geborene Sohn eines jüdischen Kaufmanns hatte bereits, nach einer Kindheit in Deutschland, im revolutionären Rußland um 1905 Erfahrungen in der Agitation und mit Mißhandlungen seitens der „Sicherheitskräfte“ gesammelt. 1908 von seiner Mutter aus der Haft freigekauft und ein Jahr darauf nach Deutschland zurückgekehrt, studierte er in Heidelberg Nationalökonomie und machte seinen Dr. phil.. Während des Ersten Weltkrieges war er in einem Gefangenenlager als Dolmetscher tätig. 1915 verheiratete er sich mit der gleichfalls aus Rußland stammenden Rosa Broido, die später, als Rosa Meyer-Leviné, ein Buch über ihren ermordeten ersten Ehemann schrieb. 1916 aus dem Wehrdienst entlassen, schloß sich Leviné der USPD an. Bei Kriegsende gehörte er zu den Mitgründern jenes Spartakusbundes, der sich kurz darauf KPD nannte. Am 21. Februar 1919 wurde der mäßig republikanisch gesinnte bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner von der USPD durch ein Ex-Mitglied der reaktionären Thule-Gesellschaft ermordet, dem Eisner noch zu linksradikal gewesen war. Angesichts der folgenden Wirren, die schon früher erwähnten üblichen Streitigkeiten in der Linken eingeschlossen, beorderte die Berliner KPD Leviné nach München, wo er in wenigen Wochen eine zwar kleine, jedoch hervorragend organisierte Parteizelle aus dem Boden stampfte. Damit gedachte er allerdings keineswegs Lenin zu spielen und die Macht an sich zu reißen. Engelmann schreibt: Nachdem eine „in der politischen Praxis gänzlich unerfahrene Gruppe von intelektuellen 'Edelanarchisten'“ um die Schriftsteller Gustav Landauer, Ernst Toller und Erich Mühsam am 5. April eine bayerische Räterepublik ausgerufen und die nach Bamberg geflohene Regierung Hoffmann für abgesetzt erklärt hatte, „waren Levinés Kommunisten die einzigen, die dagegen stimmten und jede Mitarbeit ablehnten, weil sie – durchaus zu Recht – der Meinung waren, die Räte seien nicht regierungsfähig, verfügten über keinerlei Organisation, hätten weder Waffen noch klare Ziele und könnten nur Unheil stiften.“

Selbst Ernst Toller, Ex-Unteroffizier von der Front bei Verdun, nach Eisners Ermordung Vorsitzender der kleinen Münchener USPD, bald darauf Kommandant der Dachauer Truppen der räterepublikanischen Roten Armee, zudem Schriftsteller, erklärt in seinen 1933 veröffent-lichten Erinnerungen Eine Jugend in Deutschland unmißverständlich: „Diese Räterepublik war ein Fehler.“ Nachher ist man eben immer klüger; man sollte gleich nachher leben, wie Günter Eich einmal in seinen Maulwürfen seufzte. Erst nach einigen Putschversuchen des „weißen“ Militärs sieht sich Leviné gezwungen**, die Führung der nun als „kommunistisch“ bezeichneten „Räterepublik“ und von deren Abwehrschlacht zu übernehmen, auf daß seine Leute vielleicht „das Schlimmste verhüteten“, wie ihm auch Stefan Großmann in seinen Erinnerungen bescheinigt, die 1930 unter dem Titel Ich war begeistert erschienen. Der Österreicher, der sich damals als Berichterstatter für die Ullstein-Presse vor Ort aufhielt und niemals Kommunist war, nennt den Revolutionär einen „besonnenen“ Mann, der sein In-die-Bresche-springen mit dem Leben gebüßt habe. Die im Hofbräuhaus versammelten Betriebs- und Soldatenräte stellen Leviné am 15. April an die Spitze ihres „Aktions-ausschusses“ und dessen vierköpfigen „Vollzugsrates“. Man verspricht sich unter anderem Auftrieb von der neuen ungarischen Räteregierung unter dem Kommunisten Béla Kun. Aber schon Ende des Monats dringen „die Weißen“ in München ein, der Zusammenbruch deutet sich an.

In dieser angespannten Lage platzt ein Genosse mit der Nachricht in eine Versammlung der Betriebsräte, im von „Roten“ besetzten Luitpoldgymnasium seien neun Gefangene erschossen worden, Bürger der Stadt München. Alle sind entsetzt. Toller eilt sofort ins Gymnasium. Da liegen die Leichen in der Tat, allerdings sind es nicht unschuldig gemeuchelte Geiseln, wie anderntags die weiße Presse schreit, vielmehr (in acht Fällen) Mitglieder der erwähnten völkischen Thule-Gesellschaft, die sich bald darauf zur NSDAP mausern wird. Bei diesen Gefangenen waren gefälschte Stempel und Papiere der Räteregierung gefunden worden. Daraufhin hatte sie der Kommandant des Gymnasiums, so Toller, eigenmächtig erschießen lassen. Bekanntlich wüteten die Weißen nach der Niederschlagung der Räterepublik wie tollgewordene Wolfsrudel unter den Besiegten – nun hatten sie einen weiteren Vorwand gefunden. Toller berichtet, unter anderem hätte die weiße Propaganda behauptet, „man habe die Leichen verstümmelt aufgefunden, die abgeschnittenen Geschlechtsteile in Kehrichtfässern entdeckt. Als man zwei Tage später die Wahrheit verkün-dete, in den Fässern hätten Fleischteile geschlachteter Schweine gelegen, niemand sei verstümmelt worden, hatte die erbärmliche Lüge ihre Wirkung getan.“

Engelmann betont, jene nicht von der Leitung genehmigte Erschießung von neun Gefangenen stelle „die einzige Terrorhandlung von 'roter' Seite aus“ dar, die in der ganzen deutschen Revolution von 1918/19 nachweisbar sei. Dagegen schätzt er allein die Zahl der Opfer der damaligen bayerischen „Jagd auf die Roten“ auf 1.200 Menschen. Und das sind nur die Toten. Der „geistvolle Gelehrte“ Gustav Landauer sei von der Soldateska buchstäblich zertreten worden. Toller hatte Glück; er wurde wenig gefoltert und bekam fünf Jahre Festungshaft. Dem hageren Leviné mit seiner kräfigen Adlernase, als Russe, Jude und Kommunist in einem das ideale Haßobjekt, versuchte man zunächst die angeblichen „Geiselerschießungen“ anzuhängen. Das mißlang – allerdings weigerte er sich, diese Erschießungen ausdrücklich zu verdammen. Gegen ein Kopfgeld von 10.000 Mark von einem Spitzel verraten und am 13. Mai verhaftet, war er Anfang Juni vor ein Gericht gekommen. Es ging kurz und schmerzlos. Er wurde am 4. Juni wegen „Hochverrats“ zum Tode verurteilt und anderntags im Gefängnis Stadelheim erschossen.

Der 36jährige nahm es gefaßt. Aus seiner Verteidigungs-rede vor Gericht wurde alsbald der berühmte, auf eine Wortprägung von Eisner zurückgehende Satz destilliert, Kommunisten seien durchweg Tote auf Urlaub. Dazu paßt Tankred Dorsts Überzeugung, Leviné sei „der Revolutionär ohne Pose“ gewesen, „in seinen politischen Entschlüssen ohne persönliche Eitelkeit“, nicht völlig nahtlos. Dorst brauchte diesen Leviné als Gegenbild zu Toller, über den er ja (1968) ein Stück schrieb. Hat Dorst aber recht, fehlte es dem uneitlen Berufsrevolutionär Leviné vielleicht an Herzenswärme.***

„Edelanarchist“ Erich Mühsam traf es nicht besser wie die bisher Behandelten, wobei er freilich „erst“ mit 56 starb. Selbst für Ernst Jünger wurde Mühsam „auf schauerliche Weise ermordet“, wie der stählerne Ex-Nazi-Hauptmann 1949 in seinem Tagebuch notiert. „Er war einer der besten und gutmütigsten Menschen, denen ich begegnet bin.“ Der durch und durch antiautoritär und agitatorisch gestimmte Schriftsteller Mühsam, aus einer jüdischen Lübecker Apothekerfamilie stammend, hatte schon im Laufe des Ersten Weltkrieges auf der anderen Seite gestanden. Das leichtsinnige und verlustreiche Unternehmen Münchener Räterepublik brachte ihm 15 Jahre Festungshaft ein, von denen er ein Drittel absitzen mußte. Als er 1924 wieder in Berlin eintraf, um seine teils witzigen, teils pastoralen Warnungen vor Kriegsgefahr, Klassenjustiz und Faschismus fortzusetzen, war er 46. Knapp 10 Jahre später, nicht rechtzeitig untergetaucht, zählte er zu den vielen prominenten Verhafteten der Reichstagsbrandnacht, Ende Februar 1933. Die noch folgende Zeit der Mißhandlungen war vergleichsweise kurz. Kaum hatte die SS (unter Brigadeführer Theodor Eicke) im Juli 1934 von der SA das nördlich von Berlin gelegene KZ-Oranienburg übernommen, schlugen Eickes Schergen dem unbeugsamen Anarchisten einen „Freitod“ vor. Als er darauf nicht einging, täuschten sie Mühsams Selbstmord vor, indem sie seine Leiche in der Latrine aufhängten. Nach verschiedenen Zeugenaussagen hatten sie Mühsam zuvor windelweich geschlagen und ihm eine Injektion Gift verabreicht.

Der verantwortliche Eicke, für kurze Zeit Lagerchef, kam nicht mehr in den Genuß der gnadenreichen westdeut-schen Vergangenheitsbewältigung, weil er im Februar 1943, inzwischen General der Waffen-SS und Chef der berüchtigten Division Totenkopf, bei Charkow in der Ukraine bei einem „Aufklärungsflug“ abgeschossen und dadurch getötet wurde. 2014 könnte man freilich den Verdacht haben, er sei just an der Absturzstelle wieder auferstanden.

* Einig gegen Recht und Freiheit, erstmals 1975 erschienen, Ausgabe Göttingen 2001, S. 48–75
**/*** Zusatz Oktober 2016: Nach einer Wiederlektüre der erwähnten Jugenderinnerungen von Toller befürchte ich, Leviné kommt bei mir zu gut weg. Nach Toller war der Deutsch-Russe ein typischer Bolschewist, nämlich Machtpolitiker und Ränkeschmied. Die deutschen Kommunisten hatten damals durchaus den Räte-, den Sowjetgedanken propagiert, aber als er in München verwirklicht werden sollte, war sich Leviné über die Schwäche seiner Parteigruppe und den geringen Einfluß der Kommunisten im klaren. Für Toller verwarf Leviné eine Räteregierung hauptsächlich deshalb: weil die KP darin nicht die bestimmende Kraft gewesen wäre. Später wuchsen die Sympathien für die Kommunisten, und Leviné sei wieder auf Räteregierungsbildung umgeschwenkt. Im Verein damit setzte er, typisch bolschewistisch, auf die „zündende“ und „mitreißende“ Wirkung von Machtdemonstrationen, eingeschlossen sogar „Strafexpeditionen“ gegen Bauern, die sich weigern, München mit Korn und Milch zu beliefern. Toller lehnte sowohl den Gedanken der Abschreckung wie der Vergeltung ab. Die Hinrichtung von Leviné selber nach dem Triumph der Reaktion geißelte er wiederholt, wobei er sich auch weigerte, dem Rivalen Ehre und Charakter abzuerkennen. Der Streit, ja Krieg zwischen den roten Parteien (während die Weißen sich die Hände rieben und auf München zumarschierten) ging ihm buchstäblich an die Nieren; entsprechende bittere Bemerkungen finden sich in seinen Erinnerungen zuhauf. Freilich war die damalige Lage, von solchen Machtkämpfen zwischen „revolutionären“ Führern oder Parteien einmal abgesehen, auch grundsätzlich ausgesprochen schwierig und verworren. Das Thema wird in Tollers ohnehin sehr lesenswertem Buch (hier: Reclam-Ausgabe 2011) besonders auf den Seiten 120–60 und, im Kommentar Wolfgang Frühwalds, 325–33 behandelt. Übrigens stellt Frühwald die Erschießungen im Luitpoldgymnasium etwas abweichend von Toller dar.



78 - Johann „Schani“ Breitwieser

Der Wiener Robin Hood, sonst Johann Breitwieser mit Namen, endete 1919 mit 27 Jahren. Sein letzter Coup galt der Hirtenberger Waffen- und Munitionsfabrik der Sippe Mandl, die sich auch noch um den Zweiten Weltkrieg verdient machte. Breitwieser erntet bei diesem „Bruch“ eine halbe Million Goldkronen, wird allerdings kurz darauf in St. Andrä bei Wien von der Polizei in seinem damaligem Unterschlupf erspäht und im Eifer der Fahndung erschossen. Seinem Begräbnis sollen 20.000 bis 40.000 Menschen beigewohnt haben.


79 - Hans Paasche

Geboren 1881, wandelt sich der Berliner Großbürgersohn, teils in Afrika, vom Marineoffizier zum zähen und einfallsreichen Gegner des Kolonialismus und des Krieges. Unter anderem erzielt er viel Beachtung mit einem Buch, in dem er Briefe eines das Kaiserreich Germanien bereisenden jungen Afrikaners namens Lukanga Mukara fingiert. So wundert sich der schwarzhäutige Bursche beispielsweise über die vielen Eisenbalkenwege in Deutschland, auf denen in einem fort Wagen hin und her führen. Man baue die Wagen, um Kohlen zu holen, und hole Kohlen, um die Wagen zu bauen. Das nennten die Wasungu, die einheimischen Weißhäute also, „Fortschritt“ und „Kultur“. Paasche zählte zu den Wortführern der damaligen „Lebensreformbewegung“, und 1918 auch kurzzeitig zu den Berliner revolutionären Arbeiter- und Soldatenräten. Bei dem Trauerzug für Liebknecht und Luxemburg sitzt er auf dem ersten Wagen. Zwei Jahre darauf kommt er selber dran. Er hat sich enttäuscht auf sein kleines Gut in Posen zurückgezogen, wo er sich in kooperativer und ökologischer Landwirtschaft versucht, aber auch nach wie vor pazifistische Aufrufe oder Postkarten verfaßt. Im Frühsommer 1920 steht er vor der sicheren Wahl in den Gemeinderat. Da kommt ein Trupp Reichswehrsoldaten zu Besuch, weil Paasche auf seinem Grundstück angeblich Waffen gehortet hat – die üblichen Hirngespinste. Sie erschießen den nur leicht bekleideten 39jährigen „auf der Flucht“, als er gerade mit seinen kleinen Kindern vom nahen Teich zurückkehrt, wo sie gebadet haben. Zur Begleitung der von Oberleutnant Krappe geführten Soldaten gehörten mehrere Kriminal-beamte. Einen Haftbefehl hatten sie nicht. Die Schützen waren namentlich bekannt, wurden aber nie zur Rechenschaft gezogen. Tucholsky schrieb ein Gedicht über diesen Mord. Paasches Frau Ellen, die Mutter der vier Kinder, war bereits 1918, mit 29 Jahren, von der damals weltweit wütenden sogenannten Spanischen Grippe weggerafft worden.

Einem politisch motivierten Mord in Italien fiel 1924 der Jurist und gemäßigte sozialistische Politiker Giacomo Matteotti zum Opfer. Wenige Tage, nachdem er die Faschisten in einer Rede vor der Abgeordnetenkammer angeprangert hatte, wurde der 39jährige von „Banditen“ entführt und ermordet – Faschisten, wie sich später herausstellte. Wahrscheinlich hatte er nach dem Überfall noch einiges zu leiden. Mit dem Wendepunkt der sogenannten Matteotti-Krise ließ der „Duce“ spätestens im Folgejahr des Mordes sein demokratisches Mäntelchen fallen. Der Stoff wurde 1973 mit Franco Nero in der Hauptrolle und Mario Adorf als Mussolini unter dem Titel Il delitto Matteotti (Die Ermordung Matteottis) verfilmt.


80 - Hugo Bettauer

Obwohl er aus wohlhabendem jüdischem Hause stammte, geboren 1872 in Baden bei Wien, könnte ihm ein Böswilliger von verschiedenen Porträtfotos her, die Hugo Bettauer in gesetzterem Alter als kurzhälsigen Dickschädel zeigen, glatt das Zeug zum Rausschmeißer oder gar Unhold bescheinigen. Man möchte kaum glauben, dieser grobschlächtige, an FJ Strauß erinnernde Kerl habe um 30 die 16jährige Hamburgerin Helene Müller betört. 1904, nach Bettauers Scheidung von der Schauspielerin Olga Steiner und inzwischen 18, wurde Müller die zweite Ehefrau des umtriebigen Journalisten und Schriftstellers, der insbesondere gegen Prüderie, für Frauenrechte und freie, selbstbestimmte Sexualität kämpfte. Sein späterer Mörder und dessen Rechtsanwalt, ein Funktionär der österreichischen Nazis, werden dem Gericht zu bedenken geben, es habe sich darum gehandelt, die Jugend vor der Verderbnis zu schützen. Bettauer war aufgrund seines Engagements, das auch die hurtige Produktion von zahl- und erfolgreichen „leichten“ Romanen einschloß, zu einer bekannten, schillernden und umstrittenen Figur geworden. Wie es aussieht, war er nicht uneitel, aber hart im Nehmen, wobei er auch selber nicht immer mit Samthandschuhen vorging. Pikanterweise hatte er 1901 in Berlin bereits seinerseits für einen Todesfall gesorgt, nämlich den Selbstmord des Hoftheaterdirektors, dem er öffentlich Bestechlichkeit vorgeworfen hatte. In Wien gab er zuletzt, ab 1924, sein eigenes Wochenblatt heraus, Er und Sie, das sich dank seiner aufklärerischen oder reißerischen Berichte vieler LeserInnen erfreute. Im Büro diese Blattes hielt er auch regelmäßig Sprechstunden für Ratsuchende ab. Hier blickte er an einem Märztag des Jahres 1925 in die Pistole des 21jährigen Zahntechnikers Otto Rothstock, der ihn mit sechs Schüssen niederstreckte, denen Betthauer zwei Wochen darauf im Krankenhaus erlag. Damit war der streitbare 52jährige Publizist und Vater zweier Söhne zum ersten prominenten Todesopfer der Nazis in Österreich geworden. Sein Mörder kam wegen angeblicher Unzurechnungsfähigkeit mit einem Freispruch und anderthalb Jahren Heilanstalt davon. 2010 wurde in Wien ein Platz nach Betthauer benannt.


81 - Sacco und Vanzetti

Im Juli 1977 gab der amtierende Gouverneur von Massachusetts Michael S. Dukakis eine „Ehrenerklärung“ für die beiden aus Italien eingewanderten, anarchistisch gesinnten Arbeiter ab. Das Verfahren gegen sie sei eindeutig unfair gewesen und habe in einem Klima der Ausländerfeindlichkeit und der Intoleranz stattgefunden, deshalb müsse das Gedenken an sie hochgehalten werden. Ein Freispruch war das selbstverständlich nicht. Wahrscheinlich wird die Frage, ob Ferdinando „Nicola“ Sacco (36) und Bartolomeo Vanzetti (39) im August 1927 in Charlestown, Massachusetts, schuldbeladen oder unschuldig auf dem elektrischen Stuhl saßen, der sie ins Jenseits beförderte, auch nie zu klären sein. Die Meinungen sind geteilt, wobei die Zweifel an ihrer Schuld, wie es aussieht, überwiegen. Die Ungereimtheiten und Widersprüche etwa zwischen Zeugenaussagen sind zahlreich, Fälschungen von Beweismitteln wahrscheinlich. Etliche beteiligte Juristen gestanden später ihre eigenen, rassistischen oder antikommunistischen, Motive mehr oder weniger deutlich ein. Der Fall schlug schon in den 1920er Jahren Wellen der Kragenweite Dreyfus-Affäre und Reichstagsbrand. Mit den Büchern über ihn könnte man ein 50-Meter-Schwimmbecken zumauern. Der US-Komponist Marc Blitzstein wollte ihnen um 1960 noch ein Opern-Libretto hinzufügen, doch dieses Vorhaben scheiterte an seiner eigenen Ermordung. Blitzstein war übrigens von der Unschuld der angeblichen anarchi-stischen Raubmörder überzeugt. Den beiden war damals im wesentlichen ein bewaffneter Überfall vom April 1920 in South Braintree, Massachusetts, vorgeworfen worden, bei dem ein Lohnbuchhalter und ein Wächter der Schuhfabrik Slater & Morrill Shoe Company erschossen worden waren. Beute: rund 15.000 Dollar. Der Prozeß, die Hetze gegen „Staatsfeinde“ und die Bücher haben schätzungsweise 150 Millionen Dollar verschlungen.

Diesseits der Schuldfrage müssen sich fühlende und denkende Wesen wie Blitzstein – ich erinnere auch an Thackery – selbstverständlich gegen die Todesstrafe verwahren. Im Gegensatz zu einem Gerichtsverfahren läßt sich, bei neuer Beweislage, ein hingerichtetes Leben nicht wiederaufnehmen. Eindeutige Beweislagen sind ohnehin seltener als Schmerztabletten ohne Nebenwirkungen. „Abschreckung“ verfing noch nie. Im übrigen kommt jedes Todesurteil der verbotenen Folter gleich, sofern der Richter nicht sofort nach dem Verkünden zum Revolver greift, um sein Urteil auf der Stelle im Gerichtssaal zu vollstrecken. Wie Friederike Freiburg 2007 feststellt, sind in den USA allein seit 1973, also in rund 30 Jahren, 124 Todeskandidaten begnadigt worden, nachdem sich, meist auf Betreiben von Angehörigen und Menschenrechtlern, ihre Unschuld herausgestellt habe.* Wenn jeder von diesen 124 lediglich drei Jahre in der Todeszelle geschmort haben sollte, hätten wir schon 372 Jahre ununterbrochener Folter beisammen. Man braucht die Nächte dabei nicht ausnehmen. Mit dem Schuß des Richters wären die Verurteilten besser bedient gewesen.

* „Sacco und Vanzetti / Die Macht des Zweifels“, Spiegel Online 22. August 2007


82 - Helmut Daube

1928 wurde ein deutscher Abiturient, der wie Blitzstein schwul gewesen sein dürfte, auch schon Opfer einer grausamen Gewalttat. Der Unterschied: Daubes Fall ist bis heute ungeklärt. Der 19jährige Sohn eines Gladbecker Schuldirektors war in einer Märznacht nach dem Besuch einer werbenden Burschenschaftsveranstaltung im Hotel zur Post zunächst gemeinsam mit seinem Freund Karl Hußmann nach Hause gegangen. Das letzte Stück des Weges legte er allein zurück. Man fand ihn im Morgen-grauen unweit seines in der Schultenstraße gelegenen Elternhauses mit durchschnittener Kehle und ohne Geschlechtsteil in seinem Blute liegend auf. Hußmann wurde aufgrund einiger Verdachtsmomente angeklagt, jedoch „mangels Beweisen“ freigesprochen. Vor allem hatte man ihm leider keine Homosexualität „nachweisen“ können, womit er gleichsam automatisch ein Bösewicht gewesen wäre, dem alles zuzutrauen sei. Später trumpfte ein bereits wegen Mordes an einem Stricher vorbestrafter Häftling, Rolf vom Busch, mit einem „Geständnis“ auf, doch es soll wenig glaubwürdig gewirkt haben. Er widerrief es auch. Selbst auf Daubes Vater, den Rektor, war vorübergehend Tatverdacht gefallen, wobei sich als Motiv Haß oder Scham wegen des Sohnes vermeintlicher oder tatsächlicher „Abartigkeit“ angeboten hatte. Eben dies war jedenfalls das Hauptmotiv des damaligen großen Publikumsinteresses an dem Fall, der streckenweise sogar den Transatlantikflug des Luftschiffes Graf Zeppelin aus den Schlagzeilen verdrängte. Neuerdings wurde er von den Autoren Kettler/Stuckel/Wegener in einem Buch ausgebreitet.*

* Wer tötete Helmut Daube?, Gladbeck 2000


83 - Horst Wessel

Der junge aufstrebende SA-Sturmführer Wessel wagte sich mit seinen „braunen Bataillonen“ um 1928 in die Straßen etlicher Berliner Arbeiterbezirke vor, schauten doch schon, „die Fahne hoch, aufs Hakenkreuz voll Hoffnung Millionen.“ Leider erlebte er den einzigartigen Siegeszug der von ihm für ein schlichtes SA-Kampflied geschmie-deten Verse nicht mehr, denn sie wurden erst nach seinem „Heldentod“ als Horst-Wessel-Lied zur Parteihymne der NSDAP erhoben. Dr. Joseph Goebbels war auf Draht gewesen: „Ein neuer Märtyrer für das Dritte Reich“, hatte er gleich nach Wessels Ableben (Februar 1930, im Krankenhaus) in seinem Tagebuch festgestellt. So entstanden auch unverzüglich Lieder und andere Kunst-werke über Wessel selbst. Der 22jährige Sturmführer war eines Tages von der Gegenseite, nämlich einigen Leuten des kommunistischen Rotfrontkämpferbundes, in seiner Friedrichshainer Wohnung aufgesucht worden. Wie sie später beteuerten, hätten sie Wessel lediglich vermöbeln wollen, aber dann habe er mit der Hand in seine Tasche gegriffen, worauf „Ali“ Höhler, von Hause aus ein „schwerer Junge“, sich gezwungen gesehen habe, auf Wessel zu schießen.

Wie auch immer die Details gelegen haben mögen, der Zwischenfall kostete 1935 dem 33jährigen Frisör und Aushilfskellner Hans Ziegler und dem 28jährigen jüdischen Malergesellen Sally „Max“ Epstein den Kopf, beide Kommunisten. Sie kamen nach einem erneutem Prozeß in dieser Sache, bei der sie „Schmiere gestanden“ haben sollen, in Berlin-Plötzensee unters nun faschistisch befehligte Fallbeil. Sicherlich hatten die beteiligten Kommunisten Gründe genug für ihren Besuch bei Wessel gewußt, ihren 17jährigen Genossen Camillo Ross eingeschlossen, der am selben Januartag 1930 von anderen SA-Leuten ermordet worden war. Offiziell wies die KPD jede Verstrickung in den tödlichen Denkzettel-Akt gegen Wessel zurück. Vielmehr soll sie Gerüchte der Art gestreut haben, Wessel sei, wegen anderer Hausbewohner-Innen, in den Krieg zwischen zwei Zuhälterbanden geraten. Der damaligen Rolle des deutschen Kapitals und des sowjetischen Zentralkommitees eingedenk, könnte hier einer murmeln: So kann man es ausdrücken.

Doppeltes Pech hatte der erwähnte mutmaßliche Schütze Albrecht Höhler, der zunächst, wegen Totschlags, „lediglich“ für sechs Jahre ins Zuchthaus gewandert war. Kaum saßen nämlich jene braunen Horden in den Regierungssesseln, wurde der 35jährige Häftling, im September 1933, bei einem von der Gestapo organisierten „Gefangenentransport“ nach Raubritterart in einem Waldstück bei Frankfurt an der Oder seinerseits erschossen. Dieser dreiste Justizmord wurde, wie viele andere, nach 1945 nie geahndet, obwohl etliche Beteiligte namentlich bekannt waren.


84 - Carl Mertens

1924 legte der pazifistisch gesinnte Mathematiker und Statistiker Emil Julius Gumbel sein Buch Vier Jahre politischer Mord vor. Gumbels Befund wurde, laut Wolfram Wette*, noch im selben Jahr von einer Denk-schrift aus dem Reichsjustizministerium unter Gustav Radbruch (SPD) bestätigt. Danach waren in Deutschland verübt worden: „354 Morde von rechts; Gesamtsühne 90 Jahre und 2 Monate Einsperrung, 730 Mark Geldstrafe und 1 lebenslängliche Haft.“ Dem standen gegenüber: „22 Morde von links; Gesamtsühne: 10 Erschießungen, 248 Jahre und 9 Monate Einsperrung, 3 lebenslängliche Zuchthausstrafen.“ Daher die Rede vom Rechtsstaat. Leider hat sich an diesem krassen Mißverhältnis grundsätzlich bis zur Stunde kein Deut geändert. Es merkt nur so gut wie keiner, weil auch die unablässige Verteu-felung des „Linksextremismus“ blieb – während vom „Verfassungsschutz“ gehätschelte Kräfte wie der Natio-nalsozialistische Untergrund (NSU) für die erforderlichen Leichen sorgen.

Die meisten politischen Morde jener Zeit gingen auf das Konto verschiedener illegaler, oft Freikorps genannter militärischer Verbände, war die Reichswehr doch „offiziell“ durch den Versailler Vertrag stark beschnitten worden. Man spricht allgemein von der Schwarzen Reichswehr und ihren Fememorden. Über diese blutigen Umtriebe und das entsprechende Truppenklima legte der 1902 in Kassel als Sohn eines Polizeikommissars geborene Carl Mertens 1925 in einer Serie der Weltbühne Aufsehen erregende Enthüllungen vor. Er ergänzte sie im Jahr darauf mit einem Buch über die illegale Wiederaufrüstung Deutsch-lands mit dem Titel Die deutsche Militärpolitik seit 1918. Mertens wußte, wovon er sprach. Trotz einer Buchhändler-lehre war er ins väterliche Fahrwasser geraten, nämlich Polizeischüler und dann Offizier der Schwarzen Reichswehr geworden, zuletzt Hauptmann. Aufgrund moralischer Skrupel „stieg er jedoch aus“ und ging zum kritischen Journalismus über. Es hagelte Drohungen seitens der Ex-Kameraden und Anklagen wegen „Landes-verrats“ seitens des demokratischen Staates. Wette seufzt, weit davon entfernt, die von Mertens namentlich angeführten 40 Fememörder zu verfolgen, deckte die Weimarer Justiz deren Hintermänner und verfolgte nun unerbittlich den Boten, der die schlechte Nachricht überbracht hatte. Auch dieser Mechanismus arbeitet bis zur Stunde ungebrochen.

Einem Haftbefehl (der später wieder aufgehoben wurde) wich Bote Mertens Anfang 1927 ins Exil aus. Über Österreich und die Schweiz ging er nach Paris. Im Januar 1928 reiste er aufgrund einer Zusage eines sicheren Geleits als Zeuge nach Leipzig, wo Hitlers Fahrer und Leibwächter Julius Schreck vor Gericht stand, der übrigens aus der berüchtigten „schwarzen“ Brigade Erhardt hervorge-gangen war. Schon am Bahnhof wurde Mertens von „Nationalsozialisten“ angegriffen und verprügelt. Die kurze Spur seines restlichen Lebens verliert sich im Zwielicht. Die Lexikon-Zeile, im Oktober 1932 sei der 30jährige Antimilitarist Mertens zwischen Fontainebleau und Paris bei einem Autounfall umgekommen, schreibt auch Wette ab** – ohne Verdacht zu schöpfen oder wenigstens den Mangel an näheren Angaben zu beklagen.

Solche angeblichen Unfälle – mal vorgetäuschte, mal tatsächliche, mal unaufgeklärte – zählen sicherlich ebenfalls zu jenen zahllosen Grenzfällen, von denen ich eingangs dieser Arbeit sprach. In ihnen bin ich im Zweifelsfall Skeptiker. Wir sind zu leichtgläubig. Über den begabten schwäbischen Maler Karl Philipp Fohr heißt es überall, er sei leider (1818) schon mit 22 Jahren in Rom beim Baden im Tiber umgekommen – doch nirgends lese ich etwas von den näheren Umständen dieses angeblichen Badeunfalls, geschweige denn von einer Untersuchung desselben. Ähnliches könnte ich sogar vom ungleich bekannteren Schriftsteller Percy Bysshe Shelley sagen, der vier Jahre später, 29jährig und mit zwei Freunden per eigener Yacht unterwegs, tödlich im Golf von Spezia „verunglückt“ sein soll, angeblich bei stürmischer See. Alle drei wurden tot aufgefunden, und alle Leute begnügen sich mit den Eiden, die die Leichen schworen.

* Helmut Kramer/Wolfram Wette (Hrsg): Recht ist, was den Waffen nützt, Berlin 2004, S. 135 und ** S. 139



Fortsetzung Teil 3
°
°