Donnerstag, 23. Oktober 2014
Erledigt?
Mordopfer durch die Zeiten ~ Ein Bündel Portraits

Umfang 254 Druckseiten (ohne Register)


Teil 1 (Artikel 1–43) >2 (44–84) >3 (85–121) >4 (122–162) >5 (163–194)


Vorbemerkung

Sich mit Fällen zu befassen, in denen ein Gewaltverbrechen einem Menschen (oder mehreren) das Leben kostete, ist ohne Zweifel alles andere als neu. In der Regel richten die betreffenden Autoren ihr Augenmerk jedoch auf die TäterInnen und deren Tat – auf die interessante Frage also, wer war es und wie hat er es angestellt. Mich dagegen interessieren in erster Linie die Opfer. Ich gehe nicht den Gewinnen, sondern den Verlusten nach. Wobei ich im Zweifelsfall, denn ausgewählt werden muß, das unbekannte dem berühmten Opfer vorziehe.

Allerdings setzt diese Vorzugsbehandlung die Bekanntschaft des Autors mit dem Namen des unbekannten Opfers voraus. Denn ohnedem wird ein Todesfall nicht als Fall von öffentlichem Interesse anerkannt. Im Sommer 2014, während dieses Buch entsteht, werden nacheinander zwei Boeing-Linienflugzeuge der Malaysia Airlines jäh aus dem Verkehr gezogen – sehr wahrscheinlich in beiden Fällen durch geplante Anschläge. Auf diese Weise kommen 537 Menschen um. Der Name des einen oder anderen Piloten war womöglich hier und dort in der Zeitung zu lesen – aber sonst? Über 500 Umgekommene (oder Verschollene) sind der Welt scheißegal. Den Urhebern der Anschläge selbstverständlich auch.

Was Gewaltverbrechen mit tödlichen Folgen angeht, haben wir gewöhnlich „Mord“ oder allenfalls noch „Totschlag“ vor Augen. Aber unsere Augen sind eng. Wollten sie allein das Feld des Krieges miterfassen, fänden sie bereits keinen Halt mehr. „Ain't no sense in no action / Killin' people all the time“, meinte JJ Cale in seinem Song When This War Is Over von 2006. „When it happens on the street / We call that a crime.“ Ähnlich steht es mit vielen verheerend wirkenden „zivilen“ Maßnahmen, die sich vor allem Staaten und Unternehmen dank ihres bekannten Gewalt- oder Zuckermonopols erlauben. Der Bürokrat streicht den Anspruch oder verschleppt den Fall, bis der Antragsteller vor Weißglut geplatzt oder zerschmolzen ist. Der Manager des Pharmazie-Konzerns streicht das Medikament X. für Afrika, weil daran nichts mehr zu verdienen ist. Dem Medikament Y. kommt vielleicht der Minister bei, indem er „wirtschaftliche Sanktionen“ gegen ein mißliebiges Land wie Persien verhängt, die den selben Effekt haben, nämlich etliche Hundert oder Tausend Tote. Selbst ein mickriger Schullehrer hat noch Macht über Leben und Tod, indem er – statt Ohrfeigen – Noten, Sprüche und Blicke austeilt, die SchülerIn Z. in den Selbstmord treiben.

Bei Anna Halman sorgten die lieben MitschülerInnen dafür, während die Lehrerin, am 20. Oktober 2006 in einem Danziger Gymnasium, für eine Viertelstunde abwesend war. Sie gingen der 14jährigen gewaltsam an die Wäsche, „spielten“ Vergewaltigung mit ihr und nahmen die Szene auch noch mit einem Handy auf, wobei sie abschließend ankündigten, dieses Video ins Internet zu stellen. Die ganze Klasse soll sich prächtig amüsiert haben. Anderntags fehlte Anna im Unterricht. Sie hatte sich inzwischen in ihrem Elternhaus mit Hilfe eines Springseils erhängt. Einige Psychologen meinten in der folgenden erregten landesweiten Debatte, nach Lage der Dinge sei dem Mädchen auch kaum etwas anderes übrig geblieben. Aber so gut wie niemand wagte es, von Mord oder auch nur Fahrlässiger Tötung zu sprechen.

Kurz und schlecht, „Mord“ und „Totschlag“ stellen in Wahrheit eine riesige Grauzone dar. Die unzähligen Nadelstiche, die einer im Laufe der Jahre seiner Gattin verpaßt, bis sie verzweifelt zur Axt greift, werden fast nie berücksichtigt und geahndet, weil sie so wenig „hieb- und stichfest“ beweisbar sind wie gewalttätige gesellschaftliche Strukturen. Das sollte man in Rechnung stellen. Auch ich halte mich mit meiner Auswahl in der Regel an den Äxten fest, um nicht in der riesigen Grauzone zu versinken.

Ich verzichte außerdem weitgehend auf Fälle, in denen einer seine Ermordung offensichtlich in Kauf nimmt oder geradezu herausfordert, wie etwa alle Tyrannen, Che Guevara oder die KämpferInnen von RAF, NSU, Verfassungsschutz. Und warum machen die das? Hier tut sich das nächste weite Feld auf, das Feld der Beweggründe. Wer sich auf ihm nicht verläuft, landet beim Problem der Willensfreiheit, und da geht es gleich weiter. Ich bekenne in dieser Hinsicht nur, nicht an „Willensfreiheit“ zu glauben, was natürlich im Grunde bedeutet, daß ich niemanden für schuldig halten kann. Das ist, zugeben, recht heikel – wie das Leben überhaupt. Man kann nur hoffen, im Tod, wie immer man zu ihm gelangt sein mag, wird es einfacher.

Ich sehe mich ferner gezwungen, so manchen „reizvollen“ Fall zu übergehen, weil mir die finanziellen und logistischen Mittel fehlen, den wie so oft vernachlässigten Blickwinkel auf das Opfer durch eigene Recherchen zu füllen. Im April 1987 wurde die 18jährige Textilarbeiterin Heike Wunderlich aus dem VEB Plauener Gardine auf einer Waldlichtung neben ihrem roten Moped vergewaltigt und erwürgt aufgefunden. Über die lebendige junge Frau erfährt man aus den mir erreichbaren Quellen nicht mehr als dies, sie sei gesellig, aber vorsichtig Fremden gegenüber gewesen. Kein Wort über ihren Charakter, ihre Wohnsituation oder ihre Sehnsüchte, falls sie welche hatte. In dieser Hinsicht würde man wahrscheinlich selbst heute noch fündig (nachdem der Fall bereits seit 27 Jahren offen ist), sofern man sich die Fahrkarte nach Plauen und ein Hotelzimmer leistete, um verschiedenen Angehörigen, Kriminalbeamten und anderen Einheimischen auf den Zahn zu fühlen. Aber von den Kosten und meinen nicht vorhandenen Referenzen einmal abgesehen, wäre auch das noch immer heikel. Man rührt bei solchen Recherchen leicht Unmut oder gar Angst auf, und wenn es schlecht läuft, hat man gleich für den nächsten Toten gesorgt.

Ich halte mich demnach in der Regel an mehr oder weniger „aktenkundige“ Fälle, über die sich, vornehmlich per Internet, daneben in Büchereien und Antiquariaten, hinreichende Informationen und Belege auftreiben lassen. Grundsätzlich habe ich Wikipedia und die Brockhaus Enzyklopädie der 19. Auflage herangezogen (24 Bände, 1986–94). Ich weise vorsichtshalber darauf hin, daß diese durchaus hilfreichen Nachschlagewerke nach meinen Vergleichen mit dritten Quellen etliche Fehler, Lücken, Verzerrungen und andere Mängel enthalten. Beide Werke führe ich in den Fußnoten nur in Ausnahmefällen eigens an. Dabei beziehe ich mich im Falle Wikipedia stets auf den Artikelstand August/September 2014. Aber auch darüber hinaus nenne ich Quellen nur, wenn sie mir wichtig erscheinen, weil die betreffenden Angaben zum Beispiel umstritten oder besonders bemerkenswert sind.

Mein Abschnitt über Fälle aus Altertum und Mittelalter ist auffällig kurz geraten. Das sollte niemanden zu der Ansicht verleiten, „früher“ sei auch in diesem Betracht „alles schöner“ gewesen, so daß die klassischen Mordmotive Macht- und Habgier, Haß, sexuelle Begierde, Eifersucht, Neid, Rachedurst geringere Durchschlagskraft besessen hätten. Vielmehr war das Echo solcher Gewaltverbrechen schlicht zu dünn, um sich in Dokumenten niederschlagen zu können, zumal wenn sie „kleine Leute“ betrafen oder unter denselben verübt wurden. Kain war Landwirt, Abel Schäfer, doch was von dieser bekannten Mordgeschichte lediglich an unsere Ohren drang, das sind Märchen. Womit ich beiläufig mein Bemühen bekundet hätte, mich in meiner Darstellung ausschließlich an Tatsachen zu halten.

Ich gehe in meiner Darstellung – die rund 380 Opfer behandelt oder streift – weitgehend chronologisch, nach den Todesjahren vor. Dadurch bestand die Chance, die beabsichtigten Portraits zu vertiefen, nämlich um etliche historische Bezüge und Bögen zu bereichern. Im Grunde, so möchte ich behaupten, habe ich auf diese Weise ein wortkarges Geschichtsbuch geschrieben, das gleichermaßen aufschlußreich wie unterhaltsam ist. Das beigegebene Personenregister gestattet dennoch eine Lektüre des gezielten Herauspickens, falls der Besucher von „Weltgeschichte“ die Nase voll hat. Daneben mag das Register ein detailliertes Inhaltsverzeichnis ersetzen, auf das ich verzichtet habe.

Mein oberstes Anliegen war es, mich möglichst treffend und knapp zu fassen. Es wäre schön, wenn ich mich gerade dadurch nicht mit den vielen Verkürzern von Leben gemein gemacht hätte, den Mördern also, die ich zwangsläufig streife. Daneben steht freilich zu befürchten, daß meine Artikel trotz meines Bemühens um Sorgfalt einige (hoffentlich unwesentliche) Irrtümer enthalten. Ich wäre dankbar, wenn sie mir, nebst anderen Schwächen, gemeldet würden.

§


1 - Sokrates

Der Sohn eines Steinmetzen und einer Hebamme gilt vielen Menschen als Vater des Skeptizismus. Er starb 399 v.Chr. in Athen, damals das Herzstück des Attischen Seebundes, mit ungefähr 70 Jahren. Das Todesjahr ist gesichert. Nimmt man Sokrates ernst, ist alles andere, das über ihn oder seine Zeit im Schwange ist, mit beträchtlicher Vorsicht zu genießen. Die vielbesungene „Wiege der Demokratie“ namens Athen zum Beispiel wurde vor allem von zahlreichen Frauen, Sklaven und Metöken („Ausländern“) in Gang gehalten, die nichts zu melden hatten. Die Lieblingsbeschäftigung des attischen Bürgers war das Ränkeschmieden und Kriegführen. Auch der stämmige und wohl zumeist vollbärtige Sokrates nahm mit Begeisterung an etlichen Schlachten teil. Als Philosoph verschmähte er das Bücherverfassen; selbst für seine Vorträge nahm er keine Honorare. Allerdings soll er von Hause aus recht vermögend gewesen sein. Da fällt es Nachfahren wie Ernst Bloch leicht, ihn als „Faulenzer der schöpferischen Art“ zu preisen.

Sokrates hatte sich die Übereinstimmung von Denken, Reden und Handeln, und dabei das gute Handeln auf die Fahnen geschrieben, so daß ihn auch der Anarchismus als seinen Vater reklamieren könnte. Aufgrund seiner Freigeistigkeit machte er sich zunehmend Feinde, die ihn als götterlosen Verderber der Jugend empfanden. Stets zum Zweifeln und Berichtigen geneigt, was sicherlich oft bis zur Spitzfindigkeit ging, habe er auch den Spitznamen „Zitterrochen“ besessen, behauptet der französische Philosophielehrer und Glücksschmied Alain in einem Propos von 1908. So spitzten sich die Harpunen gegen Sokrates. Freilich war er aufsässig und zugleich gesetzestreu gesinnt, worin ihm Alain dann gerne nacheiferte. Es kam zu einem Prozeß. Im Ergebnis nahm der betagte Philosoph anstandslos den Drink Schierling, zu dem ihn eine Mehrheit des Gerichtshofes wegen seiner angeblichen Aufwiegelei verurteilt hatte. Auch die durchaus vorhandenen Möglichkeiten zur Flucht nutzte Sokrates nicht. Allerdings hatte er sich in seinem Schlußwort gestattet, das Urteil „ungerecht“ und seine Angreifer, oder viele von ihnen, „boshaft“ zu nennen, so daß wir uns denken können, wieviele unlautere Motive bei denen im Spiel waren.


2 - Alexander IV. Aigos

Ich streife ihn und ein paar andere Figuren aus der damaligen Elite mangels Alternativen aus den Reihen der damals Beherrschten, von denen leider kaum ein Mucks auf uns gekommen ist. Man neigt heute zu der Ansicht, der Vater des Genannten sei nicht durch Giftmord gestorben, vielmehr durch schlechten Gesundheitszustand gepaart mit Behandlungsfehlern und den Auswirkungen des jüngsten Babyloner Festgelages. Der Vater hieß „Alexander der Große“. Der Rausch hielt sich mindestens bis Hölderlin; Legionen von Hellenisten küßten das Bild, das sie sich von diesem „großen“ Herrscher gemacht hatten; bei Vauvenargues etwa hieß es „Edelmut“. Die letzten Worte des 32jährigen Griechen, der sich unverfroren als Sohn des Zeus hatte ausgegeben lassen, waren der Frage geschuldet, wem er sein Reich hinterlassen werde. Er sagte: „Dem Stärksten von euch.“ Da hatte sein eigener Sprößling freilich schlechte Karten, weil er noch gar nicht geboren worden war. Und kaum hatte Alexander IV. in jenem Jahr 323 v.Chr. das Licht der Welt erblickt, wurde er zum Spielball der aberwitzigsten Intrigen und Raufereien um den gewaltigen Haufen von Zankäpfeln, den der erste „Globalisierer“ dieses Planeten mit Schwert und Schild zwischen dem Mittelmeer und dem Indus zusammengeschaufelt hatte. Diese Händel, vor allem unter konkurrierenden Heerführern ausgetragen, sind als Diadochenkämpfe sprichwörtlich geworden. Sie blieben dem Thronanwärter zum Teil erspart, weil ihn Kassander, der Makedonien zurückerobert hatte, 310 sozusagen das Schicksal nachholen ließ, das sein Vater verpaßt hatte: Alexander IV. wurde, mitsamt seiner gleichfalls festgesetzten Mutter Roxane, im zarten Alter von 13 Jahren vom Wächter Glaukias vergiftet.


3 - Kleopatra VII.

Die angeblich unwiderstehliche erotische Ausstrahlung des letzten weiblichen Pharaos verdrehte zunächst zwei gewaltigen römischen Herrschern, Cäsar und Antonius, und später, nachdem sie 30 v.Chr. mit 39 Jahren gestorben war, ganzen Legionen von Künstlern aller nachfolgenden Epochen den Kopf, die das ägyptische Staatsoberhaupt, je nach dem, als wichtigste Liebesdienerin, Ränkeschmiedin, Feldherrin, Baumeisterin, Volksbeglückerin, Giftmischerin oder wenigstens Schlangenbeschwörerin des Altertums ausgaben. Als federführend gilt hier Shakespeare aufgrund seiner Tragödie Antonius und Cleopatra. Auf verschiedenen Gemälden beißen die erwähnten Schlangen gern in Kleopatras volle Brüste. Der „historische Roman“ The Alexandrian der nordamerikanischen Schauspielerin Martha Rofheart wurde auf deutsch (1979) sicherlich treffender Ich, Kleopatra genannt. Ob und wie sich die Pharaonin, ihre beiden Zofen Iras und Charmion nicht zu vergessen, in ihrem von Kaiser Octavians Schergen schwerbewachten Mausoleum umbrachte, weiß keiner. Aber eben das sind die Lücken, aus denen gewinnbringende Anregung für die Nachgeborenen viel besser als aus Kleopatras Busen quillt.


4 - Jesus Christus

Ob sich der Wanderprediger aus Nazareth mit ungefähr 35 Jahren von der jüdischen/römischen Obrigkeit aus freien Stücken, ja sogar begierig ans Kreuz nageln ließ, kann niemand mit Sicherheit behaupten oder bestreiten. Deshalb gibt es nicht wenige Leute, die sich weigern, ihn an den Beginn des Siegeszuges des morgen- und abendländischen zivilisierten Sadomasochismus zu stellen. Manche versichern sogar, es habe ihn gar nicht gegeben. Den Christus.


5 - Caligula

Möglicherweise hatte er von seinem Vater Germanicus schon gleich die passende Mitgift erhalten: der berühmte römische Feldherr wurde angeblich vergiftet, als Sprößling Caligula sieben Jahre alt war. Um 30 n.Chr. wurden auch Caligulas ältere Brüder ins Jenseits befördert. Damit blieb nur noch Caligula als Anwärter auf die Nachfolge des alten, auf Capri grollenden Kaisers Tiberius übrig. Ob der Alte dann im März 37 von dem Thronfolger oder sonstwem oder überhaupt auf dem Krankenlager mit einem Kissen erstickt wurde, ist in der Literatur so umstritten wie fast alles, was sich um „bedeutende Herrscher“ des Altertums rankt. Dabei sollten Heutige nie vergessen, daß wir von den jeweils vier oder sechs Sklaven, die die Lektika (geschlossene Sänfte) aus mit Edelmetallen gespicktem Ebenholz der Cäsaren, Konsuln, Senatoren und sonstigen Magnaten trugen, sowohl durch Zeitzeugen wie durch spätere HistorikerInnen unermeßlich weniger als von den Insassen der Sänften erfahren. Zu den wohltuenden Ausnahmen zählt Josef Tomans „historischer Roman“ Nach uns die Sintflut von 1963, der 1968 auf deutsch in Ostberlin nachgedruckt wurde. Der tschechische Autor breitet auch das ärmliche vorstädtische Leben jenseits des Tibers aus, der übrigens schon damals einer Kloake glich, aus der die Abwässer, Tierkadaver und Menschenleichen stanken. Am Tigris im heutigen von Nato-Bombern befreiten Bagdad soll man das gleiche Bild genießen können. Tomans führt durch Fischerhütten, Goldschmiedewerkstätten, Weinspelunken – überall sitzt immer mindestens ein Spitzel. In dem Mimen „Fabius“ und dessen Wanderschauspieltrüppchen schafft er sogar fast einen Gegenspieler des ehrgeizigen blondgelockten Senatorensohns und Feldherrn „Lucius Curio“, der sich bald nach Caligulas Machtantritt zu dessen rechter Hand aufschwingt.

Aber was auch immer, Tomans trägt dick auf und malt ausschließlich in Schwarzweiß. In psychologischer Hinsicht ist sein 700-Seiten-Roman dünner als die tägliche Suppe der Schauspielertruppe. Das gipfelt naturgemäß in dem – bei Tomans – pferdegesichtigen, spinnenbeinigen, überaus eitlem, grausamen und mordsgeilem Tropf, der neuerdings auf dem Kaiserthron hockt. Dessen Fähigkeiten werden hauptsächlich in der Kunst gefordert, allem, was ihm zur Verfügung steht, noch ein Quentchen Lust abzugewinnen: dem von ihm angeordneten Auspeitschen oder Kreuzigen ungehorsamer oder zu dünn lächelnder Sklaven; seinen drei Schwestern Agrippina, Drusilla, Julia Livilla und anderen Hetären oder auch zarten Knaben; den von ihm wieder eingeführten Zirkusspielen, Wagenrennen, Gladiatorenkämpfen; dem Verhöhnen und Quälen beflissener Senatoren. So kommt es womöglich einer Erlösung vor allem für den 28jährigen Herrscher selber gleich, wenn er 41, nach vierjähriger Amtszeit, der von Cassius Chaerea geführten Prätorianergarde und den dahinter steckenden Verschwörern aus den Reihen unzufriedener Senatoren zum Opfer fällt. Für die besitz- und machtlose werktätige Bevölkerung ändert sich dadurch selbstverständlich so gut wie nichts. Das neuzeitliche Parteien- und Personalkarussel, bei dem sich die Lederbezüge der Ministersessel wahlweise unter braunen, schwarzgeärgerten, gelben, grüngeschlagenen oder roten Gesäßen abwetzen, wurde in Athen erfunden und dann in Rom bis zum Erbrechen (der erwähnten Suppe) eingeübt.

Bekanntlich hatten schon Bismarck und sein goldenes Aushängeschild Kaiser Wilhelm II. Wert auf demokratischen Anschein gelegt. Dazu zählt eine angeblich unabhängige Justiz. Als der pazifistisch gestimmte Historiker Ludwig Quidde 1894 Eine Studie über römischen Cäsarenwahnsinn mit dem Obertitel Caligula veröffentlichte, fanden nicht nur Pazifisten, diese Charakterstudie sei in Wahrheit auf den letzten deutschen Kaiser gemünzt. Sie brockte Quidde drei Monate Gefängnis wegen „Majestätsbeleidigung“ und ein Ende seiner wissenschaftlichen Laufbahn ein.


6 - Seneca der Jüngere

Caligulas jüngste Schwester wurde, sehr wahrscheinlich auf Betreiben der berüchtigten Dame Valeria Messalina, im Jahr 42 als 25jährige an ihrem Verbannungsort, der Insel Pandateria ermordert. Messalina hatte der Rivalin ehebrecherische Umtriebe mit dem steinreichen Politiker, Philosophen und späteren Berater Kaiser Neros Seneca dem Jüngeren vorgeworfen. Der hatte immerhin schon die 60 überschritten und litt sowieso an Asthma oder dergleichen, als er sich eine Generation später, im Frühjahr 65, auf Geheiß Neros, wegen angeblicher Verschwörung, in seinem Weingut bei Rom gehorsam verschiedene Adern aufschnitt. Es heißt allerdings, die erhoffte Wirkung habe auf sich warten lassen, so daß sich der Mann, in deutlicher Anspielung auf Sokrates, auch noch einen Becher Schierling reichen ließ. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte, soweit ich weiß, mauserte sich erzwungener „Selbst“-Mord zu einer weltweit beliebten Demütigungs- und Herrschaftsmethode. Zum Beweis genügt es, die jüngere Samurai-, SS- und CIA-Geschichte zu studieren.

Dagegen erreichte ein Neffe jenes Senecas, Marcus Annaeus Lucanus, lediglich Julia Livillas Alter. Auch ihm befahl Nero, sich zu töten, sogar im selben Jahr. Lucanus schnitt sich am 30. April 65 die Pulsadern auf. Bei ihm klappte es. Während er verblutete, soll der angebliche Verschwörer mit Sinn für Stil und Berufsehre aus einer unvollendeten Verserzählung rezitiert haben.


7 - Elagabal

Er war als 14jähriger Knabe durch einen Militärputsch an die Macht gekommen, wie man heute sagen würde. Aber er machte sich zu Beginn des 3. Jahrhunderts bei den staatstragenden Kräften Roms noch unbeliebter als Caligula, zumal er ihnen orientalische religiöse Sitten aufzudrücken versuchte. Deshalb mußte der von syrischen Eltern abstammende junge Kaiser auch schon 10 Jahre früher als jener ins Gras beißen, mit ungefähr 18. Meuternde Soldaten, von seiner lieben Tante Julia Mamaea aufgestachelt, ermordeten ihn am 11. März 222 in einer Kaserne Roms. Dann schleiften sie seinen Leichnam durch die Straßen und warfen ihn, meiner früheren Aussage zur Bekräftigung, in den Tiber.

Für heutige BeobachterInnen wie den Oldenburger Althistoriker Michael Sommer* waren all diese Caligulas, Messalinas und Elagabals allerdings eher die Opfer ihrer zeitgenössischen Geschichtsschreiber, die ja in der Regel, etwa als Senatoren, selber zur Elite gehörten und nur zu gerne alles anschwärzten, was nicht in ihrer eigenen weißen Toga steckte.

Opfer von Spartacus-Aufständen waren sie leider sehr selten.

* Narren im Purpur, Darmstadt 2012


8 - Arthur I.

Er hatte eine Pechsträhne. Sie begann schon vor seiner im Jahr 1187 erfolgten Geburt. Er lernte seinen Vater, den Herzog der Bretagne Gottfried II., gar nicht kennen, weil dieser kurz vorher bei einem Turnier in Paris von einem Pferd zertreten worden war. Daraufhin beanspruchte Richard genannt „Löwenherz“ die Vormundschaft, weil der kleine Arthur ja ohnehin der Erbprinz, also Anwärter auf den englischen Thron sei. Das behagte freilich Arthurs Mutter Konstanze nicht, die ihn deshalb, zum neuen Herzog von Bretagne erklärt, in die Obhut des französischen Königs Philipps II. gab, einem Erzfeind Richards, wo er gemeinsam mit dem Prinzen Ludwig VIII. erzogen wurde. 1199 wurde das „Löwenherz“ bei der Belagerung einer abtrünnigen Burg in Mittelfrankreich von einem Armbrustbolzen stillgelegt. Nun schwang sich Richards Bruder Johann Ohnesorg, zugleich ein jüngerer Bruder des vom Pferd zertretenen Gottfried, auf den englischen Thron, was sowohl Konstanze wie dem Löwenanteil des französischen Adels mißfiel. Mit der Rückendeckung Philipps II. belehnte Konstanze ihren Sprößling mit weiteren französischen Herzogtümern und nötigte den ungefähr 15jährigen Knaben, sich im Sommer 1202 an die Spitze eines Troßes zu setzen, um diese Belehnung, zunächst in Poitou, auch militärisch durchzusetzen.

König Johann Ohnesorg klebte jedoch insofern nicht an seinem englischen Thron, als er Arthur bei der Belagerung von Poitiers (wo die Mutter des „Löwenherz“ Hof führte) übertölpelte und gefangen nahm. 1203 von William de Braose nach Rouen überführt und dort eingekerkert, verschwand der umstrittene edle Knabe nahezu spurlos in der Versenkung. Die HistorikerInnen gehen heute zumeist davon aus, Johann habe ihn töten und verscharren lassen. Die zeitgenössischen margam annals wollen es genauer wissen: der betrunkene und „vom Teufel besessene“ Johann habe den Arthur am Gründonnerstag in der Burg von Rouen eigenhändig erschlagen und seinen Leichnam, mit einem Stein beschwert, in die Seine geworfen. Das wäre dann noch nicht der letzte Racheakt des eisernen Johann gewesen. Da William de Braose nach Arthurs Verschwinden stark in Johanns Gunst gestiegen war, wurden die beiden der Komplizenschaft verdächtigt, und in der Tat klagte Williams Frau Maud den König Johann viele Jahre später im Rahmen eines Streites des Mordes an Arthur an. Darauf wurde sie mitsamt ihrem ältesten Sohn ins Gefängnis geworfen, wo sie verhungerten, während sich Schurke William dünne machen konnte.

Wie so oft, fanden auch diese mit manchem Herzblut verbundenen Schauergeschichten ihren malerischen und literarischen Nachhall, unter anderem in Shakespeares Drama König Johann, worin der Knabe Arthur erst auf der Flucht aus dem Kerker sterben muß. Friedrich Dürrenmatt machte 1968 (Aufführung in Basel) eine Art in herrschenden Kreisen spielende Gangsterkomödie aus Shakespeares Werk – mit der „Moral, der kleine Mann ist immer der Dumme“, wie der Spiegel* damals meinte. So etwas würde das Wochenblatt heute nicht mehr schreiben.

* Nr. 39/1968


9 - Minamoto no Sanetomo

Shōguns waren die Chefs des japanischen Kriegeradels der Samurai, ungefähr den europäischen Herzögen vergleichbar. Minamoto no Sanetomo, geboren 1192, war bereits mit 11 Jahren Shōgun geworden – als Nachfolger seines ermordeten Bruders Minamoto no Yoriie. Faktisch herrschte zunächst sein Großvater Hōjō Tokimasa, während sich Sanetomo, angeblich mit beachtlichen Erfolgen, in der Kunst des Waka-Verseschmiedens übte. 1218 brachte er es zum Minister am kaiserlichen Hof. Allerdings soll er ein antriebsloser Hasenfuß und ein Saufkopf gewesen sein; er habe den Alkohol entschieden dem Tee vorgezogen. Seine Angst war natürlich nicht aus der Luft gegriffen. Am 13. Februar 1219 wurde der inzwischen 26jährige Shōgun seinerseits in der damaligen Hauptstadt Kamakura beim Verlassen eines Shintō-Schreins erstochen – von einem Sohn seines ermordeten Bruders.


10 - John Ball

Einen bald berühmten Kernsatz aus seinen Predigten, die er vornehmlich außerhalb der offiziellen Gottesdienste vor Bauern und anderen Werktätigen, etwa auf Kirchhöfen, in der gemeinsamen Landessprache (statt auf Lateinisch) hielt, zahlten ihm die edlen Herren im Sommer 1381 grausam heim, als er um 45 Jahre alt war. Der Satz lautete: “When Adam delved [grub] and Eve span [spann], Who was then a nobleman?” Da ihm der Erzbischof von Canterbury verständlicherweise (schon 1364) Kanzelverbot erteilt hatte, zog der volksfreundliche Anhänger John Wiclifs als Wanderprediger durch das von Adel, Klerus, Krieg, Abgabelast und Pest verwüstete England. Dabei verfügte allein die damals noch römisch geprägte Kirche über zwei Drittel des englischen Bodens.* Was Wunder, wenn Ball wiederholt verhaftet und eingesperrt wurde. Zuletzt holten ihn Aufständische gewaltsam aus dem Kerker. Dann soll er, schon in seinem Todesjahr, sogar am Sturm der von Wat Tyler geführten Bauern auf den Londoner Tower beteiligt gewesen sein, bei dem der erwähnte Erzbischof, Simon Sudbury, sein bigottes Leben einbüßte. Leider ließen sich die Rebellen mit Versprechungen hinhalten, bis der Aufstand zerbröckelt war. Ball wurde bald darauf in Coventry aufgespürt und nach einem sogenannten Prozeß am 15. Juli 1381 in seiner Heimatstadt St. Albans (nördlich von London) im Beisein des sogenannten Königs, Richard II., bei noch lebendigem Leibe öffentlich ausgeweidet, geköpft und auch sonst zerhackt. Anschließend erfreuten sich sämtliche Leichenteile nochmals einer mahnenden Zurschaustellung. Weiblichen Sündern blieb dieses ausgiebige Verfahren, Drawing und quatering genannt, in der Regel erspart: sie kamen auf den Scheiterhaufen, wie Johanna.

* Melvyn Bragg 2014 im BBC-Fernsehen, laut Guardian, 4. August 2014, online hier


11 - Jeanne d’Arc (Johanna von Orleans)

Wer hätte noch nicht von ihr gehört? Berühmte Dramatiker mehrten ihren Ruhm, voran Shakespeare, dann Schiller, Shaw, Brecht ... Voltaire wagte es allerdings schon, die Heldin und Heilige seiner Nation zu verspotten. Da soll es die Tochter eines halbwegs wohlhabenden Bauern und Dorfbürgermeisters aus Lothringen, die weder des Lesens und Schreibens noch des Degens mächtig war, mit 17 zur Feldherrin ihres Königs gebracht haben, der sie noch nie angetastet hatte, denn bekanntlich endete sie als Jungfrau auf dem Scheiterhaufen? Ja, so war es. Gott hatte sie auserwählt. Er konnte auf Johannas beachtlichen Fanatismus und den bekannten Wunderglauben des Volkes bauen. Er machte sie zur Erfinderin des „Vaterlandes“ und Gegenspielerin einer hartgesottenen Königin, nämlich Elisabeth aus dem Hause Wittelsbach, genannt Isabeau de Bavière, Gemahlin des streckenweise umnachteten Königs Karl VI. von Frankreich, die schamlos mit dem Feind (England) und dessen Vasallen (Burgunder) konspirierte. So gelang es Johannas Truppen schon im Juni 1428, die Engländer gen Norden über die Loire zu scheuchen. Beim Marsch auf Paris scheitert sie allerdings und wird gefangen genommen (Mai 1430). Offenbar hatte Gott umgesattelt. Die Engländer ziehen alles, was im französischen Klerus Rang und Namen hat, voran den Bischof von Beauvais und Rektor der Pariser Universität Pierre Cauchon, zu einer Art „Internationalem Gerichtshof“ in Rouen zusammen und machen der ketzerischen Aufrührerin den Prozeß. Das Ergebnis ist bekannt: die ungefähr 20jährige wird am 30. Mai 1431 auf dem Marktplatz von Rouen verbrannt. Bei lebendigem Leibe. 25 Jahre später kam die Reue: unter Karl VII., dem Sprößling jenes Geistesgestörten, wurde Johanna offiziell rehabilitiert, im 20. Jahrhundert gar von zwei Päpsten selig- und heiliggesprochen. Nur ihre Mörder wurden nie zur Rechenschaft gezogen.


12 - Mircea II.

Die Walachei ist vornehmlich durch eine abfällige Redensart und durch ein Monster bekannt. Im Mittelalter Fürstentum, durfte der Balkan-Landstrich nördlich der Donau vor allem Zankapfel zwischen den Ungarn und den Türken spielen. Um 1860 ging dann aus Walachei und Moldau der Staat Rumänien hervor.

Mircea II. entstammte dem Herrschergeschlecht derer von Drăculea, zu deutsch der „Söhne des Drachen“. Dahinter verbarg sich der von Sigismund von Luxemburg gegründete (christliche) Drachenorden – und im speziellen Fall von Mirceas Bruderherz Vlad III. Drăculea auch dessen Vorliebe, mißliebige Gegner oder Untertanen durch Pfählung hinrichten zu lassen. Aber noch stand der Bruder nicht am Ruder. Vater Vlad II. Drăculea hatte eigentlich seinen Ältesten Mircea dazu ausersehen, 1442 das Fürstenzepter zu übernehmen, doch das paßte dem Konkurrenten-Clan derer von Basarab nicht. Nach einigem Gerangel um die Macht – in das sich auch die Ungarn einmischen – bestimmt Vlad II. den 22jährigen Mircea, der bereits als geschickter Feldherr gilt, 1444 dazu, mit einem Troß berittener Krieger ein Kreuzfahrerheer gen Konstantinopel zu verstärken. Dummerweise verbünden sich aber die Türken mit den Ungarn und schlagen die christliche Armee vor allem in der Schlacht bei Warna (10. November 1444) vernichtend. Bei diesen oder noch folgenden Auseinandersetzungen in Gefangenschaft geraten, wird der inzwischen 24jährige Mircea rund zwei Jahre später, am 12. Dezember 1446, in Târgoviște, damals Hauptstadt der Walachei, auf Befehl der im Boyardischen Rat sitzenden Ungarn nicht etwa mit Pfählen durchbohrt, vielmehr mit Hilfe eines glühenden Schüreisens geblendet und anschließend lebendig begraben.

Wie man sich inzwischen schon denken kann, war es zumindest in der Phantasie des irischen Schriftstellers Bram Stoker von jener fürstlichen Vorliebe zu Pfählungen nicht mehr weit bis zu den Vampirzähnen des Grafen Dracula. Der berühmte Schauerroman erschien erstmals 1897. Er hat zwischen 1922 und 2012 rund 25 Verfilmungen erfahren.

Bei der Blendung unterscheiden die Quellen nicht immer zwischen der erwähnten Methode (durch die, auch bei geschlossenen Augenlidern, dank der Hitze die Augenflüssigkeit verdampft und die Netzhaut zerstört wird) und dem Ausstechen der Augen. Im Lichte der Nächstenliebe nehmen sich freilich beide Methoden kein Lux. Sie waren auch keineswegs auf „barbarische“ Gefilde in Kleinasien oder Afrika beschränkt. Im Deutschland des späten Mittelalters zählte die qualvolle Beseitigung des Sehvermögens zu den häufig angewandten Formen landesherrlicher Bestrafung, zumal gegen aufbegehrende Bauern. So ließ etwa der Markgraf Kasimir von Brandenburg-Kulmbach 60 Männern, die sich am fränkischen Bauernaufstand beteiligt hatten, am 9. Juni 1525 in Kitzingen die Augen ausstechen. 12 von ihnen überlebten diese Maßnahme nicht. Die anderen wurden, als Blinde, aus der Stadt gejagt. Kasimir selber erlag mit 45 just auf dem Balkan (in Ofen, heute zu Budapest) der Ruhr.


13 - Juanita

Der US-Anthropologe Johan Reinhard und sein Begleiter Miguel Zárate fanden sie 1995 am peruanischen Anden-Gipfel Ampato (6.300 Meter) unterhalb des Kraterrandes – als eingefrorene Mumie. Nachdem die „Jungfrau aus dem Eis“ andernorts aufgetaut worden war, ergaben die wissenschaftlichen Untersuchungen: Das ungefähr 14 Jahre alte und 1,40 Meter große Inkamädchen starb um 1450 durch einen Schädelbruch, für den ein Schlag gegen ihre rechte Schläfe verantwortlich war. Sechs bis acht Stunden vor ihrem Ende hatte „Juanita“, wie sie nun auch genannt wurde, Gemüse gegessen. Vermutlich waren ihr zudem – vorm Erschlagen – Drogen verabreicht worden. Da die Inkas den Berg Ampato oder die dort erreichbaren Götter (Sonne!) als Wasser-, Nahrungs- und Lebensspender verehrten, lag die Annahme nahe, Juanita sei damals geopfert worden. Die große Höhe des Fundorts, Grabbeigaben wie silberne Broschen, eine federverzierte Tasche mit Kokablättern und kostbare Textilien wie auch etliche vergleichbare Leichenfunde unterstrichen diese Deutung.

Solche Opferungen, die nebenbei ertaunliche Bergsteigekünste der betreffenden Opfer, Führer und Priester erweisen (bis 6.000 Meter in Sandalen), waren damals üblich. Sie sollten den Göttern Dank bezeugen und sie gnädig stimmen. Und sie zählten zu den höchsten Ehren, die einem Inkamädchen zuteil werden konnten. Angeblich nahm man nur die schönsten dafür, allerdings nicht aus den eigenen Reihen der Elite, wie Forscher um Andrew Wilson von der Universität Bradford, Großbritannien, 2007 herausgefunden haben wollen. Die Kandidatinnen wurden vor dem Opfergang langwierig geläutert oder gleichsam veredelt, durch gute Ernährung und rituelle Handlungen. Demnach hätte auch „Juanita“ lange vorm Erklimmen des erloschenen Vulkans um den Zweck der Reise gewußt – und sie aus dem genannten Grund, allen Entbehrungen zum Trotz, freudig erregt mitgemacht. Allein der Anmarsch von der Hauptstadt Cuzco (3.400 Meter), wo die Auserwählten sehr wahrscheinlich in gesonderten Tempeln auf ihre Mission vorbereitet worden waren, betrug rund 200 Kilometer. Denn die Inkas ritten nicht.


14 - Afonso de Portugal

Anders Afonso – was ihm gleichfalls zum Verhängnis werden sollte. Der einzige rechtmäßige Sohn des damaligen portugiesischen Königspaars hatte das Licht der Welt 1475 in Lissabon erblickt. Als Nachfolger auf dem Thron hätte er aufgrund seiner Heirat mit der kastilischen Prinzessin Isabella über die gesamte iberische Halbinsel geherrscht – eine Aussicht, die bei dem „katholischen“ Herrscherpaar von Kastilien und Aragon auf wenig Gegenliebe stößt. Doch wie es der Zufall so will, fällt Afonso im Sommer 1491 mit 15 Jahren bei einem Ausritt am Tejo bei Santarém vom Pferd und haucht in einer Fischerhütte sein Leben aus.

In der Folge mißlingt es König Dom Joao II. leider, noch schnell einen Erben zu zeugen oder aber seinen illegitimen Lieblingssohn Jorge (Georg de Lancastre) als Kronprinzen durchzusetzen. So ergattert 1495, nach Joaos offenbar „natürlichem“ Tod, dessen Vetter Dom Manuel die Krone, der prompt als Manuel I. der Glückliche in die Geschichtsbücher eingeht. Der erst 40jährige Joao starb sicherlich nicht als Unschuldsengel. Er hatte adelige Konkurrenz blutig verfolgen lassen und 1484 seinen Schwager Dom Diogo, Herzog von Viseu, im Rahmen einer Unterredung eigenhändig erstochen. Auch der neue König Manuel galt nicht als zimperlich, sonst hätte er wohl kaum das portugiesische Kolonialreich schaffen und zum reichsten Herrscher Europas aufsteigen können. Den berühmten (und mordlustigen) Seefahrer Ferdinand Magellan, der sehr wahrscheinlich mit 40 oder 41 Jahren vor der philippinischen Insel Mactan aufgrund eines einheimischen vergifteten Pfeiles ins seichte Wasser biß, förderte er selbstverständlich nicht aus uneigennützigen Gründen. Manuel tat sich auch in der Judenverfolgung hervor. Übrigens nahm er sich (1497) ausgerechnet die Witwe des vom Pferd Gefallenen, Isabella, zur Frau Königin.

Der Verdacht, bei jenem Sturz am Tejo hätte jemand nachgeholfen, lag also nahe. Der Kronprinz galt als vorzüglicher Reiter. Einziger Zeuge des Geschehens war sein Diener, der sich noch am selben Tage nach Kastilien absetzte. So kursierten die Gerüchte. Nur Beweise fanden sich, soweit ich weiß, bis heute nicht.


15 - Thomas Müntzer

Eine Parallele zur Erfindung von Völkern und Vaterländern treffen wir in dem etwas später einsetzenden Bemühen an, einen Frontverlauf zwischen Katholizismus und Protestantismus zu konstruieren. Auch dieses Konstrukt bezweckte oder bewirkte jedenfalls die Ablenkung vom Gegensatz oben/unten. Folgerichtig blies Luther, Geißler des Ablaßhandels und noch anderer Scheinheiligkeiten des Klerus, die Fürsten, Grafen und Ritter sofort mit Hilfe seines mit Galle gefüllten Hornes zum Angriff „wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern“, nachdem diese es scharenweise gewagt hatten, sich gegen ihre Peiniger zu erheben. Das Land, das der hörige Bauer bewirtschaftete, gehörte ihm nicht, und einen gehörigen Anteil des Ertrages hatte er an den Grundherrn und die Pfaffen abzuliefern. Hinzu kam Fronarbeit bei diesen Blutsaugern selber – sei es, um ein Schloß, sei es, um ein Gotteshaus zu errichten. Der Graf durfte jede Magd und jede Bauerstochter schänden, sofern ihm der Sinn danach stand, und das war oft der Fall. Bei der Jagd durfte er ungestraft durch den vom Hörigen angebauten Weizen trampeln; wagte es aber der Hörige, im gräflichen Wald einen Ast Brennholz aufzulesen, hatte er Glück, wenn er nicht, wie bereits oben erwähnt, geblendet wurde, bevor man ihm den Schädel abschlug.

Dieses Schicksal sollte 1525 auch der 36jährige Thomas Müntzer erleiden, obwohl er von Hause aus Theologe und anfangs Bewunderer Luthers gewesen war. Der sächsische Priester, 1513 in Halberstadt geweiht, hatte sich im Folgenden bei seinen Dienstherren wegen seiner aufrührerischen Reden und seiner Reformversuche – etwa Abschaffung aller Privilegien, Auflösung der Klöster, Gottesdienste in deutscher Sprache – immer unbeliebter gemacht und ein entsprechendes Wanderleben geführt. Andererseits wuchs dadurch seine Anhängerschaft. 1523 heiratete er als Pastor der Allstedter Johanniskirche mit Ottilie von Geusau (oder Gersen) eine Ex-Nonne, die aus dem Kloster Wiederstedt entlaufen war. Sie brachte ihr erstes Kind im März 1524 zur Welt. Im selben Jahr nach Mühlhausen entflohen, mauserte sich Müntzer fast über Nacht zum nicht nur das Wort schwingenden Führer der Thüringer Bauernkriege. Ein Jahr darauf erlitt er mit seinen „Haufen“ in einer Schlacht bei Frankenhausen eine empfindliche Niederlage. Er wurde gefangen, im Beisein des Herzogs Georg der Bärtige gefoltert und am 27. Mai 1525 vor den Toren Mühlhausens enthauptet.

Getreu dem Wahlspruch, doppelt hält besser, wurde sein Leib anschließend aufgespießt, sein Kopf auf einen Pfahl gesteckt. Ottilie Müntzer, erneut schwanger, mußte Mühlhausen, wo ihr Mann gewählter Pfarrer der Marienkirche gewesen war, auf Geheiß der Sieger gleich nach der Niederkunft verlassen. Sie war am Jahresbeginn ohnehin schon einmal verhaftet worden, weil sie bei einem katholischen Gottesdienst in Mülverstedt als „Hauptstörerin“ in Erscheinung getreten war. Vermutlich begab sie sich nun zu Verwandtschaft nach Nordhausen oder Erfurt. Das Schicksal ihrer beiden Kinder ist nicht bekannt, aber immerhin sind in Ostdeutschland zahlreiche Schulen nach Müntzer benannt – noch jedenfalls. Der Mutter war das Übelste schon bei den Maikämpfen widerfahren: ein Soldat des Fürstenheeres hatte sie vergewaltigt. Der Hamburger Theologin Inge Mager zufolge ist dieser Vorfall sogar von Luther scharf verurteilt worden.*

* Referat „Theologen-Ehefrauen als 'Gehilfinnen' der Reformation“, Uni Hamburg 1999


16 - Cuauhtémoc

Mit mindestens 100.000, möglicherweise 150.000 BewohnerInnen war Tenochtitlan, die Metropole des aztekischen Reiches, in seiner Hochzeit, um 1500, eine der größten Städte der damaligen Welt. Die Stadt mit ihren oft mehrstöckigen Häusern und zahllosen „hängenden Gärten“ lag auf verschiedenen Inseln in einem See der mexikanischen Hochebene und war mit dem Festland durch Dämme verbunden, in die Zugbrücken eingelassen waren. Gegen die Übermacht der spanischen Imperialisten war sie gleichwohl auch von Cuauhtémoc, dem herabstoßenden Adler und letzten Aztekenherrscher, nicht mehr zu halten.

Den Namen dieses Mannes, der mit ungefähr 27 Jahren starb, erhalten noch heute viele Mexikaner als Vornamen; auch etliche Einrichtungen, sogar eine Stadt, sind nach ihm benannt. Zwar entging Cuauhtémoc, im Gegensatz zu seinem nur für Monate regierenden Vorgänger Cuitláuac, den von den glorreichen spanischen Eroberern Mexikos eingeschleppten Pocken, aber dann wurde er bei den Endkämpfen geschnappt, als er, am 13. August 1521, mit einem Boot zu fliehen versuchte. Von Cortés zunächst ehrenvoll behandelt, wurde Cuauhtémoc nach einigen Tagen dennoch gefoltert, damit er den Verbleib verschiedener Schätze verrate. Angeblich widerstand er allen Qualen ohne etwas auszuplaudern – was auch von der Tatsache nahegelegt wird, daß ihn Cortés noch für einige Jahre am Leben ließ. Erst im Februar 1525, bei seinem Eroberungszug nach Honduras, befahl Cortés die Erhängung Cuauhtémocs, weil dieser angeblich ein Mordkomplott gegen ihn geschmiedet hatte.

Bald darauf ließ sich der Abgesandte Gottes, der spanischen Krone und der weltweiten Zunft der Goldschmiede für Münzzwecke den Leckerbissen nicht entgehen, mit der Witwe des Ermordeten, Tecuichpoch, einer Tochter Moctezumas, seinerseits eine Tochter zu zeugen, Doña Leonor Cortés y Moctezuma, geboren 1527. Deren Schicksal liegt im Dunkeln, doch es dürfte kaum leicht gewesen sein. Als Cortés 1547 auf seinem Landgut in Andalusien starb, soll er alle seine ehelichen und unehelichen Kinder beerbt haben, darunter ausdrücklich auch die 20jährige Doña Leonor. Somit lebte sie zu diesem Zeitpunkt noch.

Um es nicht zu verschweigen: auch die Azteken oder genauer, ihre herrschenden Schichten, waren keineswegs Deckchensticker gewesen, die sich züchtig nur am eigenen Herd aufgehalten hätten. Sie führten mit Begeisterung Eroberungskriege und verschmähten auch Gefangene nicht. Aber zum einen ist ihre berüchtigte Gepflogenheit des Menschenopfers und Herzausreißens bei lebendigem Leibe gern von spanischen „Missionaren“ maßlos aufgebauscht worden, zum anderen verloren mit der spanischen Eroberung ungefähr 15 Millionen amerikanische UreinwohnerInnen ihr Leben, sowohl durch die eingeschleppten Krankheiten wie durch die Grausamkeiten der aus Europa angereisten Zivilisierten. 15 Millionen, das entspricht ungefähr der heutigen Gesamtbevölkerung der Niederlande.


17 - Jörg Ratgeb

Die meisten Marksteine aus Leben und Werk des schwäbischen Malers wackeln, man gibt sie nur ohne Gewähr. Die Berliner Kunsthistorikerin Uta Baier behauptet sogar*, selbst sein stets hervorgehobenes grausames Ende auf dem Pforzheimer Marktplatz im Jahr 1525 oder 1526 sei nicht zweifelsfrei erwiesen. Der vielbeschäftigte Kirchen- und Klostermaler, streckenweise Betreiber von Meisterwerkstätten, war um 1480 geboren worden – wahrscheinlich in Schwäbisch Gmünd. Ein erster, wohl prägender Zusammenprall mit der volksfeindlichen Obrigkeit soll ihm um 1510 in Heilbronn widerfahren sein, wo er ohne Bürgerrecht zu schaffen hatte, weil er sich vergeblich darum bemühte, seine Ehefrau oder Geliebte, eine Leibeigene des württembergischen Herzogs Ulrich, von diesem freizukaufen. Zwei entsprechende Bittgesuche weist Ulrich ab. Auf einen dritten Vorstoß verzichtet Ratgeb wahrscheinlich deshalb, weil seine Gefährtin inzwischen starb, wie angenommen wird. Im Lichte dieses Vorfalls könnte es merkwürdig anmuten, wenn Ratgeb später im Bunde mit eben diesem Fürsten auf Seiten der Bauern gegen die kaiserliche Besatzungsmacht kämpfte. Aber Ulrich, 1519 verbannt, schlug sich gewiß nur deshalb auf die Seite der aufständischen „Rotten“, um den Habsburgern (unter Kaiser Karl V.) sein Fürstentum wieder abzujagen. Dieser Kampf geht verloren. Der Herzog kehrt erst 1534 siegreich wieder, worauf er flugs die für ihn einträgliche sogenannte Reformation einführt.

Nebenbei bemerkt, war der adlige Schuft unter anderem wegen eines heimtückischen Mordes an einem ihm unbequemen Beamten vertrieben worden. Er hatte im Sommer 1515 seinen 38jährigen Stallmeister Hans von Hutten um die Ecke gebracht – zufällig ein Vetter des ungleich bekannteren Ulrich von Hutten, was sich noch rächen sollte. Auslöser war Hansens Heirat mit Ursula Thumb von Neuburg gewesen, die komplizierterweise zugleich die heimliche Geliebte des Herzogs war. Als der Stallmeister des Herzogs Ansinnen, ihm bei der Frischangetrauten weiterhin freie Hand zu lassen, empört zurückwies, kam es zum Bruch. Huttens Entlassungsgesuch erwiderte der Herzog jedoch mit einem Angebot zur Versöhnung, das jener trotz Warnungen von Freunden für bare Münze nahm. So folgte er, nur leicht bewaffnet, des Herzogs Einladung zur Jagd im Schönbuch (südlich von Stuttgart) – und ging ihm in die Falle. Der gutgewappnete Herzog schickte seine Leute voraus und tötete den Querulanten „im finsteren Tann“ mit eigener Hand. Die Sache kam jedoch ans Tageslicht. Der andere Hutten beteiligte sich dann am Kriegszug des (kaisertreuen) Schwäbischen Bundes, der den Herzog im Frühjahr 1519 aus seinem Land jagte.

Seit 1522 erneut in Stuttgart bezeugt, finden wir Ratgeb im April 1525 als Mitglied des gewählten dortigen revolutionären Stadtrates wieder. Beauftragt, mit den aufständischen Bauern zu verhandeln, schlägt er sich prompt auf deren Seite und wird nun zum Kriegsrat und Kanzler des Bauernführers Matern Feuerbacher ernannt. Doch wie schon gesagt, nach wenigen Wochen scheitert die Erhebung. Der flüchtende Maler und „Rädelsführer“ Ratgeb wird in Pforzheim festgenommen und ebendort zum Tode durch Vierteilen verurteilt. Begründung: „Hochverrat“.

Bei der Hinrichtungsart Vierteilen, selbst im rauhen Mittelalter eher selten vorgenommen, wurde der Deliquent von der Henkersmannschaft oder von Pferden oder Ochsen an den vier Gliedmaßen gepackt und so zerrissen. In gnädigen Fällen hatte man ihn vorher schon getötet. In anderen war der Henker im Gegenteil darauf bedacht, ihn im Laufe der vorausgehenden Peinigung tunlichst bei Bewußtsein zu halten, damit er auch die Vierteilung noch genießen könne. Möglicherweise hatte Ratgeb zu Lebzeiten von seinem niederländischen Kollegen Dierick Bouts gehört. Der führte um 1470 eine Vierteilung durch berittene Pferde auf seinem Gemälde Martyrium des Heiligen Hippolyt vor.

* in Arsprototo Nr. 3/2012


18 - Étienne Dolet

Der teils in Lyon, teils im Piemonter Exil wirkende freisinnige Drucker, Autor und Übersetzer war mehrmals verhaftet und eingesperrt worden. Ausgerechnet am 3. August 1546, seinem 37. Geburtstag, wurde sein Widerstand gegen die königlichen und kirchlichen Anmaßungen auf dem Pariser Platz Maubert endgültig gebrochen: er wurde öffentlich erdrosselt und verbrannt. Hermann-Peter Eberlein* behauptet sogar, die Henker hätten Dolet vorm Erwürgen die Zunge herausgeschnitten. Das fügt sich ohne Zweifel gut mit der Überlieferung zusammen, auf dem Gang zum Gerüst habe der unbeugsame Ketzer seinen vielzitierten Pentameter Non dolet ipse Dolet, sed pia turba dolet erdacht und geäußert. Vermutlich wirkt dieses Wortspiel – ich bin des Lateinischen nicht mächtig – in der Übersetzung blasser, als sein dem Tode geweihter Schöpfer gewesen sein soll: „Nicht nur Dolet hat zu leiden, auch das fromme Volk.“

Dem berühmten Gelehrten und Ketzer Giordano Bruno (52) soll die Zunge festgebunden oder geknebelt worden sein, ehe ihn die päpstlichen Schergen Anfang 1600 in Rom zum Scheiterhaufen führten. Man ersparte sich so die umständliche Alternative, den versammelten Massen die Ohren zuzubinden.

* Aufsatz „Der freie Geist im Exil“, in: Patrik Mähling (Hrsg): Orientierung für das Leben, Berlin 2010, S. 140–58


19 - Pierre Belon

Belon war kein Aufrührer. Nach ausgedehnten Reisen rund ums Mittelmeer begründete der Apotheker, Mediziner und Naturforscher in seinem Heimatland Frankreich zwei Botanische Gärten und führte dadurch unter anderem die Zeder ein. 1517 in Souletière (südlich von Le Mans) in keineswegs wohlhabender Familie geboren, hatte sich Belon dennoch zum Universalgelehrten aufgeschwungen. Er studierte in Wittenberg, Paris und Padua. Sein besonderes Interesse galt freilich Fischen und Vögeln, wobei er Pionierarbeit in der vergleichenden Anatomie leistete. Die Fachwelt zählt den Autor etlicher Bücher zu den bedeutensten Naturwissenschaftlern seines Jahrhunderts. Die Krone war ihm gewogen, gewährte ihm schon früh eine Pension und eine Villa im Bois de Boulogne bei Paris. Doch eben in diesem parkähnlichen Waldgebiet wird er im April 1564, um 46 Jahre alt, „auf mysteriöse Weise“ ermordet, „wahrscheinlich“ von einem „rôdeur“ (Herumtreiber?), wie die französische Wikipedia schreibt. Offenbar blieben der oder die Täter unerkannt. Édouard Morren teilt immerhin mit*, Belon habe sich auf der Heimkehr aus Paris befunden. Ob zu Fuß, per Kutsche oder sonstwie, verrät der belgische Botaniker nicht. Auch über Belons Wunden sowie seine persönlichen Verhältnisse schweigen die Quellen. Diese Dürre wirkt angesichts der angeblichen Bedeutung des Opfers ziemlich befremdlich. 1887 bekam Belon in Le Mans das zeitübliche Standbild. Dafür hatte der französische Züchter Jean-Pierre Vibert aus Trangé, westlich von Le Mans, 2005 die Idee, dem Mordopfer eine neue füllige, fast pinkfarbene Rose Pierre Belon zu widmen, eine Chinarose-Gallica-Hybride.

* A la memoire de Pierre Belon du Mans, Liège (Belgien) 1885,
S. 7



20 - Túpac Amaru

„Leuchtende Schlange“ kam 1570 mit ungefähr 25 Jahren auf den Thron – als letzter Herrscher der Inkas, wie sich zeigen sollte. Das „Reich“ war inzwischen auf die kleine Region Vilcabamba hoch in den Anden zusammengeschmolzen. Zwei Jahre nach Amarus Antritt schleifte eine spanische Expedition unter Hauptmann Martín García Óñez de Loyola und General Martín Hurtado die Bergfestung, in der sich der König mit rund 500 Kriegern verschanzt hatte. Zwar war es den Inkas gelungen, sich vorher in die Urwälder des Amazonasbeckens und in die Obhut des Indianervolks der Maranries abzusetzen, doch durch Verrat fiel Amaru dennoch in die Hände der Eroberer. Sie sagten ihm zu, sein Leben werde geschont. In goldenen Ketten nach Cuzco überstellt, ordnete „Vizekönig“ Francisco de Toledo trotz Einsprüchen von Priestern seine Hinrichtung an, so daß Amaru am 24. September 1572 auf der Plaza de Armas vor den Augen von etlichen Tausend Inkas enthauptet wurde. Nach spanischen Augenzeugenberichten hob er zuvor die Hand und rief den verstummten Massen zu: „Möge Mutter Erde bezeugen, wie meine Feinde mein Blut vergießen!“ Auf diese Weise wurde er zur Ikone vieler antiimperialistischer Freiheitsbewegungen, darunter die Tupamaros in Uruguay. Der 1973 gestorbene Chilene Pablo Neruda dichtete: „Die niederen Dörfer lehmiger Erden, / die aufgegebenen Webstühle, / die nassen Häuser aus Sand, / sie sagen im Stillen: Túpac / und Túpac ist ein Samenkorn, / sie sagen im Stillen: Túpac, / und Túpac bewahrt sich in der Ackerfurche, / sie sagen im Stillen: Túpac, / und Túpac keimt in der Erde.“


21 - Matija Gubec

Sollte dieses Werk je einen kroatischen Leser finden, wird er um Nachsicht gebeten, wenn ich seinen „Nationalhelden“ nur mit wenigen Worten streife. Die Unterdrückung der Bauern der Zagorje, einem Hügelland bei Zagreb, um 1570 dürfte sich nicht wesentlich von den Zuständen in Thüringen unterschieden haben, und Matija Gubec, Leibeigener des Grundherren Franjo Tahy, endete ähnlich wie Thomas Müntzer.

Gubec hatte sich an die Spitze von Aufständen gestellt, die sich rasch bis nach Slowenien und in die Steiermark ausbreiteten. Man kämpfte unter dem Zeichen eines roten Haushahnes. Das in Zagreb sitzende sogenannte „Parlament“ von Habsburger Gnaden nannte die Aufständischen „Hochverräter“, was wir ja bereits von Ratgeb kennen. Sie hatten ihre Ausbeuter und Peiniger im Stich gelassen. Nach Anfangssiegen wurden die einfach bewaffneten Bauerntruppen bei Gurkfeld und Kerestinec aufgerieben. Man spricht von rund 6.000 getöteten Bauern. Der gefangene ungefähr 35jährige Gubec wurde am 15. Februar 1573 auf dem Zagreber Platz des Heiligen Marko in aller Öffentlichkeit unter Folter mit glühenden Zangen und durch Aufsetzen einer glühenden Krone grausam hingerichtet und noch anschließend gevierteilt. Sein Landsmann Oton Iveković hielt die Szene, mit feuerrot gekleideten und zipfelmützigen Henkersknechten, 1921 auf einem Ölgemälde fest – gegen die Schrecken des deutschen und kroatischen Faschismus (unter Ante Pavelić) vergeblich.

Ein alpenländisches Gegenstück zu Müntzer soll übrigens der studierte Jurist Michael Gaismair gewesen sein, ursprünglich Schreiber in der tiroler Landesverwaltung. Um 1525 zum Feldherrn aufständischer Bauern gewandelt, verfaßt er nun einen verhältnismäßig radikalen Katalog von antifeudalen und kirchenfeindlichen Forderungen, der ihm weiteren Zulauf einbringt. Auch mit dem Züricher Reformator Ulrich Zwingli steht er in Verbindung. Doch von Erzherzog Ferdinand I. hereingelegt und gejagt, zieht sich Gaismair 1529 nach Padua, Venetien, zurück, wo ihn drei Jahre darauf, ungefähr 42 Jahre alt und inzwischen Vater von vier Kindern (mit Magdalena Ganner), die Dolche eines vom ausgesetzten Kopfgeld beflügelten Mördertrios ereilen.*

* Eine jüngste gelungene Darstellung soll Ralf Höller vorgelegt haben: Eine Leiche in Habsburgs Keller, Salzburg 2011


22 - Vittoria Accoramboni

Weder von Adel noch reich, war sie gleichwohl ein schöner Mordgrund gewesen. Ihr erster Gatte Paolo Orsini, Herzog von Braccicano und einer der mächtigsten Männer Roms, hatte ihretwegen ihren ersten Mann beseitigen lassen, übrigens durch ihren Bruder Marcello, und zudem seine eigene erste Frau, eine Medici, eigenhändig erdrosselt, falls man Brockhaus trauen kann.* Allerdings wurde die neue Ehe bald angefochten. Accoramboni wanderte sogar ins Gefängnis, woraus sie nur dank der Fürsprache eines Kardinals erlöst wurde. Da weiter Gefahr drohte, flüchtete das Paar nach Venedig und Salò. Als Orsini dann selber früh starb, im November 1585, wobei der Giftmischer Francesco de Medici seine Hände im Spiel gehabt haben soll, ging es auch dem Mordgrund an den Kragen: des Herzogs betörende 28jährige Witwe, hier und dort außerdem als „großherzig“ beschrieben, wurde aus Erbschaftsgründen auf Betreiben Ludovico Orsinis und der Medici in ihrem Rückzugsort Padua ermordet. Da verblüfft es wenig, wenn sie, so wechselvoll ausgeschmückt wie ihr ränkedurchwobenes Schicksal war, in dramatischen und epischen Werken fortlebte, so etwa von John Webster (1612), Stendhal (1837), Ludwig Tieck (1840), Gnoli Domenico (1870), Augusta Götze (1878), Robert Merle (1987). Der französische Romancier Merle nannte seinen Beitrag Das Idol – falls es kein deutscher Lektor war.

* Band 1 von 1986, S. 102


23 - Christopher Marlowe

Für das soeben erwähnte Nachschlagewerk wurde der Schuhmachersohn, der in Cambridge studiert und bereits Ruhm als Dramatiker, Lyriker und Übersetzer eingeheimst hatte, 1593 im Alter von 29 Jahren „bei einem Wirtshausstreit erstochen“, aus die Maus.* Immerhin hatte er da ja schon Die tragische Historie vom Doktor Faustus, das Versepos Hero und Leander und das Drama Edward II. vollendet – was wollte er noch mehr? Erfahren zu wollen, worum es denn bei diesem „Wirtshausstreit“ gegangen sei, wäre vielleicht zuviel verlangt, können sich doch herkömmlich gedruckte Nachschlagewerke stets auf „Platznöte“ zurückziehen. Brockhaus ist aber überdies kaltschnäuzig genug, einen anderen Streit, der unter Literaturwissenschaftlern und -Freunden seit mindestens 100 Jahren tobt, mit keinem Komma zu erwähnen: ob Marlowe möglicherweise an jenem Mai-, Zech- und Zahltag im Londoner Stadtbezirk Deptford keineswegs gestorben und ob er nicht vielmehr mit dem ebenfalls 1564 geborenen Stratforder Dramatiker William Shakespeare identisch gewesen sei. Die AnhängerInnen dieser, beispielsweise ausführlich im Wikipedia-Artikel „Marlowe-Theorie“ vorgestellten Sicht (für die Gegenseite selbstverständlich eine Verschwörungstheorie) können sich dabei unter anderem auf Ungereimtheiten des Shakespearschen Lebens und Schaffens stützen, die heute so gut wie niemand mehr bestreitet.** Viele dem „Meister“ aus Stratford zugeordneten Werke lassen sich nur für Einfaltspinsel jenem rothaarigen biederen Kaufmann unterschieben, der weder vor Marlowes (angeblichem) Tod jemals durch literarische Produktion aufgefallen war noch nach seinem eigenen Ableben (1616) Hinweise auf eine solche hinterließ. Zudem war der Kaufmann bar aller höfischen Kontakte und wohl auch aller Fremdsprachenkenntnisse, ganz im Gegensatz zu dem jungen Marlowe.

Der umtriebige Akademiker Marlowe war zumindest zeitweise als Kundschafter im Auftrage Königin Elisabeths tätig gewesen, hatte dann aber schwer mit Vorwürfen wegen seines unverhohlenen „atheistischen“ Denkens und Lebenswandels zu kämpfen. Als er an jenem unheilschwangeren 30. Mai im Hause der durchaus angesehenen Witwe Eleanor Bull mit Ingram Frizer, Robert Poley und Nicholas Skeres beim Abendmahle saß, waren gerade zwei enge Freunde Marlowes eingesperrt und gefoltert und noch andere „Ketzer“ verfolgt oder gar aufgeknüpft worden. Marlowe befand sich ohne Zweifel in einer höchst bedrohlichen Lage, ihm winkte die Todesstrafe. Die „VerschwörungstheoretikerInnen“ nehmen deshalb mit etlichen guten Argumenten an, die Messerstecherei in dem Speisezimmer sei lediglich vorgetäuscht worden. Die Genannten hätten vielmehr Marlowe auf diese Weise aus dem Verkehr gezogen, dafür den Untersuchungsrichtern eine „falsche“ Leiche untergeschoben. Fortan habe Marlowe ein anonymes Leben geführt, allerdings unter verschiedenen Pseudonymen, darunter eben „William Shakespeare“, weiterhin literarische Werke veröffentlicht. Wahrscheinlich sei er erst 1655 in hohem Alter gestorben, und zwar in Gent.

Die bislang jüngste Munition der DenkmalschänderInnen packte ein pensionierter Münchener Medizinprofessor mit einem 700-Seiten-Wälzer auf den Tisch.*** Sein Werk wurde unter anderem von der FAZ verhöhnt und verrissen, was niemanden verblüffen wird, der an die vielen offiziell erlassenen Kanons nicht mehr ganz so fest wie kleine Kinder an den Nährwert des Goldes oder wie die kommunistische Tageszeitung Junge Welt an den „Klimawandel“ glaubt. Im Falle Shakespears stehen neben der Stratforder Tourismusbranche immerhin die sogenannte Reputation (auf deutsch „päpstliche Unfehlbarkeit“) und die entsprechenden Einkünfte von vielen Hundert literaturwissenschaftlichen Kapazitäten auf dem Spiel. Sie müssen rechtbehalten, damit ihre Sterne nicht sinken und ihre Preise nicht fallen.

* Band 14 von 1991, S. 229
** Als der Wiener Schauspieler und Publizist Egon Friedell 1927 den ersten Band seiner Kulturgeschichte der Neuzeit veröffentlichte, waren ihm die Zweifel an der Identität des „heimlichen Königs“ von England durchaus bekannt – weshalb er diese Frage kurzerhand für nebensächlich erklärte: „Vielleicht hieß er nicht Shakespeare: was kümmert uns seine Adresse!“ (Zitiert nach der einbändigen Münchener Dünndruckausgabe von 1974, S. 400.) Hauptsache, die verehrbare „Größe“ war da, soll sie doch Schüttelspeer, Marlowe oder Windbeutel heißen.
*** Bastian Conrad: Christopher Marlowe, der wahre Shakespeare, München 2011



24 - Beatrice Cenci

Da wir von Päpsten sprachen: Cristoforo Cenci, gestorben 1562, hatte seine Stellung als Generalschatzmeister der Apostolischen Kammer und damit der päpstlichen Finanzverwaltung in Rom dazu genutzt, ein riesiges Vermögen anzuhäufen. Sein Sohn Francesco, ein arger Wüstling, brachte einiges davon durch, zumal er (angeblich) homosexuelle Neigungen besaß, damals „Sodomie“ genannt. Einmal konnte er sich lediglich durch Zahlung eines enorm hohen Bußgeldes von 100.000 Scudi vor Gericht freikaufen. Jene Neigung hatte ihn freilich nicht daran gehindert, seiner ersten Ehegattin 12 Kinder zu machen, von denen Beatrice, geboren 1577, eins war. Das Mädchen wuchs teils in einem Kloster für Vornehme, später in der väterlichen Burg des Abruzzen-Dorfs Petrella Salto auf, wo sie sich von ihrem Alten allerdings gefangen und zudem in einem fort gegängelt und mißhandelt sah. Als er einmal einen klagenden Brief von Beatrice an ihren Bruder Giacomo abfing, schlug er sie grün und blau. Auch weigerte er sich, Beatrice eine Hochzeit zu ermöglichen, einerlei mit wem. Stattdessen soll er sie zum „Inzest“ gezwungen, also vergewaltigt haben, was später unter den vielen literarischen Bearbeitern des Falles vor allem Shelley in seinem Versdrama The Cenci von 1819 aufgriff.

Im Herbst 1598 kam Beatrice deshalb mit ihren Brüdern Giacomo und Bernardo sowie ihrer Stiefmutter Lucrezia überein, den Alten aus dem Weg zu schaffen. Als Feder- beziehungsweise Hammer führenden Mörder gewannen sie den Burgkastellan Olimpio Calvetti, mit dem Beatrice sehr wahrscheinlich ein (gesellschaftlich „unmögliches“) Verhältnis hatte. Luise F. Pusch behauptet*, sie sei auch schon schwanger von Calvetti gewesen, was hieße, sie hätte vor ihrer ein Jahr darauf erfolgten Hinrichtung noch entbunden. Am 9. September schlugen die Verschworenen zu – mit einem Schmiedehammer. Sie hatten den Burgherrn durch ein opiumhaltiges Getränk in Schlaf sinken lassen. Zwar erwachte er argwöhnisch zu früh, aber Calvetti machte ihn fertig. Dann warfen sie den Leichnam in den Burggraben und behaupteten den Behörden gegenüber, der Ärmste sei im Tran vom Balkon gefallen. Nach einem Eilbegräbnis reisten alle Tatbeteiligten am 13. September nach Rom. Dort kamen freilich, wegen gar zu vieler Ungereimtheiten, bald Gerüchte auf. Kastellan Calvetti zog die Flucht vor, wurde aber auf Veranlassung eines einflußreichen Freundes der Familie, Mario Guerra, verfolgt und getötet, damit der gute Ruf der Cencis nicht befleckt werde. Gleichwohl saßen die Cencis bald darauf in Untersuchungshaft. Auf Folterungen – mit päpstlicher Sondergenehmigung, da sie dem Adel angehörten – erfolgten Geständnisse und dann drei Todesurteile. Der bestenfalls 18jährige Bernardo kam mit einer lebenslänglichen Galeerenstrafe davon (die später verkürzt wurde). Trotz zahlreicher Fürsprachen von hochgestellten Persönlichkeiten wie auch Protesten im Volk fand am 11. September 1599 auf dem Platz der römischen Engelsburg die öffentliche Hinrichtung statt.

Viele hielten die Mordtat für nachvollziehbar, nämlich in berechtigter Notwehr ausgeführt, und empfanden das Urteil als Terror. Außerdem nahm die inzwischen 22jährige Beatrice alle durch ihre Schönheit ein. Während sie und ihre Stiefmutter Lucrezia „nur“ enthauptet wurden, machte Giacomo mit glühenden Zangen – und einem Schmiedehammer Bekanntschaft. Nach dem Erschlagen wurde er noch gevierteilt. Die Güter der im Wesentlichen ausgelöschten Familie Cenci wurden naheliegenderweise von der Apostolischen Kammer eingezogen. Einen besonders wertvollen Teil davon soll ein Neffe von Papst Clemens, der Kardinal Giovan Francesco Aldobrandini, zu einem auffallend günstigen Preis erworben haben. Rom murrte, schleifte aber die Engelsburg nicht. 1999 ließ die Stadtverwaltung am Ort des einstigen Gefängnisses von Corte Savella in der Via di Monserrato, wo Beatrice bis zur Hinrichtung gesessen hatte, eine Gedenktafel zu Ehren dieses „beispielhaften Opfers einer ungerechten Justiz“ anbringen. In Dortmund wurde 2012 die um 1950 entstandene Oper Beatrice Cenci des 1996 gestorbenen und weitgehend unbekannten Komponisten Berthold Goldschmidt auf die Bühne gebracht. WAZ und Deutschlandradio lobten dieses „niemals geschwätzig“ wirkende Singspiel.

* auf der Webseite FemBio


25 - Katharina Curtius

1629 wegen „Gotteslästerung und großer grober Laster“ in Bonn gefoltert und ermordet, war Katharina Curtius beileibe nicht das einzige Opfer der Hexenverfolgung in ihrer Gegend, wie der Archivleiter der Bonner Universität Thomas P. Becker 1990 dargelegt hat.* Allein im besagten Jahr sind es nach einem (lateinisch verfaßten) Bericht der Jesuiten fast 50 „Zauberer“ gewesen, die „Schwert und Flammen“ schmeckten. Dabei tat sich insbesondere der kurkölnische Hexenkommissar Dr. Franz Buirmann hervor, ein offensichtlich sadistisch veranlagter studierter Jurist, der auch Curtius den Prozeß machte. Ihr Geburtsdatum ist nicht bekannt. Da sie jedoch als Tochter des Bonner Apothekers Gierhardt Roeseler eine „gute Partie“ war und 1615 mit dem Apotheker Ferdinand Curtius verheiratet wurde, dürfte sie bei ihrem Tod noch keine 40 gewesen sein. Nutznießer dieses Todes war freilich erst ihr zweiter Gatte Reiner Curtius, ein Verwandter des leider früh verstorbenen Ferdinand. Am 10. Januar 1628 unterzeichnet Katharina zusammen mit ihrem zweiten Ehemann den Kaufvertrag für das stattliche Haus Zum Sternenberg. „Ein Jahr später, zwischen Januar und April 1629“, so Becker in seinem ausführlichen Aufsatz, „ist sie bereits als Hexe verurteilt und macht vor ihren Peinigern ihr Testament ..[..].. Schon 1630 finden wir Reiner Curtius wieder verheiratet, und zwar mit Margaretha Cöllen, Schwester des Bonner Kanonikers Petrus Cöllen. Das erste der sieben Kinder des Ehepaares CöllenCurtius wurde am 25. Oktober 1630 getauft, es war also gezeugt worden, als Katharina noch nicht einmal ein Jahr tot war. Das neue Sozialprestige drückt sich darin aus, daß der Kurfürst höchstpersönlich eines der Kinder 1634 über die Taufe hielt.“

Zur Krönung der Infamie weigert sich Reiner Curtius erfolgreich, der Obrigkeit die Kosten für die Folter und Hinrichtung seiner Frau zu erstatten. Sehr wahrscheinlich fand er diesen Betrag, vielleicht auch ungleich mehr, weitaus besser bei dem erwähnten Hexenjäger Buirmann untergebracht, von dem Becker sagt, er habe es stets verstanden, aus seiner Tätigkeit Profit zu schlagen. Das ging so weit, daß er während der Folterungen mit den beiden anderen Schöffen, die als „Zeugen“ zugegen sein mußten, auf Staatskosten ausgiebig zechte. Grundsätzlich sind die damaligen Hexenverfolgungen, wie auch Becker fürchtet, oft nur ein Vorwand dafür gewesen, sich zu bereichern, Konkurrenten aus dem Weg zu räumen oder auch nur die eigene Schadenfreude zu steigern. Dies alles in Gottes Namen.

* „Hexenverfolgung in Bonn und Umgebung“, veröffentlicht auf Beckers Webseite


26 - Adriaan Koerbagh

Der studierte Mediziner und Jurist aus Amsterdam gilt als selten radikaler Vertreter der frühen Aufklärung, was ihm schließlich auch, 36 oder 37 Jahre alt, das Leben gekostet haben dürfte. Er veröffentlichte mehrere Bücher auf Holländisch, die die Fachsprache der Theologen und Juristen als Täuschungs- und Herrschaftsmittel entlarvten, die Bibel als Menschenwerk herabsetzten und die Naturwissenschaften priesen. Was Wunder, wenn ihn auch die niederländische „reformierte“ Kirche verfolgte. Nach einer Flucht ins autonome Culemborg und schließlich nach Leiden, wo er im Untergrund lebte, wurde er von einem Drucker verraten und 1668 wegen „Blasphemie“ zu 10 Jahren Haft verurteilt. Man steckte ihn ins Amsterdamer Zuchthaus Rasphuis, wo er schon ein Jahr darauf einer Krankheit beziehungsweise den harten Haftbedingungen erlag. Vermutlich hat er dort kaum in einer ruhigen Einzelzelle am Schreibpult gesessen. Im Rasphuis herrschte normalerweise Zwang zur körperlichen Arbeit. Es heißt sogar, für die Arbeitsverweigerer habe es eigens einen Kellerraum gegeben, der geflutet werden konnte. Man gab dem Querulanten eine Handpumpe und dann hatte er die Wahl, zu pumpen oder zu ertrinken.

Zu allem Unglück war auch Koerbaghs geringfügig jüngerer Bruder Johannes verfolgt und verhaftet worden. Beide hatten aufgrund eines Erbes ihres früh verstorbenen Vaters studieren können. Sie verehrten zumindest anfänglich die Schriften des etwa gleichaltrigen jüdischen Philosophen Baruch de Spinzoa, den sie auch persönlich kennenlernten. Johannes studierte vor allem Theologie, bekam aber nach dem Abschluß kein Amt. Zwar mußte man ihn nach dem Prozeß in Amsterdam wegen Beweismangels wieder frei lassen, zumal Adriaan alle „Schuld“ auf sich genommen hatte, doch auch Johannes Koerbagh starb schon 1672. Warum oder woran, geht aus meinen Quellen nicht hervor.


27 - Quirinus Kuhlmann

Viel mehr als Epoche und Lebensalter hatte der deutsche Schriftsteller, Mystiker und Verkünder seiner selbst Quirinus Kuhlmann nicht mit den Koerbaghs gemein. Ich erwähne ihn nur, weil sich mit ihm der Bedarf an Aufklärern des Volkes unterstreichen läßt. Der Jurist aus Breslau und Jena hatte um 1670 zunächst mit Gedichtbänden Ruhm als Poet eingeheimst, wandelte sich dann jedoch unter dem Einfluß von Jacob Böhme zum Eiferer wider das Lutheranertum, wobei er eine eigenwillige Lehre der „Kühlmonarchie“ entwickelte, in welcher er selber die Funktion eines neuen Gottessohnes inne haben wollte, als „Kühlemann“ gegen die Höllenhitze des Teufels. Fand er zunächst sogar AnhängerInnen, sprangen sie doch im Zuge seiner Selbstvergötterung zunehmend wieder ab. Andere wortmächtige Schwärmer wie etwa den Amsterdamer Pastor Friedrich Breckling bekämpfte er bis aufs Messer. Als er sich 1689 anschickte, das zaristische Rußland zu missionieren, kam er selber daran. Nach den ersten Predigten ließ ihn Joachim, amtierender Patriarch von Moskau, wegen Anstiftung zum Aufruhr verhaften. Der 38jährige Ketzer und „Kühlemann“ wurde zunächst mit glühenden Eisen gefoltert, dann in Moskau öffentlich verbrannt.


28 - Kimpa Vita

Als Kimpa Vita um 1700 die Bewegung der Antonier ins Leben rief, wofür man sie später, nach ihrem Ende auf dem Scheiterhaufen, zur „afrikanischen Jeanne d'Arc“ ausrief, war das über Jahrhunderte glorreiche Königreich Kongo bereits zerrüttet. Während sich zahlreiche kleinere und größere Fürsten um die Macht balgten, gaben die katholischen Missionare, Offiziere und Händler aus Portugal den Ton an, die dem Land tüchtig Ressourcen entzogen, darunter viele zweibeinige, die sich dann in Übersee als Sklaven auf Plantagen wiederfanden. Früher hatten die im Kongo herrschenden schwarzen Aristokraten beinahe harmonisch mit den Sendboten des Imperialismus zusammengearbeitet. Die jeweiligen Könige hatten eifrig „christianisiert“ und Besitztitel an Weiße ausgestellt. Sie hatten nur nicht mit der Unersättlichkeit und Falschheit der Fremden gerechnet, die sich zum Beispiel auch nicht scheuten, Angehörige des schwarzen Adels in die Schiffsbäuche der Sklavensegler zu zerren. Die Könige selber und ihre Statthalter hatten keineswegs auf Sklavendienste verzichtet, kannten aber beispielsweise die Möglichkeit der Freilassung oder des Freikaufs von Sklaven. Das waren schönere Zeiten gewesen.

Die blutjunge Kimpa Vita aus dem Aristokratenclan der Bakongo, geboren 1684, wollte diese Zeiten wiederhaben. Auch die Wiederherstellung der zerstörten Hauptstadt Mbanza Kongo (São Salvador) schwebte ihr vor. Allerdings trat sie für einen Ausgleich zwischen der Elite und den vielen Armen und Elenden ein, die ihr in den Dörfern begegneten. Sie war als Predigerin, ja Erweckerin unterwegs. 1704 war ihr, während einer Krankheit, der Heilige Antonius von Padua erschienen. Er hatte „Besitz von ihr ergriffen“ und sie beschworen, die Führung der enttäuschten Landeskinder zu übernehmen. Es war zumindest ein Akt der Verschmelzung afrikanischer und europäischer Religion – für Vita war Jesus hinfort in Mbanza Kongo geboren worden und Marias Mutter eine Sklavin gewesen. Zwei Jahre darauf hatte sie bereits derart viele AnhängerInnen um sich geschart, daß sie zu einer ernsten Gefahr für die vielen kleinen Landesfürsten und selbstverständlich auch die weißen Geschäftemacher und Glücksritter geworden war. So wurde die ungefähr 22jährige Prophetin, vor allem auf Betreiben von Missionaren der portugiesischen und italienischen Kapuziner wie Bernardo da Gallo and Lorenzo da Lucca, von Häschern des umstrittenen „Königs“ Pedro IV. gefangen genommen und am 2. Juli 1706 in Evululu öffentlich, als Ketzerin oder Hexe, verbrannt. Damit hatte das von Europa ausgehende Christentum ein bis dahin in Afrika unbekanntes Strafritual eingeführt – eine echte Neuerung also.

In Uíge, Nordangola, gibt es seit 2010 eine Kimpa Vita Universität. Das frühere Königreich Kongo hatte vorwiegend das Gebiet des heutigen Angola umfaßt.


29 - Helena Curtens und Agnes Olmans

Der Justizmord an der 16jährigen Helena Curtens und der 48jährigen Agnes Olmans im August 1738 gilt als letzter Fall von Hexenverfolgung am Niederrhein. Curtens wuchs in Gerresheim auf (heute zu Düsseldorf) und war von der Wiege an für körperliche und geistige Krankheiten anfällig. Bis zum Herbst 1736 war sie mit ihrem Vater schon mehrmals nach Kevelaer (bei Kleve) gepilgert, dem bedeutendsten Wallfahrtsort am Niederrhein, um Heilung zu finden. Im selben Jahr bezichtigte die damals 14jährige ihre Nachbarin Olmans, Mutter von zwei Kindern, der Betätigung als Hexe, wobei Olmans den „Schwarzen“ (Teufel), der sie dauernd besuche, auch Curtens auf den Hals gehetzt habe. Das scheint Curtens freilich im Laufe der Verhöre immer günstiger oder interessanter gefunden zu haben, denn sie schmückte ihren Umgang mit dem Satan von Mal zu Mal aus. Olmans dagegen „leugnete“ konsequent – bis zur Folter.

Die „treibende Kraft“ der Voruntersuchung ist nach Erika Münster-Schröer* der Amtsrichter Johann Sigismund Schwarz aus Mettmann gewesen. Diesbezüglich steuert die Düsseldorfer Historikerin einen beinahe witzigen Gesichtspunkt bei. Curtens oder ihr Vater hatten sich unter anderem mit Geistererscheinungen und Wundern gebrüstet, die sie angeblich im erwähnten Wallfahrtsort Kevelaer erfahren hatten. Schwarz jedoch war dem noch jungen, vom Münsteraner Fürstbischof eingerichteten Wallfahrtsort Neviges (bei Mettmann) und wahrscheinlich auch dem Abt von Essen-Werden eng verbunden. Durch seine Anschwärzung der „Hexe“ Curtens wurde automatisch auch Kevelaer in Mißkredit gebracht, was Neviges und damit der Werdener Reichsabtei nur recht sein konnte, stärkte es doch ihre Position.

Ende Juli 1738 empfahl der Düsseldorfer Hofrat Eckarth eine Verurteilung beider Frauen zum Tod auf dem Scheiterhaufen. Das Urteil erging in diesem Sinn und wurde vom damals zuständigen Kurfürsten Karl III. Philipp von Pfalz-Neuburg bestätigt. So wurden die Frauen am 19. August in Gerresheim öffentlich verbrannt. Seit 1989 steht am Hinrichtungsort zu ihrem Gedenken Gabriele Tefkes Skulptur Befreiung, auch „Gerresheimer Hexenstein“ genannt. Mehr noch, heißt dieser Ort seit April 2012 Helena-Curtens-und-Agnes-Olmans-Platz. Der Düsseldorfer Stadtrat rehabilierte beide Frauen am 17. November 2011 ganz offiziell. Um sich dazu durchzuringen, benötigte er gut 270 Jahre.

* Aufsatz „Ein vorgetäuschtes Wunder, ein Hexenprozess und eine Wallfahrt“, in: Rainer Walz (Hrsg): Anfechtungen der Vernunft, Essen 2006, S. 97–115


30 - António José da Silva

Der portugiesische Rechtsanwalt und Komödiendichter, mit Beinamen auch „der Jude“, erlitt zunächst mehrmals Folter und Haft, ehe er 1739 in Lissabon mit 34 Jahren im Rahmen des damals üblichen und beliebten öffentlichen Schauprozesses der Inquisition erdrosselt und verbrannt wurde. Seine Schuld hatte vornehmlich in jener Eigenschaft bestanden, der er seinen Spitznamen verdankte. Sowohl Da Silva wie seine Frau Leonore, die wahrscheinlich etwas später im Gefängnis starb, schworen ihrem jüdischen Glauben (und den entsprechenden Gebräuchen) trotz der unsäglichen Peinigung nicht ab. Sie hinterließen eine Tochter – und Da Silvas barocke, oft für Marionetten und mit viel Gesang eingerichtete Komödien, rund ein Dutzend an der Zahl. Sie sollen nicht unbedingt originell gewesen sein, jedoch bei den Massen beliebt. Zum Teil parodierten sie die in der Elite gefeierten Opern und zeigten auch sonst satirische volkstümliche Züge. Dadurch hatte Da Silvas Ketzertum, wie zu vermuten steht, noch schwerer gewogen. Die Stadt Lissabon setzte ihm 1912 ein Denkmal. 1995 folgte gar ein auf Anhieb preisgekrönter Spielfilm des Brasilianers Jom Tob Azulay mit dem Titel O Judeu (Der Jude). Allerdings forderte diese Würdigung ein weiteres, fast gleichaltriges Todesopfer, nämlich den Mann in der Titelrolle, ebenfalls Brasilianer. Der 33jährige Schauspieler Felipe Pinheiro war 1993 in seiner Wohnung in Rio de Janeiro noch während der Dreharbeiten einem Herzinfarkt erlegen.


31 - Diego und Gabriela Silang

Die um 1560 begonnene spanische Herrschaft über die im südchinesischen Meer gelegenen Philippinen hielt immerhin knapp 350 Jahre. Sie konnte sich, neben den eigenen, aus dem Mutterland importierten Mönchen und Priestern, bald auch auf die muslimischen Rajahs (Könige) von Malina stützen, die sich angesicht der spanischen Kriegsschiffe gern die Finger vergolden ließen, mit denen sie den katholischen Wohltätern aus Übersee die Steigbügel hielten oder chinesische Seidentücher und Porzellangeschirre in die Satteltaschen stopften. Die spanische Herrschaft wurde nach 200 Jahren lediglich kurzzeitig durch eine Invasion der britischen Konkurrenz unterbrochen. Dieses Zwischenspiel sollte sich als Falle für die von den beiden Silangs geführten Aufständischen herausstellen.

Nachdem es den Briten 1762 gelungen war, Malina einzunehmen, fühlten sich etliche Einheimische in den nördlichen Provinzen Ilocos und Cagayan zur Erhebung gegen die verhaßten Spanier ermutigt. Diego Silang, geboren 1730 von philippinischen Eltern, zählte zu den Führern der Rebellen. Als Bote der spanischen Behörden in der Küstenstadt Vigan hatte er bereits im Knabenalter fließend Spanisch sprechen gelernt, zudem die haarsträubenden Verhältnisse im Lande mit eigenen Augen gesehen. Günstigerweise wies gerade seine Heimatprovinz rebellische Tradition auf. Die Leute setzten sich seit Jahrzehnten gegen knechtende Steuern, Zwangsarbeit und staatliche Handelsmonopole (Tabak, Betelnüsse, Palmschnaps) zur Wehr. Die ilocanisch-spanische Mestizin Gabriela, aus erster Ehe recht begütert und seit 1757 Diego Silangs Frau, kämpfte nun an dessen Seite. Bis zum Frühjahr 1763 eroberten die Rebellen Teile der Provinz Iloco einschließlich der Stadt Vigan und nahmen die dortigen Priester gefangen. Als fromme Christen gedachten die Silangs die Priester und andere Beamte nicht etwa ersatzlos zu streichen, vielmehr durch Einheimische aus dem Volk der Ilocano zu ersetzen. Zwar ernannten die Briten Diego Silang nach diesen Eroberungen prompt zum Gouverneur von Iloco-Süd, doch auf die von ihnen versprochene militärische Verstärkung warteten die Aufständischen vergeblich. Zu allem Überfluß fanden sich unter den Freunden der Silangs zwei Verräter, Miguel Vico und Pedro Becbec, die den frischgebackenen 32jährigen Gouverneur, auf dessen Kopf eine Belohnung ausgesetzt worden war, am 28. Mai 1763 im Auftrag der in Iloco-Nord verschanzten Spanier in seinem eigenen Haus in Vigan erschossen. Seine etwa gleichaltrige Frau Gabriela konnte zu Pferd in die Berge der Provinz Abra flüchten, wo sie die Rebellentruppen sammelte und auf Rache sann.

Sie überlebte ihren Mann lediglich um vier Monate. Am 10. September mit ihren nur unzulänglich bewaffneten Kämpfern ins Tal hinabgestiegen, um gegen das spanisch besetzte Vigan zu marschieren, laufen sie in einen Hinterhalt, weil vermutlich erneut Verrat im Spiele ist. Das Kommando wird vernichtend geschlagen. Zwar können Gabriela Silang und sieben Mitstreiter entkommen, doch am 20. September werden sie in ihrem Unterschlupf bei Diego Silangs Onkel Nicola Carino aufgestöbert und gefangen genommen. Wolfgang Bethge zufolge* denkt man sich um der „Abschreckung“ willen für ihre Hinrichtung etwas Besonderes aus: die Gefangenen werden der Reihe nach in verschiedenen Küstenorten gehängt, dabei „Generalin“ Silang als Letzte in Vigan. Bald darauf wuchs der „wilden“ und „kühnen“ Rebellin, die auch als Schönheit geschildert wird, der Status einer Ikone der philippinischen National- und Frauenbewegung zu. 1963 wurde zu ihrem Gedenken unweit von Vigan sogar ein rund 13 Quadratkilometer großes Schutzgebiet eröffnet, der Northern Luzon Heroes Hill National Park.

* Aufsatz von 2007 auf der Webseite Literaturbrücke Philippinen


32 - Johann Joachim Winckelmann

Das Geschick des deutschen Gelehrten entschied sich wahrscheinlich um 1750 bei Dresden, wo er die weithin gerühmte Bibliothek eines Grafen betreute. Bei diesem Grafen wurde ein päpstlicher Nuntius auf Winckelmann aufmerksam und lockte ihn nach Rom. Das zweideutige Tätigkeitswort ist durchaus angebracht, weil sich mit dieser Abwerbung einerseits die Aussicht auf eine glänzende wissenschaftliche Laufbahn des Schustersohnes aus Stendal, andererseits die Aussicht in seinen Sarg bot.

In der Tat gilt Winckelmann heute als bedeutender Wegbahner des Klassizismus und einer aufgeklärten Kunstwissenschaft – aber ohne den verführerischen Nuntius wäre er möglicherweise erheblich älter als 50 Jahre geworden. Auch diese Zweideutigkeit können wir stehen lassen, weil Winckelmann, der auf zeitgenössischen Gemälden recht sanftmütig, wenn nicht gar bezaubernd wirkt, homosexuelle Neigungen besaß, die sich allerdings kaum auf den Nuntius gerichtet haben dürften. Nach Rictor Norton „stand“ der „Kunstpädagoge“ eindeutig auf blutjungen Männern.* Casanova, der Winckelmann kannte, bezeugte diese Neigung in seinen Erinnerungen mit dem Hinweis, der deutsche Gelehrte liebe es, „mit den jungen Leuten im Stile des Anakreon und Horaz herumzuschäkern“.** Das konnte er selbstverständlich halten, wie er wollte, nur dürfte es seinen vorzeitigen, gewaltsamen Tod ebenfalls mitgefördert haben. Nachdem er 1763 den Italien bereisenden Friedrich Reinhold von Berg kennengelernt hatte, war Winckelmann jede Wette in schlechter Verfassung, weil ihm der junge livländische Baron Liebeskummer bereitete: er entzog sich Winckelmanns Armen und verschwand gen Paris. Laut Norton wäre der Verlassene um ein Haar sogar seinem ganzen Geschlecht untreu geworden, nämlich im Schoße der Malergattin Margaret Mengs. Im April 1768, mittlerweilen von Papst Clemens XIII. zum Oberaufseher für die Altertümer in Rom sowie zum Scrittore an der Vaticana ernannt, begab sich Winckelmann gemeinsam mit dem Bildhauer Bartholomeo Cavaceppi nach Deutschland, vermutlich vordringlich wegen beruflicher Obliegenheiten. Spätestens hier wird es mysteriös. Aus unbekannten Gründen – manche sprechen von einem Schuldgefühl der im Stich gelassenen Heimat gegenüber, andere gerade umgekehrt von einem Überdruß an diesen ganzen Fachwerkhäusern mit ihren spitzen Satteldächern – erlitt Winckelmann in Bayern einen „Nervenzusammenbruch“, brach deshalb auch den Besuch vorzeitig ab, kehrte um und machte, nach Wien, in Triest Station, weil er zunächst kein Schiff für die Überfahrt nach Venedig bekommen hatte.

Die schöne Stadt an der Oberen Adria, heute italienisch, stand damals unter habsburgischer Herrschaft. Der vermutlich düster gestimmte deutsche Gelehrte stieg im erstklassigen Hotel Osteria Grande unweit des Triester Hafens ab – und damit in seinem Sterbehaus, wie sich bald zeigen sollte. Winckelmanns zufälliger Zimmernachbar Francesco Arcangeli, ein erwerbsloser Koch und Bediensteter aus der Toskana, zudem vorbestrafter Gelegenheitsdieb, war nämlich so freundlich, ihm bei der Schiffssuche und auch in vielen anderen Dingen behilflich zu sein. Ob es auch zu Zärtlichkeiten kam, kann niemand sagen (Norton tut es trotzdem). Jedenfalls freundeten sich die beiden an, wobei es der 31jährige, angeblich pockennarbige Ganove Arcangeli, nach manchen Quellen auch Zuhälter, wahrscheinlich von vornherein auf die mutmaßlich üppige Reisebörse des vornehm gekleideten päpstlichen Oberaufsehers abgesehen hatte, wenn man den Vernehmungsprotokollen der österreichischen Polizei folgt. Wahrscheinlich schlich er sich also vorsätzlich und kaltblütig in das Vertrauen Winckelmanns ein – um ihm schließlich am 8. Juni 1768 in dessen Hotelzimmer mit einem Messer zu Leibe zu rücken. Zuvor hatte er es vergeblich mit einer Schnur versucht, die er dem arglos am Schreibtisch sitzenden Winckelmann von hinten her um den Hals gelegt hatte. Da dieser, obwohl von sieben Stichen blutend, noch Angaben machen konnte, bevor er sein Leben aushauchte, war der geflüchtete Täter rasch gefaßt. Aus der Mordakte, die 1963 wiederentdeckt wurde, schließen die meisten HistorikerInnen, die polizeiliche und gerichtliche Untersuchung des Falles sei kaum zu beanstanden. Einige andere glauben allerdings an Vertuschung, dafür weniger an „Zufall“. Denn was hatte ein abgebrannter Ganove wie Arcangeli in einem derart noblen Hotel zu suchen? Entweder hatte er „Stricherknaben“ zu vermieten, so glauben sie, oder aber er war ein bezahlter Agent, der beispielsweise im Auftrage der Jesuiten nach geheimen Depeschen fahndete, die Winckelmann vom Habsburger Hof (er kam ja aus Wien) gewissen Kurienkardinälen hatte aushändigen sollen. In diesem Fall hätte Arcangeli den Raubmord lediglich vorgetäuscht.

Eine andere Sache ist das wahrlich mittelalterliche Urteil der Triester Richter. Arcangeli wurde noch im Tatjahr zum Tode verurteilt und auf dem Petersplatz öffentlich durch Rädern hingerichtet. Bei dieser Methode, die Bayern, Kurhessen und Preußen gelegentlich noch nach 1800 anwandten, wurde der flach aufs Schafott gebundene Deliquent durch ein waagrecht über ihm schwebendes, dann wiederholt fallendes, oft eisenbeschlagenes schweres Speichenrad buchstäblich zertrümmert und zermalmt.

* Aufsatz von 2008 auf Nortons Webseite Gay History and Literatur
** Ivo Frenzel, in: Uwe Schultz (Hrsg): Grosse Prozesse, C.H.Beck 2001



33 - Adam Lux

Er bezahlte seine Sympathie für die Französische Revolution – und wohl auch für eine hübsche Tyrannenmörderin mit dem Leben. Obwohl Bauernsohn, hatte Lux studieren können. Mit 19 erwarb er an der Universität Mainz den Doktor der Philosophie. Eine Hauslehrerstelle ermöglichte ihm Einheirat und den Erwerb der Donnermühle im nahegelegenen Kostheim, wo er sich im Geiste Rousseaus als Landwirt versuchte. Er zeugte mit seiner Frau Sabine drei Kinder. Im November 1792 regte er eine lokale Volksabstimmung an, die eine überwältigende Mehrheit für einen Anschluß des Gebiets an die junge französische Republik erbrachte. Im folgenden Frühjahr, nachdem Lux auch Deputierter im Nationalkonvent der neuen Mainzer Republik geworden war, begab er sich gemeinsam mit dem Naturforscher und Schriftsteller Georg Forster und dem Kaufmann Potocki nach Paris, um jenem erwünschten Anschluß den Weg zu bahnen. Allerdings hatte sich die Revolution inzwischen radikalisiert und die Form jakobinischer Gewaltherrschaft angenommen, was Lux, wie auch anderen Beobachtern aus Deutschland (Konrad Oelsner, Johann Georg Kerner), starke Enttäuschung bereitete. Am 17. Juli 1793 erlebte er die Hinrichtung der 24jährigen Charlotte Corday mit, die den Jakobinerchef Marat getötet hatte. Möglicherweise banden Lux nicht nur politische Fäden an die attraktive Tyrannenmörderin. Lyndon Orr behauptet*, Lux habe sich beim Prozeß gegen Corday rettungslos in sie verliebt. Jedenfalls brandmarkte Lux die Hinrichtung in einer achtseitigen Flugschrift und legte es offensichtlich darauf an, durch seinen Protest, der ihm nur Unbill einbringen konnte, ein Fanal gegen die Entartung der Revolution zu setzen. Prompt wurde er ebenfalls zum Tode verurteilt. Augenzeugen zufolge bestieg der 27jährige Ex-Genosse das Schafott „wie eine Rednerbühne“. Seine letzten Worte sollen gewesen sein: „Es lebe die Freiheit und die Republik!“

Die Kunde vom Märtyrertum des Deutschen beeindruckte in der Tat viele Landsleute, darunter Jean Paul. Später setzte ihm Stefan Zweig durch ein Bühnenstück, das unvollendet blieb und zu Zweigs Lebzeiten nie aufgeführt wurde, ein kleines Denkmal. Ein Jahr nach Lux starb übrigens auch Forster, mit 39 Jahren, ebenfalls in Paris. Allerdings „nur“ an Armut und Krankheit.

Anders die drei Männer, die in den letzten Wochen der sogenannten Schreckensherrschaft das allmächtige Triumvirat des Konvents gebildet hatten: Georges Couthon (38), Maximilien de Robespierre (36) und Louis Antoine de Saint-Just (26). Sie landeten im Sommer 1794 als Leckerbissen auf jenem revolutionären Gerät namens Guillotine, das sie zuvor so gern zuungunsten anders gesinnter Köpfe benutzt hatten. Im Sinne meiner Vorbemerkung sind freilich sämtliche „Mordfälle“ dieses Artikels fragwürdig, da von den Opfern provoziert. Das gilt auch für den folgenden Fall.

* Aufsatz von 2003, online hier


34 - François Noël „Gracchus“ Babeuf

Hatte man die Monarchie gestürzt? Das Paris „nach Robespierre“ hat 1.800 Ballsäle zu bieten, bei ungefähr 600.000 EinwohnerInnen. Entsprechend wimmelt es von Stutzern, Strolchen und Spitzeln. Die schlitzohrigsten Strolche, voran Lebemann Paul de Barras, retten sich vor der allgemeinen Unübersichtlichkeit ins fünfköpfige „Direktorium“ des Nationalkonvents und spielen „Bürgerliche Revolution“. Die Massenarmut bekommen sie selbstverständlich nicht in den Griff. Das ist die Stunde der Verschwörung der Gleichen unter „Gracchus“ Babeuf. Der ehemalige Landvermesser und Journalist aus der Picardie war vielleicht nicht der Hauptorganisator, aber ohne Zweifel der „Cheftheoretiker“ dieser Bewegung, die ein recht radikales sozialistisches Programm verfocht. Arbeit für alle, dafür auch Zuteilungen für alle. Die Produktion erfolgt nach Plan. Für das Inland wird das Geld abgeschafft. Auch das Wuchern der Städte ist einzudämmen. Aber wie steht es mit der Bürokratie? Den Staat wollen auch die Gleichen nicht antasten. Selbst am Terror gegen „Staatsfeinde“ halten sie fest, obwohl sie in dieser Hinsicht sogar Robespierre verurteilt haben, dessen „uneingelöstes“ Erbe sie anzutreten gedenken. Vielleicht wird Babeuf die große Ausnahme abgeben, den guten Tyrannen. Ilja Ehrenburg behauptet, damals hätten breite Volksschichten ihre Hoffnungen in diesen abgezehrten Untergrundkämpfer gesetzt. Andererseits übersieht er nicht, daß die Massen allmählich revolutionsmüde geworden waren. Und das wirkungsvolle Gift gegen die erwähnten Spitzel hatte auch Die Verschwörung der Gleichen nicht erfunden. Ein Streik der Spitzel blieb leider Ausnahme: sie hatten verlangt, der Konvent möge sie von „Assignaten“, „Mandaten“ oder dergleichen Papiermüll verschonen und sie stattdessen in dem traditionellen Silbergeld entlohnen. Fuchs Barras ging zum Schein darauf ein. So verrieten sie auch die Aufstandspläne der Gleichen wieder brav, und Barras ließ die führenden Köpfe (im Mai 1796) verhaften.

Ehrenburgs vorzüglicher Babeuf-Roman* besticht durch Knappheit, sprechende Details und eine seltene Art von zornigem trockenen Witz. An seiner Darstellung sowohl des Massenelends wie der Verkommenheit der „revolutionären“ Elite ist wahrscheinlich kaum zu rütteln. Eine andere Frage ist, ob er dieser Lage mit seinem Babeuf nicht einen etwas zu schönen Hoffnungsschimmer entgegenhält. Das soll nicht heißen, er malte ihn schwarz oder weiß. Sein Babeuf ist aufbrausend und einfältig, rechthaberisch und gutmütig in schöner Abwechslung. An seiner Frau Marie Anne Victoire Langlet und ihren gemeinsamen fünf Kindern (die vornehmlich in seiner Abwesenheit aufwachsen) scheint Babeuf fast sentimental zu hängen; andererseits schreibt er Marie aus dem Gefängnis: „Die Liebe zum Vaterland erstickt in mir alle anderen Gefühle. Ich war immer aufrichtig zu Dir, ich sage Dir unumwunden: Wir Jakobiner, wir Besessenen, sind durchaus nicht zartfühlend, nein, im Gegenteil, wir sind verdammt hartherzig. Du sagst, daß Du beschlossen hast zu sterben. Was kann ich Dir darauf antworten? Stirb, wenn Du willst.“

Das Hartherzige sind Dinge wie Gleichheit, Gerechtigkeit, ja selbst Freiheit. In der Natur kommen diese „Dinge“ nicht vor. Sie sehen von persönlichen Vorlieben genauso wie von persönlichen Schwächen ab. Zu den vielen Repräsentanten und zugleich Opfern dieser Hartherzigkeit zählt der oben erwähnte junge Konventskommissar Saint-Just. Was Marie betrifft, verwarf sie ihren Entschluß. Sie wurde über 80 – für damalige Zeiten enorm.

Wahrscheinlich war Babeuf, wenn nicht bereits durch seine entbehrungsreiche Jugend als Sohn eines Deserteurs aus der französischen Armee, schon durch einen Haftbefehl, mit dem ihn die Richter aus Amiens seit November 1794 verfolgten, in den Untergrund und die Ausweglosigkeit getrieben worden. Angeblich hatte er sich als Verwaltungschef von Montdidier bei der Versteigerung eines Gemeindegrundstücks einer Urkundenfälschung zwecks Begünstigung eines verdienten Revolutionärs schuldig gemacht. Ehrenburg behauptet, bei dieser Beurkundung sei Babeuf lediglich arglos in eine Falle getappt, die ihm sein langjähriger Widersacher Longcamp stellte, „ehemals königlicher Staatsanwalt, jetzt selbstverständlich Patriot und Republikaner“. Auf diese Weise habe ihn Longcamp aus der Picardie vertreiben und überall verleumden können: „Da seht ihr, dieser Gleichheitsapostel ist der banalsten Fälschung fähig, und alles nur wegen Geld! Jetzt hat er sich aus dem Staube gemacht und lebt in Paris einen vergnügten Tag.“ Ich kann diesen Fall nicht beurteilen, kann jedoch versichern, die Methode hat bis heute nichts an Beliebtheit eingebüßt.

Bei Ehrenburg erscheint der beinahe mönchisch lebende Babeuf auch nicht als ruhmsüchtig. Dagegen heißt es im Zusammenhang mit seiner letzten Verhaftung und dem sich anschließenden, weit weg von Paris in der Kleinstadt Vendôme inszenierten Schauprozeß gegen die Gleichen in der deutschsprachigen Wikipedia, aus unbekannten Gründen habe die Regierung den Sozialisten Babeuf als den Anführer der Verschwörung dargestellt, „obwohl wichtigere Leute als er darin verwickelt waren; seine eigene Eitelkeit spielte ihnen dabei in die Hände.“ Vielleicht ging er in der Tat in der großen Rolle des Märtyrers auf. Immerhin hatte er wiederholt seine Bereitschaft zum Sterben bekundet. Ende Mai 1797, inzwischen 36 Jahre alt, wurde er gemeinsam mit Augustin Alexandre Darthé, der erst 31 war, zum Tode verurteilt. Andere Angeklagte bekamen Verbannung oder Freispruch, wobei dem „verdienten Postmeister“ Jean-Baptiste Drouet mit stillschweigender Billigung des Direktoriums zur Flucht verholfen worden war. Drouet hatte am 21. Juni 1791 den fliehenden Ludwig XVI. erkannt und dessen Verhaftung veranlaßt. Dadurch war er in den Nationalkonvent beziehungsweise Rat der Fünfhundert – und nun vom Schafott gerutscht.

Unmittelbar nach der Urteilsverkündung hatten die beiden Hauptangeklagten vergeblich Selbstmord versucht. Es mangelte an einem geeigneten Dolch; sie hatten sich mit einem zurecht gefeilten Eisen „nur“ schwer verletzt. Anderntags, nach Ehrenburg jedoch im Morgengrauen und deshalb nur vor schmalem Publikum, kamen sie auf der Place d'Armes von Vendôme unter die Guillotine. Fachleute der Revolution höhnen gern, der fehlende Dolch sei bezeichnend für den ganzen „Dilettantismus“ der Gleichen gewesen. Man könnte sie mit der Nase auf den Staatsstreich stoßen, der nur zwei Jahre später erfolgreich verlief, obwohl er mindestens genauso dilettantisch ausgeführt worden war. Mit ihm kam der kleinwüchsige Napoléon Bonaparte in den Sattel. Er hatte die besseren, vor allem finanzkräftigeren Steigbügelhalter.

* Die Verschwörung der Gleichen, Berlin 1928


35 - Johannes Bückler und Andreas Balzar

Fast jede Gegend hat ihren „Robin Hood“. Den der Rhön möchte ich nur streifen. Der ehemalige Weilarer Schäfersknecht Johann Heinrich Valentin Paul, geboren 1736, auch Rhönpaulus genannt, setzte sich mit knapp 30 als verwundeter Soldat von der Truppe ab und verbarg sich in einer am Neuberg bei Glattbach gelegenen Höhle seines Heimatgebirges, wo er sich nun mit Beraubung Wohlhabendender, Wilderei und Schmuggel (vornehmlich von Salz) über Wasser hielt, dabei jede Körperverletzung vermied, wie behauptet wird*, und Teile der Beute notleidenden Einheimischen zusteckte – bis er verraten und 1780, wohl mit 44 Jahren, aufgeknüpft wurde.

Der „Robin Hood“ des Hunsrücks hieß Schinderhannes. Er kam 1803 in Mainz mit ungefähr 23 unters Fallbeil, wobei rund 30.000 Schaulustige ihre Unterhaltung gehabt haben sollen. Wie sich versteht, hat die Legende des volksfreundlichen Schinderhannes wenig mit dem Bärenbacher Schinder-Lehrling Johannes Bückler zu tun, der seine Gangsterlaufbahn damit eröffnete, seinem Meister, woanders auch „Abdecker“ genannt, einen Stapel Kalbsfelle zu entwenden. Vielleicht standen sie ihm ja wirklich zu, wie er später behauptete, aber was er in der Folge mit wechselnden Spießgesellen bei zahlreichen, vornehmlich jüdischen Krämern und Viehhändlern der Gegend zusammenstiehlt, um sich nicht mehr „schinden“ zu müssen, geht in moralischer Hinsicht kaum auf eine Kuhhaut. Von „Wohltaten“ keine Spur. Das ficht natürlich Carl Zuckmayers Drama Schinderhannes von 1927 nicht an, mit dem sich der Rheinhesse einen guten Teil seines Weltruhms erschrieb. Vermutlich wäre er der historischen Wahrheit auch mit Andreas Balzar nicht näher gekommen, ging doch Zuckmayers Trachten dahin, ein Gegengewicht zu Piscators politischem Theater zu setzen, wozu es eben eines uns ans Herz greifenden Räubers bedurfte. In Wirklichkeit dürften auch einige Tote aufs Konto der Bückler-Bande gehen, nur nicht aus den Reihen der Fuggers oder Fürsten.

Wie es aussieht, hätte der 1769 in Höchstenbach geborene Pfarrersohn Andreas Balzar schon eher das Zeug zu einem „Robin Hood des Westerwalds“ gehabt. Während er in Herborn die Hohe Schule besuchte, schulte er sich in krimineller Hinsicht im fürstlichen Park in Wilderei. Als ihn sein Erzeuger verstieß, ging er nach Rußland, wo er Geschmack am Soldatenberuf fand und bis zum Kapitän einer zaristischen Leibgarde aufstieg, was ihm wahrscheinlich einige Jahre später, 1797 in Westerburg, die Schmach des Enthauptens oder Erhängens ersparte. Er wurde nur erschossen. Aus unbekannten Gründen in den Westerwald zurückgekehrt (der damals Zankapfel französischer und österreichischer Truppen war), hatte Balzar seinen eigenen Verein aufgemacht, eine Räuberbande. Auch mit ihr blieb er vorwiegend der Wilderei treu. Als sich angeblich ein französischer Offizier an Balzars Flammersfelder Braut verging, blies er seine Mannen wie auch alle einheimischen mutigen Burschen erst recht gegen die Franzosen, was ihm in manchen Nachschlagewerken den Ruf eines „Freischärlers“ eingebracht hat. Zu einer allgemeinen Volkserhebung reichte es jedenfalls nicht. Balzar wilderte weiter, verbündete sich gelegentlich mit österreichischen („kaiserlichen“) Einheiten, wurde von den Franzosen als Le capitain noir (Der schwarze Hauptmann) gejagt. Der übliche Verrat brachte ihm mit 28 die Verhaftung und das Todesurteil ein.

Im Gegensatz zu Bückler wurde Balzar Genugtuung durch Legendenbildung nur gering zuteil. Vom Weilburger Schulmeister Christian Spielmann, später Direktor des Stadtarchivs Wiesbaden, gestorben 1917, wird zuweilen das 1906 in Leipzig erschienene Werk Balzar von Flammersfeld. Roman vom Westerwalde erwähnt, das möglicherweise 1926 noch einmal in Westerburg aufgelegt wurde, inzwischen aber so gut wie verschollen ist.

* Webseite rhoenline


36 - Johann Philipp Palm

Der Buchhändler aus dem französisch besetzten Nürnberg hatte im Sommer 1806 die Schrift Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung verlegt, was den Besatzern gar nicht gefiel. Da sich Palm standhaft weigerte, den oder die anonymen Verfasser zu verraten, kam er nach den fruchtlosen Vernehmungen in Braunau am Inn vor ein Erschießungs-Kommando – unter der Fuchtel des bayerischen Königs Max I. Joseph, der mit Napoleon paktierte. Was Wunder, wenn Palm später auch von Braunaus größtem Sohn Adolf Hitler für seine Sache vereinnahmt wurde. Der mutige, im Übrigen keineswegs aufrührerisch gestimmte Verleger hinterließ seine Frau Anna Maria und drei Kinder. Das Urteil erregte damals großes Aufsehen und wurde überwiegend als Justizterror eingestuft, so auch vom Dramatiker Kotzebue, auf den ich gleich zurückkommen werde. Zu den Ausnahmen zählte Napoleon-Verehrer Goethe, wie der Stuttgarter Historiker Thomas Schnabel in einer ausführlichen Darstellung erwähnt.*

* Vortrag in Schorndorf 2006, online hier


37 - Juan Aldama

Ursprünglich Hauptmann der spanischen Besatzungsarmee, hatte sich Aldama 1810, zu Beginn des mexikanischen Unabhängigkeitskrieges, auf die Seite der VerschwörerInnen und Rebellen geschlagen. Schon beim ersten großen Aufstandsversuch im Jahr darauf geriet er mit einigen anderen Rebellenführern in die Hände der Spanier. Wegen „Hochverrats“ zum Tode verurteilt, wurden sie Ende Juni 1811 in Chihuahua erschossen. Damit hatten sie noch Glück im Unglück gehabt. Denn nun erst, nach dem Erschießen, ließen die perversen Herren Besatzer die Leichen der vier wichtigsten „Rädelsführer“, darunter der 37jährige Aldama, enthaupten und ihre Schädel nach Guanajuato bringen, wo sie in Käfigen, die eigens an allen vier Ecken des festungsartigen Kornspeichers Alhóndiga de Granaditas angebracht worden waren, öffentlich zur Schau gestellt wurden – und das für die nächsten 10 Jahre. In dem Kornspeicher hatte sich während des Aufstandes der Intendente Juan Antonio de Riaño y Barcena mit seinen königstreuen Truppen verschanzt. Nach der Erstürmung durch die Rebellen waren allerdings auch diese nicht mit Samthandschuhen vorgegangen. Anschließend zogen sie für zwei Tage plündernd durch die Silberminenstadt. Heute ist die Landkarte Mexikos mit dem Namen Aldama fast gepflastert. Unter anderem wurde León, eine Millionenstadt in Zentralmexiko, in León de los Aldama zu Ehren Juans und seines Bruders Ignacio umbenannt, der im selben Sommer mit 42 Jahren „standrechtlich“ erschossen worden war.


38 - Policarpa Salavarrieta

Sie wurde bereits mit ungefähr 22 Jahren erschossen. „La Pola“, wie sie auch genannt wird, war im Städtchen Guaduas, auf halbem Wege zwischen Bogotá und der Küste gelegen, als Waisenkind aus der kolumbianischen Unterschicht aufgewachsen. Sowohl ihre Eltern wie etliche Geschwister waren nämlich einer Pockenepedemie zum Opfer gefallen. Mit 17 ging sie nach Bogotá, um sich als Damenschneiderin zu ernähren. Von ihrer Heimat her waren ihr bereits die Rebellen bekannt, die das Gebiet für Rückzüge genutzt hatten. Deshalb fand sie rasch an die patriotischen Zirkel Anschluß und erklärte sich bereit, Kundschafterdienste zu leisten, da sie von Berufs wegen ohnehin in die Häuser der betuchten SpanierInnen oder spanientreuen „Royalisten“ kam. So brachte sie beispielsweise Bewegungen feindlicher Truppen und Waffentransporte in Erfahrung. Nebenbei stiftete sie Soldaten zur Fahnenflucht an. Sie leistete wertvolle Arbeit, flog freilich im Herbst 1817 auf und wurde mit sieben anderen Rebellen, darunter angeblich ihr Liebhaber Alejo Sabaraín, vom „Ständigen Kriegsrat“ der BesatzerInnen zum Tode verurteilt.

In einigen Quellen heißt es, „La Pola“ sei etwas eigenwillig und überheblich gewesen, wozu auch die angebliche Tatsache passen würde, daß sie es vor der drohenden Verhaftung hartnäckig ablehnte zu flüchten. Vielleicht sah sie keinen anderen Weg zum Ruhm? Von ihrem Gebaren auf dem Hinrichtungsplatz, der heutigen Plaza de Bolívar, wird berichtet, sie habe sich zunächst geweigert zu knien und sich rücklings erschießen zu lassen. Dann habe sie sich ans zahlreich erschienene Publikum gewandt (das vor allem die Hinrichtung einer Frau zu sehen begehrte) und geschimpft: „Stures Volk! Wie anders wäre heute dein Schicksal, wenn du den Preis der Freiheit kenntest! Siehe, obwohl ich jung und eine Frau bin, habe ich genug Mut, diesen Tod und tausend weitere Tode zu erleiden. Vergiß dieses Beispiel nicht!“* Heute gilt sie in der Tat als wichtigste weibliche Unabhängigkeitskämpferin Kolumbiens. Ihr Portrait ziert die 10.000-Peso-Banknoten. Werden die Scheine zum beliebten Stimmenkauf bei Wahlen benutzt, macht sie vielleicht ein langes Gesicht.

* Jenny Jungehülsing, 2010, online hier


39 - August von Kotzebue

Ein Theologiestudent namens Karl Ludwig Sand schrieb sich im März 1819 ganz vorn in die Liste politisch motivierter deutscher Attentäter ein – sie war erst kurz. Sand, der schon vom Berufsziel her zum Predigen und zum Fanatismus neigte, hatte sich im Rahmen der von den „Turnern“ Jahn und Friesen angeregten Burschenschaftsbewegung radikalisiert, die ihr erstes berüchtigtes Eisenacher Wartburgfest im Oktober 1817 gefeiert hatte. Sand war Mitglied des Festausschusses und Fahnenbegleiter beim Zug auf die Burg. Einen Höhepunkt stellte dann die Bücherverbrennung dar, die also nicht von der NSDAP erfunden worden ist. Sands spitze Finger ergriffen August von Kotzebues Geschichte des deutschen Reichs und übergaben sie den Flammen. Denn Kotzebue war ein Vaterlandsverräter. Gleichwohl ist anzunehmen, Sands spätere Attacke gegen den bekannten deutschen Juristen und Schriftsteller war nicht nur von politisch motiviertem Haß genährt. Man müßte sich in dieser Hinsicht zum Beispiel einmal Sands Erzeuger vorknöpfen, Landvogt und Justizrat in Wunsiedel, Fürstentum Bayreuth. Oder den Vorfall aus dem Juni 1817, der Sand stark mitgenommen haben soll: damals ertrank sein 21jähriger, aus Schwaben stammender Freund und Kommilitone Georg Friedrich Christoph Dittmar beim Baden vor seinen Augen, ohne daß er ihm, wie behauptet wird, hätte helfen können. Dieser Sand dürfte jedenfalls kaum mit sich selber im Reinen gewesen sein.

Die Ermordung des früher in Wien, nun in Mannheim lebenden August von Kotzebue (57) hatte er bereits am 5. Mai 1818 in seinem Tagebuch erwogen. Zu dieser Zeit studierte Sand in Jena. Kotzebue hatte sowohl die Burschenschaften (wegen liberaler Tendenzen, die sie auch besaßen) als auch „die Romantiker“ und Geheimrat Goethe angriffen. Trotzdem kam Goethe in Weimar nicht an ihm vorbei, weil sich Koetzebue, neben Iffland, unbestreitbar zum beliebtesten Unterhaltungsdramatiker seiner Zeit aufgeschwungen hatte. Zwischen 1791 und 1817 ließ Goethe rund 90 Kotzebue-Stücke aufführen. Aber den Dorn in Sands Augen stellten nicht diese zugleich spannenden und sentimentalen Familiengeschichten, vielmehr Kotzebues „undeutsche“ Gesinnung dar. Für ihn war der durchaus umstrittene Diplomat und Historiker Kotzebue Saboteur des patriotischen Ringens um Deutschlands Einigung und Freiheit und zudem russischer Spion. Kotzebue hatte nämlich längere Zeit in dem verhaßten Rußland gewirkt, unter anderem als Staatsrat in Petersburg und persönlicher Berater des Zaren, und besaß nach wie vor entsprechend gute Verbindungen.

Im Februar 1819 reiste Sand nach Mannheim. Am Vormittag des 23. März suchte er den berühmten Dramatiker unter Verwendung eines kurländischen Aliasnamens in seiner Wohnung auf. Obwohl Kotzebue bereits auf die 60 zuging, hatte er, vermutlich von seiner zweiten, mir nicht namentlich bekannten Gemahlin, einen vierjährigen Sohn. Dieser wurde, so heißt es, zufällig Zeuge der Erdolchung seines Vaters durch den fremden Besucher. Diese Zeugenschaft soll Sand aus der Fassung gebracht haben – von der Fassung des Vierjährigen und später vielleicht 40jährigen ist nie die Rede. „Statt zu fliehen“, berichtet Wikipedia*, „stieß er sich einen zweiten Dolch in die Brust, stürzte zur Haustür und übergab an der Tür einem Diener die mitgebrachte Schrift Todesstoß dem August von Kotzebue, zu der er sich auch in seinem Prozess bekannte. Auf der Straße angekommen, versetzte er sich einen weiteren Dolchstoß und verlor das Bewusstsein.“

Da Sand seinen Selbstmordversuch überlebte, hatte die Presse für ein Jahr reichlich Futter. Fern aller Reue, verteidigte Sand vor Gericht seinen „Tyrannenmord“ als eine hohe sittliche Tat. Seine mutmaßlichen Helfer deckte er wie ein wahrer Kamerad. Was ihn selbst anging, verzichtete er auf ein Begnadigungsgesuch an den Großherzog. Das Oberhofgericht Mannheim verurteilte den 24jährigen Theologiestudenten am 5. Mai 1820 zum Tode. Als er zwei Wochen später am Heidelberger Tor öffentlich mit dem Schwert hingerichtet wurde, war er für sehr viele Deutsche längst zu einem Symbol für Einheit und Freiheit geworden.** „Das Volk“ schluchzte und betrauerte ihn. Sein Grab wurde zum Wallfahrtsort. Als es 1865 vom stillgelegten Lutherischen auf den Haupt-Friedhof verlegt werden mußte, erhielt Sand ebendort ein von der Bürgerschaft gestiftetes Ehrengrab. Mord ist eben nicht gleich Mord. Den einen Mörder verdammt man, den anderen himmelt man an.

* Artikel über Sand
** Zur Vaterlandsliebe habe ich mich kürzlich gesondert geäußert



40 - Gerhard von Kügelgen

Im Gegensatz zu August von Kotzebue, der ihm übrigens gleichfalls Modell gesessen hatte, war der Porträt- und Historienmaler Gerhard von Kügelgen, geboren 1772, ein Zufallsopfer. Ihn ereilte der Tod genau ein Jahr nach dem Mannheimer Gelehrten und Dramatiker. Hätte sich Kügelgen am für ihn verhängnisvollen Märznachmittag 1820 nicht zu einem inspizierenden Fußmarsch zu seinem vor Dresden gelegenen kleinen Weingut entschlossen, wäre „der erste beste“, den der Raubmörder an diesem Tage zu überfallen gedachte, jemand anders gewesen. Wenige Monate vorher war es, in der selben Gegend bei Loschwitz, ein armer Tischlergeselle gewesen. Das fiel dem Publikum und der Polizei freilich erst wieder ein, nachdem ein hochangesehener, jetzt nahezu entkleideter Professor der Dresdener Kunstakademie in seinem Blute im Gestrüpp unweit der Landstraße nach Bautzen lag. Der 48jährige war (mit einem Beil) erschlagen und zugleich entstellt worden. Dabei soll er, den Autoren G. H. Mostar/R. A. Stemmle zufolge*, ein ausgesprochen schöner, zudem umgänglicher und gütiger Mann gewesen sein. Auch die Zerrissenheit, die man so oft bei Künstlern finde, habe den Vater dreier Kinder nie gequält. Kügelgen habe sich sowohl als Gatte wie als Maler und Lehrer rundum glücklich geschätzt. Den Grundstock seines hohen Rufes und seines beträchtlichen Vermögens hatte er (1804) aus St. Petersburg mitgebracht, wo er die Zarenfamilie und deren Hofstaat gemalt hatte. In Dresden mauserte sich Kügelgens viergeschossiges Stadthaus Gottessegen in der Hauptstraße zum Treffpunkt von allem, was in der ostdeutschen Frühromantik Rang und Namen hatte. Viele von diesen Personen verewigte er in Öl, voran die unverzichtbaren Stars Goethe, Schiller, Wieland, ferner Kotzebue, wie schon erwähnt, aber auch seinen Freund und Schüler Caspar David Friedrich.

Neuerdings hatte sich Kügelgen jenes Weingut zugelegt, in dem ihm Maurer gerade ein Atelierhaus bauten. Nun zahlte er Wochenlöhne aus, gab neue Anweisungen und machte sich wieder auf den Heimweg. Dabei erwischte es ihn. Man fand die übel zugerichtete Leiche des vermißten Professors am anderen Morgen. Da in der Geldbörse wenig zu holen war, hatte sich der erbärmliche Raubmörder notgedrungen an Kügelgens silberner Taschenuhr und seiner gediegenen Kleidung schadlos gehalten; sogar die Stiefel zog er ihm aus. Der zur Tatzeit 23jährige Soldat Johann Gottfried Kaltofen aus einer nahen Kaserne wurde später unter anderem aufgrund der Verkäufe seiner Beute überführt. Da er außerdem Geständnisse ablegte, auch den Tischlergesellen betreffend, kam er im Juni 1821 auf dem Dresdener Marktplatz aufs Schafott. Der Henker soll ihn mit einem Schwert enthauptet haben.

* Die Höllenmaschinen des Dandy Keith, München 1967


41 - Laskarina Bouboulina

Sie darf hier aufgenommen werden, weil sie nicht, wie etwa die eingeschmuggelte „La Pola“, im Freiheitskampf fiel. Ihr schmähliches Ende im Brautstreit ist freilich ein Jammer, zeichnete sich die 1771 geborene Kapitänstochter und zweimalige Kapitänswitwe von der südgriechischen Insel Spetses doch im Widerstand gegen die osmanische (türkische) Herrschaft stark genug aus, um später mühelos auf zahlreichen Denkmalsockeln, Straßenschildern, Schiffsrümpfen und Banknoten oder Münzen zu erscheinen. Dabei soll sie die eigenen, teils mit Kanonen bestückten Schiffe, die sie dem von ihren verstorbenen Gatten angehäuften Reichtum verdankte, eigenhändig befehligt haben. In Gesellschaft bärtiger griechischer Generäle saß sie auch im Kriegsrat, und nach ihrem Tod wurde sie von Zar Alexander I. sogar zum Admiral der russischen Marine gemacht, ein Novum in der Militärgeschichte. Bouboulinas zweiter Gatte – wie der erste von Piratenhand gefallen – hatte auf russischer Seite gegen die Türken gekämpft.

1818 wurde Bouboulina in die geheime Widerstandsorganisation Filiki Etairia aufgenommen – das nächste Novum, wie das Museum Bouboulina auf Spetses versichert. Sie sei das einzige weibliche Mitglied dieser „Brüderschaft“ geblieben.* Im Herbst 1821, nun schon 50, war sie an der Einnahme der Stadt Tripoli beteiligt, wo der fremdländische Beherrscher der Region Peloponnes, Hoursit Pascha, sein Hauptquartier und sein Haremszelt aufgeschlagen hatte. Dem Fall der Stadt folgte über drei Tage hinweg ein wenig weiblich wirkendes, rachedurstiges Gemetzel, bei dem rund 3o.000 Menschen umgekommen sein sollen. „Das Blut floß in Strömen“, gibt das Museum zu. Immerhin versichert es ebenfalls, in Einlösung eines Versprechens, das sie 1816 der Mutter des Sultans in Konstantinopel gegeben hatte, habe Laskarina Bouboulina den gesamten Harem des gestürzten Paschas, Kinder eingeschlossen, vor den Massakern gerettet. Jenes Versprechen, wenn je eine türkische Frau um Hilfe bitten würde, werde sie diese nicht verweigern, hatte sie der Mutter Mahmud II. gegeben, weil sich die erlauchte Dame damals erfolgreich für Rückerstattung des beschlagnahmten Vermögens Bouboulinas eingesetzt hatte. Man ahnt es, auch dieser Freiheits- und Unabhängigkeitskampf war vor allem von dem Wunsch beseligt, weder im Olivenanbau oder Segelflicken noch im Geschäftemachen behelligt und beschnitten zu werden.

In ihren letzten Jahren war Bouboulina das Glück nicht mehr hold. In bürgerkriegsähnlichen Wirren stritten die einheimischen politischen Parteien trotz der nach wie vor lauernden „türkisch-ägyptischen Gefahr“ um den befreiten Kuchen und hatten für die ruhmreiche „Kapetanissa“ (Kapitänin) auf Spetses nicht mehr viel übrig. Ihr Schwiegersohn Panos Kolokotronis wurde ermordet und dessen Vater, ein General, ins Gefängnis geworfen. Sie selber, die Unsummen in den Widerstand gesteckt hatte, verarmte und verbitterte. Im Frühjahr 1825 brach zu allem Unglück auch auf Spetses noch Krieg aus, nämlich zwischen Bouboulina und der Familie Koutsis. Der Grund war einfach und zünftig: Bouboulinas Sohn Giorgios Giannouzas hatte eine Tochter der Koutsis' entführt. Als Brautvater Christodoulos Koutsis nach Sonnenuntergang mit bewaffneten Leuten vor Bouboulinas Haus auftauchte, trat die streitbare dunkelhaarige Hausherrin, die auf Gemälden meist mit strammem Busen gegeben wird, auf ihren Balkon und eröffnete das Wortgefecht mit dem Landsmann. Aber plötzlich fiel aus der feindlichen Schar im Zwielicht ein Schuß, der die inzwischen 54 Jahre alte Mutter des unwillkommenen Bräutigams auf der Stelle tötete. Der Schütze hatte sie genau an der Stirn getroffen. Angeblich wurde er nie identifiziert. Auch den Ausgang der Entführung verrät das Museum nicht.

* Webseite Museum


42 - Ludwig Choris

Der Sohn eines Hochschullehrers in Charkow, Ukraine, profitierte davon, das Licht der Welt vor dem Siegeszug der Fotografie zu erblicken, aber es war auch just dieser Umstand, der ihn nur 33 Jahre alt werden ließ. Als er 1815 in Sankt Petersburg an Bord der Brigg Rurik zu einer bald darauf weltberühmten Weltumsegelung aufbrach, war er gerade einmal 20. Aber er konnte Zeichnen und Malen und war auch in Naturkunde beschlagen. Und da er auch der Naturgetreuheit verpflichtet war – jedenfalls entschieden mehr als etwa imperialistischem Dünkel oder Rassenhaß – leistete er mit seinen Abbildungen aus Übersee, darunter die Philippinen, Hawaii und die Beringstraße, unschätzbare Dienste zur Kenntnis und Erforschung fremder Flora, Fauna und Menschen.

Einige gebildete LeserInnen werden die rund dreijährige Reise um die Welt durch Adelbert von Chamissos Bericht kennen, der knapp 20 Jahre später, 1836, als eigenständiges Buch des Berliner Schriftstellers erschien. Offiziell „Titulargelehrter“ der Expedition, war der junge Chamisso mit Zeichner Choris eng befreundet. Etwas weniger harmonisch gestaltete sich sein Verhältnis zum Leutnant der russisch-kaiserlichen Marine Otto von Kotzebue, der das Unternehmen leitete. Er war ein Sohn des soeben erwähnten Mannheimer Mordopfers – allerdings war er nicht jener damals Vierjährige, der den Attentäter Sand so erschreckt hatte. Gottseidank, sonst wäre er vermutlich nicht nur häufig schlecht gelaunt, sondern ein echter Kotzbrocken gewesen. Beide, Kapitän wie Titulargelehrter, hatten außerdem ihre Plage mit dem gemeuchelten Alten, brauste ihnen doch aus jedem Hafen, in dem sie in Übersee anlegten, dessen ruhmreicher Name entgegen, wie Chamisso erwähnt. Selbst die Bibliothek auf den Aleutischen Inseln (bei Alaska) habe im Wesentlichen aus einem ins Russische übersetzten Band mit Werken von August von Kotzebue bestanden.

Was Choris betrifft, begab er sich 1819, nach Bewältigung der großen Reise, nach Paris, wo er sich unter anderem in Lithografie ausbilden ließ, damit die diversen gedruckten Reiseberichte um Illustrationen bereichert werden konnten. 1821 wurde sein „Lithographisches Reisewerk“ auch im Stuttgarter Morgenblatt für gebildete Stände vorgestellt oder besprochen. Im folgenden Jahr veröffentlichte er einen eigenen Reisebericht in französischer Sprache (Voyage pittoresque autour du monde), der auch Textbeiträge von Chamisso und dem bekannten Pariser Naturforscher Georges Cuvier enthielt. 1826 erschienen 24 weitere Lithografien unter dem Titel Vues et paysages des régions équinoxiales. Ein Jahr darauf tappte Choris in die Falle. Er ließ sich im Auftrag des Musée des Jardins des Plantes auf eine Mittel- und Südamerikareise ein, um dortige Pflanzen zu sammeln und Portraits der Indios zu liefern. Über die Antillen, New Orleans und Veracruz kam er 1828 nach Mexiko. Dort wurde der begabte 33jährige Künstler und Forscher bei Xalapa von schnöden Strauchdieben überfallen und ermordet.


43 - Windradyne

Eigentlich wäre „der fünfte Kontinent“ nach Ansicht der Aborigines, in diesem Fall der Wiradjuri, die im heutigen New South Wales in der gebirgigen Gegend bei Bathurst lebten, durchaus groß genug gewesen, um zusätzlich ein paar Schiffsbesatzungen aus weißen SiedlerInnen zu ernähren. Aber zum einen kamen immer mehr SiedlerInnen, zum anderen bestanden sie darauf, die Landschaft mit Strichen zu versehen, genannt Eigentumsgrenzen. Damit war endlich ein guter Kriegsgrund vorhanden. Es nützte wenig, daß der junge wohlproportionierte Eingeborenenführer Windradyne, geboren um 1800, auch Saturday genannt, mit dem britischen Rechtsanwalt William Suttor befreundet war und entsprechend den Weg des Verhandelns oder Prozessierens bevorzugte, um freien Zugang zu den eigenen angestammten Nahrungsgründen zu erhalten. Die australischen SiedlerInnen verfügten nämlich über gut ausgebildete und gut bewaffnete britische Soldaten. Im Januar 1824 nahmen sie Windradyne, den eine mutmaßlich zeitgenössische kolorierte Zeichnung als bärtigen grauhaarigen Wuschelkopf mit pelzbesetztem Mantel vor der Brust gibt, erst einmal gefangen und steckten ihn in Bathurst für einen Monat ins Gefängnis. Angeblich war er für die „Ermordung“ zweier Viehzüchter in Kings Plain, zumindest jedoch für Viehdiebstähle verantwortlich. Die Sydney Gazette vom 8. Januar 1824 gibt sogar das Argument der „natives“ wieder: da man ihre Kängurus und Opossums vertrieben habe, müßten sie sich eben an den neuen Schafen und Rindern schadlos halten.

Kommandant von Bathurst war damals Major Morisset. Diese „Stadt“ war übrigens erst 1814 gegründet worden – mit welchem Recht? Im Laufe des Jahres kam es, unter einem vom sogenannten Gouverneur Generalmajor Sir Thomas Brisbane verhängtem sogenannten „Kriegsrecht“, zu weiteren Übergriffen und Zusammenstößen, etwa am Bells Fall Gorge und am Clear Creek, die im Ganzen mehreren Hundert Eingeborenen das Leben kosteten. Die SiedlerInnen verschmähten in ihrer neuen Heimat auch die Heimtücke nicht. Im selben Jahr boten Bauern bei Kelso Windradynes Sippe Kartoffeln an. Da sie den Aborigines geschmeckt hatten, wollten sie am nächsten Tag Nachschub holen. Inzwischen hatte sich der Bauernhof allerdings in ein kleines Heerlager verwandelt und die meisten von Windradynes Verwandten wurden niedergeschossen. Von anderen SiedlerInnen heißt es, sie hätten gezielt vergiftetes Fleisch ausgelegt. Einige von ihnen ereilten die Speere der Aborigines. Verschiedene Verhandlungen mit dem Gouverneur in Parramatta führten nur vorübergehend zum Waffenstillstand. Windradyne hatte mit den Stammesführern Old Bull aus dem Süden und Blucher aus dem Nordwesten einen Kriegsrat gebildet, um Land und Leute wirkungsvoller verteidigen zu können. Es heißt, in den nächsten Jahren sei die gemeinsame Streitmacht auf 600 Krieger angewachsen.

Deren endgültige Niederlage erlebte Windradyne nicht mehr. Er starb 1829 mit rund 30 Jahren entweder im Krankenhaus von Bathurst oder nahebei auf Freund Suttors Anwesen Brucedale, nachdem er in einem Gefecht am Macquarie River schwer verwundet worden war. Die Sydney Gazette brachte wohlwollende Nachrufe. Eine ähnlich fragwürdige Genugtuung kam 1954, als die Bathurst Historical Society Windradynes Grabstätte in oder bei Brucedale zum geschützten Gebiet der Wiradjuri erklärte und mit einem Gedenkstein zierte, auf dem er, laut David Andrew Roberts*, als „true patriot“ bezeichnet wird. Auch ein Stadtteil von Bathurst trägt seinen Namen.

Um die Ausgewogenheit zu wahren, wurde ein Nationalpark in Queensland, der neben dem Honigfresser den Mangrovekrähenwürger zu bieten hat, beides Vögel, nach Edmund Kennedy benannt. Der aus Großbritannien stammende Landvermesser und „Entdecker“ hatte ab 1840 wesentliche Beiträge zur „Erschließung“ Queenslands geleistet. Auf seiner letzten Expedition wurde der 30jährige 1848 bei Kap York – von Speeren dort lebender Aborigines getötet.

* Artikel im Australian Dictionary of Biography, 2005, online hier



Fortsetzung Teil 2
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