Mittwoch, 1. Oktober 2014
Zwecklose Gesten aus Bukarest
Meine Erwartung, mit Mihail Sebastians Tagebuch aus der Zeit des Faschismus eine erheblich genießbarere Lektüre als die entsprechenden Aufzeichnungen von Victor Klemperer aufgestöbert zu haben, wurde enttäuscht. Beide Werke ähneln sich in vielen, ärgerlichen Zügen, voran die Langatmigkeit und die Flüchtigkeit. Daran konnte auch der Generationsunterschied nicht rütteln. Der rumänische Schriftsteller, Journalist und Übersetzer Sebastian war rund 25 Jahre jünger als der Dresdener Romanistik-Professor, sodaß er das Wüten der einheimischen und deutschen Faschisten (Besatzung) in seinen Jahren um 30 erlebte. Im Brotberuf ursprünglich Rechtsanwalt, verlor er 1940 seine Anwaltslizenz und zudem einen Posten als Redakteur bei der Königlichen Stiftung, weil er außer Rumäne auch Jude war – „Saujude“, wie es damals gerne hieß. Sebastian wurde zu mehreren Wehrübungen und Arbeitsdiensten eingezogen, entging jedoch der Verschlep-pung. Zuletzt überstand er die wiederholte Bombardierung Bukarests durch die Alliierten im Frühjahr 1944. Ein Jahr darauf, kaum der Angst und dem Elend entronnen, kam er in der Hauptstadt, mit 37 Jahren, bei einem angeblichen Verkehrsunfall ums Leben.

In der Unschlüssigkeit und Wehleidigkeit nehmen sich beide Autoren vielleicht nicht viel, doch der stets unver-blümt vorgebrachten Kritik Klemperers sowohl am Faschismus wie am Zionismus kann Sebastian selten das Wasser reichen. Im Grunde interessieren ihn die gesell-schaftlichen Verhältnisse gar nicht. Er ist Schlafwandler und Einzelgänger. Mit seiner Nachgiebigkeit, die er sich ein ums andere Mal selber vorwirft, erweist sich der aus bürgerlich-liberalem Hause stammende Rumäne ironischerweise als waschechter Jude. Ihr Seitenstück ist Sebastians Angewohnheit, sich mit Alkohol, Kino, Frauen, Musik „zu betäuben“ und sich „aus all diesem Ekel und Widerwillen in kindische, ausführliche Tagträume“ zu flüchten, wie er am 27. September 1941 notiert. Er hält sich für einen „Versager“; er sei nicht fürs Leben gemacht. So beklagt er in jedem dritten Eintrag, wie so vieles andere, auch seine Neigung zur Niedergeschlagenheit – bei der es Jahr um Jahr bleibt.

Dummerweise war er auch nicht so richtig für die Literatur gemacht. Gewiß kann Sebastian ein paar Romane veröffentlichen oder hin und wieder ein Stück im Theater unterbringen, doch der rauschende Beifall stellt sich bestenfalls vorübergehend ein. Er ist beileibe nicht so erfolgreich wie beispielsweise seine fragwürdigen Freunde Nae Ionescu, Mircea Eliade, Camil Petrescu. Immerhin wird er nicht wie sie. Trotz jener Duldsamkeit hat Sebastian nämlich nicht das Zeug zum Opportunisten, was ja das Karrieremachen sehr erleichtert hätte. Er bleibt seinen liberalen Überzeugungen und seiner Randposition treu. Allerdings bleibt er auch den genannten Personen und anderen „alten Freunden“ treu, die sich nach Sebastians ungeschminkter, wenn auch zumeist kommen-tarloser Darstellung im Tagebuch nur als sowohl eitle wie gemeingefährliche Strohköpfe bezeichnen lassen. Zu sehen, daß sich Sebastian nie dazu aufraffen kann, mit einem dieser Tintenfaßträger des Faschismus und des militanten Antisemitismus wirklich zu brechen, kommt für einen Leser wie mich fast schon Folter gleich. Petrescu, in jedem Lexikon als bedeutender Neuerer der rumänischen Literatur ausgegeben, biedert sich später auch erfolgreich den Kommunisten an. Ein widerlicher Kerl. Warum kam er nicht unter das Auto? Er starb 1957 mit 63.

Wie es aussieht, wird Sebastian ein glückliches Verhältnis zur Literatur vor allem durch seine ihm vom eigenen Naturell bereiteten Arbeitsschwierigkeiten erschwert. Er berichtet unablässig davon. Er findet keinen Anfang, bekommt Skrupel, schreibt zu langsam, stolpert vom Überschwang zum Selbstzweifel und wieder zurück. Möglichkeiten sich abzulenken, etwa durch „Ausgehen“, nimmt er so sicher wahr wie sie ihm kurz darauf Katzenjammer bereiten. Oft kann er nur schreiben, wenn er Bukarest verläßt, um sich als Feriengast am Schwarzen Meer oder in den Karpaten zu verschanzen. Sowohl die Ablenkungen wie die Reisen kosten natürlich Geld und sind ungeeignet, den schmal entlohnten Redakteur oder Hilfslehrer (an einer jüdischen Schule) aus seiner ständigen Geldnot zu führen. Dies alles wiederholt sich durch die Jahre gnadenlos, es ändert sich um keinen Deut, aber Sebastian schreibt es, im Tagebuch, trotzdem auf. Auch seine Erschöpfung und Schlaflosigkeit beklagt er immer wieder, ohne je zu bedenken, er könne auf diese Weise vielleicht dereinst die LeserInnen seines Tagebuchs ermüden. Ähnlich häufig erwähnt er Kopfschmerzen, Sehschwäche und andere gesundheitliche Beeinträchti-gungen, die ihm zusetzen. Man könnte vermuten, irgendwo nage ein Wurm in ihm, aber dazu sagt er nichts. Er bemüht sich auch nicht um eine ärztliche Diagnose.

Überhaupt kommt Sebastian ähnlich selten zu nennens-werten Erkenntnissen wie ich es schon Klemperer bescheinigt habe. Sie sind Tretmühlen-Protokollanten. Auch in stilistischer Hinsicht hat der Romancier und Dramatiker dem Wissenschaftler aus Dresden nichts voraus. Dabei hätte Sebastian, im Vergleich zu Klemperer, sicherlich die Muße gehabt, seinen Einträgen aus dem Abstand heraus durch Feilen etwas mehr Glanz und Tiefe zu verleihen. Er beläßt es dabei, sich auch die Flüchtigkeit seiner Tagebuch-Prosa immer mal wieder selber vorzu-werfen. Sebastians vergleichsweise große Geschütztheit geht übrigens auch aus dem Umstand hervor, daß er es – auf den 800 Seiten der deutschen Ausgabe von 2005 – nicht einmal für erforderlich hält, die Frage zu erörtern, ob er sich selbst und vor allem andere Personen durch dieses Tagebuchführen nicht fahrlässig gefährde. Selbst von einem Versteck für das Manuskript in seiner jeweiligen Wohnung ist nie die Rede. Im Gegensatz zum Fall Klemperer ist es mir überhaupt nicht immer ganz leicht gefallen, den angeblichen Ernst der Lage Sebastians nachzuvollziehen. Vielleicht liegt das nur an Sebastians unverschuldetem Pech, eine geballte Mischung aus zeitgenössischem Faschismus und allgemeinem jugendlichem Lebensüberdruß aushalten zu müssen. Er liebäugelt sogar mehrmals mit Selbstmord. Sein Eintrag vom 6. Dezember 1942 beginnt mit einer Klage über seine Lethargie und die Fadheit allen Geschehens. Es fehle ihm sogar „die Kraft zum Selbstmord, doch wenn ich eine geladene Pistole in der Hand hielte, würde ich vielleicht den Abzug drücken.“ Ja, vielleicht … Sobald die Pistole vom Himmel fällt und ein Engel die Entschlußkraft zum Abdrücken mitliefert. Merkt der Mann nicht, wie lachhaft er sich aufführt und ausdrückt? Und wie vergeßlich er ist? Hat er doch erst im Februar desselben Jahres seinen Kollegen Stefan Zweig angepinkelt, weil sich dieser (in Brasilien) soeben umgebracht hat. „Er hatte kein Recht dazu, durfte es nicht tun.“ Widersprüchlichkeit lasse ich mir ja gerne gefallen, aber naseweise Oberflächlichkeit nicht.

Ein erfrischender Widerspruch ergibt sich aus dem Vor-wort des Herausgebers und Mitübersetzers der deutschen Ausgabe Edward Kanterian. Sebastians „sicheres Urteil“ als jugendlicher Literaturkritiker für diverse einheimische Blätter leitet Kanterian aus der Tatsache ab, „so gut wie alle Autoren, die er besprach“, hätten „Eingang in den Kanon rumänischer Literatur gefunden“. Eben diesen, noch um berühmte Ausländer erweiterten Kanon wagt Sebastian später, im Tagebuch, wiederholt anzugreifen, weil die gleichsam amtliche Beweihräucherung seinem eigenen Urteil als Leser der betreffenden Autoren wider-spricht. Selbst seine Bewunderung für Shakespeare ist nicht ungeteilt. „Was für ein kindisches, stellenweise sogar idiotisches Zeug!“ entfährt es ihm am 13. Oktober 1941. Gemeint ist ein Stück, das im Titel das oberste Geschäfts-prinzip der Kanterians bezeichnet: Viel Lärm um nichts.

Ob sich Sebastian bis zu seinem frühen Tod, der ihn auf dem Weg zu seiner Antrittsvorlesung als frischgebackener Literaturprofessor ereilte, trotz mancher Bedenken mit Plänen trug, sein Tagebuch früher oder später – in der einen oder anderen Form – zu veröffentlichen, geht weder aus diesem selber noch aus dem Vorwort des Philosophie-professors aus Kent, GB, hervor. Wenn ja, hätte es Sebastian möglicherweise noch einmal gründlich im Geiste Jules Renards bearbeitet, den er sehr schätzte. Aber das ist Spekulation. Tatsache dagegen ist, seine wohl in Paris lebenden (und darbenden) Erben entschlossen sich zu einer Veröffentlichung des Tagebuchs in der vorliegenden Form. Man sollte sie einmal fragen, ob sie sich vielleicht noch an Sebastians Eintrag vom 25. September 1941 erinnern könnten:
Dieses Tagebuch ist ziemlich nutzlos. Ich lese es manchmal durch, und das Fehlen einer jeglichen Tiefe ernüchtert mich. Ereignisse ganz ohne Gefühl, ohne Glanz und Ausdruck aufgezeichnet. Nirgends sieht man, dass all dies ein Mensch schreibt, der tagtäglich, stündlich den Tod neben sich, in sich spürt. Ich fürchte mich vor mir selbst, fliehe vor mir selbst, gehe mir aus dem Weg. Ich drehe lieber den Kopf in die andere Richtung, wechsle das Thema. Nie fühlte ich mich älter, glanzloser, lustloser, ganz ohne Jugendlichkeit. Zerrissene Saiten, zwecklose Gesten, nichtssagende Phrasen.
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