Freitag, 12. September 2014
Nägele mit Köpfchen und viel Durst
Hätte es Ulrich von Hutten gewollt, wäre er schon mit 24 (statt 29) Hofrat gewesen. Mit 35 kam er in den Sarg. Wahrscheinlich entsprach dem einstigen Frühsterben eine Frühreife der Zeitgenossen, ob sie nun Ritter oder Schuster, Gelehrter oder Säufer waren. Ein Zeitgenosse Huttens, Dr. Johannes Carion aus Bietigheim bei Stuttgart, war beides: Gelehrter und Säufer, wie man gleich sehen wird. Geboren 1499 als Sohn des Zimmermanns Nägele und kaum die Universität in Tübingen absolviert, wurde der Schwabe schon 1518 beim Kurfürsten Joachim I. von Brandenburg als „Hofmechanikus“ angestellt, also mit bestenfalls 20 Jahren. Joachim war einerseits Gegner der Reformation, andererseits Bruder jenes Erzbischofs Albrecht von Brandenburg, der den zunehmend aufmüp-figen Hutten förderte. Auch Carion stand mit Reformato-ren wie Philipp Melanchthon, Luther und Georg Sabinus auf durchaus gutem Fuß. Er lehrte am Spandauer Hofe Mathematik und Astrologie, befaßte sich auch mit Medizin und mauserte sich rasch zum engsten Berater und Vertrauten des galligen Kurfürsten.

Zu Carions Tübinger Lehrern hatte der zeitgemäß endzeitgestimmte Johannes Stöffler gezählt. Im Sommer 1524 ging Joachims Vertrauen bereits so weit, daß er sich von Carion davon überzeugen ließ, die Sündflut, die Stöffler schon für den Februar des Jahres vorausgesagt hatte, werde nun am St.Heinrichs-Tag eintreffen, nämlich am 15. Juli. Die Angelegenheit gestaltet sich spannend, geht aber glimpflich aus – so jedenfalls beim Schriftsteller Werner Bergengruen in seinem 1940 erschienenen Roman Am Himmel wie auf Erden. Erstaunlicherweise wurde dieser Roman von den Nazis geächtet, obwohl er im Grunde Staatstreue, Volksgemeinschaft und Schicksals-ergebenheit von vorne bis hinten predigt. Carion hatte, vordergründig betrachtet, wenig Grund zum klagen. Er wird auch in anderen Quellen als ausgesprochen trink- und tafelfreudig geschildert. Einem um 1530 entstandenen Ölgemälde von Lukas Cranach dem Älteren zufolge stand er dem Umfang von Bergengruens detailreichem 800-Seiten-Wälzer kaum nach. Da hatte sich der Fein-schmecker, damaligem Antikisierungs-Brauch gemäß, ohne Zweifel einen treffenden Namen ausgesucht, leitet sich doch „Carion“ von griech./lat. Caryophyllon ab, womit das indische Gewürz „Nußblatt“ gemeint war, bei uns „Gewürznägelein“, später „Gewürznelke“.

So weit ich sehe, ging am besagten St.Heinrichs-Tag, nach der Welt, auch das Vertrauensverhältnis zwischen Joachim und Carion nicht unter. Der Kurfürst verwendete den trotz seiner Leibesfülle „gewandten und weltkundigen“ Doktor selbst für diplomatische Missionen, darunter die Anbah-nung einer zweiten Ehe seines Sohnes und Thronfolgers Joachim II., nämlich mit Hedwig von Polen. Da diese Hochzeit (1535) erst zwei Jahre vor Carions Tod begangen wurde, dürfte er bis zuletzt in kurfürstlichem Dienst gestanden haben. Dieser gewährte ihm anscheinend genug Freiraum, um sich auch erfolgreich als Schriftsteller zu betätigen. Seine populären astrologischen Schriften, darunter etliche „Prognostiken“ (Voraussagen), wurden damals viel gelesen. Da für den „gemeinen“ Mann gedacht, schrieb der Ex-Nägele sie auf deutsch. Mit seinem Hauptwerk, 1532 in Wittenberg veröffentlicht, konnte er allerdings erst posthum hervortreten, nachdem es von Melanchthon und Caspar Peucer überarbeitet worden war: einer an der Bibel orientierten Weltgeschichte. Das überarbeitete Werk erschien 1572 als Chronicon Carionis und blieb für Jahrzehnte das beherrschende Kompendium für den universalgeschichtlichen Unterricht. Es erlebte auch außerhalb des Reiches zahlreiche volkssprachliche und lateinische Drucke.

Was Carions Hausstand an der Spree, vielleicht auch an der Elbe in Magdeburg, und gar sein Gemüts- und Liebesleben angeht, zeigt sich selbst der langjährige Bietigheimer Stadtarchivar Stefan Benning überfragt. Die Quellenlage ist das Gegenteil einer Überschwemmung. Nebenbei wurde dem Hofastrologen, dem einige Kollegen eine ausgeprägte nekromantische Neigung ankreideten, die Doktorwürde (als Mediziner), laut Johannes Schultze (1957) und entgegen der Unterstellung Bergengruens und anderer Autoren, erst 1535, nämlich durch Sabinus verliehen. Einig sind sich die ForscherInnen immerhin über Carions Trunksucht, die Luther „lasterhaft“ schalt. Ihr soll er auch am 2. Februar 1537 mitten bei der Ausübung (in Magdeburg) zum Opfer gefallen sein. Die erstaunlich weihelos und launig verfaßte Grabinschrift hält fest: „Dr. Johannes Carion, Vertilger ungeheurer Wein-krüge, Wahrsager aus den Gestirnen, hochberühmt bei Machthabern, ist beim Gelage im Wettkampf erlegen. Christus verzeihe gnädig dem so plötzlich aus dem Kreise der Zechenden Zusammengebrochenen.“ Benning behauptet, sie stamme von Georg Sabinus, aber laut Wikipedia ist diese Zuweisung fragwürdig.

Vielleicht hätte sich Carion mit Begeisterung die sogenannte Madonna mit dem langen Hals, entstanden 1534/35, übers Bett gehängt, wenn er bereits davon gewußt hätte. Sie war dem in Parma, Oberitalien, wirkenden Meister des Manierismus Francesco Mazzola, genannt Parmigianino, gelungen, der seinen Pinsel aufgrund einer nicht genau überlieferten Krankheit 1540 für immer sinken ließ. Mit 37 war er nicht älter und nicht jünger als der Weinkrug-Vertilger Carion gewesen.
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