Dienstag, 1. Juli 2014
Merkers
Ehrlich gesagt, habe ich schon reizvollere Ortschaften als Merkers gesehen. Die lachende Sonne, die beiden Kolk-raben, die in meinem Rücken mit hartnäckigem Gebell über dem Wald kreisen, und das leuchtend gelbe Rapsfeld am Fuße des nicht minder bewaldeten Kraynbergs, der sich jenseits der Werra erhebt, hätte ich an diesem Wochentag Ende April auch anderswo gefunden. Parallel zur Werra „strömt“ der Verkehr auf der Bundesstraße 62 durchs Dorf – furchtbar. Um wenigstens die Toten etwas vom Lärm und Gestank der B 62 abzuschirmen, der sie hin und wieder auch zum Opfer gefallen sein dürften, hat man den Friedhof von Merkers oberhalb des Dorfes am Berg angelegt. Dadurch wird nicht mehr ganz so jungen Besuchern, die ihr Fahrrad da hinaufschieben, zudem Gelegenheit geboten, auch schon halbtot auf die nächste Friedhofsbank zu sinken. Von hier aus habe ich die drei wichtigsten Türme des Dorfes im Blick, zwei riesige stählerne Fördertürme des ehemaligen Kalibergwerkes und den eher gedrungenen Turm der evangelischen Kirche.

Dieses Bauwerk, die Kirche, ist im ganzen eine seltene Häßlichkeit, die ich nicht völlig unbesprochen lassen kann. Ich nehme an, jeder unvorbereitete Ortsfremde muß den Klotz aus angeschwärztem okerfarbenem Sandstein, der mit einigen kaum erkennbaren hohen, spitzbögigen Fenstern versehen wurde, für das Gefängnis der „Krayen-berggemeinde“ halten, zu der Merkers neuerdings zählt. Wird behauptet, man habe die Kirche 1929 nur mit beträchtlicher Hilfe des Kalibergwerkes errichten können, glaube ich es aufs Wort: sechs Tage im Berg, sonntags im Klotz. Nicht ganz so schlimm, dafür viel größer, ist die Werra-Rhön-Halle, ein Erbe der DDR. Das wuchtige „Kulturhaus“ liegt unten im Dorf im Winkel zwischen Bundesstraße und Zechenzufahrt. Neben zahlreichen Gewerkschaftsversammlungen oder Tanzveranstaltungen soll sein Parkett auch schon die Maßschuhe des Fest-redners Erich Honecker gesehen haben. Heute scheint das Kulturhaus vor allem Fans der Rockmusik oder des Disco-Fox zu dienen, auf den ich noch zurückkommen werde.

Der „Aufschwung“ für Merkers kam 1925, als das Kali-salzbergwerk eröffnet wurde, das sich rasch zur größten und modernsten Anlage weltweit mauserte. Sie weist bei drei Schächten ein Streckennetz von rund 4.500 Kilo-metern auf. In der größten Tiefe von rund 850 Metern herrschen etwa 28 Grad plus. Die Anlage gehört heute zum in Kassel ansässigen Multi K+S, der es inzwischen als „Erlebnisbergwerk“ betreibt, denn die Förderung wurde bereits 1993 eingestellt, also kurz nach der „Wende“. Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Im übrigen dürften die Fluten an Salzlaugen, die von den deutschen K+S-Gruben ins Grundwasser oder in die Werra/Weser geleitet werden, der Natur ungefähr so zuträglich sein wie die Berge an Kunstdünger, die sie den Landwirten aufschwätzen. Offizieller Konzerngewinn 2012: rund 640 Millionen Euro.

Tatsächlich gehört die Plattmachung der ostdeutschen Kali-Reviere nach der „Wende“ zu den einträglichsten Fischzügen westlichen Kapitals, in diesem Fall also des genannten Kasseler Konzerns, der bis vor kurzem wiederum mit der berüchtigten Leverkusener Kriminellen Vereinigung BASF verbandelt war. Transformator war selbstverständlich die nicht minder berüchtigte Treuhand-anstalt. Kaum hatte sie 1991/92 den Weg zu einer „Fusionierung“ der damals maroden K+S mit der eben noch „volkseigenen“ Mitteldeutschen Kali AG geebnet, legte das neue saubere Unternehmen, das nach wie vor in Kassel residierte, acht von neun Revieren still. Nur das Werk in Unterbreizbach (westlich von Dorndorf und Vacha an der Ulster gelegen) wurde verschont. Damit war K+S Alleinherrscher auf dem deutschen Kalimarkt. Selbst der Spiegel (5/1993) sprach von einer „gelungenen Ausschal-tung eines lästigen Konkurrenten im Osten“. Was Wunder, wenn Sieger K+S inzwischen auch weltweit zu den führenden Anbietern kali- und magnesiumhaltiger Produkte für landwirtschaftliche und industrielle Nutzung zählt. Die damals abgeschlossenen Verträge, die bis heute geheim gehalten werden, erlaubten nicht nur die offiziell stets gegeißelte „Vernichtung von Arbeitsplätzen“ in großem Maßstab (25.000 Stück); sie schoben K+S außerdem einen „Verlustausgleich“ von 1,3 Milliarden Euro zu und befreiten es von den unumgänglichen Sanierungs- und Sicherungslasten, die dafür dem Land Thüringen aufgebürdet wurden – also dem Volk, das man soeben ausgeplündert hatte. Nach einem Artikel von Susan Bonath, der am 18. März 2014 in der Jungen Welt zu lesen war, haben auch diese Lasten inzwischen längst die Milliarden-Grenze überschritten. Die Verträge sowie die vielsagende (Bonn/Berliner und Erfurter) Weigerung, sie offen zu legen, gelten nach wie vor.

Dies ist also „ein gutes Deutschland, das beste, das wir jemals hatten“, wie sich die übelriechende DDR-Altlast Joachim Gauck Ende Januar in ihrer neuen Eigenschaft als gesamtdeutscher Bundespräsident auf der sogenannten Münchener Sicherheitskonferenz auszudrücken beliebte. Allerdings genießen wir diese Qualität auch eine Ebene höher, in dem bürokratischen Moloch namens EU. Unter dem Titel „Freihandelsabkommen und Geheimhaltung“ legt Georg Rammer in Ossietzky 9/2014 eine vernichtende Kritik der Verschwörung zwischen dem internationalen Großkapital und den Brüsseler Eurokraten gegen Zigmillionen europäische Habenichtse vor, die jeden gerechtigkeitsliebenden Menschen zur Weißglut bringen muß, nicht zuletzt wegen dem Ohnmachtsgefühl, das in ihm aufsteigt. Aber das hindert Europas staatstreue „Linke“ nicht daran, den Moloch „reformieren“ oder „demokratisieren“ zu wollen. So steht es selbst im selben Ossietzky-Heft.

Im letzten Kriegsjahr nutzten die Nazis das Salzbergwerk in Merkers als Versteck für beträchtliche Gold- und Devisenbestände der Reichsbank, Diebesbeute der SS eingeschlossen, und Kunstschätze aus verschiedenen Berliner Museen. Dieser Schatz wurde im April 1945 von US-Truppen entdeckt und beschlagnahmt. Wahrscheinlich waren sie von befreiten Zwangsarbeitern ins Bild gesetzt worden, denen die nächtlichen Einlagerungen nicht ent-gangen waren. Insa van den Berg bemerkt dazu (am 8. Mai 2009) auf Spiegel Online: „Kurz nach Bekanntwerden des Fundes eilte der Oberbefehlshaber der Alliierten Streit-kräfte in Westeuropa, General Dwight D. Eisenhower, persönlich nach Merkers, um das Goldlager unter der Erde zu inspizieren. Anschließend befahl er, den unterirdischen Tresor schnellstmöglich zu räumen – widerrechtlich, denn nach dem Abkommen von Jalta vom Februar 1945 hätten die Amerikaner die Grube in Merkers, so wie sie war, an die Sowjets übergeben müssen, entsprechend den vereinbarten Besatzungszonen. Eisenhower aber handelte auf geheime Weisung des Generalstabschefs der US-Armee, General George C. Marshall.“

Bleibe ich meiner eingangs eingeschlagenen aufrichtigen Marschroute treu, muß ich selbst den Wohnstätten des Doktor Deilmann, um den es hier eigentlich geht, ein eher bescheidenes ästhetisches Niveau bescheinigen. Ich meine damit sein Grab und das Haus, in dem er vorher, ehe er 2002 mit 97 Jahren unter die Erde kam, sowohl prakti-zierte wie auch wohnte. Das vergleichsweise große, schmucklose Haus liegt auf halber Höhe des Dorfes Ecke Goethestraße/Dr.Günther-Deilmann-Straße, und zudem unmittelbar an der eingleisigen Bahnstrecke Bad Salzungen–Vacha. Ich hätte diese Bahnstrecke heute liebend gern benutzt, statt mich mit dem Fahrrad auf der B 62 der großen Chance auszusetzen, ebenfalls auf dem Friedhof von Merkers zu landen, doch sie ist vor rund 15 Jahren stillgelegt worden. So war Bad Salzungen meine Endstation. Immerhin, wer sich Zeit läßt und ein paar Steigungen nicht scheut, kann von der Kreisstadt aus mit dem Fahrrad auch die nördlich der Werra verlaufende Landstraße benutzen, um sich dann, nach rund neun Kilometern, ebenfalls in Merkers einzufinden, tot oder lebendig. Vielleicht hülfe es ja, an der B 62 zur Abschreckung einen den Indern abgeguckten „Ratha“, einen Tempelwagen zu errichten. Er würde sicherlich gut mit der Kirche von Merkers korrespondieren. In Indien werden diese Heiligtümer, die zwei oder vier Räder eingeschlossen, aus Stein gehauen. Der so gestaltete Vitthala-Tempel in Vijayanagara, Südindien, ist beachtliche neun Meter hoch. 'Welche schweißtreibende Mühen der Mensch doch auf sich nimmt, um früher oder später im Rollstuhl zu landen oder gleich todsicher ins Himmelreich einzugehen!' könnte der Ratha von Merkers signalisieren. Er tut es selbstverständlich auch in der Gestalt des Kumpels, der Mensch. Deilmann ist daran nicht völlig schuldlos.

Deilmanns Grab weist ein liegendes Porträt-Relief und den Hinweis auf Deilmanns Ehrenbürgerschaft auf. Der damals 26jährige Mediziner, wegen seiner Herkunft bald darauf als „Halbjude“ eingestuft, wie ich von seinem Schwieger-sohn Jürgen A. erfahre, kam 1930 nach Merkers. Er hatte sich erfolgreich um eine Stelle als Betriebsarzt im Salz-bergwerk beworben. Deilmann stammte aus Dortmund und hatte zuletzt eine Stelle als Assistenzarzt in Essen gehabt. Nun ließ er sich in dem Dorf an der Werra außerdem als Landarzt und Geburtshelfer nieder. 1936 verhalf ihm die Werksleitung zu seinem schon erwähnten großzügigen Haus. Mit seiner Frau Magda, geb. Booz, hatte Deilmann sechs Kinder, davon fünf Mädchen. Booz starb 1994 mit 93 Jahren. Als Betriebsarzt betreute Deilmann im Krieg, zu dem er wohl wegen der Fürsprache der Werks-leitung, offiziell jedoch wegen „Wehrunwürdigkeit“ nicht eingezogen wurde, auch die auf Zeche gefangenen ZwangsarbeiterInnen. Daß er auch sie „gut behandelte“, rechneten ihm später viele MitbürgerInnen hoch an. Zudem beteiligte sich der eher schmächtige Doktor kurz vorm Einrücken der Amerikaner an einer lebensgefähr-lichen Aktion, mit der bei Merkers die Sprengung eines Munitionszuges durch die SS und damit die Verwüstung zweier Dörfer verhindert werden konnte. Die Sympathien, die Deilmann im Kreis genoß, schützten umgekehrt auch ihn vor den Verfolgungen durch die Nazis. Am Morgen des 4. April 1945 war es dann Deilmann, der vor Merkers Soldaten der 90. Infantrie Division der US Army mit weißer Fahne empfing und ihnen das Dorf übergab, um weitere Zerstörungen oder gar Todesopfer zu vermeiden. Seine Doppelrolle als Landarzt wie als Betriebsarzt im nunmehr verstaatlichten Salzbergwerk übte er, bis 1971, auch in der SBZ/DDR aus. 1995 verlieh ihm die damals zuständige Gemeinde Merkers-Kieselbach aufgrund seiner Beliebtheit und Verdienste die Ehrenbürgerwürde. Später kam die Umbenennung der Straße hinzu, an der Deilmanns Haus liegt.

Seinem Schwiegersohn zufolge war Deilmann zwar niemals ein Gegner des DDR-Sozialismus, aber auch nie eine Speerspitze desselben gewesen. Eine SED-Mitglied-schaft währte nur kurz. Wenn es ihm geboten schien, eckte er auch an. 1952 etwa verschärfte die SBZ/DDR in Reaktion auf Adenauers Generalvertrag mit den westlichen Alliierten ihr Grenzregime. Das schloß Zwangsaussied-lungen „unzuverlässiger“ BewohnerInnen aus dem „Sperrgebiet“ ein. Etliche Quellen, darunter Wikipedia, behaupten, diese Maßnahme sei bei den Spitzen von SED und MfS unter „Aktion Ungeziefer“ gelaufen. In diesem Rahmen sollten im Juni ungefähr 900 Menschen aus dem Kreis Bad Salzungen entfernt werden, wie Deilmanns Tochter Dorothea Nennstiel-Deilmann, Krankenschwester und Lehrerin, damals Anfang 20, Jahrzehnte später (2013) der Presse gegenüber berichtete. Darunter fielen auch 16 Familien aus Dorndorf bei Merkers. Dagegen erhoben sich jedoch massive, bei der „Verladung“ am Dorndorfer Bahnhof zuletzt sogar handgreifliche Proteste, an denen auch die Familie Deilmann beteiligt war. Die Zwangsaus-siedlung konnte erst mit Verzögerung durchgesetzt werden, als die Vopo die Rote Armee zur Hilfe rief.

Es gibt also starke Anhaltspunkte dafür, daß wir in Doktor Deilmann einen Mediziner hatten, der unter Hitler und Ulbricht, ersatzweise Adenauer, weder Duckmäuser noch gar Erfüllungsgehilfe schweren Unrechts war. Die Regel sah bekanntlich anders aus. Ich beschränke mich darauf, zwei Mediziner anzuführen, die gleichfalls über 95 geworden sind. Der promovierte Arzt aus dem rheinischen Landkreis Düren August Bender, geboren 1909, war Parteimitglied, weshalb es nicht verwundert, wenn er zunächst als Truppenarzt in der Thüringer SS Totenkopf Standarte, ab 1944 (im Range eines SS-Sturmbannfüh-rers) als Truppenarzt und Lagerarzt im KZ Buchenwald (bei Weimar) eingesetzt wurde. Hier oblag ihm auch die massenhafte „Selektion“ für besonders leidvolle Arbeits-kommandos. Nach Kriegsende festgenommen, wurde er im Sommer 1947 im Rahmen der Dachauer Prozesse zu 10 Jahren Haft verurteilt. Das war noch zu hart; wenig später stutzte man die Strafe auf drei Jahre. Im Ergebnis wurde Bender ein Jahr nach seiner Verurteilung, also im Sommer 1948, aus dem Gefängnis Landsberg entlassen. Wieder mit seiner Frau und seinen beiden Kindern vereinigt, ließ er sich ein Jahr darauf in Kelz bei Düren als Hausarzt nieder. Das blieb er rund 40 Jahre lang, bis er sich 1988 zur Ruhe setzte. Er starb 2005 mit 96 Jahren. Einem Bericht der Aachener Zeitung aus 2012 zufolge gab es in Benders Dorf allenfalls Gerüchte über seine Vergangenheit – Anfech-tungen nicht. Ein Dorfbewohner, der seit seiner Geburt zu Benders Patienten zählte, soll vielmehr versichert haben, Bender sei „ein verdammt guter Hausarzt“ gewesen. Der Zeitungsbericht erschien aus Anlaß eines Fundes im Koblenzer Bundesarchiv, in das mit Benders Nachlaß handschriftliche Aufzeichnungen des Arztes geraten waren, in denen er das Buchenwalder Lagerleben von seinesgleichen, nebenbei auch die „hoch gebildete“ Ilse Koch, „eine Schönheit“, preist. Sie war die Gattin des KZ-Chefs Karl Koch gewesen. Diese Aufzeichnungen sprechen eine ganz andere Sprache als die Verharmlosungen, die sich Bender einst vor Gericht herausgenommen hatte. In Kelz war er auch als Mitglied des Kultur- und Naturfreundevereins beliebt.

Fritz Cropp kam aus Oldenburg. 1887 als Sohn eines Fabrikanten geboren, wurde er Mediziner und bereits 1920 zum „Stadtarzt“ von Delmenhorst bestellt, also zum Leiter des dortigen Gesundheitsamtes. Ab 1931 machte er Karriere als Nazi: Parteimitglied, Oldenburger Landtags-abgeordneter und Landesmedizinalrat, Sanitätsoberführer der SA. Schon damals legte er sich für Zwangssterilisati-onen ins Zeug. 1934 nach Berlin versetzt, steigerte sich Cropp 1939 zum Ministerialdirigenten und war als Leiter der Gesundheitsabteilung im Reichsinnenministerium spätestens ab 1940 maßgeblich am „reichsweiten“ faschistischen „Euthanasie“-Programm beteiligt, nämlich der Erfassung, Aussonderung und Tötung von vielen Tausend kranken oder auch nur alten Menschen, deren Leben für „unwert“ befunden worden war. Nach Kriegs-ende vorübergehend in Neugamme festgesetzt, konnte er sich bald wieder als Praktischer Arzt in Delmenhorst niederlassen. Dank des Oldenburger Entnazifizierungs-ausschusses kam er, als „politisch nicht tragbar“, mit der Auflage davon, sich nicht mehr politisch zu engagieren. Die Evangelische Kirche krönte den allgemeinen Entnazifi-zierungs-Zynismus durch die Geschmacklosigkeit, Cropp 1949 ausgerechnet zum „Vertreter des Centralausschusses der Inneren Mission“ in der bekannten Anstalt für Behinderte in Bethel, Bielefeld, also den Bock zum Gärtner zu machen. 1952 in den Ruhestand getreten, konnte Cropp noch bis 1984 von seiner Pension als ehemaliger Mini-sterialbeamter und seinem guten Ruf in Delmenhorst zehren, ehe er, wie Bender mit 96 Jahren, zu Gott einging.

Ich trenne mich von meinen beiden Kolkraben und der Friedhofsbank, weil ich in Bad Salzungen, ehe mein Zug geht, noch ein paar Züge Atemluft im „Gradierwerk“ zu nehmen gedenke. Das kann ja nur im Sinne Doktor Deilmanns sein. Der Kurpark mit den hufeisenförmig angelegten Gebäuden und Wandelhallen des Gradier-werkes liegt gleich nördlich der Gleise nur einen Steinwurf vom Bahnhof entfernt. Aufgrund ihrer salzhaltigen Quellen zählt die Kreisstadt zwischen Rhön und Thüringer Wald zu den ältesten Sole-Heilbädern Deutschlands. Früher spielte auch die Gewinnung von Kochsalz eine wichtige Rolle. In den erwähnten, offenen Wandelhallen rieselt salzhaltiges Wasser durch eine Art Hecke aus Reisigbündeln, wodurch die Luft, selbst im Garten draußen, angenehm und angeblich auch sehr gesundheitsfördernd würzig und kühl wird. Die zahlenden Kurgäste schlurfen in weißen Bade-mänteln umher. Während der Fachwerkbau der Kurver-waltung wie aus dem Ei gepellt wirkt, fällt einen angesichts des verrammelten Bad Salzunger Bahnhofsgebäudes und der weitläufigen, mit Unkraut bewachsenen Gleisanlagen ein Trübsinn an, dem wahrscheinlich auch nicht durch zwei Inhalier-Stunden in jenen Wandelhallen abzuhelfen wäre. Im verwaisten Bahnhof könnte glatt eine 30köpfige Kommune unterkommen. Aber nicht im Kapitalismus. Offenbar ist das Geschäft mit der Gesundheit einträglicher als das Geschäft mit der Regionalbahn. Die betuchten Kurgäste reisen ja ohnehin per Auto an, damit die Leute in den Dörfern an der B 62 ebenfalls etwas zum Inhalieren haben.

Um nicht nur auf die Automafia einzuhacken: Am zurück-liegenden Dienstag (22. April) wurde ein 16jähriger Fahr-radfahrer bei einem Unfall in der Dr.-Salvador-Allende-Straße, die übrigens im Osten der Altstadt in die B 62 mündet, schwer verletzt. Er war auf seinem Mountainbike aus einem Seitenweg geschossen und auf einen Ford Focus geprallt. Vielleicht landet er im Rollstuhl. Sachschaden am Auto rund 3.000 Euro. Das Mountainbike dürfte einem Reisigbündel aus dem Gradierwerk geähnelt haben, nur mit Blut statt mit hellen Rückständen aus der Sole verschmiert. Die HerstellerInnen postmoderner Kampf-fahrräder wollen eben auch leben. Man mache sich hin und wieder klar, welcher ungeheuerlichen, kostspieligen und oft krank- oder totmachenden Erpressung durch das Kapital und seine Reklamegauner sowohl unsere Kinder und Jugendlichen wie deren Eltern ausgesetzt sind, dann wird man Gauck für seine Lobeshymnen auf unsere Gesellschaft vor die Maßschuhe spucken, falls man ihn mal trifft, in der Werra-Rhöne-Halle beispielsweise.

Eine sehr ähnliche, Luft abschnürende Kragenweite besitzt die bereits oben gestreifte Bürokratie, die wir uns dank Kapitalismus und Rechtsstaat zu leisten haben. Wie ich am Donnerstag einem Artikel auf InSüdthüringen.de entneh-me, ist neuerdings Bad Salzungens Status als Kreisstadt bedroht. Zwar sank die EinwohnerInnenzahl aufgrund des bekannten Aufschwungs Ost seit der „Wende“ von 21.500 auf rund 15.000, also immerhin um ein rundes Viertel, aber das ist gar nicht der Grund. Vielmehr möchte Eisenach seinen kreisfreien Status loswerden, weil es sich davon große Einsparungen beziehungsweise zusätzliche Steuereinnahmen verspricht. Rinn in die Kartuffeln, russ us die Kartuffeln, jedesmal für ein paar oder für viele Millionen Eier. Wie Bad Salzungens Bürgermeister Klaus Bohl auf einer EinwohnerInnen-Versammlung versicherte, käme ein Fortfall des Landratsamtes dem Verlust von 600 Arbeitsplätzen gleich – eine Katastrophe. Nach dieser Logik geht es dem Menschen umso schlechter, je weniger Bürokraten oder Soldaten er hat. Die weitgehend schon vergessene westdeutsche „kommunale Gebietsreform“ um 1970 sollte alles vereinfachen, doch sie bewirkte das Gegenteil. Die Bürokratie wurde gleichzeitig aufgestockt und zentralisiert; im Ergebnis hatte es der Dörfler noch schwerer, an ihren nährenden Busen zu gelangen. Nebenbei stellt schon die ganz „normale“ Staats-Partei-Verdopplung, die man ja auch in der DDR pflog, einen hirnrissigen und kostspieligen Unfug dar. Womit ich keineswegs sagen will, nur mit dem einen, entweder Staat oder Parteien, wären wir gut bedient. Nein, das Übel liegt darin, daß man uns unbedingt verwalten möchte, da wir sonst weder auspreßbar noch beherrschbar wären.

Allerdings zugegeben, damit spreche ich nicht unbedingt jedem von uns aus dem Herzen. Mark Ashley beispiels-weise, geboren 1973 in Apolda, Thüringen, wußte die „Wende“ offensichtlich dazu zu nutzen, sich auf verhältnis-mäßig wenig knochenbrecherische Weise leidlich die Taschen zu füllen. Ein Salzbergwerk, das wäre nichts für ihn, obwohl er bestimmt kein Hänfling ist, wie ich aus Fotos im Internet schließe. Ashley – ein typisch thürin-gischer Name – ist Popsänger geworden und bereichert seit einigen Jahren die in Bad Salzungen ansässige Prominenz, wenn er auch vorwiegend in Südamerika und Spanien, besonders Mallorca, unterwegs ist. Falls ich nichts durcheinander geworfen habe, arbeitet er in der Sparte Disco-Fox.
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