Dienstag, 27. Mai 2014
Karoline von Günderrode
Erstveröffentlichung in Nummer 166 der Zeitschrift Die Brücke, Mai 2014


soll wegen eines Augenleidens zeitlebens häufige Anfälle von Kopfschmerzen erlitten haben. Vielleicht war es Grüner Star. Im Glauben, es schone die Augen, benutzte sie zum Schreiben grünes Papier. Sie wird als sanft und schüchtern, aber auch impulsiv geschildert. Obwohl sie in einem Adligen Damenstift (in Frankfurt am Main) erzogen wird, erwärmt sie sich für die Französische Revolution. In einem Brief an Gunda Brentano stellt die 21jährige fest: „Schon oft hatte ich den unweiblichen Wunsch, mich in ein wildes Schlachtengetümmel zu werfen, zu sterben. Warum ward ich kein Mann! Ich habe keinen Sinn für weibliche Tugenden, für Weiberglückseligkeit. Nur das Wilde, Große, Glänzende gefällt mir. Es ist ein unseliges, aber unverbesserliches Mißverhältnis in meiner Seele; und es wird und muß so bleiben, denn ich bin ein Weib und habe Begierden wie ein Mann, ohne Männerkraft. Darum bin ich so wechselnd, und so uneins mit mir …“

Man könnte argwöhnen, hier tobe sich ein verdammt romantisches, ja einfach unreifes Verlangen aus. Dieser Argwohn fände auch in Günderrodes Werken reichlich Nahrung. Kaum hat Piedro, Held einer gleichnamigen Ballade, im Kampf auf dem Schiffsdeck seinen rächenden Stahl in die Brust des Jünglings gesenkt, der ihm die Geliebte raubte, bringt ihn die Reue ins Wanken; er taumelt in die Arme des Gemeuchelten, und der küßt ihn mit seinen letzten Atemzügen heiß und inniglich. Da will Piedro nichts mehr von der herbeieilenden Geliebten wissen; er wendet sich ab und läßt sich, dem Ruf des Todes folgend, still ins Grab des Meeres gleiten. Wenn das keine Seifenoper ist? Andererseits könnte eine Fürsprecherin einwenden, ausschließlich Wind sei es aber auch nicht, wenn man das leibhaftige Ende der Autorin bedenke, bei dem sie ja durchaus etwas wie kaltblütige Entschlossenheit bewiesen habe.

1799 bei Freunden auf einem Gut im Odenwald, verliebt sich die 19jährige in den Jurastudenten Friedrich Carl von Savigny, später preußischer Minister. Savigny scheint eine Verbindung zu erwägen, kneift dann aber, wie manche Quellen behaupten, vor Günderrodes Gebildetheit. Neben Novalis schätzt sie die Denker Fichte und Schelling. Selbstverständlich ist hier auch ein völlig berechtigtes Aufbegehren gegen das Schattendasein im Spiele, das damals „dem Weibe“ zugewiesen wurde. Mit engen Freun-dinnen wie Bettina Brentano malt sie sich abenteuerliche Reisen aus, die realiter nur Männer antreten dürfen. Doch die Freundinnen schwinden, lassen doch auch sie sich eine nach der anderen unter die Haube zwingen. Norgard Kohlhagen zitiert* den Freiherrn von Knigge. Eine Frau, „die ein Handwerk aus der Literatur macht“, stelle der Freiherr klar, „sieht die wichtigsten Sorgen der Hauswirt-schaft, die Erziehung ihrer Kinder und die Achtung unstudierter Mitbürger als Kleinigkeiten an, glaubt sich berechtigt, das Joch der männlichen Herrschaft abzuschütteln“.

1804, mit 24 Jahren, veröffentlicht Günderrode unter dem Pseudonym „Tian“ ihr erstes Buch, Gedichte und Phantasien. Ein Jahr darauf folgen Poetische Fragmente, die auch Piedro enthalten. Zwar zeigen sich Clemens Brentano und sogar Goethe von ihrer Verskunst angetan, doch als Schriftstellerin wird sie zu Lebzeiten und selbst später noch wenig gewürdigt. Ob das wirklich nur dem männlichen Gebälk des Literaturbetriebes anzulasten ist? Hyacinth Holland trifft 1879 mein Empfinden, wenn er in einem Lexikonartikel seufzt, bei dieser Dichterin ließen sich zwar unterschiedliche Stileinflüsse feststellen, Ossian und Lessing etwa, doch sei „alles mehr oder minder von einem sentimentalen Mondlicht und zarter todttrauriger Wehmuth überstrahlt.“ Das ist natürlich auch eine Eigenart.

Im selben Jahr 1804 begegnet die Mondelfe in Heidelberg dem klassischen Philologen Friedrich Creuzer, der mit einer 13 Jahre älteren Frau verheiratet ist. Günderrode verliebt sich „unsterblich“ in ihn, was Creuzer zu erwidern scheint. Bei ihren Interessen bietet sich ein gemeinsames Leben geradezu an, zumal Creuzers Frau zu einer Scheidung bereit wäre. Ich sage bewußt „Frau“, weil es neun von 10 Quellen nicht für nötig halten, den Namen dieses fünften Rads am griechisch-römischen Streitwagen zu nennen, das Internetlexikon Fembio (Sibylle Duda, März 2013) eingeschlossen. Sie hieß Sophie. Immerhin ist auch Professor Creuzer nicht mehr der Jüngste, nämlich neun Jahre älter als Karoline. Deren Vater, ein Hofrat und Schriftsteller, war übrigens gestorben, als sie erst sechs gewesen war. Sie wuchs bei ihrer Mutter, dann im Damenstift auf.

Doch auch Creuzer zieht den Schwanz ein. Die Affäre mit diesem verqueren Weib und seine Angst vor Skandal schlagen ihm auf Magen und Gemüt. Größer noch könnte seine Angst gewesen sein, mit Sophie eine gutbürgerliche Hausfrau und fürsorgende Glucke zu verlieren. Eine Zeitlang erwägen sie Konstellationen „zu dritt“. Dann wieder verlangt er von Karoline, der Schellinglektüre und ausschweifenden, unehelichen Gedanken abzuschwören. Das hält sie für eine Zumutung. Sie kontert mit dem Plan, mit Creuzer nach Alexandria oder, dabei sie in Männer-kleidern, nach Rußland zu fliehen. Dies alles macht Creuzer nur kränker. Er bittet einen Freund, Günderrode eine Absage auf immer zu schicken.

Sie hielt sich (im Juli 1806) gerade mit einer Freundin in Winkel im Rheingau auf. Von einem Chirurgen hatte sie sich schon vor längerer Zeit erklären lassen, wie der Dolch mit Silbergriff, den sie besaß, am günstigsten gegen das eigene Herz zu führen sei. Als sie der Absagebrief im Gasthof erreichte, täuschte die 26jährige Schriftstellerin einen Spaziergang vor, begab sich zum Rheinufer und erstach sich gekonnt – „Daß der Zweiheit Gränzen schwinden / Und des Daseins Pein“, wie sie im Gedicht Die eine Klage geschrieben hatte. Dann kippte oder glitt sie ins Wasser, wo man sie anderntags fand.

Vielleicht hatte ihr nur noch der Anlaß gefehlt, schließlich hatte sie einen solchen Abgang in Piedro schon geprobt. Der Tod vereinfacht die Verhältnisse. In Günderrodes Lyriksammlung Melete, die erst nach Jahrzehnten erscheint, findet sich das Gedicht Die Malabarischen Witwen, in dem sie die Witwenverbrennung in Indien zur „süßen Liebesfeyer“ verklärt, was man freilich nicht von Fembio erfährt. „Nicht Trennung ferner solchem Bunde droht, / Denn die vorhin entzweiten Liebesflammen / In einer schlagen brünstig sie zusammen.“ Laut Kohlhagen setzt Creuzer alles daran, die Veröffentlichung von Melete zu unterbinden – nicht wegen der indischen Witwen, vielmehr kommt Creuzer in dem Buch nur wenig getarnt als wiederum skandalträchtiger Eusebio vor. Creuzer spricht nun seinerseits in privaten Briefen von Karoline als der „Seligen“, während er sich von Sophie gesund pflegen läßt. Der irdische Bereich steht ihm verständlicherweise näher. „Wenn ich nur meine Sophie noch recht lange behalte.“ Kohlhagen höhnt: „Er behält sie. Er überlebt sie. Er heiratet nach ihrem Tod ein zweites Mal, wird fast 80 Jahre alt, gibt seine Memoiren heraus und streift in einem Satz auch kurz die Zeit, die er mit Karoline von Günderrode erlebte.“ Der Satz laute folgendermaßen: „Jene Zeit werde ich als eine Periode schwerer Seelen- und Körperleiden stets in Erinnerung behalten.“ Demnach erwähnt er noch nicht einmal ihren Namen, geschweige denn ihren Tod.

* auf dichterinnen.de, 1997
°
°