Mittwoch, 2. April 2014
Unter keinem guten roten Stern
Obwohl sie nur 1,45 Meter maß, wird Lotte Ulbricht, ursprünglich: Kühn, überall als „resolut“ beschrieben. Nur ihrem zweiten Ehemann gegenüber, dem sie ihren berühmten Namen verdankt, spielte sie ihre Durchset-zungskraft, wie es aussieht, nie ernsthaft aus. 1921 war das gelernte Büromädchen aus unterstem proletarischem Hause (in Berlin) der KPD beigetreten. Lottes erster Ehemann Erich Wendt, auch schon hoher Parteikader, fiel im Moskauer Exil vorübergehend in Ungnade. Ebendort lebte sie seit 1938 mit Walter Ulbricht zusammen (Heirat erst 1953). Sie arbeitete in Moskau vorwiegend für die Komintern, als Sekretärin oder Setzerin. Mit der berüch-tigten Gruppe Ulbricht 1945 nach Berlin zurückgekehrt, war sie zunächst ZK-Sekretärin der KPD, bald darauf die „rechte Hand“ ihres Gatten, der übrigens auch nur auf 1,66 kam. 1946 adoptierten die Ulbrichts mit „Beate“ (ur-sprünglich: Maria Pestunowa) das zweijährige Töchter-chen einer ukrainischen Zwangsarbeiterin, die bei einem Luftangriff auf Leipzig ums Leben gekommen war. Lotte konnte aufgrund verschiedener Krankheiten keine Kinder bekommen.

Möglicherweise wäre die Bombe, die seine Mutter in Sachsen traf, für das braunäugige, dunkelblonde Baby kein größeres Unglück als diese Adoption gewesen. Beim Berliner Ehepaar Ulbricht soll Beate das Musterkind in einer sozialistischen Musterfamilie abgeben – und gerät, mit tatkräftiger Hilfe der prominenten Eltern, zum genauen Gegenteil. Ihre zaghaften Versuche, dem Korsett dieser Rolle zu entkommen, und sei es durch Nylon-strümpfe, werden von den Ulbrichts streng geahndet. Zwei Liebschaften, die jeweils zu Ehe und einem Kind führen, legen die Ulbrichts alle erdenklichen Steine in den Weg. Im Testament ihres Adoptivvaters wird Beate nicht erwähnt. Nach dessen Beerdigung (1973) wird die hübsche knapp 30jährige, die keinen Studienabschluß vorzuweisen hat, offenbar auch von Lotte Ulbricht endgültig geächtet, wobei sich die Großmutter später immerhin um die beiden Kinder Beates kümmert. Wahrscheinlich kamen die Kleinen vom Regen in die Traufe. Ines Geipel zufolge* war Beate Ulbricht beim Tod ihres Adoptivvaters bereits dem Alkohol verfallen. Sie läßt sich scheiden, verliert verschie-dene Arbeitsstellen und um 1980 auch das mütterliche Sorgerecht. Sie verwahrlost zunehmend und droht in der Psychatrie zu landen. Im Herbst 1991, also im Zuge der „Wende“, gibt sie dem Boulevardblatt Super ein langes Interview, weil sie dafür viel Geld bekommt. Wenig später, am 6. Dezember, wird die inzwischen 47jährige erschlagen in ihrer Wohnung in Berlin-Lichtenberg aufgefunden. Der Fall ist bis heute unaufgeklärt. Offenbar hatte es einen Streit in der Wohnung gegeben. Möglicherweise ging es, zumindest oberflächlich, um jenes Geld. Sicher ist: Lotte Ulbricht blieb der Beerdigung ihrer Adoptivtochter fern.

Somit stand das Leben des geretteten ukrainisch-sächsischen Babys wahrlich unter keinem guten roten Stern, wie man sagen könnte. Das soll sich bei ihrer Adoptivmutter anders verhalten haben. Almut Nitzsche behauptet in FemBio, Lotte Ulbricht sei ordnungsliebend (wie ihr Gatte) und unbestechlich und bis zum Tode überzeugte Kommunistin und auch „Verweigerin“ der sensationshungrigen oder rachsüchtigen Presse gegenüber gewesen. Zwar soll sie die „Entmachtung“ ihres Gatten durch Erich Honecker (1971) bitter getroffen haben, gleichwohl wurde sie steinalt. Sie starb 2002 in Berlin-Pankow mit 98 Jahren. Vielleicht erhielt sie gerade ihre Bewunderung für ihren Walter aufrecht. Diese Bewunde-rung ist allerdings für Außenstehende nicht so leicht nachzuvollziehen.

Der 40jährige Reichstagsabgeordnete Walter Ulbricht floh 1933 nach Frankreich und gehörte der Pariser und später Prager Emigrationsführung der KPD an, bevor ihn die Komintern in den spanischen Bürgerkrieg warf, wo er, laut Brockhaus, als Politischer Kommissar unter den republi-kanischen Truppen tätig war, was ja durchaus seinem Naturell entsprochen hätte. Wolfgang Leonhard behauptet (1955), in dieser Rolle habe auch Ulbricht – siehe etwa den berüchtigten Kommissar André Marty! – an der „Liquidierung revolutionärer antistalinistischer Kämpfer“ mitgewirkt. Einen Beleg für diese Behauptung gibt der abtrünnige Kommunist nicht. Vielleicht hatte er, statt mit Koestler, Gorkin oder gleich einem unmittelbaren Mitarbeiter der CIA zu telefonieren, im Januar 1953 die Titelgeschichte des Spiegel Nr. 4 gelesen. Sie verzichtete zwar auf von „Spanienkämpfer“ Ulbricht hinterlassene Leichen, trug aber ansonsten durchaus dick auf. Danach richtete Ulbricht 1936 in Albacete (wo auch Marty wirkte) „nach dem Muster der GPU Vernehmungskeller“ ein, „in denen er die als 'Trotzkisten' entlarvten Genossen mißhandeln ließ. Er ließ sie tagelang ohne Nahrung in fensterlose Zellen sperren, nächtelang verhören, viele Stunden in schrankartigen Zellen aufrecht stehen und mit Peitschen schlagen. Selbst Frauen wurden nicht geschont.“ Allerdings haut sogar der linke Berliner Historiker und Journalist Manfred Behrend, gestorben 2007, mit einer Bemerkung in seinem 1997 veröffentlichten empfehlens-werten Aufsatz über den Spanienkrieg in dieselbe Kerbe, wobei er auf ein Buch von Patrick von zur Mühlen von 1985 verweist. Ulbricht habe sich um die Jahreswende 1936/37 „insgeheim“ in Spanien aufgehalten – „offenbar, um die Verfolgung von 'Trotzkisten' und anderen 'unzuverlässigen Elementen' deutscher Zunge bei den Interbrigaden vorzubereiten.“

Bemerkenswerterweise wird dieser Vorwurf nicht von Gustav Regler geteilt, falls ich es nicht übersehen habe. Immerhin war Regler in Spanien selber kommunistischer Politkommissar gewesen und läßt ansonsten (in seinen Erinnerungen Das Ohr des Malchus) kein gutes Haar an seinem ehemaligen Genossen Ulbricht. Dafür versichert er, vor dem Spanienausflug habe Ulbricht „Abweichler“ oder auch nur „unsichere Kandidaten“ gern durch die Methode des an die Frontschickens (oder der Drohung damit) „bekämpft“; schließlich zur illegalen Arbeit nach Deutsch-land eingeschleust, seien diese Leute, früher oder später, von linientreuen Genossen entweder eigenhändig oder durch einen Wink an die Kollegen von der Gestapo „beseitigt“ worden. Der Exil-Chef sei mit einem phänome-nalen Gedächtnis gesegnet gewesen, zumal was Personen-namen anging. „Ulbricht führte die Liste seiner Opfer im Kopf wie alle GPU-Beamten.“ 1938 wurde er denn auch nach Moskau berufen. Er starb 1973 mit 80. Schriftsteller Regler schildert Ulbricht schon von der Erscheinung her unangenehm abschreckend – unangenehm für Schrift-steller wie mich. Gegen Reglers Ulbricht war der Glöckner von Notre Dame ein Rudolf Scharping. Kein Wunder, wenn so einer – jetzt meine ich wieder Ulbricht – auch im Charakter nur ein rachsüchtiger, skrupelloser Fallensteller und „pedantischer Staatsanwalt“ sein kann. Während Lenin noch gekämpft habe, habe Ulbricht ausschließlich spioniert. Er habe in jedem Menschen einen potentiellen Verräter gewittert – das lernte dann auch Merkels Kabinett von ihm. Trefflicher noch die folgende Bezeichnung, die Regler findet: „Ein Professor Unrat der Revolution, der Geschichte spielte und seine (übrigens präzise funktionie-renden) Beamtenintrigen für machiavellistische Staats-kunst hielt.“ (Köln 1958, bes. S. 229–32)

Ulbrichts Ex-Mitstreiter Leonhard äußert sich in seinem schon angeführten bekannten Buch Die Revolution entläßt ihre Kinder kaum anders. „Unbelastet von theoretischen Überlegungen und persönlichen Gefühlen – ich habe ihn selten lachen hören und erinnere mich nicht, jemals bei ihm eine persönliche Gefühlsregung bemerkt zu haben – gelang es ihm meines Wissens immer, die ihm von sowjetischer Seite übermittelten Direktiven mit List und Rücksichtslosigkeit durchzusetzen.“ Jede außerparteiliche antifaschistische Initiative in der SBZ lasse Ulbricht im Keim ersticken. Und als besonderen Leckerbissen für das spätabendliche Bettgespräch Walters mit Lotte: Auch den Wunsch von Angehörigen der Gruppe Ulbricht nach Diskussion der Übergriffe sowjetischer Soldaten auf Frauen würgt der Boß gnadenlos ab. Dabei ging es also um Belästigungen und Vergewaltigungen, damit auch die Abtreibungsfrage. 2005 hob Leonhard in der FAZ, wie schon Regler in seinen Erinnerungen, Ulbrichts Organi-sationstalent, seinen Fleiß und sein überragendes Gedächtnis hervor. Für alle anderen außer organisato-rischen und taktischen Fragen habe der Staatschef kein Interesse besessen. „Kein Interesse für Bücher, für Literatur, für Gemälde, für Musik, nichts. Ich denke um Gottes willen nicht, daß jeder für alles Interesse haben sollte, aber vielleicht doch ein Schnippelchen von irgend etwas.“ Lotte scheint es nicht gestört zu haben.

Entsprechen nur 10 Prozent von allem, was die sogenannte Öffentlichkeit dem „Diktator“ Walter Ulbricht unterstellt, der Wahrheit, verkörpert er noch immer exakt jenen Typus PolitikerIn, den selbst viele Deutsche inzwischen zu hassen scheinen. PolitikerInnen sind immer schlecht, sie mögen in kapitalistischen oder kommunistischen Fähnchen, oder wie Fritz Erler in sozialistischen stecken. Wenn ich freilich eben befand, Lotte sei „ überzeugte Kommunistin“ gewesen – was heißt das denn, in Wahrheit? Es heißt, sie war eine autoritätshörige Kleinbürgerin, vermutlich verkrampft bis ins Mark, wie ihr großer Gatte auch. Von einem halbwegs befreiten, beschwingenden Menschen keine Spur. Damit empfehlen sich noch einige Bemer-kungen zu der heiklen Frage, was man eigentlich von Kommunisten – und von Antikommunisten zu halten habe.

Die zumindest scheinbare antikommunistische Einheits-front von Adolf Hitler über Konrad Adenauer, Kurt Schumacher (SPD), Wolfgang Leonhard bis zu Jutta Ditfurth und der Handvoll Anarchisten, die wir noch haben, ist eine große Bürde. Denn jenen „halbwegs befreiten, beschwingenden Menschen“ wünschen alle außer der ehemaligen Grünen-Politikerin und den paar Anarchisten jede Wette nicht. Schumacher zum Beispiel wollte eine ärgerliche Konkurrenz um ArbeiterInnen-Stimmen vom Halse haben, die ihn vor dem Zweiten Weltkrieg sogar als „Sozialfaschist“ beschimpft hatte. So beschimpfte er sie als „Bolschewistenknechte“. Adenauer wollte keinen Diktator Ulbricht neben – und schon gar nicht über sich. Alle wollten den freien Markt (statt des freien Menschen) – keinen „Todesstreifen“, an dem das ungehemmte Geldverdienen jäh enden sollte. Also hieß es „die Roten“ in den schwärzesten Farben zu malen – dabei waren sie gar keine Roten. Das ist das Schlimmste an diesem Phänomen. Indem sich die großen und kleinen Ulbrichts als überzeugte Sozialisten oder Kommunisten ausgaben, brachten sie die zwei oder drei guten Züge in Verruf, die sie ihrem System zumindest auf dem Papier angedichtet hatten: Gemeineigentum, Gleichheit vor dem Gesetz, internationale Solidarität der armen und entrechteten Schlucker dieser Welt. Nichts davon lösten sie in der Praxis ein, jedenfalls nicht ohne Pferdefüße. Dazu unten Verweise. Stattdessen gelang es ihnen, die Ideale der Französischen Revolution, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, endgültig in Verruf zu bringen. Begonnen hatte das in der Französischen Revolution.

* Black Box DDR. Unerzählte Leben unterm SED-Regime, Wiesbaden 2009



Zur DDR siehe auch
Luftbrücke: im Kapitel Alle Kreter lügen, in der Mitte des Beitrags
Treuhandanstalt
Delegitimierung der DDR: Kapitel Großverräter, vor der Mitte des Beitrags
DDR keine Alternative: hier gegen Ende
Ähnlich beim Plenum in Konräteslust, Mitte Kapitel 36
Frauenfrage: Welskopf-Henrich, in der 2. Hälfte
DDR-Patriotismus, ungefähr Mitte
DDR-Jugendwerkhöfe: Kapitel 17
Ähnlich im ABC-Kapitel Olgashof
Kapitel Spitzel, vor der Mitte des Beitrags
F. Dieckmann zum 17. Juni 1953 in Band 12
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