Mittwoch, 2. April 2014
Ritters Polarnacht
Neulich erwähnte ich den betagten Polarjäger Hilmar Nois aus Spitzbergen (so das dritte Kapitel im Beitrag), bei dem der Schriftsteller Alfred Andersch vor rund 50 Jahren eine Stippvisite machte. Die im Nordatlantik gelegene Insel-gruppe ist bald so groß wie Irland, besteht aber nahezu ausschließlich aus Fels, Eis und Schnee. Die Temperaturen bewegen sich die meiste Zeit des Jahres zwischen minus 10 und minus 40 Grad. In jenem kurzen Text fragte ich mich unter anderem, womit Nois und seine wenigen, über das Ödland verstreuten Kollegen eigentlich heizten. Nun weiß ich es, weil ich Christiane Ritters 1938 veröffentlichtes Buch Eine Frau erlebt die Polarnacht gelesen habe. Sie nehmen vor allem Treibholz, daneben Kohle. Diese wird oder wurde sogar, bei Longyearbyen, auf der Hauptinsel selbst gefördert. Das Treibholz besteht nicht selten aus ganzen Baumstämmen. Über beträchtliche Strecken angeschwemmt, beispielsweise aus Sibirien, ist es fast immer bleich wie ein Gerippe.

Ritter, bei ihrem Jahresaufenthalt 1934/35 Ende 30, vertreibt durch ausgiebiges Brennholzsägen so manches Gespenst, während sie über Tage oder gar Wochen bei klirrender Kälte und heulendem Schneesturm auf die Rückkehr ihrer beiden (männlichen) Mitbewohner wartet, die gerade Polarfuchsfallen abgehen oder der Fährte eines Eisbären folgen. Die enge Hütte mit Flachdach ist nicht mehr als ein Holzkasten, von dem nur schwer geglaubt werden kann, die Stürme hätten ihn nicht längst nach Grönland geblasen, weil man dort ebenfalls Treibholz schätzt. Einmal kommen die Männer, der Österreicher Hermann Ritter und der Norweger Karl Nicolaisen, mit Hundegespann und einem hünenhaften Kollegen mit „hellen Augen, hellen Wimpern und buschigen Brauen“ zurück, dem das Gespann gehört. Er sei jedoch „tadellos rasiert“ gewesen, fügt die Autorin hinzu. Das war Nois, damals vermutlich noch keine 50 Jahre alt. Er hat sogar Post dabei. Um sie zuzustellen, nahm er in der zerklüfteten Eiswüste einen Umweg von 280 Kilometern in Kauf.

Wie sich versteht, sägte Ritter von Hand. Ohne dabei die Härte eines solchen Daseins zu beschönigen, stellt ihr erstaunlich gut geschriebener Bericht in der Tat vor allem ein Lobgesang auf jenes Einfache Leben (Wiechert) dar, auf das ich bereits in dem Text über Nois anspielte. Einmal vertreiben sich die drei HüttenbewohnerInnen den Abend, indem sie die Zeitungsinserate studieren, die sich auf dem Papier finden, in das ein aus Tromsø, Norwegen, stam-mender neuer Glaszylinder für die Petroleumlampe einge-wickelt war. Da preisen die Kaufleute ihre Vanillestangen, Dauerwellen, Leichenkisten nebst einem bequem per Telefon zu alarmierendem Elektro-Reparaturdienst bei Ausfällen der Bürobeleuchtung oder der Kühltruhe. „Eigentlich rührend, finden wir, wie sich da unten in der Menschenwelt einer dem anderen unentbehrlich zu machen weiß. Wie einer vom anderen abhängt, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Nein, wir dürfen nicht herabschauen auf die Zivilisation, [..] dürfen sie nicht als emporgeschraubtes Pflanzstadium verurteilen, wie wir das in unserer spartanisch genügsamen Weltabgesondertheit gern tun möchten. Nein, schon aus Nächstenliebe müssen wir uns verzierte Särge, ondulierte Köpfe, Waschtische mit fließendem Wasser und Rohrbrüche gefallen lassen.“

Verblüffenderweise versichert Ritter sogar, selbst „der Hunger nach Musik“ fehle auf Spitzbergen völlig. Immer-hin stammt die junge Frau aus zugleich wohlhabendem und musischem böhmischen Hause. Man bedenke auch die vielen, mal vom Wetter, mal von der Abwesenheit der Jäger erzwungenen Mußestunden in der verrußten Hütte. Ritter malt und zeichnet öfter, denn das ist von Hause aus, noch vor der Musik, ihre Hauptleidenschaft. Dem Buch sind auch einige Bilder und Skizzen beigegeben. Ritters Lob der Schlichtheit hindert sie allerdings nicht daran, keinen Furz darüber fallen zu lassen, wie es zwei Männer und eine Frau bei dieser einzimmrigen Enge und diesen Schneeverwehungen rings um die Hütte mit der Verrich-tung ihrer Notdurft halten. Seehund schießt und ißt sie; für das Weitere war sie vielleicht doch zu prüde erzogen.

Den Kapitän und Jäger Hermann Ritter, der in den folgenden Jahren mehr unterwegs als in ihren Armen weilte, hatte sie mit 20 geheiratet. Und damit kommt die nächste Merkwürdigkeit. Sie läßt sich schließlich brieflich zu einer Überwinterung auf Spitzbergen verlocken – als sie jedoch in der Kingsbai an Land geht und von ihrem Gatten begrüßt wird, sind weder Wiedersehensfreude noch gar Zärtlichkeiten im Spiel, wie man aus ihrem Bericht schließen muß. Und so bleibt es die ganze Zeit, ein Jahr lang. Zu allem Überfluß hat ihr der Gatte auch noch eröffnet, er habe sich einen Gehilfen genommen; somit hat sie, jedenfalls überwiegend, mit zwei Männern in jenem Holzkasten zu hausen. Was hätten Romanciers daraus gesponnen! Sie aber, Christiane Ritter, bringt es fertig, diesen Zündstoff von der ersten Seite bis zum letzten Satz des Nachwortes kurzerhand auszusparen. Einmal erwähnt sie einen, möglicherweise nur aus der nervtötenden Enge im Hüttenhaushalt entstehenden Streit mit ihrem Mann, das ist schon viel. Gelegentlich wird das Ehepaar sogar von dem 27jährigen Karl für Tage oder Wochen allein gelassen – nicht ein Hauch von Andeutung, daß und vor allem wie es die Liebenden für prickelnde oder auch katastrophale Zweisamkeit ausnutzen. Der Hüttenherd schadhaft, das Bettzeug klamm, die Wände zumeist vereist – nicht unbedingt festliche Bedingungen für ein Liebespaar.

Gewiß ist es ebenso denkbar, die beiden hatten sich schon gehörig voneinander entfremdet, wobei es vielleicht auch blieb. Aus Ritters Nachwort, 1990 in hohem Alter geschrie-ben, geht darüber nichts hervor. Auf der Webseite cms.huskyfotos.de heißt es, die Familie Ritter – Töchter-chen Karin war bei der Oma geblieben – habe sich bald nach der Rückkehr in Leoben, Steiermark, niedergelassen. Ebendort sei Hermann Ritter 1968 mit 76 Jahren gestorben. Die betagte Witwe siedelte später nach Wien über, wo sie erst 2000 starb – mit 103 Jahren. Über berufliche Tätigkeit und finanzielle Verhältnisse ist von Ritter, wie schon in ihrem Bericht, so gut wie nichts zu erfahren. Vermutlich wirkte sie vornehmlich als Hausfrau und Buchillustratorin. Nötig hatte sie Erwerbstätigkeit wahrscheinlich kaum, denn ihr in etliche Sprachen übersetztes Buch erschien und erscheint in zahlreichen Auflagen bis heute. Das erwähnte Nachwort ist beispiels-weise in der mir vorliegenden 21. Ausgabe von 2007 abgedruckt. Einschlägige Trekking-Webseiten geben Ritters Buch durchgehend als das bekannte Muß aus. Ritters Gatte Hermann, offenbar sowohl erfahrener Jäger wie patentierter Schiffsoffizier, soll sich bei Kriegsbeginn widerstrebend dem NS-Regime als Wetterbeobachter in Grönland zur Verfügung gestellt haben. Nach Entdeckung durch eine für die USA tätige Schlittenpatrouille und Loyalitätskonflikten (Jägerkameradschaft!) habe er sich jedoch zu den Amis abgesetzt. Mehr erfährt man von ihm nicht.

In diesem Zusammenhang muß Ritters Buch ein weiteres schmerzliches Desiderat angekreidet werden. Die Struk-turen des Erwerbslebens eines Polarjägers erhellt sie so wenig wie das zeitgeschichtliche/politische Umfeld, in dem sich die drei, wie randständig auch immer, doch ohne Zweifel zu orientieren haben. Brummt Nois bei seinem Besuch, nein, Krieg sei noch nicht, soweit er gehört habe, ist es schon wieder viel. Immerhin verliert die Autorin einmal einige Sätze über die Beweggründe eines Jägers, seinem Gewerbe ausgerechnet in menschenleerer Eiswüste nachzugehen – aber für mein Empfinden stellen sie keine wirkliche Erklärung dar. Ritter versichert, die Polarjäger seien bei ihrem „fast unmenschlich“ anstrengendem Gewerbe nicht auf Ruhm aus. „Sie leben weitab vom Getriebe der Welt. Sie leben fast alle ohne Heim und Familie. Eine unbändige Liebe fesselt sie an das Land. Sie leben berauscht von dem Lebensatem dieser wilden Natur, aus der zu ihnen die Gottheit spricht.“ Ja, mein Gott – und warum, bitteschön? Warum lieben sie ausgerechnet diese unbarmherzige Öde, deren Farb- und Formspiel Ritter allerdings beeindruckend zu beschreiben versteht? Warum suchen sie nicht die Nähe, vielmehr die Ferne ihrer Mitmenschen? Warum hat dann Hermann Ritter über-haupt geheiratet? Und warum ließ sich Christiane Ritter ausgerechnet von ihm heiraten? Warum wird es ihr im Zuge ihres Jahresaufenthaltes immer wichtiger, sich „der gigantischen Unfruchtbarkeit“ Spitzbergens, ja mehr noch, sich „dem Grauen vor dem Nichts“ zu stellen– aus freien Stücken sogar, da sie ja niemand zu diesem „verrückten“ Wagnis zwang?

Ich vergaß zu erwähnen, daß sich Spitzbergen durch krasse Lichtverhältnisse auszeichnet, Stichwort „Polarnacht“. Dort wird es einen Gutteil des Jahres nie dunkel und einen anderen Gutteil des Jahres nie hell. Solche Krassheit verstärkt das Grauen in der Einsamkeit sozusagen natur-gemäß ungemein. Ritter beschreibt diese physikalischen Phänomene gewiß ausgezeichnet – aber einen psycholo-gischen (und damit auch biografischen) Zug billigt sie ihnen nicht wirklich zu. Sie zieht sich auf esoterische Formeln wie „das Eigentliche“, „die Gottheit“, „heilige Stille“ zurück. In einer Phrase, mit der ich schließen will, verknüpft sie ihre unpersönliche Betrachtungsweise auch noch erschreckend einfältig mit der schon gerügten unpolitischen Sicht: „Vielleicht werden Menschen späterer Jahrhunderte in die Arktis gehen, so wie Menschen in biblischen Zeiten in die Wüste zogen, um zur Wahrheit zurückzufinden.“
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