Sonntag, 20. Oktober 2013
Dürrer Tugendbold
Geboren 1715, kränkelt auch Luc de Clapiers, Marquis de Vauvenargues, von Kind auf. Nicht nur darin erinnert er an Landsmann Pascal. Seiner Sehschwäche zum Trotz liest er viel; besonders die Schriften von Plutarch und den grie-chischen Stoikern haben es ihm angetan. Doch da sein Vater neben dem Adelstitel – wegen Ausharrens in der pestverseuchten Heimatstadt Aix-en-Provence – offenbar keine Pfründe erhielt, kommt ein Studium nicht in Frage. Der Sprößling wird mit 20 Offizier beim Militär, was ihn leider weder zum Nationalhelden noch gesünder macht. So bringt ihm, nach dem italienischen Feldzug (1734), das Hauen um Böhmen (1742) Erfrierungen ein, die ihn für Monate ins Hospital zu Nancy zwingen. Im selben Jahr stirbt 17jährig sein Kamerad Paul Hippolyte Emmanuel de Seytres, mit dem ihn seit 1740 eine mindestens schwärme-rische Zuneigung verbindet. Zuletzt in Arras stationiert, nimmt Vauvenargues 1744 seinen Abschied. Man hat inzwischen ein tuberkulöses Lungenleiden bei ihm festgestellt.

Seit April 1743 korrespondiert er mit Voltaire, was zu einer engen Freundschaft führt. Vauvenargues arbeitet längst an eigenen Texten, nur wird sein Gesundheitszustand immer bedenklicher. Er zieht sich die Pocken zu, wird nahezu blind, leidet an chronischem Husten. Möglicherweise ist hier eine in der Jugend aufgeschnappte Syphilis im Spiel. Dadurch werden auch seine Versuche zunichte gemacht, im diplomatischen Dienst Fuß zu fassen. Seit 1745 lebt er zurückgezogen und ärmlich in Paris. Ein Jahr darauf erscheinen, anonym, seine Reflexionen und Maximen. In diesem schmalen Sammelband häufen sich Schlagworte wie Gefühl, Natur, Herz, Tugend, weshalb man ihren Anwender zu einem Vorläufer der Romantik erklärt hat. Immerhin liest man darin auch von Männern, die ihre „Luft zum Atmen in der Unbestimmtheit finden“ und sich von ihren eigenen Erfindungen „berauschen“ lassen. Vauvenargues hat wenig Humor und viel Moral. Seine Hauptsorge gilt dem Ruhm. Da blitzen in seinem unüber-sehbarem Skeptizismus zuweilen sogar selbstironische Töne auf: „Wenn man fühlt, daß man nichts hat, um sich die Achtung eines anderen zu erwerben, ist man schon recht nahe daran, ihn zu hassen.“

Eine von Voltaire empfohlene zweite, verbesserte Auflage seines Werkes erlebt der vom Schicksal geschlagene Tugendbold wahrscheinlich nicht mehr mit: er stirbt 1747 mit 31 Jahren. Vauvenargues wurde erst im 19. Jahrhun-dert „entdeckt“, darunter von Schopenhauer. Seitdem wird der streckenhaft meisterhafte Aphorismen-Schreiber in die Reihe „der großen französischen Moralisten“ gestellt. Möglicherweise ist hier ein Ausgleichsgesetz am Wirken, das auch Autoren/Schriftstellerinnen wie Otto Weininger, Katherine Mansfield, Franz Kafka, Simone Weil zugute kam: Währte das Leben nur halb, zählt das Werk später doppelt.
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