Samstag, 19. Oktober 2013
Tragisch sagt sich am besten
Zuerst erschienen in Ossietzky 23/2015


Seit vielen Monaten befasse ich mich mit tödlichen Unfällen. Ich verwandele sie in knappe Lexikonartikel, die ich, fortsetzungsweise, auf meine Webseite stelle. Wie sich mancher schon denken kann, wird mir bei meinen Nachforschungen oft schlecht, aber nicht etwa wegen der vielen Leichen. Bergsteiger erfrieren in Kaminen, erholungssuchende MecklenburgerInnen stürzen über Thailand ab, die Springreiterin bricht sich den Hals am Dreifachen Oxer, ein Großvater raucht im Bett Zigarre und verkohlt, die glückliche Abiturientin oder der dumpfbak-kige hochbezahlte Fußballprofi rasen mit ihren vierrädrigen Belohnungen gegen unschuldige Bäume – was ist all diesen Unfällen gemeinsam? Sie sind tragisch. Dieses Eigenschaftswort zählt jede Wette zu den 20 oder 30 gängigsten Münzen der Postmoderne. Keine Verlaut-barung kommt ohne es aus. Würde man davon reich, empföhle es sich der Einfachkeit halber, zuerst Wikipedia zu schütteln, die bekannte autoren-, redaktions- und damit verantwortungslose, wenn auch nicht unbedingt zensur-freie Internet-Enzyklopädie – da fielen wahre Gebirge an klingender Tragik heraus.

Wahrscheinlich hat sich im Falle dieses so hirnverbrannt auf „Objektivität“ pochenden Nachschlagewerkes die Verantwortungslosigkeit seiner Gegenstände auf es selber niedergeschlagen. Mein alter Brockhaus (Band 22 von 1993) behauptet, „tragisch“ bedeute 1. schicksalshaft. Demnach liegt in allen genannten „tragischen“ (Un-)Fällen ein Verhängnis vor. Der Bergsteiger konnte nichts dazu. Er folgte dem schicksalshaften, unerforschlichen Ruf der Berge, als er seine Eisen in den Fels schlug und in einem Spalt desselben landete. Nach gleichem Schema werden die SpringreiterInnen auf die Pferderücken und die AutofahrerInnen hinter ihre Lenkräder gezwungen. Ein anderes, weniger antikes Wort für Schicksal wäre vielleicht Sachzwang, aber das wäre schon fast zu genau. Man könnte ins Nachdenken kommen. Der Zweck der Übung, so gut wie jedes „schlimme“ oder „schreckliche“ Ereignis dem erfolgreich globalisierten, gummihaften Bezirk der Tragik zu überantworten, liegt aber gerade darin, uns vom Nachdenken zu entlasten. Weder sollen wir argwöhnen, bei bestimmten häufigen Unfällen liege die Grundschuld bei geradezu irrsinnigen und gemeingefährlichen, wenn auch den Aktienkursen und dem „sozialen“ Ansehen sehr zuträglichen Gepflogenheiten des Transportes, des Sportes oder des Wirtschaftens überhaupt; noch sollen wir zwischen unterschiedlichen, jedenfalls nicht gleichzeitig erfolgten Unfällen differenzieren. Die gutgeschmierte Megamaschine wünscht keine Differenzen. Einzelheiten lenken nur ab. Sie lassen die Maustaste einfrieren, während es doch viel günstiger ist, wenn wir hübsch weiterspringen. Sollte mithin, Brockhaus zufolge, „tragisch“ 2. erschütternd bedeuten, dann kommt es darauf an, durch erbarmungslose Gleichmacherei jede Erschütterung gerade zu vermeiden. „Ja, schrecklich“, gähnt der Online-Redakteur, klickt rechts weiter und schiebt sich mit Links das nächste Stück Pizza zwischen die Zähne.

Es ist deshalb nur folgerichtig, wenn sich der Autor moderner Lexikon-, Presse- oder Blog-Artikel zunehmend längst geprägter Formeln bedient, statt sich zeit- und nervenraubend in den jeweiligen Fall hineinzuknien und um den angemessenen, vielleicht sogar persönlichen Ausdruck zu ringen. „Aha“, nickt er, „ich dachte es mir: tragisches Ende, ertrunken, der Mann – da steht es.“ Es steht in Wikipedia, und alle beten es nach. Pietro Testa 1650, Karl Philipp Fohr 1818 im Tiber ertrunken, beide sogar Maler, was will man mehr! Warum, unter welchen näheren Umständen sie sozusagen badengingen und ob es vielleicht vermeidbar gewesen wäre*, interessiert den modernen Autor nicht die Bohne. Es interessiert ihn auch nicht, ob der kommunistische, zur Unfallzeit 60 Jahre alte Starregisseur Slátan Dudow möglicherweise fahrlässig handelte, als er sich und seine blutjunge Hauptdarstellerin 1963 in Fürstenwalde bei Dunkelheit vor einen Brückenpfeiler fuhr, wie gemunkelt wird – es sei denn, unser Autor ist Antikommunist, dann schlachtet er dieses Wrack natürlich gut aus. Schon den Unfallort, in diesem Fall Fürstenwalde an der Spree, übergeht er oft. Mit allen anderen Details, ob Brückenpfeiler, Promillestand oder gar die Gemütsverfassung der Beteiligten, behelligt er uns so gut wie nie. Alles, was den Verkehr stören könnte, den Verkehr zwischen gleichgeschalteten Köpfen, läßt er konsequent unter den Tisch fallen. Vor allem bei Unfällen.

* Nachträgliche Ergänzung: Zu Testas „tragischem“ Unfalltod merkt Wikipedia immerhin per Fußnote an, es gebe darüber auch noch „andere Ansichten (Selbstmord, Mord), die aber durch nichts zu beweisen sind und somit reine Spekulationen.“ Wie ich weiter oben (Band 5) gezeigt habe, liegt die Wahrscheinlichkeit nach einer Studie der US-Kunsthistorikerin Ann Sutherland Harris genau umgekehrt.
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