Samstag, 19. Oktober 2013
Von Pendeln und Patenten
Die erste Idee zu einer Pendeluhr stammt wahrscheinlich vom Italiener Galileo Galilei, der um 1640, kurz vor seinem Tod, entsprechende Skizzen anfertigte. Ein holländischer Kollege aus Den Haag, Christiaan Huygens mit Namen, schritt rund 15 Jahre später zur Tat. Auch er war Astro-nom, Mathematiker und Physiker in einem.

Huygens ging, möglicherweise zu Fuß, zum Uhrmacher Salomon Coster, der 1643 geheiratet und aus diesem Anlaß seine Werkstatt von Haarlem nach Den Haag verlegt hatte. Dieser Landsmann hatte schon um 1640 mit hochwertigen Reise- und Kutschenuhren auf sich aufmerksam gemacht. Nun baute er im Auftrag des Entdeckers des Mathema-tischen Pendels eine Pendeluhr mit einer Gangdauer von etwa acht Tagen, die von einer Feder angetrieben wurde – das Pendel sorgte ja „nur“ für das exakte Vorrücken „der Zeit“. Für die Festigung jener Epoche, die man später aus taktischen Gründen Neuzeit statt Normzeit nannte, kam es freilich genau auf diese Steigerung der Exaktheit an. Gingen die Uhren bis dahin an einem Tage rund 15 Minuten nach, belief sich die Verspätung bei der neuen Pendeluhr auf 20 Sekunden. Schon am 16. Juni 1657 erhielt Coster von den zuständigen, vermutlich fürstlichen Behörden für 21 Jahre das Privileg, solche Uhren als einziger Mensch auf der Welt beziehungsweise im Macht-bereich des spanischen Kaisers herzustellen und zu verkaufen. Allerdings hatten die Behörden es versäumt, ihm auch ein langes Leben zu garantieren. Es wurden deshalb lediglich rund 30 Pendeluhren, von denen sieben bis heute in Museen oder privaten Sammlungen überlebten. Coster segnete im Dezember 1659 mit 37 jäh das Zeitliche – aus Gründen, die nicht überliefert sind.

Somit konnte der begabte Uhrmacher seinen geschützten Eigenbau kaum noch eigenhändig „vermarkten“, wie man heute dazu sagt. Und das ist selbstverständlich der sprin-gende Punkt an diesen Uhren, nicht deren Pendel. Die sogenannte Freie Marktwirtschaft ist sicherlich auch ohne Pendel denkbar, nicht dagegen ohne Patente. Zwar hatten bereits die mittelalterlichen Zünfte Erfindungen aus ihren Reihen gegen Zunftfremde geschützt, aber ein nennens-werter allgemeingültiger und behördlich garantierter Erfindungsschutz kam erst um 1500 auf. Richtungs-weisende Patentgesetze wurden 1624 (als Statute of Monopolies) von England, 1791 von Frankreich erlassen. Ja, die Französische Revolution brachte die Freiheit. Bismarck, maßgeblich von Werner von Siemens angespitzt, folgte 1877 mit dem ersten deutschen Patentgesetz, das in seinen Grundzügen noch heute gilt. Wahrscheinlich hatte auch Huygens für seine Pendeluhren-Pläne schon ein für den Bereich der Niederlande gültiges Patent erwirkt, das er sich dann mit Coster teilte.

Man halte sich einmal die materiellen, finanziellen, nervlichen, ökologischen – also kurzum die gewaltigen volkswirtschaftlichen Aufwendungen=Verluste vor Augen, die allein mit der Vorbereitung und Verabschiedung von nur einem Gesetz verbunden sind. Neben den Schmier-geldern, die im Hause Siemens bis heute wichtiges Treibmittel der Profitrate sind, sollte man dabei auch die Vergiftung des innenpolitischen Klimas durch einen „Meinungsstreit“ berücksichtigen, der vor keiner Intrige, keiner Verleumdung und keiner Ermordung fraktions-zwangssprengender Abgeordneter Halt macht. Nun kommen noch die ganzen Patentämter, Verordnungen, Fachbücher, Konferenzen, Rechtsanwälte sowie die Polizeibeamten hinzu, die die Patentämter, Verordnungen, Fachbücher, Konferenzen und Rechtsanwälte schützen sollen. Dies alles bleibt Gesellschaften erspart, die verteilen statt verkaufen. Was hätte ich von einem Patent auf eine Pendeluhr oder auf sogenannte Zwerglieder, die Allgemeingut wären? Die jeder sowohl benutzen wie herstellen kann? Es könnte mir lediglich meinen Erfinderstolz bescheinigen. Aber das wäre mir eher peinlich. Schließlich ist jedem gesunden Menschenver-stand klar, daß alles einen Anfang und seine Zeit braucht – es muß „in der Luft liegen“. Auf ein Objekt dieses allgemeingültigsten Gesetzes stolz zu sein, wäre demnach idiotisch. Neulich hörte ich von einem Scheich, der die Einladung zu einem Pferderennen ausschlug. „Ich weiß schon, daß ein Pferd schneller als das andere läuft. Welches, ist mir egal.“



Siehe auch
„Geistiges Eigentum“ (Urheberrecht): Kapitel Titelite, im Beitrag vor der Mitte
Ferner: Schlußkapitel der Klavierhandschuhe
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