Samstag, 19. Oktober 2013
Kommunizierendes Schilfrohr
Der von Kind auf kränkliche Franzose aus wohlhabendem Hause, geboren 1623, widmete sich zeitlebens mit nicht wenig Fanatismus, wenn auch einiger Wortgewandtheit der mathematischen und vor allem religionsphiloso-phischen Haarspalterei. Allerdings wurde er lediglich 39. Nach meinen Stippvisiten in seinen Schriften war Blaise Pascal von der moralischen wie stilistischen Unbeschwert-heit, die ihn immerhin an seinem „lasterhaften“ Lands-mann Montaigne beeindruckte, meilenweit entfernt. Er schreibt bohrend, gewunden und – entgegen landläufiger Behauptung – alles andere als klar. Es sei denn, man habe sich entschlossen, seine Lieblingsgummibegriffe „Glaube / Offenbarung / Gnade“ als Sonnenschein zu empfinden.

Vermutlich lag auch in diesem Fall der Hase schon in der Kinderstube im Pfeffer. Seine Mutter Antoinette hatte Pascal als Dreijähriger verloren. Vater Étienne, zunächst Richter am Obersten Steuergerichtshof der Auvergne in Clermont-Ferrand, später der von der ganzen Normandie gefürchtete oberste Steuereinnehmer in Rouen, war zwar gebildet, aber auch streng. Er unterrichtete Blaise und dessen beiden Schwestern eigenhändig. Pascal gilt besonders in mathematischen und physikalischen Belangen als „Wunderkind“. 1642, noch keine 20, erfand und baute er seinem Erzeuger und dessen Steuereintreiben zuliebe eine Rechenmaschine, auf die er sogar ein Patent bekam. Doch sein Plan, mit der Fabrikation dieser Maschine zu Reichtum zu kommen, scheitert. Es war keine Katastrophe, weil er nie unter Geldnot zu leiden hatte. Er besaß sogar Züge des Geizes. In den folgenden Jahren überrascht er die naturwissenschaftliche Fachwelt mit Versuchen und Abhandlungen über verschiedene Aspekte des Luftdrucks und begründet das Gesetz der kommuni-zierenden Röhren.

Die Bildung hinderte Vater Étienne nicht daran, sich um 1646 in die Arme des katholischen Glaubens und konkreter des niederländischen „Reformbischofs“ Jansenius zu werfen. Dank der Pflege, wie er glaubte, durch zwei Brüder namens Deschamps war er nach Brüchen bei einem Sturz wieder gehfähig geworden, und diese Schlawiner, „frühere Trunkenbolde und Gelegenheitsärzte“, hatten die Rekon-valeszenz zu nutzen gewußt, den Alten zum Jansenismus zu bekehren. Alle Sprößlinge wurden ebenfalls gleich fromm. Schwester Jacqueline entschloß sich sogar zu einem Klosterleben. Auch Pascal, der unter Lähmungs-erscheinungen an den Beinen und ständigen Schmerzen litt, hatte sowohl jene Heilung wie Krankheiten überhaupt als himmlische Zeichen interpretiert und nahm sich nun einen gottesfürchtigen, zunehmend auch asketischen Lebenswandel vor. Krankheit sei der natürliche Zustand eines Christenmenschen, soll er später gern seine Ärzte zitiert haben. Nun ja, die lebten ja von diesem Natur-zustand.

Da die ganze fromme Familie 1647 nach Paris übersiedelte, schiebt Röhrenforscher Pascal gleichwohl eine weltmän-nisch-umtriebige Phase ein. Ihr verdankt er auch viele literarische Anstöße und Kontakte. Vorübergehend soll er sogar erwogen haben, ein Amt zu kaufen und zu heiraten. Das zu glauben fällt ähnlich schwer wie die Vorstellung, Sören Kierkegaard und Simone Weil hätten gemeinsam eine Diskothek eröffnet. Aber bald zieht sich Pascal aus der Gesellschaft wieder zurück. Als Jansenit feuert er vor allem gegen die Jesuiten, denen ausgerechnet er, neben zuviel Machtliebe und Machtnähe, eine zu große Spitzfindigkeit vorwirft. Seine fingierten und veröffentlichten Lettres provinciales werden viel diskutiert, auch als meisterhafte, klare und genaue Prosa gelobt. Aus dem Nachlaß zaubern seine Hinterbliebenen oder findige Literaturwissenschaft-ler außerdem die bruchstückhaften Pensées („Gedanken über die Religion und über einige andere Themen“) hervor – um sie zusätzlich zu verstümmeln und erst um 1900 in einer großangelegten frühen ABM-Maßnahme halbwegs zettelgetreu zu restaurieren und als das „Hauptwerk“ des Verblichenen zu präsentieren.

Nachdem im Herbst 1651 ihr Vater gestorben war, entsagte Jacqueline Pascal endgültig der Welt und begab sich, übrigens gegen den Wunsch des Verstorbenen wie auch ihres Bruders Blaise, ins Kloster Port-Royal des Champs bei Paris, eine Hochburg des Jansenismus. Pascals Miß-billigung hatte ihren Grund wohl vor allem in Eigennutz, war seine unverheiratete Schwester doch seine kaum entbehrliche Pflegerin und Haushälterin gewesen. Sie wird im selben Kloster, nach dessen Äbtissin, noch vor ihrem Bruder ihren Geist aufgeben: im Oktober 1661 mit 36 Jahren. Es heißt, verschiedene Gewissenskonflikte hätten sie zu sehr zermürbt.

Es folgen zwei Erschütterungen, die ihren Bruder in der Angst und in der Heilserwartung festigen. Am 8. Novem-ber 1654 sollen – laut Nicole Schumacher (2003) mög-licherweise nur einer Legende gemäß – auf der Pont de Neuilly in Paris zwei Gäule von Pascals vier- bis sechs-spännigen Kutsche ausgebrochen sein. Während die beiden Gäule in der Seine versanken oder schwammen, sei der Rest des Gespanns „wie durch ein Wunder“ im Brückengeländer hängen geblieben. Vielleicht waren die beiden ungehorsamen Pferde über das Brückengeländer gesetzt. Die zweite Erschütterung ereilte Pascal im März 1656. Zu dieser Zeit stellte die rührige Äbtissin Angélique (früher Jacqueline Arnauld) in ihrer Klosterkirche eine besondere Reliquie aus, einen Dorn aus jenem Kranz, der sich dereinst auf dem Haupte des Jesus Christus befand. Man rät Pascals damals 10jährigen Nichte Maguerite Périer, die an einem das ganze Gesicht entstellenden Geschwulst leidet, ihr entzündetes Auge just an diesen Dorn zu halten – prompt ist das Geschwulst noch am selben Abend verschwunden. Nur die „spitzfindigen“ Jesuiten wollen es wieder einmal nicht glauben und beantragen eine genauere Untersuchung dieses angeb-lichen Wunders, das auch Pascal „bezeugte“. Der Antrag wird abgeschmettert. Pascal begleitet diese Verhängnisse und Siege mit Selbstkasteiungen, obwohl er, wohl nicht zuletzt aufgrund seiner asketischen Lebensweise, immer kränker wird. Er hält sich jetzt oft im Kloster auf.

Im Augst 1662 besonders schwer erkrankt, läßt er seinen noch immer recht ansehnlichen Pariser Hausstand zugunsten mildtätiger Zwecke verkaufen und stirbt, wohl an Hirnblutung, als 39jähriger, der ähnlich gut über das Nichtwissen des Universums Bescheid weiß wie später Rudolf Steiner oder Arthur Koestler, im Pariser Haus seines Schwagers Périer. In den erwähnten Pensées ist zu lesen, der Mensch sei nur ein Schilfrohr, „das schwächste der Natur“, aber immerhin ein denkendes Schilfrohr. „Das ganze Weltall braucht sich nicht zu waffnen, um ihn zu zermalmen, ein Dampf, ein Wassertropfen genügen, um ihn zu töten. Doch wenn das Weltall ihn zermalmte, so wäre der Mensch nur noch viel edler als das, was ihn tötet, denn er weiß ja, daß er stirbt und welche Überlegenheit ihm gegenüber das Weltall hat. Das Weltall weiß davon nichts. / Unsere ganze Würde besteht also im Denken. Daran müssen wir uns wieder aufrichten und nicht an Raum und Zeit, die wir nicht ausfüllen können. Bemühen wir uns also, gut zu denken: das ist die Grundlage der Moral.“
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